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Brian Greenaway Feuerreiter

L SE rial A B te AG s Ma L ER 端tzte V N h NE -gesc N t U BR yrigh p Co


Der Autor Brian Greenaway, geboren auf der Isle of Wight, England, wurde als Kind vielfach schikaniert und von seiner Familie L abgelehnt. Später versuchte er sich ein Selbstwertgefühl aufSE rial A zubauen und Trost zu finden, indem erB sich in tVerbrechen, Gee G Ma ALeben L walt und Drogen flüchtete. Brians nahm eine dramatis ER zte von Dartmoor eine t V sche Kehrtwende, als er im Gefängnis ü N sch NE Danach e arbeitete er 32 Jahre lang unGotteserfahrung machte. N U ght-g R i ter Strafgefangenen. Während der letzten zehn Jahre war er als B pyr Gefängnisgeistlicher Co unter Männern tätig, die verirrt und ohne Hoffnung waren. Inzwischen ist Brian im aktiven Ruhestand.


Brian Greenaway

Feuerreiter Ein Rocker wird zum Gottesboten L SE rial A B te AG s Ma L ER 端tzte V N h NE -gesc N t U BR yrigh p Co

Verlag Basel . Giessen


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Die Bibelzitate wurden, soweit nicht anders angegeben, folgender Bibelübersetzung entnommen:

L SE rial A Verlag Basel Hoffnung für alle  1983, 1996, 2002 Biblica B Inc. , Brunnen te AG s Ma L ER ützte V N h NE -gesc N U Published Originally in English by CWR as: ht BR yrigThe Monster Within p Co  2012 by Brian Greenaway TM

This edition issued by special arrangement with CWR. Übersetzung: Christian Rendel, Witzenhausen Copyright der deutschen Ausgabe:  2013 by Brunnen Verlag Basel Umschlag: Waterproof Grafikdesign, Ingo C. Riecker, Neuffen Fotos Umschlag: www.shutterstock.com (Mikhail Bakunovich) Satz: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel Druck: CPI Books, Ebner & Spiegel, Ulm Printed in Germany ISBN 978-3-7655-2015-0


Inhalt Einleitung: Emotional misshandelt ....................................

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1. Was habe ich denn so Falsches getan? .........................

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2. Ich haue ab ..................................................................

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3. Eines Tages wird jemand bezahlen!.............................

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4. Bandenkriege...............................................................

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L SE rial A 5. H채sslicher Killerinstinkt.............................................. G B Mate A L 6. Licht in der Dunkelheit .............................................. ER 체tztes V N sch sehen ............................ 7. Der Wirklichkeit E N ins -Gesicht N ge twissen......................................... Uendlich h R 8. Brian will es g B ri opy 9. Was ist soCbesonders an mir? .......................................

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10. Wieder hinter Gittern ................................................. 138 11. Ich will dich nicht verlassen ........................................ 150 12. Daheim und unterwegs............................................... 158 13. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betr체bt.................. 172 14. Das Monster ist gebannt ............................................. 184 15. Dichtung oder Wahrheit? ........................................... 191 16. Hier sind wir, Herr, gebrauche uns! ............................ 200 Epilog: Eine Entscheidung, die Ihr Leben ver채ndert ......... 205 5


Einleitung Emotional misshandelt … Als ich vor vielen Jahren im Dartmoor-Gefängnis eine vierjährige Haftstrafe absaß, las ich ein Buch, das mein Leben veränderte. Es kam mir vor, als handelte es von mir selbst: von einem gewalttätigen Bandenführer, der durch Ablehnung und seelische Misshandlung auf seinen Weg zur Selbstzerstçrung getrieben wurde. Aber was mich besonders packte, war die draEL alnahm. Das, S matische Kehrtwende, die das Leben dieses Mannes A teri G B auch a was er erlebt hatte, wollte ich unbedingt A L es M erleben. t ER Später bekam ich dann V die Chance, dasselbe für andere zu tz ü N h c E emein tun, als vor über 25NJahren Buch Hell’s Angel erschien. N g s t U h Und nun habe Mçglichkeit, es mit diesem Buch erneut BRich die yrig pVermächtnis zu tun und es als an diejenigen, die keine Hoffo C nung haben, zu hinterlassen. Ich hatte schon seit etwa acht Jahren vor, ein weiteres Buch zu schreiben. Verschiedenste Freunde hatten eine Reihe von Ideen, was ich ihrer Meinung nach schreiben sollte. Ich machte ein paar Anläufe, aber es schien mir nie das Richtige zu sein. Erst als ich mir vornahm, über emotionale Schmerzen und Ablehnung zu schreiben, hatte ich wirklich den Eindruck, dass Gott mich dazu drängte, ein solches Buch zu verfassen. Wo und wie wir aufwachsen, hinterlässt nach meiner Überzeugung eine unauslçschliche Prägung, die uns unser ganzes Leben lang beeinflussen kann. Mit harmlosen Formen der Ablehnung haben wir alle zu tun, denn es gehçrt ja zu unse6


rem Alltag, uns für eine Sache und gegen eine andere zu entscheiden. Manchmal führt das auch zu persçnlicher Ablehnung, etwa bei einem erfolglosen Vorstellungsgespräch, einer unerwiderten Liebe oder wenn man erlebt, dass das eigene Kind keinen Platz in seiner gewünschten Schule bekommt. Was jedoch ausgesprochen destruktiv ist, das ist die dauerhafte und beständige Ablehnung: die Dynamik und das ständige zermürbende Erleben, von anderen als unzulänglich und niemals gut genug angesehen zu werden. Ablehnung durch eine ganze Gruppe von Menschen ist noch schmerzlicher, besonders dann, wenn sie zur Isolation in Gesellschaft und Familie führt. Derartige emotionale Misshandlungen, die ich selbst viele Male erlebt habe, ziehen eine Reihe tiefer, schädlicher KonL sequenzen für die Psyche nach sich: Einsamkeit, l niedriges SE riaein A Selbstwertgefühl, Aggressivität und chronische Depressionen. B e G Mat LA deresUnsicherheit Darüber hinaus kçnnen sie Gefühle erzeugen, R t E z t V die Entwicklung der Widerstandsfähigkeit beeinträchtigen und chü EN esführen. N zu einer Überempfindlichkeit UN ght-g i mit strafgefangenen Männern gearbeiIch habe 32 BRJahreyrlang op tet und dabei C unzählige Male meine eigene Geschichte zu hçren bekommen. Wenn sie mir sagen, ich kçnne unmçglich wissen, wie es ihnen ergeht, dann sage ich ihnen: Doch, ich weiß es – durch diese Mühle bin ich selber gedreht worden. Meine Arbeit in Gefängnissen geht zu Ende. Ich mçchte denen, die hinter Gittern sitzen, etwas hinterlassen, um ihnen zu zeigen, wie Gott mein Leben auf so dramatische Weise verändert hat. Wenn das mir geschehen kann, kann es ihnen auch geschehen. Aber dieses Buch richtet sich an alle Menschen, die unter Ablehnung leiden, egal, wo sie sind. Auch wenn sie nicht buchstäblich hinter Schloss und Riegel sitzen, sind sie oftmals durch die Dinge, die sie durchmachen, gefangen in ihrem eigenen geistigen und emotionalen Gefängnis. 7


