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Verschwundene und veränderte Passagen und Figuren

Kapitel 2 Rastplatzszene Der Rastplatz, den ich vielleicht eine halbe Stunde später erreiche ist trostlos ohne Ende und ich bin mir sicher, daß ich nie wieder wegkommen werde. Das Allertrostloseste ist aber, daß er auch noch neu ist. Die Fahrbahn ist frisch geteert und der Rasen frisch gesät, und genau in der Mitte steht eines dieser viereckigen Toilettenhäuschen mit spitzem Blechdach und massiven silbernen Schiebetüren, die kein Kind der Welt jemals von selbst aufbekommt. Obwohl Kinder natürlich gar nicht alleine hierher kommen, weil sie ja noch keinen Führerschein haben, denke ich und frage mich, ob die Leute vom Straßenbauamt sich genau deshalb für diese Schiebetüren entschieden haben. Wegen der Kinder, weil Kinder ja immer irgendwo entführt werden, in Schwimmbädern und auf dem Nach-Hause-Weg und so weiter, von verrückten Frauen, die selbst keine Kinder bekommen können oder Erpressern und Perversen, und ein belebter Autobahnparkplatz ist natürlich der perfekte Ort für so eine Entführung: Ruckzuck das Kind am Arm gepackt und rein ins Auto und weiter geht’s. Und deswegen hat das Straßenamt diese massiven Türen in die Klohäuschen gebaut, damit die Eltern immer mit ihren Kindern aufs Klo gehen müssen, und niemand mehr sie entführen kann. Das kommt mir ganz plausibel vor, aber vermutlich komme ich auf diese Gedanken überhaupt nur, weil man beim Trampen immer auch an Perverse denkt. Es gibt keinen Tramper auf der ganzen Welt, der nicht ab und an daran denkt, in die Hände von einem Perversen zu geraten, das ist todsicher. Alle denken daran, nicht nur die Frauen, die natürlich besonders, weil alle schon mal einen mehr oder weniger Perversen erlebt haben. Mir ist zum Beispiel mal in Frankreich einer begegnet. Ich war, glaube ich, sechzehn damals und wollte nach Bordeaux und so ein Lastwagenfahrer, ein Hühne von einem Mann, hat mich kurz nach Paris mitgenommen und vielleicht zehn Kilometer nachdem wir losgefahren sind, hat er mir sein Fotoalbum gezeigt. Madrid hat er immer gesagt, weil die Fotos wahrscheinlich in Madrid aufgenommen waren, und


darauf waren er und seine Freunde in so einer Art Club beim Gruppensex abgebildet. Es waren mindestens hundert Fotos, wirklich widerwärtige Sachen, und in gebrochenem Englisch hat er jedes einzelne dieser Fotos kommentiert und versucht, mich zu überreden, nach Madrid mitzukommen, aber ich habe immer Girl-Friend und Bordeaux gesagt, weil ich da mit ein paar Freunden verabredet war. Das war aber noch gar nicht das Schlimme, es war ja hell, und ich habe gesehen, daß er mit dem Tank unmöglich bis nach Madrid kommen konnte, und außerdem gibt es ja überall diese Mautstellen, wo er anhalten mußte, und ich notfalls hätte rausspringen können. Das Problem war nur, daß mein Rucksack nicht in der Führerkabine sondern hinten in der Ladefläche lag. Als ich ihn anfangs dort rein stellen wollte hat er gesagt: Too little room, obwohl eigentlich genug Platz gewesen wäre, wie ich dann später gedacht habe. Statt an einer Tankstelle hat er dann an einem ganz kleinem Rastplatz kurz vor Bordeaux gehalten. Er hat die Heckklappe geöffnet, und ich mußte in die Ladefläche klettern, um den Rucksack raus zu holen, der von der Fahrt so ein bißchen ins Innere gerutscht war, und ich war mir sicher, daß er, wenn ich erstmal drinnen war, die Klappe von außen verriegeln und sie erst in irgendeinem

Madrider

Hinterhof

wieder

aufmachen

würde.

