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G eh รถ r losi g k ei t die unsichtbare Behinderung


Adriano Greco meint: ÂŤAlles klar!Âť


Inhalt Sie ist nicht zu sehen. Sie ist nicht zu spüren. Sie ist schwer zu fassen. Sie offenbart sich erst mit dem ersten Wort. Gehörlosigkeit – die unsichtbare Behinderung.

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Gehörlosigkeit – Welt der Stille? Das Ohr: erstaunliches Sinnesorgan Adriano Greco: Gehörlos glücklich Gebärdensprache: Sprache mit Hand und Fuss Hörgeräte – das dritte Ohr Was sagt Adriano?

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«Auch wenn ich nicht sprechen kann – ich finde immer Wege, mir Gehör zu verschaffen.»


Gehörlosigkeit Die Welt der Stille? Die meisten von uns kennen das: Man will nichts mehr von einer Sache wissen, in Ruhe gelassen werden, buchstäblich «nichts mehr davon hören». Als Kind haben wir uns in solchen Fällen mit beiden Händen die Ohren zugehalten, die Augen zugepresst und laut irgendwelche Melodien gesungen oder «la la laaaaa» gerufen. Jeder von uns hat schon mal ausprobiert, wie das ist, nichts mehr zu hören, indem wir uns die Ohren zugehalten haben. Doch man konnte machen, was man wollte und die Hände noch so fest gegen den Kopf pressen: Irgendein Geräusch drang immer noch durch. Und sei es nur, die eigene Stimme im Kopf zu hören. Wie ist es aber, dauerhaft und ohne Hände auf den Ohren fast oder gar nichts mehr zu hören? In einer Welt der totalen Stille zu leben? Für immer «in Ruhe» gelassen zu werden?

Kein Mitleid, bitte Häufig haben Hörende Mitleid mit den Gehörlosen, weil sie beispielsweise keine Musik und kein Vogelgezwitscher hören können. Doch wer etwas nicht kennt, kann es auch nicht vermissen. Heisst, dass Gehörlose, die von Geburt oder frühen Kindesjahren an nicht hören können, häufig auch keine Musik oder kein Gezwitscher vermissen, weil sie diese Geräusche noch nie gehört haben. Musik und andere Geräusche fehlen ihnen nicht in ihrer Welt. Gehörlose entwickeln andere Strategien, um zu «hören»: Die einen lieben es, ihre Hand aufs Klavier zu legen, Discos zu besuchen oder ihre Stereoanlage zu Hause voll aufzudrehen. Sie nehmen die Schwingungen der Musik mit den Fingern, den Füssen und dem Bauch wahr. Dabei können sie sich viel besser auf Feinheiten konzentrieren als Hörende, deren Gehirn voll mit den Signalen der Ohren ausgelastet ist. Wie unser Protagonist Adriano Greco: Er tanzt leidenschaftlich gerne Salsa und sagt, dass er die Musik durch seinen Körper spürt. Für die Musikliebhaber unter den Gehörlosen können solche Erlebnisse also ähnlich bereichernde Erfahrungen sein wie das «richtige» Hören. Mitleid ist also nicht angebracht.

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Definition Eine Gehörlosigkeit liegt vor, wenn Geräusche und Töne nicht oder nur stark eingeschränkt wahrgenommen werden. Die Laute dringen zwar ins Ohr, sie können aber vom Hörorgan nicht verarbeitet oder weitergeleitet werden. Die Begriffe «Taubheit» und «Gehörlosigkeit» werden heute meist als Synonym verwendet. Die Betroffenen bevorzugen allerdings den Ausdruck Gehörlosigkeit, weil sie ihn als weniger diskriminierend empfinden. Bei der Gehörlosigkeit bezieht sich die medizinische Definition nur auf das Hörvermögen. Dabei erfolgt eine Unterscheidung zwischen absoluter und praktischer Taubheit:

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Absolute Taubheit bedeutet einen Hörverlust von mehr als 60 Dezibeln (dB) im Bereich zwischen 125 und 250 Hertz (Hz) sowie von mehr als 100 dB im restlichen Frequenzbereich. Praktische Taubheit bedeutet, dass Hörverluste zwischen 85 und 100 dB vorliegen. Diese sogenannte Resthörigkeit oder an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit ermöglicht noch eine Wahrnehmung einzelner Töne oder Geräusche (sog. Hörreste). Im täglichen Umgang ist die Einschätzung, ob eine Person schwerhörig oder gehörlos ist, oft schwierig. Dafür ist vor allem der Zeitpunkt der Schädigung des Gehörs entscheidend. Es wird unterschieden zwischen prälingualer Gehörlosigkeit, d.h. dem Verlust der Hörfähigkeit vor dem natürlichen Spracherwerb, also vor dem Alter von etwa drei Jahren, und der postlingualen Gehörlosigkeit, dem Verlust der Hörfähigkeit nach dem natürlichen Spracherwerb, d.h. ab dem 3. Lebensjahr.


Die Ursachen Die Ursachen von Gehörlosigkeit sind vielfältig. Eine der häufigsten Ursachen für erworbene Gehörlosigkeit ist – wie bei Adriano Greco – eine Hirnhautentzündung, aber auch andere Infektionen wie zum Beispiel eine Mittelohrentzündung. Ausserdem kann es durch Hörsturz, Blutungen im Innenohr und andere Verletzungen zu einer schweren Hörschädigung kommen. Auch ein Knalltrauma oder ein Schädel-Hirn-Trauma kann zu Gehörlosigkeit führen. Eine angeborene Gehörlosigkeit kann verursacht werden durch eine Schädigung des Embryos während der Schwangerschaft, zum Beispiel wenn die Mutter an Röteln erkrankt, Alkohol trinkt oder stark raucht. Während der Geburt können ein Geburtstrauma oder Sauerstoffmangel Ursache von Hörschäden oder Gehörlosigkeit sein.

In der Bundesrepublik Deutschland sind etwa 80 000 Menschen von beidseitiger Taubheit oder Gehörlosigkeit betroffen, was einer Häufigkeit von etwa 0,1 Prozent entspricht. Jedes Jahr kommen ungefähr 600 bis 800 Kinder gehörlos zur Welt. In der Schweiz wird von ca. 10 000 Gehörlosen und rund 600 000 Schwerhörigen ausgegangen (Quelle: Schweizerischer Gehörlosenbund SGB-FSS).

Die Behandlung Ohne eine entsprechende Therapie kann eine Gehörlosigkeit nicht verbessert werden. Insbesondere bei der angeborenen Form oder einer hochgradigen Schwerhörigkeit wirkt sich eine frühe Diagnose und Behandlung positiv auf die Sprachentwicklung aus. Das Ziel einer Therapie ist es, die Fähigkeiten der Patienten im Alltag zu verbessern. Dafür kommen auch speziell angepasste Hörgeräte zum Einsatz, wenn noch ein Rest-Hörvermögen vorhanden ist. Bei einem nicht geschädigten Hörnerv besteht die Möglichkeit ein Cochlea-Implantat einzusetzen, eine Innenohrprothese (Informationen siehe Seite 18). Damit kann allerdings nicht das gleiche Hörvermögen eines gesunden Ohrs erreicht werden. Nach dem Einsetzen des Implantats ist eine Rehabilitation notwendig. Ist eine Therapie weder durch Hörgeräte noch durch operative Massnahmen möglich, müssen die Patienten lernen, mit der Diagnose Gehörlosigkeit zu leben. Dabei werden andere Kommunikationswege wie zum Beispiel das Lippenablesen oder die Gebärdensprache erlernt.

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Das Ohr ein erstaunliches Sinnesorgan Hammer und Amboss sind Dinge, die in einer Werkstätte vermutet werden, ein Steigbügel am ehesten bei einem Pferd. Doch diese Begriffe sind weder Werkzeuge noch Aufsteighilfen, sondern winzige Knochen im Inneren des menschlichen Ohrs. Die wichtigste Aufgabe des Ohres ist es, Schall (also Ton oder Geräusch) als akustische Wahrnehmung aufzunehmen und ans Gehirn weiterzuleiten. Zum Ohr als Organ gehört auch das Gleichgewichtsorgan. Der Begriff «Hörorgan» bezeichnet in der Physiologie des Menschen die Gesamtheit der Ohren, der Hörnerven (Nervi cochleares) und der auditiven Hirnrinde. Es handelt sich um ein äusserst kompliziertes und zugleich hochpräzises System, das sogar derart komplex ist, dass es der Forschung bis heute noch nicht gelungen ist, alle wichtigen Funktionen bis ins Detail zu ergründen und erklärbar zu machen.

