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Jamie O’Neill Im Meer, zwei Jungen


Jamie O’Neill

Im Meer, zwei Jungen roman Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser

Luchterhand

BRUNO GMÜNDER


Die Originalausgabe erschien 2001 unter dem Titel At Swim, Two Boys bei Scribner, London.

Der Verlag dankt dem Ireland Literature Exchange, Dublin, Irland für die finanzielle Unterstützung. www.irelandliteraure.com info@ irelandliteraure.com

1. Auflage © 2014 Bruno Gmünder Verlag GmbH Kleiststraße 23-26, D-10787 Berlin info@brunogmuender.com Originaltitel: At Swim, Two Boys © 2001 by Jamie O’Neill Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser Umschlaggestaltung: Steffen Kawelke unter Verwendung einer Fotografie von Fred Goudon fredgoudon.com Printed in Germany ISBN 978-3-86787-681-0 Mehr über unsere Bücher und Autoren: www.brunogmuender.com


A Julien mon ami, mon amour


ERSTER TEIL

.1915.

Ich werde die St채dte unzertrennlich machen, der Arm der einen um den Hals der andern geschlungen; Kraft der Liebe von Kameraden. walt whitman


Da geht Mr. Mack, der Gockel der Stadt. Ein Fuß rauf, der andere runter. Immer höflich, immer munter. Tippt hier an seinen Hut, tappt dort nach einer Hand, tipptapp, ganz etepetete. Der zieht den Hut noch vor ’nem Laternenpfahl. Noch dazu ein christlicher Patron. Benennt die Wohltätigkeit, jeden x-beliebigen Basar, schon klebt in seinem Laden ein Plakat. »Ein Shilling von jeder hier ausgegebenen Guinea kommt den belgischen Flüchtlingen zugute.« »Trost für die Truppen in Frankreich.« »Für die Mission der Presentation Brothers am Limpopo.« Zeigt mir die gute Sache, er hat den passenden Spruch parat. Seht ihn euch an einem Sonntag an. Beim Frauengottesdienst an der Sixpennytür, bleibt zum Kreuzweg da für sein Klingelgeld. Oh, immer im Aufwind, das ist Mr. Mack, ein christlicher illustriger viktualischer Mann. Wie bitte? Einen bescheidenen Rachenputzer, wenn Euer Ehren schon fragen. Bin so frei. Sogar ein Sergeantleman, denn wißt ihr was, er war Soldat der Königin, Freunde. Royal Dublin Fusiliers, 2. Bataillon, die Old Toughs. Hat sich schon vor Urzeiten verpflichtet gehabt. Unten in Tipp. Tipperary, sagt er – das Yorkshire Irlands. Kein Patriot, beim besten Willen nicht. Some say the devil he lives in Slane More say he comes from Blarney But them that tells the truth agree He joined the British Army.

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Na, damals war ich ja selbst noch ’n junger Hüpfer und hatte Wandersohlen an den Füßen – für mich kam nichts andres in Frage als das Muschkotenleben. Hätt ich gewußt, was für ein Gesocks die favorisieren, wär ich lieber in der Falle geblieben. Nämlich in Null Komma nichts hatten sie den ollen Macks zum Sergeanten befördert. Furier Mack. Ein verantwortungsvoller Posten, so sprach er, zuständig für den Profiant des Regiments. So, jetzt wißt ihr’s. Der Entsatz von Ladysmith verdankt sich beizeiten gebackenem Brot. Da kommt ja der Jung mit den leiblichen Genüssen. Bitte tausendmal um Tschuldengang, solang ich das Aqua besorge. Mögen Ihr Portmariechen und Ihr Pinnemännchen nie versiegen, junger Herr. Wartet, ich erzähl schon noch. Einmal hab ich ihn um ’ne kleine Unterkunft ersucht, von wegen alte Kameraden und so. Das war nach unserer Muschkotenzeit, oben in seinem Hökerreich war das. Bis Ladenschluß mußt ich Brennholz hacken für den ollen Macks. Und das mir, mit meiner kaputten Lunge und meinem halben Gedärm, wo auf den afrikanischen Hügeln verblutet ist. Burenkrieg, nicht doch, sagt er. Nicht korrekt, einen Krieg nach der unterlegenen Partei zu benamsen. Nichts trifft’s, außer man nennt’s die Südafrikanische Kampagne. Nicht, daß mein Spezi Mr. Mack je in Spuckweite von Kampfhandlungen gekommen wär. Dazu ist er viel zu gewieft. Hat sich mit dem Stempel »ausgedient« auf seinem dicken Hintern an Bord der HMS Funk zur Heimreise eingeschifft. Ich kenn ihn noch von früher, oder mein Name ist nicht Doyle, darauf können Sie Gift schwören, meine geehrten Herren. Na, dann Prosit, auf Ihr Wohlsein. Wo das hingeht, soll man gleich was hinterherjagen. Hab ’n hübsches Liedchen für Sie: To be sure did you hear of the heresy beer that was made for to poison the Pope? 10