Mit

Empfangskommitte und allem. Und tatsächlich, als ich drinnen war, schlägt er die Klappe zu, es wird stockdunkel, und durch die Tür höre ich, wie er Madrid sagt und laut lacht. Ich habe wirklich gedacht, daß ich sehr bald sehr brutal vergewaltigt und danach sicher umgebracht werden würde, da macht er die Klappe wieder auf und sagt, only joke, only joke, und als er mein Gesicht sieht, lacht er noch mehr und sagt immer wieder sorry, sorry, very sorry. So war das mit dem Perversen in Südfrankreich, Jean-Marie hat der geheißen, und eigentlich war er gar nicht richtig pervers, sondern nur so ein bißchen. Der hatte einfach einen derben Humor, mit dem man erstmal lernen mußte, umzugehen. Und wie wir uns dann endgültig verabschiedet haben, hat er mich noch kräftig umarmt und mir eine Menge Vistenkarten in die Hand gedrückt, die ich anderen Trampern geben sollte, weil er Tramper gerne mitnimmt und manchmal sogar kleine Umwege fährt. Auf der Vistenkarte stand sein Name und seine Telefonnummer und darunter der Spruch „Je te veux, ton corps, ta bouche, ta pite.“


Kapitel 4 Patrizia Variante Patrizia erzählt mir, dass sie gerade eben aus Afrika zurückgekommen ist. Sie hat dort nämlich an einem Hilfsprojekt mitgearbeitet hat, Tilappia for Africa heißt das, und dabei geht es um einen Fisch, so eine bestimmte Karpfenart, die sich überall anpassen kann und ganz viel Eiweiß im Fleisch hat, das die Menschen in Afrika zum Überleben brauchen. Bis vor kurzem war sie selbst noch dort, in Uganda, und hat geholfen, Teiche und Bewässerungssysteme zu graben, damit die Fische genug Sauerstoff bekommen und sich gut vermehren können. Sechs Stunden lang stand sie tagtäglich unter dieser glühenden Äquatorsonne und hat nur mit Schaufel und Spaten diesen knochentrockenen Boden umgegraben, und als die Teiche endlich ausgehoben waren, sind aus bayerischen Zuchtstationen Tonnen von diesen Tilappiakarpfen nach Uganda geflogen worden, um dort eingesetzt zu werden. Irgendwo in zehntausend Meter Höhe waren eine Unzahl von Flugzeugen unterwegs, mit riesigen Wassertanks in ihren Bäuchen, in denen diese Fische herum geschwommen sind, ohne zu wissen, was ihnen eigentlich geschieht. Während Patrizia mir davon erzählt, stelle ich mir vor, dass eines dieser Flugzeuge abstürzen oder besser noch von einer amerikanischen Militärmaschine abgeschossen würde. Über Lybien zum Beispiel. Mitten in der Wüste würde es Tonnen von Fischen regnen und irgendwelche Beduinenstämme würden abends am Feuer sitzen, eine Million Sterne über sich, und Karpfen grillen. Wahrscheinlich würden sie das ganze für ein Geschenk Allahs halten, obwohl die Amerikaner die Maschine abgeschossen haben. Natürlich ist das nicht passiert, so etwas passiert ja höchstens in Russland, dafür aber etwas anderes. Nämlich gab es am Flughafen in Uganda irgendwelche Verzögerungen, und die Lastwagen mit den Fischkanistern hinten drauf haben auch viel länger gebraucht als geplant, und als man dann die Fische in die Teiche gesetzt hat, waren mehr als die Hälfte tot. Und von den restlichen Fischen ist dann gleich noch mal die Hälfte verreckt, weil der Schweizer Projektleiter irgendeine ansässige Vogelart nicht auf der Rechnung hatte und diese Vögel sich Tag und Nacht die Karpfen aus den Teichen gefischt haben. Die ganze Situation ist schließlich so schlimm


