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Freiraum Erzählen Schulprojekt zur Förderung von Sprache und Fantasie

Caritas Erzdiözese Wien

KunstSozialRaum


Freiraum Erzählen ist ein Projekt der Brunnenpassage Projektleitung: Ivana Pilic, Tilman Fromelt Lektorat: Jörg Eipper Kaiser Grafik: David Mathews Fotos: Elisabeth Bernroitner, Bert Schifferdecker Kontakt: Brunnenpassage Brunnengasse 71 1160 Wien info@brunnenpassage.at Tel. 01-890 60 41 www.brunnenpassage.at Das Pilotjahr 2010/2011 von Freiraum Erzählen wurde Dank der finanziellen Unterstützung der ERSTE Stiftung ermöglicht.

„Der Erzähler gibt den Kindern so viel, was neben dem regulären Unterricht sonst keinen Raum hat.“ Lehrerin VS Liebhartsgasse


Es war einmal

Von sanften Riesen, Drachen und Froschtöchtern wissen jene GeschichtenerzählerInnen zu berichten, die seit Herbst 2010 im Rahmen des Projekts Freiraum Erzählen Volksschulklassen in Wien besuchen. Die Geschichten eröffnen den Kindern neue Fantasiewelten und die wöchentlichen Besuche der ErzählerInnen gehören für die ErstklässlerInnen zum festen Bestandteil des Schulalltags. Mit ihren Geschichten begeistern die Erzählenden die SchülerInnen nicht nur für unbekannte Märchenwelten, sondern auch für das Medium Sprache. Gute Geschichten verbreiten sich bekanntlich wie ein Lauffeuer, und so werden aus Zuhörenden wiederum kleine ErzählerInnen. Die SchülerInnen werden so spielerisch in ihrem Bedürfnis gefördert, sich sprachlich auszudrücken. 90 % der Kinder der beteiligten Schulklassen haben einen Migrationshintergrund, und die deutsche Sprache zählt zum Schulbeginn nicht zu den Stärken dieser Klassen. Für den Erfolg dieses Projekts sind somit die ErzählkünstlerInnen maßgeblich. Denn trotz der Konzentration auf das gesprochene Wort schaffen es gute Erzählende auch Zuhörende zu begeistern, welche die Sprache nur schlecht verstehen. Anders als beim Vorlesen eines Textes sind ErzählerInnen stets in (Blick-)Kontakt mit ihrem jungen Publikum und können auf die Reaktionen der Kinder eingehen. Im Vordergrund stehen die Geschichten und der Spaß an Sprache, nicht defizitäre Deutschkenntnisse. Nach einem erfolgreichen Pilotprojekt 2010/2011, ermöglicht durch die ERSTE Stiftung, tritt Freiraum Erzählen nun an, weitere Klassenzimmer mit der Magie der Märchen zu beflügeln. Die vorliegende Broschüre dokumentiert dieses erste Pilotjahr und versteht sich als Einladung an interessierte Schulen und UnterstützerInnen.


„Die Kinder erfahren: Ich kann was, ich kann mich artikulieren, mir wird zugehĂśrt und ich bekomme positives Feedback. Sie erkennen, dass sie eine Sprache haben.“ Lehrerin VS Gaullachergasse