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Wussten Sie, dass… … fast alle Tiere Ohren haben, Aufbau und Platzierung der Ohren aber bei den verschiedenen Arten unterschiedlich sind? Bei Heuschrecken beispielsweise sitzen die Ohren am Hinterleib oder den Beinen, bei Zikaden an den Beinen und bei Mücken an den Fühlern. Einige Eidechsen- und Salamanderarten hören gar mit Brustkorb und Lunge. … Wissenschaftler in den USA Knorpelgewebe in Form eines menschlichen Ohrs in dem Körper einer Ratte oder in einem Brutkasten gezüchtet haben? Diese Forschung war vor allem für verwundete Soldaten gedacht, mittlerweile können aber schwer verletzte Menschen auf der ganzen Welt von diesen bahnbrechenden Ergebnissen profitieren. … schön geformte Ohren auf Musikalität hindeuten?


Adrianos regelm채ssig geformte Ohren weisen auf seine Musikalit채t hin.


Adriano Greco gehörlos glücklich Gehörlosigkeit und Hörbehinderung sind unsichtbar und bleiben von Hörenden oft unbemerkt. Wenn man als Hörender einen Gehörlosen von hinten anspricht und er nicht reagiert, kann kein Mensch wissen, dass er nicht stur ist, sondern einfach nichts gehört hat. Es ist schwierig für Gehörlose, ihre Stimme gut zu kontrollieren, ohne sich dabei selbst zu hören. Nur wenigen gelingt das so gut, dass Aussenstehende nichts bemerken – die meisten sprechen «seltsam», manche werden gar nicht verstanden. Auch bei Adriano Greco, der total gehörlos ist und lediglich Töne ausstossen kann. Stille im Kopf Adriano kam am 17. Januar 1977 normal hörend in Teufen AR zur Welt und ertaubte wegen einer Hirnhautentzündung im Alter von 13 Monaten – irreversibel. Seine Gehörlosigkeit ist eine «prälinguale Taubheit». Adriano war bereits gehörlos, bevor er eine Sprache entwickeln konnte. Und seine Gehörlosigkeit ist absolut – er hört nicht einmal seine Stimme im eigenen Kopf, so wie es Hörende erleben, wenn sie sich die Ohren zuhalten.

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Behütete, glückliche Kindheit Obwohl er als Kind oft hilflos und – wie seine Mutter erzählt – manchmal aggressiv war, weil er sich in der hörenden Welt nicht verständigen konnte, war Adriano ein mehrheitlich zufriedenes Kind. Von seinen Eltern erhielt er keine Sonderbehandlung wegen seiner Gehörlosigkeit – nur seine Mutter brauchte etwas mehr Zeit wegen seiner Therapie und der Sprachanbahnung. Mit hörenden Kindern hatte er wegen der unterschiedlichen Frei-Tage nicht viel Kontakt, nur sonntags konnte er mit ihnen spielen. Die Gebärdensprache musste er in einem Internat in Hohenrain / LU lernen, weil in St. Gallen die Gebärdensprache in der Schule damals verboten war. Der Grund war so einfach wie auch armselig: Weil Lehrkräfte gehörlose Kinder, die sich in Gebärdensprache miteinander unterhielten, nicht verstanden und somit auch nicht unter Kontrolle hatten, wurden sie auf üble Weise schikaniert und die Gebärdensprache kurzerhand verboten (lesen Sie auch Seite 16).


Handeln, nicht reden Nach seiner Schulzeit absolvierte Adriano eine Lehre als Plattenleger und stieg im Jahr 1998 im elterlichen Betrieb in Teufen ein. Die Grecos hatten sich auf Um- und Neubauten, Renovationen und Sanierungen spezialisiert. Adriano plante, den elterlichen Betrieb zu übernehmen, war wegen gesundheitlicher Probleme und einer abnutzungsbedingten Knie-Operation jedoch bald zu einer Umschulung gezwungen. Er entschied sich für Brüggli in Romanshorn und für die dreijährige EFZ Ausbildung zum Printmedienverarbeiter Fachrichtung Druckausrüsten. Er liebt seine Arbeit in der Ausrüsterei, an den verschiedenen Maschinen und schätzt sein Team sehr.

