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Alle Wege f端hren ins Nichts (a translation of selected scenes from All Roads Lead to Nowhere by tromana)


i. Cannibal's Hymn (Nick Cave and the Bad Seeds) I will sit like a bird on a fence sing you songs with a happy ending swoop down and tell you that it don't make sense to attack the very thing you're defending didn't I just buy that dress for you? that pink paper pinafore you keep mending well, if you're gonna dine with the cannibals sooner or later, darling, you're gonna get eaten


Es war nur zu schade, dass sie wohl doch keine so gute Menschenkennerin war, wie sie immer geglaubt hatte. Warum zur Hölle hatte sie nicht aus ihren Fehlern gelernt? Dan Hollenbeck war sowohl höflich als auch charmant gewesen, mit anderen Worten genau der Mann, den sie gesucht hatte, und dennoch hatte er sie nur wegen ihrer Verbindung zu Jane gewollt. Und nun war genau das gleiche auch bei Craig O'Laughlin der Fall. Dieser Mensch war sogar zu dem Versuch bereit gewesen, sie zu heiraten, um sich auf Red Johns Geheiß hin mit dem CBI gut zu stellen. Red John. Dieser Bastard. Er war derjenige, der Schuld an allem war. Wenn er nicht gewesen wäre, wenn er nicht existiert hätte, dann hätte O'Laughlin ihr nicht den Hof gemacht und ihr Herz noch einmal gebrochen. Sie hätte nicht den Mann umgebracht, den sie geliebt hatte, ihren eigenen Verlobten. Den Mann, von dem sie vor vierundzwanzig Stunden noch geglaubt hatte, dass sie ihn heiraten und den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen würde. Lisbon wäre ohne eine ernsthafte Schusswunde davongekommen, wegen der sie für eine große Operation in die Notaufnahme gebracht hatte werden müssen. Und Hightowers Kinder wären nicht steif vor Angst gewesen und hätten nicht Stunden nach der Schießerei noch unter Schock gestanden. Und Jane hätte sie nicht alle enttäuscht. Er wäre nicht verhaftet und gnadenlos in eine der Arrestzellen des CBIs geworfen worden, wo er darauf wartete, ins Gefägnis gebracht zu werden. Jane hätte niemals erfahren, wie es sich anfühlte, jemandem vorsätzlich das Leben zu nehmen, etwas, wovon Van Pelt sich nicht vorstellen konnte, es jemals zu tun. Die einzigen Gelegenheiten, zu denen sie in der Absicht gefeuert hatte zu töten, waren in Notwehr oder zum Schutz anderer Leute gewesen. Oder beides, wenn sie schon dabei war. Das war eine besonders schmerzhafte Tatsache in ihrem Leben, besonders in diesem Augenblick. Wenn Red John und O'Laughlin nicht gewesen wären, wären seine Hände jetzt nicht blutbefleckt, seine Familie noch am Leben, und er wäre nicht dieses gebrochene Wesen voller Fehler, das sie zu lieben gelernt hatte, auf ganz und gar platonische Art und Weise. Dann wiederum hätte sie Jane allerdings auch nie kennen gelernt, wäre Red John nicht gewesen. Hätte nie ein paar seiner raffinierten kleinen Tricks gelernt, Dinge, die sie zu einer besseren Polizistin machten. Sie hätte nie die Augen für eine Welt geöffnet bekommen, an die sie sonst niemals geglaubt hätte, obwohl ihre Mom ihr Märchen mit der Muttermilch eingeflößt hatte. Das Stuhlbein kreischte, als sie den Stuhl abrupt über den Linoleumboden schob. Van Pelt nahm das Geräusch kaum wahr. Nichts kümmerte sie mehr. Warum sollte es auch? Alles andere führte doch nur zu Desaster und Herzschmerz. Das war eine weitere Lektion, die sie schon vor Jahren hätte lernen sollen. Sie musste wohl eine masochistische Ader haben. Dazu verurteilt sein, nie zu blühen und zu wachsen, dieselben Fehler immer und immer wieder zu machen. Sie fragte sich, wie andere Menschen es schafften, weiterzumachen, ihre Fehler zu akzeptieren, aus ihnen zu lernen. Wie Lisbon, mit ihrer tragischen Vergangenheit, etwas aus sich gemacht hatte. Wie Cho seine jugendliche Aggressivität in viel positivere Bahnen gelenkt hatte. Wie Rigsby zu einem anständigen Menschen geworden war, trotz seines verabscheuungswürdigen Drecksacks eines Vaters. Wie Jane... Na ja. Er war vielleicht nicht gerade das beste Beispiel. Besonders gerade jetzt.


