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nämlich in Takt 27 „hat jetzt die Clarinette“, Takt 28, nach Seitenumbruch erneut „Clarinette“ und T. 98 „Clarinetto“. Diese Eintragungen wurden in der im Anhang abgedruckten diplomatischen Wiedergabe der Hauptpartitur (S. 62f.) in Klammern gesetzt, weil sie entgegen der von Robbins Landon und Otto Biba vertretenen Meinung wahrscheinlich nicht von Mozarts Hand sind.17 Vermutlich stammen sie aus der Feder Johann Andrés, der im Besitz dieses Autographs war und von dem wohl, mit dem Kürzel „A.“ gezeichnet, noch weitere Fremdeintragungen im Autograph herrühren.18 Ignoriert man all die mutmaßlichen Fremdeintragungen, ergibt sich eine logische Chronologie von Klarinetten-Beilage und Systemtausch in den Takten 27f. und 98f.: Mozart schrieb zuerst die Klarinetten-Beilage, und erst später tauschte er die Notensysteme. Wenn er die Klarinetten-Beilage nach dem Systemtausch geschrieben hätte, müssten Flöte und Klarinette I an diesen offen instrumentierten Stellen unisono spielen. Ein Unisono von Flöte und Klarinette I ist hier aber unwahrscheinlich, weil Mozart in der gesamten 2. Fassung der Symphonie Flöte und Klarinette nur an vereinzelten Stellen und dort nur im Tutti unisono spielen lässt (z. B. Andante, T. 105).19 Um das offene Unisono von Flöte und Klarinette zu vermeiden, hätte Mozart es durch eine ähnliche Anmerkung, wie sie von fremder Hand im Autograph steht, selbst sichergestellt. Die Klarinetten-Beilage bezieht sich also auf den ursprünglichen Zustand der Instrumentation mit Oboe in den Takten 27f./98f. Da auch die beiden Oboenstimmen in der Klarinetten-Beilage notiert sind (und dort pausieren), konnte es keine Missverständnisse geben. Weil Mozart sicherlich kein Unisono von Flöte und Klarinette in T. 27f./98f. beabsichtigt hat, ist der Systemtausch an die 1. Fassung (ohne Klarinetten) gebunden. Die Klarinetten-Beilage ist älter als der Systemtausch. Die AndanteBeilage wiederum entstand sicherlich nach der Klarinetten-Beilage. Bei dieser chronologischen Folge wird verständlich, warum Mozart in der Hauptpartitur so missverständlich notierte, dass es in nahezu allen historischen Quellen zur fehlerhaften Verdopplung der Takte 29 –32/100 –103 kommen musste. Für die Einfügung der Klarinetten-Beilage war im Andante noch kein Eingriff in die Hauptpartitur notwendig. Für die Andante-Beilage hingegen musste er zwar den genauen Ort durch den Doppelstrich definieren, konnte aber den ursprünglichen Text dieser Stelle in der Hauptpartitur nicht ungültig machen, wenn er die 2. Fassung (mit Klarinetten) nicht verderben wollte. Allerdings muss die Taktverdopplung in den historischen Quellen nicht notwendigerweise ein Überlieferungsfehler sein. Möglicherweise hat sie Mozart sogar bewusst angewiesen, um ein Stimmenmaterial zu haben, aus dem beide Fassungen spielbar waren.

Drei Werkstadien, zwei Fassungen Mozart scheint also nach der 2. Fassung (mit Klarinetten) wieder zur 1. Fassung (ohne Klarinetten) zurückgekehrt zu sein. Das erhöht die Bedeutung der 1. Fassung und zeigt, dass die 2. Fassung weder die Fassung letzter Hand darstellt, noch dass sie der 1. Fassung aus Gründen der Chronologie vorzuziehen ist. Aus der inneren Logik von Mozarts Notation im Andante in den Takten 27f. und 98f. ergibt sich folgende Chronologie der Fassungen und Varianten: Stadien

T. 27f. und 98f.

T. 29 –32 und 100 –103

1. Stadium 1. Fassung

Fassungen

32tel in der Oboe

autographe Partitur mit 32tel in den Bläsern

2. Stadium 2. Fassung

32tel in der Klarinette autographe Partitur mit Klarinetten-Beilage und 32tel in den Bläsern

3. Stadium 1. Fassung

32tel in der Flöte

Andante-Beilage mit 32tel in den Streichern

Die 1. Fassung wird in modernen Ausgaben unterschiedlich dargestellt. Die NMA gibt das 1. Stadium wieder, aber mit 32tel-Seufzern in der Flöte, und sie verbannt die Andante-Beilage in den Anhang. Die durch die vorliegende Ausgabe abgelöste alte Breitkopf-Ausgabe (PB 4412) bringt konsequent den Text des 1. Stadiums. Das hier erstmals in einer Ausgabe wiedergegebene 3. Stadium scheint bislang für die Praxis noch nicht zugänglich gewesen zu sein, ist aber für die 1. Fassung nach Ausweis der Überklebungen in Mozarts eigenem Stimmensatz und nach der Chronologie der Werkstadien die Fassung letzter Hand.