To hide the blame a sin is the name is Arthur Guinness for salvation no turncoat can hope. Ein Vogel ist noch nie auf einem Bein gehüpft. Ein Pint zur Verdauung, wenn Euer Ehren schon fragen. Bin so frei. Jetzt schaut euch den ollen Macks an, sperrt die Gucker weit auf. Hat er sich doch vor dem Milchmann seiner Eselin an den Hut getippt! Donner und Doria, der etestepeteteste Herr, der euch je keinen Heller geliehen hat. Wißt ihr, was ich euch erzählen werd, wißt ihr, was ich sage? Der hat die ganze Gemeinde im Griff. Sie nennen ihn den General. Er hat nichts dagegen, eine Verbeugung vor seiner heraldischen Vergangenheit. Und sein magnolischer Anblick hinter dem Tresen – eine links, eine rechts, den lieben langen Tag strickt er Strümpfe für die Truppen. Hat doch keiner das Herz, ihm zu klamüsern, daß General die Abkürzung für Generalfaktotum ist. Psst jetzt, er hat rechtsumkehrt gemacht. Was hat er vergessen? Nur keine Bange, ’ne Klamine wie die hier verschattet der nicht lange. Der hohe Herr ist schwerer Teetrinker. Na, na, was hat Seine Korpulenz bloß vor? Zurück zum Zeitungsstand. Will der alte Gauner etwa ein Morgenblatt riskieren? Soll den Sauhund doch der Teufel holen. Als nächstes will er noch sein Wechselgeld. Olle Botten, erhebt euch. Na, das ist doch nicht zu glauben. Das setzt dem Faß die Krone auf. Das schlägt der Sache den Boden aus. Ist der denn vollkommen übergeschnappt? Glaubt er etwa, er wär Protestant? Kauft er doch tatsächlich eine Irish Times!

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Erstes Kapitel

A n der Ecke der Adelaide Road, wo das Straßenpflaster in der Morgensonne funkelte, wartete Mr. Mack am Zeitungsstand. Es war ein herrlicher Tag, selten schön. Gebauschte Wölkchen segelten durch einen Himmel aus Blau. Schönwetter-Kumuli, um ihnen die korrekte Bezeichnung zukommen zu lassen: weil sie sich kumulieren, vermutete Mr. Mack. Hoch über den Häusern glitzerte eine Möwe, glitt dahin auf einer Brise, die vom Meer herüberwehte. Halt, meinte er nun »sich kumulieren« oder »sich akkumulieren«? Die Brise roch nach Salz und Gezeiten. Du blamierst dich nur, ermahnte er sich insgeheim, wenn du Wörter benutzt, deren Bedeutung du nicht kennst. Und wo ist bloß dieser Zeitungsverkäufer abgeblieben? Mit spitzen Fingern hielt er eine Irish Times in der Hand. Zwischen den Fingern der anderen rollte er, bereit zu zahlen, ein Threepencestück. Hin und wieder tastete er nach seinem Ellbogen – Paket noch da? Unter meinem Arm, beruhigte ihn der Klaps. Glasthule, beschauliche alte Gemeinde, am Saume der Bucht von Dublin. Man konnte die Bucht sehen, ein Stück von ihr, zwischen den Mauern einer Gasse, und dahinter lag Howth. Die Bucht war blau wie der Himmel, nur einen Stich dunkler, und sah, wenn man sie genau von vorn betrachtete, seltsam gewölbt aus. Als senkte sich das Meer zum Land herab. Wenn sich dieser Zeitungsverkäufer nicht bald zeigt, ist der Handel futsch. So eine Unverschämtheit, Kunden auf der Straße warten zu lassen. Ein fröhlicher Penner kam die Gasse entlanggeschusselt, und Mr. Mack beobachtete ihn mit nachsichtiger Geringschätzung. Jeder alte Knochen tut’s. Der schleckt noch aus der Dose was. 13


Eigentlich ein Hundeleben. Als er zur Straße kam, tippte Mr. Mack an seinen Hut, doch der fröhliche Penner schenkte ihm keine Beachtung. Er latschte vorbei, und Mr. Mack sah, wie er eine Lache hinterließ, etwas, das sich auf die Straße ergoß, sein vergeudeter Bürgersinn. Die Lippen zu einer Bemerkung gespitzt, zog er an einem Ende seines Schnauzbarts und zwirbelte daran. »Oh, hallo, Mrs. Conway, ein herrlicher Tag, das kann man wohl sagen, tipptopp, und Ihnen geht’s bestens?« Eine Dame erster Güte, linker Fuß, aber ohne die Allüren. Hat mich mit der Irish Times warten sehen, zweimal so teuer wie jedes andere Blatt. So was entgeht ihnen nicht, den Standespersonen. Ach du lieber Gott, ich hoffe, sie denkt nicht – er ließ seine Irish Times sinken –, sie wird mich doch nicht etwa mit dem Zeitungsverkäufer verwechseln, oder? Auf den Zeitungsstapeln flatterten die Seiten, die Stelltafeln mit den Schlagzeilen knarrten in der Brise. Für einen Zeitungsstand ziemlich weitab vom Schuß. Müßte eigentlich oben bei der Bahnstation sein. Aber dieser Filou hat ihn doch mir nichts, dir nichts, verrückt er ihn doch einfach Stück für Stück, bis er ihn – zack! – vor dem Fennelly’s stehen hat … Mr. Mack drehte sich auf dem Absatz um. Fennelly’s Wirtshaus. Die Ecktüren, wo der Bursche die Stufen aufwischte, standen weit offen. Spät am Morgen noch immer mit seinen Stufen zugange. Der Schummer drinnen sandte ein amüsiertes Gesumme aus, unflätiges Gemurmel von Männerrunden, die sich um die bernsteinfarbene Glut der Theke drängten. Mit den Augen machte Mr. Mack Aha! Er steckte den Kopf zur Tür hinein und wedelte im Finstern mit der Zeitung. »Tschuldigung, die Herren.« Er hatte noch nicht einmal den Hut wieder auf dem Kopf, als ein ausgelassenes Gebrüll, das an der Theke losbrach, ihn verscheuchte, ihn wieder hinaustrieb auf die Straße. Heiliger Strohsack. Dem jungen Flegel, der sich feixend auf seinen Mop stützte, nickte er knapp zu. Was sollte das nun wieder? 14


