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Die Einschätzung Luthers relativiert damit das Stimmungsbild der Gewerkschaften.

Oder doch nicht? „Wir haben

immer mehr Leute, die für immer längere Zeiträume auf Jobsuche sind“, sagt Manfred Gamper vom SGB-CISL. Brixen ist, so Gamper, keine Insel der Seligen: „Es gibt in Brixen nur noch eine einzige Baufirma – das sagt doch alles, oder?“ Grundsätzlich gebe es drei Problemfälle, die Gamper Sorgen bereiten: „Die Jungen, die Generation Über-50 und die nicht qualifizierten Arbeitnehmer“. Ohne Vollbeschäftigung fallen diese drei Kategorien zuallererst durch den Rost. Dazu muss auch gesagt werden, dass jene Jugendlichen, die einen Job im Ausland finden, in der heutigen Statistik der Südtiroler Arbeitslosen natürlich nicht enthalten sind. Ist aber Qualifikation heute der einzige Schlüssel zum Job? „Das stimmt nur bedingt“, sagt Margarethe Profunser, die in der Martin Wieland GmbH seit 14 Jahren in einjährigen Lehrgängen Leute auf den Berufseinstieg vorbereitet. „Wenn jemand heute keinen Job findet, so kann man die Verantwortung dafür nicht ausschließlich auf die Wirtschaftskrise abwälzen“, sagt Profunser, „meist sind es die so genannten Soft Skills, die den Jobsuchenden zum Verhängnis werden“. Vor zehn Jahren, in den Zeiten der Vollbeschäftigung, spielte die soziale Kompetenz der Arbeitsuchenden eine untergeordnete Rolle, heute aber legt jeder Arbeitgeber viel Wert auf diese Eigenschaften: Teamgeist, Kommunikationsfähigkeit, Umgangsformen, eine ressourcen- und lösungsorientierte Vorgehensweise, Zuverlässigkeit, Durchhaltevermögen und Leistungsbereitschaft. „Wenn jemand in der Probezeit am Montagmorgen schon seinen Frust über die begonnene Arbeitswoche hinausposaunt, so macht das beim Arbeitgeber natürlich kein gutes Bild“, sagt Profunser.

Ist das Beispiel zu banal, um wahr zu sein? „Auf keinen Fall“,

bestätigt ein Brixner Arbeitsvermittler, „man kann den Menschen alles beibringen, nur die Kinderstube nicht“. Dieser Aussage entspricht auch das Ergebnis einer Studie der Uni Berlin, die besagt, dass 80 Prozent der Bewerbungsgespräche sich bereits beim ersten Händedruck entscheiden. Es gebe zunehmend junge Menschen, die nicht darauf vorbereitet sind, dass

sie sich engagieren müssen, dass sie auch mal Überstunden machen müssen, dass es unpassend ist, wenn sie um zehn Minuten vor Feierabend bereits den PC ausschalten. „Viele haben noch nicht begriffen“, sagt Profunser, „dass die Rahmenbedingungen sich grundlegend geändert haben: Ohne persönlichen Einsatz und ohne eine gehörige Portion Flexibilität hat man auf dem heutigen Arbeitsmarkt ein wahres Handicap.“ Wobei die Familie hier eine wichtige Rolle spielt: Unabhängig von der Vorbildfunktion der Eltern in Sachen Wertschätzung des Arbeitsplatzes und Leidenschaft für den eigenen Beruf geht gerade die Frustrationstoleranz im Grunde auf die frühe Kindheit zurück: „In der Trotzphase beginnt die Formung der eigenen Persönlichkeit“, sagt Profunser, „wenn das Kind hier von den Eltern signalisiert bekommt, dass es nur lange und laut genug zu schreien braucht, um etwas zu erreichen, beeinflusst dies die Ausbildung der Sozialkompetenz; dieses Kind wird als Erwachsener Schwierigkeiten mit Grenzen und Regeln haben. Auch fehlen positive Erfahrungen im konstruktiven Umgang mit Konflikten und den Herausforderungen des Alltags.“ Junge Menschen benötigen vielfach Begleitung beim Erwerb und dem Training von Lebenskompetenzen; dazu gehören unter anderem der Umgang mit Druck, Entscheidungsfähigkeit, das Wissen um die eigenen Stärken und Baustellen, Frustrationstoleranz und eine positive Lebenseinstellung. Profunser arbeitet mit Leidenschaft weiter an der Ausbildung der Menschen: „Es ist eine Herzensangelegenheit, und sehr oft sind wir mit unseren Botschaften auch erfolgreich“.