Ziele

Förderung von Sprache und Fantasie Durch das Erzählen von Märchen und Geschichten werden Sprachkompetenz, Fantasie und Kreativität gefördert. Spielerischer Zugang Freiraum Erzählen konfrontiert die Kinder nicht mit ihren sprachlichen Defiziten, sondern weckt durch Geschichten ihr Interesse am eigenen sprachlichen Ausdruck. Zuhören lernen Im Rahmen von Freiraum Erzählen lernen die Kinder allein durch das Zuhören, innere Bilder entstehen zu lassen. Sie erfahren, dass es ein Genuss sein kann. nur zuzuhören. Ihre Konzentrationsfähigkeit wächst. Selbst erzählen Freiraum Erzählen motiviert die Kinder, selbst zu erzählen. Sie überwinden ihre Ängste und lernen dabei, dass sie etwas zu sagen haben und ihnen zugehört wird. Freiraum in der Schule Freiraum Erzählen schafft für alle Beteiligten Freiräume. Das Projekt versteht sich als Anregung zur Reflexion über Schule und über das Verhältnis zwischen LehrerIn und Schülerinnen/Schülern. Künstlerische Qualität Die für Freiraum Erzählen ausgesuchten ErzählerInnen blicken auf eine jahrelange Auseinandersetzung mit mündlichem Erzählen zurück. Das Projekt wird von der Brunnenpassage laufend evaluiert. Für dieses Projekt suchen wir vor allem Volksschulen auf, die bedingt durch die kulturelle Vielfalt ihrer SchülerInnen großen Herausforderungen gegenüberstehen.


Freiraum für das Erzählen

Viele Volksschulen sind gefordert, ErstklässlerInnen mit unterschiedlichen Deutschkenntnissen sowie verschiedensten Erstsprachen innerhalb einer Klasse zu unterrichten. Diese Heterogenität sowie die Tatsache, dass Kinder oft nur mit rudimentären Sprachkenntnissen in die Schule kommen, führt zu großen Herausforderungen sowohl in der Wissensvermittlung als auch in der sozialen Interaktion. An diesem Punkt setzt das Projekt Freiraum Erzählen an: Ein Schuljahr lang kommt eine Erzählerin oder ein Erzähler wöchentlich in die Schulklasse, um Geschichten und Märchen zu erzählen. Im Anschluss an ein gemeinsames Ritual ist vor allem Fantasie gefragt, denn im Gegensatz zum Medium Fernsehen – für die meisten Kinder die Hauptquelle für die Vermittlung von „Geschichten“ – bleiben bei mündlich erzählten Märchen viele Details offen. Kinder ergänzen diese Leerstellen und bringen dabei neue Aspekte ein, die ihrer Vorstellung einer Figur oder eines

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Handlungsverlaufs entspringen. Das freie Erzählen in deutscher Sprache eröffnet zusätzliche nonverbale Kommunikationsebenen: Gestik, Mimik und Intonation helfen beim Verständnis des Erzählten, auch wenn nicht jedes Detail wörtlich verstanden wird. Dies unterstützt besonders Kinder mit lückenhaftem Wortschatz, doch auch SchülerInnen mit guter Sprachkompetenz profitieren von dieser Methode, da jede/r Einzelne bei ihrem/seinem persönlichen Kenntnisstand anknüpfen kann, um fantasievolle Märchenwelten zu entdecken. In der frühen Kindheit wird Sprache zunächst im Alltag von nahen Bezugspersonen übernommen, meist im Kontext von Handlungen. Das mündliche Erzählen fantasievoller Geschichten eröffnet den Kindern eine neue Dimension von Sprache: die Vermittlung fiktiver Gedankenwelten. Hierbei erlangen komplexere Sprachebenen, die auf theoretischer Ebene oft nur mühsam zu erlernen sind, eine unmittelbare und

praktische Funktion: Zeitformen, Deklination und Konjugation gewinnen an Bedeutung, indem sie den Geschichten Struktur und Figuren Plastizität verleihen. Im Zuge dieser künstlerischen Vermittlung der deutschen Sprache eignen sich Kinder ohne Leistungsdruck einen differenzierten Sprachgebrauch an, der über die alltägliche Verständigung hinausgeht. Bereits ab der ersten Erzählstunde sprechen viele Kinder formelhafte Stellen mit, und die gemeinsame Rekonstruktion der zuletzt gehörten Geschichte ist ein wichtiger Bestandteil jeder Einheit. Auch hierbei ist die Fantasie der Kinder wichtiger als das exakte Erinnern aller Details. Das Nacherzählen geht dabei fließend über in das Erfinden eigener Geschichten, das Stück für Stück an Gewicht gewinnt. Der Erfolg dieses Prozesses stellt sich allerdings nicht innerhalb der ersten Monate ein – das Projekt lebt von seiner Langfristigkeit.

