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Peter Schweinhardt (Hg.)

Eisler und die Nachwelt Symposium zum 50. Todestag Hanns Eislers, Berlin 2012

Eisler-Studien Band 6


Eisler-Studien – Beiträge zu einer kritischen Musikwissenschaft . Band 6 Herausgegeben von Johannes C. Gall und Peter Schweinhardt im Auftrag der Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft

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Eisler und die Nachwelt Symposion zum 50. Todestag Hanns Eislers, Berlin 2012

Herausgegeben von Peter Schweinhardt

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Für Gerd Rienäcker (1939–2018)

Der Abdruck der Bilder und Notenbeispiele erfolgt mit freundlicher Genehmigung der genannten Archive und Verlage. Abbildungsnachweis Titelseite: Fritz Cremer, Porträtbüste von Hanns Eisler (1964), Hochschule für Musik Hanns Eisler, Berlin; Fotografie: Thomas Nowak ISBN 978-3-7651-0402-2 © 2017 by Breitkopf & Härtel, Wiesbaden Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Friedwalt Donner, Alonissos Satz: Thomas Neumann / neumgraf.de Notensatz: Johannes C. Gall Druck: Druckerei Hubert & Co., Göttingen Printed in Germany Gedruckt mit Unterstützung der Hanns und Steffy Eisler Stiftung sowie von Johannes C. Gall und Peter Schweinhardt |

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Inhalt

Anwendbar in dringenden Fällen Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Hartmut Krones Hanns Eisler und die Nachwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Adrian Niegot »Die Kunstpositionen […] werden geändert werden müssen.« Anmerkungen zur Bildungsrelevanz des Änderungs-Begriffs im Kontext von Überlegungen Hanns Eislers zur Kybernetik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Julian Caskel »Ostinato mit schlechtem Gewissen«. Zur ästhetischen Funktion des Rhythmus bei Hanns Eisler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 Chiharu Wada Zum Einfluss der Musik von Hanns Eisler in Japan. Eine kleine Rezeptionsgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 Michael Fjeldsøe Hanns Eisler und seine Bedeutung für die linkskulturelle Szene in Dänemark in den 1920er und 1930er Jahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 Horst Weber Eisler und die Einwanderungsbehörde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 Hannes Heher Hanns Eisler und die RAVAG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Arnold Pistiak Eislers Schwitzbad . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129

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Inhalt

Wolfgang Thiel (Nach-)Wirkungen von Hanns Eislers filmmusikalischer Arbeit in Theorie und Praxis im Schaffen ost- und westdeutscher Filmkomponisten vor 1990 . . . . . . . 149 Richard Patrick Nangle, Jr. From Song of Heroes to A Child Went Forth: Parallels and Similarities between Hanns Eisler’s Soviet and American Documentary Film Work . . . . . . . . . . . 165 Jürgen Schebera Zeichen der Zeit. Eisler-Filmdokumentationen aus den Jahren 1972 bis 1998 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183 Tobias Fasshauer Hanns Eislers Kammersymphonie: Aspekte der Werkgenese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Knud Breyer »Ich heb’ mir auch […] die musique pure auf«. Zur Dialektik der Instrumentalmusik bei Hanns Eisler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211 Nelly Koetsier Auf der Suche nach der Aktualität Hanns Eislers – anhand dreier Lieder aus den Jahren 1929–1934 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231 Gerd Rienäcker Eislers Goethe-Rhapsodie – ein Vorläufer der Postmoderne? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241

Zusammenfassungen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249 Abstracts and authors . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258 Danksagungen und Copyrightvermerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266 Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267

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Einleitung

Anwendbar in dringenden Fällen. Einleitung

Eisler gehört zu den Komponisten, denen schon von der Mitwelt, dann auch von der Nachwelt nicht geringe Aufmerksamkeit zuteil geworden ist. Dass dies auch jenseits politischer Kämpfe und Bewertungen, im Feld musikalischer Aufführungen und künstlerischer Würdigungen nicht immer die Aufmerksamkeit war, die Eisler sich gewünscht hat und gewünscht hätte, steht auf einem anderen Blatt. Seine Musik wurde und wird stetig aufgeführt, da sind, zumal angesichts der dezidiert einkomponierten politischen und also historischen Standpunkte in vielen Werken, die Statistiken für einen Komponisten des 20. Jahrhunderts nicht so schlecht, und die meisten seiner Hauptwerke liegen in einer oder mehreren Einspielungen vor. Ähnlich fällt die Bilanz für die Aufmerksamkeit seitens der Musikwissenschaft aus, auch soweit sie sich in Musikschrifttum niedergeschlagen hat. Dabei gingen zu Zeiten des Kalten Krieges die Betrachtungsweisen in Ost- und West-Deutschland bekanntermaßen auseinander. Einen gebündelten Erkenntnisgewinn in Sachen Rezeptionsgeschichte für die Zeit bis Mitte der 70er Jahre boten hier die Eisler-Mitteilungen 46 (Oktober 2008) mit ihrem Schwerpunktthema Eisler und die 68er. Auch dass »68« für die Eisler-Rezeption in den beiden deutschen Staaten sehr unterschiedliche Bedeutung hatte, spiegelt sich in diesem Heft: Im Westen (wo »68« eher Frankfurt und Paris bedeutete) kam sie dadurch eigentlich erst wirklich in Gang, im Osten (wo man bei »68« viel eher an Prag dachte), ging es damals jüngeren Wissenschaftlern (genannt seien Eberhardt Klemm und Günter Mayer) eher um »Kritik an der dogmatischen Eisler-Rezeption der DDR« (so Mayer in den Eisler-Mitteilungen 46, S. 10). Bezeichnend, dass der notorische Zwischen-den-Stühlen-Sitzer Eisler den Jüngeren in Ost und West gleichermaßen als Vehikel der Abgrenzung und des unbequemen Statements gegen die Väter diente: im Osten als Kronzeuge für die bei den Kulturkadern überwiegend ungeliebte Auseinandersetzung mit Adorno und Schönberg (z. B. Klemm und Mayer), auch mit der Westemigration (Schebera); im Westen als Verbündeter im Kampf gegen den ›Muff von 1000 Jahren‹ im studentischen Umfeld und etwa auch im Zeichen von USA-Kritik (Abdruck der HUAC-Verhöre Brechts und Eislers in der Zeitschrift Alternative 1972). Einen wichtigen Schub erfuhr die Beschäftigung mit Eisler schließlich durch die Herausgabe seiner Werke, im zweiten Anlauf ab 1968 (!) mit der kritischen Ausgabe der Gesammelten Werke, wobei die Schriften und vor allem auch die Gespräche mit Hans Bunge das Bild wohl mindestens ebenso prägten wie die Kompositionen. Im Resultat waren bis Ende des Kalten Krieges und der deutschen Zweistaatlichkeit eine Vielzahl von Aspekten angesprochen, reflektiert, teils auch gründlich untersucht, und die gelegentlich geäußerte Auffassung, dass die Eisler-Forschung nach Ende der Systemkonkurrenz auf Basis einer Art Tabula-rasaSituation neu beginnen konnte oder musste, trifft keineswegs zu. Viele der älteren Publikationen sind bis heute Augenöffner: zahlreiche kürzere Texte, etwa von Georg Knepler 7 |