Es hat sechs Monate der Qual bedeutet, dieses Buch zu schreiben und alles, was ich durchgemacht habe, und die schrecklichen Dinge, die ich getan habe, noch einmal zu durchleben. Aber ich weiß, dass Gott meinen Schmerz gebraucht, um die Herzen und Gedanken anderer Menschen anzurühren und ihnen zur Heilung zu verhelfen. Ich habe das bestimmt nicht gemacht, damit jeder denkt, ich wäre ein großartiger Kerl. Oft lesen ja Leute ein Buch und stellen dann den Autor auf einen Sockel. Mich macht das richtig wütend. Ich lebe ganz und gar für Gott, aber ich haue immer noch daneben und mache Fehler. Es tut mir weh, wenn das passiert, und über manches, was ich getan habe, bin ich erschüttert. Aber ich will nicht den Menschen gefallen. Ich will Gott gefallen, und ich mçchte, dass dieses Buch meine menschlichen Schwächen und die Dinge, mit denen ich zu kämpfen habe, L sichtbar macht. Und ich staune immer noch E dass Gott l S darüber, a A i r jemanden wie mich lieben kann. G B Mate Aegal, Genauso liebt er auch Sie, ganz was Sie in Ihrem Leben L R ztes E t V verbockt haben. Ich wünsche ü dass Sie beim Lesen dieses N smir, chist EGott N e Buches erfahren, dass real und Sie durch und durch UN ght-g R kennt. Er weiß i über alle Sünden und über alles Leid. B Bescheid pyr Er liebt Sie und Comçchte mit Ihnen zusammen sein, was auch immer Sie getan haben. Ihnen allen, die wie ich Jahre des Leides und der Ablehnung durchlebt haben, widme ich dieses Buch.

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Kapitel 1 Was habe ich denn so Falsches getan? «Dad! Ich bin hier, Dad! Warum sagst du denn gar nichts zu mir? Warum siehst du mich nicht wenigstens mal an?» Wieder einmal tauchte er in unserer Straße auf, umringt von einer Schar aufgeregter Kinder. Ich stand in der Nähe und schaute zu – missachtet, unsichtbar und von Schmerz ELtiefem l S a A i erfüllt. B ater AG s Mals Dad hatte sich aus dem Staub gemacht, ich vier war. ZuL R zte E t V rück blieben ich, meineNSchwester und meine Mutter, die gechü schwanger war. Fast jeden E Schwester s N rade mit meiner kleinen e UN ght-g Samstag kamBR er vorbei, yri aber bei uns ließ er sich nicht blicken. p o Er kam nur, um C seine Schwester zu besuchen, die zwei Häuser weiter wohnte. Damals, Anfang der Fünfziger, war ein Auto ein seltener Anblick, besonders in unserem kleinen Dorf. Ich hielt immer Ausschau nach ihnen, winkte den Fahrern zu, während sie vorbeirollten, und schrieb mir ihre Nummernschilder auf. Die meisten hatten freundliche Gesichter und winkten zurück. Dad tat das nie. Ich wusste ungefähr, wann er auftauchen würde. Manchmal wartete ich drinnen und beobachtete ihn durch die Gardinen, doch meistens saß ich draußen auf der Bordsteinkante und malte im Staub herum. Ich konnte es nicht erwarten, ihn zu sehen. Sobald ich seinen großen, eindrucksvollen Ford er9


spähte, sprang ich auf, hüpfte herum und winkte ihm wie wild zu, um irgendein Zeichen zu bekommen, dass er mich bemerkte. Aber er blickte immer stur geradeaus, während er vorbeifuhr, und ignorierte mich. Und dann bog er gleich hinter unserem Haus um die Ecke. Inzwischen liefen die anderen Kinder beim Anblick eines Autos aufgeregt zusammen, und er hielt vor dem Haus meiner Tante. Ich rannte eifrig den anderen Kindern nach. Wenn er ausstieg, stand ich nahebei und beobachtete die Kinder, die sich lärmend um ihn drängten. Ich sah ihn lächeln und vielleicht dem einen oder anderen von ihnen mit der Hand durch die Haare fahren und sie zerzausen. Sie grinsten ihn an, während er ins Haus seiner Schwester ging. Niemals warf er auch nur einen Blick in meine Richtung. L In den letzten Jahren habe ich Fotos von meinem SE rial Vater geseA hen, aber ich habe selbst keine Erinnerung G B Mmehr ate daran, wie er LA esmeine aussah. Unvergesslich sind mirRdagegen inneren Tränen t E z t V und der Schmerz, den ich Mal, ü wenn er meine Tante beN jedes sch NE -geempfand. suchte, in meinemNHerzen Ich sagte nie etwas zu U ght R i flehte ich ihn an: «Dad, bitte sag doch ihm, aber in B Gedanken pyr etwas, bitte sieh Comich an und lächle mir zu wie den anderen Kindern. Siehst du mich denn gar nicht? Kannst du mir denn nicht wenigstens eine kleine Aufmunterung geben, irgendetwas, woran ich mich festhalten kann, und sei es nur, dass du ‹Hallo, Sohn› zu mir sagst?» Ich wartete unendlich lange darauf, das zu hçren – im Grund den grçßten Teil meines Lebens –, aber es geschah niemals. Schließlich machte ich kehrt und ging langsam mit hängendem Kopf nach Hause. Und jedes Mal fragte ich mich, was ich denn so Falsches getan hatte. Es tat so weh, als hätte mir jemand ein Messer in den Bauch gerammt und herumgedreht. Mum beobachtete diese Szene immer und sah, wie es mir das Herz zerriss. Und jedes Mal spie sie mir dieselbe Antwort ent10


