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Pressident

Bekannt durch

Sch端lerzeitung der THS Pinneberg | 02/2013 | www.ths-pressident.de

Inklusion Hirngespinst oder Jahrhundertidee?

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Liebe Leser, man könnte den Reichtum unserer Gesellschaft in Wirtschaftsleistungen messen. Man könnte sagen, dass sein Wert durch PISA-Rankings oder BIP-Statistiken angegeben werden kann. Man könnte allerdings auch sagen, dass das Wichtigste eigentlich die Gemeinschaft und der Zusammenhalt der Menschen untereinander ist. Was sich theoretisch anhört, hat einen ganz starken Praxisbezug. In immer mehr Regelschulen werden Kinder und Jugendliche mit körperlicher oder geistiger Behinderung eingeschult. Für die Lehrkräfte und die Mitschüler stellt dies eine besondere Herausforderung dar. Spätestens jetzt sind damit auch die Zeiten vorbei, in denen man Unterricht "für alle" machen konnte. Er muss zwangsläufig stark individualisiert werden, damit den Schülern mit Behinderung die Teilnahme am Unterricht ermöglicht wird. Diese Eingliederung nennt sich Inklusion - ein Thema, mit dem wir uns in dieser Ausgabe beschäftigen (S.22). Im Schulalltag bedeutet Inklusion, dass zum Beispiel in Klassen mit einem hörgeschädigten Schüler Teppichboden ausgelegt wird oder dass in der Klasse eines Schülers mit geistiger Behinderung ein zusätzlicher Sonderpädagoge den Unterricht unterstützt. Die Inklusion hat enthusiastische Befürworter gleichermaßen wie scharfe Kritiker. Wir als Schülerzeitung haben uns unsere eigene Meinung gebildet und recherchierten in einer Schule, die Inklusion seit vielen Jahren praktiziert und viele Preise gewonnen hat (S.36). Da Bildungspolitik Ländersache ist, besuchten wir in Kiel die Schleswig-Holsteinische Bildungsministerin (S.24) und aufgrund der sich in den kommenden Jahren stark ändernden Lehrerprofile porträtieren wir den Beruf des Sonderpädagogen (S.40). Knapp vier Jahre engagierte ich mich für Pressident in leitender Funktion. Damit die Schülerzeitung auch noch nach meiner eigenen Schulzeit der THS erhalten bleibt, wird es Zeit für einen Führungswechsel! Deswegen freue ich mich sehr, euch die neue Pressident-Chefredaktion vorzustellen, die ab dem kommenden Schuljahr alle administrativen Aufgaben übernimmt: Jonas, David, Sabrina, Lina, Nick (v.l.n.r.) und Sania. Ich danke allen Lesern und Unterstützern, die es uns in den letzten Jahren möglich gemacht haben, diese kleine journalistische Insel inmitten der THS zu kreieren! Viel Spaß beim Lesen dieser Ausgabe! Das Impressum ist dieses Mal auf S. 47. Chefredakteur 02/2013 Pressident | 3


Inhalt

S. 8

Titelthema

Abgeordnetenwatch Politik auf Mausklick

S. 12 Das schwere Los der indischen Frauen Frauen in Indien führen ein von Ungerechtigkeit geprägtes Leben S. 18 Lernen von der Natur Wie ein Architekt von der Natur beeinflusst wird Wiederkehrendes S. 46 Schule im Überblick S. 74 Dir ist langweilig? S. 76 Gewinnspiel S. 78 Lehrersteckbrief

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S. 22 Inklusion Was ist Inklusion? S. 24 Vorreiterland Interview mit SchleswigHolsteins Bildungsministerin Wende S. 31 Entdecke "GOLD" in Dir Die Paralympics waren - paradoxerweise - ein Großereignis der Inklusion S. 36 Hier sind alle Willkommen Inklusion an einer Hamburger "Vorbildsschule" S. 40 Berufsporträt Wie arbeitet ein Sonderpädagoge? Inklusives Klassenzimmer So sieht heute ein Klassenzimmer aus

F: Lukas Gruenke, jugendmedien.de

Leben


Schule

Pressidentchen (5.-7. Klasse)

S. 48 Unbekannte Räume Fotoreportage

S. 64 90 Minuten blind sein Dialog im Dunkeln

S. 56 Eine tolle Einrichtung, ganz ohne die Inklusion Erfahrungsbericht vom Betriebspraktikum der 9. Klassen

S. 66 Die digitale Wende Haben gedruckte Bücher eine Zukunft?

S. 58 Nach Pinneberg Musical-Aufführung des Wahlpflichtkurses S. 60 Schülerische Lehrer Wenn Lehrer bloggen, kann das mitunter sogar ganz spannend sein

S. 69 Basketball-AG Dunkings bei der Basketball-AG der THS S. 70 Boxen gegen Gewalt Der Verein "Gewaltfrei" betreut verhaltensauffällige Jugendliche S. 71 Polizei Pinneberg Zu Besuch bei der Pinneberger Polizei S. 72 Das Leben eines fast ausgeschiedenen Menschen der Welt Taubstumme können weder sehen noch hören

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Wir studieren an einem experimentellen Ort

Kunst und Design Architektur Medien Bauingenieurwesen •

Wer sich für einen unserer über 30 Studiengänge entscheidet, ist eingeladen, an der Konzeption, Konstruktion und Gestaltung gegenwärtiger und zukünftiger Lebensräume mitzuarbeiten – analytisch, kreativ und innovationsfreudig. Besuchen Sie uns in Weimar und erleben Sie mit unseren Bauhaus.Botschaftern vor Ort, wie es sich hier lebt und studiert:

www.uni-weimar.de/einblick.bauhaus 6 | Pressident 02/2013


Leben

S. 8

Abgeordnetenwatch Politik auf Mausklick

S. 12 Das schwere Los der indischen Frauen Frauen in Indien f체hren ein von Ungerechtigkeit gepr채gtes Leben S. 18 Lernen von der Natur Wie ein Architekt von der Natur beeinflusst wird

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Gregor Hackmack, Gründer der Webseite Abgeordnetenwatch.de

Politik auf Mausklick

Seit 2004 kämpfen Gregor Hackmack und Boris Hekele mit ihrem Portal Abgeordnetenwatch gegen Politikverdrossenheit, falsche Versprechen und Lobbyismus. Text S.H. und E.A. Seit 2004 kämpfen Gregor Hackmack und Boris Hekele mit ihrem Portal Abgeordnetenwatch gegen Politikverdrossenheit, falsche Versprechen und Lobbyismus. Ursprünglich nur für den Hamburger Landtag bestimmt, ist aus der ehrenamtlichen Initiative mittlerweile eine ständig 8 | Pressident 02/2013

wachsende Offensive auf nationaler und internationaler Ebene geworden. Als Gregor Hackmack sich im Jahr 2004 an der Hamburger Wahlrechtskampagne beteiligte, erkannte er schnell, dass ein personalisiertes Wahlrecht nur dann sinnvoll ist, wenn die Bürger ihre Abge-


ordneten auch kennen. Daher stellte er innerhalb von zwei Monaten zusammen mit Boris Hekele ehrenamtlich die Internetplattform Abgeordnetenwatch auf die Beine, auf der die Hamburger den für das Landesparlament kandidierenden Politikern Fragen stellen konnten. Noch ahnte der damals in der Marktforschung beschäftigte Hackmack nicht, dass aus dieser einst spontanen Idee keine zehn Jahre später eine internationale Organisation werden sollte. Mit der Absicht „ein Instrument zu schaffen, damit Bürger ihre Abgeordneten besser kennen lernen können“ stießen die beiden Initiatoren nicht nur in der politisch interessierten Bevölkerung auf breite Zustimmung: „Die Abgeordneten haben auch gleich mitgemacht“, berichtet der Mitgründer der Organisation. Am 1.1.2007 trugen die beiden Begründer von Abgeordnetenwatch die Organisation als Verein ein. Seitdem arbeiten Hackmack und Hekele in Vollzeit an dem politischen Dialogportal und werden von einer stetig wachsenden Zahl an Fördermitgliedern unterstützt. Außerdem mieteten die beiden Jungunternehmer damals ein Büro an und stellten Personal ein. Heute sind neben den beiden Gründern noch vier weitere Angestellte in Vollzeit mit dem Projekt beschäftigt. Zudem gehört ein breiter Kreis von freien Mitarbeitern, ungefähr 15 Moderatoren sowie Grafiker und Techniker, zu dem Team. Ursprünglich beschränkte sich die Organisation auf das Hamburger Landesparlament. In den folgenden Jahren wurde sie jedoch ständig ausgeweitet, berichtet Gregor Hackmack: „Mittlerweile gibt es Abgeordnetenwatch nicht nur auf Bundes-, Europa-, Landtags- und Kommunalebene, sondern auch in 4 Partnerländern.“ Diese sind zur Zeit Tunesien, Irland, Luxemburg und Österreich. „Aktuell bereiten wir den Start in Frankreich vor“, so Hackmack. Des Weiteren wird eventuell noch in diesem Jahr ein ver-

