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Vom Praktikanten mit Rückenschmerzen  zum Teamleiter mit Perspektiven

 Toni Albertin


Das ist die Geschichte von Toni Albertin aus Widnau. Er kam als Praktikant in die Logistik von Br端ggli. Heute arbeitet er als Teamleiter.


Inhaltsverzeichnis Der Zwischenfall

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Die Therapie

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Die Neuorientierung

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Die SAA-Ausbildung

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Der zweite Anlauf

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Der Br端ggli-Alltag

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Die Zukunft

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Der Zwischenfall Es fühlte sich an wie ein Schlag in den Rücken, wie ein Dolchstoss zwischen die Schulter­ blätter, der die Nervenbahnen zum Glühen bringt. Noch gut erinnert sich Toni Albertin an den Spaziergang an einem milden Som­ merabend im Jahr 2007. Das Leben blühte und der damals 28-Jährige stand mittendrin. Völ­lig unerwartet traf ihn der Schmerz im Rü­ cken – heftig, aber kurz. Der Schmerz klang nach wenigen Minuten wieder ab. Toni Al­ bertin, der alles andere als einen Hang zur Dramatik hat, konnte damals nicht ahnen, dass es sich um einen Moment für die Ewig­ keit handeln sollte.

diesen Tag: «Ich musste Paletten von Hand transportieren», erinnert er sich. «Eins ging noch. Und dann konnte ich meinen linken Arm nicht mehr bewegen.» Nur noch in einem Winkel von etwa 30 ° konnte er den Arm vom Körper abheben. Und die Lähmungserschei­ nungen gingen weiter und wirkten sich auch in der Brust und im Rücken aus. Also sofort zum Arzt. Dort gabs Schmerzta­ bletten und den Weiterverweis an einen Spe­ zialisten. «Er wusste nicht, was los war», sagt Toni Albertin.

Am nächsten Tag ging er wie gewohnt zur Toni Albertin über den Logistiker-Beruf: Arbeit. Als Logistik-Allrounder bei der Fir­ ma Forster in Arbon war er sich den Umgang «Die Logistik ist das Herz einer mit dem Stapler ebenso gewohnt wie mit Ich glaube, das sagt alles.» dem Schwebekran. Wareneingangskontrolle, Kleinteilelager, Kommissionierung und Ver­ lad waren sein täglich Brot. Und der Trans­ port von Paletten war beileibe nichts, was ihn sonderlich gefordert hätte. Bis auf eben

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Firma.


Die Therapie Ein gebrochenes Bein ist als solches präzis zu diagnostizieren. Mit Lähmungserscheinun­ gen und Rückenproblemen ist das schwieriger. Toni Albertin weiss bis heute nicht genau, was ihn ereilt hat. Eine Anfrage beim Arzt gibt Aufschluss: «Rechtsseitig verschmälerte Len­ denwirbelsäule im Bandscheibenfach beim Wirbelkanal 7/8 mit Mehrsklerose der End­ platten, generativ bedingt.» Der Fachmann spricht vom «zerviko-radikulären Schmerz­ syndrom mit einer fortgeschrittenen genera­ tiven Veränderung C5-C6». Für Toni Albertin sind es in einfache Worte gefasst: Schmerzen im Bereich der Halswirbelsäule – «Abnut­ zungserscheinungen». Insgesamt wurde er für sechs Monate krankgeschrieben. Der Arzt riet ihm, Belastungen zu vermeiden und nicht mehr 100 %, sondern 50 % im gewohnten Be­ rufsumfeld zu arbeiten. «Therapeut ist nicht gleich Therapeut», blickt Toni Albertin auf seine Physio-Behandlungen zurück. Er war verspannt – «wie ein Brett». Drei Therapeuten, erzählt er, hätten ihm nichts gebracht. Erst mit dem vierten Ver­ such kam Hoffnung auf. Toni Albertin at­ testiert der Therapeutin, dass sie ihm nicht mit Übungen kam, «die ich ohnehin nicht gemacht hätte», sondern mit schmerzlindern­ den Massagen und Tipps zu einer gesunden Schlafhaltung. 6

Zugleich begann er, die Rückenmuskulatur zu trainieren. Das Fitnessstudio verlangt ihm noch heute Überwindung ab. Das Treten auf der Stelle, das Sehen und Gesehenwerden, die kollektiv gesuchte Einzigartigkeit sind nicht seine Sache. Und doch sind Fitnessgeräte sei­ ne stetigen Begleiter. Denn das Training hilft. Toni Albertin hat eine einfache Wahl: «Mig­ räne oder Training.» Wenn er nicht trainie­ re, habe er oft ab 18 Uhr Migräne. An einen gemütlichen Kinoabend mit der Freundin, ans Salsa-Tanzen oder ans Gitarrespielen in seiner Band «Contra» ist dann nicht mehr zu denken. Toni Albertin über Fitnesscenter:

«Muss nicht sein. Oder eben doch. Mir bleibt keine andere Wahl: Training oder Migräne.»