Einleitung

oder von den Eisler-Archivaren Manfred Grabs und Eberhardt Klemm, auch einige der Analysen und Darstellungen im Argument-Sonderband 1975 und monographische Darstellungen, so von Mayer (1978), Elsner (1971), Csipák (1975), Phleps (1988) – diese Verweise stehen hier nur exemplarisch und unter Auslassung vieler anderer relevanter Beiträge. Nichtsdestotrotz kam es in der veränderten weltpolitischen Situation nach 1990 zu Verschiebungen in der Eisler-Forschung, die auch mit der Umgewichtung des Politischen zu tun haben: Interesse bestand nun, vergröbernd gesagt, stärker am politischen Objekt als am politischen Subjekt Eisler. Die Kampfmusik erregte nach Wegfall staatlicher oder subkultureller Selbstvergewisserungszwänge weniger Interesse, die Zerrissenheit, Ambivalenz und das Wirken im Exil und nach der Rückkehr wie überhaupt der späte Eisler gerieten stärker in den Fokus: Vorgelegt wurden Studien zum Hollywooder Liederbuch (umfänglich Albert 1991, Roth 2006), überhaupt zur Tätigkeit in Hollywood (z. B. Bick 2001, Weber 2012, Gall 2015) und zur Filmmusik (etwa Dümling [Hrsg.] 1998, Schweinhardt [Hrsg.] 2008, Schweinhardt/Gall 2014); vorgelegt wurden nach der grundlegenden Dokumentation der FaustusDebatte durch Bunge (1991) aus unterschiedlicher Perspektive Auseinandersetzungen mit Eislers Johann Faustus (z. B. Schartner 1998, Davies 2000, Schweinhardt [Hrsg.] 2005 sowie Pistiak 2013), zur Remigration nach Wien und zur frühen DDR-Zeit (Calico 1999, Köster 2002, Schweinhardt 2006); zudem gerieten Fragen von Herkunft, Identität, Familie ins Blickfeld (Eisler-Fischer 2006; Krones [Hrsg.] 2012). Eisler ist in musikwissenschaftlichen und musikpädagogischen Journalen – nebenbei auch in Schulbüchern – präsent; Eisler gehört zum exklusiven Komponistenkreis, der sowohl in der querstand-Reihe (Dümling [Hrsg.] 2010) als auch in den Musik-Konzepten (Tadday 2012) seinen Auftritt hatte; Eisler ist seit den 1990er Jahren zunehmend auch in der nichtdeutschsprachigen Literatur ein Thema (vgl. über die schon genannten Titel hinaus z. B. Blake 1995). Und obwohl eine so umfassende wie präzise, in Leben und Werk gleichermaßen informiert und informierend einsteigende Eisler-Biographie noch aussteht, gibt es eine Reihe sehr unterschiedlicher, auch aus sehr unterschiedlichen Gründen lesenswerter biographischer Darstellungen, wobei auch hier die Jahrestage grüßen lassen (Brockhaus 1961, Klemm 1973 [!], Betz 1976, Hennenberg 1986, Schebera 1998 [!], Glanz 2008 [!], Wißmann 2012 [!]). Im Hintergrund eines nicht geringen Teils der genannten Publikationen steht, direkt oder indirekt, die 1994 gegründete Internationale Hanns Eisler Gesellschaft: sei es über die von ihr herausgegebene historisch-kritische Hanns Eisler Gesamtausgabe (mit gewissem Humor ans Marx-Engels-Mammutprojekt anklingend HEGA abgekürzt); sei es durch von ihr initiierte oder mitinitiierte Symposien; sei es durch die in ihrem Auftrag herausgegebenen Publikationsreihen der Eisler-Studien und der Eisler-Mitteilungen. Betriebsgemäß wurden erhebliche Teile der wissenschaftlich-publizistischen Beschäftigung mit Eisler während der letzten vier Dekaden von dessen runden oder halbrunden Geburtstagen ausgelöst – 1973, 1988, 1998, 2003 und 2008 –, neben der erhöhten Repräsentanz in den einschlägigen Journalen im Gefolge von Kongressen und Ausstellungen in deren Begleit-, Folge- oder auch Spätfolgepublikationen (so Köster 1998; Haas/Krohn 2009; Dümling [Hrsg.] 2010; Krones [Hrsg.] 2012). |

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Anwendbar in dringenden Fällen

2012 nun (Zieldatum auch der Publikationen von Tadday [Hrsg.], Weber und Wißmann 2012) lieferte erstmals ein Todestag Anlass zur Bilanzierung – dies nicht nur eine ironische, vielleicht etwas klischeehafte Referenz auf Eislers Vaterstadt Wien, sondern Zeichen auch wachsender historischer Distanz zur musikhistorischen Stellung und des historischen Kontexts der kulturell-politischen Figur Eisler. Verändert gegenüber 1973, 1988, ja auch gegenüber 1998 hatte sich 2012 die politisch-ideologische Weltlage; zurückgegangen war naturgemäß leider die Präsenz desjenigen Teils der Nachwelt, der noch Mitwelt Eislers war, der ihn noch aus persönlichem Umgang kannte und uns Auskunft geben konnte; und angewachsen war nicht nur die schiere Zahl an Publikationen über Eisler, sondern auch die Zahl derjenigen, die sich mit ihm frei von früherer ideologischer Prägung beschäftigten, den politischen Komponisten ohne politischen Bonus oder Malus vorab als Komponisten behandelten: »Hanns Eisler war Komponist« – so dafür exemplarisch und programmatisch der erste Satz von Thomas Ahrends 2006 veröffentlichter Studie zu Eislers Variationstechnik. Er wolle auch jenseits der »Anwendbarkeit in dringenden Fällen« nicht veralten – lässt sich, was Karl Kraus im Mai 1912 über den österreichischen Theaterdichter Nestroy 50 Jahre nach dessen Tod postuliert, 100 Jahre später und also 50 Jahre nach dem Tod des österreichischen Komponisten Hanns Eisler auch für diesen festhalten? Angeregt von dieser Frage war das im Titel Kraus/Nestroy aufgreifende Berliner Symposion Eisler und die Nachwelt (6. bis 8. September 2012) als Teil einer längeren Veranstaltungsreihe, der Hanns-EislerTage 2012 konzipiert, die Musik des Komponisten im Konzerthaus Berlin, in der Berliner Philharmonie und im Filmmuseum Potsdam präsentierte. Das Ende der Konferenz in den Räumen der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg ging über in eine musikalisch absichtsvoll heterogene, bunte, muntere Lange Hanns-Eisler-Nacht am gleichen Ort, in der bis in die späte Nacht Eisler gehört, über Eisler geredet und dabei auf Eisler angestoßen werden konnte. Initiiert und veranstaltet wurden Symposion und Konzerte von der Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft in Kooperation mit dem Konzerthaus Berlin, der Berliner Singakademie, den Archiven der Akademie der Künste Berlin, den Berliner Festspielen/ Musikfest Berlin und dem Filmmuseum Potsdam; gefördert wurde die Gesamtveranstaltung durch die Hanns und Steffy Eisler Stiftung. Der vorliegende Band präsentiert viele – nicht alle – Vorträge des Symposions, teils etwas, teils stärker, in einem Fall durchgreifend verändert. Der Eröffnungsvortrag von Hartmut Krones sollte gerade am Anfang einer weiteren Berliner Tagung die Bedeutung Wiens für Eisler hervorheben, wo er immerhin fast die Hälfte seines Lebens verbrachte. Systematische Beiträge beschäftigen sich mit Eislers Ästhetik aus der pädagogischen Perspektive (Adrian Niegot) und mit Eislers Rhythmik (Julian Caskel). In einem überraschenden, für die meisten beim Symposion Anwesenden völliges Neuland betretenden Beitrag stellt Chiharu Wada die Eisler-Rezeption in Japan dar. Historiographisch orientierte Aufsätze beschreiben die Bedeutung Eislers für die linke Kulturszene der 20er und 30er Jahre in Dänemark (Michael Fjeldsøe), den Befund von Materialien der Causa Eisler bei der US-amerikanischen Einwanderungsbehörde (Horst Weber), Eislers Spuren im österreichischen Rundfunk (Hannes Heher) und die Bedeutung von Eislers später Schwitzbad-Bühnenmusik (Arnold 9 |