gleichbares Projekt in Afghanistan umgesetzt. In Deutschland ist die Webseite Abgeordnetenwatch mit monatlich fast 400.000 Besuchern und rund 4 Millionen Seitenabrufen das bundesweit größte Online-Portal dieser Art. Auf die Frage nach den typischen Nutzern des Dialogportals antwortet Hackmack lachend, dass dies eine „bunte Mischung“ sei. Allerdings variiere die tatsächlich aktive Gruppe je nach aktuellem Thema. Generell sei das Interesse der Bevölkerung vor Wahlen jedoch am größten. Auf der Internetseite der Organisation sind neben Ergebnissen von Abstimmungen auch alle Abgeordneten in den jeweiligen Parlamenten und Informationen über die Aufgaben und Mitglieder von Ausschüssen für jeden Besucher einsehbar. In Deutschland sind derzeit 10 Bundesländer und 54 Kommunen online. Die Betreiber hoffen, dass irgendwann alle Landtage und Kommunen auf Abgeordnetenwatch vertreten sein werden. Hierfür sind jedoch noch viele weitere Spenden notwendig: Das Internetportal wird nämlich ausschließlich durch Förderkreise, Beiträge von Partnerprojekten aus dem Ausland und Spenden von Privatpersonen, welche über den seit 2007 bestehenden Trägerverein eingehen, finanziert. Außerdem werden vor Wahlen alle kandidierenden Politiker um eine einmalige Projektkostenbeteiligung in Höhe von 179€ auf Landesebene, bzw. 200€ auf Bundesebene gebeten. Obwohl es natürlich vereinzelt auch kritische Politiker gibt, beantworten laut Abgeordnetenwatch mehr als 90% der Abgeordneten ihre Fragen. Hackmack bestätigt: „Die Mehrzahl der Abgeordneten ist offen und positiv eingestimmt und macht fleißig mit.“ Im Hinblick auf die Antwortquote und die Anzahl der gestellten Fragen nimmt auf Bundesebene Gregor Gysi von den Linken den Spitzenplatz ein: Er beantwortete 871 von 912 Fragen. Abgeschlagen auf dem 02/2013 Pressident | 9


letzten Platz liegt hier die Bundeskanzlerin Angela Merkel, welche keine ihrer 846 Fragen beantwortete. Generell sei die Antwortquote unabhängig von Alter und Partei der Abgeordneten, so der Gründer der Initiative. Die Bereitschaft der Beteiligung hänge ausschließlich vom Politikstil der Abgeordneten ab, da die im Netz gestellten Fragen auf Wunsch des jeweiligen Nutzers häufig öffentlich einsehbar sind und auch nicht gelöscht werden, erläutert Hackmack. Aus diesem Grund bedeutet eine Antwort auf Abgeordnetenwatch das Festlegen auf eine Position und die klare Argumentation für den jeweiligen Standpunkt, was nicht jedem Politiker zusagt. Ablehnend eingestellte Politiker wollten häufig keine verbindlichen Aussagen machen und scheuten Versprechungen. „Meistens haben sie selber keine klare politische Position“, so Hackmack. Ob das seit 2004 bestehende Dialogportal die deutsche Politik verändert habe, weiß Gregor Hackmack nicht: „Wir sind nur ein Faktor unter vielen.“ Allerdings ist der Jungunternehmer der Meinung, dass die von ihm mitgegründete Organisation den Abgeordneten verstärkt die Gewissheit gibt, von den Bürgern überwacht zu werden. Zudem sei auch die Aufmerksamkeit für die Arbeit der Politiker, insbesondere im Bundestag, gestiegen. Doch neben mehr Interesse für Politik in der Bevölkerung und persönlichen Kontakt zwischen Bürgern und ihren politischen Vertretern, wollen die Betreiber von Abgeordnetenwatch eine vollkommen transparente Demokratie schaffen. Aber hat nicht jeder Abgeordneter das Recht auf eine gewisse Verschwiegenheit, sozusagen auf Betriebsgeheimnisse? Und behindert zu viel Transparenz nicht sogar die Arbeit der Politik? „Nein“, lautet hier die klare Antwort von Gregor Hackmack, denn Demokratie sei, anders als ein wirtschaftlicher Betrieb, kein Privatgeschäft und stehe auch nicht in Konkurrenz zu anderen Unternehmen. Demokra10 | Pressident 02/2013

tie funktioniere nur durch eine ständige Kontrolle durch die Öffentlichkeit und die Abgeordneten sollten die Wähler schließlich repräsentieren, so Hackmack: „Wie soll ich darüber entscheiden, ob jemand gute Arbeit macht, wenn ich nicht weiß, was er oder sie tatsächlich macht?“ Ein weiteres Problem der deutschen Demokratie stellt Lobbyismus dar: In Berlin gibt es laut Hackmack 4000-5000 Lobbyisten. Das ergibt im Durchschnitt etwa 8 pro Bundestagsabgeordneten. Zudem kritisiert er, dass Deutschland eines der wenigen Länder ist, in dem Bestechung von Politikern in vielen Fällen, zum Beispiel sofern die Übergabe der Vorteile (z.B. Geld) erst nach der betreffenden Abstimmung erfolgt, nicht strafbar ist. Vor diesen Hintergründen kämpft das Team von Abgeordnetenwatch aktiv gegen Lobbyismus in der deutschen Demokratie: „Unser Hauptmittel gegen Lobbyismus ist es, völlige Transparenz zu schaffen“, so Hackmack. Im Zuge dieser Transparenz fordern die politisch engagierten Jungunternehmer auch die Offenlegung aller Nebeneinkünfte von Politikern. ■

Wie stelle ich einem Abgeordneten auf www.abgeordnetenwatch.de eine Frage? Grundsätzlich kann jeder Bürger unter Angabe von Vor- und Zuname den auf www.abgeordnetenwatch.de aufgeführten Abgeordneten eine Frage stellen. Hierzu sucht man sich lediglich den gewünschten Abgeordneten (durch Eingabe der Postleitzahlen auf der Startseite kommt man z.B. zu allen Mitgliedern des Bundestages aus dem eigenen Wahlkreis) heraus und kann diesen schließlich zu jedem Thema in der Politik befragen. Die beantworteten Fragen erscheinen dann in dem Profil des befragten Politikers.


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Die Bahn macht mobil. 02/2013 Pressident | 11

Regio Schleswig-Holstein


Ein indisches Mädchen auf dem Arm ihrer Mutter. Sie hatte Glück, viele indische Mädchen werden sofort nach ihrer Geburt ausgesetzt oder getötet. 12 | Pressident 02/2013


Das schwere Los der indischen Frauen

Frauen in Indien führen ein Leben, das nirgendwo anders auf der Welt so von Ungerechtigkeit und Gewalt geprägt ist wie in ihrem Land. Daran Schuld ist das Gesetz – und die veralteten Ansichten der indischen Bevölkerung. Bunte Saris, scharfes Essen, Bollywood – das ist Indien. Jedenfalls war es das, bevor es durch Vergewaltigungen und Proteste das Interesse weltweiter Medien auf sich zog. „Indien, dieses Land ist eine Hölle für Frauen", „Heile Welt gibt es nur in Bollywood“ titeln die Zeitungen und werfen einen dunklen Schatten auf das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt. Nie war die Wertlosigkeit der Frau in Indien so offensichtlich und publik wie jetzt. Dass diese Problematik jedoch schon jahrelang existiert, ist vielen überhaupt nicht bewusst. Wie alles begann 16. Dezember 2012: Die 23-jährige Inderin Jyoti Singh Pandey steigt mit einem Freund in einen privaten Schulbus ein, in dem sich bereits sechs Männer befinden. Einer von ihnen ist als Busfahrer einer Privatschule tätig und hat daher Zugriff auf den Bus. Was die junge Medizinstudentin und ihr Begleiter jedoch nicht wissen: Die sechs Männer haben Stunden vorher beim gemeinsamen Abendessen den Plan gefasst, eine Frau auszuerwählen und sich an dieser zu vergehen. Laut der Nachrichtenagentur Reuters stand zu diesem Zeitpunkt sogar bereits fest, dass diese anschließend getötet werden soll. Für die Fahrt werden von beiden Fahrgäs-

ten 10 Rupien, was ungefähr 14 Cent entspricht, verlangt. Daraufhin setzt sich der Bus in Bewegung. Das Fahrzeug schlägt jedoch einen unerwarteten Weg ein, der Begleiter der Studentin wird misstrauisch. Als die Männer daraufhin die Tür verriegeln, beginnt er zu protestieren. Der jüngste der Männer, ein gerade einmal 17-Jähriger, reagiert lediglich mit einem lüsternen Kommentar. Es folgt eine Auseinandersetzung, die schnell ausartet: Es kommt zur Prügelei zwischen dem Begleiter und drei der Männer. Jyoti Singh Pandey versucht mit ihrem Handy die Polizei zu alarmieren, doch die Männer kommen ihr zuvor, entreißen ihr das Handy. Nachdem ihr Begleiter mit einer Eisenstange niedergeschlagen worden ist, wird sie auf die Rücksitze des Busses gezerrt und von den Männern abwechselnd vergewaltigt und mit der Eisenstange traktiert. Die Tortur dauert fast eine Stunde, die Frau ist inzwischen bewusstlos und schwer verletzt. Nackt und blutend werden sie und ihr Begleiter aus dem fahrenden Bus geworfen. Doch Hilfe scheint nicht zu nahen: Vorbeifahrende Rikschaund Autofahrer sehen sie schwer verletzt auf der Straße liegen, fahren weiter. Nach 20 Minuten treffen dann letztendlich Polizeiwagen ein. Mit einer schweren Hirnverletzung und einer Infektion an der 02/2013 Pressident | 13

F:flickr.com/mckaysavage

Text M.S.