Bald darauf zeigte sich ein klappriges Gestell menschlicher Anatomie in der Tür, hustete und spuckte, was das Zeug hielt, und schirmte die Augen gegen die Sonne ab. »Sind Sie’s, Sergeant?« »Hallo, Mr. Doyle«, sagte Mr. Mack. »Furier Mack, wie geht’s, wie geht’s jeder Haaresbreite von Ihnen, welch eine Freude, Sie so munter zu sehen.« Ein Sprühregen ging vor ihm auf dem Gehsteig nieder. »Ich hab Sie doch wohl nicht warten lassen?« Dies eher zur Entkräftung denn als Frage gemeint. »Ich war nur drinnen und hab Bronze gegen Silber getauscht. Die Zeitung, ja?« Von wegen, dachte Mr. Mack, die Alkoholfahne war abscheulich. »Ganz schön voll im Fennelly’s«, bemerkte er, »für diese Tageszeit.« »Handelsvertreter«, erwiderte der Zeitungsverkäufer. »Gauner aus Dublin, immer hinterm schnellen Geld her. Und eine knausrigere, lieblosere, unchristlichere Truppe …« Hohoho, dachte Mr. Mack. Hat geschnorrt, ich kenne meine Pappenheimer. Die Jungs da drinnen waren zu gewieft für ihn. »Ob Sie’s glauben oder nicht, Sergeant, aber die würden einen Mann aufziehen wegen der Zeitung, die er liest.« »Was soll das heißen?« fragte Mr. Mack. Der Zeitungsverkäufer warf den Kopf zurück. »Gott sei ihr Richter, und ein gestrenger dazu, sag ich. Dabei ist Ihre werte Person als ehrliche Haut bekannt, nicht mal so etepetete wie Margarine.« Mr. Mack ging nicht weiter darauf ein, aber er war auf den Arm genommen worden. Der Zeitungsverkäufer machte viel Wesens darum, seine Zeitungen auf Kante zu rücken, und rüsterte und räusperte sich auf irritierend schwindsüchtige Art. Er machte viel Wesens darum, sich auf die Brust zu klopfen, um zu Atem zu kommen. Er spie aus und hustete dabei, ein trockener, verärgerter Husten – »Stickig heute«, sagte er –, und Mr. Mack betrachtete das speichelfeuchte Zeitungsblatt, das er jetzt in der Hand 15


hielt. Dieser Kerl, diese Geißel von einem alten Kameraden, tut aber auch alles, um mich aufzubringen. »Ich habe gerade eine Irish Times zur Hand genommen«, sagte er zögernd, »und da lese ich doch …« »Eine Irish Times, Sergeant? Man trage mich hinaus und bereite mir ein anständiges Begräbnis, tatsächlich, das haben Sie. Sie halten’s jetzt wohl mit der Hautevolaute?« Mr. Mack plusterte die Wangen auf, und aus seinem Mund fiel Gelächter wie ein Stück Obst. »Mit der Hautevolaute kenne ich mich nicht aus«, vertraute er ihm an. »Nur lese ich hier, daß die Zeitung zweimal so teuer ist wie jedes andere Blatt. Zweimal so teuer«, wiederholte er und schüttelte bedächtig den Kopf. Ein Glockenspiel aus Münzen klimperte in seiner Tasche. »Ich weiß nicht recht, ob die Ausgabe gerechtfertigt ist.« »Gehen Sie das Risiko ein, Sergeant, und zur Hölle mit den Neidern.« Der Zeitungsverkäufer beugte sich verschwörerisch vor. »Ein Herr im Aufwind wie Sie, lohnt sich das nicht allein schon wegen der Anscheinteile?« Mr. Mack musterte seinen Mann mit zusammengekniffenen Augen. Ein Seitenhieb oder ein Fopper, er konnte sich nicht sicher sein. Er warf seine Münze auf den Zeitungsstapel. »Einen Penny, glaube ich«, sagte er. »Ein Threepencestück«, entgegnete Mr. Doyle. »Guthaben für den General: zwei Pence.« Mr. Mack plauderte unverbindlich, während er auf sein Wechselgeld wartete. »Ein herrliches Wetterchen haben wir da heute.« »Nicht das schlechteste.« »Für die Jahreszeit herrlich, würde ich meinen.« »Gott sei’s gedankt.« »Oh, allein Gott zu verdanken.« Mr. Macks Gesicht verzog sich. Hätte erst meinen Dank anbringen müssen. Dieser Bursche, der sich keines halben Pennys rühmen kann, wischt mir aber auch jedesmal eins aus. Er sah ihm zu, wie er seine Manteltaschen durchwühlte. Und falls er im Fen16