ii. Samson (Regina Spektor) Samson came to my bed told me that my hair was red told me I was beautiful and came into my bed oh I cut his hair myself one night a pair of dull scissors in the yellow light


Van Pelt schlief unruhig und wachte alle paar Stunden auf. Ehrlich gesagt war sie dankbar, dass sie es überhaupt geschafft hatte einzudösen. Ein wenig Schlaf war immer noch besser als gar keiner. So sehr, wie ihr der Kopf schwirrte, hatte sie eher erwartet, dass sie die Nacht damit verbringen würde, sich hin- und herzuwerfen. Außerdem war ihr Bett leer und kalt, etwas, woran sie nicht mehr gewöhnt war. Sie fühlte sich... einsam, so allein. Vor allem da die Person, die eigentlich neben ihr im Bett schlafen sollte, nie wieder dort liegen würde. Hin und wieder waren sie nachts durch ihre Arbeit getrennt gewesen, aber das war etwas anderes. War es immer gewesen. Die Gewissheit, dass O'Laughlin früher oder später wieder in ihren Armen liegen würde, war verschwunden. Stattdessen war sie durch das beunruhigende Wissen ersetzt worden, dass er sie niemals wirklich geliebt hatte. Dass ihre gesamte Beziehung auf Lügen und Täuschung beruht hatte. Dass sie naiv genug gewesen war zu glauben, dass alles, was sie hatten, alles, was sie geteilt hatten, echt gewesen war, während er ihr in Wahrheit die ganze Zeit über nur Sand in die Augen gestreut hatte. Sie war dankbar, dass die Leichenbeschauerin ihr Zugang zu seiner Leiche gewährt hatte. Van Pelt war sich nicht ganz sicher, warum sie ihn noch einmal hatte sehen müssen, wo sie doch, zusammen mit Hightower, diejenige gewesen war, die ihn überhaupt erst niedergeschossen hatte. Dennoch war die Frau freundlich gewesen und hatte keine Fragen gestellt, obwohl sie bei Anbruch der Dämmerung in der Leichenhalle angekommen war. Sie war schließlich mit ihm verlobt gewesen. Auch nach all den Entdeckungen war es schwierig, diese Gefühle einfach wegzuschließen. Es war ja nicht so, als könnte sie einfach auf einen Knopf drücken, um sie auszuschalten, wie sehr sie sich auch wünschen mochte, dass das möglich wäre.


iii. See the World (The Kooks) I remember how we used to be without the world upon our tv well let it lie or you can take it back wrap your life around evil's trap but there you are, you're sailing away and you know you never come away


