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Freitag, 9. November 2018

Verlagsbeilage

Zukunft Bauen

LOSINGER MARAZZI / ITTENBRECHBÜHL

«Best-of» Schweizer Baubranche

CH-8021 Zürich  ·  Telefon  +41 44 258 16 98  ·  www.nzzcontentsolutions.ch


2  NZZ-Verlagsbeilage

Zukunft Bauen

TITELBILD

Freitag, 9. November 2018

DIGITALISIERUNG IST CHEFSACHE

Vortex ist «Best-of»

Visualisierung des Neubaus Vortex.

LOSINGER MARAZZI / ITTENBRECHBÜHL

nb  · Am 16. Oktober 2018 wurden in Tokio anlässlich des globalen Standards Summit die diesjährigen buildingSMART International Awards verliehen, insgesamt wurden vier Preise und sechs Ehrungen vergeben. Gleich zwei Sonderauszeichnungen gingen an die Totalunternehmerin und Immobilienentwicklerin Losinger Marazzi. Ihre Projekte Quai Vernets in Genf und Vortex in Chavannesprès-Renens setzten sich gegen 80 Mitbewerber durch. Insbesondere das in Entstehung begriffene Vortex entwickelt sich zu einem «Best of» der Schweizer Baubranche, weil hier die neue digitale Methode Building Information Modeling (BIM) mit all ihren Möglichkeiten im sogenannten Open-BIM-Ansatz durchgängig zur Anwendung kommt – von der Planung über die Realisation bis zum Betrieb. Auf der Erweiterung des Campus der Universität Lausanne (UNIL) und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) entstehen bis 31. Oktober 2019 Unterkünfte für 1200 Studenten. Bauherr ist die Caisse de Pension de l’Etat de Vaud, vertreten durch Retraites Populaires; ausführender Architekt ist IttenBrechbühl.

BILDER MICHELE LIMINA

Pascal Bärtschi CEO von Losinger Marazzi

Andreas Jöhri GL-Mitglied von IttenBrechbühl

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Alexander Muhm Leiter Development bei den SBB

Oliver Schmid und Wolfgang Hardt GL-Mitglieder von Burckhardt + Partner

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Inhalt

Impressum

STUFENPLAN

HOLZHOCHHAUS

NACHHALTIGKEIT

Interview mit Alar Jost, Head of BIM bei Implenia

Schweizer Premiere auf dem «Suurstoffi»-Areal

Der Kreislauf von Rückbau zu Neubau bei Holcim

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BAUMEISTER 5.0

ÖKOSYSTEM

GD SOLUTIONS

Das Digitalisierungskonzept des Baumeisterverbandes

Livit über den Wandel der Immobilienbranche

Schiffsbau als Inspiration für Häuserbau-Software

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«Zukunft Bauen» ist eine Verlagsbeilage der NZZ-Mediengruppe. Inhalt realisiert durch NZZ Content Solutions in Kooperation mit Brand Relations Sarah Schlagenhauf. Projektmanagement: Norman Bandi, Leiter NZZ Content Solutions, c/o NZZ Media Solutions AG, Falkenstrasse 11, Postfach, 8021 Zürich. www.nzzcontentsolutions.ch

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Zukunft Bauen

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NZZ-Verlagsbeilage

DIGITALE TRANSFORMATION

Die Kunst auf der Welle zu reiten Die Digitalisierung stellt die Bau- und Immobilienwirtschaft auf den Kopf. Markus Weber, Präsident der branchenübergreifenden Interessensgemeinschaft Bauen digital Schweiz, hat eine Vision und weiss, worauf es ankommt. mationsanforderungen unter Umständen an verschiedene Akteure und über mehrere Projektphasen. Für jeden standardisierten Anwendungsfall wird also ein einheitliches Verständnis geschaffen, der konkrete Nutzen beschrieben und der Prozess dazu definiert. Möglich wird dies alles durch die digitale Technologie, die eine durchgängige Vernetzung der Informationen und die ganze oder teilweise Automatisierung von Abläufen schafft. Tatsächlich ist der Prozess vom Bestellen bis zur Bewirtschaftung eines Bauwerks bis anhin von «unstrukturierten» Informationen geprägt gewesen. Die verschiedenen Akteure lieferten oder bezogen die für sie relevanten Informationen in Form von Plänen und Dokumenten. Das heisst, dass diese Informationen zwar elektronisch erzeugt wurden, zum Beispiel in Form von CAD-Plänen, Word- oder Excel-Dokumenten. Aber für Dritte blieben sie mangels entsprechender Technologien und wegen fehlender Standardvorgaben meistens nicht direkt maschinell weiter bearbeitbar.

BIM-as-a-Service anbieten

Building Information Modeling (BIM) steht als Synonym für das digitale Planen, Bauen und Unterhalten von Objekten auf Grundlage umfassender Daten.

Markus Weber sieht mit seiner futuristisch anmutenden Brille aus wie Captain Kirk auf Raumschiff Enterprise kurz vor einer Sternenexplosion. Der stellvertretende Geschäftsführer des Ingenieurunternehmens Amstein + Walthert trägt jedoch keine Schutzbrille, sondern er macht auf der Baustelle des auf 80 Meter hoch geplanten Andreas-Turmes in Zürich eine digitale Fortschritts- und Qualitätskontrolle. Durch seine MixedReality-Brille (MR) sieht Weber sowohl die analoge Wirklichkeit als auch die darüber gelegten digitalen Baupläne für die technischen Installationen. «Mit dieser MR-Brille kann ich prüfen, wie weit alle geplanten Arbeiten ausgeführt sind und ob alles am richtigen Ort installiert worden ist», erklärt Weber. Building Information Modeling (BIM), also das digitale Bestellen, Planen, Bauen und Unterhalten von Objekten auf Grundlage umfassender Projekt-, Stamm-, Gebäude- und Infrastrukturdaten ist derzeit in vieler Munde. Wie aber sieht die digitale Zukunft der hiesigen Bau- und Immobilienwirtschaft wirklich aus? Weber, der auch Präsident der Plattform Bauen digital Schweiz ist, hat dazu eine klare Meinung: Die Unternehmen im Bausektor müssten ihre Effizienz und Qualität in jedem Fall steigern, sonst würden sie nicht überleben. «Die grösste Herausforderung ist, dass wir in der gesamten Wertschöpfungskette bisher zu viele Einzelkämpfer erzogen haben. Das Ziel muss die volle Durchgängigkeit aller Informationen sein», mahnt Weber. Voraussetzung dafür seien strukturierte und standardisierte Informationen. Vier Fünftel aller heute sogenannten BIM-Projekte seien keine echten BIM-Projekte, sondern nur BM-Projekte (Building Modeling), weil häufig das «I», also durchgängige Informationen, fehlten.

Miteinander statt für sich Vordenker Weber sieht vor allem zwei Ansatzpunkte, um das zu ändern und der Digitalisierung kräftigen Zukunftsschub zu verleihen: Die Implementierung von

PD

JOHANNES J. SCHRANER

Markus Weber Präsident von Bauen digital Schweiz

Best Practices und die Beachtung des Grundsatzes, dass Digitalisierung Chefsache ist. «Es muss eine neue Unternehmenskultur des ‹Miteinanders statt jeder für sich› geschaffen werden und die Mitarbeitenden brauchen Raum und Zeit zum Ausprobieren und um Fehler zu machen», fordert Weber von Geschäftsleitungen und Kadern. BIM sei keine Technologie, sondern eine Methode, um Prozesse mittels Technologien effizienter und qualitativ besser zu gestalten. Neue Methoden und Veränderungen aber erfordern neues Denken in den Unternehmen. Diesbezüglich sieht Markus Weber aktuell ein Problem. «Viele Firmen haben den Lead in der digitalen Transformation an externe Berater und junge, Technologie-affine Mitarbeiter übergeben. Diese kennen zwar die Vorteile und den Nutzen der digitalen Technologien, haben aber wenig Know-how und Erfahrung in den etablierten Prozessen, Rahmenbedingungen und in der tief verankerten Zusammenarbeitskultur»,

merkt Weber kritisch an. Er stellt in diesem Kontext jüngst eine inflationäre Vermehrung solcher «BIM-Spezis» fest. Sie kassierten die vermeintlichen Effizienzgewinne in den Unternehmen gleich wieder weg und könnten durch die fehlende Nachhaltigkeit ihrer Tätigkeiten die Qualität und Effizienz eines Unternehmens unter dem Strich nicht wesentlich steigern. In der Branche sei momentan deshalb ein gewisser Frust feststellbar. «Für eine erfolgreiche Transformation muss der Chef die jungen Wilden von ihren Spielereien wieder herunterholen und mit seinen besten Dinosauriern zusammenschweissen», skizziert Weber die Ansprüche an die Mitarbeiterführung für eine erfolgreiche digitale Transformation. Konkret heisst das für Geschäftsleitungen und Kader unter anderem, in ihren Unternehmen den Spagat zwischen Agilität in Freiräumen und Standardisierung neuer Prozesse zu schaffen. «Derzeit liegen für den Unternehmer 100 digitale Prioritäten gleichzeitig auf dem Tisch. Die Herausforderung ist, wo er mit dem Thema überhaupt anfangen soll», bringt es Weber auf den Punkt. Aktuell schwinge das Pendel eher auf die Seite von Ausprobieren und Fehler zu­ zulassen. Um die Transformation aber nachhaltig vorwärts zu bringen, sei in den Unternehmen auch die Standardisierung der Informationsanforderungen,

STOCK.ADOBE.COM

sprich die Neuformulierung der Prozesse und den Bau eines neuen digitalen Fundaments nötig.

Datenbank mit Use-Cases Weil die dafür nötigen grundlegenden Veränderungen im Denken und H ­ andeln für Mitarbeitende verständlicherweise alles andere als einfach sind, brauchen Unternehmen neutrale Unterstützung. Diese bietet die branchenübergreifende Interessensgemeinschaft Bauen digital Schweiz unter anderem mit seiner sogenannten Use-Case-Cloud. Dort werden die Stakeholder der Wertschöpfungskette aufgefordert, ihre Anwendungsfälle in vorgegebenen Standardstrukturen darzustellen. Konkrete Use-Cases sind bisher etwa die modellbasierte Mengen- und Kostenermittlung, die Darstellung des Grau- und Energieverbrauchs, die Planung des Bauablaufs und die Organisation der Baustellenlogistik oder die Bereitstellung von Informationen für den Betrieb und Unterhalt. «Ziel ist es, dass die Aufträge für die verschiedenen Akteure aus der ganzen Wertschöpfungskette in Zukunft über Use-Cases und ihre strukturierten Informationsanforderungen definiert und formuliert werden», erklärt Bauen-digitalSchweiz-Präsident Markus Weber. Jeder Use-Case definiert demnach die Infor-

Bauen digital Schweiz jjs. · Die Interessensgemeinschaft Bauen digital Schweiz ist der Thinktank für die digitale Transformation der Schweizer Bau- und Immobilienwirtschaft. Mit­ glieder sind über 300 Unternehmen, Verbände und Institutionen entlang ­ der gesamten Wertschöpfungskette des Sektors. Dazu zählen beispielsweise ­Economiesuisse, die Universität Zürich und das Bundesamt für Strassen Astra. Ziel von Bauen digital Schweiz mit Sitz in Zürich ist es, die Digitalisierung und damit eine durchgängige Kooperation

aller Beteiligten über den Lebens­ zyklus einer Immobilie hinweg zu ­ermöglichen. Dazu werden Veranstaltungen wie der jährliche Schweizer BIM Kongress durchgeführt. Die Plattform kommuniziert zudem breit und fördert den Dialog. So erarbeiten und definieren Arbeitsgruppen in User Rooms sogenannte Best Practices über alle Berufsgruppen hinweg. Die Brücke zur internationalen Entwicklung bildet der Kooperationspartner buildingSMART Switzerland.

Die konkreten Use-Cases werden derzeit von Bauen digital Schweiz zusammen mit Mitgliedern und Partnern erarbeitet. Diese aktive Kollaboration und breite Abstützung in einem Netzwerk von Fachexperten stellt sicher, dass die Anwendungserfahrungen aus bereits realisierten oder laufenden Projekten, also die Best Practices, zusammengeführt werden. Dabei werden die Teilnehmenden laut Weber immer dort abgeholt, wo sie momentan stehen. «Das ist ein schweizerisch-föderalistischer Prozess, der kulturkompatibel laufen muss; das heisst ‹Bottom-up›, sodass alle Betroffenen mit auf den Weg genommen werden können», hält Weber ausdrücklich fest. Wo aber soll die Einführung der neuen, durchgängigen Sprache und Standards in der Branche eigentlich hinfüh-

Die Branche muss den Spagat zwischen Agilität in Freiräumen und Standardisierung neuer Prozesse schaffen.

ren? «Die logische Konsequenz ist, dass die Bau- und Immobilienwirtschaft, wie das in anderen Branchen bereits Realität ist, sich weg von einer reinen Leistungshin zu einer Leistungs-/Services-Branche entwickeln wird. Etablierte oder neue Player werden bald BIM-as-a-Service anbieten», formuliert Weber seine Vision. Aber wann besteht für Firmen die Gewissheit, dass der Breakeven in der digitalen Transformation erreicht ist? Weber zögert nicht: «Für jedes Unternehmen bieten die digitalen Technologien neue Chancen, um die Effizienz und Qualität zu steigern.» Weber vergleicht die Transformation mit einem Surfer auf einer Welle im Meer. «Die Kunst besteht darin, auf der Welle zu reiten – das heisst, man darf nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam unterwegs sein, sondern das Prozesstempo muss zur Umgebung synchron sein.»


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DIGITALE TRANSFORMATION

«Die Schweiz ist vom Parkplatz auf die Überholspur gewechselt» Als Autor des Stufenplans und Gründungsmitglied der Plattform Bauen digital Schweiz gehört Alar Jost zu den hiesigen Treibern der Digitalisierung. Für den Head of BIM von Implenia kann unser Land seinen Rückstand sogar bald in einen Vorsprung umwandeln. teressensgemeinschaft, die bereits eine gute Sichtbarkeit erlangt hat, ist ebenso wertvoll wie der Fakt, dass uns der Bund Forschungsgelder von 5 bis 10 Millionen Franken in Aussicht gestellt hat. Von daher kann ich sagen, dass wir mit unserem «Bottom-up»-Ansatz schneller vorwärtsgekommen sind als Länder, in denen BIM bis heute von oben herab quasi staatlich verordnet wird. Plakativ könnte man daher schon sagen: Die Schweiz ist in Sachen BIM innert drei Jahren vom Parkplatz auf die Überholspur gewechselt.

Herr Jost, was macht Sie zu einem der wichtigsten «Turbos» für eine flächendeckende Etablierung von Building Information Modeling (BIM) in der ­ Schweizer Bauindustrie? Meine tiefe innere Überzeugung, dass sich die Schweizer Industrie und Wirtschaft ganz generell den modernen Herausforderungen zu stellen hat und nicht Gefahr laufen sollte, den Anschluss zu verpassen. Ist diese Furcht nicht etwas übertrieben, wenn man sieht, wie viele führende globale Konzerne sich bewusst in der Schweiz niederlassen? Natürlich ist es positiv, dass Konzerne wie Google ihre globalen Forschungszentren in der Schweiz aufgebaut haben.

«Das übergeordnete Ziel muss sein, möglichst bald auf Stufe 3 zu gelangen.» Die Kultur des Wissens ist in der Schweiz zweifelsfrei vorhanden und in Kombination mit dem hohen Lebensstandard selbstverständlich attraktiv für internationale Unternehmen und Arbeitnehmende. Aber? Die Welt dreht sich schnell. Ob das Erfolgsmodell Schweiz auch zukunftsfähig ist, hängt wesentlich vom offenen und proaktiven Umgang mit der Digitalisierung ab. Die digitale Transformation hat eine Dynamik, die in Sachen Tempo alles Bisherige stehen lässt. Und genau deshalb bin ich überzeugt davon, dass sich die einstige Agrargesellschaft von ihrem heutigen Status als Wissensgesellschaft unbedingt zur Technologiegesellschaft weiterentwickeln sollte. Die Schweiz ist im «IMD World Digital Competitiveness Ranking» zuletzt zwar von Platz 8 auf Platz 5 aufgestiegen. Davon sollte man sich aber nicht täuschen lassen, weil auf den hinteren Ranking-Positionen, namentlich in vielen asiatischen Län-

Implenia row. · Als führender Schweizer Bauund Baudienstleistungskonzern ist es Implenia ein Anliegen, sich an vorderster Front für die Plattform Bauen digital Schweiz zu engagieren. In der 2016 ­gegründeten Interessensgemeinschaft ­gehört Alar Jost, Head of BIM bei Implenia, dem Vorstand und Steuerungsausschuss an. Implenia setzt seit einigen Jahren auf Building Information Modeling (BIM) und sieht im aktiven Engagement für eine schnelle Verbreitung eine grosse und wichtige Chance für die gesamte hiesige Bauindustrie. «Da die meisten Schweizer Bauunternehmen wesentlich auf gut funktionierende Partnerschaften innerhalb der Branche angewiesen sind, ist es im Sinne des ganzen Marktes erstrebenswert, einheitliche Standards einzuführen», erklärt Jost. Dafür investiere Implenia substanzielle Mittel und auch Zeit. Im ersten Halbjahr 2018 hat der Schweizer Marktführer einen Umsatz von 2,124 Milliarden Franken erzielt, was gegenüber der Vorjahresperiode einem rein organischen Wachstum um 22 Prozent entspricht.

Alar Jost, Head of BIM bei Implenia sowie Vorstand der ­Interessensgemeinschaft PD Bauen digital Schweiz.

Stufenplan von Bauen digital Schweiz

Quelle: https://bauen-digital.ch/stufenplan

dern, zurzeit massiv investiert und deshalb eine deutlich grössere Dynamik entfaltet wird. So stammt aktuell zum Beispiel die Hälfte der globalen milliardenschweren Investitionen in künstliche Intelligenz aus China.

denen Protagonisten bleibt im Wesentlichen aber auf einem traditionell ­konventionellen Niveau. In der Schweiz haben wir in den vergangenen zwei Jahren auf diesen beiden Stufen beträchtliche Fortschritte erzielt.

Wurden Sie und Ihre Mitstreiter von der Tatsache aufgeschreckt, dass sich die Schweizer Bauindustrie gegenüber Ländern wie Grossbritannien, den Niederlanden oder Norwegen in Sachen Digitalisierung bereits einen beträchtlichen Rückstand eingehandelt hat? Ich bin kein Anhänger von solchen Vergleichen mit dem Ausland. Gerade in Skandinavien, wo Implenia stark positioniert ist, habe ich einen guten Einblick. Es stimmt, dass etwa in Norwegen oder Schweden, anders als in der Schweiz, bereits grossflächig ein BIM-Ansatz verfolgt wird, der allerdings noch nicht über allzu viel Tiefgang verfügt. Dasselbe gilt für Grossbritannien. Die BIM-Industrie bewegt sich dort auch erst in Teilen auf Stufe 2 (siehe Grafik).

Also wäre die Adaption von Stufe 2 zum flächendeckenden Branchenstandard für die Schweizer Bauindustrie ein nächstes Etappenziel? Ja. Über die Plattform Bauen digital Schweiz haben wir deshalb zu Stufe 2 verschiedene Best-Practices-Beispiele und das BIM-Workbook veröffentlicht. Unternehmen können daraus erfahren, wie die Zusammenarbeit genau funktionieren kann. Wir stellen erfreut fest, dass der Umsetzungswille im Markt stark ist und auch entsprechende Initiativen lanciert werden. Ende letzten Jahres hat der Schweizerische Ingenieur- und Archi­ tektenverein (SIA) ein entsprechendes Regelwerk mit dem Namen «SIA 2051» herausgegeben – ein Meilenstein für die BIM-Einführung, nicht nur in der Schweiz.

Ihr Stufenplan für die Schweiz sieht indes vier Stufen vor. Wo befinden wir uns zurzeit? Die Stufen 1 und 2 beschreiben die Grundlagen einer modellbasierten Planung und setzen hinsichtlich Planungssicherheit und Projektoptimierung bereits erhebliche Mehrwerte frei. Die ­Zusammenarbeit zwischen den verschie-

Die Schweizer Bauindustrie auf der BIM-Überholspur? Ich hüte mich vor allzu euphorischen Aussagen. Fakt ist, dass die Schweiz bis 2015 in Sachen BIM fast gar nichts gemacht hatte. Seither dafür sehr viel. Es gibt heute tatsächlich einen «Swiss»-Ansatz. Die Gründung unserer jungen In-

Aber zufrieden sind Sie damit noch nicht? Nein, denn das übergeordnete Ziel muss sein, möglichst bald auf Stufe 3 zu gelangen. Dort sprechen wir von einer integrierten, automatisierten und modellbasierten Zusammenarbeit. Vor einigen Monaten war die dritte Stufe in der einschlägigen internationalen Szene noch nicht einmal Gesprächsthema. Das hat sich inzwischen geändert und auch hier scheint es so, als könnten wir in der Schweiz eine Vorreiterrolle übernehmen. Denn die SBB sind mit ihrer neusten Ausschreibung für ein «Common Data Environment» Stufe 3 dicht auf den Fersen. Aus welchem Grund ist diese dritte Stufe so wichtig? Stufe 3 ist der wirkliche «Game Changer». Erst mit dieser Stufe wird es ­möglich, eine digital durchgängige Zu­ sammenarbeit zwischen Planer, Bau­ unternehmen und Bauherr zu schaffen. ­Dadurch verändern sich die Prozesse von sequenziell zu parallel. Die dadurch erzielte Zeiteinsparung ist massiv. Die dritte Stufe ist die Voraussetzung für den Einsatz künstlicher Intelligenz. Fehlt noch Stufe 4 mit BIM quasi in Vollendung? Die letzte Stufe beschreibt die Vernetzung zwischen der physischen und digitalen Welt und hat verschiedene Aus­ prägungen. Einerseits steht im Bereich Produktion und Ausführung die digitale Maschinen- und Materialflussteuerung im Vordergrund, die in anderen Bereichen im Sinne von Industrie 4.0 schon längst praktisch angewendet wird. Anderseits geht es im Gebäudebetrieb um kommunizierende Systeme wie das Internet of Things (IoT). Heute haben wir da sicher noch viel Luft nach oben. Ich bin jedoch überzeugt, dass intelligente, autonom gesteuerte Produktionsund Betriebssysteme den Markt revolutionieren und Dienstleistungen sowie Arbeitsformen auch in der Bau- und Immobilienwirtschaft grundlegend verändern werden. Welche Möglichkeiten bietet sich Bauunternehmen, die alle Stufen beherrschen? Die ersten, die so weit sind, werden eine grosse Marktmacht ausspielen können. Ich nenne ein Beispiel aus den USA. Dort wurde 2015 das Bauunternehmen Katerra gegründet. Es setzt vollständig auf Automation und Vorfertigung über miteinander kommunizierende Systeme. Katerra errichtet Gebäude, wie man Mobiltelefone montiert, im Sinne eines ganzheitlichen Supply-Chain-Managements. Es kombiniert die Stufen 2, 3 und 4 und hat deshalb kürzlich bei einem Fundraising rund 860 Millionen Dollar eingesammelt. Das zeigt, wie viel Potenzial die Methode auch für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle birgt. Bei der Interessensgemeinschaft Bauen digital Schweiz sind Sie ebenfalls im Bildungswesen aktiv engagiert. Was bedeu-

tet BIM mittelfristig für Arbeitnehmende in Ihrer Branche? Eine ganz wichtige Frage. Ich bin vom Grundsatz überzeugt, die Betroffenen zu Beteiligten zu machen. Das heisst, auch in der digitalen Transformation soll der Mensch im Zentrum stehen. Für Arbeitnehmende bietet die aktuelle Entwicklung im Sinne von lebenslangem Lernen grosse Chancen. Die Aufgaben verändern sich ja per se nicht, es sind nur neue Fähigkeiten gefragt. Es wird am Bau immer einen Planungsleiter geben. Nur wird er eben künftig über BIM-Kompetenzen verfügen müssen. Um die Ver-

«Die dritte Stufe ist die Voraussetzung für den Einsatz künstlicher Intelligenz.» breitung dieser Kompetenz im Markt zu beschleunigen, haben wir bei building­ SMART eine offizielle Zertifizierung für BIM-Anwender ins Leben gerufen. Trotzdem wird BIM auf Stufe 4 künftig wohl bestimmte Arbeitsplätze überflüssig machen. Es ist ein Fakt, dass zahlreiche repetitive Arbeiten mittelfristig wegfallen werden. Es wird aber im Gegenzug neue Aufgaben und Jobprofile geben, für die es geschultes Personal braucht. Zu meinen Kernaufgaben im Rahmen der beiden Initiativen Bauen digital Schweiz und buildingSMART gehört, Unternehmen und Arbeitnehmende an diese neuen Herausforderungen einer digitalen Zukunft im Bauwesen heranzuführen. Interview: Robert Wildi

Der Bund baut ab 2025 nur noch mit BIM row.  ·  Das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) hat diesen September im Rahmen des nationalen «Aktionsplans Digitale Schweiz» eine ganze Reihe von Umsetzungsmassnahmen zur Erreichung der Ziele der «Strategie Digitale Schweiz» erlassen. Neben zahlreichen Initiativen und Förderprojekte in den Bereichen Forschung, Bildung und Verkehr nimmt der Aktionsplan auch explizit Bezug auf den «Digitalen Gebäudemodellstandard». So wollen der Bund und alle bundesnahen Betriebe – inklusive den SBB – ab 2021 für Immobilien und ab 2025 für Infrastrukturanlagen die Methode Building Information Modeling (BIM) verpflichtend anwenden. Um dieses Ziel zu erreichen, werde der Bund 2019 Forschungsgelder im Umfang von 5 bis 10 Millionen Franken für die Weiterentwicklung von BIM an die Interessensgemeinschaft Bauen digital Schweiz sprechen. Das Bakom geht davon aus, dass BIM nachhaltige Effizienzsteigerungen in den Bereichen Projektziele, Termine und Kosten von 5 bis 10 Prozent bringen wird.