"Hängt die Vergewaltiger!" Jyoti Singh Pandey wurde zur Symbolfigur der Protestbewegung in Indien. Durch sie wurde die wachsende Gewalt gegenüber Frauen zum öffentlichen Thema, das Schweigen gebrochen. Die Menschen gehen zu Tausenden auf die Straße, Frauen und Männer, fordern mehr Sicherheit und Gerechtigkeit. „Hängt die Vergewaltiger!“, „Kastration für Vergewaltiger!“ oder „Keine Gewalt gegenüber Frauen“ sind ihre Forderungen, die sie auf Plakaten zum Ausdruck bringen. „Der Fall in Delhi ist ein Symbol für das, was Frauen jeden Tag in diesem Land erleiden“, so eine Demonstrantin. Damit hat sie es auf den Punkt gebracht. Denn so schockierend der Fall der 23-jährigen Studentin auch sein mag, Vergewaltigungen stehen in Indien leider auf der Tagesordnung. In keinem Land der Welt ist ein Frauenleben so wenig Wert wie in Indien. Weder in Afghanistan noch in Saudi-Arabien werden so viele weibliche Föten abgetrieben, so viele Frauen aufgrund ihrer Mitgift ermordet oder brutal vergewaltigt. Das besagt zumindest eine Studie der Thomson Reuters Foundation aus dem Jahre 2012. Objekte der Männer Doch woran liegt das? Indiens Bevölkerung lebt größtenteils noch nach dem „Normenkontrollkatalog“ des alten Indiens, so Dagmar Hellmann-Rajanayagam, Professorin für Südostasienkunde an der Universität Passau. Darin steht geschrieben, dass eine Frau nie unabhängig sein darf. Von Geburt an ist sie ihrem Vater unterlegen, als Jugendliche passen ihre 14 | Pressident 02/2013

Eine Frau ist in Indien oft nur dazu da, die Hausarbeit zu verrichten und ihrem Ehemann zu gehorchen.

F:flickr.com/ Bioversity International

Lunge und inneren Organen wird sie in ein Krankenhaus in Neu-Delhi gebracht und behandelt. Acht Tage später wird sie nach Singapur, in eine Spezialklinik für Organtransplantationen geflogen, erleidet trotz den Bemühungen eines Speziallistenteams einen Herzstillstand- und löst eine Protestwelle aus.

Brüder auf sie auf, danach bestimmt ihr Ehemann über sie und sobald sie verwitwet, hat ihr Sohn das Sagen. Nach diesen Vorstellungen werden die meisten indischen Mädchen auch heute noch erzogen. So leben 52 Prozent der heranwachsenden Inderinnen in dem Glauben, es sei gerechtfertigt, wenn der Ehemann seine Frau schlägt. Mit der weiteren Auffassung, erst dann etwas Wert zu sein, wenn sie einen Jungen gebären, wachsen sie auf und arbeiten ihm familiären Haushalt. Bildung bleibt ihnen dabei oft vollständig verwehrt, 62 Prozent der indischen Mädchen sind Analphabeten. Die Familien sehen oft einfach keinen Sinn, sie in die Schule zu schicken, da sie nach ihrer Heirat eh das Haus verlassen. So sorgen die indischen Mädchen für den Haushalt, bis ein Ehemann für sie gefunden ist. Laut der Patenschaft für Hungernde Kinder e.V. werden 95 Prozent der Ehen in Indien von den Eltern arrangiert. Dieser Brauch zieht sich durch sämtliche Bildungs- und Bevölkerungsschichten, selbst westlich orientierte Familien halten daran fest. Nach Kastenzugehörigkeit und Horoskop werden Heiratsanwärter und -anwärterinnen ausgewählt, ob im eigenen Bekanntenkreis oder per Zeitungs-


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annonce. Vor der Hochzeit sieht sich das Brautpaar im Normalfall nur wenige Male. Eine Heirat aus Liebe? In Indien leider eine Seltenheit. Hochzeiten haben oft nur einen finanziellen Hintergrund: die Mitgift. Traditionell erhält das junge Paar nämlich von der Familie der Braut eine finanzielle Starthilfe. Dieser Brauch ist zwar seit 1961 in Indien offiziell verboten, wird aber trotzdem häufig fortgeführt. Das führt dazu, dass die Familien in einer Tochter oft lediglich eine finanzielle Belastung sehen. Dazu kommt, dass die Forderungen des Bräutigams teilweise so hoch sind, dass die Familien in den Ruin getrieben werden, oft werden sogar noch nach der Vermählung hohe Geldsummen verlangt. Werden diese Forderungen nicht erfüllt, kommt es nicht selten zur Ermordung der ungeliebten Ehefrau. Ein beliebter Weg, sich dieser zu entledigen, ist eine moderne Form der Sati (Witwenverbrennung). Vor der Kolonialisierung durch England war es in Indien Brauch, dass eine Witwe ihrem Mann bis in den Tod folgt- durch die Verbrennung bei lebendigen Leib auf dem Scheiterhaufen. Zwar werden die Frauen heutzutage nicht mehr öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt, doch da die Saris der Frauen leicht Feuer fangen, kann man einen derartigen Mord leicht nach einem Haushaltsunfall aussehen lassen. Dann heißt es, der Sari habe durch das offene Herdfeuer Feuer gefangen- und im Haus ist Platz für eine neue Ehefrau.

Singh, Leiter einer Stiftung, die sich für den Schutz von Mädchen einsetzt. Indien ist sich also dieser Schieflage bewusst. Dagegen angekämpft wird unter anderem mit einem Gesetz, das Ultraschalluntersuchungen zur Geschlechterbestimmung verbietet. Die Umsetzung dieses Gesetzes ist wiederum ein anderes Thema. Korrupte Arztpraxen gibt es in Indien quasi an jeder Straßenecke. Für umgerechnet 17 Euro wird das Geschlecht des ungeborenen Kindes bestimmt, inklusive der illegalen Abtreibung im Falle eines weiblichen Fötus. Nach Schätzungen werden monatlich rund 50.000 weibliche Föten abgetrieben, hinzu kommen noch Tausende Mädchen, die nach der Geburt ausgesetzt oder ermordet werden. Ein werdender Vater erklärt: „Jeder weiß, dass es Frauen geben muss, doch niemand will sie in seinem Haus haben.“ Dies sind alles Tatsachen, die die hohe Zahl an Vergewaltigungen in Indien begründen. Problematisch ist dabei vor allem die allgemein geltende Wertlosigkeit der Frauen: „Frauen sind nur wie ein Paar Schuhe“, so ein indischer Mann. Und wer behandelt ein Paar Schuhe schon mit Respekt und Liebe? Hinzu kommt, dass es schon jetzt einen Überschuss an männlichen Indern gibt. Da es folglich auch zu wenig potentielle Ehefrauen gibt, kommt es bei vielen Männern zu Unzufriedenheit und Frust. Natürlich ist nicht jeder unverheiratete Inder ein potentieller Vergewaltiger, aber eine Gefahr besteht.

Wo sind die Frauen? Doch es wird in Zukunft immer schwieriger werden, eine Frau im heiratsfähigen Alter zu finden, immer größer wird der Männerüberschuss. Nach einer Schätzung aus dem Jahre 2012 gibt es bereits jetzt 40 Millionen mehr männliche als weibliche Inder. “Einigen Studien zufolge wird es bis 2025 rund 20 Millionen Männer im heiratsfähigen Alter geben, die keine Partnerin finden”, warnt Harpal

Sicherheit - Ein Fremdwort Durch diese Gefahr verunsichert, trauen sich viele indische Frauen nicht mehr auf die Straße. Öffentliche Verkehrsmittel gelten grundsätzlich als gefährlich, viele Frauen wagen es nicht einmal mehr, alleine mit der Metro zu fahren, geschweige denn alleine in ein Taxi oder eine Rikscha zu steigen. Auch die indische Polizei sorgt nicht für Sicherheit, sondern eher für Verunsi-

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F:flickr.com/mckaysavage(2)

Gedenken an Jyoti Singh Pandey cherung. Die Ordnungshüter kommen oft zu spät oder gar nicht an den Tatort, Anklagen auf Vergewaltigungen wurden teilweise erst nachgegangen, wenn das Opfer bereits tot war. Nicht selten ist es auch, dass sich Vergewaltigungsopfer auf dem Revier noch hämische Kommentare der Polizisten anhören müssen. Ein schockierendes Beispiel, das die Inkompetenz der Polizei unter Beweis stellt, ist der Fall eines 17- jährigen Mädchens, die am 13. November 2012 von zwei Männern vergewaltigt wurde. Als sie nach der Tat zur Polizei ging, schlugen ihr die Beamten vor, einen ihrer Peiniger zu heiraten oder über eine finanzielle Wiedergutmachung zu verhandeln. Ermittlungen wurden nicht aufgenommen, das Mädchen beging kurz darauf Selbstmord. Solche Fälle sorgen nicht nur bei Inderinnen für Unruhe. Auch Touristinnen meiden inzwischen das Land. Nach der Gruppenvergewaltigung einer Schweizer Touristin, die genau wie der Fall aus Delhi das Interesse weltweiter Medien auf sich zog, gilt Indien für viele Reisende als zu gefährlich. In den ersten drei Monaten dieses Jahres seien 35 Prozent weniger Frauen nach Indien gekommen, so die Vereinigten Kammern von Handel und Industrie Indien. Insgesamt seien rund 25 Prozent weniger Touristen gewesen, die im ersten Jahresquartal das Land bereist haben. Zahlen, die eine eindeutige Sprache sprechen: Indiens Ruf ist zerstört. Das Hoffen auf Veränderungen Doch lassen die derzeitigen Proteste auf