Einleitung

Pistiak). Die fortdauernde Virulenz des Themas Filmmusik belegen die Beiträge über die Nachwirkung von Eislers Filmmusikschaffen bzw. -denken (Wolfgang Thiel), über die Dokumentarfilmarbeiten Eislers (Richard Nangle) bzw. umgekehrt über Eisler im Dokumentarfilm (Jürgen Schebera); und für die fortdauernde Unverzichtbarkeit von Erkenntnissen aus der Edition stehen Beiträge von HEGA-Bandherausgebern zu den im Laufe der Arbeit gewonnenen Einsichten in die Werkgenese der Kammersymphonie (Tobias Faßhauer) und der Orchesterstücke (Knud Breyer). Auf ganz unterschiedliche Art und Weise, aber mit spürbar ähnlich großer emotionaler Verbundenheit mit Eisler beantworten schließlich Nelly Koetsier und Gerd Rienäcker die Frage nach Eislers Position in Musikgeschichte und Gegenwart für sich – diesseits und jenseits seiner »Anwendbarkeit in dringenden Fällen«. Gibt es diese ›Anwendbarkeit‹ noch ohne weiteres, ›funktioniert‹ Eisler noch? Die Frage, die ja auf eine ›zeitlose Aktualität‹ seines Schaffens hinzielt, erscheint im Geflecht teils grundlegend veränderter, teils zumindest deutlich komplexer gewordener gesellschaftlicher und politischer Konfliktlinien zu Beginn des 21. Jahrhunderts gleichermaßen berechtigt, naiv, trivial, unbeantwortbar. Was sich abzeichnet, ist aus wachsender historischer Distanz allerdings Eislers musikhistorische Stellung in der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts: in der Geschichte der klassischen Moderne, in der Geschichte der Filmmusik, in der Geschichte des Kunstliedes und – sowieso – in der Geschichte der politischen Musik. Auch gehört Eisler durch seine künstlerisch und politisch schillernde, kontroverse Persönlichkeit sicherlich zu denjenigen Komponisten, deren gründliche Rezeptionsgeschichte eine große Bereicherung für die musiksoziologische Erschließung des 20. Jahrhunderts wäre. Wie das Werk von Eislers Landsmann Nestroy ist auch sein eigenes von der Aktualität ausgehend, so scheint es, mittlerweile klassisch geworden, mithin recht robust und vielfältig durch die Nachwelt anwendbar – und das zunehmend nicht nur in dringenden Fällen. Im Februar 2018 ist der Autor unseres Schlussbeitrages, mein Lehrer Prof. Dr. Gerd Rienäcker, verstorben. Ihm ist dieser Band gewidmet. Potsdam, im März 2018 Peter Schweinhardt

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Zusammenfassungen und Autoren

Knud Breyer »Ich heb’ mir auch […] die musique pure auf«. Zur Dialektik der Instrumentalmusik bei Hanns Eisler Hanns Eislers Verhältnis zur »absoluten Musik« war ambivalent. Einerseits hat er sich in seinen politischen und theoretischen Schriften stets gegen die bürgerliche Musikkultur und für eine gesellschaftlich engagierte Musik eingesetzt. Andererseits war ihm aber auch bewusst, dass die Kriterien der »absoluten Musik« für künstlerische Qualität bürgen. Sein eigenes Werk spiegelt diese Dialektik in Kompositionsphasen wider. Ebenso wie die erste »Kammermusikphase« bis 1925 war für ihn auch die anschließende »Kampfmusikphase« eine zu überwindende Station in einem dialektischen Prozess. Mit der Filmmusik zu The 400 Million – seinem ersten Auftragswerk in den USA – hatte Eisler dann eine Synthese erreicht und zu einem politischen Film eine dodekaphone Musik mit hohem ästhetischem Anspruch geschrieben. Aus dieser Filmmusik gewann Eisler mehrere Orchesterwerke, unter anderem die Fünf Orchesterstücke. Sie kamen jedoch erst in der DDR zur Aufführung: unter kulturpolitischen Bedingungen, die einerseits von Eisler erstrebt waren, sich andererseits aber, wie er selbst erfahren musste und selbstkritisch einräumte, als zu restriktiv erwiesen. Knud Breyer, Musikwissenschaftler, ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter des DFG-Langzeitprojekts »Hanns Eisler Gesamtausgabe« an der Freien Universität Berlin im Bereich Notenedition tätig.

Julian Caskel »Ostinato mit schlechtem Gewissen«. Zur ästhetischen Funktion des Rhythmus bei Hanns Eisler Das DFG-Projekt »Rhythmus als Kommunikationsmittel der musikalischen Moderne« untersucht die Funktionalisierung rhythmischer Verfahrensweisen in den Grundnarrativen der musikalischen Moderne; denn für den Rhythmus scheint unklar, ob er Mitträger des Materialfortschritts oder Hauptträger einer Abwendung von der Materialästhetik ist. Eine ähnlich unsichere Stellung besitzt auch Hanns Eisler innerhalb der Musikgeschichtsschreibung. Daher wird untersucht, welchen Status eine spezifische Ästhetik des Rhythmus innerhalb der theoretischen Äußerungen Eislers besitzt, inwiefern in diese Ästhetik auch Elemente der Schönberg-Schule und ihres kompositorischen Denkens eingegangen sind und ob eine Theorie der musikalischen Geste vom Rhythmus her neue Einblicke gewinnen kann. Zudem wird anhand einzelner signifikanter Werkausschnitte (u. a. des ersten Liedes der Zeitungsausschnitte) erläutert, welche Rolle rhythmische Syntheseversuche zwischen musikalischer Prosa und motorischen Ostinati im Schaffen Eislers einnehmen. 249 |


Zusammenfassungen und Autoren

Julian Caskel promovierte 2008 in Köln; danach dort Konzeption und Durchführung eines DFG-Projekts »Rhythmus als Kommunikationsmittel der musikalischen Moderne«. Veröffentlichungen zur Musikgeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts, Musiktheorie und Musikästhetik sowie der Interpretationsforschung (Herausgeber Handbuch Dirigenten).

Tobias Faßhauer Hanns Eislers Kammersymphonie: Aspekte der Werkgenese Eislers Kammersymphonie bzw. Filmmusik zu White Flood (1940) gehört zu denjenigen seiner Kompositionen, deren Genese durch eine besonders umfangreiche Skizzenüberlieferung dokumentiert ist. Einschließlich Particell- und Partiturfragmenten sind ca. 140 Notate unterschiedlicher Länge bekannt, die im Zusammenhang mit der kritischen Werkedition im Rahmen der Hanns Eisler Gesamtausgabe taktweise zugeordnet und pro Satz chronologisch geordnet wurden. Die im Hanns-Eisler-Archiv an der Akademie der Künste, Berlin, befindlichen Skizzen und Entwürfe zur Kammersymphonie erlauben seltene Einblicke in Eislers kompositorische Werkstatt. Dies gilt u. a. für Eislers Behandlung der Zwölftontechnik, für seine Instrumentation, die im Verlauf des Kompositionsprozesses in einem bemerkenswerten Ausmaß changiert, und für den Niederschlag von Problemen der Bild-Ton-Synchronisation in der Konstruktion der musikalischen Form. Die vergleichende Skizzenanalyse ermöglicht ein vertieftes Verständnis der in Adornos und Eislers Buch Komposition für den Film enthaltenen Charakterisierung der White-Flood-Musik als einer Art Etüde im Verbinden von Funktionsorientierung und musikalischer Autonomie. Wiewohl das Filmmusikbuch die Eigenständigkeit der musikalischen Formen in White Flood proklamiert, erweist sich der funktionale Aspekt als prägendes Moment nicht nur der musikalischen Detailarbeit, sondern durchaus auch der formalen Anlage der Komposition. Tobias Faßhauer studierte Musikwissenschaft, Theaterwissenschaft und Diplommusikerziehung, Hauptfach Musiktheorie, in Detmold und Berlin. 2005 Promotion mit einer Arbeit über Kurt Weills Songstil. Als Mitarbeiter der Hanns Eisler Gesamtausgabe Editor von Eislers Kammersymphonie und Mitherausgeber dessen Gesammelter Schriften. Lehrtätigkeit an der Technischen Universität, der Humboldt-Universität und der Universität der Künste in Berlin; 2015 DAAD-geförderte Gastdozentur an der Universidad de los Andes, Bogotá, Kolumbien. Auch tätig als Komponist und Arrangeur.

