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Hans-Werner Hunziker

Magie des Hรถrens

Unbewusste Strategien der Hรถrwahrnehmung

transmedia 3


Originalausgabe Alle Rechte vorbehalten © 2010 Hans-Werner Hunziker

transmedia Stäubli Verlag AG Zürich

ISBN 978-3-7266-0087-7 4


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Inhaltsverzeichnis Wie dieses Buch entstand

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Kapitel 1 Magie des Hörens Magie: Hören im Alltag Magie: Sehen mit dem Gehör Magie: Hören ohne Gehör Komplexe Hörerfahrungen im Raum

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Kapitel 2: Schallwellen und Spektrogramme Fachbegriffe aus der Psychoakustik, die für das Verständnis der weiteren Darlegungen von Bedeutung sind Schallwellen, Oszillogramme und Spektrogramme

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Kapitel 3: Tonaufnahme und Wiedergabe

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Kapitel 4: Wie das Ohr Spektrogramme erstellt und das Gehirn damit Harfe Harfe spielt Wandlung von Schallwellen in Hörwahrnehmungen

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Kapitel 5: Wie man feststellt, ob jemand Hörprobleme hat Hörprobleme Wie man feststellt, ob jemand normal hört Wie man feststellt, ob jemand auditive Wahrnehmungsstörungen hat Audiometrische Tests und Legasthenie

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Kapitel 6: Hören aus dem Zusammenhang Wie ein Schallereignis mit entsprechender Software in veränderbare Einzelteile zerlegt wird Wie der Mensch Hörwahrnehmungen trennt Wie die Hörwahrnehmung im Gehirn verknüpft sein kann Multimodale Wahrnehmung und mentale Landkarten Objektwahrnehmung Interaktion mit Lebewesen Ereigniswahrnehmung Akustische Täuschungen oder Fehlerkorrektur?

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Kapitel 7: Musikalisches Hören Musikalische Faktoren der Wahrnehmung Melodieerkennung Tonhöhenunterscheidung und Tonhöhenerkennung Timbre (Klangfarbe) Weitere Faktoren der Hörwahrnehmung Zusammenfassung

81 83 87 88 71 72 72

Kapitel 8: SUPEREULE, SUPEREULE, ein Hörtraining mit komplexen Tönen, Geräuschen, Sprache und Musik Vorgeschichte Die Aufgabenkategorien der CD-ROM Supereule Der Hörwahrnehmungstest Supereule Die Stichprobe Schwierigkeit der Aufgabengruppen Ergebnisse zur Entwicklung der Hörwahrnehmung Auditive und visuelle Entwicklung im Kindesalter

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Kapitel 9: Hörwahrnehmung von von lernschwachen Schülern Testergebnisse von lernschwachen Schülern

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Kapitel 10: Faktoren der Hörwahrnehmung Resultate der Faktorenanalyse Faktor 1: Tonhöhenunterscheidung Faktor 2: Rhythmusunterscheidung Faktor 3: Timbre (Klangfarbe) Faktor 4: Lücken Faktor 5: Veränderung Faktor 6: Bildzuordnung Faktor 7: Komplexität Faktor 8: Flexibilität Faktor 9: Bewegungsvorstellung

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Kapitel 11: Bildanzeigen, Spektrogramme und Hörfaktoren der 30 Spiele Funktionsweise der Spiele Gruppen A und B: Tonhöhe Spektrogramm und Wahrnehmung Details zu allen Einzelspielen

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Glocken, Bouzuki Schlagzeug-Becken, Schlagzeug-Trommeln Vibraphon, Gitarre Instrumenten Timbre Schlagzeug: Becken und Trommeln Bewegungsrichtung Pferde Dreitonfolgen Xylophon, Viertonfolgen Glocken Fünfschlagfolgen Schlagzeug, Fünftonfolgen Glocken Schlagzeugfolgen komplex Griechischsilben mit Vokalanzeige Dialektsilben mit Vokalanzeige Arabischsilben Finnischsilben Koreanischsilben Chinesischsilben Vogelstimmen 1 Vogelstimmen 2 Wasser und Lawine Kugeln Segel, Knarrgeräusche Schiffssignale, verfremdet Autoanlasser, verfremdet Wasser verfremdet Namen und Gesichter, Chinesisch