gegen: «Siehst du, er schert sich einen Dreck um dich. Er hat kein Interesse. Ihm liegt nicht das Geringste an euch.» Mit dieser Verbitterung und diesem Zorn musste ich mich für den Rest meiner Kindheit herumschlagen. Soweit ich mich erinnere, kam mein Dad nur einmal zu uns ins Haus, als er eines späten Abends versuchte, bei uns einzubrechen. Ich hatte schon immer Angst im Dunkeln, und in den meisten Nächten lag ich im Bett und beobachtete die Schatten an der Wand und lauschte auf jedes Geräusch von draußen, zu Tode erschrocken. Ich gab mir immer Mühe, so flach wie mçglich zu liegen, damit es so aussah, als wäre ich gar nicht da, falls jemand oder etwas hereinkäme, um mich zu holen. Und oft, wenn ich einzuschlafen versuchte, hçrte ich ein grauenhaftes kreischendes Geräusch, das mir noch mehr Angst einjagte. Irgendwann später begriff ich, dass das nur eine Eule L draußen in den Bäumen war. SE rial A In dieser Nacht hçrte ich ein Kratzen und meine te G B von aunten, Awie M L Mutter schickte mich, verängstigt, ich war, hinab, um nachR ztes E t V zusehen. Es war mein Vater, der ü den Kitt aus dem FensterrahEN eschIch N men kratzte, um einzubrechen. entriegelte die Tür, und er UN ght-g R i mich am Arm und drehte ihn mir auf polterte herein, B packte pyr den Rücken, bis Co ich vor Schmerz aufschrie. Warum, habe ich nie erfahren, aber immerhin trieb das meine Mutter aus ihrem Schlafzimmer. Was danach geschah, weiß ich nicht mehr genau. Ich weiß nur, dass er nie wiederkam. Wir mussten uns ohne jede Unterstützung von ihm durchschlagen und mit dem Stigma leben, verlassen und vaterlos zu sein. Damals wohnten wir in einem Dorf namens Steep in Hampshire, ungefähr achtzehn Meilen nçrdlich von Portsmouth. Wir waren dorthin gezogen, als ich etwa vier war. Vorher hatten wir auf der Isle of Wight gewohnt, wo ich geboren wurde und wo noch ein paar meiner Verwandten lebten. In der Nähe von Steep befindet sich der steilste und verwinkeltste Teil eines Steilabbruchs in den Bergen, dem das Dorf auch seinen Namen 11


verdankt. Es ist umgeben von herrlicher Landschaft und Wäldern. In der Nähe befinden sich auch zwei sehr bekannte private Internate – Bedales und die Vorbereitungsschule Dunhurst – und viele große, frei stehende Häuser. Es war eine Mittelschichtgegend und «ganz entzückend» – vorausgesetzt, man hatte genügend Geld. Wir dagegen wohnten in der einzigen Sozialbausiedlung dort. Hayes Cottages war eine Reihe von nur zehn Häusern, als wir dort hinzogen. Unseres war das vorletzte in der Reihe. In den folgenden Jahren kamen weitere Häuser und Bungalows hinzu, die sich um eine zentrale Grünanlage gruppierten. Wir waren abseits vom Zentrum des Dorfes, aber es fühlte sich an wie eine Million Meilen weit weg von den Leuten, die in den schicken Villen wohnten. Ich habe keine Ahnung, wie wir über die Runden kamen. L Manchmal fand Mum irgendwo eine Teilzeitstelle, SE rial aber weA gen ihrer schlechten Gesundheit undBweil sie G Mate sich um drei Asie L Kinder kümmern musste, konnte s viel machen. EinR ztenicht E t V mal arbeitete sie in der Küche N scunserer hü Grundschule, und späNE -geSchool ter ging sie in derNBedales putzen. Wir schienen nie U ght R i manchmal bat sie darum, ihren Lohn B und Geld zu haben, pyr was für sie sehr demütigend gewesen vorzeitig zu bekommen, Co sein muss. Hin und wieder gingen wir meilenweit zu Fuß zu ihrem Anwalt, um zu hçren, ob Dad ein wenig Geld geschickt hatte. Ich habe keine Ahnung, ob er das je tat, aber ich weiß noch, wie ich immer vor dem Büro saß und sie drinnen betteln und jammern hçrte. Auf dem Heimweg kamen ihr jedes Mal von neuem die Tränen. Ich erinnere mich noch deutlich, dass wir anscheinend immer Hunger hatten. Oft klaute ich ¾pfel aus dem Garten der Nachbarn, und in manchen Nächten, wenn ich den Hunger nicht mehr aushalten konnte, schlich ich die Treppe hinunter in die Küche und stibitzte eine Scheibe Brot, auf die ich etwas 12


Zucker streute, wobei ich inständig hoffte, dass Mum es am nächsten Morgen nicht bemerken würde. Meine Kleidung musste ich tragen, bis sie mir vom Leib fiel. Ich hatte Lçcher in den Schuhen. Meine Mutter sagte mir immer, ich solle Zeitungspapier in die Schuhe stecken, damit ich keine nassen Füße bekäme. Das war wie ein Geheimnis zwischen meiner Mutter und mir. Freilich half das Papier nicht viel, wenn es regnete. Es verwandelte sich im Nu in einen nassen Brei und zerfiel in kleine Stücke. Dafür schämte ich mich immer und fürchtete, die anderen Kinder kçnnten sehen, wie heruntergekommen meine Schuhe waren. Ich war sowieso schon der älteste Junge im Ort, der noch mit kurzen Hosen herumlief. Die waren billiger; wir mussten ja immer zusehen, dass wir mit unserem Geld für Klamotten ausL kamen. Außerdem mussten wir zum Heizen was SE verbrennen, A rial konnten. wir finden konnten, weil wir uns Kohle nichtteleisten B AGdies Fenster Ma sich von innen Ldass Im Winter war es bei uns so kalt, R e t E mit Eiskristallen überzogen. mich immer damit, ütz N V Ich hamüsierte c E s N e dass ich mit den Fingern Muster in das Eis malte, es mit meiUN ght-g R i nem Atem zum brachte und zuschaute, wie es auB Schmelzen pyr genblicklich wieder Co gefror. Noch schlimmer aber als der Mangel an Geld und Lebensmitteln war der Mangel an Liebe. Mum war eine dünne, niemals lächelnde, griesgrämige Frau voller Jähzorn. Ihre Frustration und ihr Groll über ihre Situation ergossen sich schwallweise über uns wie Erbrochenes: grausame, hasserfüllte Worte, die oft auf meinen abwesenden Vater zielten, aber in meine Richtung herausgeschrien wurden. Meine Schwestern litten auch darunter, aber die meisten Schläge bekam ich ab. Wenigstens kriegte ich insofern etwas Aufmerksamkeit von ihr. Offenbar sah ich aus wie er, und sie hasste ihn. Oft schrie sie mich an: «Du taugst nichts; du bist genau wie dein Vater!» Was sagte sie damit über mich? 13


