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Die SüDoStSchweiz | FReitAG, 20. JAnUAR 2012

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«Jacob ist eine universelle Figur» Der Schweizer Buchpreisträger Catalin Dorian Florescu kommt am Donnerstag nach Glarus. Er liest im «Wortreich» aus «Jacob beschliesst zu lieben». Im Gespräch erzählt er, was ihm das Buch, der Preis und Lesungen persönlich bedeuten.

Der mit 40 000 Franken dotierte Preis sei nicht aus heiterem Himmel gefallen, sagt der Geehrte. Dass zum dritten Mal nacheinander ein Autor mit interkulturellem Hintergrund den Preis des Schweizer Buchhandels erhalte, hat er aber nicht erwartet. Doch sei seine literarische Qualität bewertet worden: «Das zusätzliche Quantum an Qualität und Beseeltheit hat die Jury offenbar überzeugt», so Florescu, der nicht als Exot wahrgenommen werden will.

Von Claudia Kock Marti «In jedem Sturm steckt ein Teufel. In einem sommerlich flüchtigen wie auch in einem, der sich tagelang schwer aufs Land legt. Er versteckt sich vor Gott. Je ängstlicher er wird, desto kräftiger wirbelt er die Luft und die Erde auf. Doch auch das nützt ihm wenig. Wenn dann der Sturm draussen auf den Feldern jault, wissen die Menschen, dass Gott den Teufel gefunden hat.» Zürich/Glarus. – Mit starken Sätzen beginnt der ausgezeichnete Roman des Schweizer Buchpreisträgers mit dem klingenden Namen Catalin Dorian Florescu. Auf über 400 Seiten soll es ebenso sprachgewaltig weitergehen (siehe auch beide Boxen). Im Bahnhofbuffet in Zürich bietet sich Gelegenheit, den Autoren zu treffen. «Ich freue mich auf die Lesung in Glarus», sagt Florescu mit einem verschmitzten Lächeln. Er habe sofort zugesagt, als ihn Buchhändlerin Christa Pelliciotta an einem Konzert in Zürich angesprochen habe. Er mache keinen Unterschied zwischen grossen Literaturfestivals und Lesungen in der Provinz. Es könne gut sein, dass eine Lesung in Glarus einem ein zahlreicheres Publikum beschere als eine in Berlin. Es ist vielleicht ein weniger gesättigtes Publikum, das vielleicht mehr schätzen kann», so Florescu.

«Mit der Schweiz bin ich versöhnt» Der Preis habe ihn mit der Schweiz versöhnt. «Ich sah mich vorher mehr in einem europäischen Kontext. Mich verband wenig mit der Schweizer Literaturlandschaft.» Nun erlebe er viel Wertschätzung; der Verkauf des Romans habe sich in einem Monat auf 43 000 Exemplare verdoppelt. Er sei heute gern Schweizer Autor.

Bevorzugtes Ambiente: Catalin Dorian Florescu schreibt seine Romane mit Vorliebe in Cafés.

Unter einem Liter Wein vor einer Lesung gehe aber nichts, scherzt er sodann. Und fügt lächelnd an: «Im Gegenteil. Ich trinke kaum Alkohol, aber ich bin ein Lesungsgeniesser.» Das bedeute aber nicht, dass er ohne Lampenfieber in eine Lesung gehe. Hingegen empfinde er den Austausch mit dem Publikum als sehr angenehm.

«Lesungen haben Catalin Dorian Florescu etwas Lustvolles Zürich. – Der 1967 in Rumänien geborene Catalin Dorian Florescu an sich»

lebt heute als freier Autor mit Schweizer Bürgerrecht in Zürich. Als 15-Jähriger flüchtet er 1982 mit den Eltern in den Westen. Nach dem Psychologiestudium arbeitet er zunächst als Psychotherapeut in einem Rehabilitationszentrum für Drogenabhängige. Seit Dezember 2001 ist Florescu als Schriftsteller tätig. 2001 erscheint der Roman «Wunderzeit». Florescu schrieb darüber hinaus Erzählungen, Essays sowie Kolumnen im «TagesAnzeiger». An Romanen folgten «Der kurze Weg nach Hause», 2002, «Der Blinde Masseur», 2006, «Zaira» 2008, sowie «Jacob beschliesst zu lieben», 2011. Für sein Gesamtwerk erhält er 2012 auch den Josef von EichendorffLiteraturpreis. (ckm)

«Lesungen haben etwas Lustvolles an sich, wenn man sich auf die Begegnung mit dem Publikum einlässt.» Die Zuhörer gestalteten den Abend mit. Und: Lesungen nährten ihn. Es gebe andere Anteile in der Literatur, die einsam machten, so der ewige Kampf um mehr Aufmerksamkeit, um Publikum, um Leser. Auch der Akt des Schreibens sei potenziell vereinsamend. «Die Toten waren wie immer brav und gastfreundlich. Ich sass seit einer Stunde unter ihnen. Es war nicht das erste Mal, dass sie mir Schutz gewährten. Jedes Mal, wenn Vaters Wut überbordet war, war ich bei ihnen willkommen gewesen. Aber ich hatte sie niemals dringender gebraucht als an jenem 14. Januar 1945.»