130 131 132 133 134 135 137 138 139 140 141 142 143 144 145 146 147 148 149 150 151 152 153 154

Kapitel 12: Therapie von Hörproblemen Die Einschränkungs-Therapie für Wahrnehmungsschwierigkeiten Warum Anna plötzlich nicht mehr lesen konnte Praktische Anwendung des Trainingsprogramms SUPEREULE Sensorische Integration

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Magie des Hörens: Eine Zusammenfassung

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Anhang Literaturverzeichnis Bildnachweis nach Bildnummern

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Wie dieses Buch entstand Vor etwas mehr als 10 Jahren beschäftigte ich mich mit der Entwicklung eines Hörtrainings, angespornt durch erste Befunde von Fischer, (2001), die besagten, dass etwa 45 % der leseschwachen Kinder auch Hörschwierigkeiten hätten. Vielleicht konnte also Leseschwäche auch mit einem geeigneten Hörtraining therapiert werden.

Ich wollte dabei analog vorgehen wie beim meinem bereits bestehenden visuellen Trainingsprogramm ADLERAUGE, bei dem mit ganz verschiedenen Spielen die visuelle Unterscheidungsfähigkeit der Lernenden geprüft und gefördert wird.

Zunächst machte ich mich daran, verschiedene natürliche Geräusche aufzunehmen.

Grundprinzipien waren folgende: •

tegien werden durch häufige Verwendung gefestigt und mit der Zeit ohne bewusste Planung eingesetzt ("Das hört man einfach!"). Verschiedene Schwierigkeitsgrade und die sofortige Rückmeldung der Resultate sollen den sichtbaren Erfolg fördern und die Motivation zum Weiterspielen gewährleisten. Die Hypothese ist folgende: Unterschiede möglichst schnell zu erkennen ist eine trainierbare Grundfertigkeit, die sich positiv auf viele andere Tätigkeiten auswirken kann.

Dabei stellte ich fest, dass besondere Anforderungen an zu unterscheidende Geräusche gestellt werden mussten:

Aufgaben müssen in Form von Spielen zur Hörunterscheidung gestellt werden. Sie müssen Spaß machen, um die Motivation zu gewährleisten. Die zum Unterscheiden von Schallereignissen zur Verfügung stehende Zeit muss begrenzt sein, so dass sich die Punktzahl bei zunehmender Übung erhöht. Bei komplexen Schallereignissen kann man durch das Erkunden von Unterschieden und durch das Entwickeln vo n Strategien (Woran hört man das? Wo liegt genau der Unterschied?) die Punktezahl verbessern. Erfolgreiche Wahrnehmungsstra-

So durften sich die Schallereignisse nicht bei den Hintergrundgeräuschen unterscheiden, damit sie nicht auf Grund nebensächlicher Merkmale erkannt werden konnten. Rollgeräusche von Kugeln verschiedner Größe oder unterschiedliche Wassergeräusche ergaben geeignete Vorlagen für Unterscheidungsaufgaben. Mit der Filtertechnik des Programms WAVEPAD verfremdete ich eigene und frei verfügbare Tondateien. Zur Herstellung sprachlicher Kunstwörter und Kunstsätze verwendete 11


ich Ausschnitte aus Sprachaufnahmen verschiedener Fremdsprachen, die mir durch meine frühere Tätigkeit bei PHILIPS zur Verfügung standen.

schulischer Leistungen eindeutig geringer. Mit der Zeit verwendeten aber immer mehr Therapeuten die SUPEREULE und waren vom therapeutischen Erfolg begeistert.