Änderung hoffen? „Es ist einfach so, dass in Indien zurzeit ganz starke Veränderungen stattfinden, und es ist unglaublich tragisch, dass diese junge Frau gestorben ist. Es wird aber dazu führen, dass es Veränderungen geben wird in der indischen Gesellschaft, und diese Veränderungen werden stattfinden“, äußerte der leitende Redakteur der Tageszeitung “Indian Express”, Raj Kamal Jha, in einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur. Immerhin wurde bisher schon ein neues Gesetz eingeführt, das besagt, dass Vergewaltiger lebenslange Haft bekommen, Wiederholungstäter und solche, bei denen das Opfer stirbt, sollen mit dem Tod bestraft werden. Außerdem bekommen Polizisten und Krankenschwestern im Falle von verweigerter Hilfe zwei Jahre Haft. Ob Änderungen dieser Art den gewünschten Effekt bringen? Das Land sicherer für Frauen wird? Neue Gesetze sollen für Sicherheit sorgen und in vielerlei Hinsicht tun sie das bestimmt auch. Doch die eigentliche Problematik liegt auch in den veralteten Ansichten und Traditionen der indischen Bevölkerung. Denn die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist in der indischen Verfassung schon seit langem vorgegeben. Umsetzung? Mangelhaft. Die Rolle der Frau sollte von einem Großteil der indischen Bevölkerung noch einmal überdacht werden. Sonst wird sich an der Gewalt, den Vergewaltigungen und der Ungerechtigkeit in Indien gegenüber Frauen und Mädchen auch in Zukunft wenig ändern. ■ 02/2013 Pressident | 17


Lernen von der Natur

Alle Gebäude werden einzig und allein von Menschen entworfen – denkt man! In Wirklichkeit gucken sich die Architekten viel von der Natur und den Tieren ab. Text L.M. Design der Räume reagiert und im Einklang mit den geometrischen Strukturen des Lebens stehen. Mit Hilfe ihrer Beobachtungen konnten die Architekten auch beispielsweise das "Clyde Auditorium", welches ein Konzertsaal ist, der in der Stadt Glasgow steht, errichten. Es gleicht dem Körperbau eines Gürteltieres. Innerhalb dieses Gebäudes sind keine nervenden Stützen in den Innenräumen zu finden, da die Gürtelkonstruktion die Kraft in den Boden umleitet. Ein ähnliches Beispiel, was bei vielen Fußballfans sicherlich bekannt ist, ist die Allianz-Arena in München. Deren Außenwände werden nämlich ständig mit neuer Luft gefüllt. Der Vorteil ist, dass sich bei Schneefall die 2760 Kissen der Außenwände stärker mit Luft auffüllen, um die Schneelasten besser tragen zu können. Diese geniale Idee

Clyde Auditorium in Glasgow 18 | Pressident 02/2013

flickr, wojtekgurak

Architektur verändert unser Leben und kann unser Wohlbefinden beeinflussen. Die Häuser und Gebäude werden weltweit immer größer, schöner, atemberaubender und vor allem umweltfreundlicher und praktischer, denn die Architekten lernen von der Natur – den Tieren und den Pflanzen, weil diese mehrere Millionen Jahren Zeit hatten, um sich ihren individuellen Lebensräumen mit wenig Aufwand und Material anzupassen. Eine solch lange Zeit haben die Architekten beim Planen und Gestalten neuer Gebäude nicht. Deshalb beobachten sie die Lebensweisen und den Aufbau von Pflanzen und Tieren, um von ihnen zu lernen. Das Beobachten der Natur gehört zu dem Bereich der Bio-Architektur, in diesem Zweig der Architektur wird sehr darauf geachtet, dass alles Leben positiv auf das


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hat sich kein Architekt selber ausgedacht, sondern es wurde wieder einmal von einem Tier gespickt – dem Regenwurm. Dessen Außenhülle ist mit Flüssigkeit gefüllt. Diese verhilft dem Regenwurm zu seiner extremen Gelenkigkeit, denn er kann diese Flüssigkeit so verschieben, dass er auch durch die schmalsten Ritzen hindurch passt. Ein weiteres Beispiel der Bio-Architektur bilden die Bodenplatten eines Flugzeuges, die die Struktur von Bienenwaben haben. Auf diese Idee kamen die Architekten, da die Wabenkonstruktion wenig Material benötigt, sehr viel Platz bietet und diese Platten extrem leicht sind, was für Flugzeuge von Vorteil ist. Alles konnten die Architekten allerdings bislang noch nicht aus der Natur auf den Bau übertragen. Gerne hätte man zum Beispiel ein Seil, das so reißfest wie die Fäden eines Spinnennetzes ist. Mit diesem könnten die Architekten extrem stabile Hängebrücken errichten. Zum Erbauen von Häusern bedarf es allerdings EBC HH_halbe S_210x149_4c:1 30.04.2013 10:55 Uhr Seite nicht nur der Beobachtung der Natur,

sondern auch die planmäßige Stabilität von Häusern. Diese gehört zwar schon in den Bereich der Ingenieure, allerdings haben viele Architekten während ihres mindestens vierjährigen Studiums auch Erfahrungen mit dem Ingenieurfaches gemacht, so dass viele zusätzlich den Beruf eines Ingenieurs erlernt haben. In ihrem Studium erlernen die Architekten das Verständnis dafür, in welcher Anordnung Krankheiten oder Gesundheit entstehen können, so dass „lebendige“ Räume für ein gutes Bewusstsein entstehen, da nur vollausgeschöpfte Harmonie in der technischen Zweck-Funktion und in den Proportionen der Formen die Schönheit der Räume hervorrufen kann. Dieses macht den Beruf der Architektur so kompliziert, aber auch vielseitig (Walter Gropius). Folgendes Zitat von Louis Hellman gibt ziemlich gut wieder, was unter dem Begriff der Architektur zu verstehen ist: „Architektur kombiniert Kunst und Wissenschaft oder Technologie, um die Umwelt nach den Bedürfnissen des Menschen zu 1 ordnen.“ ■

Internationales Managementstudium Ein internationales und praxisorientiertes Studium inkl. Auslandssemester und zwei Praktika. Das bietet die staatlich anerkannte, private Fachhochschule mit ihren dreijährigen, kompakten Bachelor-Studiengängen: International Business Management Tourism & Event Management Business Psychology Fashion, Luxury & Retail Management International Business Economics & Politics International Business Communication

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F: Lukas Gruenke, jugendmedien.de

Titelthema

S. 22 Inklusion Was ist Inklusion? S. 24 Vorreiterland Interview mit SchleswigHolsteins Bildungsministerin Wende S. 31 Entdecke "GOLD" in Dir Die Paralympics waren - paradoxerweise - ein Großereignis der Inklusion S. 36 Hier sind alle Willkommen Inklusion an einer Hamburger "Vorbildsschule" S. 40 Berufsporträt Wie arbeitet ein Sonderpädagoge? Inklusives Klassenzimmer So sieht heute ein Klassenzimmer aus

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Was ist eigentlich Inklusion?

In dieser Ausgabe behandeln wir vielseitig das Thema „Inklusion“. Doch was bedeutet das überhaupt? Text S.W. Inklusion ist der Begriff dafür, dass behinderte Menschen genauso behandelt werden wie gesunde. Das heißt zum Beispiel, dass behinderte Schüler nicht in Sonderschulen gesteckt werden, sondern auf die gleichen Schulen gehen wie alle anderen auch. Hierbei geht es vor allem darum, dass die Gehandicapten nicht ausgeschlossen werden. Jeder sollte sie so akzeptieren, wie sie sind. Um die Inklusion durchzuführen, müssen allerdings alle mithelfen - ohne Ausnahme. Ob und wie das funktioniert und wo die Vor- und Nachteile liegen, erfährst du auf den folgenden Seiten. Zu beachten ist die Abgrenzung des Wortes "Inklusion" von "Integration". Während die Integration die Eingliederung in ein bestehendes System bezeichnet, ist es Ziel der Inklusion, dass ein neues System der Gemeinschaft entsteht, in der die Unterschiede der Menschen untereinander unbedeutend sind.

Online+

Online+

Videoumfrage "Was ist Inklusion?"

Quiz Teste dein Wissen zur Inklusion:

www.ths-pressident.de /umfrage-inklusion/

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www.ths-pressident.de /inklusion-quiz


Inklusion in Schulen Alle Bundesländer sind verpflichtet, dass sie behinderten Schülern die Möglichkeit geben, in Regelschulen eingeschult zu werden. Während Länder wie Bremen und Schleswig-Holstein das fast 60% der betroffenen Schüler ermöglichen, wird in den Schulen anderer Länder nur wenig inkludiert. Anteil der Schüler mit Förderbedarf in Regelschulen in Prozent Quelle: Aktion Mensch

54,1

30,4

36,3

55,5

11,1

47,3 20,5

19,2 17,3

27,1

40 23,7

23 39,1 27,7

22,4

02/2013 Pressident | 23


Waltraud 'Wara' Wende, Bildungsministerin von Schleswig-Holstein

Vorreiterland?