Zukunft Bauen

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Baumeister 5.0

Zieldimensionen

B a u u n te r n e h m e r

Strategische Schwerpunkte

Kompetenz

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Start 2020

Start 2021

Vertrauen schaffen & Für die digitale Trans- Digitale Transformation Bewusstsein für Digi- formation befähigen aktiv unterstützen talisierung schärfen

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Konzept des Schweizerischen Baumeisterverbandes zur Digitalisierung des Bauhauptgewerbes

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NZZ-Verlagsbeilage

TRANSFORMATION BEFÄHIGUNG SENSIBILISIERUNG

«Der Unternehmer im Zentrum der digitalen Transformation»

Drei-Phasen-Programm

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SBV-MITGLIEDER

BAUMEISTER 5.0

Nachhaltigkeit

DIGITALE TRANSFORMATION

Der Erfolgsfaktor Mensch rückt ins Zentrum Der Baumeisterverband übernimmt bei der Digitalisierung Verantwortung. Jetzt lanciert er sein holistisches Konzept Baumeister 5.0, um zusammen mit seinen Sektionen und Fachorganisationen die Mitglieder, das Bauhauptgewerbe und die gesamte Branche bei der digitalen Transformation zu unterstützen.

Ende März 2018 lancierte Zentralpräsident Gian-Luca Lardi an dieser Stelle, dass der Schweizerische Baumeister­ verband (SBV) im Interesse seiner Mitglieder und der gesamten Branche eine Leaderrolle in der Digitalisierung der Bauwirtschaft einnehmen will. Anfang November 2018 ist es Zeit für eine Bestandsaufnahme. «Der Leistungsauftrag war klar. Die Herausforderungen spannend und gewaltig zugleich. Die Erwartungen immens», erklärt Zafer Bakir. Der 36-Jährige amtet seit Jahresbeginn als neuer Leiter Digitalisierung beim SBV, um sich der Aufgabe anzunehmen. Der gebürtige Seeländer begann seine berufliche Karriere in der Maschinenbauindustrie. Nach dem Studium an der Universität St. Gallen zog es ihn zu einem internationalen Finanzdienstleister, wo er in leitenden Positionen die Entwicklung und Implementierung digitaler Geschäftsmodelle verantwortet hatte. Eins war sich Bakir aber schon vor seinem Amtsantritt beim SBV bewusst: «Soll die Digitalisierung des Bauhauptgewerbes nachhaltig gelingen, müssen wir den Hebel am Erfolgsfaktor Nummer eins ansetzen – dem Unternehmer und seiner Einstellung zur Digitalisierung. Schliesslich entscheidet der Chef immer noch selber, ob er bereit ist, die digitale Transformation seines Betriebs voranzutreiben oder ob er am Status Quo festhalten möchte.» Zu seiner Rolle führt Bakir aus: «In den ersten Monaten lag der Fokus meiner Arbeit primär darauf, die digitalen Bedürfnisse und Ansprüche der Mitglieder des SBV noch besser zu verstehen – dies geschah durch bilaterale Gespräche, bei verbandsinternen Veranstaltungen oder im kleinen Rahmen innerhalb der Erfahrungsaustauschgruppen.»

Umgesetzte Massnahmen Keine acht Monate nach Lardis An­ kündigung kann Bakir erste konkrete Massnahmen vermelden: Der Baumeisterverband ist neu aktives Mitglied der Plattform Bauen digital Schweiz und ­Bakir vertritt die Interessen des Bauhauptgewerbes in dessen Vorstand (siehe Artikel auf Seite 3); der SBV fördert in diesem Zusammenhang das Programm buildingSMART Professional Certifica-

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NORMAN BANDI

Zafer Bakir Leiter Digitalisierung beim Schweizerischen Baumeisterverband

tion; Mitte Oktober 2018 wurden die Resultate einer Studie zum Führungsverständnis im digitalen Zeitalter präsentiert, die die HWZ Hochschule für ­Wirtschaft Zürich zusammen mit dem Baumeisterverband und drei weiteren Studienpartnern bei dessen Mitgliedern durchgeführt hat; zudem fördert der SBV sowohl auf europäischer Ebene, beispielsweise in der Arbeitsgruppe Construction 4.0 der FIEC, als auch auf nationaler Ebene den interdisziplinären Austausch in Sachen digitales Bauen. «Die aktive Teilnahme an Fachmessen, Veranstaltungen sowie Konferenzen haben sich hier durchaus als effektives Vehikel erwiesen», sagt Bakir.

von Building Information Modeling (BIM) sei, sondern auch neue Technologien, Berufsbilder und Arbeitsweisen bedeute, konzentriere der SBV seine Massnahmen und Tätigkeiten im Kontext der Digitalisierung auf sechs strategische Schwerpunkte: „„ Produktivität: Digitale Bauprozesse gezielt vorantreiben. „„ Kompetenz: Digitalisierung in der Aus- und Weiterbildung etablieren. „„ Innovation: Baurelevante Innovationen gezielt vorantreiben. „„ Transformation: Den Transformationsprozess aktiv unterstützen. „„ Nachhaltigkeit: Nachhaltiges Bauen durch Digitalisierung vorantreiben. „„ Rahmenbedingungen: Normative, politische und rechtliche Rahmenbedingungen sicherstellen. Um die notwendige Schlagkraft zu erreichen, verfolgt das Konzept gemäss Bakir einen kollaborativen und kooperativen Ansatz mit ausgewählten Partnern. Die Identifikation von relevanten Konzeptpartnern geschehe jeweils mit Blick auf die sechs strategischen Schwerpunkte und die definierten Ziele des holistischen ­Ansatzes.

Fokus auf drei Teilziele Mit dem Baumeister 5.0 definiert der SBV laut Bakir einen dreidimensionalen Zielansatz mit unterschiedlichen Teilzielen, die sich im Wesentlichen an der digitalen Befähigung des Unternehmers (Mikroebene), der digitalen Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe (Mesoebene) sowie einer zukunfts- und marktfähigen Schweizer Bauwirtschaft (Makroebene) orientiert.

Wobei diese drei Zieldimensionen proaktiv ins Visier genommen werden: Auf Mikroebene befähigt das Konzept die Unternehmer dahingehend, dass diese die grundlegenden Fertigkeiten erlangen, um die Herausforderung der Digitalisierung überhaupt angehen zu können. Die Massnahmen und Tätigkeiten auf der Mesoebene dienen der konkreten Transformation der Betriebe, mit dem Teilziel deren Wettbewerbsfähigkeit für das digitale Zeitalter sicherzustellen. Auf der Makroebene stellt das Konzept sicher, dass für eine erfolgreiche Transformation die notwendigen technischen, politischen und normativen Barrieren abgebaut und positiven Rahmenbedingungen aufgebaut werden.

Umsetzung in drei Phasen Und was geschieht jetzt? Nebst punktuellen Massnahmen erfolgt die Umsetzung des Konzepts anhand eines klar strukturierten Drei-Phasen-Programms, sagt ­Bakir. In der ersten Phase (ab 2019), der Sensibilisierung, stellt der SBV sicher, dass die Mitglieder fortlaufend und proaktiv für die Chancen und Herausforderung der Digitalisierung sensibilisiert werden. Mit Start der zweiten Phase (ab 2020), der Befähigung, werden zentrale Massnahmen und Tätigkeiten umgesetzt, die die Mitglieder für das digitale Zeitalter befähigen sollen. In der dritten und letzten Phase (ab 2021), der Transformation, ist ein praxisnahes Programm in Form von Beratungsdienstleistungen vorgesehen, um die Mitglieder bei der digitalen Transformation aktiv zu unterstützen. Doch warum Baumeister 5.0? Dazu erklärt Bakir: «Nun, im Kern der vierten

Konzept als Fundament Nun geht der Baumeisterverband einen grossen Schritt weiter. «Das Konzept Baumeister 5.0 ist unsere Antwort auf die Frage, wie der SBV die digitale Transformation des Bauhauptgewerbes nachhaltig vorantreiben will», betont Zafer Bakir. Die Essenz dessen fasst er wie folgt zusammen: «Durch die zunehmende Digitalisierung aller Schritte entlang der Wertschöpfungskette PlanenBauen-Betreiben erfährt die Ausführung – und insbesondere die Zusammenarbeit sämtlicher Gewerke auf der Baustelle – einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel.» Weil die Digitalisierung der Bauwirtschaft jedoch nicht nur eine Frage

Baumeisterverband nb. · Der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) besteht seit 1897. Er ist die gesamtschweizerische Berufs-, Wirtschafts- und Arbeitgeberorganisation der Unternehmen des Hoch- und Tiefbaus sowie verwandter Zweige des Bauhauptgewerbes. Der SBV vertritt zusammen mit seinen Sektionen, Fachverbänden und -gruppen die überbetrieblichen Interessen seiner Mitglieder im Staat, in

der Wirtschaft sowie in der Öffentlichkeit, und er engagiert sich namentlich in den Bereichen Arbeitgeber-, Wirtschaftsoder Berufsbildungspolitik. Der Baumeisterverband repräsentiert über 2600 Unternehmen als Arbeitgeber von rund 80 000 Mitarbeitern. Das vom hiesigen Bauhauptgewerbe jährlich generierte Umsatzvolumen beträgt rund 20 Milliarden Franken.

industriellen Revolution geht es um die intelligente Fabrik, in der sich Cyberphysische Systeme ohne menschliche Eingriffe weitgehend selbst organisieren. Die ökonomischen und operativen Vorteile dieses Trends sind uns bekannt, etwa Kostensenkungen, Automatisierungen, erhöhte Transparenz oder auch die Nutzung digitaler Daten zur Optimierung von Prozessen und Entscheidungen.» Was in der gesamten Diskussion

Der Baumeister 5.0 umschreibt Vision und Mission für die digitale Transformation des Bauhauptgewerbes.

rund um die Industrie 4.0 allerdings viel zu oft vergessen gehe, sei indes der Erfolgsfaktor Mensch. «Aus den Erkenntnissen der Analyse haben wir ein erstrebenswertes und realistische Leitbild des Unternehmers im digitalen Zeitalter abgeleitet – den Baumeister 5.0», sagt Bakir. Gegenüber den Mitgliedern soll der Baumeister 5.0 als Orientierung dienen. Das heisst, sowohl handlungsleitend als auch motivierend wirken. Nach aussen, also gegenüber der Öffentlichkeit und der gesamten Branche, soll das Konzept deutlich machen, dass der SBV in erster Linie den Unternehmer uns dessen Fachkräfte auf der Baustelle für die Digitalisierung und digitale Transformation befähigen will. «In vereinfachter Form umschreibt der Baumeister 5.0 die Vision und Mission des SBV für die Digitalisierung des Bauhauptgewerbes», ergänzt Bakir.


6  NZZ-Verlagsbeilage

Zukunft Bauen Herr Bärtschi, wie würden Sie Ihre Beziehung zur Digitalisierung bezeichnen? Ich finde die Digitalisierung spannend. Wenn ich etwas suche, dann anders als vor 20 Jahren. Ich recherchiere im Internet oder schaue, ob es eine App gibt. Insgesamt sehe ich das aber als Tool und nicht als Ziel. Digitalisierung ersetzt bei weitem nicht alles. Vor ein paar Jahren hiess es, die Digitalisierung bedeute zum Beispiel den Tod der Bücher. Das stimmt meiner Meinung nach nicht. Denn ein digitales Buch liest und empfindet man anders als ein gedrucktes Buch. Gleiches gilt für die Zeitung. Für mich ergänzen sich digitale und physische Angebote, sie sind eine Erweiterung der Möglichkeiten. Dass es eine gewisse Kannibalisierung gibt, ist klar. Ich sehe aber die Digitalisierung als Opportunität und nicht als Risiko. Wie sieht diesbezüglich Ihre Rolle innerhalb der Firma aus? Als CEO ist die Digitalisierung für mich etwas Wichtiges. Aber ich bin absolut nicht der Meinung, dass die Digitalisierung nur Chefsache ist. Das bedeutete ja, dass Digitalisierung «Top-down» laufen würde. Das sollte für mich nicht der Fall sein. Ich betrachte Digitalisierung und Innovation sehr ähnlich: Der Chef sollte die Rahmenbedingungen definieren und die notwendige Unterstützung leisten, damit die digitale Entwicklung im Unternehmen breit stattfinden kann.

Pascal Bärtschi, CEO und Verwaltungsratspräsident von Losinger Marazzi.

MICHELE LIMINA

DIGITALISIERUNG IST CHEFSACHE

«Digitale und physische Angebote ergänzen sich» Dass Digitalisierung nicht primär Chefsache ist, hält Pascal Bärtschi, CEO von Losinger Marazzi, für richtig. Die Unternehmensführung sollte die Bedingungen definieren, damit Transformation breit stattfinden kann. Building Information Modeling (BIM) habe vor allem die Art der Zusammenarbeit verändert.

Pascal Bärtschis Einschätzung Auf einer Skala von 1 bis 10: Als wie «digital fit» bezeichnen Sie . . . . . . sich selbst? . . . unser Land? . . . die Bauwirtschaft? . . . Ihr Unternehmen? Skala: 1 = Tiefstwert, 10 = Höchstwert

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Können Sie ein Beispiel nennen? Mitarbeiter haben einmal gesagt, es sei etwas kompliziert mit den verschiedenen Kommunikationskanälen wie Yammer, Facebook oder WhatsApp. Ob ich nicht entscheiden könnte, über welchen Kanal die Kommunikation stattfinden soll. Nein, ich will das nicht entscheiden. Wenn diese Tools vorhanden sind, dann werden die Mitarbeiter sowieso mit ihnen arbeiten, je nachdem, welches Bedürfnis sie haben. Und wenn sie eine WhatsApp-Gruppe bilden wollen, weil sie sich zusammen auf einer Baustelle austauschen oder verschiedene Baustellen miteinander verbinden wollen, dann ist das gut und wird von mir unterstützt. Gute Entwicklungen und Tools sollen auch von unten her, also «Bottom-up», kommen. Das soll nicht unterdrückt werden. Klar, wenn man von Rahmenbedingungen spricht: Wir entscheiden beispielsweise, dass wir mit Building Information Modeling (BIM) arbeiten wollen. Das ist aber nicht nur ein Chefentscheid, das ist auch ein Marktentscheid. Und es ist ebenso eine Überzeugung. Wenn die Geschäftsleitung nicht davon überzeugt ist und nicht in der Lage ist, die Mitarbeiter zu überzeugen, dann kann man sagen, was man will, kann «Top-down» wirken, wie man will, es wird nichts daraus. Ist denn Digitalisierung für Sie mehr Teamsache? Ja, klar. Der Chef muss sich zwar mit dem Thema befassen, Digitalisierung ist aber deswegen nicht Chefsache. Der Chef kann auch nicht innovieren, er kann nur Innovation fördern. So wie wir die Digitalisierung fördern. In unserer Firma gehört die Digitalisierung zu vier Produktivitätstreibern, die zusammen mit unserer Strategie die Wettbewerbsfähigkeit steigern sollen. Unsere Mitarbeiter haben an unserem jährlichen Mitarbeiter-Event zusammen mit externen Partnern an ebendiesen Themen und Fragestellungen gearbeitet und neue Ideen entwickelt. Man merkte dabei, dass Digitalisierung nichts mit der Hierarchie oder mit dem Alter zu tun hat. Es gibt durchaus ältere Leute, die digital fit sind. Man kann eine Strategie haben und man kann Leuchttürme zeigen, aber den Weg, den muss man den Leuten mit Fachkompetenzen überlassen. Deshalb ist es für mich wichtig, dass wir agil organisiert sind. Welche Abteilungen haben denn am meisten mit der Digitalisierung zu tun? Vielleicht sollte man zuerst allgemein über das Thema sprechen. Digitalisierung hat Auswirkungen auf verschiedene Ebenen: Auf das tägliche Leben der Leute, zum Beispiel wie man einen einfachen Zugang zur Firma hat, physisch oder mit dem Computer. Wie kommt man in die Systeme rein? Aber auch, wie kann man einen Parkplatz buchen? Wie das Carsharing organisieren? Diese Fragen betreffen alle Mitarbeiter.

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Die zweite Ebene betrifft die Arbeit innerhalb eines Projekts. Wie lässt sich die Projektbearbeitung digitalisieren und dadurch vereinfachen? Da sind wir voll beim Thema BIM. Auf der nächsten Ebene geht es um die Digitalisierung zugunsten unserer Kunden. Damit gemeint sind Investoren und Endkunden, also Nutzer. Von Smartgrids beispielsweise kann der Investor profitieren. Wie kann man Energieproduktion und -verbrauch innerhalb eines Areals steuern? Der Endnutzer kann hingegen mit einer App sein Leben vereinfachen, indem er etwa die Heizung steuert. Wir können aber auch Daten zum Energieverbrauch anonym sammeln und unsere Produkte verbessern. Digitalisierung findet also gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen statt. Welche Rolle spielt hier BIM? So wie ich mit meiner Familie auf iCloud Fotos teilen kann, teilen wir in der Firma Pläne mit den Daten eines Projekts. BIM ist nichts anderes als eine riesige Datenbank, die organisiert ist und zu der verschiedene Leute gleichzeitig Zugriff haben. Auf diese Weise hat man schon vor dem Bauen eine Idee vom Projekt. Man baut digital vor dem eigentlichen Bauen und beeinflusst so die Arbeitsweise. Früher lief das sequentiell ab: Der Architekt machte ein Vorprojekt, der Ingenieur eine erste Vordimensionierung, der Sanitär zeichnete Aussparungen ein, und dann ging alles wieder zurück zum Architekten. Heute geht das alles parallel. Dadurch wurde auch die Mentalität der Zusammenarbeit verändert. Die Leute verfolgen ein gemeinsames Ziel, auf dem Weg dorthin gibt es weniger Diskrepanzen. Man arbeitet mehr miteinander und hat mehr Verständnis für die Partner und deren Herausforderungen. BIM fördert die Arbeit als Team. Es kann zudem sein, dass der Kunde von Anfang an in die Planung involviert ist. Das haben wir beim Neubau Spital Limmattal gesehen. Die Person, die für den Betrieb verantwortlich ist, war von Beginn an dabei, um immer direkt Feedback geben zu können. Probleme kommen so früher ans Tageslicht, und Konzeptionsfehler werden tendenziell vermieden. So muss vor Ort weniger angepasst werden. Auch im Betrieb wird das Leben vereinfacht. BIM sollte nach Fertigstellung eines Gebäudes weiterleben, etwa in Wartungs- und Unterhaltsplänen. Sehen Sie auch Gefahren oder neue Probleme? Als in England die Dampflokomotiven aufkamen, wehrten sich die Kutschenfahrer, weil sie um ihre Arbeit fürchteten. Am Schluss haben die Agilen unter ihnen einen neuen Job gefunden. Die Entwicklung führt zu Umlagerungen von Kompetenzen. Auch BIM verändert gewisse Bereiche stark, man wird zum Beispiel mehr Elemente vorproduzieren.

«Blockchain kommt noch mehr auf. Hier erwarte ich eine disruptive Entwicklung.»

Aber es gibt neue Opportunitäten, neue Berufe wie den BIM-Manager. Und auch wenn man von überall her auf ein BIM-Modell zugreifen kann, treffen sich die Leute, die mit BIM arbeiten, trotzdem einmal pro Woche, um die Schnittstellen zusammen anschauen und all­ fällige Probleme lösen zu können. Das Bauwesen bleibt eine Branche der Menschen. Der Kontakt untereinander soll nicht ersetzt werden, sondern vereinfacht. Digitalisierung sollte das Leben von Mitarbeitern und Endnutzern vereinfachen, aber sie ist kein Ziel. Sie bleibt ein Tool. Ich erwähne hier gerne die App Doodle. Sie ermöglicht auf digi-

«Wir positionieren uns als Total­unternehmerin und Immobilien­ entwicklerin.»

tale Weise, dass sich Menschen physisch treffen. Das ist Digitalisierung zugunsten von persönlichen Kontakten. Wie wird sich BIM entwickeln? Wir haben entschieden, dass wir BIM nicht nur am Anfang eines Projekts einsetzen. So wenden wir BIM in verschiedenen Projekten in unterschiedlichen Entwicklungsphasen an. Auf der Baustelle haben wir eine sogenannte CABIM, ein Häuschen mit einem grossen Bildschirm, auf dem der Polier der Mannschaft in 3D erklären kann, was es auszuführen gilt. Oder er kann Sicherheitsthemen erläutern. Das ist ein ganz konkreter Anwendungsfall. Auf der anderen Seite werden im Idealfall Vorund Ausführungsprojekt mit BIM erstellt. Heute haben rund 70 Prozent unserer Projekte im Minimum einen solchen Anwendungsfall. Man muss aber aufpassen, dass man ein einfaches Projekt nicht unnötig kompliziert macht. Das ist irgendwann auch nicht mehr wirtschaftlich. Grundsätzlich muss man die Mittel am richtigen Ort einsetzen, so dass ein Mehrwert entsteht. Wir arbeiten mit Open BIM, weil es uns eine grosse Flexibilität gibt. So können wir massgeschneiderte Lösungen anbieten und BIM dort einsetzen, wo es sinnvoll ist. Vieles ist dabei «learing by doing». Welche Entwicklungen kommen noch auf uns zu? Blockchain wird noch mehr aufkommen, Transaktionen werden einfacher, und die Vermarktung sowie Vermietung von Objekten werden sich stark verändern, weg von der Papierdokumentation. Hier erwarte ich sogar eine disruptive Entwicklung. Intern ist es wichtig, dass man rechtzeitig merkt, welche Kompetenzen man aufbauen muss. Auch die Beziehung zwischen Eigentümer und Nutzer wird sich verändern, zum Beispiel bei einer Problemmeldung. Heute ruft man die Liegenschaftsverwaltung an, morgen kann man das digital erledigen. Dadurch wird das Feedback der Kunden an Bedeutung gewinnen. Wenn sich der Wohnungsmarkt entspannt, werden wir den Endnutzer in die Planung miteinbeziehen müssen, weil er seine Ansprüche anmeldet und Einfluss nehmen will. Zufriedene Kunden werden wichtiger, denn ein Ruf ist schnell ruiniert. Was bedeutet das für Ihre Firma? Wir positionieren uns ja nicht mehr nur als Baufirma, sondern als Totalunternehmerin und Immobilienentwicklerin. Das Bauen bleibt in unserem Herzen, aber, wenn man gut bauen will, muss man zuerst gut planen. Digitalisierung spielt in der Sharing Economy eine Rolle, etwa beim Teilen von Parkplätzen oder Fahrzeugen. Viele haben heute kein eigenes Auto mehr. Eine App und der Fahrausweis reichen aus. Dieses Modell könnte auch im Immobilienbe­reich Einzug halten. Vielleicht braucht man nicht mehr 110 Quadratmeter, sondern nur noch 40, und kann gewisse ­Bedürfnisse anders decken. Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person kann nicht ständig weiter ansteigen. Auch hier wird es eine Disruption geben. Ich plädiere nicht für möglichst grosse Volumina, sondern für clever und flexibel genutzte Flächen. Halbleere Liegenschaften bringen niemandem etwas. Wir als Losinger Marazzi sind glaubwürdig, wenn unsere Gebäude Sinn machen – für den Investor, für den Endnutzer und letztlich für die Gesellschaft. Interview: Michael Baumann


Zukunft Bauen

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«Suurstoffi 22» ist das erste Hochhaus der Schweiz, das grösstenteils aus Holz besteht – auch wenn die Alu-Verkleidung nicht darauf hindeutet. In den Büroetagen sorgen Holzelemente für Atmosphäre.BILDER PD

PROJEKTINNOVATION

Wie ein riesiges Puzzle aus Holz Auf dem «Suurstoffi»-Areal in Risch-Rotkreuz am Zugersee haben Burkard Meyer Architekten mit Erne Holzbau für Zug Estates das erste Holzhochhaus der Schweiz errichtet. Die Erfolgsfaktoren? Eine enge Zusammenarbeit im Planungsprozess und ein innovatives Bausystem, das mit Vorfertigung punktet. ELMAR ZUR BONSEN

An diesen Anblick muss man sich erst noch gewöhnen. Eine weitläufige Büroetage, licht und hell – und überall Holz. Die Fenster, die Stützen, die Träger, die Wände an der Fassadenseite. Eine schöne, neue Arbeitswelt in angenehm warmen Naturtönen. Blickt man durch eine der vielen Scheiben nach draussen, sieht man auf den Bahnhof von Rotkreuz. Er liegt nur einen Steinwurf ­entfernt. Entlang der Gleise reihen sich, wie Perlen an einer langgezogenen Schnur, neue Bürogebäude in vielen Farben und Formaten. Die meisten sind bereits bezogen, an anderen wird noch gearbeitet. «Suurstoffi» heisst das Areal, das hier seit wenigen Jahren, auf einer langen Zeit brachliegenden Fläche, erschlossen wird. Wo einst eine Dependance des Sauer- und Wasserstoffwerks Luzern in grossem Stil Acetylen produzierte, entsteht heute ein neues, klimaneutrales «Mix Use»-Quartier: mit Büros, Wohnungen, Freizeiteinrichtungen und sogar einem Hochschulcampus. Alles in allem 32 Gebäude für 1500 Bewohner und 2500 Arbeitsplätze. Bis 2025 soll das Projekt abgeschlossen sein.

Zeitsparend und ökologisch Am östlichen Ende des zehn Hektar grossen Areals, direkt an der Bahn­ strecke Zürich-Luzern, steht jener nagelneue Büroturm, den wir uns genauer ansehen wollen. Ein 36 Meter hohes ­ ­Gebäude mit zehn Geschossen, das – ohne Übertreibung – schon jetzt Geschichte schreibt: «Suurstoffi 22» ist das erste Hochhaus der Schweiz, das grösstenteils aus Holz besteht.