nelly’s auf Wechselgeld aus war, so war’s ein teuflisch durchtriebenes Wechselgeld, denn man hört nicht eine Münze klirren. Ein Lächeln malte sich auf Mr. Macks Miene. Da bist du bei mir aber auf dem Holzweg, mein lustiger alter Geselle. Zwei Pence bleibst du mir schuldig. Endlich hatte der Zeitungsverkäufer das Wechselgeld gefunden. Zwei glanzlose Pennies, er hielt sie ihm entgegen, die alte Prägung, mit dem Dutt der alten Königin. Mr. Mack war schon drauf und dran, sie zusammenzuklauben, als der Zeitungsverkäufer hustete – »Tschuldengang« – hustete – »Tschuldengang, bittrer, Sergeant« – in seinen Ärmel hustete. Nicht so sehr hustete, als vielmehr die Röhren in seiner Kehle entleerte, um den Atemzug nachzuholen, der ihm entgangen war. Seine Virulenz spritzte zwischen ihnen durch die Luft, und Mr. Mack dachte, wie wahr, was sie sagen, mit jedem Atemzug, den du machst, setzt du dein Leben aufs Spiel. Er räusperte sich und fragte: »Ich hoffe, es geht Ihnen gut?« »Steh ich nicht auf meinen Füßen, Gott sei’s gepriesen?« Dann ließ er sich mit einem Plumps auf die Butterkiste fallen, die ihm als Sitz diente. Mr. Mack senkte den Kopf: knollig, rosig, schnauzbärtig. Er hatte also recht gehört, der alte Doyle, er war bei diesem Wetter nicht allzu protzig. Hätte nie gedacht, daß es schon so weit mit ihm gekommen ist. Die Kiste da kriegt gar nicht mit, daß er auf ihr draufsitzt. Er blickte auf das stumpfe Gesicht hinab, stumpf wie eine alte Kupfermünze, mit Augen drin, die ihn unsicher anschmulten. Der nächste Anfall kam, elend mit anzusehen, als hätte eine äußere Gewalt den Mann gepackt und durchgeschüttelt; und Mr. Mack legte ihm die Hand auf die Schulter. »Dir fehlt doch nichts, Mick?« »Geht gleich wieder, Arthur. Muß nur Atem schöpfen.« Mr. Mack drückte ihm die Schulter und spürte die Knochen darunter. »Soll ich dir bei Fennelly einen Schluck Wasser besorgen?« 17


»Fennelly würde ich wegen Wasser aber nicht belästigen wollen.« Diese unsicheren alten Augen. Früher einmal hatten diese Augen getanzt. Sixpence futsch, dachte Mr. Mack, dabei zog er ein Shillingstück aus seiner Tasche. »Würdest du dir einen Gefallen tun, Mick, und dir was Vernünftiges zu essen kaufen?« »Steck das weg«, rügte ihn Mr. Doyle. »Noch hab ich meinen Stolz. Mitleid kann ich nicht verknusen.« »Himmel noch eins, was soll an einem Shilling schon Mitleidiges sein?« »Ich hab für Königin und Vaterland gekämpft. Kein Mensch kann das bestreiten.« »Das will auch gar kein Mensch bestreiten.« »Fünfundzwanzig Jahre bei den Farben. Ich hab meine Pflicht und Schuldigkeit getan. Ich hab weiß Gott beim Kommiß gedient.« Immer die alte Leier, dachte Mr. Mack. »Ich hab meinen Mann gestanden. Den Buren hab ich die Stirn geboten.« Immer dieselbe alte Leier. »Zugegeben, du warst nicht dabei. Zugegeben, du bist mit dem Schiff nach Irland zurück. Aber das wirst du einem alten Soldaten zugestehen. Füsilier Doyle, der hat seine Pflicht und Schuldigkeit getan. Den Buren hat er die Stirn geboten, und ob er das hat.« »Natürlich hast du das. Du bist ein braver Old Tough, das weiß doch die ganze Gemeinde.« »Weiß Gott, und ich würd’s noch mal von vorne tun, wenn ich dürfte. Bei Gott, das schwöre ich. Dann würden wir Deutschland in die Knie zwingen.« Er trat mit dem Stiefel gegen die Stelltafel mit Schlagzeilen, die, unüblicher- und für seine Zwecke unglücklicherweise, nicht etwa vom Kriege handelten, sondern von Bierund Whiskeynachrichten, von einer drohenden und gefürchteten Anhebung der Verbrauchssteuer. »Den Kaiserbübchen würde ich bald Manieren beibringen.« 18


»Es gibt keinen Geeigneteren«, räumte Mr. Mack ein. Mr. Doyle warf den Kopf zurück, als fände er sein Argument, jetzt wo’s verfangen hatte, nicht mehr der Rede wert. Mr. Mack mußte ihm das Shillingstück in die Hand drücken. »Kauf dir meinetwegen ein Rasierwasser davon«, sagte er, vertraulich in ihn dringend. Über das Gesicht des Zeitungsverkäufers stahl sich der Anflug eines Lächelns. »Es gab Zeiten, Arthur, da warst du mein Herzensbruder«, sagte er, »alter Schwede.« Das Silberstück wurde eingesackt. »Möge sich Ihre Hand in Freundschaft strecken, Sergeant, und niemals Ihr Hals.« Jetzt, wo die Mildtätigkeit abgewickelt und der Preis einer Sauftour gewährleistet war, konnten sie vielleicht einen vernünftigen Schwatz riskieren. »Sag mal«, fragte Mr. Mack, »stimmt es, daß die Sache mit dem jungen Burschen genau an dieser Stelle passiert ist?« »Gleich abgeführt. Die Greifer haben ihn geschnappt.« »Ein Anwerbeplakat, habe ich gehört.« »Oben an den Fenstern vom Postamt. Hat’s abgerissen.« »Empörend«, sagte Mr. Mack. »Wußte er nicht, daß das ein schweres Vergehen ist?« »Jedenfalls weiß er’s jetzt«, sagte Mr. Doyle. »Dafür kriegt er zwei Monatchen. Zwangsarbeit.« »Und dabei sieht er noch aus wie ein Kind.« »So milde wie eins von der Haferbreigilde. Empörend.« Auch wenn Mr. Mack sich nicht dafür verbürgen konnte, bezog er sich auf das Vergehen und nicht etwa auf die Süßspeise. »Immerhin, du hast noch gut ein paar Wochen Arbeit.« »Einen Nachfolger werden sie bald finden.« »Nun hast du’s schon so lange ausgehalten, vielleicht sehen sie eine Möglichkeit, dir eine Dauerstellung zu geben.« »Nicht doch, Sergeant. Wo mir der Atem eben mal rein- und rausfährt.« Und schon quälte sich verbindlich ein kleiner, trockener Husten seine Gurgel herauf. »Es gibt nur einen Ort, wo man 19