Wie erwartet war ihre Schwester in einem viel bedauernswerteren Zustand als Lisbon. Melody trug noch immer eine Sauerstoffmaske, ihre Augen waren fest geschlossen, und es wirkte, als hätte sie keine Ahnung, was in ihrer Umgebung vor sich ging. Die Maschinen um sie herum klickten, summten und flackerten, während sie alles aufzeichneten, was die Ärzte an Informationen benötigten. Van Pelt setzte sich dennoch ans Bett und stellte ihre Handtasche ordentlich neben ihren Füßen auf den Boden. Das alles beeindruckte sie inzwischen nicht mehr, sie wusste, was sie hier erwartete. Sie fragte sich einen Moment lang, ob sie einen Blumenstrauß, Schokolade, oder irgendetwas anderes für Melody hätte mitbringen sollen. Das hatte sie für ihren Boss schließlich auch getan, und Melody gehörte immerhin zur Familie. Doch während Lisbon die Geste offensichtlich zu schätzen gewusst hatte, wäre es Melody wahrscheinlich so oder so egal gewesen. Und so wie sie aussah, wären die Blumen wahrscheinlich verwelkt, bevor sie überhaupt bemerken konnte, dass man ihr welche mitgebracht hatte. „Hi Mels“, begann sie kurz angebunden, und fühlte sich ein bisschen bescheuert dabei, mit einer Frau zu reden, die im Koma lag. „Du hattest recht mit O'Laughlin. Er war ein Bastard.“ Van Pelt lachte freudlos. Während ihrer wenigen klaren Momente hatte Melody immer gesagt, dass Männer Bastarde waren. Dass sie eine Frau so oder so bescheißen würden und es besser war, sie überhaupt gar nichts erst an sich ranzulassen. Sie hatte nicht einmal Rigsby gutgeheißen, obwohl sie ihm noch nie begegnet war und Van Pelt ihr mehrere Male versichert hatte, dass er ein wirklich netter Kerl war. Von all ihren Ex-Freunden war er derjenige gewesen, dem sie am ehesten von Melody erzählt hätte. Obwohl sie mit O'Laughlin verlobt gewesen war, hatte sie sie nie erwähnt. Er war allerdings auch viel mehr an ihrem berühmten Fußballtrainer von einem Vater interessiert gewesen als an irgendeinem anderen Mitglied ihrer Familie. „Er ist tot. Ich habe ihn umgebracht. Ich musste, um mein Leben zu retten. Und das von meinem Boss. Lisbon, weißt du noch? Sie liegt auch hier im Krankenhaus“, fuhr Van Pelt fort und ignorierte die Tränen, die ihr in die Augen stiegen. „Nicht, dass dich das interessieren würde. Dich interessiert schon seit Jahren nichts mehr. Verdammt noch mal, Mels, ich brauche dich. Warum kannst du nicht für mich da sein? Was hab ich Schlimmes getan, um das zu verdienen? Ich brauche meine große Schwester.“ Eilig griff sie wieder nach ihrer Handtasche und rauschte aus dem kleinen Zimmer. Es brachte nichts, mit Melody zu reden. Das machte alles nur noch schlimmer. Es war schließlich nicht so, als würde sie aufwachen und ihr einen Ratschlag geben, wie sie mit ihrem Kummer umgehen konnte. Genauso wenig würde sie ihr sagen, dass es richtig gewesen war, ihren Verlobten zu töten, um vier Menschenleben zu retten. Selbst wenn sie aufwachen sollte, wäre Melody viel zu sehr in ihren eigenen Problemen gefangen, um auch nur das geringste Interesse daran zu haben, wie es anderen ging. Es war ganz egal, ob jemand die Hölle auf Erden durchlebte, Melody Van Pelts Probleme waren grundsätzlich schlimmer. Nicht, dass sie irgendjemanden wissen ließ, was ihre tragischen Geheimnisse waren. Wie konnte Van Pelt auch nur versuchen, ihr zu helfen, wenn sie nicht gewillt war, diesen ersten Schritt selbst zu tun?


iv. Rolling Home (Fool's Garden) it's long ago when freddie came to kiss her sometimes he's coming back into her mind yeah yeah, yeah yeah-eah just like a fallen tear in the sun yeah yeah, yeah yeah-eah we're all addicted to rolling home