Michael Fjeldsøe Hanns Eisler und seine Bedeutung für die linkskulturelle Szene in Dänemark in den 1920er und 1930er Jahren Auf der Grundlage von Untersuchungen zur linken Kulturszene in Dänemark in der Zeit zwischen den Weltkriegen, die in meiner Habilitationsschrift Kulturradikalismens musik (Musik des Kulturradikalismus [entspricht etwa: Musik der Neuen Sachlichkeit], 2013) zusammengefasst sind, lässt sich die Bedeutung Hanns Eislers für diese Szene in Dänemark darstel|

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Zusammenfassungen und Autoren

len. Eisler spielt dort eine Rolle erstens als Komponist neuartiger linker Arbeiterlieder, zweitens als einer der Komponisten der Neuen Sachlichkeit, der das Problembewusstsein dieser Generation von europäischen Komponisten mitgestaltet, drittens als der Komponist von Die Rundköpfe und die Spitzköpfe, viertens als Exil-Komponist, der für längere Zeit Aufenthalt in Dänemark bezog. Fünftens denke ich, dass er in einigen Fällen Modelle geliefert hat, wie man sich mit Musik kritisch verhalten kann. Diese wurden z. B. von Komponisten wie Otto Mortensen und Jørgen Bentzon aufgegriffen. Als Perspektive für die weitere EislerForschung ist es meiner Meinung nach von Bedeutung, Eisler als einen Komponisten der Neuen Sachlichkeit zu sehen, mithin außerhalb der Dichotomie ›politischer Komponist‹ vs. ›Schönberg-Schüler‹. Auch seine musikalischen Positionen und Legitimierungsstrategien der Nachkriegszeit lassen sich auf diese früheren Diskurse beziehen. Michael Fjeldsøe ist Professor für Musikwissenschaft am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaft, Sektion Musikwissenschaft, Universität Kopenhagen.

Hannes Heher Hanns Eisler und die RAVAG Der Beitrag betrachtet das Vorkommen bzw. Nicht-Vorkommen des österreichischen Komponisten Hanns Eisler im Rundfunk seines Vaterlandes. Dabei wird auch die Rolle dieses Mediums als eines Konzert(mit)veranstalters von Eisler-Musik untersucht, insbesondere die über die Jahrzehnte bis in die heutige Zeit auch aus politischen Gründen unterschiedlich starke Wahrnehmung Eislers. Ein Schwerpunkt liegt auf der Musikproduktion der RAVAG, der Vorläufer-Organisation des heutigen ORF, vor allem zwischen 1945 und 1956. In diesen Jahren war, anders als zuvor und danach, Hanns Eislers Musik regelmäßig zu hören, wenn auch vornehmlich in den Programmen der »Russischen Stunde«, also in Sendungen, die unter dem Einfluss der Kulturarbeit der KPÖ standen. Hannes Heher ist Komponist sowie redaktioneller Mitarbeiter der Musikredaktion von Radio Österreich 1 des ORF.

Nelly Koetsier Auf der Suche nach der Aktualität Hanns Eislers – anhand dreier Lieder aus den Jahren 1929–1934 Der Text soll die Aktualität von Eislers Liedern zeigen, anhand von Liedern, die dem heutigen Publikum etwas zu sagen haben. Die Welt von heute ist durch das Scheitern des Kapitalismus charakterisiert. Die finanzielle und ökonomische Globalisierung gelangt an ihre Grenzen, und nur wenige profitieren vom freien Welthandel. Nahrung wird für die Ärmsten der Erde unbezahlbar. Bankenspekulationen heizen die Finanzkrise an. Eislers Lieder kreisen um aktuelle Themen wie Hunger, Arbeitslosigkeit und den Gegensatz von Arm und Reich, um Handelsmonopole, Spekulationen des Großkapitals und Kriegstreiberei. Und so 251 |


Zusammenfassungen und Autoren

weisen etwa Stücke wie »Die Ballade von den Säckeschmeißern« frappierende Bezüge zu heutigen Lebensmittelspekulationen an der Börse in Chicago auf. Nelly Koetsier studierte Musikwissenschaft an der Universität von Amsterdam sowie Klavier. Über die Arbeit als Schulmusikerin und Klavierlehrerin hinaus engagiert sie sich für Dritte-Welt-Projekte und in der Friedensbewegung. Ein großes Anliegen ist ihr dabei die Verbindung musikalischen Wirkens mit sozialen Themen.

Richard Patrick Nangle, Jr. From Song of Heroes to A Child Went Forth: Parallels and Similarities between Hanns Eisler’s Soviet and American Documentary Film Work Hanns Eislers fruchtbares Dokumentarfilmwerk begann in der Weimarer Republik und reichte bis in seine letzten Jahre in der DDR. Dieser Aufsatz setzt sich mit Pesn’ o gerojach (Heldenlied) von 1933 auseinander, seiner ersten Dokumentarfilmpartitur und ersten Zusammenarbeit mit dem niederländischen Regisseur Joris Ivens, und setzt diesen sowjetischen Film in Beziehung zu verschiedenen Dokumentarfilmarbeiten, für die Eisler während seines USA-Exils die Musik komponierte, besonders A Child Went Forth (1941). Eislers künstlerische Arbeit fand ihren Platz sowohl in der stalinistischen Sowjetunion als auch in Franklin Roosevelts Vereinigten Staaten von Amerika. Dies lag an der Spezifik des Mediums Film, aber auch an offenkundigen Ähnlichkeiten zwischen den Themen sowjetischer und amerikanischer Kunst und Kultur der Zeit. Was Eisler damals am Film anzog, war, dass die Kunst der Filmmusikkomposition sich in ihrer prägenden, noch stark experimentell geprägten Phase befand, sowie die Aussicht, ein breites Publikum zu erreichen. Die Überhöhung des Arbeiters und ein allgemeiner kollektiver Geist herrschte in beiden Ländern vor. So unterschiedlich die Dokumentarfilme durch ihr Thema, die verwendeten musikalischen Mittel und den politisch-gesellschaftlichen Kontext auch erscheinen mögen, spiegelt sich in ihnen doch das beständige Interesse des Komponisten wider, Musik mit anderen Kunstformen zu verbinden und dadurch das Publikum zu bilden und zu aktivieren. Richard Patrick Nangle, Jr. promovierte an der Boston University und absolvierte ein Postgraduiertenprogramm an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« Berlin. Von 1997–1999 war er DAAD fellow an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Unterrichtstätigkeit führte ihn von der Fitchburg State University zu einer Dozentur für Musikwissenschaft und Gitarre am Boston University’s College of Fine Arts sowie an der University of Massachusetts Lowell.

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Zusammenfassungen und Autoren

Adrian Niegot »Die Kunstpositionen […] werden geändert werden müssen.« Anmerkungen zur Bildungsrelevanz des Änderungs-Begriffs im Kontext von Überlegungen Hanns Eislers zur Kybernetik Hanns Eisler fragt im Zusammenhang mit seiner Rezeption der Kybernetik-Debatten seiner Zeit nach dem Stellenwert von Änderungsprozessen mit Blick auf das Verhältnis zwischen Kunst und Gesellschaft. Dabei sind Änderungen im Bereich des Wissens, etwa die Änderung von Kunstpositionen, bei Eisler verbunden mit der Frage nach Wissensordnungen und -stabilitäten. Eislers Kompositionen und seine ästhetisch-philosophischen Positionen können in dieser Perspektive verstanden werden als Ermöglichungsanregungen für kulturelles Handeln. Insofern kann ihnen eine besondere Bildungsrelevanz zugeschrieben werden, wenn Bildung verstanden wird als »eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein« (P. Bieri). Der Begriff der Änderung kann daher erstens – ausgehend von der Kybernetik-Rezeption Eislers – als Denkkategorie betrachtet werden, er kann zweitens – mit Bezug auf die besondere Ästhetik der Werke Eislers – als Ermöglichungsbegriff aufgefasst und drittens – mit Blick auf die kulturellen Geltungen von Wissen – als Bildungskategorie reflektiert werden.  Adrian Niegot, 1995–2003 Studium der Musik (Lehramt) und Katholischen Kirchenmusik an der Folkwang-Hochschule in Essen sowie der Germanistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. 2005–2015 Schuldienst am Bischöflichen Abtei-Gymnasium Duisburg-Hamborn. 2014 Promotion in Musikpädagogik an der Folkwang Universität der Künste, Lehrbeauftragter für Musikpädagogik an der Bergischen Universität Wuppertal; seit dem WS 2015/16 Professor für Musikpädagogik und Musikdidaktik an der  Folkwang Universität der Künste.