mir ’ne Dauerstellung gibt. Und bis ich dahin komme, dauert’s auch nicht mehr lange.« Aber das Lied hatte Mr. Mack nun schon oft genug gehört. »Sicher, keiner von uns wird rosiger.« Das Paket unter seinem Arm verrutschte, und da es zufällig in Mr. Doyles Blickfeld geriet, schielten dessen Augen, dann weiteten sie sich, und verschlagen meinte er: »Strickwaren.« »Strümpfe«, führte Mr. Mack aus. »Ich bin auf dem Weg nach Ballygihen. Etwas für Madame MacMurrough und den Wohltätigkeitsfonds.« »Hab ich’s nicht gesagt, daß Sie sich an die Hautevolaute halten? Man gebe ihnen Socken, Sergeant, man gebe ihnen Socken.« Mr. Mack nahm die Empfehlung mit jener soldatischen Gutmütigkeit entgegen, mit der sie ausgesprochen wurde. Er tippte an seinen Hut, und der lahme Old Tough salutierte. »Dem General viel Glück.« »Dann machen Sie’s man gut, Mr. Doyle.« Das Paket sicher unter den Arm geklemmt, machte sich Mr. Mack auf den Weg die Ladenzeile entlang. An der Trambahnhaltestelle warf er einen Blick in Phillip’s Haushaltswarenhandlung. »Meine Lieferung schon eingetroffen?« »Wir rechnen damit«, war alles, was er zur Antwort erhielt. Jetzt der Wachtmeister. Sieht, daß ich die Irish Times in der Hand halte. Seriöses Kopfnicken. Ein kleiner Fenier in unserer Mitte, und ich habe nichts davon gewußt. Hat ein Anwerbeplakat abgerissen. Wohlgemerkt, Lausbubenstreiche, nichts Politisches. Man verabschiede ein Gesetz gegen Khaki, und schon stehen sie Schlange und melden sich freiwillig. Die Ladenzeile endete, und Glasthule Road nahm ein würdigeres, wohlhabenderes Aussehen an. Mit jedem Schritt spürte er die Einheitswerte in die Höhe klettern, sie nahmen proportional zum Steigungswinkel der Straße nach Ballygihen zu. Gepflegte Gärten und an jeder Gasse eine mildere Brise vom Meer herüber. 20


Auf einer Mauer saß eine fette Katze in der Sonne, die seine Schritte weise mit dem Kopf verfolgte. General nennt er mich. Eine scherzhafte Note. Natürlich nach den General Stores. Anscheinteile – das sollte ich der Zeitung einschicken. Die zahlen für eingängige Wendungen. Oder habe ich das früher schon mal gehört? Solltest dich vergewissern, bevor du’s zu Papier bringst. Sonst blamierst du dich nur wieder. Ein Duft wehte vorüber, vollkommen vertraut und doch unsäglich fern. Er lehnte sich über eine Gartenmauer, und da verströmte sie sich, farnblättrig und kleinblütig, in ihrem sonnig gelben Winkel. Hätte nie gedacht, daß die hier gedeiht. Mum-mim-mom, fängt an mit Mum. Darüber schwebt ein Schmetterling, ein blaßweißes Seelchen, der erste, den ich dieses Jahr sehe. Das Sargtuch von dem seinem Gesicht da unten. Es heißt, bei Sonnenschein sind sie noch schlimmer dran, unsere Schwindsüchtigen. Alter Schwede: Woher kommt dieser Ausdruck eigentlich? Habe nie daran gedacht, mich danach zu erkundigen. Mein Herzensbruder. Na ja, wir reden von vor zwanzig, dreißig Jahren. Mick und Mack, das Irenpack. Hatten eine schöne Zeit, das stimmt. Als Burschen beisammen, als Bläser beisammen und als Bapser beisammen. Harmonierten wie Glocken, brauchten nur noch zu hängen. Aber nur gleich und gleich macht gute Freunde. Das habe ich gelernt, als ich meinen ersten Ärmelstreifen bekam. Er blickte wieder die Straße hinunter zu dem hinschwindenden Mann mit seinem einsamen Zeitungsstand. Eine Tram aus Dublin fuhr vorbei. Im Geratter ihrer Räder und im Funkenregen ihrer Oberleitung verwischten sich für einen Augenblick die Jahre. Rot und Blau wirbelten im Staub, bis er wieder vor ihm stand, auf gleicher Höhe mit ihm, im Lichte heller und anderer Tage, der Hornist, sein Herzensbruder. Alter Schwede. Paket noch da? Unter meinem Arm. Die Zeitung entfaltete sich in Mr. Macks Händen, und er überflog die erste Seite. Hotels, Hotels, Hotels. Geburten, Hochzeiten, 21