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Waltraud ‘Wara’ Wende erzählt im Interview, dass die Inklusionsquote in Schulen nur die eine Seite der Medaille ist und es vor allem auf die Qualität des Unterrichts ankommt. Interview V.K., D.H., T.H. Pressident: Wir möchten über Inklusion reden. Inklusion, das hört sich fast so an wie Illusion. Waltraud ‘Wara’ Wende: Ist aber keine. Zunächst kann Schleswig-Holstein stolz darauf sein, dass wir eine hohe Inklusionsrate im Vergleich zu den anderen Bundesländern haben. Pressident: Schleswig-Holstein hat eine Inklusionsquote von knapp 60% und belegt damit einen Spitzenplatz im bundesweiten Vergleich. Möchten Sie diese Zahl weiter erhöhen? 24 | Pressident 02/2013

Wende: Erst einmal nicht. Meine Auffassung ist, dass wir quantitativ gut da stehen, aber qualitativ noch einiges geschehen muss. Andererseits gilt: Wenn wir die Situation in Schleswig-Holstein mit der Situation in anderen Bundesländern vergleichen, dann brauchen wir uns auch auf der qualitativen Ebene mit unseren Leistungen nicht verstecken, wir sind auf einem guten Weg. Pressident: Andere Bundesländer gehen den Weg, dass sie diese Quote nicht exorbitant steigern, sondern versuchen, für weniger Inklusionsschüler einen


qualitativeren Unterricht anbieten. Wende: Dass wir Inklusion umsetzen wollen, war immer klar. Hätte man mich aber zu Beginn der Entwicklung gefragt, dann wäre ich die Situation intelligenter angegangen (Anm. der Red.: Wende ist seit 12. Juni 2012 im Amt). Das bedeutet, dass ich erst einmal die Rahmenbedingungen geschaffen hätte – zum Beispiel durch die entsprechende Qualifizierung der Lehramtsstudenten – um dann nach und nach in den Schulen mit der Inklusion zu beginnen. Ein Problem, das wir aktuell haben, ist nämlich, dass sich viele Lehrer und Lehrerinnen mit der Thematik alleingelassen und überfordert fühlen. Pressident: Die jetzigen Lehrkräfte hört man darüber klagen, dass sie überfordert seien. Wende: Ja, und weil dem so ist, benötigen wir nicht nur eine Reform des Lehramtsstudiums, sondern auch gute Weiterbildungsangebote für die Lehrerinnen und Lehrer, die bereits an unseren Schulen arbeiten. Wir können, weil die Situation so ist wie sie ist, nicht mehr darauf warten, bis die zukünftig anders ausgebildeten Lehrkräfte an unseren Schulen ankommen. Es muss schnell etwas geschehen. Das sind wir nicht nur unseren Lehrkräften, sondern auch und vor allem unseren Schülern und Schülerinnen mit und ohne Behinderung schuldig. Pressident: Also ist die Inklusionsquote eher der falsche Messwert, um erfolgreiche Inklusion zu messen. Wende: Es ist ein Balanceakt. Ich treffe mich regelmäßig mit "Praktikern", Schulleitern und Schulleiterinnen, Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern, um die Stimmung vor Ort aufzunehmen. Generell finde ich jedoch, dass die Qualität der Inklusion wichtiger ist als die Quantität.

Pressident: Um die Qualität zu verbessern, bedarf es eine bessere Ausstattung der Schulen, zusätzliche Sozialpädagogen, mehr Lehrpersonal und kleinere Klassen. Das ist mit Geld verbunden, welches bekanntlich nicht gerne für Bildung ausgegeben wird. Wende: Wir würden es sehr gerne ausgeben, aber wir haben es nicht. Einerseits stimme ich der Aussage zu, dass es finanzielle Mittel braucht, um die Situation an unseren Schulen zu verbessern, andererseits fehlt aber auch schlicht das KnowHow. Ein Beispiel: Wir wollen zukünftig die Sonderpädagogen so ausbilden, dass sie nicht nur über sonderpädagogisches Fachwissen verfügen, sondern auch in einem Schulfach – beispielsweise in Deutsch, Englisch oder Mathe – Expertise erhalten. Dann hätten wir die Möglichkeit, so ausgebildete junge Menschen sowohl als Sonderpädagogen und Sonderpädagoginnen an den Förderzentren wie auch als Fachlehrer und Fachlehrerinnen an den Regelschulen einzusetzen. Damit wäre viel gewonnen. Pressident: Sie behaupten aber im Gegensatz zu anderen Befürwortern schon, dass Inklusion auch sehr viel Geld kostet? Wende: Inklusion kostet Geld, benötigt gute Rahmenbedingungen, und dazu gehört selbstredend mehr als lediglich die zuvor angesprochene Inklusionskompetenz auf Seiten der Lehrkräfte. Insbesondere dort, wo Inklusion gut läuft, sehen wir, dass durch die Schaffung von Barrierefreiheit und die Einstellung von Assistenzkräften zusätzliches Geld in die Hand genommen wurde. Pressident: Kennen Sie überhaupt die Probleme der Schulen vor Ort? Wende: Ich denke schon! Ich rede mit 02/2013 Pressident | 25


ganz vielen Betroffenen, mit Lehrkräften, Schülern und Schülerinnen und natürlich auch mit Eltern. Das beginnt bei der Barrierefreiheit der Schulgebäude, aber das beinhaltet natürlich auch die Rahmenbedingungen von Unterricht, der natürlich viel anstrengender ist, wenn man z.B. einen geistig behinderten Schüler in einer Klasse hat. Pressident: Inklusion ist ein gesellschaftliches Thema. Es braucht eine allgemeine Akzeptanz und ein Bewusstsein der Mehrheit der Bürger, die ein solches Zusammenleben befürworten und anstreben. Inwieweit herrscht hier noch Nachholbedarf? Wende: Zum Teil ja, zum Teil müssen wir aber den Menschen auch die Ängste vor der Inklusion nehmen. Ich war zehn Jahre in den Niederlanden und dort geht man anders mit der gleichen Thematik um. In Deutschland hat man jahrelang separiert und deshalb ist es für viele Deutsche schlichtweg ungewohnt, dass man es auch anders machen kann. Pressident: Müssen den Menschen Berührungsängste genommen werden? Wende: Ganz genau! Es gab vor vielen Jahren in meinem Leben eine Situation, wo ich meine eigenen Defizite in Bezug auf den Umgang mit Menschen mit Behinderung hautnah erlebt habe. Als ich zu Besuch in einem Krankenhaus war und dieses wieder verließ, kam mir ein Rollstuhlfahrer entgegen. Und ich wusste nicht, ob ich ihm jetzt helfen soll. Total unter Stress wollte ich freundlich sein, ihn aber auch nicht bevormunden – ich bin damals nicht auf die simple Idee gekommen, ihn einfach zu fragen, ob er meine Hilfe wünsche. Dafür habe ich mich anschließend ziemlich geschämt. Pressident: Es gibt Menschen, die das 26 | Pressident 02/2013

ganze System in Frage stellen. Auch der ARD-Film “Inklusion: Gemeinsam anders” kommt zu dem Schluss, dass Inklusion nicht immer praktizierbar ist. Wende: Ich bin der Meinung, dass in einigen, sehr schweren Fällen, Inklusion nicht möglich ist. Wenn ich in Förderzentren unterwegs bin und auf Schüler mit erheblichen Behinderungen treffe, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass wir irgendwann einmal eine Inklusionsrate von 100% haben – zumindest nicht unter den jetzigen finanziellen Rahmenbedingungen. Pressident: Zumal die meisten Lehrkräfte bereits jetzt überfordert sind. Wende: Ich höre viel von Lehrkräften, die sich überfordert fühlen, und zwar unabhängig vom Thema Inklusion. Schulklassen sind nicht homogen, jeder Schüler und jede Schülerin ist anders – und darauf müssen sich die Lehrkräfte einstellen, sie müssen in der Lage sein, jede Schülerin und jeden Schüler individuell zu fördern und zu fordern, sie müssen in der Lage sein, eine Unterrichtsstunde binnendifferenziert anzulegen, nur dann ist Unterricht wirklich gut. Pressident: Erzählen Sie das einem 50-jährigen Lehrer, der seit 20 Jahren denselben Unterricht macht. Wende: Es wird schwer. Deswegen ist Inklusion ein Thema, dass sozusagen "anwächst" oder man könnte auch sagen, dass sich mit der Zeit "auswächst". Pressident: Wo liegen die Vorteile einer inklusiven Schule für die Schüler? Wende: Zum einen nehmen die Berührungsängste ab. Zum anderen glaube ich, dass der Toleranzgedanke größer wird. Damit wir in die Köpfe bekommen, dass


