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Sonntagsspaziergang

SONNTAG, 4. OKTOBER 2009 · NR. 40

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Pflegekasernen für Senioren – da macht er nicht mit Alexander Künzel organisiert mit seiner Bremer Heimstiftung erfolgreich ein Gegenmodell für das Leben im Alter Von Jürgen Hinrichs Bremen. Als an dieser Stelle kürzlich mal von einer alten Dame die Rede war, gemeint war eine Frau von 76 Jahren, gab es Anrufe empörter alter Damen, die sich dagegen verwahrten, alte Damen genannt zu werden. Ein Problem? Darf man das nicht mehr sagen, dass jemand alt ist und eine Dame dazu, ist da irgendetwas schlecht dran? „Kommt drauf an“, sagt Alexander Künzel, Chef der Bremer Heimstiftung. „Wir haben einfach noch keine neuen Bilder für die Zeit nach dem Berufsleben“, erklärt der 53-Jährige. Alte Dame, das ist für ihn so ein Stereotyp, antiquiert und unbrauchbar. So wie die alten Volksweisheiten, Künzel nennt ein Beispiel: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Einen Quatsch findet er das. „Hans kann lernen, bis er 80, 90 oder 95 ist und sich immer wieder neu körperlich und geistig fordern.“ Alt zu sein, das ist sein Mantra, heißt nicht im Ruhestand zu sein, im Gegenteil: „Dieser Lebensabschnitt besitzt ungeheures Potenzial.“

Auf der Parzelle Bei den Gartenfreunden Tannenberg sind sechs Gärten frei, lesen wir im Aushang. Zwei davon mit Steinhaus und Stromanschluss. Könnte man drüber nachdenken, die Parzelle ist ja längst nicht mehr nur was für Rentner, es gibt einen schleichenden Generationswechsel, junge Familien rücken nach, sie wollen in der Stadt wohnen, mittenmang, aber gleichzeitig auch ein kleines Stück Natur genießen. Das Kleingartengebiet liegt schön zentral zwischen dem Geteviertel und der Gartenstadt Vahr. Künzel, der mit seiner Familie gleich um die Ecke wohnt, geht hier oft spazieren, den Kopf auslüften, wie er sagt. Manchmal joggt er auch eine Runde, fünf Kilometer, das reicht, „ich geh’ ja nicht auf Marathon“. Wir biegen nach links ab, herrliches Wetter, wunderbar für einen Spaziergang, und gehen nun die Dornenhöhe entlang, so heißt der Weg. Auf ihren Infoschildern laden die Kleingärtner zum Spanferkelessen ein, es gibt Live-Musik. Das sind so die Anlässe, bei denen Menschen jeden Alters zusammenkommen – für Künzel ein Ideal, denn das ist es, was er in seinem Beruf für die größte Herausforderung hält, noch vor den Fragen von Rente, Gesundheit und Pflege: „Wir müssen die soziale Isolation von alten Menschen durchbrechen und sie hineinholen in das gemeinschaftliche Leben.“

Eine späte Blüte am Wegesrand. Alexander Künzel spricht vom Werden, Blühen und Vergehen – sein Lebensthema.

bracht, das Prinzip: so viel Selbstbestimmung wie irgend möglich. Ziel ist, diesen Anteil auf die Hälfte zu erhöhen und gleichzeitig die Heime so zu organisieren, dass sie keine besseren Verwahranstalten sind, sondern, wie oft bereits geschehen, in Pflegewohngemeinschaften den Bewohnern die Möglichkeit bieten, dem eigenen Leben Ausdruck zu geben. Künzel sagt jetzt ein starkes Wort, während wir flotten Fußes die vielbefahrene Kirchbachstraße überqueren und sofort wieder ins Grüne eintauchen. Der Mann kennt sich aus, sonst hätten wir diesen Weg nicht gefunden, er liegt versteckt und führt uns Stadtplaner statt Sozial-Onkel etwas verschlungen zurück zur Gete. Künzel versteht sich deshalb, wie er mal beKünzel sagt: Kulturrevolution. Er meint tont hat, nicht als Sozial-Onkel für eine be- damit eine grundlegende Umwidmung der stimmte Bevölkerungsgruppe, sondern als Stadtplaner, der alle Generationen im Blick hat, sie zueinander bringen will. Am besten, meint er, geht das in den Wohnquartieren und nicht in irgendwelchen zentralen Einrichtungen, die dann auch noch weit abseits liegen. Das „Haus im Viertel“ ist so ein Beispiel, wo Jung und Alt den Alltag teilen. Ein Projekt der Heimstiftung, genauso wie das Stiftungsdorf in Borgfeld, wo ein ähnlicher Ansatz verfolgt wird. 22 Jahre lang ist Künzel nun schon bei der Bremer Heimstiftung, eine Zeit, in der er einen Paradigmenwechsel herbeigeführt hat: Es gibt für die rund 3000 Bewohner, die von 1500 Mitarbeitern betreut werden, nicht mehr nur Plätze in Pflege- oder Altenheimen. Ein Drittel ist mittlerweile in neuen, gemeinschaftlichen Wohnformen unterge-