Musikalische Töne und Tonfolgen erzeugte mein Sohn Eric, seines Zeichens Sound Designer, Tonkünstler und Musiker. Mit seiner technischen Ausrüstung erstellte er die gewünschten Töne, Klänge und Tonfolgen.

Nachdem ich für ADLERAUGE eine größere Untersuchung mit Jugendlichen und Erwachsenen durchgeführt hatte, (publiziert im Buch Im Auge des Lesers, 2006), programmierte ich 2007 eine Testversion von SUPEREULE und suchte per Mail Lehrer, die ihre Schüler am PC damit prüfen und mir die Resultate mailen würden.

Das schließlich entstandene Programm SUPEREULE wurde von verschiedenen Profi-Musikern getestet. Ihre besten durch das Programm automatisch registrierten Spielresultate galten als mögliche Maximalscores.

Dank der Bereitschaft mehrer Lehrpersonen, diese Untersuchung ohne Entgelt auszuführen, konnte ich diese Arbeit ohne finanzielle Beiträge oder Subventionen ausführen - als Rentner nach dem Prinzip "Alter forscht".

Es war mir schon damals bewusst, dass es zwar verschiedene Theorien über die Wahrnehmung komplexer Hörereignisse gab, dass man aber die meist mit reinen Sinustönen erzielten Forschungsergebnisse nicht ohne weiteres auf die die natürliche Hörwahrnehmung übertragen konnte.

Allerdings dachte ich damals nicht, dass sich daraus dieses Buch ergeben würde, weil meine Absicht lediglich war, Altersnormen für die SUPEREULE aufzustellen.

Bei der Erprobung mit Schulkindern und Erwachsenen stellte ich fest, dass (im Gegensatz zu Lesetrainings oder mathematischen Trainingsprogrammen) die Erwachsenen gegenüber Kindern oft keine besseren Leistungen erbrachten, wenn Sie nicht beruflich oder durch ihr Hobby mit Musik oder Tonaufnahmen zu tun hatten.

Bei der Auswertung der Resultate und der Rückfrage bei den durchführenden Lehrpersonen zeigte sich, dass eine größere Anzahl Kinder die Diagnose ADHS, ADS oder Legasthenie hatten und einige sich in einer entsprechenden Abklärung befanden.

Als dann die CD-ROM SUPEREULE in den Handel gelangte, war das Interesse zwar da, aber im Vergleich mit Trainingsprogrammen zur Förderung

Darauf wurden die entsprechenden Datensätze separat behandelt. Der Vergleich der Durchschnittswerte der 12


Normalgruppe mit der "auffälligen" Gruppe ist daher mit Vorsicht zu interpretieren.

musste ich feststellen, dass viele Wissenschafter nicht darüber Bescheid wissen, was in anderen Fachbereichen zu diesem Thema erforscht wurde. Das ist nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass viele grundlegende Erkenntnisse aus den Forschungen der 90er Jahre und dem ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts stammen und zum Teil erst neue Forschungen durch die technische Entwicklung möglich sind.

Die Resultate der Faktorenanalyse wurden einer - neuartigen und bisher noch in keiner wissenschaftlichen Arbeit verwendeten Nachkontrolle mit Hilfe von Spektrogrammen unterzogen. Durch visuelle Überprüfung der Spektrogramme kann die Bedeutung einzelner Wahrnehmungsfaktoren abgeschätzt und mit den Ergebnissen der Faktorenanalyse verglichen werden. Der interessierte Leser kann selbst versuchen, dies im entsprechenden Kapitel nachzuvollziehen.

Zudem sind die Publikationen in einzelnen Fachbereichen schon derart zahlreich, dass für einen Spezialisten nicht mehr viel Zeit übrig bleibt, um sich intensiv mit anderen Fachbereichen zu befassen.

Als Einführung in diese Ergebnisse wollte ich nun einen Text verfassen, der meine Forschungsergebnisse auch für Laien verständlich machen und dennoch wissenschaftlichen Kriterien genügen sollte.