Zur Edition Die vorliegende Edition folgt der autographen Partitur und ihren zwei Beilagen als Hauptquelle und gibt beide Fassungen synoptisch wieder. Die 2. Fassung

(mit Klarinetten) bildet den Haupttext der Partitur und der Stimmen. Die Abweichungen der 1. Fassung (ohne Klarinetten) im 3. Stadium werden in Kleinstich wiedergegeben. Dies ermöglicht sowohl einen anschaulichen Vergleich, als auch die problemlose Aufführung der beiden Fassungen und ihrer verschiedenen Stadien. Wird die 2. Fassung (mit Klarinetten) gespielt, ist in der Partitur das KleinstichOboensystem zu ignorieren. Die Oboen spielen aus den Stimmen „2. Fassung“. Wird dagegen die 1. Fassung (ohne Klarinetten), genauer das 3. Stadium, gespielt, ist in der Partitur das Kleinstichsystem der Oboen gültig. Die Oboen spielen aus den Stimmen „1. Fassung“, in den restlichen Stimmen ist die „1. Fassung“ – sofern es überhaupt Unterschiede gibt – in ossia-Systemen ausgewiesen. Schließlich besteht auch die Möglichkeit, das 1. Stadium der 1. Fassung aufzuführen. In diesem Fall ist allen außer den Oboen anzuweisen, die 2. Fassung (also den Haupttext, aber ohne Klarinetten) zu spielen. Die Flöte hat überdies im Andante, T. 27f. und 98f. tacet. Die Oboen spielen dann aus den Stimmen „1. Fassung“, folgen aber im Andante, T. 27–32 und 98–103 dem in den Stimmen als „1. Stadium“ bezeichneten ossia-Text (vgl. den ausnotierten Text im Anhang der vorliegenden Ausgabe auf S. 66f.). Die Oboen- und Klarinettenstimmen der 2. Fassung enthalten weniger Artikulationsbezeichnungen. Ob es sich dabei um Flüchtigkeit oder um Absicht handelt, ist unklar. Wie in Urtextausgaben üblich, werden editorische Ergänzungen durch Strichelung oder Klammerung im Notentext gekennzeichnet. Eine Angleichung beider Fassungen wurde weitestgehend vermieden. Über weitere Details wie wissenswerte Abweichungen von den Quellen, editorische Einzelentscheidungen und Angleichungen in Ausnahmefällen informiert der Kritische Bericht. Dem Landeskonservatorium in Graz sei ganz herzlich für die Bereitstellung der Abschrift gedankt. Dank gilt auch dem betreuenden Orchesterlektor Christian Rudolf Riedel für seine wertvollen Anregungen. München, Herbst 2014

Henrik Wiese

1 NMA X/33/1, f. 18v. 2 Ulrich Konrad, Wolfgang Amadé Mozart, Kassel etc. 22006, S. 93. 3 Wilhelm A. Bauer und Otto Erich Deutsch (Hrsg.), Mozart. Briefe und Aufzeichnungen, Kassel 1963, S. 65f.: Nr. 1077, Z. 37f. [= MBA/65–66: 1077/37f.]. 4 MBA IV/65f.: 1077/40f. 5 MBA IV/65: 1076/6. 6 Vgl. beispielsweise NMA X/34 (Dokumente), S. 281. 7 Volkmar Braunbehrens, Mozart in Wien, München 1986. S. 344f. 8 Milada Jonášová, Eine Aufführung der g-moll-Sinfonie KV 550 bei Baron van Swieten im Beisein Mozarts, in: Mozart Studien, Bd. 20 (2011), S. 253–268, speziell S. 268. 9 Jonášová hält die erwähnte Aufführung bei van Swieten für die Erstaufführung, vgl. dazu Milada Jonášová, Prager Abschriften von Mozarts Kompositionen als Druckvorlagen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: MJB 2011, S. 189 –197, speziell S. 197. 10 MBA IV/92: 1105/21f. und MBA III /201: 667/45f. 11 Gottfried Scholz, Die geistigen Wurzeln von Gerard und Gottfried van Swieten, in: Studien zur Musikwissenschaft, Bd. 55, S. 185. 12 Cornelia Sautner, Gottfried van Swieten und die Alte Musik, Diplomarbeit, o. O. 1988, S. 27. 13 Allgemeine musikalische Zeitung, Jg. 16 (1814), Nr. 2, Sp. 29f., Leipzig, den 12. Januar 1814. 14 Vgl. hierzu Cliff Eisen, Another look at the ‘corrupt passage’ in Mozart’s G minor symphony, K550, in: Early Music, Bd. 25 (1997), Nr. 3 [= Eisen, Another look], S. 373–381. Dexter Edge, Mozart’s Viennese Copyists, Ann Arbor 2001, S. 583– 603. Hisao Nishikawa, Rethinking of the “Corrupt Passage” in Mozart’s G Minor Symphony K. 550, in: Mozartiana nova. Festschrift in celebration of the eightieth birthday of Professor Ebisawa Bin, Tokio 2011, S. 320 –334. Ein „pia:“ von Mozarts Hand ist auch in Ob. II im ersten Satz T. 237 zu finden. 15 Neue Zeitschrift für Musik, Bd. 15, Nr. 38, S. 149f. Leipzig, den 9. November 1841. 16 Eisen, Another look, S. 373–382. 17 NMA IV/11/9 KB S. i/33–34 und Otto Biba (Hrsg.), Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonie g-Moll, KV 550. Autographe Partitur, Wien 2009. S. 13f. Ungewöhnlich für Mozarts Hand sind der auffällige Anstrich von /C/ und das anstrichlose /l/ Ungewöhnlich ist auch jetzt statt häufigerem izt. Wolf-Dieter Seiffert bestätigte mir diese Annahme. 18 Biba hält hingegen das „vide Pag: I“ und „vide Pag: 2“ in der Hauptpartitur für Eintragungen Andrés. 19 Eher würde er die Klarinette eine Oktave unter die Flöte gesetzt haben, wie z. B. im Andante, T. 50 und 73.

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PB 5542 – Mozart, Symphonie g-moll KV 550  

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