Wie läuft das mit der Verständigung? Wenn seine Teamkollegen etwas von ihm wollen, erzählt er, müssen sie zu ihm kommen und via Körper- oder Blickkontakt seine Aufmerksamkeit gewinnen. Gebrüllte Rufe über die lauten Druck- oder Falzmaschinen hinweg sind wirkungslos. Die Zusammenarbeit klappt wunderbar. Karsten Flemig, Adrianos Vorgesetzter in der Druckvorstufe, bestätigt das: «Die Zusammenarbeit mit Adriano ist sehr unkompliziert. Er versteht einen ausserordentlich gut, wenn man ihn direkt anschaut. Wir erleben sehr viele erstaunliche Momente, ganz ohne Worte. Alleine dank Gestik und Mimik wissen beide Seiten sofort, worum es geht.» Das Leben voll im Griff Adriano Greco ist gehörlos, und es macht ihm nichts aus. «Ich vermisse nichts», sagt er, lacht übers ganze Gesicht und schüttelt nachdrücklich den Kopf. Man glaubt es ihm ohne zu zögern. Sein Handicap ist für den Printmedienverarbeiter also überhaupt kein Hindernis, ein ganz normales Leben zu führen. Weder beruflich noch privat: Adriano reist regelmässig um die halbe Welt, hat viele Freunde in Uruguay, tanzt leidenschaftlich gerne Salsa und spielt bei den

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«Tüüfner Südwörscht», der Guggenmusik Für Kompliziertes «kein Ohr» Teufen. Wo andere ihren Ohren vertrauen, Adriano kann am besten von den Lippen hört Adriano mit dem Bauch. «Ich verfüge lesen, wenn man langsames Hochdeutsch über ein sehr gutes Rhythmusgefühl, denn spricht, Schweizerdeutsch versteht er weich spüre die Musik durch meinen Körper», gen der verwaschenen Lautsprache und erklärt er. Adriano ist ausserdem Mitglied der vielen Dialekte nur schlecht. Hatte er beim Volleyballverein Speicher und fährt auch schon negative Erlebnisse oder Protäglich mit dem Auto von seinem Wohn- bleme wegen seiner Behinderung? Seine ort Teufen ins Brüggli nach Romanshorn. Antwort kommt prompt: Nicht mehr als HöBeim Gehörlosenclub St. Gallen ist er tech- rende. Schon als Adriano Autofahren lernte, nischer Leiter. Dass er gehörlos ist, ist für fiel er seinem Fahrlehrer Erich Manser posiihn kein Problem, und offenbar auch für sei- tiv auf. Erich Manser entwickelte eigens für ne Umwelt nicht. «Wenn ich kommuniziert Adriano ein spezielles Lämpchensystem habe, dass ich nichts hören kann, reagieren und verständigte sich mit Handzeichen. die Menschen immer positiv auf mich. Sie Adriano sei während der Lektionen viel stellen sehr schnell um, sprechen langsam «gmerkiger» gewesen als viele seiner höund deutlich oder versuchen sogar ein we- renden Fahrschüler. Das liegt wohl zum Teil nig Gebärdensprache. an Adrianos Intelligenz, aber auch an seiner offenen Art, seiner Bereitschaft, zu lernen und an seiner positiven Einstellung. Er wirkt mit seinen 36 Jahren jugendlich und auf eine schöne Art kindlich und zufrieden. Auch bei Brüggli profitiert man von seiner Art. «Adriano ist ein lebensfroher Mensch, hat Humor und viel Spass an seiner Arbeit. Weil er nicht sprechen kann, handelt er. Er sagt, was er will und auch, wenn ihm was nicht passt. Adriano ist eine Bereicherung», sagt Karsten Flemig. Wünscht Adriano sich denn, wieder hören zu können? «Nicht un-

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«Menschen, die ständig jammern und sich beklagen, schenke ich kein Ohr.»


