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#SMART #SEXY #SCHWUL

GEILE

KOMBI Februar 2016 >

€ 7,95

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Vom Pummelchen zum Sexsymbol

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BIG BEN

CHF 14,30 – AUT € 8,95 – I € 8,95 USA $ 12,95 – B € 8,95 – L € 8,95 NOK 87 – E € 8,95 – P € 9,95 – NL € 8,95

Alt. Jung. Läuft!

DIE GRÜNEN & IHRE PÄDO-VERGANGENHEIT / DIE 30. TEDDY-AWARDS / EXKLUSIV: NEUER COMIC VON RALF KÖNIG


MÄNNER EDITORIAL 4 022068 002983 >

HALLO MÄNNER!

FOTO SVEN SERKIS

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ie leben wir miteinander? Diese Frage beschäftigt uns in der vorliegenden Ausgabe in verschiedenen Facetten. Wie kommen alte und junge Mitglieder der schwulen Gemeinde miteinander aus? Wo gibt es Berührungspunkte, was können junge von älteren Homos lernen – und wo erfüllen die Alten bloß die Funktion eines Sugar Daddys? Wie gehen Schwule mit Gleichgesinnten um, die eine körperliche Behinderung haben? Wie fühlt sich ein Rollstuhlfahrer in einer Szene, in der ihm permanent das Bild des starken, muskelgestählten, perfekten Körpers als erstrebenswert und ideal vorgehalten wird – wie geht er mit Ablehnung um? Und, leider ganz aktuell: Wie starten wir in ein Jahr, das mit homophoben Übergriffen wie in Freiburg und Düsseldorf beginnt, von den massenhaften sexistischen Attacken auf Frauen am Kölner Hauptbahnhof mal ganz abgesehen? Verhalten wir uns in der Öffentlichkeit wie vorher oder lassen wir uns einschüchtern? Die Frage nach dem gegenseitigen Respekt, dem Akzeptieren der Grenzen anderer ist eine, die sich viele Grüne in ihrer Gründungsphase und zum Teil auch noch Jahre danach leider nicht gestellt haben. Sex mit Kindern wurde damals von einigen praktiziert, von vielen – zu vielen – toleriert. Warum steckte die Partei so tief im Pädo-Sumpf, und wieso hielten sich pädosexuelle Mitglieder und

Delegierte vor allem in Berlin so lange in der Partei? Wir berichten über den Stand der Aufarbeitung. Und schließlich freuen wir uns in diesem traditionell trophäenreichen Monat auf die Verleihung der Grammys und auf die Teddy-Awards, die MÄNNER im 30. Jahr ihres Bestehens nun erstmals als Medienpartner begleitet. Ich wünsche eine angenehme und aufschlussreiche Lektüre!

Kriss Rudolph, Chefredakteur


MÄNNER INHALT

JUNG. ALT. LÄUFT! Ralf König krönt unser generationsübergreifendes Titelthema mit einem Oldie-Strip

BIG BEN Der neue Botschafter des Spartacus International Gay Guide posiert in unserer sexy Fotostrecke. Wir erzählen seine Geschichte

90 CANDY DARLING Der Wiener Rosenball ist im Jubiläumsjahr noch fabelhafter und einzigartiger als sonst

POLITIK

LEBEN

KÖRPER

KULTUR

30 PÄDOPHILIE Die Grünen, ihre unrühmliche Vergangenheit und der Stand der Aufarbeitung

40 HÄNDCHEN HALTEN! Kein Versteckspiel, auch nicht nach homophoben Attacken

54 100 % GIBT‘S NICHT Ein Körper ist, was man daraus macht – egal welches Geschlecht