Arnold Pistiak Eislers Schwitzbad Majakowski wird in Eisler-Darstellungen häufig übergangen oder zumindest doch als eine Randfigur im Schaffen des Komponisten behandelt. Tatsächlich aber hat Eisler nach dem XX. Parteitag der KPdSU mit den Majakowski-Liedern »Linker Marsch« und »Lied vom Subbotnik« (für die Berliner Aufführung des Stücks Sturm von Wladimir Naumowitsch Bill-Bjelozerkowski 1957), mit dem Lied »Regimenter gehn« (1957) und sodann und wohl vor allem mit einer kompletten und durchaus eigenständigen Bühnenmusik zu Majakowskis Stück Das Schwitzbad sich sehr direkt auf Majakowski bezogen. Nicht ironisch ist die Grundhaltung des Stücks von 1929/30 wie die der Bühnenmusik von 1958/59, nicht pessimistisch, sondern aggressiv und kämpferisch. Die poetische Konzeption der Schwitzbad-Musik besteht vor allem darin, Satirisch-Distanzierendes und Identifizierendes hart zu konfrontieren und sich der fatalen Tendenz der Verselbständigung eines bürokratisch-autokraten Machtapparats heftig und entschlossen zu widersetzen. Die vorliegende Arbeit unternimmt es, diese wesentlichen Momente der Bühnenmusik nachzuzeichnen – das Satirisch-Groteske einerseits, das Hymnisch-Kämpferische andererseits. 253 |


Zusammenfassungen und Autoren

Arnold Pistiak, geboren 1941, Ausbildung zum Elektroschlosser, Studium an der HumboldtUniversität Berlin. Er arbeitete als Lehrer in Seelow (Mark) und Oran (Algerien), promovierte in Potsdam. Danach Lehrtätigkeit an der Universität Bagdad (Irak), der Universität Antananarivo (Madagaskar), der Fachhochschule Frankfurt (Oder) und der Universität Potsdam. Seit 2006 ist er Rentner. Ein Schwerpunkt der wissenschaftlichen Tätigkeit liegt neben der fortgesetzten Beschäftigung mit Texten von Heine und Feuchtwanger und Kompositionen Hanns Eislers auf der Frage nach den Wechselbeziehungen zwischen Literatur und Musik, in weiterem Sinne auch zwischen Literatur und anderen Künsten. Neuere Veröffentlichungen zu Hanns Eisler bilden etwa vier ausführliche Essays zu seinem musikalischen und poetischen Schaffen (edition bodoni 2013, 4 Bde.).

Gerd Rienäcker Eislers Goethe-Rhapsodie – ein Vorläufer der Postmoderne? Goethe-Rhapsodie: Dem ersten Blick bietet sich ein Kaleidoskop musikalischer Idiome, korrespondierend mit der Übernahme verschiedener Segmente aus der Filmmusik. Nun ist, was hier besonders krass hervortritt, in Eislers Werk kein Einzelfall. Filmmusiken während des Exils führen jeweils andere Idiome vor, nicht anders die Svendborger und Hollywooder Elegien. Nimmt derlei Musizieren jene idiomatische Pluralität vorweg, die seit den siebziger Jahren der musikalischen (und nicht nur musikalischen) Postmoderne unterstellt wird? Wer so fragt, wird sich des schier grenzenlosen Sammelsuriums vergewissern, dem der Begriff »Postmoderne« oder »Postmodernismus« als Etikett aufgesetzt ist – diesseits, jenseits jener ihm unterstellten Beliebigkeit. Davon jedoch kann in Eislers Werken nicht die Rede sein, statt dessen von Phänomenen, die Eisler und Adorno gleichermaßen beschäftigten: Trüge nicht alles, so träten Material und Verfahrensweisen auseinander. Was es damit auf sich hat, verweist erneut auf kaum begrenzbare Vielfalt, zusammengehalten am ehesten durch die Verpflichtung zur Reflexion, und dies über Musik hinaus. Gerd Rienäcker (1939–2018); 1959–1964 Studium der Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin; 1964–1966 Musikdramaturg am Landestheater Eisenach; 1967– 1985 Assistent, 1985 Dozent, 1990 Professor für Theorie und Geschichte des Musiktheaters an der Humboldt-Universität; seit 1996 Privatdozent und Titularprofessor; Lehrtätigkeit an mehreren Hochschulen in Deutschland. Bücher: Aufsätze zu Wagner (Berlin 2000); Richard Wagner. Nachdenken über sein Gewebe (Berlin 2001); Musiktheater im Experiment (Berlin 2004). Aufsätze zur Theorie und Geschichte des Musiktheaters, zur neueren Musikgeschichte, zur Musikanalyse.

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Zusammenfassungen und Autoren

Jürgen Schebera Zeichen der Zeit. Eisler-Filmdokumentationen aus den Jahren 1972 bis 1998 Fünf Fernseh-Filmdokumentationen über Hanns Eisler sind zwischen 1972 und 1998 in der Bundesrepublik, der DDR, dem wiedervereinigten Deutschland und in Kanada entstanden, allesamt biographisch angelegt und doch sehr unterschiedlich in ihrer Dramaturgie wie filmischen Gestaltung. Der Beitrag stellt die einzelnen Filme kurz vor und geht dabei der Frage nach, wie in unterschiedlichen historischen Phasen die jeweiligen politischen Konstellationen in West wie Ost als »Zeichen der Zeit« eingeflossen sind. Von bleibendem Wert sind die Sequenzen, in denen eine ansehnliche Zahl von Freunden, Mitarbeitern und Schülern Eislers zu dessen Person und Werk befragt wird – darunter Theodor W. Adorno, Ernst Bloch, Paul Dessau, Ernst Fischer, Alexander Goehr, Stephan Hermlin, Georg Knepler und Hans Mayer. Transkriptionen ihrer Äußerungen werden im Anhang wiedergegeben, ebenso die filmographischen Angaben zu den einzelnen Produktionen. Jürgen Schebera, Promotion 1976 in Leipzig mit einer Arbeit über Eisler im USA-Exil, 1981– 1991 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, 1992–2004 Verlagslektor in Berlin. Zahlreiche Buchveröffentlichungen zur Kunst- und Kulturgeschichte der Weimarer Republik und des antifaschistischen Exils sowie zu den Komponisten Hanns Eisler und Kurt Weill.

Wolfgang Thiel (Nach-)Wirkungen von Hanns Eislers filmmusikalischer Arbeit in Theorie und Praxis im Schaffen ost- und westdeutscher Filmkomponisten vor 1990 Die Studie geht der Frage nach, ob die von Hanns Eisler 1949 im Berliner Henschelverlag publizierte Ausgabe der kritischen Hollywood-Analyse Komposition für den Film sowie seine für DEFA-Spielfilme geschriebenen Partituren das Schaffen von ost- und westdeutschen Filmkomponisten material- oder/und funktionalstilistisch beeinflussten. Kann von einer filmmusikalischen Eisler-Nachfolge gesprochen werden, welche nicht nur imitierte, »was so am schlagkräftigsten war« (Eisler), sondern für die das Modell einer sowohl stilistisch als auch dramaturgisch intelligent geplanten Filmmusik den Ausgangspunkt des eigenen kompositorischen Schaffens im Bereich von Kino und Fernsehen bildete? Wolfgang Thiel, geboren 1947, studierte Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität bei Georg Knepler sowie Komposition an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« bei Wolfgang Hohensee und Andre Asriel. 1975 Promotion; 1979–1981 Meisterschüler an der Akademie der Künste Berlin bei Siegfried Matthus. 1975–1990 Arbeit als freischaffender Komponist (von u. a. 2 Sinfonien, Kammermusik in verschiedensten Besetzungen, 50 Filmmusiken); 1990–2010 Leiter der Städtischen Musikschule Potsdam; seit 1992 Honorarprofessor für Medienmusik an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler«. Publikationen mit den Schwerpunkten Ästhetik und Geschichte der Filmmusik, u. a. Filmmusik in Geschichte 255 |


Zusammenfassungen und Autoren

und Gegenwart (1981), zahlreiche Studien zu Problemen einer filmspezifischen Musik, zur Filmmusik im NS-Staat, zur Geschichte der europäischen Filmmusik und zu Hanns Eislers Filmmusiken nach 1948.