Ministerin Wende mit den Pressident-Redakteuren jeder Mensch anders ist und dass dies auch gut so ist. Aber auch die Hilfsbereitschaft ist ein wichtiger Faktor. Denn Schule ist nicht nur ein Ort, an dem Schüler intellektuell lernen, sondern an dem sie sich auch sozial entwickeln. Es geht immer um den ganzen Menschen, um seine intellektuellen genauso wie um seine sozialen und auch seine kreativen Potenziale. Pressident: Ein Nachteil könnte sein, dass das Unterrichtsniveau sinkt. Wende: Nur, weil man inklusiv arbeitet, heißt es nicht, dass das Unterrichtsniveau sinkt. Dieser Zusammenhang stimmt nicht. Pressident: Es geht Zeit verloren, wenn Aussagen für hörgeschädigte Schüler wiederholt werden müssen. Dinge können nicht für die ganze Klasse erklärt werden. Wende: Die Frage ist doch, ob Quantität das Wichtigste ist. In einer Lerngemeinschaft mit ganz unterschiedlichen Schülern profitieren die Leistungsschwachen von den Leistungsstarken, indem sie Lernstoff von ihnen vermittelt bekommen und es profitieren die Leistungsstarken

von den Leistungsschwachen, indem sie lernen, Lernstoff zu vermitteln. Und nun könnte man sagen, die Schlauen verlieren doch Zeit, wenn sie den weniger Schlauen Dinge erklären, aber genau das ist zu kurz gedacht, denn auch die Schlauen profitieren vom Erklären: Man muss nämlich ein Thema schon sehr gut verstanden und durchdrungen haben, um es einem anderen Schüler näher zu bringen. Damit haben also beide etwas davon, die, die erklären und die, die etwas erklärt bekommen. Pressident: Den Forderungen, dass die fachlichen Anforderungen des Unterrichts steigen sollten, damit Deutschland z.B. die PISA-Defizite aufholt, würden sie also nicht zustimmen? Wende: Dem würde ich nicht zustimmen. Schauen Sie sich die Selbstmordrate in Japan an! Wir brauchen in der Schullandschaft mehr Gelassenheit und wir sollten den Schülern und Schülerinnen mehr Zeit lassen. Kreativität, Einfühlungsvermögen und Sozialkompetenzen sind mindestens genauso wichtig wie die Frage, ob jemand höhere Mathematik beherrscht. Pressident: Würden Sie einem Lehrer jemals sagen: “Lassen Sie doch das letz02/2013 Pressident | 27


te Thema, das im Lehrplan steht, weg. Wichtiger ist, dass die Schüler Sozialkompetenz lernen!” Wende: Als ich noch Professorin war, habe ich zu Beginn eines jeden Semesters einen Seminarplan erstellt. Und ich bin fast immer von diesem Plan abgewichen, wenn ich z.B. gemerkt habe, dass der Kurs eine Thematik noch nicht richtig verstanden hatte. Gegenfalls bin ich dann mit den Inhalten nicht durchgekommen, aber ich wusste: Das, was wir gemacht haben, haben die Studierenden tatsächlich verstanden! Pressident: Ist die Fortsetzung des Inklusionsgedanken eine Einheitsschule? Wende: Einheitsschule würde ich so nicht sagen wollen. Der Begriff unterstellt, dass Schüler und Schülerinnen als uniform und entindividualisiert gedacht werden. Genau das aber darf nicht unser Ziel sein: Schüler und Schüler sind individuell, jeder ist anders als der andere, und es ist gleichwohl möglich, dass alle miteinander lernen. Aus diesem Grund bin ich für den Begriff Gemeinschaftsschule, hier wird das soziale Element, das Miteinander in der Schule betont. Pressident: Was ist mit der Abschaffung der Gymnasien? Wende: Viele Schüler und Lehrer wünschen sich die Gymnasien und schon deswegen möchte ich sie nicht abschaffen. Aber ich möchte die zweite Schulform, die Gemeinschaftsschule, zu einer ebenso leistungsstarken Schule entwickeln. Auch als Schüler oder Schülerin einer Gemeinschaftsschule kann man Abitur machen, nur eben auf einem anderen Weg, der deswegen aber kein schlechterer Weg ist, er ist nur eben anders. Beide Schulformen, Gymnasien und Gemeinschaftsschulen, sollen nebeneinander bestehen, päda28 | Pressident 02/2013

gogisch unterschiedlich arbeiten, aber gleichwertig sein. Pressident: Auch wenn die finanziellen Mittel nicht vorhanden sind, werden Sie vermutlich nicht einfach herumsitzen und nichts tun. Was machen Sie als Bildungsministerin, um die inklusive Situation zu verbessern? Wende: Zum einen nehme ich – wie bereits erwähnt – großen Einfluss auf die Lehrerausbildung. Zum anderen werde ich mich in Kürze mit der Sozialministerin (Anm. d. Red.: Kristin Alheit, ehemalige Pinneberger Bürgermeisterin) zusammensetzen, um über Qualifizierungsmaßnahmen für Inklusionshelfer zu sprechen. Bislang kann jeder Inklusionshelfer werden, ohne jedwede Vorabschulung. Das sollten wir ändern. Gleichzeitig bemühe ich mich, gemeinsam mit den Schulministerinnen und Schulministerinnen der übrigen 15 Bundesländer um finanzielle Mittel vom Bund. Pressident: Würden Sie sich wünschen, wenn Inklusion bundesweit von allen Ländern gemeinsam angegangen werden würde? Wende: Das hört sich für manche Ohren möglicherweise sinnvoll an, alle Länder machen es so, wie Berlin es vorgibt, doch wer sagt uns, dass über zentrale Steuerung die besseren Lösungen gefunden werden? Jedes Land muss seinen Weg gehen und wir in Schleswig-Holstein müssen uns bei dieser Thematik nicht verstecken. Pressident: Was ist mit einem Schüler, der von Schleswig-Holstein nach Niedersachsen umzieht? Kann er dort keine Regelschule mehr besuchen – Niedersachsen hat eine der schlechtesten Inklusionsquoten? Wende: Sollen wir in Schleswig-Holstein


deswegen weniger inkludieren? Das ist ein sehr gutes Beispiel, wir in SchleswigHolstein müssen unseren eigenen Weg gehen, und sollten uns nicht durch andere Länder ausbremsen lassen. Pressident: Man könnte einen gemeinsamen Konsens finden. Wende: Nehmen wir das Bundesland Bayern als Beispiel. Dieses ist laut UN-Konvention genauso zur Inklusion verpflichtet wie wir und trotzdem findet Inklusion dort lediglich in Ansätzen statt. Gleichschritt im Konsens würde häufig Stillstand bedeuten, oder aber Gleichschritt in einem sehr, sehr langsamen Tempo. Pressident: Welche Gründe haben solche Länder, das Thema Inklusion nicht voranschreiten zu lassen? Wende: Bedenkenträger haben immer und überall Hochkonjunktur, und die Angst davor, Dinge anders zu tun als man sie immer getan hat, ist meistens größer als der Mut, den es braucht, um Neuland zu betreten. Pressident: Seit der UN-Konvention ist Kritik an der Inklusion ein Tabu geworden. Umso härter wird dafür das Inklusionskonzept in den Foren im Internet oder auf Stammtischen auseinandergenommen. Verfolgen Sie solche Debatten? Wende: Ich will sie gar nicht hören! Solche Schimpftiraden sind unter der Gürtellinie. Pressident: Und wenn die Kritik sachlich ist? Wende: Dann kommt sie mir auch zu Ohren. Und sie ist mir so wichtig, dass wir in den ersten Wochen unserer Regierung 300 Stellen an die Schulen zurückgegeben haben, die die Vorgängerregierung ge-

kürzt hat, davon haben wir 120 Stellen für die Verbesserung der Inklusion eingesetzt. Das ist zu wenig, aber man merkt: Inklusion ist eine Herausforderung, der ich mich stelle, ich setze mich dafür ein, dass die Rahmenbedingungen Schritt für Schritt besser werden. Pressident: Wir reden die ganze Zeit über Inklusion, dabei wissen viele überhaupt nicht, was Inklusion ist. Braucht es noch mehr aufklärerische Arbeit? Wende: Da muss man in der Tat genauer darüber nachdenken. Das Wort Integration werden die meisten Menschen kennen. Das Thema ist ähnlich, aber der Begriff hat sich geändert. Pressident: Alles in allem: Sind Sie stolz auf das Inklusionskonzept in SchleswigHolstein, auch wenn Sie sagen, dass noch Nachbesserungen von Nöten sind? Wende: Ich bin in der Tat stolz darauf! Inklusion ist ein Thema, wo wir den anderen Ländern zeigen können, dass Inklusion funktionieren kann, ich bin der festen Überzeugung: Wo ein Wille ist, findet sich ein Weg. Pressident: Wie sieht bei Ihnen die inklusive Schule in vier Jahren aus? Wende: In vier Jahren sind die ersten Lehrer, die nach meinem Modell studieren, kurz davor, ihre Ausbildung zu beenden. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass wir alle miteinander darüber schmunzeln, wenn wir uns daran zurückerinnern, dass wir einmal Angst davor hatten, die Inklusion könne misslingen. Pressident: Dann brauchen Sie auch keine Interviews mehr zu diesem Thema zu geben. Vielen Dank für das Gespräch! ■ 02/2013 Pressident | 29


Kurt Fearnley, Rennrollstuhlfahrer aus Australien 30 | Pressident 02/2013


Entdecke „GOLD“ in Dir - und mache etwas daraus!

