Andacht Göpfert, 40 tage mit Dietrich Bonhoeffer: Tag 18

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Tag 18 Schweigen

„Das Merkmal der Einsamkeit ist das Schweigen, wie das Wort das Merkmal der Gemeinschaft ist. Schweigen und Wort stehen in derselben inneren Verbundenheit und Unterschiedenheit wie Alleinsein und Gemeinschaft. Es gibt eines nicht ohne das andere. Das rechte Wort kommt aus dem Schweigen, und das rechte Schweigen kommt aus dem Wort. Wie es am Tage des Christen bestimmte Stunden für das Wort gibt, besonders die gemeinsame Andachts- und Gebetszeit, so braucht der Tag auch bestimmte Zeiten des Schweigens unter dem Wort und aus dem Wort. Das werden vor allem die Zeiten vor und nach dem Hören des Wortes sein. Das Wort kommt nicht zu den Lärmenden, sondern zu den Schweigenden. Die Stille des Tempels ist das Zeichen der heiligen Gegenwart Gottes in seinem Wort. […] Wir schweigen am frühen Morgen des Tages, weil Gott das erste Wort haben soll, und wir schweigen vor dem Schlafengehen, weil Gott auch das letzte Wort gehört. […] Schweigen heißt schließlich nichts anderes als auf Gottes Wort warten und von Gottes Wort gesegnet herkommen. Dass dies aber nötig ist zu lernen in einer Zeit, in der das Gerede überhandgenommen hat, das weiß jeder von sich selbst. […] Es wird aber das Schweigen vor dem Wort sich auswirken auf den ganzen Tag. Haben wir vor dem Wort schweigen gelernt, so werden wir mit Schweigen und Reden auch am Tag haushalten lernen. […] Es liegt im Stillesein eine wunderbare Macht der Klärung, der Reinigung, der Sammlung auf das Wesentliche. Das ist schon eine rein profane Tatsache. Das Schweigen vor dem Wort aber führt zum 79


rechten Hören und damit auch zum rechten Reden des Wortes Gottes zur rechten Stunde. Viel Unnötiges bleibt ungesagt. Das Wesentliche und Hilfreiche aber kann in wenigen Worten gesagt sein.“ (Gemeinsames Leben S. 91f – DBW 5,67f )

„Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen und wird deine Gerechtigkeit heraufführen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag. Sei stille dem HERRN und warte auf ihn.“ (Ps 37,5-7a)

In Bonhoeffers Buch „Gemeinsames Leben“ folgen nach dem Eingangskapitel mit der Überschrift „Gemeinschaft“ zwei Teile mit den Titeln „Der gemeinsame Tag“ und „Der einsame 80


Tag“. Im letztgenannten Abschnitt kommt Bonhoeffer auch auf das Schweigen zu sprechen. Davon geht eine große Kraft aus, denn Schweigen bedeutet nun nicht, einfach still zu sein, sondern eine Haltung innerer und äußerer Konzentration, eine Ausrichtung auf Gottes Wort hin einzunehmen. Solches qualifiziertes Schweigen ist wiederum gelebte Rechtfertigung – Bonhoeffer macht deutlich, dass Christen zuerst aus dem leben, was sie von Gott empfangen. Das ist kein Aufruf zur Untätigkeit, aber die Einsicht, dass aus dem Innehalten vor Gott die Kraft und Ausrüstung kommt, die für das rechte Reden und Tun notwendig ist. Somit geht es Bonhoeffer nicht um eine Alternative nach dem Motto: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Er weist vielmehr hin auf die Wechselwirkung von Schweigen, Hören und Reden. Im Finkenwalder Predigerseminar wurde morgens und abends geschwiegen. Nach der Stille der Nacht schwiegen die Vikare bis zur Morgenandacht, da Gottes Wort das erste sein sollte, was an jedem Tag zur Sprache kam. Nach dem Frühstück folgte dann wiederum eine Zeit des Schweigens, in der ein Bibeltext still meditiert wurde. Der Abendandacht sollten dann die letzten Worte des Tages vor der Stille der Nacht gehören.

»» Welche Erfahrungen habe ich bisher mit bewussten Zeiten der Stille gemacht? »» (Wie) können Bonhoeffers Anregungen auch außerhalb der besonderen Finkenwalder Situation angewendet werden? »» Habe ich die Erwartung, Gott zu begegnen, wenn ich schweige und mich in der Stille mit Gottes Wort beschäftige?

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»» Ich danke für die Stille, in der Gott verheißen hat, zu uns zu sprechen. »» Ich bitte um innere Ruhe, wenn ich bewusst die Stille suche und schweige. »» Ich bitte um einen Lebensstil, der auf die Wechselwirkung von Schweigen und Reden, von Hören und Tun ausgerichtet ist.

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