Mit dem Zitat beginnt das dritte Kapitel. Jacob versteckt sich vor der Roten Armee auf dem Friedhof. «Es gab viele Menschen, die sich damals verstecken mussten. Das waren dramatische Momente», antwortet Florescu auf die Frage, woher er seine Einfälle nehme. Die historischen Ereignisse könne man nicht beliebig erfinden, so sehr ein Buch auch von der Phantasie lebe. Jacob, der Banatschwabe, trage das Leid von uns allen in sich, auch wenn wir ein viel weniger dramatisches Leben als er lebten. Er sei kein Einzelschicksal irgendwo am Ende der Welt in Rumänien, sondern vielmehr eine universelle Figur. «Er ist der ausgesetzte Mensch des letzten Jahrhunderts. Und wir alle müssen, wie er, bis zum Schluss versuchen, menschlich zu bleiben und in Würde zu leben.»

«Sehe mein Buch als europäischen Roman an» Florescu sieht sein Buch am liebsten als europäischen Roman an, der von der Zeit der grossen europäischen Reiche bis zu den Diktaturen des Kommunismus reiche. Bis in alle Einzelheiten habe er die Geschichte der Donauschwaben im Banat recherchiert.

Bild Claudia Kock Marti

Auf die Frage, wie seine Integration in der Schweiz verlief, sagt er: «Mich charakterisiert ein grosser Optimismus bei allem Pessimismus, den ich auch habe.Aber auch Urvertrauen bei allem Misstrauen sowie Sprachfreude und Gewandtheit bei aller Sprachlosigkeit.» Auch zeichne ihn der Wunsch aus, in Begegnung zu treten und dazuzugehören, bei aller Fähigkeit, für sich zu sein. «Das kam mir als 15-Jähriger zu Hilfe, als ich mit meinen Eltern in die Schweiz kam», so Florescu.

«Ich verlor mich nicht» Als Erstes habe er in der Schweiz Hochdeutsch gelernt und ein Jahrzehnt konsequent so gesprochen. «Ich verlor mich weder in der Assimilation, noch musste ich mich allzu sehr abgrenzen, um ich selbst zu sein.» Vielleicht sei es auch eine Eigenschaft der Rumänen, flexibel zu sein, sich schnell zu integrieren. Denn dies mussten sie als kleine Kultur in der Geschichte immer wieder tun – im Osmanischen Reich, unter den Habsburgern oder mit den Russen. Auf seinem Weg zum Schriftsteller habe er vor allem seine eigeneÄsthetik des Schreibens entwickelt. Diese sei von Büchern und Filmen gleichermassen geprägt wie von seiner Herkunft.

«Das Dorf hatte sich geleert, die Hälfte der Häuser war unbewohnt, nur in den wenigsten waren schon Rumänen eingezogen. Eine tiefe, alles verschlingende Stille kehrte ins Dorf ein und zehrte an uns wie sonst nur die Hitze oder der überharte Winter. Schlimmer konnte es nicht werden, dachten wir. Es wurde schlimmer.» Donnerstag, 26. Januar, 19.30 Uhr, Lesung, Buchhandlung «Wortreich» Glarus.

Zum Roman «Jacob beschliesst zu lieben» In dem Roman erzählt Catalin Dorian Florescu sprachgewaltig wie zärtlich nicht nur die abenteuerliche Lebensgeschichte des Jacob Obertin aus dem schwäbischen Dorf Triebswetter im rumänischen Banat. Er bildet zugleich europäische Geschichte zwischen dem Ende der 1920er- und Anfang der 1950er-Jahre ab. Die Geschichte der Obertins beginnt bereits mit dem 30-jährigen Krieg in Lothringen. Jacobs Vorfahren wanderten ins rumänische Banat aus, um ihr Glück zu finden und eigenes Land zu besitzen. Der auf dem Misthaufen geborene Jacob wird mit dem Kampf um Macht und Besitz konfrontiert und vom eigenen Vater verraten. Er verliert seine erste Liebe. Doch immer wieder gibt es Menschen, die ihm helfen, die Wechselfälle der Geschichte – Diktaturen und Deportationen – mit ihren grotesken und katastrophalen Folgen zu überleben und einen neuen Aufbruch zu wagen. (ckm)

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