«Meine Hände sind mein Sprachrohr – mit ihnen rede ich und spüre ich.»


bedingt», meint er. Viel mehr wünscht er sich, dass mehr Hörende die Gebärdensprache beherrschen, damit er sich besser und einfacher mit ihnen unterhalten könnte. Das vermisst er. Sich einfach «mitteilen», so wie es Hörende tun. Ohne erst auf sich aufmerksam zu machen, ohne Schwierigkeiten. Kommunikation, die ungehindert fliessen kann. Die Liebe – eine delikate Angelegenheit Wenn es um die Liebe geht, stiess er bei den Frauen oft auf taube Ohren. Denn Adriano wünscht sich eine hörende Freundin. Warum das? Weil die Kommunikation mit einer gehörlosen Freundin durch die Gebärdensprache zu viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. «Ich möchte, dass unsere Liebe geheim bleibt – sie soll ganz uns gehören, niemand anderem.» Sein Wunsch, eine hörende Freundin zu finden, ist aber offenbar gar nicht so einfach zu erfüllen. Es passierte Adriano öfters, dass sich eine Frau wieder abwendete, sobald sie merkte, dass er gehörlos ist. «Sorry, aber das ist mir alles zu kompliziert und zu schwierig.», bekam er zu hören. Niemand investiert gerne übermässig viel Zeit in die Anbahnung einer Beziehung. Vor allem in der heutigen Zeit des Internet-Datings, wo der nächste Kandidat

oder die nächste Kandidatin gleich hinter dem nächsten Klick wartet. Zukunftspläne in Uruguay Doch davon lässt sich Adriano nicht entmutigen. «Ich wünsche mir eine eigene Familie und Kinder», bekräftigt er. Seinem Wunsch ist er mittlerweile einen grossen Schritt näher gekommen: Seit Februar 2013 hat Adriano eine hörende Freundin in Urugay, und auch seine Zukunft will er in Urugay verbringen. Er plant in ungefähr zwei Jahren auszuwandern und mit Freunden einen eigenen Druckereibetrieb zu gründen. Die Umschulung und seine umfassende Ausbildung bei Brüggli werden Adriano dafür von grossem Nutzen sein. Wir hoffen, dass wir noch viel von Adriano hören. Tipps für eine einfache Kommunikation mit Gehörlosen

Blickkontakt herstellen Langsam und deutlich Hochdeutsch sprechen Normale Lautstärke verwenden Kurze, einfache Sätze Nicht gleichzeitig sprechen und etwas zeigen Zum Rufen: antippen, winken, klopfen

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Gebärdenspr ache Spr ache mit Hand und Fuss Es gibt viele verschiedene Gebärdenspra- Es klingt unglaublich, doch noch bis Ende chen. Jedes Land hat seine eigene, deren der achtziger Jahre wurden Gehörlose von Gebärden von den besonderen gesell- Lehrern geschlagen und schikaniert, weil schaftlichen, kulturellen und historischen sie die Gebärdensprache benutzten. HarGegebenheiten mitgeprägt wurden. Die te Strafen waren in der Deutschschweizer verschiedenen Gebärdensprachen unter- Taubstummenschulen, wie sie früher hiesscheiden sich jedoch weniger voneinander sen, gang und gäbe. Der Grund für die als die verschiedenen Lautsprachen. Ge- Verteufelung der Gebärdensprache reicht hörlose können sich deshalb müheloser ins Jahr 1880 zurück. Damals kamen Pädaüber Sprachgrenzen hinweg verständigen. gogen und Ärzte in Mailand zu einem KonNeuere linguistische Forschungen haben gress zusammen. Sie waren begeistert von gezeigt, dass die Gebärdensprache – ge- der Entdeckung, dass Taubstumme gar nau wie die Lautsprache – eine vollständi- nicht stumm, sondern «bloss» gehörlos ge, komplexe Grammatik besitzt. Wie die waren und bei entsprechendem Training Zeichen der Lautsprache sind auch die Zei- Worte artikulieren konnten. Bei diesem chen der Gebärdensprache zum grossen Training störe aber die Gebärdensprache, Teil abstrakt, das heisst Form und Inhalt ha- sie beeinträchtige die Klarheit der Gedanben keinen Zusammenhang. Deshalb kön- ken, meinten die Fachleute. Deshalb benen auch in der Gebärdensprache konkrete schloss der Mailänder Kongress, dass die wie abstrakte Inhalte ausgedrückt werden. Artikulationsmethode in der Bildung und Erziehung der Taubstummen der GebärGehörlose sind Augenmenschen. Auch ihre densprache vorzuziehen sei. Ihr Entscheid Sprache, die Gebärdensprache, ist visuell. verbannte die Gebärdensprache für mehr Damit können Gehörlose alles «sagen», was als ein Jahrhundert in den Untergrund. sich mit Sprache ausdrücken lässt. Mit ih- Fortan galt sie als minderwertige Sprache rer Sprache blühen Gehörlose richtig auf, und wurde teils als «Affensprache» oder hier fallen die vermeintlichen Barrieren in «Diebessprache» verhöhnt, weil Affen und ihrem Leben. In Gebärdensprache können Diebe sich mit Zeichen und Mienenspiel sie sich locker über alles unterhalten, Witze statt mit Worten verständigten. machen und sogar Lieder singen.