Die Idee mit dem Holz stammt von Burkard Meyer Architekten aus Baden. Nach dem Gewinn des Studienauftrags 2015 konnten sie die Jury rasch davon überzeugen, auf eine Bauweise zu setzen, für die es bis dato nur wenige Vorbilder im Ausland gab. Gemeinsam mit Erne Holzbau hatten die Architekten, das muss man wissen, bereits ein spezielles Bausystem entwickelt, das sich in schnellen Schritten umsetzen lässt und damit auch wirtschaftlich rechnet. Denn es ­erlaubt – und das ist der Clou – eine weitreichende Vorfertigung der Bauelemente, was am Ende wertvolle Zeit spart. Ausserdem ist es gut fürs Klima, genau passend zum ökologischen Gesamtkonzept des «Suurstoffi»-Viertels. «Wir sind es gewohnt, mit unseren Partnern und Architekten, bereits früh in der Konzeptphase mit eingebunden zu sein. Dank dieser frühen Zusammenarbeit konnten die Architekten den Hochhausentwurf ganz auf dieses System abstimmen», erklärt Patrick Suter, Geschäftsleiter für den Bereich Gebäudebau bei Erne Holzbau. «So war es möglich, die Planung gemeinsam zu optimieren, die einzelnen Gewerke eng aufeinander abzustimmen und den Bauablauf von A bis Z zu beschleunigen. Ein entscheidender Pluspunkt, wenn man bedenkt, wie kompliziert der Bau eines Hochhauses ist. Er gleicht im Grunde einem riesigen Puzzle. Das gilt erst recht für Hochhäuser aus Holz. Hunderte, ja Tausende Elemente müssen am Bau so zusammengefügt werden, dass alles exakt passt. Voraussetzung ist deshalb, dass die vielen Teile vorab geplant und präzise nach Mass hergestellt werden. So wie bei Erne Holzbau in Laufenburg. Anders lasse sich ein Projekt dieser Grössenordnung

bei diesen engen Zeitvorgaben gar nicht stemmen, heisst es. Bei einem herkömmlichen Hochhaus aus Stahlbeton können manche Dinge auch noch während der Bauphase entschieden werden. Bei einem Gebäude aus vorgefertigten Holzelementen muss alles schon klar sein, wenn die ersten Bagger anrollen. Ohne den Einsatz digitaler Technik wäre das schwerlich zu meistern. Deshalb setzte man auch bei «Suurstoffi 22» von Beginn an auf dreidimensionale Computermodelle und die Methode Building Information Modeling (BIM). Auf diese Weise konnten die Architekten, die zudem mit der Generalplanung betraut waren, frühzeitig jedes Detail mit den Experten des Hauptunternehmers Erne Holzbau abstimmen, den kompletten Ablauf simulieren und mögliche Problemstellen identifizieren. «Es begann damit, dass wir einen komplexen Ausschnitt des Gebäudes im Team detailliert durchgeplant haben», sagt Suter. «Darauf aufbauend erstellten die Architekten ein koordiniertes 3D-Modell, das dann als Basis für die gesamten weiteren Prozesse diente.» Architektur, Konstruktion und Technik seien bei diesem Bürohaus

Erne hat ambitionierte Pläne: Im Gespräch sind Holzhochhäuser mit bis zu 100 Metern Höhe.

so effizient miteinander verwoben, dass sie sich kaum entflechten liessen. Suter ergänzt: «Allein aus diesem Grund war eine sehr enge Zusammenarbeit aller Beteiligter unerlässlich.»

Alle zehn Tage ein Stockwerk Von aussen ist dem Hochhaus mit seiner feingliedrigen Fassade aus mattem AluBlech nicht anzusehen, dass es grösstenteils aus einem nachwachsenden Rohstoff besteht. Lediglich das Parterre, der Liftschacht und das Treppenhaus sind aus statischen Gründen in konventionel-

ler Stahlbetonbauweise erstellt. Über dem Erdgeschoss steht der Holzbau wie auf einem Tisch. In der Mitte die beiden Betonkerne, die in der Horizontalen für Steifigkeit sorgen. Sie sind beim Bau des Hochhauses nicht etwa vor, sondern mit der Holzkonstruktion in die Höhe gewachsen. Etage für Etage. Gebaut wurde wie im Takt – alle zehn Tage ein Geschoss. Schneller geht’s kaum. Die enge Verzahnung der Abläufe und Gewerke war möglich, weil Erne als Holzbauingenieur, Systementwickler und Unternehmer die Fäden in der Hand hielt und nicht nur die Holzkonstruktion, sondern auch den Bau der Betonkerne verantwortete. Alles ging Hand in Hand. Und das ist hier ganz wörtlich zu verstehen. «Zum Teil haben dieselben Leute Holzbauelemente montiert und Kerne betoniert. Manchmal haben wir sogar dieselben Kräne benutzt», berichtet Suter. Er weiss aus Erfahrung: «Ein konventioneller Bauablauf hätte doppelt so lange gedauert.»

Betonkerne und Feuersicherheit Auf den Plänen ist gut zu erkennen, wie die Stockwerke rund um die beiden Betonkerne angelegt sind. Kräftige Stützen und Unterzüge aus Baubuche sorgen für Stabilität. Sie bilden gewissermassen das Skelett des Hochhauses. Das Brettschichtholz ist besonders tragfähig und ermöglicht das bürotypische Stützenraster. So können die 1600 Quadratmeter grossen Etagen individuell unterteilt werden, ganz nach Mieterwunsch. In der Fassade, wo die Lasten geringer und die Abstände enger sind, haben die Architekten ebenfalls Holz verwendet: weiss lasierte Brettschichtelemente aus Fichte und Tanne. Und wie steht es bei so viel Holz um den Brandschutz? Tatsächlich wäre vor wenigen Jahren ein solches Hochhaus gar nicht möglich gewesen. Warum? Es lag nicht an der Statik, sondern an den Vorschriften. Doch 2015 änderte sich die Rechtslage. Neue Brandschutznormen traten in Kraft und haben den Spielraum der Architekten erweitert. Seitdem darf Holz in der Schweiz auch bei einer Gebäudehöhe von mehr als 30 Meter und bis zu 100 Meter tragen, und das sichtbar. «Die Stützen sind in diesem Gebäude so dick dimensioniert – sogar dicker als dies in statischer Hinsicht nötig wäre –, dass sie auch dann noch tragen, wenn die äussern Zentimeter bei einem Brand verkohlen sollten», erklärt Patrick Suter. «Alles Holz, das in den Räumen zu ­sehen ist, trägt. Nur die Verkleidung der Brüstung gehört nicht zum Rohbau, ­darunter sorgen Gipsfaserplatten für den nötigen Brandwiderstand.» Ein modernes Rauchmeldesystem und die Sprinkleranlage tragen ebenfalls zur Feuersicherheit bei.

Für die Geschossdecken hat Erne Holzbau gemeinsam mit Partnern eigens ein Verbundsystem aus Holz und Beton entwickelt: SupraFloor ecoboost2. «Dieses hybride System kombiniert die Vorteile beider Materialien und deckt alle Eigenschaften einer hochmodernen Bürodecke in einem einzigen Bauteil ab», sagt Suter. Im Hohlraum zwischen den Unterzügen aus Holz ist die Technik integriert. Hier verlaufen, von aussen nicht sichtbar, die Leitungen für Wärme und Kälte, hier strömt die Frischluft ein. Fein gelochte Abdeckungen aus Metall verbessern die Akustik.

Neues integrales Deckensystem «Das Holzhochhaus funktioniert thermisch wie ein Massivbau, trotz abgehängter Decke», ergänzt Suter. «Mit dem ecoboost2-Deckenlüftungssystem zwischen den Holzträgern lässt sich die 14 Zentimeter dicke Betonmasse aktivieren und als Wärme-/Kältespeicher einsetzen.» Das macht die Räume nicht nur behaglicher, es ist auch ökologischer: Mit der Kombination von Holz, Beton und ecoboost2-Deckenklimatisierung lasse sich bis zu 30 Prozent Energie einsparen, heisst es. Erne Holzbau fertigte die 3 mal 8,30 Meter grossen Deckenelemente komplett im Werk vor, vom Betonieren bis zur Haustechnik. Die vorproduzierten Module wurden dann ganz nach Bedarf – «just in time» – per Lastwagen an die Baustelle geliefert. «Es ist uns mit diesem Verfahren gelungen, die eigentliche Bauzeit gegenüber einem Massivbau um vier Monate zu reduzieren», betont Suter. Das freut vor allem die Investoren: Sie können das Hochhaus früher an die Mieter übergeben. Und das nur zwei Jahre nach Erteilung der Baubewilligung.

Erne Holzbau ezb.  ·  «Suurstoffi 22» setzt in jeder Hinsicht Massstäbe, und markiert doch erst den Anfang: Am westlichen Ende des neuen «Suurstoffi»-Quartiers entsteht derzeit ein zweites Hochhaus aus Holz, das ab 2019 sogar 60 Meter in den Himmel ragen wird. Das «Arbo» basiert auf dem gleichen multifunktionalen Deckensystem von Erne Holzbau. Das Unternehmen hat ambitionierte Pläne: Im Gespräch sind bereits Holzhochhäuser mit bis zu 100 Metern Höhe. Möglich macht dies ein innovatives Bausystem, das die Vorteile der Vorfabrikation mit Holz und Beton förmlich auf die Spitze treibt. In Risch-Rotkreuz jedenfalls hat die Zukunft schon begonnen (siehe Artikel).


8  NZZ-Verlagsbeilage JOHANNES J. SCHRANER

Bauen betoniert Bewusstsein. Das sagt Christian Auer von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Chur. «Sie können sich nicht vorstellen, welche Emotionen es auslösen kann, wenn zum Beispiel die neue Cafeteria am falschen Ort projektiert und geplant wird», so der Leiter Architektur und Bauingenieurwesen am Institut für Bauen im alpinen Raum (IBAR). Künftiges Bauen verändere Menschen, Teams und Strukturen, formuliert der stellvertretende Leiter des IBAR seine Erfahrung aus dem neuesten Projekt: der Arealentwicklung auf dem Campus der Stiftung «Gott hilft» in Zizers. Seit bald 100 Jahren setzt sich die soziale Einrichtung mit religiösem Fundament für Menschen in allen Lebensphasen ein. Das IBAR hat den Auftrag erhalten, einen Masterplan für die bauliche Weiterentwicklung des Gesamtgebiets auszuarbeiten. «Das Ziel ist, die Gestaltung des Areals, den Betrieb und die Kultur der Stiftung zusammenzubringen und zukunftsfähig zu gestalten», fasst Projektleiter Auer zusammen. Dafür haben er und sein fünfköpfiges Expertenteam zusammen mit der Stiftungsleitung einen Masterplan ausgearbeitet. In einer zweiten Phase ab dem kommenden Wintersemester werden Studierende der HTW Chur unter Anleitung der IBAR-Projektleitung eine Vorprojektstudie ausarbeiten.

Zukunft Bauen AUS- UND WEITERBILDUNG

Bewusstes Bauen Die herausfordernde Neugestaltung eines altehrwürdigen Campus in Zizers zeigt, wie alle Involvierten gewinnen können – der Auftraggeber sowie Lehrende und Studierende der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Chur.

einer transparenten Kommunikation abholen konnten», berichtet Auer. Das sei unter anderem deshalb gut gelungen, weil die HTW Chur mit ihrem Service Innovation Lab (SIL) einen neutralen Ort beziehungsweise die passenden Werkzeuge zur Verfügung habe. Dazu gehören unter anderem eine flexible Raumkonfiguration, eine vier mal sechs Meter grosse Videowall, Ausrüstung für Virtual & Augmented Reality oder ein 3D-Drucker. Neben dem Mehrwert des SIL und der öffentlichkeitswirksamen Kompetenzmarke der Hochschule kann das IBAR potenziellen Kunden auch die Durchgängigkeit eines Auftrags von der Planung bis zur Projektierung bieten. Normalerweise müssen Bauherren nach einem Masterplan für die Testplanung beziehungsweise die Vorprojektstudie einen Architekten suchen. «Wir können quasi alles aus einer Hand bieten», erklärt Auer. Er betont aber, dass das IBAR weder ein Architekturbüro noch ein Bauingenieur- oder Raumplanerbüro sei. Tatsächlich werden im neuen Wintersemester Studierende der oberen Semester verschiedene Testplanungen erarbeiten. «Das ist eine exzellente Challenge für Studierende, weil das Projekt sehr real ist», fasst Auer die Win-win-Situation für das IBAR, den Kunden und die Studierenden zusammen.

Begehbare 3D-Modelle

Service Innovation Lab Die bisher grösste Herausforderung sei die Komplexität der verschiedenen Bedürfnisse gewesen. Tatsächlich leben und arbeiten auf dem Areal der Stiftung ­ältere und junge Menschen, fitte und ­beeinträchtigte sowie sozial engagierte. «Entscheidend war, dass wir alle mittels

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Christian Auer (rechts), stellvertretender Leiter des IBAR, mit Daniel Zinder, GesamtPD leitung der Stiftung «Gott hilft», im Service Innovation Lab der HTW Chur.

Sie werden ihre Testplanungen für die Neugestaltung des Campus «Gott hilft» in Zizers in 3D entwerfen. Das heisst, es werden virtuelle Rundgänge möglich. «Wir haben in bisherigen Projekten die interessante Erfahrung gemacht, dass für die Kommunikation und den Austausch physische Modelle für Unternehmer oder – bei öffentlichen Bauten – für die Bevölkerung viel besser verständlich, zu-

gänglicher und damit überzeugender sind als digitale Visualisierungen», erzählt Auer. Die Digitalisierung schreite zwar auch an der HTW voran, aber die hauseigene Modellwerkstatt ermögliche bei der Gebäudestandortplanung gerade bei komplexen Arealen wie der «Gott hilft»-Stiftung die effizienteste Überprüfung von Standortentscheiden.

HTW Chur jjs.  ·  Mit dem Klimawandel werden Erfahrung und Kompetenz des Instituts für Bauen im alpinen Raum (IBAR) an der HTW Chur unter Leitung von Lifa Imad künftig eminent wichtig. Seine Forschungsfelder sind alpine Infrastrukturbauten und Siedlungsplanung sowie nachhaltige Entwicklung. Im alpinen Lebensraum sind Bauwerke und deren Umgebung aufgrund von klimatischen Bedingungen und Naturgefahren schon bisher extremeren Belastungen ausgesetzt als anderswo. Darüber hinaus finden sich vor Ort spezifische Baumaterialien wie Holz und Bodenverhältnisse, deren Potenzial in der Bautechnik noch nicht erschöpft sind und die weiter erforscht werden müssen. Das IBAR geht den Fragen nach, welche Baulösungen und -systeme nachhaltig sind und sich unter den spezifischen Bedingungen in den Alpen bewähren und welche ­Einflüsse durch Naturgefahren vermieden beziehungsweise kontrolliert werden können. Ebenso Thema sind ge­ stalterische Fragen zur Einhaltung ­alpiner Dorfbilder, um den Tourismus im alpinen Raum dauerhaft attraktiv zu machen.


Zukunft Bauen

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Herr Jöhri, sehen Sie sich als «digital native» oder als «digital immigrant»? In der Schule haben wir noch Rechenschieber verwendet, dann Taschenrechner, als erste digitale Hilfsmittel für den Alltag. Ende meines Architekturstudiums tauchten die ersten Computer mit CAD auf. Im Nachdiplomstudium kam ich dann erstmals mit PCs direkt in Berührung. So habe ich die ganze CADEntwicklung von Anfang an mitgemacht. Als ich Ende 1988 meine erste Arbeitsstelle antrat, war ich für den dort eingesetzten PC, ein Mac II, zuständig. Die Faszination des Auslotens von den sich ständig erneuernden Möglichkeiten mit den digitalen Hilfsmitteln begleitet mich vom Anfang meines Berufslebens bis heute, deshalb zähle ich mich zu den «digital grown ups». Wie sieht denn die Situation heute aus? Bei IttenBrechbühl bin ich für die ganze IT zuständig. Ich kann auch unser CAD bedienen und bleibe eins zu eins am Ball, damit ich weiss, von was ich spreche, und keine unfundierten Entscheide fällen muss. Dies gilt insbesondere für die Thematik Building Information Modeling (BIM), in die ich intensiv involviert bin. Wir haben ein Team von Spezialisten aufgebaut, das mit mir die Strategien entwickelt.

Andreas Jöhri, Mitglied der Geschäftsleitung von IttenBrechbühl.

MICHELE LIMINA

DIGITALISIERUNG IST CHEFSACHE

«Ein bisschen wie ScienceFiction-Filme» Andreas Jöhri, Mitglied der Geschäftsleitung des Architekturbüros und Generalplaners IttenBrechbühl, ist in seiner Firma für die digitale Transformation zuständig. Er sieht grosse Chancen, warnt aber auch vor zu hohen Erwartungen und zu schnellen Fortschritten.

Andreas Jöhris Einschätzung Auf einer Skala von 1 bis 10: Als wie «digital fit» bezeichnen Sie . . . . . . sich selbst? . . . unser Land? . . . die Bauwirtschaft? . . . Ihr Unternehmen? Skala: 1 = Tiefstwert, 10 = Höchstwert

1 1 1 1

2 2 2 2

3 3 3 3

4 4 4 4

5 5 5 5

6 6 6 6

7 7 7 7

8 8 8 8

9 9 9 9

10 10 10 10

Wo ist in Ihrer Firma die Digitalisierung angesiedelt? Die Digitalisierung in der Planung ist Teil eines übergeordneten Transformationsprozesses in der Baubranche, und Change-Management ist grundsätzlich Chefsache. Dort, wo wirklich etwas passiert und etwas ändern muss, legen wir auf der Ebene Geschäftsleitung eine Strategie und die Ziele fest. Als wir gemerkt haben, dass die Entwicklung der Planung Richtung BIM weitergeht und damit eine neue Stufe nimmt, war klar, dass wir entscheiden mussten, ob wir da mitziehen. Dies war ein strategischer Entscheid, den wir auf Geschäftsleitungsebene getroffen haben und für deren Umsetzung ich zuständig bin. Die Gewinne der BIM-Awards 2016, 2017 und – ganz aktuell – 2018 zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wie ging das intern vonstatten? Wir haben entschieden, dass wir voll umstellen und grundsätzlich alle neuen Projekte BIM-tauglich machen. Wie konsequent man im Einzelfall BIM umsetzt, hängt jeweils von den konkreten Umständen ab. Die laufenden Projekte ändern wir im Nachhinein jedoch nicht und beenden sie konventionell. Auch so kann man qualitativ hochwertig bauen. Es ist ja nicht so, dass mit BIM alles vollautomatisch und ohne Fehler passiert. Wir sehen aber, dass BIM als Methode Vorteile bietet, und zwar auch ausserhalb der EDV, etwa in der Art, wie man kommuniziert. Dieser Änderungsprozess wird von mir gesteuert und begleitet. In ein paar Jahren wird dann BIM Standard sein – und nicht mehr Chefsache. Hat es intern gegen diese Entwicklung Widerstände gegeben? Auf der Ebene der Geschäftsleitung haben wir die Tragweite schnell erkannt und uns dafür entschieden. Auf Ebene der Mitarbeiter ist es anders. Wie fast alle in der Planungsbranche arbeiten unsere Mitarbeiter unter starkem Druck. Jemandem, der unter Stress steht, zu sagen, er müsse etwas anders machen, ist schwierig. Denn niemand will sich noch mehr aufbürden. Anstatt zu pushen, müssen wir den Wandel vorleben und eine Art Sogwirkung generieren. Die Leute müssen wollen. So probieren wir viele neue Tools und Gadgets aus, um den Wandel attraktiv zu gestalten, denn es soll animieren und auch Spass ­machen. Wir haben eine super Truppe, die vorausgeht, testet und den Weg für die anderen vorbereitet. Sobald man konkret zeigen kann, was sich für neue Möglichkeiten auftun, entsteht schnell die notwendige Begeisterung, auch wenn etwas nicht sofort funktioniert. Welche Gefahren bringt dieser Wandel mit sich? Natürlich kann es vorkommen, dass man auf Detailebene mit der Software oder in Prozessen etwas ausprobiert, das nicht funktioniert. Das sind aber eher temporäre Probleme, die es zu lösen gilt. Ich sehe nur eine grosse Gefahr: Wenn man nicht klar definiert, was man wann haben

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NZZ-Verlagsbeilage

will, produziert man oft massenhaft Informationen für den Papierkorb. Entscheidend ist, das Verständnis dafür zu generieren, was sinnvoll ist, und sich nicht zu verrennen. Das muss man aber Schritt für Schritt lernen und üben. Und welche Chancen eröffnen sich? Die Mär, dass alles doppelt so schnell und halb so teuer wird, ist Fake News. Nicht richtig ist zudem, dass man mit BIM am Anfang vom Planungsprozess viel mehr regeln kann, sodass nachher alles klar ist. Selbst der Auftraggeber weiss anfänglich meist noch nicht, was er genau haben will. Wir halten daran fest, dass man zuerst ein Konzept macht, ein Vorprojekt, ein Bau- und ein Ausführungsprojekt. Das ist ein absolut vernünftiger Prozess, an dem sich nichts geändert hat. Auch mit BIM kennt man am Anfang noch nicht die perfekte Lösung. Zuerst muss man herausfinden, wo die Fenster hinkommen, und nicht, welches Produkt verbaut werden soll, sonst überlädt man das Konzept. Wenn man das beherzigt und sich nicht zu früh von den unzähligen Möglichkeiten verleiten lässt, eröffnen sich grosse Vorteile. BIM ist letztlich eine Kommunikationsmethode. Es wird früher klar, was die Beteiligten machen. So hat man eine grössere Sicherheit, ob alle verstanden haben, wie das Ganze aussehen soll und ob alles zusammenpasst. Mit BIM kann niemand mehr mit leeren Händen an eine Sitzung kommen. Das fällt auf und ist sofort sichtbar. Es entsteht eine neue Kultur der Kommunikation. Unstimmigkeiten können leichter erkannt und im 3D-Modell zugewiesen werden, ohne Protokolle. Was bedeutet das für die Bauherren? Der Bauherr weiss früher, was er bekommt. Nicht punkto Finish, aber punkto Organisation des Gebäudes. Er kann erkennen, ob die geplanten Nutzungen und Abläufe stimmen. Der Einbezug des Bauherrn in die Planung wird mit BIM deutlich einfacher. Wohin kann Ihrer Meinung nach diese Entwicklung noch führen? Dank der Digitalisierung kommt man in unserer Branche vom 2D- zum 3D-Denken. Der nächste Schritt, der spannend

«In ein paar Jahren wird dann BIM Standard sein – und nicht mehr Chefsache.»

wird, ist das Modellieren im dreidimensionalen Raum. Also nicht mehr am flachen Bildschirm mit der Maus, sondern sich mittels VR-Brille im Raum bewegen und Bauteile mit Gesten formen. Auf dieser Ebene erhoffe ich mir die nächsten Entwicklungsschritte. So kann man Gebäude modellieren und sich sogar in Gruppen im Projekt virtuell bewegen, auch wenn man sich an unterschiedlichen Standorten aufhält. Ein bisschen so, wie man es aus den Science-FictionFilmen kennt. Heute kann man Projekte mit der VR-Brille zwar anschauen, aber noch nichts daran ändern. Die Idee dahinter ist eigentlich nicht neu, aber nun ist die Rechenleistung vorhanden. An dieser Entwicklung sind wir als Architekten natürlich sehr interessiert. Was ist unter dem Stichwort Digitalisierung überhaupt alles zu verstehen? Die Digitalisierung ist viel umfassender als nur BIM. Man denke nur an die Entwicklung der Computer zum Laptop zum Tablet oder an die Kommunikation

«Der nächste spannende Schritt ist das Modellieren im dreidimensionalen Raum.»

vom Brief zum Fax zu E-Mails zu SMS oder vom Telefon zum Handy zur Videokonferenz. Alles ist noch relativ neu. Auch das Smartphone gibt es erst knapp zehn Jahre, aber heute kann schon jedes Kleinkind damit umgehen. Und es geht weiter. Man spricht jetzt von Smart Homes und Smart City. Alles wird miteinander vernetzt. Die Digitalisierungswelle läuft da auf ganz breiter Front ab, und man hat das Gefühl, die ganze Welt mathematisch abbilden zu können. In der Planungsbranche geht man über vom Zeichnen am Computer zum direkten Planen am 3-D-Modell. Diesen Schritt möchte ich als Weiterentwicklung innerhalb der Digitalisierung bezeichnen und nicht als Digitalisierung schlechthin. Und BIM ist im gesamten Digitalisierungskontext eigentlich nur eine Randerscheinung. Wie verhält es sich in der Baubranche? Die Baubranche ist zweigeteilt. Wir haben die Planer und die «Bauer». Auf der Seite der Planer hat man viele Schritte schon gemacht. Auf der Baustelle kommen auch immer mehr digitale Systeme und unterstützende Hilfsmittel zur Anwendung. Dies haben wir «state of the art» beim Projekt Vortex bereits umgesetzt. Von mir aus gesehen besteht die Entwicklung im Moment hauptsächlich darin, Prozesse, die man bis jetzt von Hand gemacht hat, digital zu organisieren. Das Haus wird dadurch bis jetzt noch nicht anders gebaut. Beispielsweise machen Roboter, die Backsteine vermauern, nichts anderes als ein Maurer. Die 3D-Drucktechnik könnte nochmals zusätzlichen Schub bringen. Aber ohne Änderung der Baumaterialien sehe ich den Durchbruch nicht. Beton ist für mich in Zusammenhang mit dem 3D-Druck nicht die richtige Wahl, solange er «flüssig» eingesetzt wird und man warten muss, bis er hart ist. Auch Holz ist da wenig geeignet. Es bräuchte dafür eine Entwicklung neuer Baumaterialien oder Methoden. Wie steuern Sie Ihr Unternehmen durch diese Zeit des Umbruchs? In der Bauplanung ist BIM zu einem Treiber geworden, der eine grosse Schlagkraft hat und auch regelmässig in den Medien präsent ist. Dadurch setzen sich mehr Leute mit dem Thema auseinander, und es entsteht ein gewisser Druck, was gut ist. Wir verfolgen einerseits die neuesten Entwicklungen und adaptieren Schritt für Schritt, was wir für sinnvoll und zukunftsträchtig halten, und andererseits engagieren wir uns, wo wir noch Lücken sehen und in Gremien, die dazu beitragen die neuen Methoden zu vereinheitlichen. Wie steht die Schweiz in diesem Prozess im Vergleich zum Ausland da? Es ist eine Tatsache, dass man in der Schweiz später angefangen hat. Jetzt aber, ganz schweizerisch, macht man dafür alles sehr gründlich. Mit dem Gewinn des internationalen BIM-Awards 2018 in Tokio hat sich gezeigt, dass wir zumindest mit einzelnen Projekten bereits an der Weltspitze dran sind. Interview: Michael Baumann