Wenn man geliebt wird, kommt man – selbst wenn man noch ein Kind ist – gemeinsam als Familie mit den meisten Problemen zurecht, indem man sich bemüht, das Beste aus der Situation zu machen. Für uns Kinder jedoch fühlte es sich so an, als ob alles in uns langsam vertrocknete. Wir wünschten uns nichts als Liebe, Fürsorge, Aufmunterung, positive Aufmerksamkeit und Dankbarkeit für unsere oft vergeblichen Bemühungen, es Mum recht zu machen. Doch stattdessen bekamen wir ihre scharfe Zunge und ihre Schimpftiraden, die uns Tag für Tag, Jahr um Jahr Seele und Geist vergifteten. Mum schlug mit allem auf uns ein, was sie gerade in der Hand hatte. Einmal knallte sie mir eine schwere Bratpfanne vor die Stirn. Diese Pfanne hat meine Schwester noch heute, einschließlich der Delle im Boden von meinem Kopf. Ich stauL ne, dass ich nicht k.o. ging. Ein anderes Mal war aus irgendSE rich A ial die Küche, einem Grund stinksauer auf Mum und B rannte tdurch e G a LA es M während sie dort kehrte. R t E tz und versuchte, die Hin«Du dämliche alte Kuh», N Vbrüllte hüich c E s N -entkommen. tertür aufzureißen N Doch sie klemmte. Als t ge U undgzu h R i ich mich nach krachte auch schon der BesenB ihr umschaute, pyr stiel auf meinen CoArm, den ich instinktiv hochgehoben hatte, um mich zu schützen. Es tat so weh, dass ich sofort wusste, der Arm war gebrochen. Aber das war vor sechzig Jahren, als es noch keine soziale Grundversorgung, kaum routinemäßige Krankenhausbehandlungen und nur sehr wenig Medikamente gab, wenn überhaupt. Ich musste mir eben den Arm verbinden und mir die Schmerzen verbeißen. Das war mein eigenes Problem, so wie jede andere Verletzung auch. Ich weiß noch, wie ich einmal ein knorriges Stück Holz durchsägte. Plçtzlich stieß die Säge gegen einen Astknoten, flog hoch in die Luft und landete quer auf meiner linken Hand, mit der ich das Holz hielt. Ich rannte nach drinnen, tropfte überall mit Blut herum und zeigte meiner Mutter die Wunde. 14


«Na, dann wasch sie aus und tu was drauf. Ich kann kein Blut sehen!» Also wusch ich die Wunde aus und wickelte ein Taschentuch darum, in der Hoffnung, damit die Blutung zu stillen. Ein anderes Mal rannte ich vor dem Haus über den Rasen und stolperte über eine Unebenheit. Als ich hinfiel, knallte ich mit dem Knie auf einen scharfkantigen Stein, der aus dem Boden ragte. Die Wunde sah aus wie geçffnete Lippen. Durch den blutigen Spalt konnte ich meine Kniescheibe sehen. Ich geriet in Panik und hüpfte weinend ins Haus, während ich versuchte, mir die Wunde zuzuhalten. Doch auch diesmal bekam ich von Mum weder Mitleid noch Hilfe. Viele Jahre später machte ich im Rahmen einer Seelsorgeschulung für die Gefängnisarbeit eine Therapie und wurde gefragt: «Was musstest du tun, um deine Mutter dazu zu bringen, zu sagen, dass sie dich liebte, oder irgendeine positive BeL stätigung von ihr zu bekommen?» Ich hatte keine Weil l SE riaAhnung. A mich die Frage ratlos machte, rief ich B eine meiner Schwestern e G at LA es M«Sie hat nie gesagt, an. Sie musste gar nicht erst R nachdenken. E ützt V dass sie irgendjemand von uns liebte.» N h E an eein sceinziges Nnur Ich erinnere mich Mal, wo meine Mutter N g U ght R i Bei uns kam immer ein Lumpen- und sich für mich B einsetzte. pyr Schrottsammler Comit Pferd und Karren die Straße entlang und rief: «Alte Lumpen!» Frech, wie ich war, rannte ich gern hinter ihm her und machte mich über ihn lustig, indem ich auch «Alte Lumpen!» schrie und ihn auslachte. Er wusste meinen Humor nicht zu schätzen. Eines Tages schnappte er mich und verpasste mir einen betäubend harten Faustschlag an den Kopf. Für einen Moment rastete ich vçllig aus. Ich zog mein Taschenmesser hervor und stach ihm damit ins Bein. Messer haben mich schon immer fasziniert, bis heute. Später würde ich mir damit eine Menge ¾rger einhandeln, aber dieses Messer, wahrscheinlich mein allererstes, war ein ganz billiges Plastikding für Kinder, das nicht viel Schaden anrichtete. Immerhin war der Kratzer tief genug, um zu bluten. 15


Unter wüsten Drohungen zerrte er mich zu unserem Haus und trommelte wütend an die Tür. Als meine Mutter erschien, sagte er ihr, ich hätte auf ihn eingestochen, und zeigte ihr den kleinen Schnitt. Ich tat mir selbst leid und heulte. Ich sagte ihr, er habe mich fest am Kopf geschlagen. Daraufhin keifte sie ihm die Ohren voll und scheuchte ihn weg. Ich habe keine Ahnung, warum sie sich bei dieser Gelegenheit auf meine Seite stellte. Trotz ihrer Haltung uns gegenüber tat ich alles, um es meiner Mutter recht zu machen. Wo immer ich konnte, versuchte ich zu helfen – nicht etwa, weil ich brav war, sondern weil ich mich nach einer positiven Streicheleinheit sehnte. Ich wanderte meilenweit, um wilde Erdbeeren und Veilchen für sie aufzustçbern, weil ich wusste, wie gern sie sie mochte. Zu Beginn des Frühlings waren die hohen Bçschungen um eine Privatwiese hinter unserer Siedlung mit Glockenblumen und Osterglocken L übersät, und ich streckte oft meine Hand durch l StachelSE riaden A B draht, um ein paar davon für sie zu ergattern. Doch es kam mir e at AG M L so vor, als ob die schçneren Blumen weiter oben auf der steilen R ztes E t V Bçschung wuchsen. Also zwängteü ich mich vorsichtig durch EN eschmir N den Stacheldraht und versuchte, dabei nicht die Kleider zu UN ght-g R zerreißen. B ri opy ein großes weißes Haus auf einem eigenen Weiter obenCstand Grundstück. In meiner Fantasie stellte ich mir vor, dies wäre ein Kommandoangriff, und wenn je die feinen Leute bei uns an die Tür klopften, würde ich tief in der Klemme sitzen! Wer immer vom Haus aus zuschaute, sah zweifellos einen lockigen Jungenschopf zum Vorschein kommen und dann wie von Geisterhand eine Blume nach der anderen verschwinden. Erwischt wurde ich nie. Ich vermute, die vornehme Dame, die dort wohnte, wusste genau, was da vor sich ging, ohne je ein Wort darüber zu verlieren. Doch von meiner Mutter kam nie ein Wort des Dankes, sondern nur ein geringschätziges «Na, dann hol mal einen Krug und stell sie rein». Sie schien unentwegt darüber zu klagen, wie hart das Leben 16