Bei den Paralympics kämpfen ausschließlich behinderte Menschen um Gold-Medaillen und erleben dennoch ein vorbildhaftes Großereignis der Inklusion! Text D.H. Der Hangar 6 der Lufthansa in Hamburg bot am Abend des 26. Februars ein mehr als ungewohntes Bild. Statt Flugzeugarbeiten stand eine außergewöhnliche Filmpremiere mit außergewöhnlich vielen verschiedenen Gästen auf dem Programm: Der Film "GOLD - Du kannst mehr als Du denkst!" zog 1.300 Personen aus Politik, Sport und Showbusiness in den "größten Kinosaal Deutschlands", wie es Tom Buhrow einleitend formulierte. Dabei war es nicht nur der größte, sondern auch der inklusivste: Durch die Barrierefreiheit konnten auch zahlreiche Rollstuhlfahrer an diesem einzigartigen Event teilnehmen. Und von einer lapidaren und gleichzeitig tiefsinnigen Botschaft ergriffen werden. Du kannst mehr als Du denkst! Diese Aussage prägt den Film. Sie wird durch drei Ausnahmesportler personifiziert, die sich dieses Motto in ihr Herz geschrieben haben. Kurt Fearnley, Rennrollstuhlfahrer aus Australien. Kirsten Bruhn, Schwimmerin aus Neumünster. Und Henry Wanyoike, Läufer aus Kenia. Alle drei haben Gold-Medaillen gewonnen, Rekorde aufgestellt. Ihre Biografie zeigt einen Weg des Siegens auf, der sie zu glücklichen Sportlern und Menschen gemacht hat. Doch die Wurzeln ihrer eigenen Geschichte ha-

ben das nicht vorhersehen lassen und die Bedingungen zu ihrem jetzigen Erfolg erheblich erschwert: Sie musste Schicksalsschläge hinnehmen, die sie zu körperlich behinderten Menschen gemacht haben. "Ich wünschte mich auf die Wolken, die ich durch das Krankenhausfenster sah!" Wenn Kirsten Bruhn beginnt, über ihren Unfall zu sprechen, kommt einiges in ihr hoch. Halbweinend berichtet sie von dem Vorfall, der aus ihr, einer attraktiven, jungen Frau, welche die Flexibilität ihres Lebens genossen hat, eine im Rollstuhl sitzende Patientin hat werden lassen. Sie war mit ihrem Freund im Urlaub auf der griechischen Insel Kos gewesen, er überredete sie zu einer Motorrad-Spritztour über die Serpentinen. Gegenverkehr in der Kurve, Abkommen von der Straße. Kirsten merkte aus dem Liegen, dass sie ihre Beine nicht mehr bewegen konnte. Nach unendlichen vierzig Stunden gelangte sie mit einem Hubschrauber schließlich in eine deutsche Klinik. "Das mit dem Laufen, das können sie vergessen!" An diesen Satz, den ihr ein Arzt ziemlich teilnahmslos entgegenbrachte, erinnert sich Kirsten heute noch. Es war wie ein Schlag ins Gesicht! Die damals Anfang Zwanzigjährige fühlte sich durch diese unvorhersehbare 02/2013 Pressident | 31


Kirsten Bruhn, Schwimmerin aus Neumünster Querschnittlähmung ihrem schönen, unkomplizierten, normalen und vor allem selbständigen Leben beraubt. Wie sollte sie mit einem Rollstuhl den Tritt ins Leben zurückschaffen? Wie sollte sie ihren Alltag meistern können? Doch am wichtigsten, was an ihrem neuen Leben, das nach der Krankenhausentlassung, wäre für sie ein Grund, dem alten, jenem vor dem Unfall, nicht für immer nachzutrauern? Kirsten Bruhn hat über ein Jahrzehnt gebraucht, um solche Gründe zu finden und zu fixieren. Auf eine ganz andere Weise ging es Henry Wanyoike sehr ähnlich. Er verlor mit 20 Jahren über Nacht sein Augenlicht. Ein junger Kerl, der in der Schule der schnellste Läufer gewesen war, musste sich auf einmal in einer deutlich ungeordneteren Infrastruktur, als wir sie kennen, zurechtfinden, ohne dabei vor Augen zu haben, was wirklich passiert. Der Australier kommt auch ohne Roll32 | Pressident 02/2013

stuhl vorwärts. Es war schwer für ihn, einen festen Standpunkt im sozialen Umfeld zu finden. Die Mitmenschen behaupteten sogar, die Familie müsste durch einen Fluch belastet sein, auf den die Erblindung zurückzuführen wäre. Henry wurde orientierungslos, verfiel in Depressionen. Erst eine 1997 entstandene Augenklinik half ihm allmählich aus seiner Mutlosigkeit. Kurt Fearnley, der dritte Protagonist, durchlitt eine solch radikale Lebensveränderung nicht. Er lebt von Geburt an anders. Selbst bemerkt, so sagt der Australier, habe er das zum ersten Mal erst mit dreizehn Jahren auf dem Gymnasium. Ihm fehlen Teile seiner Lendenwirbelsäule, der Arzt im Krankenhaus prognostizierte Kurts Leben damals ein frühes Ende. Ein Wahnsinn, wenn man sich den heute über 30-Jährigen ansieht, der meist ein ehrliches und ansteckendes Lachen versprüht. Der Australier ist anders, ohne


Frage. Aber sein Umfeld hat ihn das nie spüren lassen. Im Gegenteil: seinen Brüdern krabbelte er als Kind durch die Landschaft seiner landschaftlich geprägten, großstadtfernen Heimat hinterher, er kämpfte sich durch Bachläufe, durch Dornen. Seine Brüder ließen das zu, anstatt ihn zu tragen. Nicht weil sie herzlos waren. Nein, da Kurt selbst kein Mitleid, sondern sich selbst durchsetzen und stark werden wollte. Das ist ihm gelungen. Auf dem Gymnasium machte ihn eine Lehrerin auf den Rennrollstuhlsport aufmerksam. Kurt ist sofort begeistert, er trifft auf andere Rollstuhlfahrer und ist sofort in der Gruppe integriert. Von nun an gehört eisernes Training zu seinem Alltag und durch sein offensichtliches Talent rücken bald große Ziele näher. Bei Kirsten war es ebenfalls der Sport, der ihnen die verlorene Lebenslust Stück für Stück zurückgegeben und ihren Blick von dem lebensverändernden Einschnitt auf lebenswertere Möglichkeiten gerichtet hat. "Ich wollte lange Zeit nicht wahrhaben, dass der schlimmste Tag meines Lebens Anlass für den schönsten sein sollte!"

Kirsten Bruhn ist in ihrem ganzen Leben begeisterte Schwimmerin gewesen, auch früh im Leistungsbereich aktiv. Für internationale Wettbewerbe hätte es aber wohl nicht gelangt. Nach ihrem Unfall war es das Schwimmen, das sie merken ließ, was sie immer noch, auch nach all den Veränderungen, gut kann. Mit ihren Eltern im Trainerteam ist Kirsten Bruhn zu einer ambitionierten Schwimmerin geworden, die inzwischen mehrmals "den schönsten Tag" ihres Lebens erlebte, bei einem ganz besonderen Wettbewerb. Auch Henry entdeckte irgendwann wieder Ziele für sich, die meisten bezog er dabei aufs Laufen. Seiner Therapeutin verrät er seinen geheimen Lebenstraum: Medaillen wolle er gewinnen, dabei Weltrekorde aufstellen. Bald hat er einen Laufpartner gefunden, mit dem er durch ein Band am Arm verbunden ist. Sie laufen synchron, Langstrecken bis zur Marathonlänge. Einzig das symbolisiert schon ihr wunderbares Vertrauensverhältnis. Und auf einmal geht es für den Kenianer mit seinem Partner ganz schnell: 1999 darf er in Nairobi als Ersatzläufer ran und qualifiziert sich für nichts Geringe-

Henry Wanyoike, blinder Läufer aus Kenia mit Begleitung 02/2013 Pressident | 33


res als die Paralympischen Spiele 2000 in Sydney. Dort passiert Unglaubliches: im Finallauf über 5000 Meter läuft sich das Zweier-Team um Henry konkurrenzlos, umrundet das gesamte Läuferfeld zweimal. Am Ende ist sein Guide erschöpft und kann nicht mehr weiterlaufen, Henry muss ihn unter tosenden Anfeuerungen über die Ziellinie ziehen. Durch diese fantastische Leistung wird jedoch seine Erblindung angezweifelt. Das Komitee erkennt den Sieg erst Tage später an. Von unten nach ganz oben! Das Phänomen dieses Sportereignisses lässt Henry nie wieder los. Kirsten, Kurt und Henry haben den Sport in einer bestimmten Disziplin als eine Möglichkeit kennengelernt, ihre Beeinträchtigungen zu vergessen und über ihre körperlichen Grenzen hinauszugehen. Kurt sitzt in einem für ihn vollkommen perfekten Rollstuhl und gibt Gas, Kirsten krault mit ihrer unglaublichen Armmuskulatur ungehindert durch das Schwimmbecken und Henry rennt durch eine Umgebung, die er sich durch die Beschreibungen seines Partners so genau vorstellen kann, als nähme er sie durch seine Augen tatsächlich wahr. Sie spüren kein Handicap, dafür einen uneingeschränkten Willen. Durchhalten. Schneller werden. Nach der Goldmedaille ist vor dem nächsten großen Turnier. Die Paralympischen Spiele haben durch die vielen außergewöhnlichen Geschichten, die dort geschrieben werden, eine ungeheure Faszination. Die zahlreichen Athleten, von denen jeder einzelne ein eigenes, mutmachendes Zeugnis ist, trotz bestimmter Schwächen leistungsstark zu sein, kämpfen vier Jahre lang um Teilnahme- und Medaillenambitionen. Doch diesen "Spirit", wie es viele Teilnehmer beschreiben, spüren nicht nur die Sportler selbst, sondern auch die Zuschauer. Mit am besten nachempfinden kann das Andreas F. Schneider, Produzent des "GOLD"Films. Er sitzt selbst im Rollstuhl und ist 34 | Pressident 02/2013