Die Neuorientierung Toni Albertin war seit dem Jahr 2000 bei der Firma Forster in Arbon tätig. Zuvor, von 1998 bis 2000, stand er bei der Swarovski AG in Triesen (Fürstentum Liechtenstein) im Dienst, ebenfalls als Logistiker. Ursprünglich hatte er den Beruf des Dachdeckers erlernt. Schon damals hatte er Rücken- sowie Knieprobleme. Diese bewogen ihn dazu, von der Baubranche in die Logistik zu wechseln. Aus Sicht des Lai­ en sind das zwei ähnlich strenge Berufsfelder. Toni Albertin aber relativiert: «Für mich war der Beruf des Logistikers weniger streng.»

Die IV bot dann Hand zu einer Umschulung. Etwas Kaufmännisches, Büroarbeit, stand zur Diskussion. «Auf keinen Fall.» Die Jazz­ schule und die Ausbildung zum Tontechniker erschienen den Leistungsträgern als zu aben­ teuerlich oder zu sehr dem Hobby Zugewand­ ten. Der IV-Berufsberater führte Toni Alber­ tin letztlich an den Beruf des Arbeitsagogen heran. «Ich war unsicher, ob das etwas für mich ist.» Eine Abklärung im Brüggli sollte Klarheit bringen.

Rund zehn Jahre wuchs er also im Beruf des Toni Albertin über Schicksal: Logistikers. «Ich kam voran», sagt er, «wur­ de gefördert, hatte gute Kollegen und einen «Annehmen, wie es guten Chef.» Ein grosser Hunger nach Erfah­ rungen und Eindrücken trieb ihn an. Umso schwerer fiel es ihm, als er 2007 die Kündi­ gung erhielt. Das verordnete kleinere Arbeits­ pensum und die Sorge um den Rücken führ­ ten zum Stellenverlust – man trennte sich im guten Einvernehmen, wie es so schön heisst.

ist und damit umgehen lernen.»

Wie weiter? Die IV stellte ihm eine Rente in Aussicht – zu Toni Albertins Überraschung sehr rasch. Aber er wollte keine Rente, nie habe er darauf spekuliert. «Ich kann arbeiten. Und ich will arbeiten.»

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Die SAA-Ausbildung Und so führte Toni Albertins Weg in die Logistik-Abteilung von Brüggli. Nach einem Vorstellungsgespräch wurde ein dreimonati­ ges Praktikum vereinbart. Nach eineinhalb Monaten musste er sich entscheiden: entwe­ der einsteigen und die Ausbildung zum Sys­ temischen Arbeitsagogen (SAA) angehen oder aussteigen. Er entschied sich für den zweijäh­ rigen berufsbegleitenden Lehrgang und für Brüggli. Eine spannende Zeit begann. Von anderen hatte Toni Albertin gehört, dass man in der SAA-Ausbildung auch persönlich weiterkomme. «Nur wie und in welchem Rah­ men, das war mir unklar.» Denn jeder erlebe die Ausbildung anders. Seinen Gewinn sieht er vor allem im geschärften Blick für die De­ tails und die grossen Zusammenhänge. «Der Blickwinkel hat sich geöffnet.» Und das zähle ja auch in der Arbeit mit den Klienten: den Fokus weiten und das individuelle Können in die richtigen Bahnen lenken. Toni Albertins wichtigste Erkenntnis: «Sei dir bewusst, was du tust und wie du es tust. Sei mit dir selbst im Reinen.»

Systemischer Arbeitsagoge Der Systemische Arbeitsagoge arbeitet mit Menschen zu­ sammen, die einen erschwerten Zugang zur Arbeitswelt haben – wegen körperlichem, psychischem oder geistigem Handicap, wegen Suchterkrankung, Krankheit und Unfall, wegen wirtschaftlich bedingter Arbeitslosigkeit, im Rahmen eines Straf- und Massnahmenvollzugs oder im Zusammen­ hang mit einer Migration. Ein sehr vielfältiges Tätigkeitsgebiet also, in dem eines im Vordergrund steht: die Hilfe zur Selbsthilfe. Der Arbeits­ agoge unterstützt die Klienten bei einer möglichst selbst­ bestimmenden Lebensgestaltung sowie auf dem Weg zur beruflichen und gesellschaftlichen Rehabilitation. Arbeitsagogen sind in Sozialunternehmen wie Brüggli sowie in anderen Integrationseinrichtungen verschiedener Grös­ sen und Ausrichtung tätig. Ausserdem ist der Arbeitsagoge auch als individueller Coach (dann mit einer Zusatzqualifi­ kation im entsprechenden Beratungsbereich) gefragt.