Freiraum Erzählen schafft nicht zuletzt auch Freiräume innerhalb des Schulalltags, in denen sowohl für LehrerInnen als auch für SchülerInnen andere Regeln gelten. Die kindliche Wissbegierde wird dabei zum Schlüssel für einen positiven und spielerischen Umgang mit der deutschen Sprache. Das mündliche Erzählen regt die Fantasie der Kinder an, und das allmähliche Erschließen imaginärer Märchenwelten weckt ihre Neugierde. Diese Begeisterung für Geschichten und für die Sprache als Ausdrucksmittel bereits vor bzw. während des Schrifterwerbs ist eine wichtige Basis für die weitere literarische Bildung.


Frau Holle

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„Irgendwann erzählte uns Josef die Geschichte von Frau Holle. Wir haben diese dann in bildnerischer Erziehung nachgearbeitet und Frau Holle zeichnen lassen. Die Kinder haben alle ihre eigenen Vorstellungen gehabt. Wir haben Frau Holle mit jeder Hautfarbe und Haarfarbe bekommen. Wir hatten eine asiatisch angehauchte und eine schwarze Frau Holle. Jedes Kind hat seine eigene Fantasie zu Papier gebracht. Alle haben Frau Holle einfach so gemalt, wie sie in ihrem Kopf vorhanden war. Vielfältigkeit ist erlaubt und erwünscht. Ich glaube schon, dass die Märchen auch in Hinblick auf Integration etwas bringen - weil sie lernen, sich zuzuhören und einen respektvollen Umgang miteinander etablieren.“ (Lehrerin VS Gaullachergasse)


„Frau Holle ist schön. Hat lange Haare und lange Zähne. Sie hat ein Netz auf ihren Haaren.“ (Marko) „Frau Holle hat blonde Haare und lila Augen. Sie trägt eine Schultasche und dort hat sie was zu essen. Ihr Lieblingsessen ist Schokolade.“ (Abdel) „Sie hat schwarze Haare und braune Haut. Sie hat ein blaues Leiberl und ein rosa Kleid darüber.“ (Beaze) „Sie hat graue Haare, Augen, eine Nase, einen Mund, Hände und Milchzähne. Sie schaut alt aus und heißt Corinna.“ (Paulina) „Sie hat eine Brille und komische Haare, außerdem hat sie einen großen Mund.“ (Sharon) „Sie trägt einen langen Rock und bäckt gerne Kekse.“ (Medina)


Erzählte Märchen Für Freiraum Erzählen machen sich die ErzählerInnen auch gezielt auf die Suche nach Geschichten aus den Herkunftsländern der SchülerInnen und/ oder ihrer Eltern. Dadurch werden die Kinder durch die Geschichten noch stärker angesprochen. Aber nicht alle Kinder identifizieren sich mit der Herkunft ihrer Eltern. Eine Zuordnung der Kinder aufgrund ihrer Migrationshintergründe wird vonseiten der KünstlerInnen grundsätzlich nicht forciert. Gleichzeitig wird jedoch deutlich, dass Märchen keine Grenzen kennen, vielmehr lebendige Zeugnisse von Migration sind und Geschichten in verschiedenen Varianten in vielen Ländern vorkommen.

Gebrüder Grimm Die Bremer Stadtmusikanten Fundevogel Schneewittchen Rotkäppchen Allerleirauh Strohhlam, Kohle und Bohne Hans im Glück Die Kristallkugel Das Waldhaus Läuschen und Flöhchen Daumesdick Schneeweißchen und Rosenrot Frau Holle Rumpelstilzchen Dornröschen Der Teufel mit den drei goldenen Haaren Die goldene Gans