Todesfälle. Immer wird der Blick auf »Anleihen per Post« gelenkt. Weiß auch nicht, warum. Was ist der Unterschied zwischen einer Aktie und einem Anteilschein? Muß Jim fragen, wenn er aus der Schule kommt. Er blätterte um. Da steht’s schon wieder. Royal Dublin Fusiliers Depot. Wohltätigkeitsfonds für die Truppen in Frankreich. Der Ausschuß bedankt sich. Da steht’s schon wieder. Madame MacMurrough, Ortsgruppe Ballygihen. Socken, Wolle, drei Dutzend Paar. Sauber, wie sie immer wieder ihren Namen unterbringt. Madame MacMurrough. Einmal im Monat liefere ich die Strümpfe bei ihr ab, einmal im Monat steht ihr Name in der Zeitung. Nicht schlecht, Herr Specht. Trotzdem, gut zu wissen, daß sie zugestellt werden, dorthin zugestellt werden, wo man sie braucht. Sein Blick wanderte zur Verlustliste, die den Rand der Zeitung füllte. Gefallene Offiziere, verwundete Offiziere,Verwundete und Vermißte, verwundet geglaubte Gefangene, Berichtigung: gefallene Offiziere. Immer nur Offiziere. Anderthalb Spalten Offiziere. Danach gerade mal eine Handvoll Mannschaftsgrade. Das kann ja wohl nicht stimmen. Wie wählen sie die aus? Muß man – müßte ich das etwa auch tun? – den Namen selber einreichen? Und verlangen sie Geld dafür? Immerhin, wäre doch schön, den eigenen Namen in der Irish Times gedruckt zu sehen. Vielleicht werde ich das tun müssen, falls Gordie – Gott behüte, was sagte er da? Gott behüte, Gordie wird schon nichts zustoßen. Unberufen, toi, toi, toi. Wo bin ich? Jetzt hatte er doch tatsächlich die Abzweigung verpaßt. Zu dumm. Kommt davon, wenn man sich den Kopf anderer Leute zerbricht. Und überhaupt war es extravagant, sich eine Irish Times zu leisten. Einen Penny für die Zeitung, einen Shilling für den Trunkenbold – sapperlot! Nicht mal meine zwei Pence Wechselgeld habe ich herausbekommen. Alles in allem hat mich der Gang einen Shilling drei Pence gekostet. Ich hätte auf die Evening Mail 22


warten und meine Neuigkeiten für einen halben Penny beziehen sollen. Jedoch sein Name war Mr. Mack, und wie jedermann wußte oder mittlerweise wissen sollte, befanden sich die Macks im Aufwind. Das Tor zu Madame MacMurroughs Haus stand offen, und er spähte die Auffahrt mit ihren wuchernden Bergahornen hinauf zur verhüllten Fassade von Ballygihen House. Eine vornehme Dame, soviel stand fest, obgleich ihre Bäume, das mußte man sagen, mal wieder beschnitten werden müßten. Er trat nicht durchs Tor ein, sondern wandte sich zur Ballygihen Avenue nebenan. Ihm war der Schweiß ausgebrochen, die Tropfen sickerten ihm am Hemdrücken herab und sammelten sich dort, wo seine Hosenträger sich kreuzten, zu einem feuchten Fleck. Er verlangsamte seine Schritte, um wieder zu Atem zu kommen. An der Mauerpforte blieb er stehen. Wischte sich mit seinem Taschentuch über Stirn und Hals, nahm den Hut ab und rieb dessen Innenseite. Fuhr vorsichtig über die Krempe, wo seine Finger gegen den Strich gebürstet haben mochten. Setzte ihn wieder auf. Eine Nummer zu klein. Kaum zu glauben, daß einem der Kopf anschwoll. Oder war der Hut etwa geschrumpft? Dunn’s Bowler, für drei Shilling neun Pence? Nein, niemals war sein Hut geschrumpft. Er streifte die Stiefel an den Hosenbeinen ab. Paket noch da? Dann schob er sich durch den Dienstboteneingang. Brombeerüberhangener Pfad durch dunkles Gehölz. Auf allen Seiten Vogelgesang. Ein Gewirr von Brennesseln, Kerbel, man sollte mit der Sense drübergehen. Hellgrüne gekräuselte Blätter erinnerten einen an, ähem, Unterröcke. Eine Amsel trippelte vom Weg herunter wie ein bei einem Streich ertappter Schulbub. Dann trat er ins Licht, und der Rasen vor Ballygihen House erstreckte sich gemächlich bis ans Meer. Das Meer, das Meer, ich liebe es so sehr. Welch ein Prachtbau das war, günstige Lage mit Ausblick, denn die Fenster gingen auf die ganze Breite der Dubliner Bucht. 23


Wenn das Haus ihm gehörte, würde er den ganzen Tag nichts anderes tun, als auf dem abgeböschten Rasen zu sitzen und den hin und her pflügenden Postschiffen zuzuschauen. Mr. Mack schüttelte den Kopf, aber nicht untröstlich; denn die Schönheit der Szene, kurz ausgeborgt und pflichtschuldigst zurückgegeben, konnte den Kummer eines Heiligen vertreiben. Er folgte dem Weg unter den Bäumen, achtete darauf, nicht das Gras zu betreten, bis er zum Schatten des Hauses gelangte, wo die Vorhofstufen zum Küchenbereich hinunterführten. Und wer stand da auf der Stufe? Niemand anders als Madame MacMurroughs dienstbarer Geist Nancy, die ihr Bein zeigte. Ein bißchen spät am Morgen, um noch immer zu schrubben. Aus Athlone, glaube ich, einer Gegend, über die ich nichts weiß, außer daß sie im Herzen Irlands gelegen ist. Er beugte sich über das Geländer. »Du hast eine Stelle ausgelassen, Nancy.« Das Mädchen blickte auf. »Ach, Sie sind’s, Mr. Mack. Und ich dachte schon, es wäre der Metzgerlehrling, der mir frech kommt.« Sie dachte, es wäre der Metzger… Mr. Mack räusperte sich. »Julianisches Wetter haben wir.« Sie strich sich die Haare aus den Augen. »Julianisch, Mr. Mack?« »Julianisch. Den Monat Juli betreffend. Kommt aus dem Lateinischen.« »Aber es ist doch gerade erst Mai.« »Das weiß ich, Nancy. Ich habe gemeint, daß das Wetter julimäßig ist. Warm.« Sie richtete sich auf, und die Röcke fielen ihr über die Schienbeine. Ihr Lächeln hatte etwas Freimaurerisches. »Haben Sie was von Gordie gehört, Mr. Mack?« Mr. Mack spähte über ihre Schulter, um nach einer echten Ansprechpartnerin zu suchen. »Gordie?« wiederholte er. »Du meinst Gordon, meinen Sohn Gordon?« »Keine Briefe, nichts in der Post?« 24


