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Diatonische Modulation

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1.5 Diatonisch-variantische Modulation über drei bis sechs Quinten Verwendet man zur Umdeutung ausschließlich Akkorde, die entweder in Dur oder in Moll leitereigen sind, so sind die Möglichkeiten, direkt zu modulieren, sehr begrenzt: Man erreicht nur Tonarten, die höchstens zwei Quinten entfernt sind. Erweitert man jedoch das in Dur leitereigene Material um die Töne der Moll-Varianttonart, wird die Anzahl der tonarteigenen Töne und damit auch die Anzahl der möglichen Umdeutungsakkorde größer. Modulationen im Abstand bis zu sechs Quinten sind dann möglich. Man begibt sich mit dieser Tonalitätserweiterung in den Stilbereich der Romantik: Im 19. Jahrhundert war die Einbeziehung des Tonmaterials der Varianttonart eine Selbstverständlichkeit; die Beschränkung auf die diatonischen Leitertöne gehörte der barocken und frühklassischen Vergangenheit an, und die erweiterte Tonalität „Molldur“ hatte sich zum Standard entwickelt. Der Schlüsselton für die Einbeziehung des Mollelements in Dur ist die kleine Sexte der Tonart, z. B. in C-dur das as. Sie ist – in der Mollsubdominante als Terz, – in der Mollsubdominant-Parallele (sP, in C-dur As) als Grundton, – im Mollsubdominant-Gegenklang (sG, in C-dur Des) als Quinte enthalten. Mit Hilfe dieser drei Funktionen, s, sP (auch tG) und sG (auch sK), lassen sich alle Modulationen bis zu einem Abstand von sechs Quinten durchführen. Die kleine Sexte der Tonart ist außerdem im Df enthalten (als kleine None, s. S. 31f.), so dass sich dieser in die diatonisch-variantischen Modulationen stilistisch sehr gut einfügt. (In der romantischen Musik ist die Mollterz der Tonika naturgemäß ebenfalls ein wichtiger Molldur-Schlüsselton. Die Funktionen, welche ihn enthalten, t und tP, scheiden für unsere Modulationsübungen allerdings aus: Die Umdeutung der Tonika ist nur mit Einschränkung möglich, außerdem wirkt das enge Nebeneinander von Dur- und Molltonika in einer kurzen Ausgangs- bzw. Zielkadenz nicht überzeugend. Und die Molltonika-Parallele bringt wiederum alle bereits bekannten Probleme der III. Stufe mit sich.) Bei Tonartabständen von 3–6 Quinten nutzt man die Variantik der Subdominante: Umdeutungsakkord ist die Mollsubdominante der im Tonraum höher stehenden Tonart oder eine ihrer Terzverwandten: s, sG oder sP. (Der Begriff „höher stehend“ bezieht sich auf die Quintenleiter, s. S. 10.) Modulationsbeispiele 1. F – A (im Tonraum aufwärts) Der Modulationsabstand beträgt vier Quinten, was sich auch aus der Addition der Vorzeichen ergibt: ein b + drei Kreuze ≠ vier Vorzeichen (s. S. 10). Die höher stehende Tonart ist Adur, also kommen d (≠ s), F (≠ sP/tG) und B (≠ sG/sK) in Frage. Alle drei Akkorde sind auch in F-dur tonarteigen, können also grundsätzlich zum Modulieren verwendet werden.

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BV 368 - Geller, Modulationslehre  

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