Irland Der weiße Hirsch

Mexiko Die Maus, die bellte

Kettenmärchen Portugal Estrella aus dem grünen Haus

Schweinchen will nicht heimgehn Katzerl/Mauserl (= Katz und Maus auf Reisen) Die Rübe Maus sucht Mann (= Ein Mann für Mamsell Maus) Der Heuschreck und die Katze Der Lebkuchenmann (Variante von „Der Pfefferkuchemann“ und „Der dicke fette Pfannkuchen“) Das Korn Die Bohne Dominikanische Republik Der Schutzengel-Kater


Norwegen Zottelhaube Das ist gelogen! Die drei Ziegenböcke Dänemark In Hülle und Fülle

England Jack und die Bohnenranke

Russland Snegurotschka Vogel, Kater und Hahn

Polen Der Ofenhocker

Tschechien Vom Hahn, der Maus und der kleinen roten Henne

Frankreich Die Steinsuppe Die drei Schafwidder und der Bär

Deutschland Warum der Schnee weiß ist Rübezahl

Slowakei Brüderlein Hirsch Die zwölf Monate

Ungarn Hähnchen holt sein Körnchen zurück

Kroatien Die Froschtochter

Österreich Der buckelige Bauer

Bulgarien Das kluge Mädchen wird Zarin Die dankbaren Tiere (=Der Holzsammler und die Tiere)

Bosnien Der schlaue Fuchs Ein Mann für Mamsell Maus Die Pferde der Vilen

West Afrika Unanana und der riesengroße Elefant, dem ein Stoßzahn fehlte

Serbien Der Wagen, der ohne Pferde fährt Die neun Wolfsbrüder Milchbart und die Riesen Roma Die Schweinchenbraut

Spanien Der Laminak

Sizilien Pintosmalto

Rumänien Die Sprache der Tiere Die Alte und ihr Hahn Der Bär, der Fuchs, der Wolf und der Hase auf dem Medwischer Margarethi Der Bär, der Adler und der Fuchs

Albanien Silberzahn Der verstoßene Prinz

Mazedonien Warum man die alten Leute nicht tötet

ÄGypten Der vornehme Riese

Afghanistan Der Prinz mit den Granatapfelkernzähnen

Türkei Das Töpfchen/ der kleine Topf Nasreddin-Geschichten Die Geschichte vom Raben mit dem Stachel im Fuß Indien Der Schlangenprinz

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Evaluation

„Durch Freiraum Erzählen haben die Kinder die Chance ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen und diese auch zu artikulieren.“ Lehrerin VS Gaullachergasse

Freiraum Erzählen wurde im Pilotjahr 2010/2011 ausführlich evaluiert: Wöchentlich hielten sowohl LehrerInnen als auch Erzählende in Evaluationsbögen ihre persönlichen Eindrücke der Erzählstunden fest. Darüber hinaus wurden in mehreren Evaluationsphasen projektbegleitende Interviews mit 15 teilnehmenden Schülerinnen und Schülern geführt. Die Ergebnisse dieser Untersuchung spiegeln den Erfolg des Projekts wider:

schnitte miteinander zu verbinden. Auch der passive und aktive Wortschatz der SchülerInnen erweiterte sich im Projektverlauf signifikant: Zwei Lehrerinnen beobachteten, dass das zunehmend souveräne Sprachgefühl von Kindern es ihnen ermöglichte, mit der deutschen Sprache zu spielen – eine Fähigkeit, die sich erst bei fortgeschrittener Sprachsicherheit einstellt.

Sprache

Die Lust der Kinder am Erfinden von Geschichten war für alle Beteiligten deutlich zu spüren. Zur Artikulation eigener Ideen ermutigt, kommunizierten die SchülerInnen ihre kreativen Vorstellungen von Figuren und Handlungsverläufen immer selbstbewusster. Schließlich brachten sie in Eigeninitiative individuelle Vorschläge ein, wie Geschichten weitergehen könnten, oder formulierten aus ihrer Sicht ratsame Hilfestellungen für die handelnden Figuren einer Erzählung, wie zum Beispiel: Eine Frau möchte schwanger