Aus diesem Grunde sind einzelne Kapitel dieses Buches für Spezialisten von geringerem Interesse. Dennoch denke ich, dass auch Spezialisten Angaben finden werden, die für sie neu sind und die Arbeit in ihrem Spezialgebiet beflügeln können.

Bald wurde mir klar, dass das Thema Hörwahrnehmung viele Fachbereiche umfasste, die sich untereinander nicht oder nur selten verständigten.

Um sicher zu stellen, dass meine Darstellungen korrekt und verständlich dargelegt werden, habe ich nach einer Internetrecherche Experten angeschrieben, die sich bereit erklärten, den Entwurfstext dieses Buches interessengesteuert durchzulesen und zu kommentieren.

Philosophie, Psychologie, Phonetik, Physik, Tontechnik, Gehirnforschung Musikwissenschaft und viele andere Wissenschaften befassen sich mit dem Thema Hörwahrnehmung, verwenden zum Teil die gleichen Begriffe mit unterschiedlicher Bedeutung und vor allem verschiedene Modelle der menschlichen Hörwahrnehmung.

Es sind dies - in alphabetischer Reihenfolge:

Beim Studium der Publikationen aus den verschiedenen Fachgebieten 13


Frau Judith Beier, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Logopädisches Institut für Forschung. Akademie für Medizin und Therapie, Rostock • Frau Prof. Dr. Claudia Bullerjahn, Universität Giessen, Professorin für Systematische Musikwissenschaft und Musikkulturen der Gegenwart • Frau Prof. Dr. Margarete Imhof, Professorin für Psychologie in den Bildungswissenschaften an der Universität Mainz • Frau Prof. Dr. med. Annerose Keilmann, Landesärztin für hör-, stimm- und sprachbehinderte Menschen in Rheinland-Pfalz • Frau Prof. Dr. Gerlinde Renzelberg, Universität Hamburg, Professorin für Pädagogische Audiologie und Hörsprachförderung • Frau Dr. Stefanie Stadler Elmer, Privatdozentin für Psychologie, Universität Zürich Diesen Expertinnen möchte ich auch an dieser Stelle herzlich für ihr Interesse, ihre Arbeit, ihre Anmerkungen, sowie ihre Korrektur- und Ergänzungsvorschläge danken.

Anmerkungen

1. Geschlechtsneutrale Bezeichnungen von Personen habe ich meistens angewendet, teilweise aber bewusst darauf verzichtet, um den Text etwas lesbarer zu halten. Ich vertraue darauf, dass auch die weiblichen Leser merken, dass sie mitgemeint sind. 2. B e i d e n T e x t a n g a b e n i n Spektrogrammen habe ich auf die Verwendung der phonetischen Schrift verzichtet, damit auch Leser ohne Spezialkenntnisse die Beispiele nachvollziehen können. 3. Die Anordnung der Illustrationen und Tabellen wurde aus Gründen der leichteren Lesbarkeit so gewählt, dass der zu einem Bild passende Text auf der gleichen Seite oder zumindest auf der gleichen Doppelseite steht. 4. Der Text wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit und für die einfachere Zuordnung des Bildmaterials zweispaltig geschrieben. 5. Bei der Endfassung habe ich auch noch einige persönliche Erfahrungen eingefügt.

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1 Magie des Hรถrens

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Magie: Hören im Alltag

maus-Verhalten) sich ohne Blindenstock zu bewegen und Fahrrad zu fahren - sogar mit Gegenverkehr! Blinde können also lernen, ihre Umgebung mit dem Gehör wahrzunehmen, indem sie die Unterschiede des Echos ihrer eigenen Klickgeräusche verschiedenen Objekten zuordnen. Sie können so die Art und Größe von festen oder beweglichen Hindernissen erkennen und sich vom Fahrrad aus im Raum orientieren. Auch beim Gehen mit einem Blindenstock können sie sich mit diesen Klicklauten so orientieren, dass sie Objekte auf mittlere Distanzen erkennen können.