Chiharu Wada Zum Einfluss der Musik von Hanns Eisler in Japan. Eine kleine Rezeptionsgeschichte Hanns Eisler ist in Japan noch relativ unbekannt, und von einer Rezeptionsgeschichte lässt sich nur in Ansätzen sprechen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Eisler in Japan keine Spuren hinterließ. Seine Musik hat die japanische Singebewegung und das Theater relativ stark beeinflusst. In Japan begann die eigentliche Eisler-Rezeption durch die Bemühungen jener Komponisten, die sich für die Werke von Eisler interessierten und somit dazu beitrugen, ihn in Japan bekanntzumachen. Deshalb konzentriert sich diese kleine Rezeptionsgeschichte vorwiegend auf das Wirken dieser Komponisten. Aufgrund der Eigenheiten der japanischen Sprache erweist sich die Übersetzung der Texte immer als äußerst schwierig. Diese Schwierigkeiten verhindern manchmal die Wiedergabe des sorgfältig ausgestalteten Wort-Ton-Verhältnisses in Eislers Songs bei einer Übersetzung. Dieser Umstand führte die Komponisten dazu, dass sie die künstlerische Philosophie von Eisler und Brecht praktisch anzuwenden versuchten, in dem sie einen auf ihrer Sprache basierenden neuen Weg einschlugen. Sie lernten vieles von der Musik Eislers. Hier werden zwei Widmungskompositionen an Eisler vorgestellt, die die Sympathie des japanischen Komponisten Hayashi deutlich erkennen lassen. Diese erste Phase der Rezeptionsgeschichte in Japan, die in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation und dem daraus resultierendem Zeitgeist entstand, ist ein wichtiger Grundstein für alle folgenden Phasen. Nach ihrer Promotion arbeitete Chiharu Wada seit 2010 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Faculty of Music, Tokyo University of the Arts. Seit 2015 ist sie Assistenzprofessorin im Department of Art Studies der Meiji Gakuin University. Forschungsschwerpunkte sind die Werke Hanns Eislers und Paul Dessaus sowie japanische Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Horst Weber Eisler und die Einwanderungsbehörde Das Genealogy Program des US Department of Justice ermöglicht die Einsicht in die Unterlagen von Personen beim Immigration & Naturalization Service (INS), sofern das Interesse des Antragstellers begründet scheint. Die Akte Eisler umfasst 225 Blatt und dokumentiert den dornigen Weg von den ersten, problemlosen visitor visa in den Jahren 1935 und 1938 bis zum harten Kampf um ein permanent visa 1939/40, aber ebenso den kurzen Prozess, der mit ihm nach Anhörung vor dem House on Un-American Activities Committee (HUAC) |

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Abstracts and autors

gemacht wurde und 1948 mit seiner Abschiebung endete. In beiden Fällen drohte Eisler und seiner Frau die Verhaftung. Anders als das HUAC manipulierte der INS nicht die Öffentlichkeit, sondern handelte im Einklang mit den amerikanischen Gesetzen, vor allem dem Immigration Act von 1924 und dem Alien Registration Act von 1940. Unrecht ist Eisler durch die Politik widerfahren, nicht durch die Einwanderungsbehörde. Horst Weber studierte Theaterwissenschaft, Musikwissenschaft und Dirigieren in Wien. Von 1978 bis 2010 war er Professor für Musikwissenschaft an der Folkwang Universität der Künste, Essen.

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Knud Breyer “I’m also […] setting aside musique pure”. On the dialectics of instrumental music in Hanns Eisler Hanns Eisler had an ambivalent relationship to “absolute music”. On the one hand, his political and theoretical writings constantly campaign against bourgeois music culture and in favour of a socially engaged music. On the other hand, he was also aware that the criteria of “absolute music” were a guarantor for artistic quality. His own oeuvre reflects this dialectic in his different composition phases. Both his first “chamber music phase” until 1925 and his subsequent “struggle music phase” were, for him, stations to be overcome within a dialectical process. With his film music for The 400 Million – his first commissioned work in the USA – Eisler achieved a synthesis in which he wrote dodecaphonic music of high aesthetic import, but for a political film. Eisler derived several orchestral works from this film music, including his Fünf Orchesterstücke (“Five pieces for orchestra”). However, they were only given their first performance in the GDR, under cultural/political circumstances that were exactly what Eisler had striven for, but that also proved to be too restrictive, as he himself experienced and even admitted in an act of self-criticism. Knud Breyer, musicologist, is on the Scholarly Staff of the music edition of the Deutsche Forschungsgemeinschaft’s long-term project “Hanns Eisler Complete Edition” at the Freie Universität Berlin.

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Julian Caskel “Ostinato with a bad conscience”. On the aesthetic function of rhythm in Hanns Eisler The Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) project “Rhythm as a means of communication in musical Modernism” investigates the functionalisation of rhythmic procedures in the basic narratives of musical Modernism. It seems unclear whether rhythm fosters material progress or is a principal pillar in a move away from material aesthetics. Hanns Eisler takes up a similarly indeterminate position within musical historiography. For this reason, we here investigate the status of a specific aesthetic of rhythm in Eisler’s theoretical utterances, to what degree elements of the Schoenberg School and their compositional thought may have entered into this aesthetic, and whether a theory of musical gesture may acquire new insights from the perspective of rhythm. Furthermore, individual significant excerpts (such as the first song of the Zeitungsausschnitte) are used to explain the role played by rhythmic attempts at a synthesis between musical prose and motoric ostinati in Eisler’s work. Julian Caskel took his doctorate in Cologne in 2008, after which he was responsible for designing and realising a DFG project entitled “Rhythm as a means of communication in musical Modernism“. He has published on music history in the 18th to 20th centuries, on music theory, on music aesthetics and on interpretation (he is the editor of the Handbuch Dirigenten).

Tobias Faßhauer Hanns Eisler’s Chamber Symphony: Aspects of its genesis Eisler’s Chamber Symphony, which was also his film music to White Flood (1940), belongs among those of his works whose composition is documented by means of a particularly comprehensive number of extant sketches. Including fragments of the short-score draft and the score, some 140 notated sources of differing lengths exist. During work on the edition published in the Hanns Eisler Complete Edition, these sources have been identified according to the bars they belong to, and organised chronologically within each movement. The sketches and drafts for the Chamber Symphony held by the Hanns Eisler Archive at the Academy of Arts in Berlin provide rare insights into Eisler’s compositional process. These include insights into his treatment of twelve-tone technique, into his instrumentation – which changes to a remarkable degree in the course of the compositional process – and into the manner in which problems of synchronisation between image and sound had an impact on how Eisler shaped musical form. A comparative analysis of the sketches enables us to gain a deeper understanding of the description given of the White Flood music in the book Composing for the Films by Adorno and Eisler, namely as a kind of etude in functional orientation and musical autonomy. However much the film music book proclaims the independence of the musical forms in White Flood, the functional aspect proves to be decisive – not just in Eisler’s work on the musical details, but also in the formal structure of the composition.

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Tobias Faßhauer studied in Detmold and Berlin; his subjects were musicology and theatre studies, and he took a diploma in music education with music theory as his main subject. He took his doctorate in 2005 with a thesis on Kurt Weill’s song style. Formerly on the staff of the Hanns Eisler Complete Edition, he is the editor of Eisler’s Chamber Symphony and co-editor of his Collected Writings. He has lectured at the Technical University, the Humboldt University and the University of Arts in Berlin. In 2015 he was awarded a DAAD guest lectureship at the Universidad de los Andes in Bogotá, Columbia. He is also active as a composer and arranger.