Zeit nach dem Berufsleben. „Das Alter ist nicht grau und fürsorgebedürftig. Es ist aber auch kein immerwährender Urlaub, sondern eine Zeit mit wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben.“ Nicht so, betont er, dass die Menschen von einer Tretmühle in die andere geraten, soziales Engagement lässt sich schließlich nicht verordnen. Aber schön wäre so ein Einsatz schon, meint Künzel, und eigentlich auch notwendig, denn, und da sind wir wieder bei der alten Dame: „Das Alter und die Ausdrücke dafür bekommen durch die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, durch den Nutzen, der dadurch entsteht, eine ganze andere Würde.“ Wie er das sagt, mit welcher Emphase, das lässt einen an seinen Mentor denken. Künzel, gelernter Bankkaufmann, Journa-

Beim Gang durchs Kleingartengebiet diskutiert Alexander Künzel mit unserem Redakteur Jürgen Hinrichs über die Chancen in der Zeit nach der Berufstätigkeit.

FOTOS: JOCHEN STOSS

list und Theologe, war Pressesprecher bei Henning Scherf, die beiden sind eng befreundet. Politisch auf einer Linie, jedenfalls damals, als Scherf in der SPD noch ein exponiert Linker war – und menschlich einander zugetan, was auch daran liegt, dass beide ausgeprägt christliche Wurzeln haben. Dass Künzel mit jungen Jahren ein so wichtiges Amt bekam, hatte er nicht zuletzt auch dem Einfluss des damaligen Sozialsenators zu verdanken. Heute ist er 53 und hat noch ein paar Jährchen vor sich, bis er mit seinem Segelboot, das im wangerländischen Horumersiel liegt, mal einen längeren Törn unternehmen kann. „Ein Vierteljahr am Stück, im Sommer, und danach zurück in die Stadt und für die Menschen aktiv sein“, so stellt er sich das Alter für sich selbst und seine Frau vor. Wie Henning Scherf würde Künzel dann gerne in einer Hausgemeinschaft leben und nebenher beispielsweise Migrantenkindern das Lesen beibringen oder mit Grundschülern singen, irgendetwas in dieser Art. Künzel wird das können, es wäre etwas, was er jetzt schon tut, mit Menschen umgehen. Anderen fällt das nicht so leicht, sie müssten es lernen. „Ich bin dafür, eine Art Nachberufstraining zu organisieren, wir brauchen Anstifter für ein sinnvolles Leben danach.“ Es sind ja oft locker noch 20 oder 30 Jahre, die jemand vor sich hat, wenn er in Rente geht. „Manchmal entsteht dann eine Situation, die kann lebensgefährlich sein“. Von einem Tag zum anderen raus aus der Arbeit, von 40 Stunden auf null, ein Fall ins Bodenlose. „Besser wäre, wenn es einen

Übergang gäbe, die letzten drei Jahre halbtags arbeiten, zum Beispiel.“ Kurz vor Ende unseres Spaziergangs passieren wir ein reetgedecktes Holztor, die Kleingärtner haben es hier hingestellt, im Torbogen ein Schriftzug, „das passt jetzt“, sagt Künzel – meint er das ironisch? „Im stillen Frieden“, prangt an der Tafel, der Name des Kleingärtnervereins. Stiller Friede, herrje, das ist jetzt aber sehr betulich, und nur ein kleiner Schritt noch bis zur ewigen Ruh’. So will es Künzel ja gerade nicht, die Zeit im Alter soll, so weit das geht und nicht von Krankheit und Siechtum gestoppt wird, voller Leben sein. Ein Horror für den Chef der Bremer Heimstiftung, wenn er die vielen Pflegekasernen sieht. Gefangen auf einem langen Flur, Sing Sing für Senioren – da macht er nicht mit.

