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Aktuell

Bayreuther Sonntagszeitung

05. Mai 2013

Jean Paul kulinarisch entdeckt

Beate Roth aus Wunsiedel hat die Lieblingsrezepte des Dichters neu entdeckt, zeitgemäß umgesetzt und köstlich angerichtet kurzen Vortrag über den Jean PaulBezug zu den einzelnen Speisen werden diese in kleinen Portionen serviert und Erläuterungen zur Zubereitung und dem literarisch-kulturellen Hintergrund gegeben. Die kleinen Portionen machen das Ganze zu einem leicht verdaulichem Literatur- und Kulinarik-Erlebnis. Ich biete Kochkurse bei der VHS Hof und im Jean Paul-Gymnasium Hof an. Einmal im Monat kredenze ich ein Jean Paul-Essen in der ewigen Baustelle in Wunsiedel, zusätzlich in Bad Berneck am 28. Juni, zum Museumsfest in Meiningen und Wunsiedel sowie bei der Firma Interface in Nürnberg. Der Abend ist auf Anfrage von Privatpersonen als auch von Gastronomen buchbar, auf Wunsch nur Moderation und Rezepte. Mindestteilnehmer 15 Personen.

BAYREUTH. Der Dichter und Schriftsteller Johann Paul Friedrich Richter (1763 bis 1825), genannt Jean Paul, war seiner oberfränkischen Heimat ein Leben lang verbunden. Der neu konzipierte und vergangenes Jahr fertig gestellte Jean PaulWeg ist ein reizvoller biografischer Wanderweg entlang seiner Wohnstätten und Aufenthaltsorte in Oberfranken. Auch in Bayreuth wird heuer sein 250. Geburtstag gefeiert. Jean Paul selbst war bekanntlich ein Genießer. An Getränken liebte er vor allem gutes Bier, bevorzugt ein Dunkles. Zu seinen Leibspeisen gehörten „Schnepfendreck“ und „Hoppelpoppel“. Beate Roth aus Wunsiedel hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen als Jean Paul-Köchin gemacht. Sie holt Rezepte aus früheren Zeiten in die Gegenwart zurück und präsentiert diese, als ein Stück damaliger Lebensart, köstlich in zeitgemäßer Form. Sie sind ausgebildete Köchin, Designerin und Mezzosopranistin. Welchen Beruf bevorzugen Sie? Beate Roth: Ich singe leidenschaftlich gerne und lebe meine Kreativität aus, ganz besonders beim Umsetzen alter und neuer Kochrezepte. Bei der Präsentation der Spezialitäten selbst kommt mir mein Kunst- und Designstudium zugute. Warum haben Sie sich besonders Jean Paul kulinarisch genähert? Beate Roth: Mit Jean Paul kam ich intensiver in Berührung über zwei ausländische Journalistinnen, welche seine Geburtsstadt Wunsiedel im Rahmen ihrer Studien ausführlich behandelten. Ich habe mich sofort in seine Werke verliebt und da ich auch leidenschaftliche Köchin bin, stolperte ich schnell über die in seinen Texten genannten Speisen. Recherchen darüber in alten Kochbüchern ließen mich fündig werden. Nachdem die alten Rezepte nicht mehr ganz unserem Zeitgeschmack entsprachen, begann ich einige zu überarbeiten. Das Zubereiten von Speisen, mit besonderem Augenmerk auf das Anrichten, war zu Lebzeiten von Jean Paul sozusagen im Trend. Kochen und Essen war nicht nur lebenserhaltend sondern damals gerne Gesprächsthema in allen Gesellschaftsschichten. Die für die heutigen Geschmäcker überarbeiteten Rezepte mussten essbar und „hipp“ sein, dazu schien mir „Fingerfood“ besonders geeignet. Die Auseinandersetzung mit Jean Pauls Werken verträgt man ja auch besser in kleinen Häppchen. Vor allem im Jubiläumsjahr 2013 sollte Jean Paul den Stellenwert wieder erhalten, den er zu seinen Lebzeiten hatte und der zeitweise höher war als der eines Goethe. Jean Paul war selbst am Hof der Königin Luise von Preußen hoch angesehen. Mein Anliegen ist es, speziell das von Jean Paul in seinen Werken beschriebene Essbare wieder ins Bewusstsein vor allem der oberfränkischen Bevölkerung zurückzuholen. Was ist eigentlich „Hoppelpoppel“ oder „Schnepfendreck“ und wie schmeckt es? Beate Roth: „Hoppelpoppel“ war zu damaligen Zeit das Aufputschgetränk bzw. das Aufputschdessert bei Hofe. Da die Damen oft alleine waren und nicht die Spur prüde, mussten sie irgendwie mit einem besonderem Getränk in Stimmung kommen oder bleiben, ähnlich wie mit dem Modegetränk „Kir Royal“