Michael Fjeldsøe Hanns Eisler and his importance for the left-wing cultural scene in Denmark in the 1920s and 1930s The importance of Hanns Eisler for the left-wing cultural scene in Denmark between the two world wars is explained in my “Habilitation” thesis (2013), entitled Kulturradikalismens musik (Music of cultural radicalism, i.e. roughly Music of the Neue Sachlichkeit). Eisler played several roles there: as a composer of innovative left-wing workers’ songs; as one of the composers of the “Neue Sachlichkeit”, the “New Objectivity”, who helped to mould the awareness of his generation of European composers; as the composer of Die Rundköpfe und die Spitzköpfe; and as a composer in exile who spent a considerable period of time in Denmark himself. I also believe that in several cases he provided a “model” of how one can act critically through music, with his ideas being taken up by composers such as Otto Mortensen and Jørgen Bentzon. With a view to future Eisler research, it seems important to me to see Eisler as a composer of the “New Objectivity”, and thus outside the dichotomy of “political composer” versus “Schoenberg student”. His musical stance and strategies for legitimation in the post-War period can also be seen to refer back to these earlier discourses. Michael Fjeldsøe is a professor of musicology at the Department of Arts and Cultural Studies at the University of Copenhagen.

Hannes Heher Hanns Eisler and RAVAG This chapter investigates the presence – and non-presence – of the Austrian composer Hanns Eisler in the radio broadcasts of his native country. We examine the role of this medium in programming Eisler’s music in concerts, and especially in the differing degrees of awareness of Eisler over the decades, right down to the present day (this process being not least a result of political factors). One focus here is on the music productions of RAVAG (the predecessor of today’s ORF), primarily during the period from 1945 to 1956. In these years, unlike in the periods before and after, Hanns Eisler’s music was heard regularly, if

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mostly in the programmes of the “Russian hour”: in other words, in broadcasts that were made under the influence of the KPÖ, the Austrian Community Party. Hannes Heher is a composer and a music editor for Radio Österreich 1 at ORF.

Nelly Koetsier Searching for Hanns Eisler’s topicality – with case studies of three songs from the years 1929–1934 We here aim to demonstrate the topicality of Eisler’s songs by investigating those that have something to say to today’s audiences. Today’s world is characterised by the failure of capitalism. Financial and economic globalisation is reaching its limits, and only the few are profiting from free trade across the world. Food is becoming unaffordable to the poorest people on Earth. Banking speculators are fuelling the financial crisis. Eisler’s songs are on topical issues such as hunger, unemployment, the contrasts of rich and poor, trade monopolies, big business speculators and warmongers. And thus works such as the “Die Ballade von den Säckeschmeissern“ (literally: “The Ballad of the sack slingers”) deal with issues that are strikingly similar to today’s foodstuff speculation on the Chicago stock markets. Nelly Koetsier studied musicology at the University of Amsterdam, and also trained as a pianist. She works as a school music teacher and as a piano teacher, and is also involved in projects in the Third World and in the peace movement. One of her major concerns is linking the impact of music to social topics.

Richard Patrick Nangle, Jr. From Song of Heroes to A Child Went Forth: Parallels and Similarities between Hanns Eisler’s Soviet and American Documentary Film Work The seminal work of Hanns Eisler in documentary film spans the late Weimar era through his last years in the German Democratic Republic. This article discusses Pesn’ o geroyakh (Song of Heroes) from 1933, his first documentary film score and first collaboration with the Dutch director Joris Ivens, and relates this Soviet film to several documentaries for which Eisler scored the music when he subsequently lived in the United States, A Child Went Forth (1941) in particular. Eisler’s artistic work had a place in both the Stalinist Soviet Union and Rooseveltera United States because of the film media in which he worked as well as apparent similarities between Soviet and American art and cultural themes of the time. The art of film scoring was in its formative phase, developing mostly through experimentation, which drew Eisler to film, in addition to its capacity to reach a wider audience. The elevation of workers and a general collectivist spirit were prevalent in both countries. As different as the documentaries appear in their subject matter, musical resources, and socio-political contexts, they reflect the composer’s consistent interest in connecting music to other art forms and using it to edify and activate the audience. |

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Richard Patrick Nangle, Jr. is a lecturer in the School of Music at Boston University’s College of Fine Arts, where he teaches musicology and guitar. He also teaches in the Music Department at the University of Massachusetts Lowell and has taught in the Humanities Department at Fitchburg State University. He has a Doctor of Musical Arts degree in Composition from Boston University and a Postgraduate Diploma in Composition from the Hochschule für Musik “Hanns Eisler” Berlin. He was a DAAD fellow at the Humboldt-Universität zu Berlin in 1997–1999. His previous formal studies include a Master of Music degree in Composition from the University of Missouri-Kansas City as well as Bachelor of Arts in Music and Bachelor of Arts in Political Science degrees from the University of Missouri-Columbia. He is originally from Saint Louis, Missouri.

Adrian Niegot “Positions in art […] will have to be changed”. Remarks on the educational relevance of the concept of change in the context of Hanns Eisler’s thoughts on cybernetics In his reception of the cybernetic debates of his time, Hanns Eisler poses questions about the status of change processes in the relationship between art and society. In Eisler, changes in the field of knowledge, such as changes in artistic stances, are linked with questions about knowledge systems and the stability of knowledge. From this perspective, Eisler’s compositions and his aesthetic, philosophical stance can be seen as enabling stimuli for cultural action. In this sense, a special educational relevance may be ascribed to them, if we understand education as “a specific manner of being in the world” (P. Bieri). Taking Eisler’s cybernetics reception as our starting point, the concept of change can thus be regarded as a category of reasoning. With reference to the special aesthetic of Eisler’s works, it can further be regarded as an enabling concept, and also – with reference to the cultural validity of knowledge – as an educational category. 1995–2003: Adrian Niegot studied music (pedagogy) and Catholic church music at the Folkwang University in Essen, and German and education at the University of DuisburgEssen. 2005–2015: taught at the Bischöfliches Abtei-Gymnasium in Duisburg-Hamborn. Gained his doctorate in music pedagogy in 2014 at the Folkwang University of the Arts, and appointed lecturer for music pedagogy at the Bergische Universität Wuppertal. Since the winter semester of 2015/16 he has been a professor in music pedagogy at the Folkwang University of the Arts.

Arnold Pistiak Eisler’s Schwitzbad In discussions of Eisler, Mayakovsky is often overlooked, or at best treated as a marginal figure in the career of the composer. But in fact, after the 20th Party Congress of the Communist Party of the Soviet Union, Eisler engaged directly with his work, with settings of Mayakovsky’s songs “Linker Marsch” and “Lied vom Subbotnik” (for the Berlin performance 261 |


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of the play Sturm by Vladimir Naumovich Bill-Belotserkovsky in 1957), the song “Regimenter gehn” (1957) and above all with the complete incidental music for Mayakovsky’s play Das Schwitzbad. Unlike Eisler’s incidental music of 1958/59, the basic tenor of the play, written in 1929/30, is neither ironic nor pessimistic, but aggressive and combative. The poetic conception of the music for Schwitzbad entails a stringent confrontation of what is satirically alienating with identifying characteristics, and also entails resolutely, vehemently resisting the fatal tendency to independence of a bureaucratic, autocratic power structure. The present chapter endeavours to trace these fundamental moments in the incidental music – the satirical, grotesque moments on the one hand, and the panegyrical, combative moments on the other. Arnold Pistiak, born in 1941, trained as an electrical fitter, then studied at the Humboldt University in Berlin. He worked as a teacher in Seelow (Mark) and in Oran (in Algeria), and took his doctorate in Potsdam. He then taught at the University of Baghdad in Iraq, at the University of Antananarivo (in Madagascar), at the Frankfurt (Oder) University of Applied Sciences and at the University of Potsdam. He retired in 2006. One focus of his research is a continued engagement with the texts of Heine and Feuchtwanger and with the compositions of Hanns Eisler, investigating the interdependencies of literature and music, and also in a broader sense of literature and the other arts. His recent publications on Hanns Eisler include four extensive essays on his musical and poetic oeuvre (edition bodoni 2013, 4 vols.).