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Zukunftsweisendes Stadtquartier, digital geplant I

n Bülach Nord realisiert die Steiner AG Wohnungsangebot, vitale Rückzugsmöglichzusammen mit den Entwicklungspart- keiten sowie Raum für gemeinschaftliche nern Logis Suisse AG und Baugenos- Aktivitäten. Zudem ermöglichen Miet- und senschaft Glattal Zürich (BGZ) ein neues Eigentumswohnungen, gewerbliche Räume Stadtquartier. Das visionäre Projekt «Glasi- für Dienstleistungen, Handwerksbetriebe, Quartier» zeigt exemplarisch eine neue städ- Büros und Gastronomie sowie ein Hotel, tebauliche, planerische sowie architektoni- ein Pflegezentrum mit Alterswohnungen und sche Qualität – auch dank BIM. eine Kinderkrippe einen äusserst breiten Das rund 42’000 m2 grosse Areal der Fir- Nutzungsmix. Das neue Stadtquartier in unma Vetropack (ehemals Glashütte Bülach) ist mittelbarer Nähe zum Bahnhof Bülach wird im Wandel: Wo während 111 Jahren Glas- dadurch für die künftige Quartierbevölkeverpackungen hergestellt wurden, wird in rung eine hohe Attraktivität aufweisen und den nächsten Jahren ein neues Quartier mit einen unverwechselbaren neuen Lebens- und 512 Wohnungen, einem Wohn- und Pflege- Arbeitsraum bieten. Urbane Lebensräume der Zukunft sollzentrum, einem Hotel und über 20’000 m2 Gewerbe- und Dienstleistungsflächen entste- ten effizient, technologisch fortschrittlich hen. Bereits 2021 zieht auf den Plätzen, Gas- und nachhaltig sein. Mit aktuellen städtebaulichen Projekten wie «Manegg Mitte» sen und Strassen neues Leben ein. Im Juni 2012 haben die Logis Suisse AG im Süden oder die Genossenschaftssiedlung und die Baugenossenschaft Glattal Zürich «mehr als wohnen» im Norden von Zürich hat die Steiner AG aufgedas Areal erworben und zeigt, dass dies möglich mit der Steiner AG einen Das Projekt Glasi- ist. Mit dem Glasi-Areal exklusiven Vertrag für die Quartier wird nach in Bülach beweist die SteiProjektentwicklung und ner AG erneut ihre In-realisierung abgeschlosdem Open-BIMnovationskraft sowie städsen. Steiner führte daStandard abgetebauliche Entwicklungsraufhin einen einstufigen wickelt, dank kompetenz. städtebaulichen Studienauftrag durch. Aus den welchem sich das elf eingeladenen, internaKomplexität verlangt BIM digitale Planen sehr Das Musterprojekt Glasitional renommierten Archiviel effizienter tektenteams stach der ProQuartier steht für innovajektvorschlag von Duplex tiven Städtebau bei gleichgestaltet. Architekten aus Zürich herzeitig hoher Lebensquavor, nach deren Konzept das Glasi-Areal nun lität und modernster Planungsmethoden: überbaut wird. Für die Architektur des Hoch- alle Planer arbeiten ausschliesslich nach der hauses «Jade» mit einer Höhe von 60 Metern BIM-Methode (Building Information Modezeichnet Wild Bär Heule Architekten verant- ling). Das Glasi-Projektbüro in Bülach ist wortlich, die beim besagten Studienauftrag zurzeit eines der schweizweit grössten BIMden besten Entwurf für das höchste Gebäude Labs. Hier wird das Projekt nach dem Opendes Glasi-Quartiers eingereicht hatten. BIM-Standard abgewickelt, dank welchem sich das digitale Planen sehr viel effizienter gestaltet. Steiner hatte von Anfang an klare Hohe urbane Lebensqualität Das neue Stadtquartier in Bülach Nord wird Ziele: die modellbasierte Koordination für Schweizer Verhältnisse eine sehr hohe von Teilmodellen sowie die modellbasierte Dichte aufweisen. Dies stellt eine Herausfor- Mengenermittlung für Kostenplanung und derung und zugleich eine Chance dar. Für die Ausschreibung. Dadurch wird die Optimiehohe urbane Lebensqualität, trotz wohnli- rung der Kosten- und Zeitpläne sowie eine cher Dichte, sorgen im Projekt verschiedene reibungslose Ausführung angestrebt. Bei der angewandten Open-BIM-Methode Parameter: Herausragende Architektur, ein cleveres Verkehrssystem mit Begegnungs- wird mit offenen Schnittstellen gearbeitet. zonen, öffentliche Plätze, ein vielfältiges Dies erlaubt es den im Planungs- und Baupro-

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Das Hochhaus «Jade» wird mit einer Höhe von 60 Metern der Blickfang des Glasi-Quartiers sein.

zess Beteiligten eigene, fachspezifische Modelle einzusetzen, welche jeweils mit ihrer Autorensoftware erstellt werden. Anschliessend findet ein Datenaustausch über den offenen Standard IFC statt, der zur digitalen Beschreibung von Gebäudemodellen entwickelt

« Wer sich für eine der

modernen Wohnungen entscheidet, kann sich auf ein Zuhause mit SmartHome-Technologie freuen. » wurde. Die Qualitätsprüfung und die räumliche Koordination wird beim Projekt GlasiQuartier an regelmässigen Sitzungen im BIMLab mit allen Planern vor Ort durchgeführt.

Technologien für das Wohnen der Zukunft Beim städtebaulichen Entwicklungsprojekt Glasi-Quartier kommen nebst BIM noch weitere zukunftsgerichtete Technologien zum Einsatz. So hat Steiner für die Vermarktung der Eigentumswohnungen im Hochhaus «Jade» des Glasi-Quartiers eigens einen innovativen Online-Wohnungskonfigurator entwickelt. Dieser Am südlichen Ende des Glasi-Quartiers steht künftig ein Hotel.

Steiner AG | Hagenholzstrasse 56 | 8050 Zürich | +41 58 445 20 00 | info@steiner.ch | steiner.ch

ermöglicht es Kaufinteressenten, die Grundrisse sowie die Materialisierung der gewünschten Wohneinheit individuell zu gestalten. Wer sich für eine der modernen Wohnungen entscheidet, kann sich zudem auf ein Zuhause mit Smart-Home-Technologie freuen. Im Glasi-Showroom in Bülach ist als weiteres Highlight dank Virtual-Reality-Brillen bereits heute eine virtuelle Begehung des künftigen Quartiers möglich.

Facts and Figures Projekt

Glasi-Quartier

Standort

Bülach

Bauherrschaft

Steiner AG / Baugenossenschaft Glattal Zürich / Logis Suisse AG / Steiner Investment Foundation

Entwickler, Total- und Generalunternehmer

Steiner AG

Grundstücksfläche

42’000 m2

Geschossfläche

97’000 m2

Baubeginn

voraussichtlich Frühjahr 2019

Investitionsvolumen

ca. 400 Millionen CHF

www.glasi-bülach.ch


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NZZ-Verlagsbeilage

3D-Visualisierung eines BIM-Modells: Neubau der Universitären Altersmedizin Felix Platter-Spital in Basel.BILDER PD

PROJEKTINNOVATION

BIM beugt Datenverlust vor

So profitieren alle von BIM Damit die Digitalisierung in der Bauindustrie ihre Hebelwirkung entfalten kann, müssen die Prozessvorteile vom Entwerfen und Realisieren auch in den Betrieb übergehen. BAM Swiss zeigt am Beispiel Universitäre Altersmedizin Felix Platter-Spital in Basel, wie das funktioniert.

ROBERT WILDI

Wer sich ein Haus baut, überlegt in der Regel längst vor dem ersten Spatenstich, wie denn das neue «Traumschloss» künftig genau aussehen soll, welche Anzahl Personen es wie nutzen wollen. Etage für Etage, Raum für Raum werden spezifische Bedürfnisse gedanklich durchexerziert und die dafür passenden Anschlüsse, Einrichtungen und Materialien in die Planung aufgenommen. Ein ganz normales Prozedere schon in Zeiten, als Bauprojekte allein mit den Hilfsmitteln Papier, Massstab und Bleistift geboren wurden. An diesem Grundprinzip hat sich mit dem Aufkommen von Building Information Modeling (BIM) nicht viel geändert. Nur erfordert ein integrierter digitaler Ansatz, der stringent von der Planungsund Bauphase bis in den Betrieb und das Facility Management reicht, weit mehr als nur eine BIM-Anwendung auf der Basisstufe mit zwar modellbasierter Planung, aber konventioneller Umsetzung respektive Zusammenarbeit der involvierten Protagonisten. Bei BAM Swiss mit Sitz in Basel, einer der nationalen Vorreiter in der Sparte digitales Bauen, wird BIM schon heute über den kompletten Lebenszyklus eines Bauprojekts von der Angebotsphase bis hin zum Betrieb und Facility

BAM Swiss gehört zu den nationalen Vorreitern in der Sparte digitales Bauen.

die Übergabe des fertiggestellten Spitals in die Betriebsphase und das Facility Management. Ein Erfolgskriterium für diesen Prozess macht Pierre Monico im von Beginn weg funktionierenden Informationsaustausch fest. «Die permanente Koordination der Modelle bereits in der Planungsphase trug dazu bei, dass die Anforderungen der Bauherrschaft eingehalten wurden.» Während der Bauphase ist beispielsweise der Baufortschritt stets per Fotodokumentation festgehalten worden. Vor dem Zubetonieren der Decken etwa konnte so die Leitungsführung bis ins Detail dokumentiert werden. Wichtige Bereiche wie die Haustechnikzentralen wurden per Laserscan erfasst, die Punktwolke sowie das Modell für den Soll-Ist-Abgleich überlagert und die aktuelle Bausituation inklusive Nachverfolgung von Änderungen von den Planern permanent ins Modell eingearbeitet. Um nach Abschluss der Bauphase einen sinnvollen Einsatz von BIMModellen in der Betriebsphase zu gewährleisten, müssen diese den tatsächlich gebauten Zustand des Bauwerks reflektieren. Diese Modelle nennt man in der Fachsprache «As-Built». Auf der Baustelle sind bis zur Übergabe des Bauwerks an die Bauherrschaft die BIM-­ Koordinatoren von BAM Swiss für die Erstellung dieses «As-Built»-Modells verantwortlich. «Das heisst, dass sämtliche Nachunternehmer, etwa für den Innenausbau, bei entsprechenden Einbauten lückenlos alle Angaben zu Produkten und Herstellerfirmen hinterlassen müssen», sagt Monico. BAM Swiss stellt danach sicher, dass alle diese Informationen wiederum ins Modell zurückgeschrieben werden. «Wir sammeln die entsprechenden Dokumentationsunterlagen bei den Nachunternehmen ein, und zwar bevor wir deren Leistung abnehmen, und ordnen diese danach über einen Kennschlüssel den entsprechenden Anlagen zu.»

Koordination von der Planungs- und Bauphase bis hin zum Facility Management.

Management eingesetzt. Dies habe in erster Linie mit einem wachsenden Nachfragedruck zu tun, sagt Pierre Monico, BIM-Koordinator von BAM Swiss. «Bei immer mehr an uns herangetragenen Projekten erkennen Bauherren die vielfältigen Vorteile von BIM und definieren in individuellen Richtlinien die entsprechenden Ziele und Anforderungen für ihre Projekte.»

Lebenszyklus einer Immobilie Einen Leuchtturmcharakter hat diesbezüglich das Neubauprojekt Universitäre Altersmedizin Felix Platter-Spital in Basel, das BAM Swiss im Herbst 2015 mit der Grundsteinlegung in Angriff genommen hat und im Frühling 2019 mit der Eröffnung abschliessen wird. Das grösste Zentrum für universitäre Altersmedizin in der Schweiz wird auf einer Gesamtnutzfläche von 18 000 Quadratmetern in fünf Geschossen 286 Betten bieten. Der Bau wurde mithilfe der BIMMethode geplant und umgesetzt. «Wir konnten in diesem Projekt die vorhandenen Konzernkompetenzen rund um den Lebenszyklus einer Immobilie sowie das Know-how speziell im Health-Care-Bereich voll ausspielen», erklärt Monico. BAM Swiss ist Teil der niederländischen Royal BAM Group, die in Europa zu den führenden BIM-Anwendern gehört.

Die Bauherrschaft der Universitären Altersmedizin Felix Platter-Spital war schweizweit eine der ersten, die die Vorteile von BIM frühzeitig erkannt und entsprechende Richtlinien mit konkreten Anforderungen und Zielen definiert hatte. «Wir sahen uns von einem Auftraggeber erstmals mit dem Anspruch konfrontiert, BIM über den kompletten Lebenszyklus bis in den Betrieb hinein umfassend ein- und umzusetzen», erinnert sich der BIM-Koordinator von BAM Swiss. Auf Basis dieser Zielsetzungen ­wurden die konkreten BIM-Anwendungen definiert und daraus eine Modellstruktur, dazu auch Informationen zu Meilensteinen, die Art der Zusammenarbeit sowie eine passende IT-Infrastruktur abgeleitet. All diese Informationen dokumentierte BAM Swiss in einem so­ genannten BIM-Abwicklungsplan und stimmte diesen im Rahmen von Workshops mit dem Projektteam ab. «Während der kompletten Projektlaufzeit wurde und wird dieser Plan von uns fortgeschrieben und ergänzt, etwa mit neuen Erkenntnissen und Anregungen aus dem BIM2FM-­ Labor der Universitären Altersmedizin Felix Platter-Spital», sagt M ­ onico.

Bis ins Detail dokumentiert Ein wesentlicher Teil der Arbeit bestand in der Erarbeitung eines Konzepts für

Damit garantiert die BIM-Methode auch einen Schutz vor kostspieligen Datenverlusten, wie sie beim Einsatz der konventionellen Planungs- und Bauweise immer wieder im hohen Ausmass entstehen. «Jedes Bauteil, jede technische Anlage und jeder Volumenkörper erhält direkt in der Planungsdatei Attribute zugewiesen, die diese Elemente und deren Eigenschaften genauer beschreiben», erläutert Monico. Neben den zahlreichen Vorteilen von BIM bei der Abwicklung von Prozessen in der Bauphase liege ein wesentlicher Vorteil der Technologie also auch in der anschliessenden Nutzungsphase und somit in der Umsetzung von Facility-Management-Dienstleistungen. Denn die 3D-Visualisierung eines Gebäudes sowie der hohe Informationsgehalt von Attributen direkt am Bauteil beziehungsweise der technischen Anlage unterstützen praktisch sämtliche Betriebsprozesse optimal. «Von den effizienteren Prozessen profitieren schon bald sowohl Mitarbeitende als auch Patienten der Universitären Altersmedizin Felix Platter-Spital», gibt sich Monico zuversichtlich. BIM in einem fortgeschrittenen Stadium sei Dank.

BAM Swiss row.  ·  BAM Swiss wurde im Juli 2011 gegründet und beschäftigt an ihren Standorten in Basel und Zürich gegenwärtig rund 50 Mitarbeitende. Der niederländische Mutterkonzern Royal BAM Group erzielt mit total 20 000 Mitarbeitenden einen Jahresumsatz von rund 7 Milliarden Euro und gehört damit zu den bedeutendsten europäischen Baukonzernen. Neben ihrer führenden Position im digitalen Baumarkt dank ausgereifter BIM-Methoden will sich BAM Swiss auch aktiv für den Schutz von Umwelt und Lebensräumen einsetzen. Umweltverträglichkeit von Materialien, Energieversorgung, Klimawandel und Luftqualität sind Themen, die in den Fokus der Aufmerksamkeit gestellt und denen mittels zahlreichen Initiativen, Programmen und Projekten auch Rechnung getragen wird.


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Zukunft Bauen

Freitag, 9. November 2018

ÖKOSYSTEM IMMOBILIENBRANCHE

Das grosse Ganze entscheidet Auch die Immobilienbranche ist mit der digitalen Transformation konfrontiert. Der Schweizer Bewirtschafter Livit will dabei nicht nur mitspielen, sondern eine nationale Vorreiterrolle einnehmen. Entlang von sechs Megatrends skizziert er seine Vision des Ökosystems der Zukunft, die zum Nachdenken anregen sollen. Von Johannes J. Schraner Die meisten Menschen wollen Stabilität und Sicherheit, nicht Wandel und Veränderung. Trotzdem bleibt derzeit kein Stein mehr auf dem anderen, auch in der Immobilienbranche nicht. Wohin wird die Reise gehen? Niemand weiss das genau. Aber es gibt Hinweise, Ideen und Absichten. Die Immobilienwirtschaft steht erst am Anfang einer Entwicklung. Aus dieser resultieren laufend neue Produkte und Dienstleistungen, innovative Prozesse und Plattformen, veränderte Berufsbilder sowie bisher völlig unbekannte An- und Herausforderungen. Wie sind alle diese Entwicklungen einzufangen, unternehmerisch zu nutzen und wie ist damit die Zukunft kraftvoll zu gestalten? Dazu sollen Anregungen gegeben und unbequeme Fragen gestellt werden. Reisen ist ein Abenteuer, die Reise in die Zukunft sowieso. Dafür müssen im Sektor Gedankengrenzen gesprengt werden, zum Beispiel die bisherige Aufteilung in analog und digital. Sie bringt die Branche

genauso wenig weiter, wie die isolierte Betrachtung einzelner Teilbereiche nicht zum Erfolg führt. Der Schlüssel für die Zukunft heisst digitale Vernetzung und der sorgfältige Blick auf das grosse Ganze. Durch die durchgängige Verfügbarkeit und den permanenten Austausch von Daten über hergebrachte Grenzen hinweg werden Bewirtschafter, Besitzer, Kunden und Experten untereinander immer enger verbunden. Auch die bisher einzeln betrachteten Phasen einer Immobilie werden zu einem vollständigen Bild über den gesamten Lebenszyklus zusammengefügt. Über die Zukunft des Sektors zu reden, heisst deshalb über das neue Ökosystem Immobilienbranche nachzudenken. Ecksteine des neuen Systems sollen hier beleuchtet werden.

Daten wichtiger als Ziegelsteine

Wettbewerb ade, Kollaboration kommt

Die digitalen Datenflüsse haben das Immobilienwesen erreicht und werden viele bisherige Denk- und Verhaltensmuster wegspülen. Bis anhin hat jeder in der Branche für sich selber geschaut. Die digitale Vernetzung und ihre Folgen sind trotzdem nicht aufzuhalten. Ein konkretes Beispiel ist das künftige Bewirtschaftungs-BIM (Building Information Modeling). Der Immobilienbewirtschafter Livit setzt sich gemeinsam mit seinen Eigentümern intensiv damit auseinander. BIM ist in Teilbereichen des Real Estate Management bereits Realität. In zumeist aufwendigen Prozessen er- und bearbeiten Architekten umfassende Stamm-, Gebäude- und Infrastrukturdaten. Sie sind das Fundament für die effiziente Planung sowie die ökologische und ökonomische Erstellung von Liegenschaften. Um diese wertvollen Daten auch für den optimalen Betrieb und die effiziente Bewirtschaftung zur Verfügung zu stellen, braucht es ein systematisches, sprich umfassendes Datenmanagement. Taster, Melder und Sensoren halten die Daten qualitativ und quantitativ aktuell. Big Data benötigt darüber hinaus professionelle Manager. Der Bewirtschafter wird zum Berater für den effizienten Unterhalt der ihm anvertrauten Liegenschaft. Als Impulsgeber erkennt er zukünftige Ereignisse. Er tritt aktiv auf Eigentümer, Partner und Mieter zu und treibt die Prozesse. Die werden komplett neu definiert und kombinieren die technischen Möglichkeiten mit menschlichen Kompetenzen. Aus digitaler Vernetzung entstehen tatsächlich neue Produkte und Services. Das ist die Zukunft. Nur für sich schauen ist von gestern.

In der Immobilienbranche meinen bisher viele, dass Digitalisierung vor allem die Automatisierung von Prozessen bedeutet. Das ist ein bequemer Trugschluss. Die Digitalisierung wird vielmehr die bisherigen Wettbewerbsregeln für alle Unternehmen im Sektor auf den Kopf stellen. Wie soll das geschehen? Vor allem grosse Anbieter wie Livit können sich in Zukunft mit anderen Unternehmen zu digitalen Plattformanbietern von Dienstleistungen wandeln. Diese Plattformen werden die mit Abstand erste Adresse für die Mieter in sämtlichen Fragen rund ums Wohnen. Das fängt bei der Wohnungssuche und der Beratung für die Einrichtung an und hört bei den Facility Management Services auf. Firmenkollaboration wird das künftige Alleinstellungsmerkmal sein, um erfolgreich firmenübergreifende, kundenzentrierte Lösungen zu bauen. Unternehmen, die ihre IT nicht offen konstruieren, damit sie mit Partnern einfach interagieren können, werden nicht in das neue Ökosystem der Branche «eingeladen». Autonome Wettbewerbskraft von Unternehmen ist von gestern, Transparenz und Kompetenzteilen ist die Zukunft. Die Schnittstellen zwischen Eigentümern, Mietern, Lieferanten und Partnern werden sich dadurch dramatisch verschieben. Beispielsweise werden die Eigentümer durch die zahlreichen, zusätzlichen Kundendaten viel stärkere Steuerungsmöglichkeiten für ihre Produkte und Dienstleistungen erhalten. Die neue Kollaboration über Firmengrenzen hinweg wird überlebensnotwendig.

Der Kunde 21 Hat der Bau- und Immobilienplatz Schweiz einen Plan für seine Zukunft im 21. Jahrhundert? Ja, aber den falschen. Richtpläne sollen es richten, aber sie kratzen nur an der Oberfläche. Das zeigt der momentan aufliegende kommunale Richtplan der Stadt Zürich. Bis 2040 könnten Szenarien zufolge bis 520 000 Menschen innerhalb der Stadt wohnen wollen. Bereits bis 2020 könnte der nationale Anteil der Stadtbevölkerung an der geschätzten Gesamtbevölkerung von 10 Millionen Menschen von bisher 50 auf 70 Prozent anschwellen. Der Richtplan der Stadt Zürich spricht deshalb davon, dass der Bedarf an Flächen mit einer baulichen Verdichtung nach innen – sprich vor allem nach oben – im Bestand stattfinden müsse. Verdichtet und nach oben bauen für Wohnen und Arbeit hat so aber keine Perspektive, weil der Mensch vergessen wird. Zukunftsfähig bauen bedeutet vielmehr empathisch bauen.

Konkrete exogene Faktoren sind neben der Urbanisierung die Zunahme der Einzelhaushalte, die Shared Economy, die alternde und multikulturelle Gesellschaft, die rasant gestiegene Mobilität, die Klimaerwärmung und die Verschmelzung von Arbeit und Freizeit. Sämtliche Services müssen sich deshalb künftig von der Planung eines Objekts bis hin zum Unterhalt ganzheitlich an den Bedürfnissen der Nutzer ausrichten und sich konsequent am Lebenszyklus der Wohn-, Gewerbe- und Retail-Objekte orientieren. Neue Plattformen und Portale schaffen entsprechende Möglichkeiten in der Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Eigentümern, Mietern und Beratern. Daraus resultiert neben der maximalen Transparenz eine völlig neue Kundenerfahrung und -verantwortung: Die Kunden und die Berater werden zu Partnern.


Freitag, 9. November 2018

Zukunft Bauen

NZZ-Verlagsbeilage

Zuschauen bedeutet Stillstand Die faszinierendsten Bauwerke in der Geschichte sind nie an einem Tag entstanden und waren nie das Werk eines Einzelnen. Genauso verhält es sich mit der Zukunft des Schweizer Immobilienwesens. Die Zeit ihres Umbaus und ihrer Transformation wird dauern. Wie lange wissen wir nicht. Sicher ist, dass schlussendlich viele Baumeister am Umbau beteiligt sein werden. Sie werden auch immer wieder Rückschläge, Zäsuren und Denkpausen hinnehmen müssen. Aber sie wissen: Nur beherztes Anpacken lässt die Zukunft entstehen – zuschauen bedeutet Stillstand.

Der Zukunfts-Bauer Wie wirkt diese Vorstellung? Ein potenzieller Mieter besichtigt seine Zielwohnung – virtuell am Bildschirm. In einem zweiten Schritt konsultiert er via Internet eine Umfeldanalyse vom Anbieter, die der potenzielle Mieter zusätzlich mit externen Daten anreichern lässt. Schliesslich schickt er eine digitale Bewerbung ab. Sie löst beim Vermieter einen automatisierten Bonitätscheck aus und führt zum Online-Vertragsabschluss. In der Mitte des künftigen Daten-, Informations- und Prozessnetzes kontrolliert und überbrückt der Bewirtschafter gegenüber dem Kunden die Schnittstellen und Datenlücken und führt die Vorteile der digitalen und analogen Welt zusammen. Die Digitalisierung ermöglicht nicht nur die Automatisierung einzelner Tätigkeiten, sondern vielmehr ihre Neudefinition, die Verbindung von bisher isolierten Beschäftigungen zu integralen Prozessketten, neuem Wissen und

neuen kooperativen Arbeitsformen. New Work mit flexiblen Arbeitsplätzen, variabler Raumausstattung und innovativen Technologien und Weiterbildung in der Livit-Akademie, extern oder «on the job», sind bei Livit deshalb permanente Begleiter der Digitalisierung. Informationen stehen in nie gekannter Qualität und Quantität zur Verfügung. Von Menschen und Algorithmen richtig interpretiert und eingesetzt eröffnen sie präzise Rückschlüsse von aktuellem Nutzerverhalten auf seine kommenden Bedürfnisse. Mit der Neudefinition veränderter Rollen und Aufgaben steigen auch die Ansprüche an die Veränderungsbereitschaft von Angestellten in der Immobilienbranche. Denn offene digitale und analoge Systeme, neue kollaborative Arbeitsformen mit wechselnden Aufgabenstellungen und Ansprechpartnern verlangen nach Spezialisten, die Veränderungen offen gegenüberstehen und gegenüber der Zukunft offen sind.