Sowohl der Sprachstil als auch der Redefluss der Kinder verbesserte sich während des Projektverlaufs deutlich. Zunächst einsilbige Äußerungen wurden schrittweise zu ganzen Sätzen ausgebaut. Auch die inhaltlichen Strukturen der Märchen und Geschichten konnten von den Schülerinnen und Schülern immer besser adaptiert werden. Mithilfe sich wiederholender Phrasen gelang es den Kindern im Laufe der Zeit, einzelne Handlungsab-

Fantasie


werden – „Dann soll sie mehr essen!“ Oder: Ein Junge wird bedroht – „Jetzt soll er das Schwert nehmen!“ Die Fantasie der Kinder, die zunehmend in die Welt der Märchen eintauchten, brachte auch spontane Figurencharakterisierungen zutage, wie zum Beispiel: Plötzlich erscheint eine alte Frau. – „Das ist bestimmt eine Hexe!“

Konzentrationsfähigkeit Am Anfang des Projekts war eine Geschichte von 20 Minuten noch eine große Herausforderung an das Durchhaltevermögen der SchülerInnen. Innerhalb weniger Monate zeigte sich allerdings eine deutliche Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit. Gegen Ende des Projektes hörten die Kinder schließlich bis zu 45 Minuten lang gebannt den Geschichten der ErzählerInnen zu – eine Entwicklung, von der sich die LehrerInnen mehrheitlich überrascht zeigten.


Nebeneffekt der Evaluation Eine weitere positive Facette der Evaluation war, dass die SchülerInnen im Zuge der Interviews besonders viel Aufmerksamkeit erhielten. Das Evaluationsteam der Brunnenpassage kommunizierte mit den Kindern in ihrer Erstsprache, egal, ob diese Deutsch, Türkisch oder Bosnisch/Kroatisch/Serbisch ist. Diese persönliche Auseinandersetzung mit den Kindern, die spürbar ohne Vermittlungs- oder Bewertungsabsicht erfolgte, ermöglichte den Aufbau eines besonderen Vertrauensverhältnisses. So begann beispielsweise ein Mädchen – dessen Lehrerin davon ausging, dass es die deutsche Sprache weder sprechen noch verstehen könne – im Rahmen eines Interviews Deutsch zu sprechen.


Klappe, die erste … … und jetzt erzähle ich! Im Laufe des Schuljahres begeisterten sich die SchülerInnen nicht nur für das Zuhören. Sie erlebten sich selbst auch als Erzählende und blühten in ihrer neuen Rolle förmlich auf. Als Erinnerung an das Jahr mit Freiraum Erzählen wurden die erzählenden Kinder dokumentiert. So durften sie gegen Ende des Schuljahres in Kleingruppen vor laufender Kamera erzählen. Wie schon bei den Interviews mit den Kindern im Rahmen der Evaluation, genossen die SchülerInnen diese spezielle Aufmerksamkeit. In Anschluss entstand am Schneidetisch aus den Beiträgen der Kinder eine gemeinsame Geschichte. Pro Klasse wurde ein Video produziert und allen Kindern als Andenken geschenkt.


Erzählerin

Birgit Lehner „Am Eindrücklichsten für mich waren die Momente, in denen die Kinder anfingen, selbst zu erzählen. Als sie alleine vor der ganzen Klasse gestanden und um Worte gerungen haben – das war schon eine großartige Leistung für Sechsjährige. ‚Es war schön, aber man muss mutig sein‘, hat ein Bub danach zu mir gesagt.“

Birgit Lehner kam über das Theater und den Journalismus zum Erzählen. Sie arbeitete als Schauspielerin (u. a. am Burgtheater, Theater Erlangen sowie für Film und Hörfunk), Dramaturgie- und Regie-Assistentin (am Maxim Gorki Theater Berlin und Staatstheater Mainz). Sie war Kulturredakteurin der APA - Austria Presse Agentur und zudem als freie Journalistin tätig (u. a. für Falter, taz und die Berliner und Wiener Zeitung). Den Beruf der Erzählerin entdeckte sie im Rahmen eines zweijährigen Frankreich-Aufenthalts, wo das Erzählen als Genre weiter verbreitet ist. Seither erzählt sie auf der Bühne und auf Festivals im In- und Ausland, in Bildungsund Sozialeinrichtungen, auf privaten und Firmenfeiern etc. Sie erzählt auch auf Englisch und Französisch und begleitet ihre Auftritte gern mit Gesang und Musik.