Ein Mann steht auf einer Aluminiumleiter, um einen Nagel in die Wand zu schlagen, da entwischt er ihm aus den Fingern. Bevor er den Kopf gedreht hat, hört er den Aufprall des Nagels auf einer Metallstufe der Leiter, dann ein Aufschlagen auf Holz, darauf ein Rollgeräusch auf dem Parkettboden und schließlich ein klingendes "Pling", gefolgt von einem ganz schwachen und dumpf ausklingenden Schlussgeräusch. Der Mann steigt hinunter und findet den Nagel neben der gläsernen Bodenvase.

Daniel Kish, selber seit frühester Jugend an Augenkrebs erblindet, schreibt dazu (Hunziker, 2010):

Unter gewissen Umständen liefert das Gehör bessere und schnellere Bilder als das Auge.

"Ich kann bestätigen, dass es je nach Art der Blindheit leicht möglich ist, ein Fahrrad im Straßenverkehr oder ein Mountainbike im Gelände zu fahren auch mit weniger als 10 % Sehfähigkeit. Voraussetzung ist ein entsprechendes Training in Echo-Ortung. Die meisten meiner Mitarbeiter und Schüler sind übrigens so blind, dass sie nur hell-dunkel unterscheiden können. Ich selbst habe überhaupt keine visuelle Wahrnehmung, da meine Augen im ersten Lebensjahr operiert werden mussten. Brian Bushway (26), der auch in einigen Videos zu sehen ist, war mit 14 Jahren erblindet und ist seither komplett blind, also ohne Lichtwahrnehmung. Eine absolut blinde Person wie

In unserem Beispiel ist dies deshalb möglich, weil wir durch Erfahrung ungefähr wissen, wie ein Metallstück von der Größe eines Nagels tönt, wenn es auf eine metallene Fläche fällt, über einen hölzernen Boden rollt und an einen Gegenstand aus Glas stößt. Magie: Sehen mit dem Gehör

Daniel Kish von WorldAccessforTheBlind hat gezeigt, dass blinde Menschen lernen können, mit Hilfe von selbst erzeugten Klickgeräuschen (einer Art von menschlichem Fleder17


Für die Echo-Ortung durch Schnalzgeräusche (Flash Sonar Imaging) liegt das Hauptproblem bei den Störgeräuschen, welche die selbst erzeugten Klickgeräusche überdecken. Wenn ich auf einer sehr belebten Strasse fahren möchte, kann der Verkehrslärm einfach zu hoch sein, um mich richtig orientieren zu können. Nicht die Komplexität und Anzahl der Geräusche sind in diesem Fall das Problem für den blinden Radfahrer, sondern die zu starken Grundgeräusche."

Dan Kish ist überzeugt, dass im Prinzip jeder Blinde diese Echo-Ortung erlernen kann. Für Sehende ist dies allerdings nicht so leicht möglich, weil Blinde durch jahrelange Übung bereits über ein extrem leistungsfähiges Gehör verfügen.

Was auf den ersten Blick als unmöglich erscheint, zeigt die magischen Möglichkeiten eines entsprechend trainierten Gehörs. Magie: Hören ohne Gehör

Bild 01: Der total blinde Dan Kish fährt mit selbst erzeugten Klickgeräuschen auf einem Autoparkplatz mit Gegenverkehr (sf.drs.tv).

Die schottische Schlagzeugerin und Komponistin Evelyn Glennie lernte als Kind Klavier spielen. Durch eine Krankheit verschlechterte sich ihr Gehör so stark, dass sie von da an als taub galt und natürlich nicht mehr Klavier spielen konnte. Musik war aber für sie so faszinierend, dass sie mit 12 Jahren zu anderen Instrumenten wechselte, zu Schlagzeug und Xylophon. Bei diesen Instrumenten sind

ich würde natürlich nicht auf sehr belebten Strassen herumfahren, sondern eher auf Quartierstrassen mit wenig Verkehr. (Bild Bild 01). 01 Das Problem dabei ist nicht der Verkehr selbst. Den kann man relativ leicht erkennen und zuordnen.