geworden, dass die Patrizia sich jeden Tag ein paar Stunden lang mit einem Schrotgewehr in die Büsche setzen sollte, um diese Vögel vom Himmel zu schießen. Sie hat das auch getan, hat sich tatsächlich mit einem Flinte ins afrikanische Gestrüpp gesetzt, um die Vögel zu vertreiben, und dabei wurde sie von einem Insekt gestochen. Zuerst war der Stich nur ein stecknadelgroßer roter Punkt auf ihrem Unterarm, aber dann wurde er größer und größer, und als man sie endlich ins Krankenhaus gebracht hat, hatte sie Vierzig Fieber und die Ärzte hätten ihr um ein Haar den Arm amputiert. Zwei Wochen lag sie auf der Intensivstation in Ogouadogu, und als man sie schließlich entlassen hat, hat sich die Hilfsorganisation geweigert, die Krankenhauskosten zu bezahlen, weil sie nicht vorschriftsmäßig bekleidet in das Gestrüpp gekrochen ist. Genau so erzählt mir die Patrizia das, und ich bin ganz erleichtert, dass sie selbst sehr kritisch über ihre Afrikareise spricht, weil ich sie jetzt ein bisschen ernster nehmen kann als vorhin. Ich selbst bin nämlich grundsätzlich gegen jede Art von Entwicklungshilfe, wo irgendein Europäer oder Erstweltmensch auch nur einen Fuß auf afrikanischen Boden setzt. Die einzige Art von Entwicklungshilfe, die ich mir vorstellen kann, geht so, dass hundert seriöse Afrikaner hierher kommen und jeder von ihnen einen Koffer mit ein paar Millionen Euro in die Hand gedrückt bekommt, und damit können sie dann machen, was sie wollen, in ihrem Land.


Kapitel 4 Weiden Ankunft - CSU Zuerst fahren wir an der Thermenwelt vorbei und dann am hell erleuchteten Verlagsgebäude der ansässigen Tageszeitung. Oberpfalzbote heißt die und ist ein ganz hartes CSU-Blatt. Die Zeitung macht so konsequent Werbung für die Partei, dass die CSU sich in Weiden sogar die Wahlplakate sparen kann. Bei der letzten Bürgermeisterwahl hat es in der ganzen Stadt kein einziges CSU-Plakat gegeben, obwohl die CSU mit Abstand die reichste Partei ist und sich das spielend hätte leisten können. Aber der Bürgermeister hat zwei Wochen vorher auf dem Marktplatz eine Rede gehalten und gesagt, dass er Umweltschutz praktisch angeht und nicht immer nur darüber spricht wie die anderen Parteien. Kein Plakatmüll, hat er gesagt und mit dem eingesparten Geld gleich eine neue Schule bauen lassen. Der Oberpfalzbote hat dann zwei Wochen ununterbrochen darüber berichtet, und Ludwig Maierhofer, so heißt der Bürgermeister, hat bei den Wahlen über siebzig Prozent gekriegt. Interessant ist daran noch, dass der Mann ein echter Krimineller ist. Vor allem in der Baubranche hat er überall seine Freunde sitzen, die er schon von Jugend an kennt, und denen schustert er alle Aufträge zu. Wettbewerbsgesetze und solche Sachen sind ihm wirklich völlig gleichgültig. Aber trotzdem funktioniert alles, wahrscheinlich funktioniert es sogar besser als anderswo. Der Maierhofer ist zwar ein Krimineller, aber ein guter Krimineller, und weil die Leute irgendwann auch begriffen haben, wen sie da schon seit Ewigkeiten wählen, nennen sie ihn alle den Sonnenkönig. Ganz begriffen haben sie ihn aber trotzdem nicht, der Sonnenkönig war nämlich überhaupt nicht bürgernah, der Maierhofer ist es aber schon. Bei allen möglichen Festen und Umzügen sitzt er auf irgendeiner Bierbank oder winkt von einem Wagen herunter und säuft wie ein Loch dabei. Und wenn er völlig betrunken ist, legt er den Leuten den Arm um die Schultern und lässt eine Stunde lang Freibier ausschenken, das er aus der eigenen Tasche bezahlt. Obwohl ich früher immer gesagt habe, daß er ein Faschist ist und überall meine Graffitis hingesprüht habe, die ihn beleidigen sollten, habe ich ziemlich oft davon profitiert, von seinem Freibier, meine ich. Und noch später, als wir im Geschichtsunterricht Spanien durchgenommen haben, ist mir auch klar geworden, dass der Maierhofer gar kein Monarch,


sondern ganz einfach ein Anarchist ist. Ein konservativer zwar, aber trotzdem ein Anarchist. Lebt in seinem Kleinstaat mitten in der Provinz und macht dort einfach, was er will. So wie die spanischen Großgrundbesitzer, die ja auch ihre eigenen Gesetze aufgestellt haben, wenn ihnen gerade danach war. Irgendwo bewundere ich ihn sogar, glaube ich. Ich mag diese Haltung, sich ganz selbstverständlich über alle Regeln hinwegzusetzen und trotzdem richtig viel zu sagen haben dabei. Das gefällt mir wirklich.