Köchin aus Leidenschaft: Beate Roth

Stimmungsmacher: Hoppelpoppel

Ein Genuss: Erdäpfel

Schaut man die Fotos von den einzelnen Gerichten an, so könnten die angerichteten Teller jederzeit von einem Gourmetkoch kreiert worden sein! Wurden die Speisen früher auch so angerichtet? Beate Roth: Zur Zeit Jean Pauls, der sogenannten Aufklärung, legte man in allen Gesellschaftsschichten großen Wert auf den Geschmack und die Präsentation des Essens. Man wollte sich von der jeweils niedrigeren Schicht abheben. Ausgefallenes Porzellan und Besteck war dazu ebenso zwingend nötig wie eine „abgefahrene“ Präsentation. Auch die verwendeten Zutaten lassen heutige Drei SterneKöche erblassen. Trüffel, Hummer, Morcheln, Austern, Safran usw., mit verschiedenen Gar-Methoden zubereitet. Es gab nichts, was nicht verwendet wurde und was vor allem auch bewusst und gekonnt eingesetzt wurde. Deshalb denke ich, die Speisen können auch heute einem höheren Anspruch genügen, außer Jean Paul beschreibt ein Essen aus seiner Kindheit, wie „Hollerküchle“ oder „Gebackene Klöße“. Ich habe meine Präsentationen nach heute gültigen Wertmaßstäben eher minimalistisch umgearbeitet. Die alten Rezepte blieben jedoch immer Grundlage. Hin und wieder verzichte ich auf die Menge Eier, damals 16 bis 20 pro Kuchen, und die Butter, damals 500g pro Kuchen, um unseren Cholesterinspiegel nicht übergebührlich anzuheben. gmu Die Rezepte von Beate Roth gibt es im Internet: www.beate-roth.de

Für das Wohlbefinden: Bergsuppe heute. Ein Getränk bzw. Dessert mit Eigelb, reichlich Rum und Zucker, versprach da die beste Wirkung. Jean Paul hat das sicher auch mehrfach gekostet und beschreibt dies in seinem Roman „Flegeljahre“. Jean Paul meinte sicher nicht das Berliner Gericht „Hoppelpoppel“, das unseren eingeschnittenen Klößen entspricht, da er in seinen Texten von Schlagen, Trinken und Süße sprach. Das von Jean Paul vielmehr beschriebene Getränk bzw. Dessert „Hoppelpoppel“ schmeckt wie eine Mischung aus einem kräftigen Eierpunsch und einer „Bayerischen Creme“ mit viel Rum. Damals wurden schon Orangen, der Handel mit Süditalien war gut organisiert, dazu empfohlen. „Schnepfendreck“ ist im Original ein Gericht aus dem Gedärm, inklusive dessen Inhalt, der Schnepfe. Das war damals nichts Außergewöhnliches, da man das Spiel mit dem Ekel genoss. Schnepfen gelten übrigens noch heute unter Insidern als skurrile,

schwer beschaffbare Delikatesse. Im Roman „Dr. Katzenbergers Badereise“ lässt Jean Paul seinen Helden Dr. Katzenberger die Delikatesse in reinen „Netto-Dreck“ abwandeln. Ekel garantiert, da er die Schnepfe nicht für etwas geschlachtet hat, was sie wenige Minuten später freiwillig hergibt. Er streicht den Leuten aber nicht den „Brutto-Dreck“, den Darm mit Kacke aufs Brot, sondern den „NettoDreck“, um zu beobachten. Ich verwende zwar die gleichen Kräuter, mit denen die Schnepfen im Roman gefüttert wurden und auch Apfel als Zutat, die „Kacke“ ersetze ich allerdings durch gewürfelte Auberginen. Wo bieten Sie ihre Jean PaulGerichte an? Beate Roth: Über Themenabende zu Jean Paul und seinem Essen mache ich einen Teilaspekt seines Lebenswerkes in verdaubaren literarischen und kulinarischen Häppchen erlebbar. Nach jeweils einem

Pfingstmarkt in Bayreuth Sa., 11.05. – Di., 14.05.2013 wie gewohnt auf dem Markt!

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Bayreuther Sonntagszeitung vom 05.05.2013  

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