Wie versprochen wartete er schon auf sie, als sie am Flughafen auscheckte. Van Pelt stöhnte innerlich, als sie sah, dass er ein Kuscheltier in den Händen hielt. Seit dem Tod ihrer Mutter schien er es sich in den Kopf gesetzt zu haben, ihr jedes Mal eines zu kaufen, wenn er sie abholte. Sie sollten sie trösten oder so. Er hatte wohl noch nicht ganz begriffen, dass sie aus dem Alter, in dem man sich an ein Kuscheltier schmiegen musste, um nachts schlafen zu können, längst heraus war. Dennoch wusste sie, dass sie dankbar sein sollte. Es schien schließlich, als sei das der einzige weibliche Luxus, den er ihr zugestand. Der Plüschhund fiel zu Boden und sie ließ sofort ihr Gepäck fallen, um seine Umarmung entgegenzunehmen. Endlich bekam sie den geringen Trost, nach dem sie sich so verzweifelt gesehnt hatte. Sie vergrub den Kopf an seinem Nacken, als er ihr beruhigend durch die leuchtend roten Haare strich. Van Pelt vermisste es, ihn regelmäßig zu sehen. Die meiste Zeit über war ihr Job es wert, und sie hatte in Sacramento wunderbare neue Freunde gefunden. Aber nach der Woche, die sie gerade durchgemacht hatte, war ihr klar geworden, dass in schlechten Zeiten nichts besser für sie war als die Liebe ihres Vaters. Wenn sie alles hätte haben können, wäre er mit ihr weggezogen. Aber seine Arbeit, ebenso wie seine Wurzeln, waren fest an Iowa gebunden, und das würde er für niemanden aufgeben. Nicht einmal für sie. Wortlos hob er ihren Koffer auf und führte sie zu seinem Van. Sie fühlte sich wieder wie ein kleines Kind, als sie ihm folgte, obwohl sie nur einen halben Kopf kleiner war als Amos Van Pelt. Jetzt, wo sie zuhause war, fühlte sie sich schon viel ausgeglichener. Hier draußen waren die Dinge einfacher, man konnte leichter mit ihnen umgehen. Hier war nichts von den Verwicklungen zu spüren, die das Leben in einer Großstadt wie Sacramento mit sich brachte. Kurz gesagt war es der perfekte Ort, um ihre Gedanken zu ordnen. Und hier würde sie mit ihrem Dad ihre jüngsten Zerreißproben besprechen können. Sie fühlte sich nicht schuldig dafür, ihm vielleicht zusätzlichen Stress aufzuladen, mit dem er nicht zurechtkommen könnte. Genauso wenig war es ihr unangenehm, ihre bösen Geister mit ihm zu teilen. Er hatte sie schon immer verstanden, wenn sie ihn wirklich gebraucht hatte. Abgesehen davon hatte er immer brauchbare Ratschläge, und nichts schlug seine „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“-Einstellung, was die kleinen (und nicht so kleinen) Probleme des Lebens anging.


v. We Might as Well Be Strangers (Keane) I don't know your thoughts these days we're strangers in an empty space I don't understand your heart it's easier to be apart