»Wie nett von dir, Nancy. Aber nein, er ist fort zur Gefechtsausbildung. Wir wissen nicht, wo, wir wissen nicht, wohin. Unterseeboote, verstehst du? In Kriegszeiten sind Truppenbewegungen stets Geheimsache.« »Ach, bestimmt ist er in England, irgendwo bei Aldershot zusammen mit den anderen Jungs.« Keine Köchin zu sehen, kein richtiges Dienstmädchen. Die ganze Residenz sieht aus wie … »Aldershot? Wie kommst du denn auf Aldershot?« »Kennen Sie die Stadt? Berühmte Militärgarnison in Hampshire.« »Du solltest von so etwas nicht reden. Habe ich dich nicht eben erst auf U-Boote hingewiesen?« »In Ballygihen, Mr. Mack?« »Verflucht, ganz einerlei, wo.« Er hatte das Gefühl, mit dem Fuß aufgestampft zu haben, also stocherte er mit der Schuhspitze im Kies herum und murmelte: »Verflixt. Verflixt, ganz einerlei, wo, wollte ich sagen.« Die Brise wehte ihr wieder die Haare in die Augen. Schlunzig, wie sie sich die Haare bindet. Hat ein Lächeln, herzig wie ein Kätzchen. »Gibt’s hier keine Verantwortliche, an die ich mich in geschäftlichen Dingen wenden kann?« »Tja, in dem großen Haus sind wir zwei Hübschen ganz allein. Wenn Sie möchten, können Sie zur Frontseite flitzen und an der Glocke ziehen. Dann lasse ich Sie aus lauter Spaß herein.« Dienstbarer Geist? Kokettes, leichtsinniges Luder! Bedauernswert der Mann, der … Er zwickte und zwackte an einem Ende seines Schnauzbarts. »Für deine Sperenzchen habe ich jetzt keine Zeit, Nancy. Zufällig bin ich in einer ernsten Angelegenheit hier, die nicht wenig mit den Kriegsanstrengungen selbst zu tun hat. Zweifellos hat deine Herrin Bescheid gegeben, daß ich erwartet werde.« Einen Augenblick lang schaute sie gedankenvoll drein. »Ich kann mich nicht entsinnen, daß Ihr Name gefallen wäre, aber es 25


war von einem Burschen die Rede, der Socken liefern würde. Ich soll sie in die Wirtschaftsküche bringen und ihm zum Dank ein Sixpence geben.« Nach all dem Geschnaufe, Geschnaube und Mit-dem-FingerDrohen mußte er ihr das Paket nun doch in die trägen Hände legen. Immerhin hütete sie sich, das Sixpencestück zu holen. Er hatte zum Abschied flüchtig an seinen Hut getippt und kletterte gerade wieder die Stufen hinauf, als sie hervorstieß: »Trotz alledem, Mr. Mack, ist es eine furchtbare Schande, daß Sie nicht wissen, wo Ihr ureigenster Sohn stationiert ist.« »Eine Schande, mit der wir uns alle abfinden müssen.« »Wo immer er ist, ich zweifle nicht daran, daß er eine gute Figur abgibt.« Dienstbarer Geist, dachte er, unpassender Name für so ein herrisches Ding. »Ich will dich nicht weiter von der Arbeit abhalten.« »Auf Wiedersehen, Mr. Mack. Aber vergessen Sie nicht: Alle Liebe dieser Erde ringsumher scheint herrlich oder tragisch …« Alle Liebe dieser Erde was? Dumme Gickergans. Hätte ihr sagen sollen, hätte sagen sollen, er kämpft für König und Vaterland und für die Rechte des katholischen Belgien. Eine gute Figur abgeben – das ist was für Gecken und Stutzer. Alle Liebe dieser Erde was? Er schlenderte die Straße zurück nach Glasthule, und mit dem fallenden Wert der Grundstücke sank ihm der Mut. Stimmte das mit dem Sixpence etwa? Man wußte nie so recht, woran man war mit den reichen Leuten. Vielleicht hätte ich die Strümpfe behalten und ein andermal abgeben sollen. Geht doch nichts über ein persönliches Treffen, um den Wert eines Menschen abzuschätzen. Oder hat sich die Dame vielleicht gedacht, ich sei zu beschäftigt und würde statt dessen einen Laufburschen schicken? Jim. Sie hat geglaubt, ich würde Jim schicken. Jim, meinen Sohn James. Das Sixpence war für ihn bestimmt. Das war nun wirklich großzügig von Madame MacMurrough. Ein Sixpence für diesen Kat26