Mit Fehlern zum Erfolg

Neue Räume schaffen

Haben Sie heute schon einen Fehler gemacht? Wenn Sie es nicht freimütig zugeben, sind Sie nicht innovativ. Wie bitte? Niemand in der Schweiz gibt bisher freiwillig und gerne Fehler zu. Das gilt für Politiker ebenso wie für Unternehmer zum Beispiel in der Immobilienwirtschaft. Digitaler Wandel aber ist Neuland und darin fortschreiten, sprich Fortschritte machen, fordert natürlicherweise Fehler ein. Livit will deshalb eine Fehlerkultur etablieren. Das bedeutet, den Mut der Angestellten fördern, etwas zu tun, ihr Scheitern zuzulassen und aus den Fehlern zu lernen. Es bedeutet, Erfolge zu feiern, Rückschläge zu kommunizieren und die entsprechenden Lektionen zu lernen. Voraussetzungen dafür sind eine gute, interne Kommunikation, um Veränderung als Chance wahrzunehmen, der volle Miteinbezug der Mitarbeitenden sowie Reflexionsschlaufen des Managements. Eine Fehlerkultur fordert Mut und Respekt von allen Beteiligten, von Kader und Angestellten. Erfolgreicher digitaler Wandel fordert beide Tugenden ein. Denn von der ersten Idee bis zur Innovation, die sich am Markt durchsetzt, durchlaufen Projekte mehrere fachliche und hierarchische Ebenen mit abweichenden, häufig operativ geprägten Agenden. Für Unternehmen besteht die Herausforderung, Innovationspotenziale zu erkennen, zu begleiten, zu verwerfen oder einzelne Ideen ins Gesamtsystem zu integrieren. Bei Livit ist beispielsweise ein komplett digitaler Wiedervermietungsprozess operativ. Er besteht unter anderem aus einer CRM-Datenbank (Customer Relationship Management) und Dashboards für die Überwachung und Entwicklung des Kundenportfolios als Basis für eine bedürfnisgesteuerte, gezielte Betreuung. Dafür müssen alle relevanten Informationen in elektronischer Form überall und immer innerhalb der ganzen Organisation verfügbar und verarbeitbar sein. Entscheidend ist indes: Selbst vor dem Hintergrund von Internet of Things und Big Data bleibt die Interaktion zwischen Menschen und Menschen sowie Mensch und Maschine die zentrale Komponente für das Zusammenwirken des Rädersystems und das Potenzial einer Innovation.

Die Zukunft der Menschheit entscheidet sich an zwei Dingen: Die Weltbevölkerung wächst und strömt in die Städte und in Europa werden die Menschen immer älter. Auch bei uns setzt die immer grössere Gruppe der älteren Generation aufs Stadtleben und kreiert neue Wohnformen wie zum Beispiel Wohngemeinschaften. Die bauliche Innovationskraft der Immobilienbranche hinkt den neuen Bedürfnissen der sogenannten Silver Society aber noch stark hinterher. Dabei hat die ältere Generation ein klar erkennbares Potenzial. Sie hat viel politischen Einfluss, sie benutzt Internet und Social Media, sie ist wohlhabend und sie will möglichst lange zuhause wohnen. Die Silver Society hat deshalb auch klare Bedürfnisse, die der Immobilienbewirtschafter Livit künftig abdecken will. Dazu zählen neue Dienstleistungen und Communities, der Bau und Unterhalt neuer Infrastrukturen und das Anbieten kreativer Raumstrukturen.

Livit jjs. · Livit ist ein traditionsreicher Schweizer Dienstleister für Real Estate Management und seit 1999 eine hundertprozentige Tochter des Versicherungskonzerns Swiss Life. Mit Herzblut und Begeisterung engagieren sich rund 520 Mitarbeitende in neun Niederlassungen in der ganzen Schweiz für Immobilien. Andreas Ingold ist seit 2008 als CEO Vorsitzender der Geschäftsleitung. Grosse Erfahrung zeichnet nicht nur ihn, sondern auch das gesamte Unternehmen aus. Über 55 Jahre Know-how im Real Estate Management machen Livit zu einem Kompetenzzentrum und stark aufgestellten Partner für private und institutionelle Eigentümer. Der Bewirtschafter betreut derzeit 165 000 Mietobjekte, 1,6 Millionen Quadratmeter Gewerbefläche sowie Immobilien im Gesamtwert von 43 Milliarden Franken. www.livit.ch

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PRODUKTINNOVATION

Wie aus Rückbau hochwertiger Zement und Beton wird Recycling und Nachhaltigkeit sind auch in der produzierenden Industrie angesagt. Für Holcim Schweiz ist Kreislaufwirtschaft aber nicht nur ein Bekenntnis zur Ressourcenschonung. Innovative Produkte sollen im Bereich nachhaltiges Bauen die Trends der Zukunft setzen. Grosses Potenzial: Vom jährlichen Baustoffbedarf der Schweiz von rund 80 Millionen Tonnen werden heute nur etwa 16 MillioPD nen Tonnen aus Rückbaumaterial zurückgewonnen.

Was unterscheidet Zement von Beton? Zement wird aus gebranntem Kalkstein sowie Mergel hergestellt und verfügt über hydraulische Eigenschaften. Wird das Pulver mit Wasser vermengt, kommt es zu einer chemischen Reaktion und das Gemisch erhärtet. Somit dient Zement als Bindemittel, das mit Sand, Kies und anderen Additiven angereichert zu Beton verarbeitet wird – dem wichtigsten Baustoff unserer Zeit. Je nach Rezeptur können die Qualitäten der Betone den Anforderungen angepasst werden.

Richtung Kreislaufwirtschaft Die Produktion von Zement ist energieund ressourcenintensiv. Der nachhaltige Umgang mit Ressourcen ist für Holcim Schweiz selbstredend sowohl ökologisch als auch ökonomisch sinnvoll. Deshalb investiert das Unternehmen laufend in Massnahmen, mit denen CO2-Emissionen gesenkt und Stoffkreisläufe geschlossen werden. Ein Fokus liegt auf dem Einsatz alternativer Roh- und Brennstoffe: So setzt Holcim anstelle des primären fossilen Brennstoffs Kohle industrielle Abfälle ein, die sonst nirgends verwertet werden können. Die Schweiz verfügt zwar über grosse Mengen Kalkstein und Kies. Trotzdem müssen diese natürlichen Rohstoffe geschont werden. Anstelle von Kalkstein verarbeitet das Unternehmen deshalb mineralische Abfälle zu Klinker. Kiesund Sandvorkommen schont Holcim, indem für die Herstellung von Beton anstelle von Kies und Sand Material aus dem Abbruch von Gebäuden verwendet wird. Weil diese Abfälle wieder aufbereitet statt abgelagert werden, verringert sich gleichzeitig auch der Bedarf an Deponien für mineralische Abfälle. Die Ab-

PD

NORMAN BANDI

Simon Kronenberg Leiter Commercial von Holcim Schweiz

wärme des Zementofens verwertet das Unternehmen als Fernwärme für Nachbargemeinden oder zum Trocknen von Klärschlamm, der wiederum als Brennstoff dient. In einem Werk wird mit der Abwärme Strom für den Eigenbedarf erzeugt. Kreislaufwirtschaft ist für Holcim seit Jahren Industriealltag. Als führender Baustoffhersteller des Landes entwickelt das Unternehmen kontinuierlich neue, ressourcenschonende Zemente und Betone. Auch die Muttergesellschaft LafargeHolcim investiert namhafte Mittel in Forschung und Entwicklung nachhaltiger Produkte und Dienstleistungen. «Wir haben uns zum Ziel gesetzt, in den nächsten Jahren den Anteil an nachhaltigen Lösungen massgeblich zu steigern», erklärt Simon Kronenberg, Leiter Commercial von Holcim.

duktinnovationen von Holcim an, die seit kurzem und als Premieren für den Hochbau verfügbar sind: der ressourcenschonende Zement Susteno (in Anlehnung an «Sustainability») und die nachhaltige Beton-Produktlinie Evopact (in Anlehnung an «Evolution»). Durch die Wiederverwertung hochwertig aufbereiteten Betonabbruchs aus Rückbauprojekten in der Region ist es Holcim gelungen, erstmals einen Zement aus rezykliertem Material zu schaffen. Susteno schliesst somit einen weiteren Stoffkreislauf. Die Vorteile liegen auf der

Mineralische Baustoffe wie Beton haben den Vorteil, dass sie immer wieder rezykliert werden können.

Lancierung im Hochbau … Vom jährlichen Baustoffbedarf der Schweiz von rund 80 Millionen Tonnen werden heute nur etwa 16 Millionen Tonnen aus Rückbaumaterial zurückgewonnen. «Mineralische Baustoffe wie Beton haben gegenüber anderen, zum Beispiel organischen Materialien, den grossen Vorteil, dass sie immer und immer wieder rezykliert werden können.» Das Potenzial für mehr geschlossene Stoffkreisläufe in der Bauwirtschaft ist also gross. Genau hier setzen die Pro-

Hand: Deponieraum wird eingespart, es gibt geringere CO2-Emissionen und die wertvollen Rohmaterialien Kalkstein, Sand und Kies werden geschont. Während sich Evopact-Betone aus Susteno und natürlicher Gesteinskörnung mit Sand und Kies zusammensetzen, werden Evopact-Plus-Betone mit Susteno und rezyklierter Gesteinskörnung hergestellt – letztere können den Rückbaumaterial-

Kreislauf dank hochwertiger Aufbereitung praktisch vollständig schliessen. «Wir wollen die Wiederverwertungsquote erhöhen», sagt Kronenberg. Wie hoch diese tatsächlich sein werde, sei allerdings abhängig davon, wie viel Rückbaumaterial in welchen nutzbaren Qualitäten zur Verfügung stehe. «Die Schweiz nimmt diesbezüglich eine führende Rolle ein, wir haben eine gute Ausgangslage.»

… und danach im Tiefbau Die zertifizierten Produktinnovationen Susteno und Evopact erfüllen für den Hochbau die gesetzlichen Vorgaben und normativen Grundlagen und können vom Einfamilienhaus bis zum Gebäudekomplex wie Schulen oder Hotels eingesetzt werden. Zudem stehen sie herkömmlichem Zement und Beton in

Nichts nach und sind nach eigenen Angaben preislich konkurrenzfähig. Mehr dazu unter www.holcimpartner.ch/de/ susteno-evopact. «Seit der Lancierung hatten wir viel positives Feedback, sowohl von unseren Kunden und Planern als auch von Seiten institutioneller Bauherren», sagt Simon Kronenberg. Die Herstellungsstätten für Susteno und Evopact seien gut ausgelastet. Doch das ist nicht das Ende der Fahnenstange: Holcim möchte mit diesen neuartigen Produkten dereinst auch den Tief- und Strassenbau nachhaltiger ­machen sowie das Hochleistungssegment ­erschliessen. Ziel ist darüber hinaus, Susteno und Evopact mit einem noch grösseren Anteil Rückbaumaterial herzustellen, beziehungsweise Recycling-Kies und alternative Materialien beizumischen. «All das verbessert unseren ökologischen Fussabdruck», betont Kronenberg.

Holcim Schweiz nb. · Holcim Schweiz ist hierzulande einer der führenden Baustoffhersteller und eine Tochtergesellschaft des global tätigen Konzerns LafargeHolcim. Zum Kerngeschäft gehört die Produktion von Zement, Kies und Beton sowie die dazugehörigen Dienstleistungen. Das Unternehmen beschäftigt rund 1200 Mitarbeitende an mehr als 50 Standorten und verfügt über 3 Zement-, 15 Kies- sowie 34 Betonwerke. Diese lokale Verankerung ermöglicht es, schnell, flexibel und individuell auf verschiedene Bedürfnisse einzugehen und massgeschneiderte Lösungen für die Bereiche Hochbau, Tiefbau und Infrastruktur zu erarbeiten. Über sich selbst sagt Holcim: «Unser glo-

bales Netzwerk, die langjährige Erfahrung und der hohe Anspruch an Qualität machen uns zu einem erstklassigen Unternehmen und bevorzugten Lieferanten von Baustoffen. Wir verstehen uns als Branchenführer in Sachen nachhaltige Baulösungen und Innovation und als faire Arbeitgeberin, die sich für die Sicherheit ihrer Mitarbeitenden einsetzt und Diversität begrüsst.» Holcim bekennt sich des Weiteren zur umsichtigen Nutzung der natürlichen Ressourcen in der gesamten Wertschöpfungskette. Wo immer möglich, setzt das Unternehmen Reststoffe als alternative Roh- und Brennstoffe ein und fördert Produkte mit einer verbesserten Umweltbilanz.

Der SIA geht bei der Digitalisierung in den Lead EXPERTENKOLUMNE

Die digitale Transformation des Schweizer Bau- und Immobilienwesens kommt. Die zentrale Frage dabei ist: Erfolgt dieser Prozess unkoordiniert, langsam und für viele Akteure unnötig schmerzhaft? Oder haben wir eine gemeinsame Strategie? Eine Strategie, die Wertschöpfung und Produktivitätswachstum vorwärtstreibt und die Basis für eine nachhaltige Gestaltung des digitalen Planens und Bauens ist. Der SIA will erstere Option verhindern und sieht sich mit Blick auf die zweite als Koordinator. Die Normierung des Bauwesens ist hierzulande Sache des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins. Bislang wird normiert, was sich retrospektiv bewährt hat und Stand der Technik ist. Im Bereich der Digitalisierung findet nun ein radikaler Paradigmenwechsel statt. Normiert wird europaweit progressiv und prospektiv. Es wird zukünftig das normiert, was heute nach bestem Wissen und Gewissen dem Fortschritt dient. Der digitale Wandel im Bauwesen ist ein europäisches Thema, dem sich das CEN (Comité Euro-

BILDER PD

von JORIS VAN WEZEMAEL und MANFRED HUBER

Manfred Huber Präsident SIA 2051 BIM

Joris Van Wezemael Geschäftsführer der SIA

péen de Normalisation) seit drei Jahren annimmt. Unter der Führung des SIA begleitet eine schweizerische Kommission diese Aktivitäten. In einem ersten Schritt, bis Ende 2019, geht es um eine koordinierte europäische BIM-Strategie (Building Information Modeling). Aber viel wichtiger: Ab Mitte 2019 starten die konzeptionellen Arbeiten an ent-

sprechenden Produkten. Dies sind beispielsweise Grundlagen für maschinenlesbare Anforderungen an Gebäude- oder Bauteile und die dazugehörige Abwicklung von Projekten gemäss BIM-Methode. Ab 2020 wird die technische Umsetzung erwartet. Die entsprechenden Werkzeuge werden nicht schon morgen bereitstehen, aber schneller als manchem, der an altbewährten Methoden festhält, lieb ist. Wir werden uns auf grundlegend neue Arbeitsprozesse einzustellen haben. Gut, wenn wir sie jetzt mitgestalten und mitprägen können! Der SIA verfügt über bedeutendes Know-how bezüglich der BIM-Methode: Mit den Produkten SIA 2051, SIA D 0270, SIA D 0271, SIA 1001/11 wurden innert Jahresfrist Normen und Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, die in kurzer Zeit eine sehr hohe Verbreitung und international Anerkennung gefunden haben. Vergleichbares ist auf europäischer Ebene kaum zu finden. Der SIA stellt als Berufsverband aller am Bau beteiligten Planer Normen für alle Disziplinen und das gesamte Bauwesen bereit. Das ist europaweit einmalig, kein anderes Land hat diese gute Ausgangslage. Der SIA ist sich dieser Chance bewusst und wird Verantwortung überneh-

men­­– im Interesse der gesamten Bau- und ­Immobilienwirtschaft. Der SIA kann und wird die branchenweite Koordination der digitalen Trans­ formation in der Schweiz leisten. Wir müssen jetzt alle wesentlichen Partner eng einbinden, damit sie ihre Perspektive und Expertise einbringen. Wir müssen Kräfte bündeln und auf die gemeinsame Strategie fokussieren. Die Koordination der digitalen Transformation müssen wir von Beginn an mit einer klaren Kommunikation in den Markt hinein begleiten. Zudem sind entsprechende Bildungs- und Weiterbildungsangebote essenziell. Auch hier sieht sich der SIA in der Verantwortung, weil er über die entsprechenden Strukturen, Mittel und Kompetenzen verfügt. Die Branche muss sich auf das jetzt Notwendige konzentrieren. Was zu tun ist, sehen wir auf der europäischen Agenda. Der SIA ist bereit.

Joris Van Wezemael ist Geschäftsführer des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins SIA, Manfred Huber ist Präsident SIA 2051 BIM und Leiter des Instituts Digitales Bauen an der FHNW.


Zukunft Bauen

Freitag, 9. November 2018

Herr Muhm, welche Bedeutung hat für Sie persönlich die Digitalisierung? Ich bin ein «digital immigrant» mit dem Hintergrund eines Architekturstudiums und einer Spezialisierung im Projektmanagement. Als Leiter der Projektabteilung der SBB Immobilien bearbeiten mein Team und ich derzeit rund 160 Projekte vor allem mit der Frage: Wie können unsere Gebäude effizienter ­betrieben werden, ohne dabei die Funktionalität oder die Gestaltung zu vernachlässigen? Die Planungs- und Errichtungsphase, die zwischen fünf und zehn Jahre dauert, stellt hierbei ein Schlüsselelement in der Produktdefinition dar. Im Vergleich mit dem darauffolgenden 100-jährigen Betrieb ist sie aber – besonders aus finanzieller Sicht – ein Nebenschauplatz. Die Betriebseffizienz unserer Gebäude wird zukünftig an unseren Digitalisierungsgrad gekoppelt sein. Die letzten Jahre hat sich diesbezüglich zu wenig verändert, diese «Baustelle» interessiert mich.

Alexander Muhm, Leiter Development bei den SBB.

MICHELE LIMINA

DIGITALISIERUNG IST CHEFSACHE

«Schärfung der Silhouette, nicht Revolution» Planen mit Transparenzpapier und CAD war gestern. Das dreidimensionale integrale Projekt löst diese Techniken ab. Aber das ist erst der Beginn einer Entwicklung, die das Bauen nachhaltig transformiert, so Alexander Muhm, Leiter Development bei den SBB.

Alexander Muhms Einschätzung Auf einer Skala von 1 bis 10: Als wie «digital fit» bezeichnen Sie . . . . . . sich selbst? . . . unser Land? . . . die Bauwirtschaft? . . . Ihr Unternehmen? Skala: 1 = Tiefstwert, 10 = Höchstwert

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Ist die Digitalisierung bei den SBB Chefsache? Vor wenigen Jahren wurde noch auf Transparenzpapier gezeichnet. Korrekturen wurden mit der Rasierklinge vorgenommen. Heutzutage genügt ein Klick. In Zukunft wird das System Fehlerkorrekturen selbst durchführen. Dieser Wandel geht mit einer Veränderung der Denkweisen, Zusammenarbeitsformen und Arbeitsmethoden einher. Der für mich entscheidende Punkt ist die Veränderungsbereitschaft der Mitarbeiter, die sich in der Unternehmenskultur abzeichnet. Es gilt Berührungsängste ­abzubauen und Veränderungsprozesse anzustossen. Daher ist das Thema Chefsache. Von der Chefetage muss jene positive Energie ausgesendet werden, die wir dringend benötigen. Die Zukunft gehört antizipiert, um in der Unternehmens­ strategie rechtzeitig die Weichen zu stellen. Strategiearbeit ist Führungsaufgabe und somit ja: Digitalisierung ist unbedingt Chefsache. Ist der digitale Wandel nicht auch eine Teamaufgabe? Die Teamfrage wird dann entscheidend, sobald die Dringlichkeit einer Veränderung erkannt wurde. Schlussendlich ist es das Team, das die Veränderung umsetzt. Die Unternehmensführung wird die Digitalisierungsprozesse nicht ausarbeiten. Wir haben bei den SBB seit ­einigen Jahren, ich gehe jetzt auf das Thema Building Information Modeling (BIM) ein, eine kleine Gruppe, die sich damit beschäftigt. Diese Zelle arbeitet für sich, und die Teilnehmer sind davon überzeugt, dass sie etwas zur Zukunft des Unternehmens beitragen. Diese Personen müssen nicht mehr überzeugt werden. Das sind die Fackelträger, die vorpreschen. Beispielsweise durch das Pilotprojekt Letziturm, an dem sie mit der Digitalisierung im Bauwesen experimentieren können: In der Planung, in der Errichtung, bei den Juristen und, für uns ganz relevant, im Facility Management. In der Industrie steht BIM für digitale Transformation. Greift das nicht zu kurz? Ich würde nicht sagen, dass BIM als ­Synonym für die gesamte digitale Transformation Anwendung findet. BIM als computermodellunterstützte Arbeitsmethode stellt eine relevante Grösse der Digitalisierung da. Als Synonym greift es zu kurz, auch wenn es eine akzeptierte Grundlage für weitere Anwendungen wie etwa das computergestützte Bauen darstellt. BIM hat vor allem eine entscheidende Komponente, das «I» für ­Information. Hier geht es darum, Informationen gezielt zu verarbeiten. Das Attribuieren der Daten ist entscheidend. Im Moment haben wir die Situation, dass wir für ein und dasselbe Element verschiedene Begriffe verwenden und diese auch noch mehrfach in unseren Systemen pflegen. Wir müssen es zukünftig schaffen, die richtigen Attribute zu erfassen und diese nur an einem Ort zu pflegen. Gelingt uns das nicht, steigt die Komplexität ins Unendliche und Effizienzgewinne können nicht erschlossen werden. Mit einem professionellen Informationsmanagement erschliessen wir die Potenziale der Digitalisierung, BIM ist «lediglich» die Kombination dieser Informationen mit dem digitalen Abbild der Realität.

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Und Modeling? Modeling ist die Visualisierungshilfe, um die Information verständlich zu machen. Menschen sind nicht nur Architekten. Wenn man nicht gelernt hat, Pläne zu ­lesen, dann fällt es einem schwer, eine Wohnung aus dem gezeichneten Zweidimensionalen zu beurteilen. Modeling hilft uns, eine selbstverständlichere Kommunikationsform aufzubauen. Einerseits für den Facility Manager, weil er eine Anlage besser versteht, wenn er sie am Computer als dreidimensionales Bild sieht. Andererseits für unsere Kunden, die mit Hilfe einer VR-Brille durch ihre künftigen Wohnungen spazieren können. Auch die Fachebene wird profitieren, besonders in der Koordination der Disziplinen und mit einem schnelleren sowie effizienteren Informationsaustausch. Inwiefern? Früher wurde durch den Architekten entworfen, dann an die Fachplaner verteilt, dann lieferten diese Informationen, danach war wiederum der Architekt an der Reihe, wieder verteilt, ein paarmal nachgefragt, wieder konstruiert und so weiter. Eine sehr mühsame Koordination, bei der laufend veraltete Planstände bewirtschaftet werden. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Anzahl der beteiligten Planungsdisziplinen pro Projekt nunmehr auf durchschnittlich 20 angestiegen ist. Zukünftig ist das integrale Arbeiten am gleichen Gebäudemodell ausschlaggebend. Ebenso wie die automatisierte Fehleranalyse und deren Behebung. Unter anderem steckt darin immenses Potenzial für alle Beteiligten nicht nur monetär, sondern auch quantitativ und qualitativ. Was alles macht die Digitalisierung in der Bauwirtschaft aus, und was treibt sie an? Es sind vier Effekte, die uns antreiben. Erster Punkt: Effizienzgewinne im Investitionsbereich in der Grössenordnung von rund 5 Prozent. Nur dadurch, weil sich die ganze Bauwirtschaft besser organisiert. Zweiter Punkt: Effizienzgewinne

«Von der Chefetage muss jene positive Energie ausgesendet werden, die wir dringend benötigen. Die Zukunft gehört antizipiert.»

führen zu weniger Nachträgen, Fehlerkosten und Versicherungsfällen. Dritter Punkt: Wenn es uns im Facility Management gelingt, effizienter zu werden, haben wir grosse Sparpotenziale und qualitative Mehrwerte. Licht, Heizung oder Lüftung sind besser auf die Nutzerbedürfnisse abgestimmt. Daraus resultieren Komfortgewinne und tiefere Betriebskosten. Vierter Punkt: Weniger Ressourcenverbrauch, weil die Systeme die Bedürfnisse besser verstehen, Veränderungen früher erkennen und entsprechend regulieren. Gibt es Unterschiede zwischen der Schweiz und dem Ausland? Ja, die gibt es. Viele Länder sind weiter als die Schweiz. Skandinavische oder angelsächsische Länder verlangen in den öffentlichen Ausschreibungen verbindliche BIM-Methoden. Bei uns fehlen verbindliche Standards für den Informationsaustausch. In der Schweiz bewegt man sich weniger schnell, eventuell weil der finanzielle Druck fehlt oder auch die

«Schlussendlich ist es das Team, das die Veränderung ­umsetzt. Die Führung wird die Digitalisierungsprozesse nicht ausarbeiten.»