für sie sei. Für mich war das wie ein beständiger Schuldtrip. Ich hielt es für meine Pflicht, dafür zu sorgen, dass es meinen beiden jüngeren Schwestern gut ging, und mich um Mum zu kümmern. Schließlich war ich der «Mann im Haus». Noch ehe ich acht war, empfand ich, dass von mir erwartet wurde, viele der traditionell männlichen kçrperlichen Arbeiten zu übernehmen. Wir hatten einen kleinen Vorgarten und ein grçßeres Stück hinter dem Haus. Für beides fühlte ich mich verantwortlich. Mühsam stutzte ich die Hecken mit einer Schere, die so stumpf war, dass man darauf hätte reiten kçnnen. Es war etwa so, als ob man sich von einem kleinen Kind die Haare schneiden ließe. Die Hecke sah hinterher wahrscheinlich schlimmer aus als vorher. Ich gab mir Mühe, scheiterte und musste mir dafür Standpauken anhçren. ¾hnliches erlebte ich, wenn ich versuchte, den Rasen zu mäL hen. Wir hatten einen ganz billigen Handrasenmäher. Ich SE rial A stemmte mich mit dem Bauch dagegen, um mehr Kraft hinter B e G Mat LA eresstecken den Mäher zu bekommen. OftRblieb – vielleicht war t E z t V das Gras nass oder das Gerät zu stumpf chü –, und dann rammte ich EN ein s N mir den Griff schmerzhaft UN ght-g die Magengrube. Noch heute, R i kommen manche dieser negativen ErB nach vielen Jahrzehnten, pyr innerungen und CoEmotionen wieder in mir hoch, wenn ich meinen Rasen mähe. Den Unterschied zwischen Unkraut und Blumen begriff ich nie. Mit dem Lehmboden, den wir im hinteren Garten hatten, war ich ebenfalls überfordert. Wenn ich versuchte, ihn mit dem Spaten zu bearbeiten, musste ich all meine Kraft aufbieten, um einen kleinen, dicken Klumpen herauszubekommen, den ich kaum zerkleinern konnte. Binnen kurzem war ich vçllig erschçpft, entkräftet und gab bald auf. Der Garten hätte wunderhübsch aussehen kçnnen. Er fiel nach hinten etwas ab, wo ein paar Bäume standen und ein kleiner Bach oder Graben verlief. Stattdessen hatten wir zur Beschämung unserer Mutter das beste Unkraut und die besten 17


Brombeerranken weit und breit. Ich hçrte immer, wie die Nachbarn von nebenan, die mit unserer Mutter befreundet waren, sich darüber beklagten, dass unser Unkraut bis in ihren Garten hinüberkroch. Mich beschämte das sehr. Mein Empfinden war, dass ich es hätte in den Griff kriegen müssen, aber einfach nicht schaffte. Und je mehr sich die Brombeeren ausbreiteten, desto wütender und aggressiver wurde unsere Mutter. Oft, wenn ich im Wald spielte, brachte ich von dort das schwerste Stück Baumstamm nach Hause, das ich finden konnte, um es für unseren Rayburn-Ofen zu zerhacken. Ich dachte, sie würde sich darüber freuen. Aber das tat sie nie. Feuerholz holen war eine meiner regelmäßigen Aufgaben. Dazu schob ich einen großen, altmodischen Kinderwagen unsere Straße hinauf und weiter auf die Hänge und packte alles Holz hinein, das ich finden konnte. Spaß machte es mir nicht, aber ich gab mir L Mühe, dieser Arbeit angenehme Seiten abzugewinnen. Wenn SE rial A dass Holz trocken genug und nicht zuBdick war, konnte ich es e at AG soder M L zerbrechen, indem ich darauftrampelte es zwischen zwei R zte E t V dicht beieinanderstehende Bäume klemmte und mich mit meiEN eschü bis es brach. N nem ganzen Gewicht dagegenstemmte, UN ght-g i andere Kinder mit ihren Vätern mit, Hin und wieder BR kamen pyr so dass so etwas Cowie eine Expedition daraus wurde. Für sie mag es ein Spaß gewesen sein, aber für mich war es Ernst: Ich musste so viel Holz sammeln, wie ich konnte, und dabei die Erwachsenen im Auge behalten, denen ich nicht über den Weg traute. Der Abstieg die steilen Bçschungen hinunter war schwierig. Meine beste Methode war, mich von einem Baum zum nächsten hinabzuhangeln. Manchmal musste ich hinunterrutschen und mich an Baumwurzeln festhalten, obwohl das meistens bedeutete, dass ich mir die kurzen Hosen zerriss und mit Kalkstein beschmierte. Das trug mir dann wieder eine Abreibung ein, wenn ich nach Hause kam. Den Kinderwagen ließ ich immer am Fuß dieser Steilhänge stehen, um ihn nach und nach bis zum Rand zu füllen. Dann 18


bestand das Problem darin, mit der schweren Ladung wieder die Hauptstraße hinunterzukommen. Ich musste den Kinderwagen mit aller Kraft festhalten, damit er mir nicht davonrollte. Wenn ich losließe und er beschädigt würde oder mit einem Auto zusammenstieße, würde ich mächtigen ¾rger bekommen. Dann kam ich nach Hause. Schweiß glänzte auf meinem Gesicht, das zu einer grinsenden Miene verzogen war, die sagte: «Sieh mal, was ich mitgebracht habe.» Ich wusste ja, wie schwer es gewesen war, und war stolz auf meine Leistung. «Na, dann mach es mal klein», war alles, was meine Mutter zu meinen Anstrengungen sagte. Also noch mehr Schwerstarbeit, bis ich die Holzstämme mit der alten, stumpfen Bogensäge kleingesägt hatte. Aber selbst dann schien alle meine Mühe vergeblich. Meine Mutter, die immer fror, belud den Rayburn mit Scheiten und setzte sich bei offener Luke direkt davor, um L sich an der lodernden Hitze zu wärmen, während SE rial wir weiter A B Hintern hinten im Zimmer saßen und uns den ate abfroren. Sie AG M L hätte nur die Luke zu schließen brauchen. Dann hätte die R ztes E t V Wärme von der Oberfläche N scdes hü massiven Stahlofens ausEZimmer N e gestrahlt und das ganze erwärmt, so dass wir alle etwas UN ght-g R i Aber daraus wurde nichts. Wir waren ja B hätten. davon gehabt pyr nicht so wichtig. Co Manchmal sammelte ich vereinzelte Kohlestücke auf, die von den Lieferwagen herabgefallen waren, aber Mum drängte mich auch dazu, Kohlen bei unseren Nachbarn nebenan zu klauen. Sie nannte es nicht stehlen – sie fing nur an, sich über die Kälte zu beklagen, und sagte mir, ich solle «von nebenan ein bisschen Kohle holen». Die Nachbarn – er war aus Schottland – hatten wenig mit uns zu tun, und ich hatte nie ¾rger mit ihnen. Aber weil ich es meiner Mutter recht machen wollte, schlich ich mich im Dunkeln hinaus, kletterte über den hinteren Zaun und kroch hinauf zu dem Kohlenloch neben der Hintertür. Dann sammelte ich einzelne Stücke von hier und da ein, damit er keines vermisste 19