Erzähler

Josef Mitschan „Eine Lehrerin war völlig überrascht, als ein Integrationskind, das sonst nur still dabei sitzt und keine Reaktion zeigt, plötzlich beim Abschieds-Ritual mitgemacht hat. Sie war einfach baff, dass es gelungen ist, mit meinem Geschichtenerzählen sozusagen seine Schale zu knacken.“

Josef Mitschan wurde das Erzählen in die Wiege gelegt. Der Erzählstil des gebürtigen Mühlviertlers ist geprägt von der Erinnerung an seine Großmutter, die den Enkelkindern ein beträchtliches Repertoire an Geschichten überlieferte. Er studierte in Wien zunächst Theaterwissenschaft, Literaturwissenschaft und Geschichte und absolvierte eine Buchbinderlehre, um dann in Romanistik sein Studium abzuschließen. Er arbeitete im Bereich entwicklungspolitischer NGOs und wechselte 2004 zu den Büchereien Wien, wo er seitdem als Bibliothekar tätig ist. Mit Papiertheater und Vorlesestunden in der Kinderbücherei kam er zurück auf die theatralischen Wurzeln seiner jungen Jahre. Nach Fortbildungen im Bereich des mündlichen Erzählens begann er mit öffentlichen Auftritten sowohl für Kinder als auch für Erwachsene.


Freiraum Schule Das Projekt Freiraum Erzählen ist für die Brunnenpassage der Beginn einer Reihe von langfristigen Schulprojekten. Öffentliche Schulen sind für uns besonders spannende Orte, weil dort eine große Vielfalt an kulturellen, sozialen und religiösen Hintergründen in den Klassen unmittelbar aufeinandertrifft. Im besten Fall stehen Offenheit, Neugierde und Wissensdurst der Kinder im Vordergrund. Oft stellen aber die unterschiedlichen Voraussetzungen, welche die Kinder mitbringen, eine große Herausforderungen für den Schulalltag dar, der darauf ausgerichtet ist, eine möglichst homogene Gruppe auf einen vergleichbaren Wissensstand zu bringen. Alle Projekte, die von der Brunnenpassage unter dem Titel Freiraum Schule entwickelt werden, begreifen die Heterogenität der SchülerInnen nicht als Problem. Ohne die vorhandenen Herausforderungen zu leugnen, legen wir unseren Fokus auf das positive Potenzial der Diversität. Kunstprojekte nehmen die Unterschiedlichkeit der Individuen, das Besondere jeden Kindes, die Vielfalt als Bereicherung wahr. Künstlerische Prozesse eignen sich hervorragend als Methoden in der Schule, denn sie lassen der/dem Einzelnen immer den Freiraum einer eigenen Meinung und Deutung. Intensität und Langfristigkeit sind für die Freiraum-Schule-Projekte von zentraler Bedeutung. Sie ermöglichen den Aufbau einer individuellen Beziehung zwischen den Kindern und den Künstlerinnen und Künstlern.

Freiraum Schule schafft Freiräume in der Institution Schule. Die KünstlerInnen setzen neue Impulse durch außergewöhnliche Methoden und Zugänge.