Regulation eine dynamische Reaktion nicht mehr zulässt. Wir haben aber die technologischen Fähigkeiten und das erforderliche Wissen, um schnell aufzuholen. Entscheidend wird sein, ob die Bauwirtschaft die Dringlichkeit erkennt und bereit ist, für die gemeinsame Weiterentwicklung zusammenzuarbeiten. Wir sind hier in Gesprächen mit den wichtigen Partnern. Wie gestalten Sie den Rahmen, um den digitalen Wandel voranzutreiben? Wir versuchen, uns im Bereich Transformation der Schweizer Bauwirtschaft zu engagieren, etwa aktiv als Teilnehmer oder auch im Dialog mit den wichtigen Wirtschaftsverbänden. Zentral ist, dass die Dringlichkeit erkannt wird und alle mitmachen, weil sie den Mehrwert erkennen. Nur zusammen bringen wir die Branche und dadurch die Schweizer Volkswirtschaft auf ein höheres Niveau. Wie arbeiten erfolgreiche Unternehmen, und wie verändern sich Geschäftsmodelle? Erfolgreiche Unternehmen sind offen für die Veränderung und haben die Fühler weit vorgestreckt. Und sie sind ständig in Panik, dass ihr Geschäftsmodell gefährdet ist, ich würde sagen wie eine leichte Paranoia. Ein gutes Beispiel ist Apple-Gründer Steve Jobs, der ständig befürchtet hat, dass ihm etwas entgeht. So ähnlich sind wir hoffentlich auch. Wir müssen laufend antizipieren. Wir tauschen uns mit anderen aus und unternehmen Studienreisen, letztes Jahr nach England, um zu sehen, wie andere Länder vorgehen. Unterschiedliche Arbeitsgruppen innerhalb der SBB beschäftigen sich mit wichtigen Zukunftsfragen wie dem Bahnhof der Zukunft oder mit Smart-City-Anwendungen. Welche neuen Innovationen erwarten uns von SBB Immobilien? Es geht nicht darum, morgen alles anders zu machen. Aber wir wollen unsere Geschäftsmodelle mit den Möglichkeiten der Digitalisierung robuster machen. Ich möchte da von der Schärfung der Silhouette und nicht von einer Revolution sprechen, die natürlich über BIM hinausgeht. Bei all den technischen Fragestelllungen darf der Faktor Mensch nicht vergessen werden. Zum Beispiel versuchen wir die Erdgeschosse in unseren Projekten so zu gestalten, dass sich die Leute wohlfühlen. Mit lokalen Mietern und nicht nur mit grossen Ketten. Auch hier hilft die Digitalisierung, um neue Geschäftsmodelle sichtbar zu machen oder mit der virtuellen Welt, Stichwort E-Commerce, zu verknüpfen. Das macht uns riesigen Spass. Im Immobilienbereich wollen wir ab 2021 entsprechend unseren BIM-Standards Gebäude bestellen, im Infrastrukturbereich ab 2025. Ab diesem Moment wird es von den SBB nur noch Ausschreibungen mit verbindlichen Vorgaben zu BIM geben. Interview: Michael Baumann


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Zukunft Bauen

AUS- UND WEITERBILDUNG

Weg vom Hype – hin zur Realität Die Interdisziplinarität nimmt beim digitalen Wandel in allen Branchen eine zentrale Stellung ein. Form und Grad der Zusammenarbeit werden dadurch zwangsläufig neu definiert, sagt Peter Scherer, der das MAS Digitales Bauen der FHNW leitet.

vollumfänglich bewusst, als ich am Center for Integrated Facility Engineering weilte.» CIFE und FHNW pflegen denn auch eine enge Zusammenarbeit. Das Institut Digitales Bauen der FHNW führt diverse Weiterbildungsangebote, die die Herangehensweise an das Bauen der Zukunft mit den digitalen Methoden koppeln. Es sind dies konkret: „„ MAS Digitales Bauen: Der modular aufgebaute Master of Advanced Studies bietet einen fundierten Überblick über integrative, digitale Bauwerksmodelle sowie neue, kooperative Formen der ­Zusammenarbeit. Im Zentrum steht das gemeinsame Wirken aller Beteiligten, die zum gebauten Objekt und dessen Umwelt führen.

Freitag, 9. November 2018

«Der Wandel hat in der Baubranche teilweise eingesetzt» Nachgefragt bei Lukas Schildknecht, Leiter Fachbereich Bauinformatik sowie Koordinator der Forschungsaktivitäten am Institut Digitales Bauen der FHNW.

„„ CAS Digitales Bauen – Potenziale und Strategien: Ein wesentliches Anlie-

Psychologen und Wirtschaftswissenschafter angehören, auf die Baustelle und an Koordinationssitzungen, um zu beobachten, wie die neuen Technologien die Zusammenarbeit vor Ort verändern. Dadurch erhalten wir Erkenntnisse, wie der digitale Wandel auch unter soziotechnischen Gesichtspunkten unterstützt und gestaltet werden kann.

gen des Lehrganges ist der gegenseitige Austausch unter erfahrenen Führungsund Fachkräften. „„ CAS Digitales Bauen – Methoden und Technologien: Ein Ziel des Zertifi-

katslehrgangs ist es, BIM als Methode zu verstehen, damit Mehrwerte generiert werden können.

Weiterbildung auf der Baustelle im Rahmen des MAS Digitales Bauen an der FachPETER SCHERER hochschule Nordwestschweiz (FHNW).

Die Planungsmethode Building Information Modeling (BIM) verspricht eine ressourcenschonende, fehlerminimierte und kostengenauere Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Bauwerken. Im Fokus steht dabei der Aspekt Interdisziplinarität, also die Nutzung von Know-how und Methoden verschiedener Fachrichtungen. «Der digitale Wandel in der Baubranche ist nicht einfach eine technische Angelegenheit, er spielt sich vielmehr auf der sozialen Ebene ab», erläutert Peter Scherer, Leiter des MAS Digitales Bauen an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Muttenz. «Den eigentlichen Kern des Wandels bildet also die engere Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen, die heute mehrheitlich in isolierten Silos arbeiten.»

Verbündete gewinnen Nicht selten erleben Scherer und seine Kollegen vom Institut Digitales Bauen denn auch, dass gestandene Führungskräfte – genauso wie junge Berufsleute –

PD

FLAVIAN CAJACOB

Peter Scherer Studiengangsleiter am Institut Digitales Bauen der FHNW

ins Staunen geraten, wenn sie zum ersten Mal bewusst und vertieft mit der Materie des digitalen Bauens in Kontakt kommen. Denn statt um technische geht es primär um kommunikative Skills. «Das Miteinander steht im Vordergrund, der Gedanke, ein Projekt zusammen mit Verbündeten anzugehen», so Scherer, der seinen persönlichen «Aha!-Effekt» in Sachen BIM vor gut fünf Jahren anlässlich eines Besuchs an der Stanford University in Kalifornien erlebt hat. «Interdisziplinarität in der Architektur ist seit den 1980er-Jahren ein Thema. Das volle Ausmass der Möglichkeiten, die uns die digitalen Technologien diesbezüglich bieten, wurde mir aber erst

vationen werden durch integrierte Prozesse, fachübergreifende Zusammenarbeit und intelligente Nutzung digitaler Methoden im Bauwesen entwickelt. Die Teilnehmenden erzeugen gezielt Mehrwerte für ihre Kunden, indem sie das Produktions- und Prozessmanagement (etwa Lean oder ähnliche), das ein Bestandteil der BIM-Methode ist, nutzen. Weil BIM keine Software ist, sondern eine Arbeitsmethode, müssen vor allem im Kopf diverse Schalter umgelegt werden. «Bis heute beackert jeder quasi sein eigenes Feld und leert die eingefahrene Ernte dann in ein isoliert stehendes Silo. So haben Fach- und Führungskräfte die Interdisziplinarität gelernt», bemerkt Scherer. «Inskünftig geht die Ernte in ein grosses, gemeinsames Silo, zu dem alle Zugriff haben.» Dieses Zusammenlegen, dieses Teilen, das Offenlegen von Stärken und eben auch Schwächen, das Denken über den eigenen Tellerrand hinaus schliesslich – dieser Gedanke sei sicherlich gewöhnungsbedürftig. Profitieren aber würden alle: Bauherrschaft wie Ausführende sämtlicher Stufen.

Interesse weiterhin gross Richtig ein- und umgesetzt bringt das digitale Bauen Vorteile. Allerdings warnt Studiengangsleiter Peter Scherer auch vor zu hohen oder gar falschen Erwartungen. «Langfristig wirkt sich BIM positiv auf Arbeitsprozesse und Kosten­ gefüge aus. Kurzfristig sind die Ausein­ andersetzung damit und die Umsetzung ­davon mit Mehraufwand verbunden.» Wenngleich das Interesse an den entsprechenden Lehrgängen sehr gross ist, stellt er bei der allgemeinen Begeisterung der Thematik gegenüber eine gewisse Abflachung fest. «Der absolute Hype rund um Building Information Modeling ist sicherlich vorbei, wir bewegen uns nun auf ein realistisches Niveau hin.» Und das, so Scherer, sei im Sinne der Sache gut so.

PD

„„ CAS Digitales Bauen – Wertschöpfung und Innovation: Systemische Inno-

Lukas Schildknecht Forschungskoordinator am Institut Digitales Bauen der FHNW

Herr Schildknecht, Sie verantworten die Forschungsaktivitäten am Institut Digitales Bauen der FHNW. Was forschen Sie konkret? Wir setzen aktuell drei Schwerpunkte. Zum einen sind da die Methoden und Prozesse. Zum anderen ist es die Interoperabilität, also die Fähigkeit, unterschiedliche Systeme möglichst nahtlos zusammenarbeiten zu lassen. Und zu guter Letzt beschäftigen wir uns mit parametrischem Design im Entwurf. Was muss man sich darunter vorstellen? Nehmen wir das Beispiel Methoden und Prozesse. Hier wollen wir herausfinden, wie die mit dem digitalen Wandel verknüpften technologischen Möglichkeiten von der Branche im Alltag umgesetzt werden – und wie die neuen Werkzeuge noch effizienter angewandt werden könnten. Das geht vom Campus in Muttenz aus? Natürlich nicht. Im Rahmen einer strategischen Initiative der FHNW und in Zusammenarbeit mit Partnern aus der Praxis gehen wir beispielsweise mit einem interdisziplinären Team, dem neben Baufachleuten unter anderem Informatiker,

Mit welchen Erkenntnissen? Wir stehen diesbezüglich immer noch am Anfang unserer Forschungsarbeit. Was man bereits sagen kann: Der Wandel hat in der Baubranche teilweise eingesetzt, ist aber bei weitem noch nicht etabliert. Es werden zwar neue Technologien und Strukturen eingesetzt – die Einbettung in die Prozesse oder die Neugestaltung der Prozesse ist jedoch oft noch ungenügend, zu wenig konsequent oder unklar. Woran liegt das? Das wollen wir mit unserer Forschung gerade systematisch ermitteln. Die Gründe dürften vielfältig sein: Von der grundsätzlichen Schwierigkeit, aus bekannten Mustern auszubrechen und neue Möglichkeiten anzunehmen, über hinderliche Rahmenbedingungen bis hin zu Vorbehalten gegenüber der grösseren Transparenz, die sich durch den Einsatz digitaler Bauwerksmodelle ergibt. Wie evaluieren Sie Forschungsgebiete – und wie fliessen Forschungsergebnisse letztendlich in das Weiterbildungsangebot der FHNW ein? Hier profitieren wir von einer Wechselwirkung. Unsere Lehrgangsabsolventen sind immer auch Puls-nehmer. Sie bewegen sich draussen in der Realität und berichten uns von Herausforderungen und Problemen, die das Alltagsgeschäft mit sich bringen. Da setzen wir an, suchen nach und erarbeiten Lösungen, die dann wiederum in den Unterricht einfliessen. Worauf richten Sie den Fokus aktuell? Die Umsetzung von Methoden und Prozessen beschäftigt uns sicherlich am intensivsten. Dazu kommt der Umgang mit Daten, wobei hier das Datenmanagement in den Projekten, aber auch die langfristige Verfügbarkeit und Nutzung der Daten interessieren. Das Feld ist äusserst breit abgesteckt. Interview: Flavian Cajacob


Zukunft Bauen

Freitag, 9. November 2018

Wie würden Sie Ihr persönliches Verhältnis zur Digitalisierung und zur digitalen Transformation bezeichnen? Oliver Schmid: Der allgemeinen Definition folgend bin ich ein «digital immigrant», konfrontiert mit der sogenannten vierten industriellen Revolution (Industrie 4.0). Die digitale Transformation ­bedeutet weit mehr als die Einführung neuartiger, elektronischer Arbeitsinstrumente. Wir erleben einen Kulturwandel in einer ganz neuen Dimension mit ­Auswirkungen auf praktisch sämtliche Prozesse. Wolfgang Hardt: Ich bin ebenfalls ein «digital immigrant». Wir beide haben das Thema verinnerlicht und treiben es in der Firma auf allen Ebenen voran. Wohin die digitale Reise uns schliesslich führen wird, kann derzeit noch nicht abgeschätzt werden. Vor Jahren konnte sich ja auch niemand vorstellen, wie schnell die Entwicklung grundsätzlich Fahrt aufnehmen würde. Schmid: Unsere Generation ist die einzige, die den Wandel von der analogen zu einer zunehmend digitalen Welt erlebt. Das ist ein fundamentaler Anpassungsprozess, der für die «digital natives», die die vollständig analoge Welt nicht mehr kennen, viel einfacher und selbstverständlicher ist. Hardt: Wenn man die industrielle Revolution betrachtet, dann waren die technischen Entwicklungen in vielen Bereichen exponentiell. Im Vergleich dazu ist die heutige Entwicklungskurve nahezu vertikal.

Oliver Schmid (links), stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsleitung, und ­Wolfgang Hardt, Mitglied der Geschäftsleitung, von Burckhardt + Partner. MICHELE LIMINA

DIGITALISIERUNG IST CHEFSACHE

«Risiken sind da, aber Chancen überwiegen» Oliver Schmid, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsleitung, und Wolfgang Hardt, Mitglied der Geschäftsleitung, vom Architekturunternehmen Burckhardt + Partner erläutern, wie sich ihre Firma mit der Digitalisierung auseinandersetzt. Letztlich geht es beim Wandel auch darum, die Wettbewerbsfähigkeit nicht zu verlieren.

Oliver Schmids Einschätzung Auf einer Skala von 1 bis 10: Als wie «digital fit» bezeichnen Sie . . . . . . sich selbst? . . . unser Land? . . . die Bauwirtschaft? . . . Ihr Unternehmen?

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Wolfang Hardts Einschätzung Auf einer Skala von 1 bis 10: Als wie «digital fit» bezeichnen Sie . . . . . . sich selbst? . . . unser Land? . . . die Bauwirtschaft? . . . Ihr Unternehmen? Skala: 1 = Tiefstwert, 10 = Höchstwert

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Was macht die Digitalisierung für Sie zur Chefsache? Schmid: Die Tatsache, dass es sich um einen tiefgreifenden Wandel der Unternehmenskultur handelt und dass sie Einfluss hat auf praktisch sämtliche Prozesse. Hardt: Digitale Transformation bedeutet, die Strategie, die Kultur und die Werte einer Firma zu verändern. Das kann nur auf oberster Ebene geschehen. Wir haben eine Vorbildfunktion und leben diese vor, besonders im Zeitalter von Veränderungen, die auch mit gewissen Risiken behaftet sind. Es gibt Ängste von Jobverlust und davor, den Anschluss zu verlieren. Wenn wir diesen Wandel nicht ganz oben vorleben und begleiten, dann ist das ein Problem für die Mitarbeiter und schliesslich für das ganze Unternehmen. Wie reagieren die Mitarbeiter auf diesen Wandel – dominiert Skepsis oder Offenheit? Hardt: Wir haben ein sehr durchmischtes Mitarbeitergefüge mit vielen Nationalitäten in jedem Alter, vom Lehrling bis hin zum baldigen Pensionär. Bei der jüngeren Generation stellen wir eher eine Forderungskultur hinsichtlich schnelleren Voranschreitens fest. Allerdings gibt es auch langjährige Mitarbeiter, die in ihrer gewohnten Arbeitsweise Profis sind und Ängste davor haben, überholt zu werden oder in der schnelllebigen Zeit nicht mehr mitzukommen. Schmid: Es ist eine schwierige, aber spannende Führungsaufgabe. Das Tempo im Veränderungsprozess und die Einstellung dazu sind sehr unterschiedlich, was meistens mit dem Alter zu tun hat. Dabei sind jedoch zum Teil auch bei jüngeren Mitarbeitern Ängste vor dem Unbekannten und Fragen zur Sicherheit ihres Jobs vorhanden. Hardt: In unserer Branche sind viele Architekten so erzogen worden, mit Bleistift und Skizzenpapier kreativ zu werden. Wenn nun plötzlich über generatives Design gesprochen wird, wobei mit Hilfe von vordefinierten Parametern ein Computerprogramm, idealtypische Vorschläge produziert, dann haben Architekten verständlicherweise gewisse Verlustängste, was die Kreativität ihres Berufs grundsätzlich betrifft. Wo liegen die Risiken? Schmid: Es ist eine Gratwanderung. Wir wollen ganz vorne mit dabei sein, denn Digital Leadership haben wir zu einem strategischen Ziel erklärt. Dazu muss man ein hohes Veränderungstempo anschlagen, da die Entwicklung extrem schnell verläuft. Gleichzeitig dürfen wir jedoch nicht übersteuern und müssen aufpassen, dass gewisse Leute nicht auf der Strecke bleiben. Ganz verhindern lässt sich das zwar nicht, es muss aber das Ziel sein, möglichst viele auf dem schnell fahrenden Zug mitzunehmen. Dabei

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NZZ-Verlagsbeilage

sind auch die namhaften Investitionen zu erwähnen. Man muss es sich ja leisten können, bei einer solchen Entwicklung vorne mitzumachen. Risiken sind zweifellos da, aber die Chancen überwiegen. Hardt: Wir haben bereits vor rund drei Jahren den Grundsatzentscheid getroffen, dass wir uns dem Thema der digitalen Transformation widmen. Damals hat keiner von uns Partnern genau gewusst, was dabei alles auf uns zukommen wird. Die Basis waren ein einheitliches Auftreten der Geschäftsleitung und der gemeinsame Wille, hierbei zukünftig die Führungsposition einzunehmen. Es gibt keinen Königsweg, kein allgemeingültiges Vorgehen. Jede Firma muss für sich die passende Lösung finden, die letztlich nicht adaptierbar ist. Auch für uns ist das jeden Tag eine Herausforderung. Schmid: Wir sind als Geschäftsleitung häufig gezwungen, über Dinge zu entscheiden, die wir technisch nicht immer vollständig verstehen. Dabei verlassen wir uns auf unsere internen Fachleute, die uns beraten und Vorschläge unterbreiten. Das ist nichts Neues in der Führung, beim Thema Digitalisierung jedoch in einer neuen Dimension. Hardt: Der Markt bringt in unglaublichem Tempo technische Neuerungen hervor. Mit unseren Möglichkeiten im digital LAB und der digitalwerkstatt prüfen wir diese und entscheiden dann, was für uns sinnvoll ist – und eben keine Trenderscheinung darstellt. Wie beurteilen Sie die Chancen der Transformation in der Baubranche? Schmid: Wir erhoffen uns eine Verbesserung der Produktivität, die Optimierung der Prozesse, eine spürbare Fehlerreduktion und mehr Sicherheit, auch was die Kosten und Termine betrifft. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist dank digitaler Tools auf einem viel höheren Level als bisher möglich. Für mich ganz entscheidend sind die Chancen, die sich durch die zunehmende Standortunabhängigkeit bieten. Sie macht es vermehrt möglich, die für eine Aufgabe jeweils am besten qualifizierten Mitarbeiter in einem Projekt einzusetzen – unabhängig davon, wo sie ihren angestammten Arbeitsplatz haben. Dies bedingt zudem

«Es ist eine schwierige, aber spannende Führungsaufgabe.» Oliver Schmid

die Einführung neuer Arbeitszeitmodelle und eine auf Vertrauen basierende Unternehmenskultur. Hardt: Vorteile sind die Qualitätssteigerung und eine hohe Planungssicherheit zu einem frühen Zeitpunkt. Es gibt eine Phasenverlagerung nach vorne, was für alle von Vorteil ist. Zu einem früheren Zeitpunkt stehen somit wesentlich mehr Informationen zur Verfügung. Die dabei entstehenden 3D-Modelle können und sollen schliesslich auch operativ, wie etwa im Facility-Management, eingesetzt werden. Den Planern hilft das für spätere Umbauten. Welche Rolle spielt das Teamwork, wenn wichtige Entscheide gefällt sind? Hardt: Die Herausforderung ist die Gleichzeitigkeit dessen, was in der Schnelligkeit derzeit passiert: Eine neue Kultur implementieren, die Transformation vorantreiben, Building Information Modeling (BIM) und 3D-Modellieren schulen, die Mitarbeiter stetig motivieren und neue gewinnen, die uns weiterführendes Know-how und Expertise ist Haus bringen. Auch sind Bauherren, die wir in ihrem eigenen Transformationsprozess begleiten, keine Seltenheit. All das muss miteinander funktionieren –

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natürlich parallel zum operativen Geschäft. Wir haben mit Pilotprojekten angefangen und uns Schritt für Schritt dem Thema angenähert. Das kostet viel Zeit, Nerven und Geld. Genau diese Herausforderung ist aber das Spannende an der aktuellen Situation. Schmid: Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Die digitale Transformation ist nicht nur ein temporärer Modetrend. Wer nicht mitzieht, verliert den Anschluss, davon sind wir überzeugt. Es geht darum, dies unseren Teams zu kommunizieren und sie von der Notwendigkeit der Veränderung zu überzeugen, auch wenn manches am Anfang mühsam ist und mehr Zeit braucht als eingespielte Prozesse. Letztlich geht es um die Erhaltung unserer Wettbewerbsfähigkeit. Hardt: Das betrifft nicht nur uns Architekten, sondern eigentlich die ganze Baubranche. Wir setzen zum Teil auf der Baustelle noch Stein auf Stein aufeinander, während Roboter seit Jahren Autos selbständig schweissen. BIM ist ein zentraler Ankerpunkt der Digitalisierung, vor allem in umgangssprachlicher Sicht, jedoch nicht der einzige. Viele Firmen im Holz- und Stahlbau haben frühzeitig erkannt, dass Vorfabrikation und digitale industrielle Fertigung nicht mehr von Hand möglich sind, um langfristig im Markt konkurrenzfähig zu sein. Der Beruf des Maurers und des Bauzeichners stirbt damit nicht aus, aber er verändert sich grundlegend. Die Ausbildungsstätten müssen das erkennen und darauf schnellst möglichst reagieren. Wo hat diese Transformation schon begonnen? Hardt: Bereits mehr als man vermutet. Papierloses Arbeiten, Tablets, Drohnen und Laserscanner auf der Baustelle, 3DFertigungsprozesse, Entwurfs- und Planungsarbeit mithilfe von Virtual & Augmented Reality im virtuellen Raum und vieles mehr. Was erwarten Sie für die Zukunft? Schmid: Im Zusammenhang mit der Digitalisierung wird oft von künstlicher Intelligenz gesprochen. Meines Erachtens gibt es diesbezüglich Missverständnisse. Computer und Roboter sind nicht intelligent, aber unendlich schnell im Verarbeiten von dem, was ihnen der intelligente Mensch beigebracht hat. Wir werden einen tiefgreifenden Wandel unseres Berufs und unserer Rollen erleben – die zunehmende Trennung von menschlicher Intelligenz und der Problemlösungsfähigkeit von Robotern und Computern. Chefsache ist und bleibt jedoch die Führung von Menschen und Veränderungsprozessen. Hardt: In der Architektur arbeiten wir an individuellen Projekten mit unterschiedlichen Herausforderungen. Vieles, was wir im digitalen Testlauf haben, wird irgendwann zum Alltag werden. Den Menschenverstand wird man aber nie ersetzen können. Die Herausforderung besteht darin, das für uns Essentielle herauszufiltern, um es dann zum Standard zu definieren. Dazu gehört auch, vieles immer wieder mit kritischem Verstand zu hinterfragen. Ich sehe als Mischung ein Nebeneinander von Superintelligenz und analogen Lösungen. Je mehr Digitalisierung Einzug findet, desto mehr sehnen sich die Leute wieder nach dem Bleistift – und natürlich umgekehrt. Weder das eine noch das andere ist richtig oder falsch. Interview: Michael Baumann


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Zukunft Bauen

Freitag, 9. November 2018

PROJEKTINNOVATION

Zuppiger und sein Team – alles Archi­ tektinnen und Architekten – beim HIF vor allem als Koordinatoren. «Unsere Aufgabe ist es nun, die gemeinsam fest­ gelegten Prozesse zu kontrollieren», sagt er. Zudem sei es weiterhin wichtig, eine offene Kommunikation zu pflegen. «Das Modell ist nur so gut wie die Summe der eingebundenen Akteure», sagt Zuppiger.

BIM kann auch Umbau Das Forschungsgebäude HIF auf dem Campus Hönggerberg wird von 2019 bis 2022 saniert und erweitert. Bauherrin ETH Zürich und Generalplaner Stücheli Architekten setzen dabei erstmals auf den offenen Ansatz der dreidimensionalen Gebäudedatenmodellierung. MARTINA WACKER

Wie im Stadtzentrum stösst die ETH Zürich auch an ihrem zweiten Haupt­ standort an ihre räumlichen Grenzen. Selbst auf dem weitläufigen Höngger­ berg kann nicht nach Belieben expan­ diert werden. Deswegen strebt die Hoch­ schule hier eine Verdichtung an. Die Vision ist ein belebter Campus mit Quar­ tiercharakter, der Lehre, Forschung und Wissenstransfer mit Raum für Wohnen, Freizeit und Begegnung verbindet. In diesem Kontext wurde 2015 die Sanierung und Erweiterung des 1976 ­eröffneten Forschungsgebäudes HIF des Departements Bau, Umwelt und Geo­ matik ausgeschrieben. Bereits im Wett­ bewerb formulierte die ETH als Ziel­ setzung, dass als Methode nicht nur Buil­ ding Information Modeling (BIM) die digitale Basis bilden muss, sondern mit­ tels offener Austauschformate zur An­ wendung kommen soll. Bei diesem so­ genannten Open-BIM-Ansatz kann das

vollständige, dreidimensionale Gebäude­ modell von allen beteiligten Akteuren eingesehen werden, unabhängig davon, welche Software sie nutzen. Von diesem transparenten Informationsaustausch verspricht man sich eine erleichterte Kommunikation und im Endeffekt eine optimierte Qualitätskontrolle.