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Man kann Evelyn Glennie in Concert hören unter http://www.classicaltv.com/v999/ evelyn-glennie-in-concert

Wie Magie erscheinen die erstaunlichen Möglichkeiten der Hörwahrnehmung, die nicht über die Ohren, sondern über verschiedene Körperteile erfolgen. Die gehörlose Psychologin Sarah Neef, Autorin des Buches Im Rhythmus der Stille (2009), beschreibt ihre musikalischen Hörwahrnehmungen: "Wenn ich einen Raum betrete, in dem Musik läuft, spüre ich das mit jeder Faser meines Körpers. Mit Rockmusik kann ich nicht viel anfangen, ich mag eher das Klassische, vor allem, wenn es wehmütig und melancholisch ist, so wie Chopin, Debussy oder Tosca von Puccini. Ich nehme die Schwingung der Musik über die Schädelknochen und die Haut wahr. Die tiefen Laute spüre ich in den Beinen und den Fußsohlen, die höheren in der Kehle, auf den Lippen, in den Händen, den Innenseiten der Arme, im Nacken und in der Brust."

Bild 02: Die fast gehörlose Evelyn Glennie spielt am Moers Festival 2004 (Nordrhein-Westfalen) verschiedene Perkussionsinstrumente. die erzeugten Schallwellen einfacher und stärker und somit auch mit dem Tastsinn und über das Bauchgefühl spürbar.

Sarah spricht ausser Deutsch auch Fremdsprachen und liest von den Lippen ab. Laute wie CH, H, J, G und K kann man an den Lippen nicht ablesen. Sie lernt diese Aussprache durch Erfühlen und ergänzt sie beim Lippen lesen durch sprachliche Erfahrung. So hat Sarah sprechen und Lippen lesen gelernt, mit riesigem Zeitaufwand, Disziplin, Fleiß und Hartnäckigkeit.

In Bild 02 spielt sie andere Musikinstrumente: ein Blasinstrument, dessen Schwingungen sie über die Lippen verspürt und eine Art von Klangschalen-Xylophon, sowie weitere Instrumente aus ihrer Sammlung von über 1800 Perkussionsinstrumenten. 19


Komplexe Hörerfahrungen im Raum

Das Gehör unterscheidet durch gespeicherte Erfahrungswerte, ob es ein Fußball oder ein Tennisball war, der soeben hinter uns auf dem Boden aufgeprallt ist.

Die Funktionsprüfung der Ohren erfolgt durch die allgemein bekannten Methoden der Psychoakustik. Um die Hörfähigkeit eines Menschen zu beurteilen, sollte man außer der Ohrenfunktion noch etwas anderes messen: Das Unterscheiden und Er-

Vielleicht tönt ein Fußball dumpfer, tiefer, länger oder weicher als ein Tennisball. Vielleicht ist es eine Kombination dieser verschiedenen Klangeigenschaften.

kennen von natürlichen Schallereignissen, die für das Individuum bedeutsam sind.

Wir haben es im Gefühl, zu welchem Gegenstand ein Klang passt, weil wir ihn schon oft gehört haben. Wir können ihn je nach den bisherigen Erfahrungen einordnen:

Das Beispiel mit dem Nagel auf der Aluminiumleiter funktioniert nur, wenn jemand über entsprechende Erfahrungen verfügt: Wenn er etwa am Geräusch erkennt, ob ein metallener Gegenstand auf Metall oder Holz trifft. Oder wenn er es im Gefühl hat, wie schnell ein kleiner metallener Gegenstand zu Boden fällt und nach dem Aufschlag in eine andere Richtung gleitet, springt oder rollt.