klärte das Bundesverfassungsgericht die Käfighaltung für unvereinbar mit dem Tierschutzgesetz. Das Staatsziel Tierschutz war damals noch nicht mal drin – aber jetzt besteht es! Seit 2001 ist die Käfighaltung verboten, Übergangsfristen waren bis Ende 2006 (!) vorgesehen. Zeit genug zum Umstellen! Diese Zeit wurde nicht genutzt, es wurde gepokert, man setzte auf SchwarzGelb. Die Tatsache, dass selbst Discounter Kä figeier auslisten, sollte den Eiproduzenten endlich klarmachen, dass auch der Verbraucher kein Ei aus Quälerei wünscht.

minister möchte die US-Behörden um Gnade für Polanski ersuchen . . . Die Welt der Kulturschaffenden in der Schweiz fürchtet um ihr Ansehen und bezeichnet das Vorgehen der Behörden als „ungeheuren Kulturskandal“ und eine „Justizposse“. Wer spricht über den Skandal, dass Polanski ein 13-jähriges Mädchen unter Drogen gesetzt und vergewaltigt hat?

ZUR PERSON

Alexander Künzel wurde am 7. Februar 1956 in Villingen im Schwarzwald geboren. Nach dem Abitur absolvierte er eine Lehre als Bankkaufmann. Es folgte beim WESER-KURIER eine Ausbildung zum Redakteur. Dann, mit 26 Jahren, begann Künzel als Pressesprecher beim damaligen Sozialsenator Henning Scherf und studierte nebenher Theologie. Fünf Jahre später fing er bei der Bremer Heimstiftung an, deren Chef er heute ist. Künzel ist verheiratet und hat drei Kinder.

Nächste Woche im „Sonntagsspaziergang“ Dirk Böhling, Regisseur, Autor und Moderator

Leserforum Zum Artikel „Angestellte Lehrer fordern Gleichbehandlung“ vom 23. September:

Ein Grundproblem Ich kann die Klagen der angestellten Lehrerinnen und Lehrer gut verstehen. Das Problem der Unterschiedlichkeit im Status zieht sich jedoch durch den gesamten öffentlichen Dienst. Dort sitzen ebenso Verwaltungskräfte, Schreibtisch an Schreibtisch, verrichten die gleiche Arbeit und müssen eine unterschiedliche Nettovergütung in nicht unerheblichem Ausmaß hinnehmen, da der eine Beamte ist und der andere nicht. Die ausschließlich im Beamtentum zu verrichtenden „hoheitlichen Aufgaben“ haben sich im Laufe der Jahre schleichend auch auf die Angestellten übertragen. Im Nettogehalt schlägt sich dieses jedoch in der Tat nicht nieder. Von daher ist dieses ein Grundproblem im öffentlichen Dienst und nicht nur in der Lehrerschaft. CLAUDIA ANDRESEN, STUHR

Zum Artikel „Erschwerte Bedingungen für Menschenrechtsorganisationen“ vom 22. September:

Der falsche Weg Im Artikel wird über die Kampagne der israelischen Regierung zur Neutralisierung der Rechercheergebnisse von Menschenrechtsorganisationen zum Gaza-Krieg berichtet. Die Kampagne arbeitet in hohem Maße mit Mitteln der Diffamierung einzel-

ner Mitglieder und wo das nicht verfängt, schaltet man israelische Lobbyorganisationen ein. Warum wird im Artikel verschwiegen, dass eine Gruppe israelischer Kampfsoldaten in ihrem Bericht „Breaking the silence“ detailliert über Kriegsverbrechen während des Gazakrieges zu Anfang des Jahres berichtete? Darüber hinaus wurden die Verletzungen des Völkerrechts im Gazakrieg im Bericht der Uno-Menschenrechtskommission detailliert aufgeführt, vom Einsatz von Phosphorgranaten bis zum Beschuss von Krankenhäusern. Der Leiter der Kommission des UnoMenschenrechtsrats, der Südafrikaner Richard Goldstone, sagte zu den Bemühungen Israels, die Kriegsverbrechen zu ignorieren: „Die Wahrheit zu verbergen, ist eine schlechte Grundlage, um langfristigen Frieden zu schaffen. In Südafrika hätten wir ohne die Wahrheitskommission niemals die Apartheid überwinden können.“