Manager Stücheli Architekten Als Sieger für die Gesamtleitung ging das Büro Stücheli Architekten hervor. Die 1946 gegründete Zürcher Firma setzt sich seit 2014 intensiv mit der BIM-Methode auseinander. Wie für die ETH ist die Modernisierung des HIF für das Archi­ tekturbüro das erste grosse Open-BIMProjekt. Als Generalplaner übernimmt es zugleich die Funktion des BIM-Mana­ gers. Als solcher koordiniert und kontrol­ liert Stücheli nicht nur das zentrale Ge­ bäudemodell, sondern sorgt ebenfalls ­dafür, dass alle Beteiligten frühzeitig in die Entscheidungsprozesse eingebunden

Partner Polke Ziege von Moos

Das Koordinationsmodell des ETH-Forschungsgebäudes HIF. sind. Dabei ist auch die Bauherrschaft ­gefordert: «Wie das Vorhaben verwirk­ licht werden soll, muss viel früher und detaillierter festgelegt werden als beim konventionellen Ablauf», sagt Daniel Zuppiger, Geschäftsleitungsmitglied und BIM-Verantwortlicher bei Stücheli. Die Grundlage der BIM-Methode für den ganzen Lebenszyklus eines Bau­ werks – heute in der Regel ein Neubau, kein Umbau – ist ein 3D-Koordinations­ modell, das mit zusätzlichen Informatio­ nen wie Zeit, Kosten oder Nutzung an­ gereichert werden kann. «Es wird also erst einmal virtuell gebaut, bevor mit der realen Ausführung begonnen wird», er­ klärt Zuppiger. Damit lassen sich Pro­ blemfelder frühzeitig erkennen und so teure Verzögerungen während der Aus­ führungsphase vermeiden. Einen entsprechend hohen Gewinn verspricht man sich vom Open-BIM-An­ satz bei komplexen Projekten wie dem ETH-Forschungsgebäude HIF. Zu den zentralen planerischen Herausforderun­

STÜCHELI ARCHITEKTEN

gen des mit rund 150 Millionen Franken veranschlagten Bauprojekts gehören: Die zukünftige Labornutzung setzt ein hochtechnisiertes Gebäude voraus – ein Drittel des Budgets geht auf das Konto der Technik. Zudem müssen die ge­ samten Bauarbeiten bei laufendem ­Forschungsbetrieb erfolgen. Dass es sich beim Vorhaben nur sekundär um einen Neubau und primär um einen Umbau handelt, stellte zu­ sätzliche Anforderungen ans BIMManagement. Um mit der Gebäude­ datenmodellierung beginnen zu können, musste der 40-jährige Komplex zuerst mithilfe des bestehenden Planmaterials digital erfasst werden. Da die detaillier­ ten Grundlagen vorwiegend auf Ausfüh­ rungsplänen der 1970er-Jahre beruhten, mussten spätere Ergänzungen wie Innenausbauten und allfällige Abwei­ chungen vom Plan über 3D-Laserscan­ ning digital erfasst werden. Mehr als bei konventionell geplan­ ten Architekturprojekten verstehen sich

Einer der zentralen Planungsbeteilig­ ten ist Polke Ziege von Moos, die Zür­ cher Firma ist für die Gebäudetechnik und -automation zuständig. Geschäfts­ leitungsmitglied Michael Eberle zeigt sich begeistert vom neuen Ansatz. «Open BIM ermöglicht uns eine viel struktu­ riertere und effizientere Herangehens­ weise.» Zwar ist die Startphase intensi­ ver gewesen als bei konventionellen Vor­ haben, weil die Koordination deutlich detaillierter verlief. «Ich gehe davon aus, dass über das gesamte Projekt gesehen der Zeitaufwand geringer ist, weil mög­ liche Konfliktzonen bereits in der Pla­ nung besser erkannt wurden.» Darüber hinaus begrüsst Eberle, dass sämtliche Akteure miteingebunden werden. «Das schafft Transparenz und Vertrauen.» Trotz aller Vorzüge steckt die Tech­ nologie gemäss Daniel Zuppiger von Stücheli Architekten hierzulande noch in den Kinderschuhen. Damit die ganze Wertschöpfungskette von der BIMMethode profitieren kann, braucht es nebst dem gemeinsamen Verständnis unter anderem einen Effort der ausfüh­ renden Gewerke und der SoftwareIndustrie. Das dürfte sich nicht zuletzt aufgrund des Pilotprojekts der ETH ändern. 2022 soll das neue HIF fertigge­ stellt sein und dem Betrieb übergeben werden, inklusive den im Modell enthal­ tenen umfassenden Informationen.

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Das Beste sieht man nicht: Beim Bauwerk genauso wie bei der Digitalisierung Gebäudetechnik EXPERTENKOLUMNE von PAUL CURSCHELLAS

Gute Prozesse sind so wenig sichtbar wie gute Bauten. Weshalb? Gute Prozesse wie auch gute Bauwerke zeichnen sich durch hohe Funktionali­ tät aus. Für bessere Bauten ist die Überwindung der Informationslücke zwischen Planung und Aus­ führung eine der Grundvoraussetzungen. Dies ­erfordert in der Bauwirtschaft mehr als einen Para­ digmenwechsel. Gefordert werden funktionie­ rende Bauwerke mit dem Reifegrad der Serie und nicht des Prototypen – ein Produkt. Möglich wird dies durch die zunehmende Nutzung der Digitali­ sierung, in allen Branchen. Im Zeichen der digitalen Transformation wan­ deln sich die etablierten Prozesse mit zunehmen­ der Geschwindigkeit. Sich nicht mit diesem ­Wandel auseinanderzusetzen, ist ein Fehler. Der Bau- und Immobilienmarkt steht unter einem enormen Margen-, Zeit und Qualitätsdruck. Die Besteller und Betreiber stellen heute immer höhere Ansprüche, was nur mit Hilfe neuer Methoden und Technologien zu realisieren ist. Nicht selten ziehen, genau aus diesem Grund, mittlere und grosse Unternehmen mit ihren ge­ setzten Angebotsportfolios kleinere und agilere Unternehmen (Start-ups) bei. Dies mit dem Ziel, sich schneller zu reformieren, ohne Scheu vor dis­ ruptiven Veränderungen. Ziel ist es, den notwen­ digen Wandel innert kürzester Zeit herbeizufüh­ ren und die damit verbundenen Chancen rascher nutzen zu können. Dadurch gelangen optimierte Produkte schneller auf den Markt, bei reduzier­ tem Risiko für alle Beteiligten. Wenn Wissen Kapital ist, stellt sich die Frage, wie es in der Baubranche um die Daten steht? Je nach Objektart werden die bauwerksbezogenen Daten mit rund 4 Prozent des Gebäudewerts be­ ziffert. Sie haben eine hohe Relevanz für die Be­ wertung, den Kauf und den Verkauf. Zudem bilden sie einen Teil des Gebäudekapitals. Die Werthaltig­ keit der Investition steht somit in unmittelbarem Bezug zur Qualität des Bauwerks sowie der Daten. Bessere Daten führen zu besseren Entscheidungen und dadurch zu besseren Bauten.

PD

Durchdachte Lösungen für Ihre Immobilien.

Paul Curschellas CIO von buildup

Klar ist, dass die Produkthersteller erhebliche Kosten verursachen, wenn sie die digitalen Bau­ produktinformationen den ausführenden Unter­ nehmen und Planern nicht gut strukturiert zur Ver­ fügung stellen. Produkthersteller, die ihre Prozesse nicht der zunehmenden Digitalisierung anpassen, werden mittel- und langfristig nicht mehr wettbe­ werbsfähig sein. Die Schweiz braucht wie jede grössere Wirt­ schaftsregion zentrale Plattformen mit Material-, Bauteil- und Produktdaten, die sinnvoll mit Dritt­ systemen wie Anwendungen für Ausschreibungen, Building Information Modeling (BIM) und Faci­ lity Management verknüpft sind. Eine effiziente Bedienung und weitgehend automatisierte Aktua­ lisierung ist dabei zentral. Diese BIMLibrary stellt schweizspezifisch Material-, Bauteil- und Produkt­ daten bereit, zugleich muss sie dazu beitragen, dass die Schweizer Bauindustrie auch international punkten kann. Der Vorteil ist, dass die Daten, ein­ mal aufbereitet, mehrfach, zu jeder Zeit und an jedem Ort genutzt werden können – rund um die Uhr, jeden Tag.

Paul Curschellas ist Chief Innovation Officer (CIO) von buildup sowie Gründungsmitglied der Interessensgemeinschaft Bauen digital Schweiz.


Zukunft Bauen

Freitag, 9. November 2018

DENISE WEISFLOG

Unsere Welt ist komplexer geworden, der Alltag vernetzter. Die digitale Transformation hat den Immobiliensektor längst erreicht und prägt das Bauen der Zukunft massgeblich. Darauf hat sich das Beratungsunternehmen Drees & Sommer eingestellt: Die Spezialisten für Projektmanagement, Generalplanung, Engineering, Baumanagement sowie Workplace-, Facility- und Immobilienberatung begleiten durchgängig den gesamten Lebenszyklus von Bau- und Immobilienprojekten. «Wir entwickeln ganzheitliche, nachhaltige und massgeschneiderte Lösungen für unsere Kunden», sagt Jürgen M. Volm, Geschäftsführer von Drees & Sommer Schweiz. Das reicht von ersten Nutzungskonzepten über Planung und Ausführung bis hin zum Gebäudebetrieb. Building Information Modeling (BIM) als digitale Planungsmethode gehört ebenso dazu wie die Überführung der Daten in den späteren Betrieb. «Dabei setzen wir moderne Methoden wie Agiles Pro­ ­ jektmanagement und Lean Construction Management ein. Bei aller Technologie ist es uns ein Anliegen, gemeinsam mit den Kunden ein gesundes Gleichgewicht zwischen digitaler Enthaltsamkeit und Elektronik-Overkill zu finden.»

PROJEKTINNOVATION

Der Mensch steht im Mittelpunkt Drees & Sommer, Beratungsexperten für komplexe Vorhaben im Immobilien- und Infrastruktursektor, realisieren neben vielen internationalen auch zwei zukunftsweisende Schweizer Projekte: Das Bürohochhaus Bau 2 von Roche und die Universitäre Altersmedizin Felix Platter-Spital in Basel.

Volm. Der 205 Meter hohe, 50 Stockwerke umfassende Turm, der ab Frühjahr 2019 wachsen soll, wird rund 2400 Büroarbeitsplätze, verschiedene Sitzungszimmer, Cafeterien und 400 Veloplätze bieten. Die ­Besonderheit beim Bau 2 ist ein flexibles Workplace-Konzept ohne festen Arbeitsplatz. Diese Bürolandschaft hält Angebote für unterschiedliche Tätigkeiten bereit. So gibt es Zonen für Konzentration, Kommunikation, Kollaboration und auch Regeneration. Zu den Herausforderungen gehört, dass das Gebäude in einer Erdbebenzone errichtet wird, was höchste Anforderungen an die Tragstruktur bedeutet. «Eine Vorreiterrolle in der Schweizer Bauwirtschaft nimmt der Bau 2 vor allem durch den konsequenten Einsatz von BIM ein. Und zwar von der Planung über die Ausschreibung bis hin zum Betrieb», sagt Volm. Noch bevor das Fundament gelegt wurde, entstand das Gebäude in allen Details als «Digital Twin» am Computer. Dank eines modularen Planungsprozesses konnte Drees & Sommer die Effizienz und Flexibilität des Baus zusätzlich steigern.

Durchgängige BIM-Methode

Zukunftsweisendes Bauen Zu den Projekten, an denen Drees & Sommer von Anfang an massgeblich beteiligt war, gehören Bau 1 und Bau 2 des Pharmakonzerns Roche sowie der Neubau der Universitären Altersmedizin Felix Platter-Spital in Basel. «Bereits ein Jahr vor der Einweihung des Bau 1, dem bis dato höchsten Gebäude der Schweiz, begann das Projektteam 2014 mit der Planung des zukünftig höchsten Gebäudes des Landes – dem Bau 2», erklärt

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NZZ-Verlagsbeilage

Roche in Basel: Neben dem Bau 1 (rechts) entsteht ab 2019 der Bau 2. Mit 205 Metern löst er dereinst seinen kleineren Bruder als höchstes Gebäude der Schweiz ab. ROCHE

Beim Neubau der Universitären Altersmedizin Felix Platter-Spital, einem der schnellsten Klinikprojekte der Schweiz, wird ebenfalls auf eine modulare Bauweise gesetzt. So wurden etwa vorgefertigte Badezimmer Stockwerk für Stockwerk im Rohbau platziert. Das Projekt ist zudem ein weiteres Beispiel für eine durchgängige Anwendung der BIMMethode: BIM-Daten werden nicht nur in der Planung und Reali­sierung verwendet, sondern auch im B ­ etrieb für ein digitales Facility Management übernommen. Dadurch wird die Bewirtschaftung des Spitalneubaus noch effizienter und

transparenter. «Unser grosses Augenmerk gilt neben der Sicherstellung des BIM-Prozesses auch der Einhaltung des Budgets bei gleichzeitig hoher Qualität – und natürlich der rechtzeitigen Fertigstellung im Frühjahr 2019», betont Volm.

Smart Buildings, Smart City Und wie wird das Bauen der Zukunft aussehen? Als Haupttrend nennt Volm die fortschreitende Digitalisierung und die damit einhergehende Entwicklung smarter Gebäude, bei denen der Nutzer klar im Vordergrund steht. Spinne man diesen Gedanken weiter, lande man bei der Smart City, die Drees & Sommer in Anlehnung an die Unternehmensfarben «Blue City» nennt: Sie bietet integrierte Lösungen für Städtebau, Infrastruktur und Mobilität und berücksichtigt dabei ökologische, ökonomische und soziale Aspekte. Neben der Digitalisierung spielen hier auch Themen wie die Kreislauf-Wirtschaft («cradle to cradle») eine wesentliche Rolle. Volm ist jedoch davon überzeugt: «Bei allen unseren Vorhaben muss der Mensch im Mittelpunkt stehen, seinen Anforderungen müssen die Gebäude der Zukunft gerecht werden. Der individuelle Mix aus digital und analog wird hier den entscheidenden Mehrwert liefern und die Vorhaben unserer Kunden – mit unserer Unterstützung – zum Erfolg führen.»

Drees & Sommer Schweiz Gründung Niederlassung: Standorte Schweiz: Mitarbeitende Schweiz: Standorte weltweit: Mitarbeitende weltweit:

2008 Zürich, Basel, Bern, Lausanne 200 40 3200

EXPERTENKOLUMNE

EXPERTENKOLUMNE

von BERNHARD BERGER

von MICHEL BOHREN

Was vor fünf Jahren noch nach «Star Wars» klang, ist heute längst in der Realität verankert – das Building Information Modeling (BIM). Im neuesten Aktionsplan Digitale Schweiz von September 2018 verpflichtet der Bundesrat den Bund und die bundesnahen Betriebe, ab 2021 für Immobilien und ab 2025 für Infrastrukturanlagen die BIMMethode anzuwenden. Doch schon beschäftigen uns weitergehende Entwicklungen: „„ Automatisierte Planung: Neue Berufsfelder wie BIM-Manager konkretisieren sich. Darüber hinaus besteht auch Diskussionsbedarf, welche Rolle die Ingenieure einnehmen werden, je automatisierter die Planung sein wird. Die Digitalisierung erhöht den Bedarf an IT-Fachwissen, das heute in der Baubranche noch wenig vorhanden ist. Die zunehmende Automatisierung – inklusive die Anwendung von Systemen mit künstlicher Intelligenz (KI) – wird die Arbeitswelt, die Geschäftsmodelle und nicht zuletzt die Rolle des beratenden Ingenieurs verändern. „„ «Death of the billable hour»: Am diesjährigen FIDIC-Kongress in Berlin war die Einsicht unter den internationalen Führungskräften aus der Ingenieurbranche einhellig. Das bisherige Honorierungsmodell für Planerleistungen, das auf dem Verkauf von Arbeitsstunden basiert, hat ausgedient. Wenn immer mehr Arbeitsschritte digitalisiert und automatisiert ablaufen, verliert die menschliche Arbeitsstunde ihren Referenzwert. Diese Entwicklung ist eine Chance. Sie gibt dem Planungsunternehmen die Möglichkeit, seine Leistung anhand ihres Werts für den Kunden zu verkaufen. „„ Datensicherheit: Auch Cybersecurity gewinnt an Bedeutung. Mit der digitalen Planung werden viele Daten auf einem zentralen Server oder in der Cloud abgespeichert. Kürzlich hat das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) einen Minimalstandard für Informations- und Kommunikationsrisiken in Schweizer Betrieben vorgestellt. Mit über 100 Handlungsanweisungen vertraut der Bund dabei auf die Freiwilligkeit der

Ein Bauherr fordert in erster Linie, dass er – innerhalb der abgesprochenen Zeit und zu den vereinbarten Kosten – erhält, was er bestellt hat. Damit das möglich ist, stellt die Schweizerische Zentralstelle für Baurationalisierung CRB der Industrie seit 60 Jahren Hilfsmittel zur besseren Verständigung und für einen reibungslosen Datenaustausch zur Verfügung. Die hohe Kultur und Qualität im Schweizer Bauwesen sind weltweit einzigartig. Das hat unter anderem mit der guten Verständigung zu tun. CRB setzt alles daran, dass dies auch künftig so bleibt. Mit der Zuordnung der schweizerischen Kostenstruktur eBKP zum internationalen Datenaustausch-Standard IFC (Industry Foundation Classes) wird für Pilotprojekte aktuell ein Regelsatz zur Verfügung gestellt. Mengen und Kosten können so in bekannter Struktur aus den Modellen extrahiert und Drittsystemen angeboten werden. Bis zur Swissbau 2020 will CRB diesen Regelsatz kontinuierlich verbessern und zu einem Standard weiterentwickeln. Generell werden Richtlinien zur Modellierung künftig eine grosse Rolle spielen. Auch hier braucht es eine klare Verständigung, damit unterschiedliche Anspruchsgruppen aus der Geometrie genau das beziehen können, was sie für die Weiterverarbeitung erwarten. Mit den Anwenderhandbüchern zum eBKP gibt es vonseiten CRB bereits Hilfsmittel, die entsprechend angepasst und erweitert werden sollen. Weiter beschäftigt sich CRB im Zusammenhang mit Building Information Modeling (BIM) intensiv mit der «bauteilbasierten Ausschreibung». Damit Planer in Zukunft BIM-Modellinhalte für die Ausschreibung nutzen können, müssen die Inhalte des Normpositionen-Katalogs (NPK) digital transformiert und maschinenlesbar werden. Über einen Prototyp haben wir aufgezeigt, wie aus Datensätzen und Attributen in einem Re-Engineering Leistungsverzeichnisse erstellt werden können. Auch hier gibt es noch offene Fragen: Wie ­lassen sich Bauleistungen, die nicht modelliert wer-

Bernhard Berger Präsident der usic

Unternehmen, selbst wenn es sich um kritische Infrastrukturen handelt. Die politischen Reaktionen von links bis rechts zeigen, dass früher oder später die Frage nach zwingenden Massnahmen im Raum stehen wird. Die Debatte ist lanciert. „„ Notwendigkeit von Qualitätswettbewerb und neuen Kollaborationsformen: Die neuen Arbeitsmethoden bedingen zweierlei. Zum einen wird der erhoffte Nutzen nur realisiert, wenn bei der Leistungsbeschaffung qualitative Aspekte im Vordergrund stehen. Mit der Beschaffung des billigsten Anbieters wird ein Auftraggeber seine Projektziele nicht erreichen. Zum anderen sind neue Zusammenarbeitsformen notwendig. Die heutigen Interessengegensätze mit dem ihnen innewohnenden Konfliktpotential stehen einer kollaborativen Projektentwicklung im Wege. Neue Formen sind erforderlich. Die unternehmerischen Veränderungen in Angriff zu nehmen, erfordert Mut seitens der Firmenleitungen und auch der Mitarbeitenden. Es obliegt den Unternehmen, sich die Frage zu stellen, was es braucht, um Mut zu entwickeln und in welchem Umfeld dieser dann zum Tragen kommen kann.

Bernhard Berger ist Präsident der Schweizerischen Vereinigung Beratender Ingenieurunternehmungen usic.

PD

Liefern, wie bestellt – sowohl im Budget als auch im Zeitplan

PD

Die Zukunft jenseits von Building Information Modeling (BIM)

Michel Bohren Direktor der CRB

den – zum Beispiel die Lieferung von Mustertüren oder der Schutz von Bauteilen gegen Beschädigung oder Verschmutzung – regelbasiert Elementen aus dem Modell zuweisen? Ebenfalls betreffend Kostenkennwerte geht CRB neue Wege. Auf der Basis standardisierter Strukturen sollen Kennwerte dynamisch und kontextabhängig genutzt werden können. Ganz gleich, ob der interessierte Anwender spezifische, nachkalkulierte Objekte im Sinne des heutigen Objektarten-Katalogs (OAK) analysieren, Kostenschätzungen seiner Projekte erstellen oder einzelnen Positionen Marktpreise gegenüberstellen möchte: Er soll dies als Service beziehen können. Auch hierzu haben wir bereits Prototypen erstellt. Es ist das Ziel von CRB, für die Bauwirtschaft Grundlagen zu schaffen, um Informationen zu Bauteilen, Mengen, Kosten und Leistungen organisations- und systemübergreifend ohne Medienbrüche zur Verfügung zu stellen. Das ist komplex und mit grossen Aufwänden verbunden. Doch die Mitarbeitenden von CRB haben die Herausforderungen angenommen und sind dabei, in Zusammen­ arbeit mit Partnern, Lösungen zu erarbeiten.

Michel Bohren ist Direktor der Schweizerischen Zentralstelle für Baurationalisierung CRB.


20  NZZ-Verlagsbeilage

Zukunft Bauen

Freitag, 9. November 2018

PRODUKTINNOVATION

Vom Öltanker zum Wolkenkratzer: Parallelen im Schiffs- und Häuserbau Aus dem Val Müstair an den Bodensee und hinaus auf die Weltmeere. Das sind die Stationen von Andri Largiadèr zum Gründer von GD Solutions in Zürich. Ein Unternehmen, das die Planungsphase beim Schiffsbau vereinfacht und nun eine Plattform entwickelt, die auch den Häuserbau effizienter gestaltet. Ein Projekt, das er mit seiner Geschäftspartnerin Rahel Vils realisiert.

Mit der neuen Plattform GD Solutions lässt sich bis zur Hälfte der benötigten Zeit einsparen.

Das nächste Programm wird ein Bauleitungsassistent, der den Einsatz der Monteure vereinfachen soll.

Firmengründer Andri Largiadèr (links) im Gespräch mit Paul Hitz, Senior-Projektleiter von Amstein + Walthert, einem der PD ­ estkunden der Plattform GD Solutions. T

SANDRA MONN

Als Andri Largiadèr (53) nach dem Maschinenbaustudium an der ETH in Zürich und dem Schiffsbaustudium am MIT in Boston als Neubauprojektleiter für Öl-, Gas-, und Chemikalientanker bei Reedereien arbeitete, bestand eine der grössten Herausforderungen darin, dass die involvierten Teams in verschiedenen Ländern domiziliert waren. Zum Beispiel konstruierte die Reederei auf Zypern und die Designer konzipierten in Schanghai. Wenn die Pläne besprochen werden mussten, waren fünf Kisten nötig, um alles Papier zu verpacken und per FedEx an alle Beteiligten auf die Reise zu schicken. Am jeweiligen Zielort angekommen wurden mit Filzstift Anmerkungen notiert. Bis die überarbeiteten Pläne wieder zurück waren, vergingen gut und gerne drei Monate. «Ich dachte mir, im 21. Jahrhundert muss es doch eine effizientere, digitale Lösung geben», erinnert sich Largiadèr. «Ein Programm, in das man die Pläne hoch lädt und in dem alle Involvierten ihre Anmerkungen anbringen und diskutieren können.» Daraus entstand GroupDraw, eine Plattform für die Annotation und Kommunikation auf Plänen. Viele am Schiffbau Beteiligte waren begeistert. Den passionierten Segler Largiadèr zog es anschliessend nach Hamburg zu Blohm + Voss. Beim Umbau von Megayachten und Kreuzfahrtschiffen nutzte er nun GroupDraw. Es gab weniger Diskussionen, weniger Fehler und die Arbeiten schritten effizienter voran.

Die Baustelle wird digital Unternehmen aus der Sparte Häuserbau, zeigten ebenfalls Interesse an der neuen Plattform. Weil die räumliche Trennung bei Bauprojekten hierzulande seltener der Fall ist, «Schweizer sitzen an einem Tisch und diskutieren die Pläne direkt miteinander», wurde Andri Largiadèr beauftragt, für den Häuserbau ein Programm zur Ausführung der Arbeiten analog zur Lösung im Schiffbau zu ent-

wickeln, das zusätzlich auch zur Mängelbewirtschaftung und Baudokumentation angewendet werden kann. Der digitale Häuserbau steckt gemäss Largiadèr in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Die Bauindustrie sei zu wenig digitalisiert. «Wir sind also in der erfreulichen Situation, dass wir vieles verändern können.» Auf einem Flug nach Zürich blätterte Largiadèr im Bordmagazin, in dem über eine UX-Designagentur (User Experience) berichtet wurde, die sich auf Benutzerfreundlichkeit und Prozessoptimierung spezialisiert hatte. Der Anruf gleich nach der Landung erwies sich jedoch als Enttäuschung, «die Kostenvorstellungen lagen zu weit auseinander». Die Firma empfahl aber eine andere UX-Designerin: Rahel Vils. Sie war unter anderem verantwortlich für das komplette Redesign von Doodle. Andri Largiadèr erkannte das Potenzial der jungen UX-Designerin und holte sie an Bord seiner Firma.

Die Migros als Testkunde Nach ersten Gesprächen mit Fachplanern, Bauherren und Unternehmen entwickelte Firmengründer Largiadèr zusammen mit seiner neuen Geschäftspartnerin Vils im August 2017 erste Prototypen. Diese werden unter anderem an Bauprojekten mit Amstein + Walthert und von der Migros getestet. «In der Pilotphase haben wir eng mit unseren ausgewählten Testkunden zusammengearbeitet. Nachdem die Bedürfnisse in Gesprächen erläutert worden waren, haben wir uns ebenfalls vor Ort umgesehen, die Abläufe beobachtet und diese kritisch hinterfragt: Wie geht ein Bauleiter am Arbeitsplatz vor, wie werden Mängel erfasst, welche Bedürfnisse müssen abgedeckt werden? Alle Prozesse wurden analysiert», erzählt Vils. Ihr Anspruch war es, das Tool so zu gestalten, dass es selbsterklärend ist. «Nur schön reicht nicht, es muss gut bedienbar sein und dem Bedürfnis der Zielgruppe gerecht werden.» So ist es gelungen, ein Programm zu entwickeln, das den Erfor-

dernissen auf dem Bau entspricht. Pendenzen, Mängel und Baudokumentationen werden direkt digital erfasst und mit den Plänen verknüpft. Eine Neuerung von GD Solutions, das denselben Namen wie die Zürcher Firma trägt, liegt in der Möglichkeit, Pendenzen und Mängel grafisch zu filtern und zu sortieren. Das bietet dem Bauleiter einen sofortigen Überblick über alle offenen Punkte, aber auch ein Instrument, um Pendenzen schnell auf der Baustelle zu erfassen und zu verorten. Durch die Integration aller am Bau Beteiligten werden Informationen zwischen Planern und Ausführenden effizient ausgetauscht. GD Solutions kümmert sich also um das «I» aus BIM (Building Information Modeling). Das Programm ist auf den schnellen und einfachen Austausch aller Informationen spezialisiert: Von der Planung über den Bau bis hin zum Betrieb des Gebäudes. «Nach neun Iterationen müssen wir nur noch am Design arbeiten und dem Programm sozusagen das passende Kleid überziehen», sagt Vils.