Was ist zu tun? Das Grundprob-

lem ist aber natürlich die Tatsache, dass bei den Arbeitsplätzen die Nachfrage derzeit größer ist als das Angebot – auch in Brixen. Also produziert unsere Gesellschaft eben Auswanderer – und Arbeitslose, die wiederum von der Gesellschaft finanziert werden müssen. Dieses Problem lässt sich nur lösen, indem mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Rahmenbedingungen für arbeitgebende Unternehmen sind aber derzeit alles andere als optimal: „Die Politik muss Anreize schaffen, damit die Unternehmen zusätzliches Personal aufnehmen“, sagt Manfred Gamper. Unternehmer sagen hingegen, dass durch die

enormen Hürden und durch das Risiko, die Rechtsunsicherheit sowie durch die Steuerbelastung das Unternehmertum als solches in Italien nicht mehr interessant ist, was durch die schlechten statistischen Werte des Jungunternehmertums belegt wird. „Uns fehlt eine ganze Generation von Jungunternehmern“, sagt der Geschäftsführer eines Brixner Betriebes, „das ist deshalb schlecht, weil die Jungunternehmer von heute die Arbeitgeber von morgen sind“. „Die Kollektivverträge sind nicht mehr zeitgemäß, das Arbeitsrecht muss unbedingt dem europäischen Standard angepasst werden“, sagt mit entwaffnender Ehrlichkeit ein Gewerkschafter, der verständlicherweise nicht zitiert werden will, „auch im öffentlichen Dienst gibt es eine Reihe von Leuten, die wissen, dass sie unkündbar sind. Sie schieben eine ruhige Kugel und nehmen den arbeitswilligen Jungen den Job“. Tony Tschenett, der Landesvorsitzende im ASGB, ist hingegen hoffnungsvoll: „Die ersten Aktionen von Matteo Renzi und auch die neue Landesregierung haben viel Vertrauen in die Zukunft geschaffen“, sagt er, „das sind ganz sicher positive Signale“. Natürlich gebe es noch viel zu tun: „Die Bürokratie, der die Unternehmen ausgesetzt sind, ist überbordend“, sagt Tschenett, „und die Steuer auf Arbeit muss unbedingt reduziert werden. Schrittweise wird Italien nicht darum herumkommen, sein Steuer­system total zu reformieren“. Und wie empfindet er Brixen? „Nun, ich habe das Gefühl, dass man für wichtige Entscheidungen einfach zu lange braucht“, sagt Tschenett, „die Politik muss die Courage haben, Entscheidungen zu treffen. Vor allem aber müssen wir in Südtirol lernen, langfristig zu denken: Welche Entscheidungen müssen heute getroffen werden, damit es dem Land in zehn Jahren gut geht?“ Die zukunftsbejahende Einstellung Tschenetts sollte in diesem Sinn auch unseren beiden fiktiven Akteuren Hans und Elisabeth Mut machen: An sich arbeiten, den Mut nicht verlieren, mit positiver Lebenseinstellung in die Zukunft blicken, mit Leidenschaft an die Arbeit gehen. Dann ergibt sich die Lösung der heute unüberwindbar scheinenden Schwierigkeiten von selbst.

willy.vontavon@brixner.info Leserbrief an: echo@brixner.info 53

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Brixner 291 - April 2014  

Monatszeitschrift für Brixen und Umgebung

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