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«Ich sehe mit den Augen und höre mit dem Herzen.»


HÖRGERÄTE DAS DRITTE OHR Ein Hörgerät tragen – das können sich viele Menschen nicht vorstellen, vor allem junge nicht. «Ein Hörgerät, das ist was für Alte», rufen sie entrüstet. Und auch für viele ältere Menschen ist Schwerhörigkeit heute noch ein Tabuthema. Dabei gibt es keinen Grund, freiwillig auf eine grosse Lebensqualität – das Hören und Verstehen – zu verzichten. Hörgeräte können ein gesundes Gehör nicht ersetzen. Aber sie sind zunehmend besser in der Lage, eine vorhandene Schwerhörigkeit zu kompensieren. Moderne Hörsysteme ermöglichen Hörerlebnisse, von denen man vor zehn Jahren kaum zu träumen wagte. Das Gesamtangebot an Hörgeräten erstreckt sich mittlerweile auf mehr als 900 Bauformen, Typen und Modelle. Diese umfassen im Wesentlichen die hinter dem Ohr getragenen Geräte (HdO) und die im Ohr bzw. im Gehörgang getragenen Im-Ohr-Geräte (IdO). Eine Sonderform stellen die knochenverankerten Hörgeräte dar, die den Schall in Form von Vibrationen über den Schädelknochen direkt zum Innenohr leiten. Sie gelangen vor allem bei chronischen Mittelohr-Entzündungen und Missbildungen zum Einsatz.

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Das Cochlea-Implantat Eine Sonderform ist auch das CochleaImplantat (CI), das auch bei Brüggli-Mitarbeitenden verbreitet und beliebt ist, da es Hörbehinderten eine massive Verbesserung bringt. «Cochlea» ist der lateinische Ausdruck für Hörschnecke. Ein CI besteht aus einer inneren Komponente (Implantat) und einer äusseren Komponente (Sprachprozessor). Ein CI eignet sich für gehörlos geborene oder ertaubte Kinder sowie für nach dem Spracherwerb hochgradig schwerhörig gewordene und ertaubte Erwachsene. Ein Teil dieses Hörsystems wird vollständig in das Ohr einoperiert, der andere Teil wird aussen am Ohr, ähnlich wie ein Hörgerät, getragen.


Was sagt Adriano? Finden Sie es her aus Lust, Freude, fein, klar, Kuh, melken… Mit welcher Gestik drückt Adriano welches Wort aus, erraten Sie es?

C

D

E

F

Auflösung

B

A = klar! B = melken

A

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C = Lust D = Kuh

E = fein F = Freude


Herausgeber Brüggli Hofstrasse 3 + 5 8590 Romanshorn www.brueggli.ch Text und Konzept Viviane Probst Unternehmenskommunikation Grafik und Layout Yannick Meyer-Wildhagen Polygraf im 4. Lehrjahr Fotos Fotostudio Bühler, Romanshorn Druck Brüggli Medien www.brueggli-medien.ch

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