Beim Abendessen ließ sie die Portion Chili con Carne auf ihrem Platz links liegen. Stattdessen knallte Van Pelt das Tagebuch auf den Tisch und starrte ihren Vater böse an. Sie konnte sich nicht einmal dazu durchringen, sich neben ihn zu setzen. Sobald sie das Fehlen einiger Seiten bemerkt hatte, hatte sie genau gewusst, wer dafür verantwortlich war. Melody hatte immer Autorin werden wollen. Sie hatte von kaum etwas anderem gesprochen, hatte ihre gesamte Zeit damit verbracht, ihr Handwerk zu schleifen, bevor sie ihren Zusammenbruch gehabt hatte. Sie respektierte Bücher und das geschriebene Wort, und würde es niemals absichtlich zerstören. Selbst wenn die Worte etwas aussagten, das ihr nicht gefiel oder das sie nicht lesen wollte, glaubte sie dennoch, dass sie es verdient hatten zu existieren. Um nichts in der Welt hätte sie ihr Tagebuch auf diese Art und Weise entweiht. Ihr Vater hingegen... „Wann?“ „Wann was?“ „Wann hast du das getan?“, fuhr sie ihn an und durchblätterte das Buch. „Wann hast du die Hälfte von Melodys Tagebuch zerstört?“ „Du irrst dich“, gab er mit scharfem Unterton zurück. Van Pelt setzte sich ihm gegenüber und starrte ihn böse an. „Wie kannst du es wagen“, sagte Amos und brach damit das Schweigen. „Wie kannst du, meine eigene Tochter, es wagen, mich in meinem eigenen Haus so einer Sache zu beschuldigen?“ „Wie kann ich es wagen? Was verbrigst du vor mir, Amos?“ Was Amos anging, war die Benutzung seines Vornamens ein Zeichen von Respektlosigkeit. Das war genau der Grund, aus dem Van Pelt ihn benutzt hatte. Wie konnte sie ihn jetzt noch respektieren? Wenn er ihr gegenübersaß und eine Lüge nach der anderen erzählte? Sie hatte von den Besten gelernt, sie wusste ansatzweise, wie man Menschen analysierte. Jane zu beobachten, hieß, auch selbst einige verräterische Ticks zu kennen, und alles, was ihr Vater gerade sagte oder tat, wies auf Täuschung hin. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen, spielte an seiner Gabel herum, blickte hinüber zu Buster und konnte kaum still sitzen. Am verräterischsten war es, dass er nicht aufgestanden war, um sie aus voller Brust anzuschreien, wie sie es von ihm erwartet hatte. „Also?“, hakte sie nach. „Ich glaube, du solltest jetzt gehen“, stellte er fest, ohne sie anzusehen. „Du bist hier nicht länger willkommen.“


vi. A Forest (The Cure) I'm lost in a forest all alone the girl was never there it's always the same


Van Pelt war erleichtert, als sie endlich nach Hause kam. Es hatte länger gedauert, als sie gehofft hatten, die trauernde Witwe zu befragen. Natürlich hatte sie das ein bisschen angegriffen. Ihr Vater war genauso gewesen, als ihre Mutter gestorben war. Lisbon hatte sie dennoch dafür gelobt, dass sie sich so zusammengerissen hatte, und das hatte ihre Laune ein wenig gehoben. Und die Frau hatte nützliche Informationen für den Fall gehabt, was immer gut war. Wie immer ließ sie ihren Schlüsselbund auf die Ablage im Flur fallen und bemerkte erst jetzt, dass auf ihrer Fußmatte ein kleiner Umschlag lag. Sie erkannte die Schrift sofort,was dazu führte, dass sie ihn mit einiger Beklommenheit aufhob. Schweigend fuhr sie mit dem Finger über die unordentliche Handschrift ihres Vaters und fragte sich, was er ihr zu sagen hatte. Warum er ihr einfach nur einen Brief geschickt hatte, anstatt sich die Mühe zu machen, sie anzurufen. Vielleicht war das nur noch einmal eine Bestätigung dafür, dass er tatsächlich nichts mit seinen beiden Mädchen zu tun haben wollte? In einem Augenblick der Unentschlossenheit warf sie den Umschlag achtlos neben ihren Schlüsselbund und machte sich direkt auf den Weg in die Küche, um den Kessel aufzustellen. Während das Wasser kochte, eilte sie zurück und hob ihn auf. Grob riss sie ihn auf. Sie konnte nicht mehr warten. Ungeachtet des Inhaltes musste sie wissen, was in dem Brief stand, ob gut oder schlecht. Van Pelt war noch immer davon überzeugt, dass es besser war, die Wahrheit zu kennen, so oder so, als ihr Leben lang in Ungewissheit zu leben. Drei Blätter fielen aus dem Umschlag, als der Kessel überkochte. Sie ignorierte ihn. Stattdessen hob sie eines der Blätter auf - das, auf dem am wenigsten stand. Das einzige, das in der Schrift ihres Vaters verfasst war. Es stand nur ein einziger Satz darauf. Du hast recht, hatte er geschrieben. Ich glaube, dass du es verdienst, die Wahrheit zu erfahren.


vii. Child Psychology (Black Box Recorder) Life is unfair kill yourself or get over it