zensprung? So ist die Oberschicht nun mal. Daran zeigt sich die Standesperson. Ein rascher Blick in den Gebrauchtwarenladen. Da gibt’s was Neues. Muß Jim davon erzählen. Eine Flöte in Ducie’s Schaufenster. Nach reiflicher Überlegung, laß sein. Genug Ärger mit Gordie und dem Pfandleihgeschäft. Brauereiangestellte im Fennelly’s. Machen gehörigen Lärm. Meistens mit Absicht. Posaunen ihre Gegenwart heraus. Schöner alter Clydesdale, der da aus seinem Futterbeutel frißt. Die pflegen ihn gut, das muß man ihnen lassen. Nun schaut euch das Mirakel an – der Zeitungsstand wie ausgestorben. An der Ecke trödelt eine Gruppe Müßiggänger. Ein Ladenschwengel überquerte die Straße, und sein Herz schlug schneller, denn es war der Bursche aus der Haushaltswarenhandlung, der Bescheid gab, die Trambahn sei vorbeigekommen und das Paket liege zum Abholen bereit. Er nahm die Lieferung entgegen, zeichnete das Eintragungsbuch, tätschelte dem Jungen statt eines Trinkgelds den Kopf und überquerte wieder die Straße. Er bog nach Hause in die Adelaide Road ein, benannt nach – ja, nach wem eigentlich? –, als Fennelly’s Ecktüren aufsprangen und sich unter viel Lärmen eine fröhliche Truppe auf die Straße ergoß. »Sister Susie’s sewing shirts for soldiers«, sangen sie. Nur daß sie in ihrer Darbietung Socken strickte. »Verdächtig schöner Tag«, sagte einer der Müßiggänger draußen. Ein anderer hatte die Stirn, Mr. Macks Namen zu rufen. Mr. Macks Zeigefinger hob sich vage hutwärts. Aus den Augenwinkeln sah er, wie andere ihm Grimassen schnitten. Stromer, Streuner, Strolche. Wo blieben die Behörden, daß sie sie nicht in Obhut nahmen? Fennelly hatte keine Konzession für Gesang. Und die Angelusglocke hatte auch noch nicht geläutet. Paket noch da? Unter meinem Arm. In den Gärten gackern die Hühner, drei Hunde streunen herum. Siehst du, was sie tun müssen, ist, die Hundesteuer erhöhen. Das würde der ganzen Streu27


nerei ein Ende setzen. Und wo sie schon dabei sind, können sie auch gleich die Verbrauchssteuer erhöhen. Heubüschel auf der Straße und Dung, Spatzen allerorten auf dem Sprung. Das Geschäft befand sich an der Ecke einer Gasse, die zu einer Zeile bescheidenerer Wohnhäuser führte. Er wappnete sich mit einem tiefen Atemzug. Als er die Tür aufstieß, ertönte die Ladenglocke. Verkehrt zu sagen, daß ein Schweigen über den Laden hereinbrach. Sie sprachen stets im Flüsterton, Tante Sawney und ihre Gäste. Da saß sie, hinter der Ladentheke, Mrs. Tansy saß auf dem Kundenstuhl, aus der Küche hatte sie einen anderen herbeigeschafft für Mrs. Rourke. Wenn jetzt ein Kunde käme, würde er kaum bis zur Kasse vordringen. Und düster war’s. Warum konnte sie nicht die Tür offenlassen? Bei Gasbeleuchtung wirkte der Raum untertags nur noch winziger. Und Tageslicht war kostenlos. »Gott segne alle miteinander.« Er berührte das Weihwasserbecken neben dem Türpfosten. Ziemlich ausgetrocknet. Muß mich drum kümmern. Er bekreuzigte sich. »Hallo, Tante Sawney. Allzeit bereit, die Zügel in die Hand zu nehmen. Mrs. Rourke, was macht das Bein heute? Freut mich, Sie hier zu sehen, Mrs. Tansy.« Auf der Ladentheke eine neue Dose Schnupftabak. Muß daran denken, sie im Eintragungsbuch zu vermerken. Unmöglich, sonst den Überblick zu behalten. Ist ja wie die Meerenge von Ballambangjan. »Ob ich wohl eben mal … Entschuldigung, daß ich … Ob Sie vielleicht …« Sich geschickt hindurchlavieren. Zuflucht in der Küche finden. Der Herd eiskalt, warum konnte sie nicht ein Auge darauf haben? Den Kopf sofort wieder zur Tür hineinstecken. »Der Herd ist ausgegangen, Tante Sawney, falls es deine Gäste nach einem Tee verlangt.« Zur Antwort drei Schnaufer: Jede der Frauen hatte eine Prise Schnupftabak genommen. Er setzte sich an den Küchentisch und legte das neue Paket vor 28


sich. Während er sich an den Nacken griff, um den hinteren Kragenknopf zu lockern, schätzten seine Augen den Inhalt ab. Er streckte die Arme. Wollen mal sehen, wollen mal sehen. Der Bursche von der Haushaltswarenhandlung hatte das Paket am Zwirn herabbaumeln lassen, und er hatte ziemliche Mühe, den Knoten aufzubekommen. Heb das zerrissene Papier für die Anschreiber auf. Und da waren sie endlich. Handzettel, insgesamt zwei Gros, feinstes amerikanisches Papier, dünn wie ein Windhauch, in fetter Kanonschrift verkündeten sie: Adelaide General Stores Qualitätsware zu ehrlichen Preisen Mr. A. Mack, Esqr. Freut sich, Ihnen jeden Wunsch zu erfüllen! Ein Appell an Sie! Ein Shilling von jeder hier ausgegebenen Guinea Kommt unseren Truppen in Frankreich zugute!

Am unteren Ende der Seite war nicht mehr genügend Platz, so daß die letzte Zeile, »Inhaberin: Sawney Burke«, klein gedruckt werden mußte. Aber es kam auf den Werbespruch an, und der war pfundig. Kommt unseren Truppen in Frankreich zugute. Ein Appell an die Ehre des Hauses. Schnauzbart. Berühren. Da ist doch ein Fleck in den Haaren. Etwa Ei? Festgeklebt. Trotzdem, war es richtig, es nur bei der Ehre zu belassen? Geht doch nichts über die eigene Tasche. Wie wär’s mit diesem Clou? Pfund, Shilling und Pence! Warum nicht in der Nachbarschaft kaufen Und die Schuhsohlen schonen?

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Im meer zwei jungen leseprobe