68 TEDDY WIRD 30 Was hat die Berlinale außer der MÄNNER-Jury noch zu bieten?

62 HAARSPRECHSTUNDE Körperfellpflege mit Haarpraktiker Michael Rogall

72 FILM & DVD Matrosensex in „Lichtes Meer“, Magnus Hirschfeld in „Transparent“ plus: aktuelle Kinostarts

42 36 KORAN RELOADED EINE FRAGE DER EHE Wie ein schwuler Imam den Islam Bei einer Volksabstimmung revolutionieren will entscheiden die Schweizer über die Zukunft der Homo-Ehe, ohne 44 es zu wissen. Wie geht das denn? GOLDENE MOMENTE Die schwulen Promi-Friseure von 38 Gran Canaria und ihr Traumberuf MÄNNER-RUNDE Wieder was gelernt! Das große 46 Fazit unserer Talkshow über DOPPELT ANDERS Menschliche Vielfalt Ist das Coming-out im Rollstuhl schwerer? Ein Erfahrungsbericht 39 EINER FÜR ALLE 48 Interview mit Jungaktivist Nasser, GAYS IN SPACE den Ihr zum MÄNNER-Mann Mehr Spaß im Weltraum der 2015 gewählt habt Bedeutungslosigkeit 50 REISE: DETROIT Arm aber sexy! Der neue Charme der Ruinenstadt

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64 VATTER UNSER Läuft doch! Jogging für Profis mit Fitness-Coach Jens Vatter 66 MÄNNER MIT STICH Wo Tattoos schwul machen und wie weh ein Bienenstachel im Schwanz tut 67 SAFER SEX Die Rückkehr der Syphilis in die schwule Szene und wie wir sie stoppen können

78 FREIER FALL, LIVE Der Filmhit im Theater. Interview mit Regisseur Karsten Dahlem 82 MUSIK Frische Alben von Bloc Party und Elton John und das Porträt zum neuen Gustav Peter Wöhler 88 BUCHKLUB Matthias Frings und Maren Kroymann empfehlen literarische Leckerbissen

FOTOS RALF KÖNIG, PATRICK METTRAUX, ©EMIR TUNCMAN / PRODUKTIONSBUERO.AT

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MÄNNER THEMA_ALT. JUNG. LÄUFT!

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u Anfang, erzählt Bernd, war ein schwules Altenwohnprojekt geplant. Doch am Ende wurde der Lebensort ein Mehrgenerationenhaus. Zum Glück. „Wir haben festgestellt, dass ältere Schwule dazu neigen, sich zurückzuziehen und im eigenen Saft zu schmoren. Das kann man nur durchbrechen, wenn es ein vielfältiges Interessenspektrum gibt. Mit jüngeren Mitbewohnern schafft man mehr Anknüpfungsmöglichkeiten. Die Alternative wäre eine Gruppe, die nur ein Thema hat: ihr Alter, ihre Gebrechen, den zu erwartenden Tod.“ Manchmal knirscht es leise zwischen den Jungen und Alten, wie sich am Gemeinschaftsgarten zeigte. „Einige Mieter wollten eine Hecke hochziehen, um sich dahinter kuschelig einzurichten.“ Aber das hätte dem Charakter des Hauses widersprochen. Es wurde lange gestritten, bis eine Mehrheit entschied, dass der Garten allen zugänglich sein soll. „Da machte sich das Alter einiger Bewohner bemerkbar: Sie wollten sich abschotten, hatten vielleicht ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis und fühlten sich durch Gäste im Haus in ihrer Ruhe gestört.“ In der Regel kommen alt und jung jedoch gut miteinander aus. Kontakte ergeben sich über gemeinsame Interessen. Das kann Musik sein, Literatur oder Modelleisenbahnen. „Da spielt das Altersgefälle gar keine Rolle, weil die gemeinsamen Interessen im Mittelpunkt stehen.“ Dass es in der schwulen Community keine Räume gibt, die Alte und Junge zusammenbringen, bedauert Bernd. Dafür geht er demnächst gemeinsam mit einem Nachbarn in eine beliebte Schwulensauna. Das mit dem Sex hört ja nicht auf, wenn man älter wird. „Die Frequenz nimmt ab, aber ich stelle fest: Die Qualität ist größer, wenn man es nicht so oft tut. Ich genieße es viel mehr als in meiner Jugend.“ Der gelernte Buchhändler wohnt wie Robert im Dachgeschoss, in einer der Maisonettewohnungen. Eigentlich sind die für jüngere Mieter vorgesehen, wegen der Treppen. „Ich hab mich da reingeschmuggelt“, sagt Bernd. „Anderen sagten: Was, wenn Du die Stufen nicht mehr hochkommst? Aber darüber denke ich nach, wenn es soweit ist.“