(als ob er sich jedes Stück genau gemerkt hätte), und brachte gerade so viel davon nach Hause, dass Mum zufrieden war. Ich wusste, wenn es auffiele, dass Kohle fehlte, würde ich der Schuldige sein und eine gehçrige Abreibung bekommen. Eines jedoch verwirrte mich. Wenn ich mir ¾pfel von den Bäumen der Nachbarn schnappte oder welche vom Boden aufsammelte, weil ich solchen Hunger hatte, und meine Mutter dahinterkam, versohlte sie mir den Hintern. Wieso war es okay, für sie zu klauen, damit sie es warm hatte, aber nicht für mich, weil ich solchen Hunger hatte? Als ich ungefähr acht war, bat mich meine Mutter, mit dem Kinderwagen nach Petersfield zu gehen und Kohle zu kaufen. Das war der nächste grçßere Ort, ein paar Meilen entfernt. Meistens konnten wir uns keine Kohle leisten, aber sie muss wohl ausnahmsweise etwas Geld übrig gehabt haben. Ich verstand zwar L nicht, wieso wir uns die Kohle nicht liefern lassen aber SE rikonnten, al Auftrag A ich war ganz aus dem Häuschen, dass mirBein so twichtiger e G Ma LA Mannes erteilt wurde, der eines erwachsenen R tes würdig war. E z t V Mehrmals erklärte sieNmir, was chüich zu tun hatte. Ich sollte Eim Büro s N e zum Kohlenhof gehen, UN ght-g das Geld bezahlen und um eiR i nen halben Zentner Kohle bitten. Dort würde ich dann einen B pyr Zettel bekommen, Co mit dem ich hinüber zu dem Mann beim Kohlenschacht gehen musste, der die Kohle in unseren Kinderwagen schütten würde. Die Straße von Steep nach Petersfield ist sehr kurvenreich und hat kaum Bürgersteige und auf dem Rückweg ein paar ordentliche Steigungen. Meine Schwestern nahm ich lieber nicht mit, weil auf der Straße ziemlich schnell gefahren wurde. Darüber, wie ich das bewältigen würde, dachte ich nicht viel nach. Ich wusste nur, dass ich es irgendwie schaffen musste. Ich kam zum Kohlenhof und machte alles, wie es mir aufgetragen war. Als ich zum Schacht kam, um die Kohle abzuholen, sah mich der Mann, der mir den Sack füllte, mit seinem vom Kohlenstaub verschmierten Gesicht ganz merkwürdig an. 20


«Zu wem gehçrst du, Junge?», fragte er und schaute sich nach einem Erwachsenen um. «Zu niemandem», antwortete ich. «Ich bin allein hier.» «Und hast du es weit nach Hause?» «Bis nach Steep.» Ihm klappte der Unterkiefer herunter. «Steep», echote er. Er staunte, wie weit ich diese schwere Ladung zu transportieren hatte. Aber es war ein gutes Gefühl, dass ich aufgefordert worden war, etwas Schweres, ja Unmçgliches zu tun, und ich war wild entschlossen, es zu schaffen. Mum hatte es mir gesagt; also musste es auch mçglich sein. Den Hof zu verlassen war zunächst ganz leicht. Die Straße war am Anfang ganz eben. Dann ging es leicht bergab bis zu einem kleinen Kreisverkehr. Ab da wurde es allerdings schwieriger. Ich hatte mir offensichtlich nicht richtig überlegt, wie ich L diese schwere Ladung nach Hause bringenEsollte. S rial Zuerst kam A eine leichte Steigung, aber dann gingBes steiltebergauf, so dass a AG s Mund Lfesthalten ich mich an den Gartenmauern mit aller Kraft R e t E z t V schieben musste. Der Kinderwagen N schü schien eine Tonne zu wieNEso -klein e gen, und ich kam N mir U ght g vor. Ich war kurz davor zusamR i das Gefühl, keinen Schritt mehr weimenzubrechen B undyrhatte op zog ich den Griff des Kinderwagens nach terzukçnnen. C Also rechts und ließ die Räder sich an der Mauer verkeilen, damit mir der Wagen nicht zurück den Berg hinunterrollte. Mein Herz klopfte wie wild, und der Schweiß lief mir vom ganzen Kçrper und in die Augen. «Es ist zu schwer. Ich schaffe das nicht», sagte ich mir immer wieder. Aber ich musste. Schritt für Schritt kämpfte ich mich den Hang hinauf, immer nur ein kleines Stück, um nach ein paar Schritten wieder kurz innezuhalten und meine Kraft zusammenzunehmen. Ich hatte noch einen langen Weg vor mir, aber jeder Schritt brachte mich ein kleines Stück näher nach Hause. Nach diesem Berg gab es keinen Bürgersteig mehr. Ich hatte schreckliche Angst, von einem Auto zermalmt zu werden. Ich 21


musste noch eine Straße überqueren und dann einen anderen Hang wieder hinab. Was jetzt? Sollte ich einfach rennen und hoffen, ich würde die Ladung nicht verlieren, oder sollte ich lieber vorsichtig gehen? Ich weiß nicht mehr, wie ich es schaffte, aber schließlich kam ich tatsächlich schweißüberstrçmt zu Hause an. Ob ich wohl empfangen werden würde wie ein Held? Ob man mich wohl mit wehenden Fahnen begrüßen würde? Nichts dergleichen. Kein Schulterklopfen, kein «Gut gemacht!», nur ein überraschter Gesichtsausdruck. Es war ein Wunder, dass der Kinderwagen das überlebt hat, von mir ganz zu schweigen. Eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen es mir gelang, meiner Mutter etwas recht zu machen, war, wenn sie mich bat, mit ihr zu ihrem Anwalt in Petersfield zu gehen. Manchmal, wenn wir unterwegs waren, schubste sie mich in den L Rinnstein, wenn uns jemand entgegenkam. meistens SE Doch al A i r B hüpfte und rannte ich um sie her vor lauter Begeisterung, Zeit e t AG s Ma L mit ihr zu verbringen. R zte E V Mums Anwalt hatte sein Büro N schüint einer kleinen Seitengasse E N -geBesuchen musste ich immer draudes Marktplatzes. Bei t UN diesen R igh ßen warten, und den Passanten nicht ins Gesicht B ichyrversuchte, p zu schauen. Aus Co irgendeinem seltsamen Grund hatte ich ein schlechtes Gewissen dabei, mich dort aufzuhalten: ein kleiner, verirrter Junge in kurzen Hosen, zerrissen und schmutzig. Von drinnen hçrte ich die geduldige Stimme eines Mannes und das verzweifelte Weinen meiner Mutter. Mir, der ich draußen stand, fiel es immer schwer, nicht selbst in Tränen auszubrechen, wenn ich meine Mutter weinen und flehend auf den Mann einreden hçrte. Ich weiß, dass sie dringend Geld für die Miete auftreiben musste. Uns war bereits die Räumung angedroht worden. Was bei diesen Treffen herauskam, erfuhr ich nie. Ich weiß nur, dass der Rückweg ganz anders verlief als der Weg in die Stadt. Ich war müde und hatte schlechte Laune. Wir waren 22