Brunnenpassage In der Brunnenpassage am Wiener Brunnenmarkt können Menschen unterschiedlicher Herkunft an Kunstprojekten mitwirken und einander dabei kennenlernen. Täglich treffen sich in der ehemaligen Markthalle Menschen, um gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern zu proben, zu produzieren und auf der Bühne zu stehen. Die Brunnenpassage begreift den Zugang zu Kunst und Kultur als Menschenrecht. Kunst ermöglicht Menschen die eigene Identität zu finden und auszuleben. Zudem wird das Potenzial von künstlerischen Prozessen auch als Mittel für sozialen Wandel genutzt. Über Kunst wird erlebbar, dass kulturelle Vielfalt die Gesellschaft bereichert. Die Brunnenpassage versteht sich als Modellprojekt. Es werden über Kunst neue Begegnungsmöglichkeiten geschaffen. Weit über die Bezirksgrenzen hinweg ist die Brunnenpassage ein Ort, in dem kulturelle und soziale Teilhabe beispielhaft gelebt wird. Bei den Besucherinnen und Besuchern handelt es sich vor allem um aktive TeilnehmerInnen (ChorsängerInnen, Tanzende, Workshop-TeilnehmerInnen usw.). Viele Menschen sind über die Brunnenpassage erstmalig BesucherInnen eines Theaterstücks, eines Jazzkonzerts oder aktive Mitwirkende einer Kunstproduktion geworden. Die BesucherInnen geben ein Bild der Vielfalt des Wiener Brunnenmarktes wieder. Das Publikum erstreckt sich über alle Herkünfte, Altersklassen, Glaubensrichtungen, Einkommensschichten und Bildungsstände. Trägerin der Brunnenpassage ist die Caritas Wien.


Erzählen in der Brunnenpassage

Das mündliche Erzählen ist zu einem Schwerpunkt in der Arbeit der Brunnenpassage geworden. Neben dem Projekt Freiraum Erzählen existieren seit 2009 noch folgende andere Projekte und Programmreihen:

Die Kunst des Erzählens Die Auftritte internationaler ErzählkünstlerInnen zeigen Erzählkunst auf hohen Niveau und in ihrer großen Bandbreite. Mit dieser Vorstellungsreihe hat die Brunnenpassage einen einmaligen Ort in Österreich geschaffen, wo internationale ErzählkünstlerInnen auch außerhalb von Festivals zu sehen sind.

Workshop Erzählen Ein- oder zweitägige Workshops ermöglichen es allen Interessierten, sich unter professioneller Anleitung im mündlichen Erzählen auszuprobieren und weiterzubilden.

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Offene Erzählsession Bei diesem offenen Veranstaltungsformat gibt es kein vorstrukturiertes Programm. Im einem Zelt innerhalb der Brunnenpassage auf Teppichen sitzend, können die Teilnehmenden erzählen oder einfach nur zuhören. Professionelle ErzählerInnen und Laien treffen sich hier auf einer Augenhöhe. Hier finden sowohl Alltagsgeschichten als auch Zaubermärchen aufmerksame Zuhörende.

EU Project Sheherazade Im Rahmen des EU-Projektes „Sheherazade, 1001 Stories for Adult Learning“ – realisiert im „Grundtvig Programm Lebenslanges Lernen“ – wird sich die Brunnenpassage in den Jahren 2012 -14 mit einer Reihe von EuroDie Brunnenpassage wird gefördert von

päischen Partnern mit den Möglichkeiten des Storytelling in der Erwachsenenbildung – insbesondere beim Erlernen von Sprachen – beschäftigen.

Zeit.Geschichten Viele Menschen am Brunnenmarkt haben eine spannende persönliche Geschichte zu erzählen. Das Projekt Zeit.Geschichten will diesen Geschichten einen passenden Rahmen auch außerhalb der Theaterbühne bieten. Die Geschichten werden an unterschiedlichen Orten am Brunnenmarkt erzählt, zu denen die Erzählenden einen direkten Bezug haben: oft die eigene Arbeitsstätte, der Frisörsalon oder ein Lokal. Das Publikum wandert von Ort zu Ort zur nächsten Geschichte.


Ich bin stolz auf meine Kinder – sie haben sich Applaus verdient. Lehrerin VS Liebhartsgasse

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Freiraum Erzählen  

Schulprojekt zur Förderung von Sprache und Fantasie

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