EIN LEBEN IM

FUNDUS Bernd Gaiser und Robert Franke sind Nachbarn im Berliner Mehrgenerationenhaus „Lebensort Vielfalt“. Bernd ist 70, Robert 35 – zwei Freunde, die sich ohne das Wohnprojekt vielleicht nicht gefunden hätten KRISS RUDOLPH REDAKTION

SCHWULE NEIGEN IM ALTER DAZU, SICH ABZUSCHOTTEN UND IM EIGENEN SAFT ZU SCHMOREN

BEISPIEL MÜNCHEN Die Alten-WG „rosaALTERnative“ wurde im April 2009 gegründet – in einer weitläufigen Wohnung, die zentral und szenenah liegt und von der Münchner AIDS-Hilfe verwaltet wird. Für sieben Bewohner gibt es Einzelzimmer mit eigenem Bad. www.rosa-alter.de

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V FOTOS JÖRN HARTMANN, JOHN E. BARRETT..© 2011 DISNEY / „THE MUPPETS“

orher wohnte Robert, der als Geschäftsführer einer kleinen Yogakette in Berlin arbeitet, in einer Kommune in Prenzlauer Berg, auf einer mehr oder weniger schwulen Etage. Dann hörte er, dass sich im Lebensort Vielfalt noch keine jungen Mitbewohner beworben hatten. „Jedenfalls nicht in meinem Alter – jung wird ja hier bis Mitte 40 definiert“, erklärt er lachend. Nach seiner Bewerbung wurde er von einem Gremium etwas ungläubig befragt. Warum er denn mit lauter alten Männern zusammenwohnen wolle? „In der Kommune waren alle in meinem Alter, vielleicht plus 10 Jahre“, erklärt Robert. „Ich wollte gerne eine stärkere Durchmischung haben.“ Da ist er in seinem neuen Zuhause gut aufgehoben: Der Jüngste ist 24, der Älteste 75, der Altersdurchschnitt liegt bei Mitte 50. Nur eines fehlt Robert hier. „In der Kommune lebten auch fünf Kinder. Das fand ich schon toll.“ Er schätzt es sehr, dass seine älteren Mitbewohner einen Fundus an Erfahrungen haben, von dem er profitieren kann. „Es gibt für jede erdenkliche Lebenssituation schon eine Erfahrung: Irgendjemand hat eine bestimmte oder ähnliche Situation immer schon vorher erlebt.“ Bevor er im Lebensort wohnte, war Robert noch nie auf einer Beerdigung gewesen. Hier musste er sich erstmals auch mit dem Tod auseinandersetzen, als 2014 ein Mitbewohner starb. Dass ältere Menschen nur über ihre Wehwehchen sprechen, erlebt er hier aber seltener als anderswo. „Je weniger man rausgeht oder weniger man erlebt, umso mehr ist der Besuch beim Doktor eben das einzige Erlebnis“, sagt Robert. „Bernd habe ich aber noch nie über seine Gesundheit klagen hören.“ Überhaupt, die beiden kommen gut miteinander aus. Von den gemeinsamen Konzertbesuchen abgesehen schätzt Robert seinen belesenen Mitbewohner für seine Lektüretipps. Gibt es also gar keine Probleme hier? Laute Musik, über die sich Nachbarn beschweren? Da kann Robert nur verschmitzt lachen. „Die beiden Männer, die unter mir wohnen, sind zwar noch nicht so alt – aber beide haben ein Hörgerät.“

BEISPIEL ZÜRICH Noch ist das Pflegeheim „queerAltern“ für LGBTI-Senioren Zukunftsmusik. Aber die Suche nach geeigneten Grundstücken läuft, eine Fundraising-Tour folgt, und 2020 soll Eröffnung gefeiert werden. www.queeraltern.ch

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MÄNNER LEBEN_AKTIONISMUS

MUTIG VORAN!