meilenweit gelaufen, und es war alles nur Zeitverschwendung gewesen. Wenn ich aus den Augenwinkeln meine Mutter anschaute, sah ich sie oft immer noch weinen. Und dann plçtzlich explodierte sie heftig und schrie mich an: «Siehst du, ich hab dir doch gesagt, was dein Alter für einer ist! Jetzt siehst du es! Er schert sich einen Dreck um dich. Kapierst du das endlich? Ist dir das klar?» Am liebsten hätte ich zurückgebrüllt: «He, stopp mal! Ich kann doch nichts dafür! Es ist unser Dad, auf den du sauer bist!» Ich verabscheute mein Leben zu Hause, aber draußen war es auch nicht besser. In dieser Mittelschichtgegend, in der wir wohnten, kamen wir uns vor wie der Abschaum des Ortes. Vornehme Leute redeten nicht mit niederem Volk wie uns. Wir wurden ausgegrenzt wie Aussätzige in einer Leprakolonie. Oft ritten diese Leute auf ihren Pferden zum Schmied des Dorfes, L während ich auf der Bordsteinkante saß, mirENummernschilder S rial A aufschrieb und zu diesen großen Pferden die te G B Maemporstarrte, Amich L über mir aufragten. Ich erinnere immer wieder an eine s ERaufütihrem zte Pferd die Straße entV besonders vornehme Frau, die N sch NE e langgeritten kam und von-g N U ght oben auf uns elende, halb verwilderR i B Sozialwohnungskinder te, unbändige herabblickte. pyr Ich kam mir Coschmutzig vor und schämte mich meiner Armut. Voller Neid schaute ich auf die Kinder, die die Privatschulen in der Nähe besuchten. Die hatten es geschafft – allein die Kleider auf ihrem Leib waren mehr wert als alles, was unsere ganze Familie besaß. Einmal in der Woche schauten wir zu, wie die älteren Jugendlichen an uns Rotznasen vorbei zu ihrem Geländelauf aufbrachen. Meistens wurden wir vçllig ignoriert. Am liebsten hätte ich sie lauthals beschimpft. Ihr Reichtum ging mir auf die Nerven. Sie hatten alles, und wir hatten nichts. Wie es in vielen kleinen Dçrfern der Fall ist, hatten die Bewohner von Steep das gemeinsame Hobby, genau über die Angelegenheiten aller anderen Bescheid zu wissen. Wenn man sich heute auf Google Maps meine alte Straße anschaut, sieht man 23


auf mehreren Aufnahmen einen Nachbarn direkt in die Kamera blicken. An diesem Haus bewegten sich immer die Vorhänge, wenn ich die Straße entlangging. Es kam mir stets so vor, als hätten die Leute es auf uns abgesehen. Manchmal kletterte ich auf eine der Eichen auf der Grünfläche vor unserem Haus, und plçtzlich kam ein Nachbar – besonders ein Mann, der ein paar Häuser weiter wohnte – aus der Tür geschossen, schnauzte mich an und verpasste mir eine Kopfnuss. Warum saß ein erwachsener Mensch am Fenster, spähte durch die Gardinen hinaus und wartete nur auf die Gelegenheit, hinauszustürmen und einen kleinen Jungen wie mich anzuschreien? Hasste er uns so sehr? Schon wenn wir nur auf der Bordsteinkante vor seinem Haus saßen, schoss er bald heraus und brüllte uns an: «Hey du, Greenaway, verzieh dich an dein Ende der Straße!» Manchmal, wenn ich die schmalen çffentlichen Fußwege L zwischen den Bungalows entlangrannte, kamen aus l SE riNachbarn aals A B ihren Häusern und riefen: «Geh woanders lang!», hätte ich e G at ein Privatgrundstück betreten. RLA es M E üwohnten tzt VVaters Zwei Schwestern meines nur ein paar HäuN h c s NE -genichts ser weiter, aber sieNwollten mit uns zu tun haben. Ich U ght weiß noch, dass BR wir yrisie ein paarmal besuchten, aber es kam opals mir immer so C vor, wären wir unerwünscht. Nicht nur mein Vater lehnte uns ab – seine ganze Familie tat es. Oft drohten mir Nachbarn, mich bei meiner Mutter zu verpetzen, ganz egal, ob ich etwas ausgefressen hatte oder nicht. Das brachte immer eine ordentliche Abreibung mit sich. Einmal bekam ich eine Tracht Prügel wegen eines zerschlagenen Fensters, von dem ich keine Ahnung hatte. Mum konnte sich nie meine Seite der Geschichte anhçren, und sie hätte mir sowieso nicht geglaubt. Wenn sie dann später herausfand, dass ich die Wahrheit gesagt und die andere Person – selbst wenn es ein Erwachsener war – gelogen hatte, bekam ich zu hçren, dass mir die Abreibung dann eben fürs nächste Mal gutgeschrieben würde. Daran hielt sie sich natürlich nie. 24


Immer wenn in dieser Zeit irgendetwas passierte, so kam es mir vor, wurde mir die Schuld gegeben, zumal mir ja das Stigma anhaftete, keinen Vater zu haben. Alle Kinder in der Straße konnten mir in die Schuhe schieben, was sie angestellt hatten. Irgendwann kam ich zu dem Schluss: Wenn ich schon beschuldigt wurde und Prügel bekam, dann konnte ich es auch tun, was immer «es» war. Unsere Grundschule war eine halbe Meile entfernt, gegenüber der Kirche. Es war ein Albtraum dort. Ich wurde schikaniert wie verrückt, und das ging so weiter, als ich auf die weiterführende Schule kam. Ich glaube, meine Kçrpersprache machte mich zu einer leichten Zielscheibe. Ich lief immer mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern herum. Mir kam es so vor, als würde ich jeden Tag entweder auf dem Weg zur Schule oder auf dem Weg nach Hause verspottet oder verprüL mich schikagelt. Besonders ein Junge hatte bemerkt, dass l SE er A nieren konnte, ohne dass ich es ihm heimzahlte B ater–iadie KampfesG A s Mlängst ausgetrieben lust war mir zu diesem Zeitpunkt RL zschon e E t tHobby. V worden. Er machte mich zu seinem Wenn die Schule ü N h c E dem s Nauf e zu Ende war und N ich Heimweg vor mich hin träumte U ght-g R i ein paar anderen auf der Lauer, um über und trçdelte,Blag erymit p r mich herzufallen. Co Viele Jahre später, als ich bei meiner Rockerbande war, sah ich diesen Jungen in Petersfield wieder. Er fing einen Blick von mir auf, wurde kalkweiß und machte sich schleunigst aus dem Staub. Ich hätte es ihm heimzahlen und ihn in die Mangel nehmen kçnnen, aber ich fand es nur amüsant. Es gab auch Gelegenheiten, wo es fast «normal» zuging. Einmal im Jahr fand die Blumenausstellung mit verschiedenen Veranstaltungen im Park von Steep statt. Ich beteiligte mich manchmal am Wettbewerb für Miniaturgärten und richtete eine kleine Anlage auf einem Teller oder einem kleinen Tablett her. Hin und wieder gewann ich sogar etwas. Das alles wurde von anständigen, freundlichen Leuten veranstaltet, und es war 25