Ein intelligentes Tool Das neue Programm GD Solutions, das ab März 2019 auf dem Markt erhältlich sein wird, unterstützt die Bauleiter sowohl auf der Baustelle als auch im Büro und integriert alle Unternehmer. «Der Elektriker und der Sanitär brauchen eine einfache Möglichkeit, um vor Ort via Tablet auf zugewiesene Mängel und Pendenzen zuzugreifen», erklärt Andri Largiadèr. Der Plan selbst steht dabei nicht im Vordergrund. In der Phase der Ausführung sind die Listen mit den Anmerkungen, was noch erledigt werden muss, wichtig. Die Pläne helfen bei der Orientierung im Gebäude, um die Stellen zu finden, die einer Ausbesserung bedürfen. «Die Programme, die bereits auf dem Markt sind, bieten oft eine Fülle von Funktionen, was sie kompliziert und auch teuer macht. Wir haben die bestehenden Prozesse nicht einfach digitalisiert, sondern analysiert und versucht, mit den heutigen digitalen Möglichkei-

ten der Baubranche eine Verbesserung ihrer Abläufe zu ermöglichen. Wir integrieren vom Bauherrn über den Planer und Bauleiter bis zum Handwerker alle Akteure», so Largiadèr. «Die grösste Herausforderung war, das Programm so zu entwickeln, dass es selbsterklärend in der Bedienung ist. Die Arbeiter auf dem Bau sehen sich vorab kein Video-Tutorial an. Wir haben uns also gefragt, was es wirklich braucht und die Plattform auf das Nötigste reduziert», erzählt Rahel Vils. Neben dem Design des Tools wird ebenfalls an verschiedenen Sprachen gearbeitet, die zur Auswahl stehen werden. GD Solutions wird zudem so konzipiert sein, dass es überall ohne WLAN funktioniert.

Der Kreis schliesst sich Das Programm, das Largiadèr und Vils für die Ausführungsphase beim Häuserbau konzipiert haben, stösst wiederum in der Schiffsbauwelt auf Interesse. Eine Firma aus Bremen würde es gerne für den Innenausbau einer Yacht nutzen. «Wenn es darum geht, 900 Pendenzen abzuarbeiten, ist es essenziell, dass alle Involvierten über dieselben Informationen verfügen. Sie müssen jederzeit wissen, wo sie was finden und was der aktuelle Stand einer Arbeit ist», so der Maschineningenieur. Das erste Programm GroupDraw wurde für die Schiffsbaubranche konzipiert, um die direkt am Projekt Beteiligten an verschiedenen Orten der Welt in «real time» zu verbinden und so Zeit und Geld zu sparen. Das zweite Programm GD Solutions ermöglicht es, den an der Ausführung des Häuserbaus Beteiligten Stift und Papier zu ersparen, den aktuellen Stand des Baus digital zu erfassen und direkt mit den gewünschten Personen zu teilen. «Mit der neuen Plattform lässt sich bis zur Hälfte der bislang benötigten Zeit einsparen», sagt Largiadèr. Was letztlich allen Involvierten zugutekommt, sowohl im Schiffs- als auch im Häuserbau. Selbst Baumängel, die bisher nur handschriftlich erfasst wurden

und am Schluss Schäden verursachen, können nicht mehr übersehen werden. Alles, was noch nicht erledigt ist, wird so lange angezeigt, bis sich der Verantwortliche darum kümmert. Seitens der Testkunden durfte das Team bereits positives Feedback entgegennehmen. «Wir haben es geschafft, eine einfache Lösung zu kreieren, die die Abläufe auf der Baustelle um ein Vielfaches effizienter gestaltet. Eine Lösung, die speziell die auf der Baustelle Involvierten begeistert», so Largiadèr. «Die Euphorie, die wir gesehen haben, als wir den Testfirmen das Tablet in die Hand gedrückt haben, hat uns bestätigt, mit GD Solutions das richtige Programm erschaffen zu haben. Es wird geschätzt, weil es für den Kunden von Nutzen ist», ergänzt Vils. Ist das neue Programm auf dem Markt, ist die Arbeit für Andri Largiadèr und Rahel Vils aber nicht beendet. Sie tüfteln bereits an einer neuen Vision. Ziel ist ein Bauleitungsassistent, der den Einsatz der Monteure vereinfacht. «Die Monteure sind einem enormen Druck ausgesetzt. Das Programm wird mitdenken und ihnen etwas abnehmen», sagt Vils.

Heute testen, morgen nutzen sm.  ·  In der jetzigen Pilotphase können sich Firmen, die sich ebenfalls mit einem Bauprojekt befassen, bei GD Solutions in Zürich melden, um die neue Plattform zu testen. Die Teilnehmer erhalten ein Tablet und eine Einführung vor Ort und werden von den Experten während der gesamten Testphase begleitet. Überzeugt das Programm, kann es ab nächstem Frühjahr erworben werden. Der Preis orientiert sich an der benötigten Datenmenge. Benutzen können es so viele Personen, wie gewünscht sind. Mehr dazu unter www.gdsols.com.


Zukunft Bauen

Freitag, 9. November 2018

AUS- UND WEITERBILDUNG

Neuer Studiengang Digital Engineering Mit ihren breitgefächerten Lehr- und Forschungsprogrammen bewegt sich die Hochschule Luzern – Technik & Architektur auf der Höhe der Zeit. Ziel ist es, angehende Ingenieure und Architekten optimal auf die zunehmend digitalisierte Berufswelt vorzubereiten.

Die digitale Transformation, die wir derzeit in allen Branchen erleben, schreitet auch in der Bauwirtschaft immer weiter voran. Das zeigt sich vor allem bei grossen, anspruchsvollen Projekten. Zum Einsatz kommen hier ganz neue Technologien, die für mehr Effizienz und Planungssicherheit sorgen und dabei helfen, Zeit und Kosten zu sparen. «Die Digitalisierung birgt enorme Potenziale. Zugleich verändert sie die Art und Weise, wie wir bauen und planen. Das betrifft nicht nur die Werkzeuge der Bauleute, Ingenieure und Architekten, sondern auch die Organisationsformen und Prozesse», erklärt Professor Urs Rieder. Als Leiter Ausbildung der Hochschule Luzern – Technik & Architektur gehört es zu seinen Aufgaben, das Studien- und Fortbildungsprogramm seines Departements so weiterzuentwickeln, dass es den beruflichen Herausforderungen von heute und morgen gerecht wird. «Derzeit beschäftigen sich alle Hoch-

schulen mit der Frage, wie sich ihre Lehre durch die Digitalisierung ändert», stellt Rieder fest. «Damit befassen wir uns natürlich auch. Viel wichtiger erscheint mir aber eine andere Frage: Wie müssen sich die Berufsbilder und die Abschlusskompetenzen verändern, damit sich unsere Absolventinnen und Absolventen in einer zunehmend digitalisierten Berufswelt erfolgreich durchsetzen können.»

Moderne Ausbildungsansätze Digitale Technologien haben zu einem Paradigmenwechsel geführt, der hergebrachte Denk- und Arbeitsweisen ­geradezu auf den Kopf stellt. «Dies gilt besonders für komplexere Bauaufgaben. Sie sind nur noch in enger Kooperation aller Beteiligter zu lösen», wie Rieder betont. An die Stelle einzelner Spezialisten und voneinander abgegrenzter Gewerke treten fachübergreifende, interdisziplinäre Teams, die ihre ganz unterschiedlichen Aufgaben und Kompetenzen vom

Urs Rieder Leiter Ausbildung der Hochschule Luzern – Technik & Architektur

PD

ELMAR ZUR BONSEN

ersten Konzept bis zur Realisierung eng miteinander verzahnen – digital. Und sie bedienen sich dabei innovativer Tools, die immer leistungsfähiger werden. Experten zufolge dürften Computer schon bald in der Lage sein, nicht nur Modellrechnungen zu erstellen und gewaltige Datenmengen zu strukturieren, sondern auch Grundrisse, Schnitte und Ansichten Algorithmen-basiert selber zu zeichnen. Architekten und Ingenieure können sich dann vertiefter um das gesamte System des Gebäudes und um die Gestaltung kümmern. Auch wenn manches davon noch wie Zukunftsmusik tönen mag: Gefragt sind

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NZZ-Verlagsbeilage

schon heute neue Ausbildungsansätze, die den akademischen Nachwuchs zu kompetenten Mitgestaltern des Wandels machen. Die Hochschule Luzern – Technik & Architektur hat die Zeichen der Zeit erkannt. So richtete sie im vergangenen Jahr eine eigene Themenplattform «digitalesBauen@T&A» ein, die sich – gebündelt am Campus in Horw – mit zentralen Aspekten der Digitalisierung in Lehre und Forschung befasst. Doch dabei soll es nicht bleiben: Derzeit entwickelt die Hochschule auch einen neuen Studiengang, der sich speziell dem Überthema «Digital Engineering» widmen wird. Bereits im Herbst 2019 soll es losgehen. «Wir möchten mit diesem kompakten, praxisnahen Studiengang dazu beitragen», sagt Rieder, «dass unsere Absolventinnen und Absolventen die Potenziale der Digitalisierung entdecken und sie zur Erhaltung und Verbesserung unseres Lebensraums aktiv umsetzen können.» Digitales Grundlagenwissen wird ­dabei ebenso auf dem Lehrplan stehen wie Datenmanagement und Software-­ Entwicklung. Rieder zufolge versteht sich «Digital Engineering» als wichtige Ergänzung der bereits bestehenden ­Angebote im Fachbereich Bau. Diese umfassen gegenwärtig vier Studiengänge in den Disziplinen Architektur, Bauingenieurwesen, Gebäudetechnik/Energie und Innenarchitektur.

Gezielte Vertiefungsangebote Seit dem Studienjahr 2017/18 bietet die Hochschule interessierten, bestgeeigneten Studierenden zudem die zusätzliche Möglichkeit, sich im Rahmen eines «Bachelor +» vertieft in die Thematik der interdisziplinären Teamarbeit sowie des digitalen Bauens beziehungsweise Building Information Modeling (BIM) einzuarbeiten und sich gezielt für die Be-

rufspraxis zu qualifizieren. Vier Teams mit Studierenden aller Baustudiengänge absolvieren dabei während ihrer letzten beiden Semester – neben ihrer fachbezogenen Ausbildung – fünf aufeinander aufbauende, interdisziplinäre Entwurfsprojekte. «Im Vordergrund steht das gemeinsame Einüben in eine konkrete Aufgabenstellung», sagt Rieder. In diesem Jahr ging es zum Beispiel darum, die bestehende Infrastruktur eines Hotels auf der Horwer Halbinsel zu optimieren. 14 Studierende beteiligten sich am Projekt, entwickelten eifrig Pläne – und schlossen die Zusatzqualifikation am Ende mit dem «Bachelor + Interdisziplinarität am Bau» erfolgreich ab.

Hochschule Luzern ezb.  ·  Nicht nur in der Lehre, auch in der Forschung setzt die Hochschule Luzern – Technik & Architektur eigene Akzente. In einer breit angelegten Studie «ClimaBau – Planen angesichts des Klimawandels» hat sie jüngst den Einfluss ansteigender Aussentemperaturen auf den Energiebedarf und die Behaglichkeit von Wohnbauten in der Schweiz untersucht. «Der Schutz gegen Kälte wird zwar nach wie vor wichtig sein», so Gianrico Settembrini, Forschungsgruppenleiter am Institut für Gebäudetechnik und Energie der Hochschule Luzern. «Aber unsere Daten zeigen, dass sich der Bedarf an Heizwärme in Zukunft um 20 bis 30 Prozent reduzieren wird. Will man die heutigen Komfortansprüche erhalten, wird der grosse Knackpunkt in Zukunft sein, Wohnhäuser so zu planen, dass keine aktive Kühlung notwendig sein wird.»

Publireportage

Überbauung «holts» in St. Gallen als BIM-geplantes Bauprojekt: Gemeinsam lernen und profitieren. Es ist in aller Munde - die digitale Revolution in der Baubranche: Building Information Modeling, kurz BIM genannt. Heute noch Kür, wird der Einsatz von BIM in naher Zukunft zur Pflicht. Renggli hat im Projekt «holts» das gesamte Projekt von Grund auf nach BIM konzipiert und sammelt so wertvolle Erfahrungen.

Kollisionsprüfung der Haustechnik mit Fehler (links) und mit angepasster Lösung (rechts) in Solibri.

Im Jahr 2021 sollen die ersten Mieter in der Überbauung «holts» einziehen.

D

ie Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit allen involvierten Partnern war ein sorgfältig ausgearbeiteter Projektabwicklungsplan. In diesem werden die Projektziele definiert, der gesamte Prozess detailliert beschrieben und auch die Definition der technologischen Infrastruktur und des zukünftigen Datenaustauschs festgehalten. Mit der interdisziplinären Zusammenarbeit am gemeinsamen, digitalen und dreidimensionalen Modell können nun Architekten, Fach- und Werkplaner sowie Ingenieure ihre Fachkompetenz optimal einsetzen und mit dem BIM-Prozess Fehler schon vor dem Bauen verhindern und den Bauprozess optimal unterstützen. Am Ende bedeutet dies, dass das Bauprojekt in besserer Qualität bezugsbereit ist, die Bewirtschaftung effizienter und der spätere Rückbau einfacher wird. Renggli realisiert als Generalunternehmer mit dem Projekt «holts» zwei mehrgeschossige Bauten komplett in Holz. Das Konzept setzt sich aus zwei langen geknickten Gebäudezeilen zusammen, die Platz für 110 Wohnungen bieten. Mit der geknickten Form werden die beiden schlanken Baukörper in Höhen- und Längsausdehnung gestaffelt und fügen sich

auf natürliche Weise in den Geländeverlauf ein. Die Gebäude sind in verschiedene Höhen unterteilt – von drei- bis fünfgeschossig - und bilden gemeinsam einen Innenraum, der den Bewohnern als Begegnungs- und Kommunikationsraum dient. Der Baustart ist auf Herbst 2019 geplant der Bezug der Wohnungen im Jahr 2021. Investor

Previs Vorsorge

Totalunternehmer

Renggli AG

Architektur

Burkhalter Sumi Architekten GmbH

Generalplaner Renggli International AG Engineering

Renggli AG

Holzbau

Renggli AG

Renggli AG Die Renggli AG ist Spezialistin für den energieeffizienten Holzbau und gehört zu den Pionieren der Minergie-Baustandards. Als Generalunternehmer und Holzbaupartner realisiert Renggli über 150 Bauprojekte pro Jahr in moderner Holzbauweise. Die Philosophie des energieeffizienten und nachhaltigen Bauens in Holz setzt die Renggli AG mit ihren über 200 Mitarbeitenden gleichermassen für Wohnhäuser und ganze Siedlungen wie auch für gewerbliche und öffentliche Bauten in der ganzen Schweiz um. www.renggli.swiss


22  NZZ-Verlagsbeilage

Zukunft Bauen

Freitag, 9. November 2018

Anfang des nächsten Jahres wird der Bau 2 (oben rechts) bodeneben sein und danach etwa alle zwei Wochen um ein Stockwerk bis 205 Meter in die Höhe wachsen.BILDER ROCHE

PROJEKTINNOVATION

Ein starkes Duo Der Pharmakonzern Roche doppelt an seinem Hauptsitz in Basel nach. Mit dem Bau 2 folgt auf den Bau 1 das abermals höchste Gebäude der Schweiz. Der grosse Bruder wird es auf mehr als 200 Meter bringen.

Die Zukunft schon heute betrachten

Die Geschwister im Vergleich Bürohochhaus Fertigstellung Höhe Etagen Volumen Investition Mitarbeitende

Bau 1 2015 178 Meter 41 324 000 m3 550 Mio. Fr. bis 2000

Bau 2 2022 205 Meter 50 342 600 m3 550 Mio. Fr. bis 3100*

Dank BIM-Datenbank (Building Information Modeling) und dem Einsatz von Virtual Reality (VR) können Theorie in der Planung und komplexe Umsetzung auf der Baustelle präzis orchestriert und effizient abgewickelt werden. Die in der Schweiz und Deutschland angesiedelten Projekt- und Planerteams arbeiten alle an einem gemeinsamen 3D-Koordinationsmodell – Doppelspurigkeiten oder Wissenslücken ausgeschlossen. Den künftigen Nutzern der Büros steht es offen, schon heute einen Blick in

*Unter Berücksichtig eines Modells ohne festen Arbeitsplatz. 

Nach dem 2015 eröffneten Bau 1 entsteht bei Roche in Basel bis 2022 ein weiteres Bürohochhaus, der Bau 2. Gemeinsam werden sie zum zentralen Dreh- und Angelpunkt für Personal und Gäste. Der Bau 2 schafft weiter Platz, um Mitarbeitende, die noch nicht direkt auf dem Hauptareal an der Grenzacherstrasse ­tätig sind, auf dieses zurückzuholen. Im Zentrum der beiden Gebäude stehen der erleichterte Austausch der Menschen, die Stärkung von Kommunikation und Innovation sowie eine Infrastruktur von höchster Qualität, die zu einem angenehmen Arbeitsumfeld beiträgt. Anfang des nächsten Jahres wird der Bau 2 bodeneben sein und danach etwa alle zwei Wochen um ein Stockwerk in die Höhe wachsen.

Quelle: Roche

die neue Arbeitsumgebung zu werfen, im Unterhalt werden VR-Brillen dabei helfen, hinter Wände und Decken zu sehen, ohne diese antasten zu müssen. Aber auch im Betrieb wird der Bau 2 zukunftsweisend sein: Als «Smart Building» wird er den Mitarbeitenden den Alltag aufgrund von Erkenntnissen aus täglichen Abläufen so angenehm wie möglich gestalten – von der Luftregulierung in den Sitzungszimmern bis hin zur vorausschauenden Wartung von technischen Anlagen wie die in einem Hochhaus so wichtigen Lifte. Sollte eine Wartung nötig sein, wird diese bereits vor einem möglichen Ausfall angeordnet.

Gleiches Volumen, höhere Effizienz Könnte der Bau 1 sprechen, wäre der kleinere, jedoch ältere Bruder wohl heute schon stolz auf die Entwicklung seines grossen Bruders. Und wie bei Geschwistern üblich, wüsste der Bau 1 auch bereits, welche Aufgaben innerhalb des Areals auf den Jüngeren warten werden. Um die Verbindung und den Austausch der Mitarbeitenden über die vielen Etagen eines Hochhauses einfach zu halten, werden im Bau 2 immer drei Bürogeschosse über Wendeltreppen verbunden. Gegenüber dem Bau 1 erzielt der Bau 2 zudem eine Effizienzsteigerung von fast 50 Prozent: Bei gleichem Volu-

Gegenüber dem Bau 1 erzielt der Bau 2 eine Effizienzsteigerung von fast 50 Prozent.

men wird mehr Platz für die Menschen geschaffen, ohne die Qualität der Arbeitsumgebung zu schmälern. Genau wie sein kleiner Bruder wird auch der Bau 2 ein «Green Building», mit hohem Anspruch an Nachhaltigkeit und Energieeffizienz. Anders als in der Bau 1 kann der erste Kaffee des Tages direkt in einer Cafeteria im Erdgeschoss genossen werden. Nicht nur über Mittag lädt ein Bistro im 12. Stock zum Verweilen ein, untertags kann es ebenfalls zum Arbeiten oder für Besprechungen genutzt werden. Im Untergeschoss befindet sich ein grosszügiger Fahrradkeller, in dem das Velo selbst im Winter eingestellt werden kann. Etwas bleibt aber auch beim grossen Bruder wie gehabt: Beide Bürohoch­ häuser bieten einen unvergleichbaren Blick auf die Stadt Basel und das ­Dreiländereck.

ÖKOSYSTEM IMMOBILIENBRANCHE

«SVIT-Präsidium lanciert Digital Board» Nachgefragt bei Andreas Ingold, Präsident des Schweizerischen Verbandes der Immobilienwirtschaft (SVIT) und CEO von Livit. Gestützt auf meine erwähnten Schilderungen müssen wir uns die Frage stellen, wie beziehungsweise in welchem Umfang sich der SVIT mit seinen Gesellschaften digital ausrichtet, und welche Auswirkungen die Digitalisierung für unsere Mitglieder oder auf die Ausbildung hat. Daher wurde unter der Federführung des SVIT-Präsidiums ein sogenanntes Digital Board lanciert. Dieses setzte sich in Workshops mit Kunden – Mitglieder, Vertreter von Immobiliendienstleistern und Eigentümern – mit deren künftigen Bedürfnissen auseinander. Momentan analysieren wir die Erkenntnisse aus den Workshops. Diese Analyse wird uns Aufschluss geben, welche Digitalisierungsschritte wir vornehmen möchten.

Welche Konsequenzen hat die digitalen Transformation auf die Immobilienbranche? Die Digitalisierung wird auch auf die Immobilienwirtschaft signifikante Auswirkungen haben und die Branche respektive unsere Mitglieder spalten. Diejenigen Unternehmen, die in der Lage sind, die nötigen hohen Investitionen zu tätigen, werden für professionelle Investoren sowie für kleinere private Immobilienbesitzer ein sehr viel attraktiverer Partner werden, als sie es heute schon sind. Dies deswegen, weil der Serviceund Funktionsumfang sowie die Qualität nicht mehr mit dem heutigen Stand vergleichbar sein wird. Kleine lokale Dienstleister werden ihren Platz mit hoher persönlicher Sozialkompetenz behaupten können. Die mittelgrossen Unternehmen müssen sich jedoch entscheiden, ob sie einen Investor für die Digitalisierung finden oder sich auf die Kompetenz der kleineren lokalen Mitbewerber konzentrieren wollen. Wie engagiert sich der SVIT im Rahmen der Digitalisierung?

Andreas Ingold ist Präsident des SVIT PD und CEO von Livit.

Was sind die wichtigsten Punkte und Ziele? Meines Erachtens ist es zentral, dass wir ein klares Bild der Zukunft hinsichtlich der notwendigen Digitalisierungsschritte innerhalb des Verbandes haben. Dabei stellt sich – wie bereits erwähnt – für uns die Frage, wie wir unsere Gesellschaften

«550  000 Angestellte der Immobilienbranche erwirtschaften 14 Prozent des gesamten BIP.»

digital ausrichten, welche diesbezüglichen Massnahmen wir in der Ausbildung umsetzen müssen und wie wir unsere Mitglieder unterstützen können. Und wie unterstützt der SVIT seine ­Mitglieder? Ein wesentlicher Pfeiler des SVIT ist der Mitglieder-Service. Die Analyse der

Resultate aus den getätigten Workshops mit Kunden wird uns Aufschluss darüber geben, wie wir im Zusammenhang mit der Digitalisierung unsere Mitglieder im Rahmen unserer organisatorischen sowie finanziellen Mittel in der Zukunft zusätzlich unterstützen können. Was erwarten Sie von der Politik? 550 000 Angestellte der Immobilienbranche erwirtschaften 14 Prozent des gesamten BIP der Schweiz. Die grosse Bedeutung der Branche ist vielen nach wie vor zu wenig bewusst. Stattdessen registrieren wir mittlerweile eine eigentliche Regulierungswut des Staates. Davon müssen wir wegkommen. Wir erwarten von der Politik die Unterstützung für eine freiheitliche Eigentumspolitik und die entsprechende Unterstützung, damit wir unsere Verantwortung gegenüber Gesellschaft und Umwelt wahrnehmen können. Die Politik muss die verfassungsmässigen und baurechtlichen Voraussetzungen schaffen, damit die Immobilienbranche den Raum der Zukunft nicht nur verwalten, sondern zum Wohle der Gesellschaft ganzheitlich gestalten kann.


Wie hat Ihnen das Branchen-Special gefallen? # ZukunftBauen

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Lokstadt: Vielfältig nutzbare Büroflächen: der Gebäudekomplex Elefant.

Wo die

urbane

Vielfalt zu Hause ist.

Mitten in Winterthur entsteht ein einzigartiger neuer Stadtteil: ein Zuhause für 1500 Menschen und ein Ort, an dem sich Kreativität, Produktivität und Nachhaltigkeit auf innovative Art verbinden. Dabei verschmelzen moderne Architektur und historisches Erbe. So werden mehrere Hallen der legendären Lokschmiede SLM Teil einer urbanen Szenerie, die Bewohnern wie Besuchern ein inspirierendes Stadterlebnis bietet. Voller Ideen. Die Lokstadt wird nicht nur ein ideal gelegener Wohnund Arbeitsort, sondern auch ein Stadtteil voller Anregungen und Ideen. Bereits heute bietet die Lokstadt Aussergewöhnliches zum Erleben: In ihren historischen Hallen finden viel beachtete Ausstellungen und Bühnenshows statt. Die Lokstadt-Hallen sind zudem offen für neue Nutzungsideen. Auch für Ihre! Mit BIM geplant. Vom Planungsstart an nutzte die Lokstadt konsequent die Möglichkeiten des Building Information Modeling. So liessen sich die hohen Nachhaltigkeitsanforderungen schon frühzeitig in die Arealentwicklung einbeziehen. Auch Fertigungsprozesse wie etwa der Hightech-Holzbau des Wohnhauses Krokodil werden mittels BIM teilautomatisiert.

Alte Bausubstanz mitten im neuen Stadtleben: die Lokstadt-Hallen.

Rege Nachfrage. Erstaunlich, wie gross das Interesse an der Lokstadt schon heute, kurz nach dem Beginn der ersten Bauetappe, ist. Im Wohnhaus Krokodil, benannt nach der weltberühmten SLMLok, sind bereits alle 250 Wohnungen verkauft. Dieser neuartige Holzbau zeigt, wie die Lokstadt Lebensqualität mit den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft verbindet. Das Wohnhaus Krokodil wird 2020 bezugsbereit sein. Die ganze Lokstadt soll bis 2025 fertiggestellt sein und eine moderne Ergänzung zur Winterthurer Altstadt bieten.

lokstadt.ch

"Zukunft Bauen": Best-of Schweizer Baubranche, in der NZZ.  
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