Am 14. Februar jährt sich der Spirk-Shirt-Day zum ersten Mal! Nie davon gehört? So geht es vermutlich auch den Zweien, die der Aktionstag zusammenbringen sollte: Mister Spock und Captain Kirk. Volle Kraft voraus in die Bedeutungslosigkeit! AXEL NEUSTÄDTER REDAKTION

K

ampagnen gehören zur schwulen Szene dazu wie Kämme in einen Friseursalon. Es gibt gute, und es gibt gut gemeinte, und es gibt die, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Zu letzteren darf sich wohl das Projekt „Gays in Space“ zählen. Es wurde Anfang 2015 aus der Taufe gehoben mit dem hehren Ziel, eine schwule Revolution im Weltall loszutreten. Im legendären Kosmos von „Star Trek“ sollte endlich das zusammengebracht werden, was zusammengehört: Mister Spock und Captain Kirk. Um das Traumpaar ranken sich in der Fan-Fiction schon seit den 70er Jahren homoerotische Abenteuer, sodass sie unter eingefleischten Trekkies zu „K/S“, beziehungsweise in bester Brangelina-Manier zu „Spirk“ verschmolzen sind. Mit genau diesem Stichwort sollte die Revolution beginnen. Für den 29. Januar 2015 wurde auf dem Blog „Gays in Space“ eine Twitter-Übernahme anberaumt, bei der Fans unter #Spirk ihrem Bedürfnis nach einer schwulen K/S-Lovestory im neuen Kinoabenteuer „Star Trek Beyond“ Luft machen und ihre Begründung an die Drehbuchautoren Simon Pegg und Doug Jin sowie Regisseur Justin Lin und die produzierenden Paramount Studios zwitschern sollten. So begann der Stichtag mit dem flammenden #Spirk-Appell „Boldly go and make this happen (...) Show us a better Future“ („Geht mutig voran und macht es möglich (...) Zeigt uns eine bessere Zukunft“). Das „boldly go“ war natürlich ein Star-Trek-Zi-

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GAYFLOPPT: KAMPAGNEN, DIE NACH HINTEN LOSGINGEN Im September 2013 verschickten das britische Wettbüro Paddy Power und die LGBT-Organisation Stonewall mit viel Getöse Schnürsenkel in Regenbogenfarben an Profifußballer. Die Kicker wurden via Twitter aufgefordert, die Bänder beim folgenden Spiel als Zeichen der Solidarität mit schwulen Kollegen zu tragen. Berichtet wurde viel. Aber bald nur noch negativ. HomoAktivisten kritisierten das sexistische „Right Behind Gay Footballers“-Motto, Vereine sagten ab, weil sie nicht Handlanger des Werbegags eines Wettbüros sein wollten. Am Spieltag selbst trugen nur wenige Spieler die Senkel – die in Stadion und TV aber eh keiner erkannte. Und weil plötzlich auch keiner mehr drüber redete, verpuffte die Aktion. Voll versenkelt!

VERDAMMT UND ZUGESCHNÜRT

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Ein Drohbrief der Nachbarn war für Julie Baker der Anlass, Spenden für die regenbogenfarbene „Aufschwulung“ ihres Hauses zu sammeln (siehe MÄNNER 8.2015). Der Brief: ein Fake! Die Spender: Verarscht!