Kapitel 6 Auf dem Weg zum Großparkplatz nehme ich die Abkürzung über den Realschulsportplatz und gehe durch die kleine Grünanlage, die daran anschließt, und dabei muß ich an den Michi Häusler denken. Wir waren früher eine Zeit lang befreundet, und fast die ganze zwölfte Klasse hindurch haben wir uns Freitag nach der Schule in genau dieser Grünanlage getroffen, uns auf eine Holzbank gesetzt und zwei Flaschen französischen Rotwein getrunken. Immer genau zwei Flaschen, egal bei welchem Wetter, egal was sonst gerade war. Niemand hat uns dazu gezwungen, wir haben es sozusagen freiwillig getan, einfach weil es Spaß gemacht hat. Im Winter war es ein paar mal teuflisch kalt, und weil wir beide immer nur Turnschuhe getragen haben, haben wir uns dabei fast die Zehen abgefroren, aber wir sind solange sitzen geblieben, bis die Flaschen leer waren. Zwei, dreimal hatte ich danach auch Fahrunterricht und bin völlig betrunken zu meinen Stunden erschienen, aber mein Fahrlehrer hat es nie bemerkt. Nach den Pfingstferien haben wir dann einfach damit aufgehört, keine Ahnung wieso, es wurde ja Sommer und an sich hatte sich nichts geändert, aber trotzdem. Wir sind einfach nicht mehr hingegangen und wenig später war dann auch unsere Freundschaft vorbei. Aber es war trotzdem eine gute Zeit. Ich weiß gar nicht, was der Michi jetzt macht und wo er ist und vermutlich hätten wir uns auch nichts mehr zu sagen, aber im Moment bin ich mir sehr sicher, daß er diese Nachmittage auch noch so gut im Gedächtnis hat wie ich und das freut mich sehr.


Kapitel 7 Georg

Ich hoffe sehr, dass mein Bruder nicht irgendwann wie der Georg wird, das ist ein alter Freund von mir, der inzwischen Physiotherapeut geworden ist. Für die Ausbildung ist er damals nach Dortmund gegangen und das war wahrscheinlich die schlechteste Entscheidung seines Lebens. Dortmund ist ja ohnehin eine bodenlos hässliche Stadt, und weil er so träge ist und sein Bild von Süddeutschland und der Kleinstadt und wie die Beziehungen da so funktionieren, nicht aus dem Kopf bekommen hat, hat er dort auch keinen einzigen Menschen kennen gelernt. Ich habe versucht, ihm das ab und zu sagen, dass er aktiver werden muss und alles, aber das hatte gar keinen Sinn. Die Trägheit hat sich dort erst bemerkbar gemacht, und in Dormund jedenfalls, wo er vollkommen allein war, hat er dann bei seiner Ausbildung ein Mädchen kennen gelernt, Melanie, und die war wahrscheinlich auch allein, und irgendwie sind die beiden dann zusammen gekommen. Und von dem Zeitpunkt war es eigentlich vorbei mit ihm. Weil er der Melanie so dankbar war, daß sie ihn aus seiner Isolation geholt hat und er ja sowieso dauernd mit einem schlechten Gewissen durch die Gegend gelaufen ist, hat er sich nur noch auf sie eingestellt. Das Schlimme dabei ist aber, daß er sich immer um hundertachtzig Grad dreht, wenn die Melanie plötzlich nicht mehr da ist. Er schaut dann allen Mädchen hinterher und sagt so Sachen wie: daß er ihre Votze riechen kann und daß es die so richtig von hinten brauchen und er es ihnen schon besorgen würde mit seine Rakete, und dabei schaut er mich an und setzt so ein als Verbrüderung gedachtes und dabei völlig krankes Lachen in sein Gesicht, daß ich wirklich wegschauen muß. Ich ertrage es einfach nicht, wie er sich so gänzlich entblößt und in den Dreck zieht auch noch denkt, daß alles prima läuft und ich ganz auf seiner Seite stehe. Wenn ich jetzt so dran denke, möchte ich eigentlich alles kurz und klein schlagen deswegen, oder einfach nur schreien, so traurig ist das, weil da einfach ein Mensch vor die Hunde gegangen ist. Der hatte alle Chancen, aber irgendwas ist da völlig schiefgelaufen und wenn mich


inzwischen jemand auf den Georg anspricht, was nicht mehr allzuoft passiert, muß ich immer nur an dieses Lied von den Sternen denken. Was hat dich bloß so ruiniert heißt es, und erstaunlich dabei ist nur, daß er rebelliert hat und seine Eltern zugehört haben und was sonst noch in dem Text vorkommt.