ein gutes Gefühl, dabei mitzumachen. Aber es ging alles viel zu schnell vorbei. Manchmal spielte ich mit anderen Kindern auf der Wiese Verstecken oder Schlagball. Das machte mir Spaß. Aber ich traute mir nichts zu. Wenn die Mannschaften gewählt wurden, hoffte und betete ich immer, ich würde nicht einer der Letzten sein, die gewählt wurden. Ich wollte das Gefühl haben, nicht vollkommen unnütz zu sein, wollte erleben, dass man mich dabeihaben wollte. Aber diese Hoffnung blieb vergeblich. Die Landschaft ringsum war meine wichtigste Fluchtmçglichkeit. Ich verbrachte viele Stunden damit, dort herumzustreunen. Wenn ich allein mit mir selbst war und niemand wusste oder sich darum scherte, wo ich war, ging es mir gut. Ich hatte sogar meinen eigenen Geheimunterschlupf – eine Klippe in der Nähe des Waldes mit einem großen Baum auf L der Kante. Hinter seinen Wurzeln, die überEden l S riaKlippenrand A hingen, verbarg sich eine tiefe Nische, B in die ich hineinklettern e t G a A konnte. In diesem mutterschoßähnlichen RL ztes MVersteck fühlte ich E V hich mich sicher. Von hier ausNkonnte üt die Leute belauschen, die c E s N e einen nahen Weg entlanggingen UN ght-g und keine Ahnung hatten, dass R i ich dort war. B pyr mir meine Rückzugs-Bemühungen im Zu Hause lieferten Co hinteren Garten ein weiteres Versteck. Ich konnte mich hinter die Brennnesseln und Brombeerranken wühlen und in den Tunneln herumkrabbeln, die ich mir so geschaffen hatte. Auch hier konnte Mum mich niemals finden. Kinder, die missbraucht und schikaniert werden, haben oft Angst, jemandem davon zu erzählen, aber damals in der dunklen alten Zeit wurde über so etwas wie Missbrauch überhaupt nicht geredet. So neugierig alle in unserem Dorf waren – was ich durchmachte, schien keiner zu bemerken. Ich lernte früh, niemandem zu trauen und mich von Erwachsenen fernzuhalten, um mich zu schützen. Wem hätte ich mich also mit meinem seelischen Leid anvertrauen kçnnen? Mich 26


verstand ja doch keiner. Was mit mir los war, kümmerte niemanden. Warum sollte ich also groß darüber reden? Ich litt, und ich hatte nicht gelernt, damit fertigzuwerden. Ich war ja nur ein kleiner Junge. Oft kam es mir vor, als wäre ich in eine Grube geworfen worden, aus der es kein Entrinnen gab. Ich konnte nichts an alledem ändern. Ich hielt mich ja selbst für einen Taugenichts, ein ungewolltes Kind, das immer nur im Weg war und an dem niemandem etwas lag. Dass es einen Gott gab, glaubte ich schon, aber ich dachte, ich wäre so schlecht, dass er nichts mit mir zu tun haben wollte und ich in die Hçlle kommen würde – der Gipfel der Ablehnung. All diese Dinge wurden mir von den Erwachsenen um mich her immer wieder eingebläut: von meinem leiblichen Vater und seiner Familie, von meiner Mutter und von den Nachbarn. Von ihnen allen lernte ich nichts als Bitterkeit, Zorn, Ablehnung L und Enttäuschung. Dagegen ankämpfen konnte l nicht. Ich SE riaich A B brach unter der Last einfach zusammen. e G Mat LAgenug Wenn man jemandem lange R tes einredet, er sei ein E z t V Schwein, fängt er irgendwann hüzu grunzen! Wenn man imcan ENzuehçren s N mer wieder, Tag für Tag, bekommt, man tauge nichts UN ght-g R ials ein Häufchen Dreck, in das gerade jeund sei nichtB besser pyr mand getretenCo ist, dann fängt man an, es zu glauben und die Rolle zu spielen, die andere einem aufzwingen. Ich erwartete nichts, denn mehr als das würde ich auch nicht bekommen. Mir würde immer nur Bçses passieren. Ich war ein freches Großmaul. Vielleicht war das meine Art, mich zu wehren. Ich wollte auf niemanden außerhalb der Familie hçren und riskierte oft eine ziemlich dicke Lippe. Vielleicht trug das dazu bei, dass ich mich mit niemandem gut verstand. In späteren Jahren war es mir schnurzegal, ob ich anderen auf die Füße trat. Ich brauchte keine Freunde und traute niemandem über den Weg. Wenn mir jemand eine verpasste, überraschte mich das nicht im Mindesten. Ich hatte es ja nicht besser verdient. 27


Mit dem Nachdenken hatte ich es als Kind nicht so. Ich wurstelte mich einfach in den Grenzen einer gestçrten Familie durch mein Leben. Doch als ich älter wurde, begann ich, verzweifelt nach Antworten zu suchen. Warum war mein Vater weggegangen? Ich erinnerte mich nicht mehr an die Zeit, als er noch bei uns gewesen war. Was für eine Ehe hatten er und Mum geführt? Waren sie irgendwann einmal leidenschaftlich verliebt gewesen? Hatten sie sich viel gestritten? Hatte Mums Jähzorn ihn vertrieben? Oder lag es daran, dass ich etwas falsch gemacht hatte? Meine Mutter schien ja der Meinung zu sein, dass ich an allem schuld war und nie etwas richtig machte. Vielleicht war ja tatsächlich meinetwegen alles den Bach runtergegangen. Und warum lehnte seine ganze Familie uns ab? Das schien darauf hinzudeuten, dass er das Richtige getan hatte, als er uns L den Rücken kehrte. SE rial A Später hçrte ich Gerüchte, Dad habe wieder geheiratet, G B Mate noch ein paar Kinder gezeugt R und der Nähe von PortsLAsichein s t E z t V mouth niedergelassen. Irgendwann fand ich heraus, dass er als chüWarum die und nicht wir? EN esgalt. N ein großartiger Familienvater UN ght-g Mum erzählte nichts, so dass unzählige Fragen BRuns yüberhaupt ri op unbeantwortetCblieben. Irgendwann hatte ich das Gefühl, verrückt zu werden. Als die Vergiftung voranschritt und der Wahnsinn mich zu überfluten begann, kam es mir vor, als ob in mir etwas vor sich hin brodelte und zu einem gefährlichen Monster heranwuchs, das brüllend hinaus ins Freie drängte. Ich war nur ein Zwerg und noch nicht stark genug, mich zu wehren. Doch eines Tages würde ich an der Reihe sein. Das wusste ich. Meine Zeit würde kommen.

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Greenaway: Feuerreiter  
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