Nachdem sie gute fünf Minuten einfach nur im Auto gesessen hatte, schluckte sie schließlich schwer und ging in Richtung des Gebäudes. Sie drückte die Tür auf und stand viel zu schnell an der Rezeption. Die Frau dort blickte zu ihr auf, doch anstatt ihr wie üblich ein Lächeln zu schenken, sah sie sie mit gejagtem Blick an. Irgendetwas war mit einem der Bewohner. Die Mitarbeiter waren oft sichtbar angegriffen, wenn das der Fall war. Anstatt Van Pelt fröhlich wie immer zu begrüßen, holte die Rezeptionistin sofort den Leiter und bat sie, Platz zu nehmen, während sie wartete. Van Pelt wusste eines ganz sicher: Das konnte nur schlechte Neuigkeiten bedeuten. Dennoch setzte sie sich und versuchte, das Zucken in ihrem linken Bein zu ignorieren. Stattdessen versuchte sie verzweifelt, nicht den Teufel an die Wand zu malen. Vielleicht hatte sich der Zustand ihrer Schwester nur zum Schlechteren gewandt und sie hatte zurück ins Krankenhaus gebracht werden müssen. Oder vielleicht hatte sie eine der Schwestern angegriffen und musste dementsprechend behandelt werden. Oder vielleicht... Sie erhob sich, als sie hörte, wie sich Schritte näherten. Ruhig bat der Leiter sie in sein Büro und sie folgte ihm nervös. Das war gar nicht gut, seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen sogar eher sehr, sehr schlecht. Dennoch sprach sie ein stummes Gebet und bat verzweifelt darum, dass ihre Schwester wenigstens noch am Leben war. „Es tut mir leid, Grace, aber wir haben wirklich versucht, Sie zu erreichen. Ihre Schwester ist tot. Sie hat es nun endlich geschafft, sich das Leben zu nehmen.“ Aus irgendeinem Grund kam das nicht überraschend. Noch während sie das Vaterunser gebetet hatte, hatte sie gewusst, dass es zu spät war.


viii. What Difference Does It Make (The Smiths) I can surely rely on you and yet you start to recoil heavy words are so lightly thrown but still I'd leap in front of a flying bullet for you so what difference does it make?