VERDAMMT VERARSCHT


tat. Danach ging die Übernahme etwas behäbig weiter, bevor sie nach 24 Stunden und 57 weiteren #Spirk-Apellen mit den Worten endete: „Es ist Zeit! Lasst uns endlich an der Liebe zwischen dem Captain und seinem ersten Offizier teilhaben.“ Mission erfüllt! Und weil‘s so schön war, wurde ein weiterer Aktionstag nachgeschoben, für den man Enterprise-Regenbogen-Shirts entwarf, mit denen sich 30 K/S-Streiter (die übrigens allesamt

FOTOS INHAUSCREATIVE/ISTOCK.COM (1), PADDY POWER (1), FACEBOOK(1), FRITO LAY/DORITOS(1), ARCHIV(1)

LASST UNS AN DER LIEBE ZWISCHEN DEM CAPTAIN UND SEINEM ERSTEN OFFIZIER TEILHABEN! weiblich waren) fotografierten und die Bilder im „Gays in Space“-Blog hochluden. Am 14. Februar ist dieser Spirk-Shirt-Tag ein Jahr her. Ein Jahr, in dem nichts mehr passiert ist. Abgesehen davon, dass „Star Trek Beyond“ von Juni bis Oktober in Dubai, Kanada und den USA abgedreht wurde, ohne dass es irgendeine Reaktion auf das #Spirk-Gewitter gegeben hätte. Obwohl ... Infos über die Handlung und mögliche Neuerungen sind bis zum Kinostart im Juni streng geheim, aber wenigstens sickerte durch, dass die Kirk- und Spock-Darsteller Chris Pine und Zachary Quinto Verträge für einen weiteren „Star Trek“-Film unterschrieben haben. Etwa weil eine aufregende Liebesgeschichte weitererzählt werden muss? Die durch die Botschaften der Twitter-Übernahme in Gang gebracht wurde? Wer‘s glaubt! Alles vergeblich also? Aber nein. Um einen tieferen Sinn in der „Gays in Space“-Aktion zu erkennen, muss man sich nur von ihm verabschieden. Dabei hilft ein erneutes Studium der Aktionsbeschreibung im „Gays in Space“-Blog. Dort ist neben stimmigen Analysen über den fortschrittlichen Umgang mit Geschlechtern und Hautfarben in den frühen „Raumschiff Enterprise“-Folgen aus den 60er Jahren sowie dessen Verflachung in den späteren Kino-Blockbustern auch zu lesen: „Realistisch gesehen, wird diese Aktion keine Auswirkungen auf den neuen Star-Trek-Film haben, aber wenigstens können wir danach sagen, dass wir aufgestanden sind für die Gleichberechtigung, die Repräsentanz und die kühne Einstellung, für die Star Trek einmal gestanden hat.“ Faszinierend! Aktionismus im hohlen Raum vollständiger Bedeutungslosigkeit, aber mit dem Mehrwert, dass sich ein paar Menschen gegenseitig in der Sinnhaftigkeit ihrer Mission bestärken. Igendwie konsequent. Wir plädieren für ein Revival des Spirk-Shirt-Day! Volle Kraft voraus: www.gaysinspace2016.tumblr.com

» US-Snackhersteller Frito-Lay brachte im Herbst 2015 eine Limited Edition „Rainbow Doritos“ zugunsten der „It Gets Better“-Aktion für gemobbte Homo-Jugendliche heraus. Prompt forderte der republikanische Präsidentschaftskandidat Mike Huckabee das Unternehmen auf, die Aktion einzustellen. „It Gets Better“-Gründer Dan Savage habe „brutale Drohungen“ gegen gottesfürchtige Christen ausgesprochen (Savage hatte die Homoheilerrhetorik von Huckabees Parteikollegen Ben Carson mit „suck my dick“ beantwortet). Statt Farbe zu bekennen, vermeldete Frito-Lay feige, man habe nie mit Savage, sondern nur mit „It Gets Better“ gearbeitet. Im übrigen sei die Kooperation gelaufen und beendet. Da blieb ein ganz fader Nachgeschmack!