Kapitel 9 Der Wenzer Nicht einmal der Wenzer, der vor Ewigkeiten mal das Idol meiner Jugend war und sich jetzt am Feuer neben mich gesetzt hat, nervt mich besonders. Eigentlich finde ich die Unterhaltung mit ihm sogar ganz amüsant. Er erzählt mir lang und breit von seiner neuen Geschäftsidee, die daran besteht, Kiffertouren durch die Oberpfalz zu organisieren. Mit seinem Jeep will er die ganzen Touristen an die schönsten Plätze in der Oberpfalz fahren und dort dann einen Joint nach dem anderen mit ihnen rauchen. Und aufgrund von irgendwelchen Radialachsen und Neigungswinkel, die sein Jeep nehmen kann und die Polizeiautos nicht, kommt die Polizei auch an die schönsten Plätze nicht hin, wenn er dort mit seinen Kunden was kifft. So sieht das zumindest in seiner Vorstellung aus, und als ich ihn frage, was passiert, wenn die Polizei mit Hubschraubern kommt, sagt er, dass die das nicht machen, weil wir hier ja nicht in Amerika sind. Er muß das bloß noch mit dem Luis absprechen, sagt er, damit der ihm das Gras zum Vorzugspreis gibt, und als Höhepunkt will er den Leuten dann die Scheune zeigen, in dem das Oberweed angebaut wird, und hinter der Scheune das längste Erdloch Europas rauchen. Ich sage zu ihm, dass die Idee auf jeden Fall funktionieren kann, und irgendwie kann sie das ja auch. Wahrscheinlich kommt er zwar bald ins Gefängnis, aber andererseits: warum nicht? Es ist bestimmt besser für ihn, sich solche Sachen zu überlegen und auf Oberpfälzer Wanderkarten Wege herauszusuchen, wo er überall mit


seinem Jeep hinfahren kann und die Polizei nicht, als in einer Souterrainwohnung in Berlin zu sitzen und nicht zu wissen, was er da soll. Da war er nämlich auch mal, in einer Souterrainwohnung in Berlin, und weil ich einmal Gras für eine Party gebraucht habe, bin ich von Potsdam aus zu ihm gefahren, um ihm was abzukaufen. Er war grade dabei, irgendwelche Sachen von hier nach dort zu tragen, vertrocknete Teebeutel, angebissene Apfelbutzen und alte Kaffeefilter und so weiter, und als ich ihn gefragt habe, was er denn vorhat, hat er gesagt, daß er einen Biomüll eröffnet, damit es nicht zu schimmeln anfängt, wenn er unterwegs ist. Ich habe ihn ziemlich fassungslos angesehen, weil die Wohnung im Ganzen eine totale Müllkippe war, aber das hat er gar nicht bemerkt, sondern völlig ohne System noch andere Dinge, Wäschestücke, Plastikflaschen, Joghurtbecher und Zigarettenkippen vom Boden aufgehoben und in verschiedene Ecken des Zimmers gestellt. Von der Idee her war es ja nicht falsch, nur hat er sich den falschen Zeitpunkt ausgesucht oder den richtigen lange verpaßt gehabt, und als er dann nach ein paar Minuten keine Energie mehr hatte, hat er damit aufgehört und es hat genauso ausgesehen wie vorher. Genau diese Situation charakterisiert den Wenzer auch im Ganzen, und wenn ich noch irgendwas mit ihm zu tun haben wollte, würde ich ihm wirklich raten, mal eine Auszeit zu nehmen. Die hat er nämlich dringend nötig.

Paradiso-Varianten  

Unveröffentlichte Varianten aus Thomas Klupps Roman "Paradiso".

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