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Der zweite Anlauf Toni Albertin konnte also profitieren in der Aus­ bildung zum Systemischen Arbeitsagogen – für sich selbst und ebenso zuguns­ ten der Klienten in der Brüggli-Logistik, die er auf dem Integrationsweg im engen Kontakt mit den Vorgesetzten und den Zuweisenden begleitet. Trotzdem kam es nach dem Aus­ bildungsabschluss 2009 zu einer erneuten Veränderung. Toni Albertin hatte eine Fest­ Toni Albertin über Veränderungen: anstellung als Teamleiter in der Logistik von Brüggli angeboten bekommen, diese aber ab­ «Das Leben besteht aus gelehnt, weil er mit den Rahmenbedingungen Und aus Entscheiden.» nicht einverstanden war. Da stand er wieder am Scheideweg. Zwei Monate tat er «nichts». Nichts heisst: Gitar­ re spielen, Tanzen – «das Leben geniessen». Dann führte sein Weg zur Stiftung Kompass in Bischofszell. Und damit zurück zur Tätig­ keit des Arbeitsagogen. Toni Albertin betreu­ te Klienten am Computer, bei der Stellenbe­ werbung und in der Deutsch-Nachhilfe. Im Spätsommer 2010 kam der Anruf von Brüggli. Toni Albertin bekam die Anfrage, ob er temporär in der Brüggli-Logistik aushelfen würde. Dieses Mal stimmte alles. Toni Alber­ tin stieg ein und blieb. Aus der TemporärAnstellung wurde eine feste.

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Veränderungen.


Der Brüggli-Alltag Die Brüggli-Logistik steuert den Warenfluss fürs ganze Unternehmen. Da gehen viele Wa­ ren ein und aus. Und noch mehr Teile, die an die richtigen Stellen weitergeleitet werden müssen, damit sie dort zu einem Veloanhän­ ger oder einer Hundebox oder einem anderen Produkt werden können.

Einer, der Toni Albertin von Anfang an be­ gleitet hat, ist Daniel Billeter, Teamleiter in der Logistik. Er hebt die guten Umgangsfor­ men und die Hilfsbereitschaft seines Kollegen hervor. «Man kann gut mit ihm zusammen­ arbeiten.»

Gerne erinnert sich Toni Albertin daran, wie er mit den Lernenden der Logistik das Lager «hammermässig frisch gemacht» hat. «Ich liebe es, Ordnung zu schaffen», sagt er, um schelmisch anzufügen, «auch wenn mein Bü­ Toni Albertin über Salsa: rotisch ein anderes Bild vermitteln mag.» In der Arbeit mit den Lernenden und Mitarbei­ «Salsa muss man erleben. tenden versucht er auch, auf anderer Ebene Salsa ist ein Lebensgefühl. aufzuräumen – nämlich so, dass Menschen sich entfalten und weiterentwickeln können. Ein offenes Ohr, ein wacher Blick und das nötige Mass für Nähe und Distanz sind un­ erlässlich, wenn Toni Albertin sich mit seinen Leuten mit Alltagssorgen befasst, die zum Beispiel durch eine Borderline-Problematik oder ein ADHS-Syndrom begünstigt worden waren. «Wenn’s immer reibungslos laufen würde», sagt er, «wäre es langweilig.»

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Ich liebe es.»


Die Zukunft Toni Albertin hat eine berufsbegleitende Wei­ terbildung zum Logistik-Fachmann begon­ nen. Was danach kommen mag? Da will sich Toni Albertin nicht festlegen. Es gefalle ihm im Brüggli. «Klar ist mir aber auch, dass ich nicht 20 Jahre in derselben Firma sein kann.» Sein Blick gleitet durchs Fenster in die Wei­ te. «Gitarrenlehrer, das wäre auch mal was», sagt er, und man neigt gerne dazu, ihm das zuzutrauen. Ist er ein nimmermüder Sucher? Toni Albertin überlegt drei Herzschläge lang: «Ich bin einer, der spürt, wann es Zeit ist wei­ terzugehen.»

Toni Albertin über Gitarre spielen:

«Meine Töne, mein Rhythmus, meine Gefühle. Mit Musik kann ich mich wunderbar ausdrücken.»

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Herausgeber: Brüggli Hofstrasse 3 + 5 8590 Romanshorn www.brueggli.ch Text: Michael Haller, Unternehmenskommunikation Grafik / Layout: Lukas Schiltknecht, Polygraf im 3. Lehrjahr Druck: Printagentur by Brüggli, www.printagentur.ch

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Rückenschmerzen  

rueckenschmerzen

Rückenschmerzen  

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