VERDAMMT GESCHMACKLOS

Die schwule Luxusinsel „Gay Island“ werde er vor Afrikas Küste eröffnen, prahlte Unternehmer Carlo Didillon 2009. Website und Entwürfe gab‘s auch. Das Geprahle ist verstummt, die Webseite offline. Das war‘s wohl!

VERDAMMT VERSANDET

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N E B BIG BEN BIG N

MÄNNER KÖRPER_FOTOSTRECKE

Als Teenager neigte er zu Übergewicht, jetzt ist er 26 und Covermodel des neuen Spartacus International Gay Guide. Dazwischen lag die Entdeckung der schwulen Community. Eine Erfolgsgeschichte PATRICK METTRAUX FOTOS

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üße 16 Jahre alt war Ben, als er beschloss, sein Leben vom Kopf auf die Füße zu stellen. Ob das mit dem Coming-out seines Vaters zu tun hatte? „Nach 15 Jahren Ehe mit meiner Mutter ließ mein Dad damals durchblicken, dass er auch Männer interessant findet“, erinnert sich Ben an diese Phase vor gut zehn Jahren. Anders als in anderen Familien zog die Offenbarung kein Drama nach sich. Die Mutter blieb entspannt, und Ben selbst war viel zu beschäftigt damit, sein eigenes Leben umzubauen. Jahrelang war Sport für den tendenziell übergewichtigen Teenager das Horrorfach gewesen, jetzt meldete er sich im Fitnessstudio an, um gegenzusteuern. Auch seinen jahrelangen Berufswunsch Rechtsanwalt warf er über Bord und informierte sich stattdessen über Studienfächer im Marketing- und Wirtschaftsbereich. Und dann kam dieser Nachmittag, an dem ihm in einem Kiosk seiner Heimatstadt Villingen-Schwenningen ein Katalog mit der Aufschrift Spartacus Internatonal Gay Guide in die Hände fiel. Er kaufte den dicken Wälzer. Nicht für den Vater, sondern für sich selbst. Denn dass Ben selbst auf Männer stand, war ihm schon vor dem väterlichen Geständnis klar gewesen. Wenn dieser Tage die aktualisierte Ausgabe des Spartacus mit Ben auf dem Cover erscheint, könnte man das als die Erfüllung eines langgehegten Traums verkaufen. Doch für den heute 26-Jährigen ist es eher eine amüsante Anekdote. „Ich sehe mich gar nicht als Model“, lacht Ben. „Ich mache das nur nebenbei. Aber Spartacus passt zu mir. Bei Freunden fühle ich mich manchmal selbst wie ein International Gay Guide.“ Zum Verständnis: Zwischen jenen Tagen in Villingen-Schwenningen liegen ein Coming-out, ein BWL-Studium, sechs Umzüge, unzählige Reisen und noch mehr Bekanntschaften in der Szene. Die Community hat Ben zum Kosmopolit gemacht. „Es heißt ja oft, die Gay-Szene sei oberflächlich“, sagt er. „Finde ich nicht. Mir kommt das vor wie eine große Familie. Wenn man nicht jede Partybekanntschaft als dicke Freundschaft sieht, ist alles gut.“ Trotzdem kommt manchmal sogar mehr als Freundschaft dabei raus. Im letzten August verliebte sich Ben beim XLsior-Festival auf Mykonos in seinen heutigen Freund. „Der ist Ire, lebt in Liverpool. Megatyp!“ Zum Glück ist es von Liverpool bis in Bens Wahlheimat Berlin nicht weit. Auch ein Reisegrund. Und wenn es was zu feiern gibt, kommt Bens Vater mit seinem Mann dazu. Willkommen in der Familie! (cl)


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MÄNNER Februar 2016  

„Alt. Jung. Läuft!“ heißt es auf dem Cover der Februar-MÄNNER. Fragt sich nur: Wohin läuft es denn? Statt sich an dem Vorurteil abzuarbeiten...

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