Wenn es wie ein Tischtennisball tönt, könnte ein Profispieler vielleicht sogar sagen, ob der Ball alt oder neu tönt, oder ob es ein Ball einer bestimmten Marke ist. Es ist durchaus möglich, durch entsprechende Übung viele Dinge mit verbundenen Augen am Geräusch zu erkennen.

Hat man ein bestimmtes Geräusch oft in einem ähnlichen Zusammenhang gehört, wird es als Hörerfahrung im Gedächtnis gespeichert, zusammen mit den anderen Wahrnehmungen dieser Situation.

Ob allerdings der Kandidat, der 1996 in der Sendung "Wetten dass …" 50 Cocktails am Geräusch des Mixens unterscheiden konnte, dazu nicht auch noch Geruchsunterschiede benötigte, sei dahingestellt.

Hörerfahrungen sind also äußerst komplexe Gebilde, obschon sie durch häufiges Erleben einfach scheinen. Sie dienen dazu, die Ereignisse unserer Umwelt richtig und schnell einzuordnen. Dabei ist es nicht einmal notwendig zu wissen, woran man ein Geräusch erkannt hat.

Tatsache ist, dass noch zu wenig erforscht ist, was ein Mensch alles mit dem Gehör unterscheiden kann und worauf sich solche Hörunterscheidungen stützen. Lange glaubte man zum Beispiel, 20


dass die räumliche Hör-Orientierung nur oder vor allem dadurch möglich sei, dass die Schallwellen mit einer minimalen Zeitdifferenz beim rechten und beim linken Ohr eintreffen.

Trommelfells. Die Kunstkopf-Stereophonie liefert verblüffend echte dreidimensionale Klangerlebnisse. Sie hat sich aber bisher in der Unterhaltungselektronik nicht durchgesetzt, weil der Kunstkopf-Effekt über Lautsprecher nicht wahrgenommen werden kann. Die zunehmende Verbreitung von Kopfhörern könnte den Erfolg von Kunstkopf-Stereoaufnahmen positiv beeinflussen. Durch Originalkopfmikrophone, die wie Kopfhörer an den Ohren getragen werden, sind neue Aufnahmemöglichkeiten entstanden. Die Kunstkopf- resp. OriginalkopfStereophonie ist für das Verständnis der menschlichen Hörwahrnehmung von Bedeutung.

Bei der Erforschung raumakustischer Probleme fanden aber Kürer, Plenge und Wilkens (1969) folgendes heraus: 1. Ein Schallereignis bewirkt an den Trommelfellen beider Ohren vor

allem klanglich sehr unterschiedliche Effekte. 2. Die Klangfarbe, (Mischung verschiedener Klangeigenschaften) die am Trommelfell ankommt, wird von der Richtung beeinflusst, aus welcher der Schall kommt. Die unregelmäßige Form des äußeren Ohres und des Gehörgangs beeinflussen je nach Richtung der eintreffenden Schallwellen die Klangfarbe.

Sie bestätigt die Erkenntnis, dass die menschliche Hörwahrnehmung um Größenordnungen komplexer ist, als bisher angenommen wurde.

Die Unterschiede zwischen der Veränderung von Lautstärke und Klangfarbe im rechten und im linken Ohr dienen dem Gehirn dazu, den Ort und die Bewegungsrichtung einer Schallquelle festzustellen.

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Diese Erkenntnis führte zur Erfindung der Kunstkopf-Stereophonie. Bei dieser werden zwei StereoMikrophone im Innern eines Kunststoffkopfes montiert (Bild Bild 03). 03 Die Schallwellen gelangen über die Kunststoffohren durch die entsprechenden Gehörgänge zu den Mikrophonen. Diese befinden sich an der Stelle des rechten respektive linken

B

Bild 03: Kunstkopf von vorne (A A). Kunstkopf geöffnet (B B), mit der Anordnung der beiden Mikrophone. 21


Hans-Werner Hunziker: Magie des Hörens