beitsplatz verlieren. Und was machen unser Wirtschaftsminister Herr zu Guttenberg und die Koordinatorin für den Schiffbau Frau Wöhrl, die es nicht für nötig befunden haben, auf der Europäischen Schiffbautagung zu erscheinen oder den versammelten Arbeitnehmervertretern ihre Sicht der Dinge mitzuteilen. Stattdessen übernimmt es der Deutsche EU-Kommissar Verheugen, zu den Leuten zu sprechen. Welche Wertschätzung von deutscher Seite für den Schiffbau. Geht hier etwa eine weitere Industriebranche vor die Hunde? Trifft es jetzt nach der Textilindustrie und der Unterhaltungselektronik endgültig die großen Werften. Fast PETER LÜHRS, BREMEN hat es den Eindruck.

ELISABETH PETRAS, POLITISCHER ARBEITSKREIS FÜR TIERRECHTE IN EUROPA (PAKT) E. V., HAMBURG

ELKE GIROD, LILIENTHAL

Korrektur

Nicht die „Astor“, sondern die „Astoria“ wird künftig als „Saga Pearl II“ über die Weltmeere kreuzen. Auf unserer Reiseseite haben wir gestern unter der Rubrik ReisefieZum Artikel „Ende des Jahres ist Zum Artikel „Roman Polanski verhaftet“ ber die Schiffe verwechselt. Die „Astoria“ endgültig Schluss mit den Legebatterien“ vom 28. September: ist bis Ende 2008 für das Bremer Unternehvom 16. September: men Transocean unterwegs gewesen, die „Astor“ ist weiterhin für Transocean im EinINGO BUDDE, ACHIM Bei der Lektüre dieses Artikels war ich in satz. Wir bitten, den Fehler zu entschuldi„Kleinvolieren“ sind keine Volieren, denn höchstem Maße irritiert. Irritiert nicht darü- gen. sie haben Gitterboden, der zu Fußschäden ber, dass der international renommierte Reführt und verhindern ein Aufbäumen. Unge- gisseur wegen Vergewaltigung einer Zu den Artikeln „EU setzt auf ,grüne’ störtes Ruhen ist den Tieren wegen der 13-Jährigen verhaftet wurde, sondern darüSchiffe“ vom 11. September und „Werftgeringen Höhe nicht möglich. Untere Tiere ber, dass er erst 32 Jahre später zur Rechen>> KONTAKT leserforum@weser-kurier.de arbeiter voller Wut“ vom 12. September: picken die oberen, daher dreht man einfach schaft gezogen werden soll, aber insbesonAnschrift: Bremer Tageszeitungen AG das Licht herunter, so dass die Tiere „dahin- dere bezüglich der Äußerungen bekannter Leserforum · 28189 Bremen dämmern“. Artgerechte Haltung ist das Persönlichkeiten zu diesem Fall. Der franzöAuch ich bin über das Vorgehen der Mana- nicht! sische Kulturminister zeigt sich „höchst erger und deutschen Politiker voller Wut. Da Es stimmt auch nicht, dass Käfighaltung staunt über das Vorgehen“ gegen Polanski; Leserbriefe sind keine Meinungsäußerung der entschließt man sich in Emden mal eben, hygienischer wäre, denn eine große EFSA- Präsident Sarkozy wünscht „eine schnelle Redaktion. Die Redaktion behält sich Kürzungen den Schiffsneubau zu schließen – was heißt Studie belegt, dass Salmonellen gerade in Lösung der Lage“. Der polnische Botschafvor. Anonyme Briefe werden nicht veröffentlicht. hier schon Reparaturschiffbau. Tatsache ist, den größten Betrieben besonders auftraten ter in der Schweiz bietet Polanski die Hilfe Postadresse und Telefonnummer nicht vergessen, dass etliche tausend Werftarbeiter ihren Ar- – das sind Käfigbetriebe! Schon 1999 er- des Konsulats an, und der polnische Außenauch bei E-Mails.

Welche Wertschätzung!

Endlich handeln

Wer spricht über die Tat?


Pflegekasernen für Senioren - da macht er nicht mit!