Gerd Rienäcker Hanns Eisler – a precursor of Postmodernism? The Goethe-Rhapsody: At a first glance, one sees a kaleidoscope of musical idioms on account of its comprising different segments of film music by Eisler. But what here comes to the fore in particularly direct fashion is no exception in Eisler’s oeuvre. The film music he composed during his exile displays various idioms, as do the Svendborg and Hollywood Elegies. Do such works anticipate the idiomatic plurality that has been reflected in musical Postmodernism (and other Postmodernisms) since the 1970s? To ask this question means considering the well-nigh boundless hodge-podge to which the label “Postmodern” is applied. And yet Eisler’s work cannot be said to display any of the supposed arbitrariness of the Postmodern; instead we can here discern phenomena that occupied both Eisler and Adorno, namely that music’s resources and methods of composing were becoming increasingly independent of each other. This again suggests an almost boundless variety that is held together at best by a duty to reflection that goes above and beyond music. Gerd Rienäcker (1939–2018); studied musicology from 1959 to 1964 at the Humboldt University in Berlin; from 1964 to 1966 he was music dramaturge at the Landestheater in Eisenach; from 1967 to 1985 he was an assistant, then from 1985 a lecturer and from 1990 professor |

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in the theory and history of music theatre at the Humboldt University. Since 1996 he has been Privatdozent and titular professor, and has taught at various universities in Germany. Books: Aufsätze zu Wagner (Berlin, 2000); Richard Wagner. Nachdenken über sein Gewebe (Berlin, 2001); Musiktheater im Experiment (Berlin, 2004). Essays on the theory and history of music theatre, on modern music history, and on music analysis.

Jürgen Schebera Signs of the times. Film documentaries of Eisler from 1972 to 1998 Between 1972 and 1998, five TV documentaries were made about Hanns Eisler: in West Germany, in the GDR, in the reunified Germany and in Canada. They were all biographical in nature and yet very different in their dramaturgy and cinematic design. This chapter offers a brief introduction to these five films and investigates how, at different times in history, the respective political constellations in West and East were reflected in these films as “signs of the time”. The sequences in which a considerable number of friends, colleagues and pupils of Eisler are questioned about his life and work are of lasting value – including Theodor W. Adorno, Ernst Bloch, Paul Dessau, Ernst Fischer, Alexander Goehr, Stephan Hermlin, Georg Knepler and Hans Mayer. Transcriptions of their statements are offered in an appendix, as are the filmographic details of the different productions. Jürgen Schebera took his doctorate in Leipzig in 1976 with a thesis on Eisler in exile in the USA, and was on the research staff at the Central Institute for Literary History at the Academy of the Sciences of the GDR from 1981 to 1991. From 1992 to 2004 he worked as an editor at a publishing house in Berlin. He has published numerous books on the art and cultural history of the Weimar Republic and on anti-fascist exile, and on the composers Hanns Eisler and Kurt Weill.

Wolfgang Thiel (After-)effects of Hanns Eisler’s film music in theory and practice, in the work of film composers in East and West Germany before 1990 This study investigates whether film composers in East and West Germany were influenced either materially or in functional, stylistic ways by the edition of Hanns Eisler’s critical Hollywood analysis Komposition für den Film that he published with Henschelverlag in Berlin in 1949, or by the scores that he wrote himself for DEFA feature films. Can we speak of “successors” to Eisler among film music composers, of those who did not just imitate “what was most effective” (Eisler), but for whom the starting point for their own compositional oeuvre in the realm of cinema and TV was situated in Eisler’s model of a film music that was intelligently planned, both stylistically and dramaturgically? Wolfgang Thiel, born in 1947, studied musicology with Georg Knepler at the Humboldt University in Berlin and composition with Wolfgang Hohensee and Andre Asriel at the Hoch263 |


Abstracts and authors

schule für Musik “Hanns Eisler”. He was awarded his doctorate in 1975; from 1979 to 1981 he studied with Siegfried Matthus at the Berlin Academy of the Arts. From 1975 to 1990 he worked as a freelance composer (his works include two symphonies, chamber music for assorted ensembles, and 50 film scores); from 1990 to 2010 he was Head of the City Music School in Potsdam. Since 1992 he has been an honorary professor for music in the media at the Hochschule für Musik “Hanns Eisler”. His publications have focussed on aesthetics and on the history of film music, including Filmmusik in Geschichte und Gegenwart (1981), and he has written numerous studies on problems in film-specific music, on film music in Nazi Germany, the history of European film music and on Hanns Eisler’s film music after 1948.

Chiharu Wada On the influence of Hanns Eisler’s music in Japan. A brief reception history Hanns Eisler is still relatively unknown in Japan, and we can only speak of a rudimentary Eisler reception history there. But this does not mean that Eisler did not leave any traces in Japan. His music had a not inconsiderable influence on the Japanese singing movement and on Japanese theatre. In Japan, the reception of Eisler really began thanks to the efforts of those composers who were interested in Eisler’s works and so made a contribution to getting him better known in their country. For this reason, this brief reception history will concentrate primarily on the work and impact of these composers. Given the peculiarities of the Japanese language, translating texts always proves to be extremely difficult. Sometimes, these difficulties mean that the carefully calibrated relationships between words and music in Eisler’s songs cannot be reproduced in translation. This led our composers to endeavour to apply the artistic philosophy of Eisler and Brecht in practical terms, by setting off on new paths based on their own language. They learnt a lot from Eisler’s music. Here, two compositions are presented that were dedicated to Eisler, and which make evident the sympathy felt for him by the Japanese composer Hayashi. This initial phase of the reception of Eisler in Japan, which came about in a specific societal situation and due to the zeitgeist that resulted from it, is the cornerstone for all the ensuing phases of his reception. After being awarded her doctorate, Chiharu Wada worked from 2010 onwards as a research associate at the Faculty of Music at the Tokyo University of the Arts. Since 2015 she has been an assistant professor in the Department of Art Studies at Meiji Gakuin University. Her research focus is on the works of Hanns Eisler and Paul Dessau and on Japanese music history in the 20th century.

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Horst Weber Eisler and the Immigration & Naturalization Service The genealogy program of the US Department of Justice makes it possible for us to consult personal files held by the Immigration & Naturalization Service (INS), inasmuch as the applicant seems to have a well-founded case. Eisler’s file comprises 225 pages and documents his thorny path from his initial, problem-free visitor visas in the years 1935 and 1938, to his bitter struggle for a permanent visa in 1939/40, as well as the brief court case that was held on him after his hearing before the House Un-American Activities Committee (HUAC), which ended with his deportation in 1948. In both cases, Eisler and his wife were threatened with arrest. However, in contrast to the HUAC, the INS did not manipulate public opinion, but acted according to US laws, in particular the Immigration Act of 1924 and the Alien Registration Act of 1940. Eisler was treated unfairly by politicians, but not by the immigration authorities. Horst Weber studied musicology, conducting and theatre arts in Vienna. From 1978 to 2010 he was a professor of musicology at the Folkwang University of the Arts in Essen.

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Der Todestag Hanns Eislers im Jahr 2012 war Anlass für eine Bilanz der aktuellen Eisler-Forschung im Rahmen eines internationalen Symposiums. Das Themenspektrum der für diesen Band teils wenig, teils durchgreifend überarbeiteten Redebeiträge reicht von der analytischen Beschäftigung mit diversen kompositorischen und ästhetischen Aspekten, insbesondere der Filmmusik, über die historiographisch orientierte Erkundung verschiedener biographischer Stationen des Komponisten (Dänemark, USA, Österreich, Deutschland) bis zur allgemeinen Erörterung von Eislers Position in Geschichte und Gegenwart. Als ausgesprochenes Neuland erweist sich eine Untersuchung zur Geschichte der Eisler-Rezeption in Japan.

Eisler-Studien – Beiträge zu einer kritischen Musikwissenschaft Herausgegeben von Johannes C. Gall und Peter Schweinhardt im Auftrag der Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft

ISBN 978-3-7651-0402-2

9 783765 104022 A 18

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BV 402 - Eisler-Studien 6  

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