„Van Pelt, in mein Büro.“ Sie verdrehte die Augen, bevor sie sich von ihrem Stuhl hievte und Lisbon in ihr Büro folgte. Sie wusste genau, was jetzt kommen würde, und es war ihr momentan ziemlich egal. Es gab einen Grund dafür, dass sie in Gedanken woanders war, und Lisbon kannte ihn bereits. Kurz nachdem sie ihrem Vater bescheid gesagt hatte, hatte sie auf der Arbeit angerufen, um einen weiteren Tag frei zu nehmen und hatte kurz geschildert, was passiert war. Natürlich hatte Lisbon Verständnis gezeigt, auch wenn sie es nicht gutgeheißen hatte, dass sie so früh wiederkommen wollte. Van Pelts Meinung nach sagte das allerdings gerade die Richtige. Sie war selbst so schnell wie möglich wieder an die Arbeit gegangen, und es war für jeden, der sie kannte, himmelschreiend offensichtlich, dass Lisbons Heilungsprozess dadurch verlangsamt wurde. Wenn sie sich nur noch ein bisschen länger frei genommen hätte, um ihrem Arm die Möglichkeit zu geben, ganz zu verheilen, dann hätte sie jetzt nicht solche Schmerzen. „Sie lassen ein wenig nach“, stellte Lisbon fest. Ihre rechte Hand ruhte auf dem Schreibtisch. „Ist da sonst noch etwas, das ich wissen sollte?“ „Nein.“ „Sie haben was auf dem Gewissen.“ „Natürlich habe ich was auf dem Gewissen! Man muss nicht Jane sein, um das zu sehen!“ „Van Pelt!“ „Tut mir leid“, fügte sie schnell hinzu, obwohl es nicht stimmte. „Aber es ist doch wahr.“ Sie setzte sich ihrem Boss gegenüber, obwohl sie nicht wirklich das Verlangen danach verspürte. Im Stillen hoffte sie, dass Lisbon nicht dazu getrieben würde, sie gezwungenermaßen freizustellen. Das war das letzte, was sie jetzt brauchte: mehr Zeit, um über den ganzen Mist nachzudenken, der passiert war. Sie würde wahnsinnig werden, wenn sie nicht aufpasste. Van Pelt sah zu, wie Lisbon einen Schluck von ihrem Kaffee trank und ihn dann zur Seite stellte. Tief in ihrem Innern wusste sie, dass das hier nur ihre Art war zu zeigen, dass sie sich Sorgen machte. Lisbon war noch nie sonderlich gut darin gewesen, eine Beziehung zu ihren Arbeitskollegen aufzubauen, hatte es immer vorgezogen, ein bisschen abseits zu bleiben. Das hatte sich in letzter Zeit gebessert, aber die Sache mit Jane hatte sie erschüttert und dazu geführt, dass sie sich wieder in ihr Schneckenhaus verkrochen hatte. Aber die Sache hatte sie schließlich alle erschüttert. „Ich weiß, dass morgen die Beerdigung ist.“ „Ja, stimmt.“ „Sind Sie sicher, dass Sie danach den Rest des Tages arbeiten wollen?“, hakte Lisbon nach, obwohl sie beide genau wussten, wie ihre Antwort lauten würde. „Mir geht’s gut.“ „Wenn ich das glauben würde, würde ich alles glauben.“ „Ich weiß nicht, was ich sonst noch sagen soll“, antwortete Van Pelt. Sie hatte nicht vor, ihrem Boss das Herz auszuschütten. Lisbon hatte recht. Die beruflichen Grenzen hatten auch manchmal ihre Vorteile. Wenn sie sich jetzt dazu entschied, ihr alles zu erzählen, könnte das leicht dazu führen, dass es zwischen ihnen in Zukunft noch peinlicher wurde. „Ich mache mir Sorgen um Sie.“


„Ich weiß.“ „Wenn Sie irgendetwas brauchen...“ „Ich weiß“, antwortete Van Pelt. „Danke, Boss.“


ix. Road to Nowhere (Talking Heads) We're on a ride to nowhere come on inside takin' that ride to nowhere we'll take that ride I'm feelin' okay this mornin' and you know we're on the road to paradise here we go, here we go


Sie saß in der Küche, eine Tasse Tee in der Hand. Mit einem Seufzen starrte sie in das trübe Braun und drehte die Tasse langsam. Die Hitze verflüchtigte sich langsam, aber das war ihr egal. Es war nicht wichtig. Und was war schon wichtig? Alles war so flüchtig, nichts hielt für immer. Und dennoch gab es ein paar Dinge, die immer gleich blieben, ganz egal, wie sehr sich alles andere veränderte. Wenn sie Trost brauchte, würde sie immer zu einer Tasse Tee greifen, und ihre Familie würde nie wieder funktionieren. Nun war ihre Schwester fort, genau wie ihre Mutter vor ihr. Ihr Job würde ihr Halt geben, aber wenn sie nicht im Dienst war, würden die Gedanken trotzdem auf sie eindringen. Gedanken, die sich momentan auch noch manchmal während der Arbeit unerwartet anschlichen. Van Pelt erhob sich und ließ die Tasse stehen, wo sie war. Mit einem Seufzen ging sie ins Schlafzimmer, ohne die knarzenden Dielen zu beachten. Die Sonne ging schon auf, aber sie wusste, dass sie zumindest versuchen sollte zu schlafen. Genau wie ihr Vater, der sich in ihrem Gästezimmer herumrollte und herumwarf. Abgesehen davon musste sie am Vormittag einer Beerdigung beiwohnen. Eine Rede halten. Aber was konnte sie schon über ihr Wrack von einer großen Schwester sagen? Eine weitere Tasse Tee blieb auf dem Küchentisch zurück. Darum würde sie sich später kümmern, wie um so viele andere Dinge auch.


Alle Wege führen ins Nichts