seit einigen Spielen immer live dabei. Vor vier Jahren kam ihm mit Hendrik Flügge, dem zweiten Produzenten, die Idee, diese so besondere Stimmung, wie er sie im zunehmenden Maße erlebt hat, an Menschen zu transportieren, die davon bislang wenig oder gar nichts mitbekommen haben. Gemeinsam wollten sie die Spiele 2012 filmreif werden lassen. Ein abendfüllender Dokumentarfilm sollte es werden. Ziele waren von beiden früh formuliert. Der Film soll drei Personen auf ihrem eigenen Weg zu den Spielen in London begleiten. Das Ergebnis würde in den Kinos erscheinen, allgemein einen möglichst hohen gesellschaftlichen, sportlichen und politischen Stellenwert erhalten. Doch auf dem Weg zum terminlich anvisierten Erscheinen war anders als bei gewöhnlichen Dreharbeiten Vieles nicht planbar. Die porträtierten Akteure, die es auch erst einmal zu finden und festzulegen galt, spielten nicht etwas aus einem vorab geschriebenen Drehbuch vor. Die Aufnahmen spielten von ihrem Leben, zeigten ihre Geschichten und drückten ihre Erwartungen auf die Krönung im Sommer 2012 in London aus. Die Herausforderung war also, durch authentisches Verhalten, welches Planung im Vorfeld ausschließt, der Grundidee und -botschaft, welche sehr wohl schon im Vorfeld Bestand hatte, glaubhafte Wirkung zu verleihen. Und für beide ist dies aus heutiger Perspektive die eigentliche Kunst des Endergebnisses. Womit man vorher bereits rechnete, war, dass die Paralympics in London ein Erfolg würden. Die unglaublichen Ausmaße der Ereignisse, von denen Hendrik Flügge und Andreas Schneider stundenlang erzählen können, übertrafen jedoch jegliche Vorstellungen: "Ich komme aus dem Sport, habe schon viele Turniere wie zum Beispiel die Fußballeuropameisterschaft in England erlebt. Das war nichts gegen die Atmosphäre im letzten Sommer. Dieser Enthusiasmus und die Anerkennung,


welche die Zuschauer den sportlichen Leistungen der Athleten entgegengebracht haben, egal ob sie die Sprintstrecke in 16 oder 20 Sekunden gelaufen sind, war unfassbar! Es war gelebte Solidarität, die für jeden nachvollziehbar war", beschreibt Hendrik Flügge, der zutiefst dankbar ist, diese Spiele miterlebt haben zu dürfen. Damit begründet er außerdem, warum ein Wettkampf, an dem ausschließlich behinderte Menschen teilnehmen, dem Gedanken der Inklusion dennoch entspricht. "Harter Wettkampfsport hat, was Inklusion angeht, sicherlich Grenzen. Die Paralympischen Spiele sind auf eine andere Art und Weise inklusiv: Zwischen den vielen Freiwilligen, die den Athleten die Teilnahme durch ihre Hilfsbereitschaft praktisch ermöglichen, und den Behinderten entstehen häufig ganz besondere Beziehungen. Außerdem finden Wettkämpfe nicht vor leeren Tribünen statt!" Es sind also nicht die Spiele der Behinderten - bei diesem Wettbewerb feiern behinderte Menschen mit den Nichtbehinderten als Organisatoren, freiwilligen Helfern

mitfiebernden Zuschauern ein großes, inklusives Fest. Und es geht damit sogar noch einen Schritt weiter: Diese Spiele bieten den behinderten Menschen nicht nur ein Recht auf Teilhabe, wie es die UNKonvention von 2008 vorsieht. Sie ermöglichen ihnen Respekt und Anerkennung, indem sie im Fokus der Öffentlichkeit als herausragende Sportler und nicht als behinderte Personen angesehen werden. Hendrik Flügge und Andreas Schneider würden gerne, dass sich möglichst viele Leute den Film ansehen, an dem sie und viele andere über die letzten vier Jahre so intensiv gearbeitet haben. "Doch vielleicht", gesteht Andreas Schneider ein, "ist das auch nur mein sportlicher Ehrgeiz! Die wichtigste Frage ist wahrscheinlich gar nicht, wie viele diese Dokumentation letztendlich geguckt haben. Viel wichtiger ist doch, wie die Aussage auf diejenigen, die sich das Ganze angeschaut haben, nachhaltig wirkt." Und so macht jeder, der nach dem Kinofilm von seinen eigenen Stärken und denen anderer überzeugt ist, die Produzenten ein Stück glücklicher. ■

Britische Fans bei den Paralympics in London 2012 02/2013 Pressident | 35


Hier sind alle Willkommen

Die Inklusion an der Hamburger Schule Langbargheide ist ein Geschenk für jeden - sowohl für behinderte als auch für nichtbehinderte Menschen. Text S.W., S.W. Eine Grundschule im Herzen Lurups. Von außen betrachtet scheint sie eine ganz gewöhnliche Schule zu sein. Doch diese Schule ist einen Tick anders als die meisten anderen Schulen in Hamburg, denn an dieser Schule werden alle Kinder aufgenommen, egal ob mit oder ohne Behinderung. Die Kinder kommen in gemeinsame Klassen und lernen zusammen. Aber vor allem lernen sie voneinander - egal, ob sie gesund sind, ein Sprachproblem, eine Lernschwierigkeit oder das Downsyndrom haben. So gewinnen die Kinder ohne Handicap an Sozialkompetenz. Die Kinder mit Handycap lernen von den anderen ganz alltägliche Dinge, aber auch den normalen Schulstoff. Auch die Klassenverbände sind anders, als wir sie kennen: Die Tierklassen, z.B. Frösche und Zebras, bestehen aus der Vorschule, der ersten Klasse und der zweiten Klasse, die Baumklassen sind die Dritt- und Viertklässler. Von außen sieht das Gebäude ganz normal aus, wie jede andere Grundschule eben auch, doch wir beide besuchten diesen Ort, und merkten, dass es hier um viel mehr geht als nur um Schule. Schon als wir ankommen, spüren wir, dass diese Schule ein besonderer Ort ist. Erst fühlen wir uns noch ein wenig fehl am Platz, als die ersten Grundschüler von 36 | Pressident 02/2013

ihren Eltern gebracht werden, und uns ein wenig erstaunt mustern. Doch wenig später werden wir ins Lehrerzimmer geholt, wo wir herzlich begrüßt werden. Kaum einer wusste überhaupt, dass wir kommen würden, und doch ernten wir von fast jedem ein herzliches Lächeln. Nach kurzem Hin und Her nimmt uns Annika Janssen, eine junge Lehrerin, mit zu den Fröschen, damit wir uns für zwei Stunden den Unterricht anschauen können. Die Klasse besteht aus 15 Schülern im Alter von fünf bis acht Jahren, die in drei „Gruppen“ aufgeteilt sind: Die Mondkinder, die Sternenkinder und die Wolkenkinder. Diese Gruppen werden nicht nach Alter gewählt, sondern nach dem Lernstand: Die Mondkinder sind die, die schon am meisten können, die Wolkenkinder müssen noch am meisten lernen. Und schon beginnt der Unterricht. Als erstes setzten wir uns alle in dem gemütlichen Klassenzimmer in einen Erzählkreis, und jeder, der möchte, berichtet von einem Ereignis. Kurz bevor wir uns erheben wollen, um den eigentlichen Unterricht zu beginnen, klopft es an der Tür. Es ist ein im Rollstuhl sitzender Junge, der herein kommt, zusammen mit seiner Begleitperson, die immer an seiner Seite ist. Die anderen Kinder begrüßen ihren Mitschüler ganz normal, und nehmen ihn in den Kreis auf. Wenig später beginnt dann der richtige


Der Schulhund mag es gerne leise, deswegen sollten alle Schüler ruhig sein. Unterricht und jeder Schüler sitzt wieder auf seinem Platz. Schon als wir uns die Aufgabenblätter anschauen, die hinten ausliegen, merken wir, dass irgendetwas anders ist als in anderen Schulen. Später erfahren wir dann, dass jeder Schüler andere Aufgaben bekommt, seinem Lernstand entsprechend. „Jedes einzelne Kind wird beachtet, bei jedem überlegen wir, wie wir es am besten fördern können“, sagt uns Susanne Matzen-Krüger, die Leiterin der Tierklassen, später in einem Interview. Das sieht so aus, dass sich die Lehrer mit Sonderpädagogen und Heilerziehern jede Woche zusammensetzen und sich über jeden Schüler und den Unterricht Gedanken machen. Außerdem, so erfahren wir, gibt es von Beginn an im Kindergarten und in allen Klassen die gleichen Rituale, damit die Kinder keinen Bruch zwischen Kindergarten und Schule erleben. Dies scheint vor allem für geistig behinderte Schüler wichtig zu sein, tut aber jedem Kind gut. Während des Unterrichtes laufen wir ein

wenig durch die Klasse und helfen einer siebenjährigen Schülerin beim Schreibenlernen. Sie hat noch Schwierigkeiten beim Buchstabieren, doch es stört keinen. Sie wird so akzeptiert, wie sie ist. Allgemein sind Hänseleien fremd an dieser Schule: Die Kinder lernen von Anfang an, dass jeder Mensch Stärken und Schwächen hat. Sie lernen, sich nicht zu vergleichen, so wird einem Kind, das noch große Schwierigkeiten hat, einfach geholfen, anstatt dass jemand darüber lacht. Ein besonders großes Ziel dieser Schule ist es, die Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen. So klebt auf jedem Tisch, an dem ein Schüler sitzt, ein kleiner Zettel, auf dem steht, was das Kind noch lernen muss. Hierbei geht es nicht nur um schulische Leistungen, sondern auch um Verhaltensweisen. „Wenn ein Kind besonders schüchtern ist, und nicht aus sich herauskommt, so steht das auf dem Zettel, damit sich der Schüler und die Lehrer immer daran erinnern können“, sagt Susanne Matzen-Krüger. Auf die Frage, 02/2013 Pressident | 37


Klassenraum der "Frösche" ob jedes Kind die gleichen Ziele hat und sie auch erreicht, sagt sie, dass jeder Schüler ein anderes Ziel braucht, um es auch erreichen zu können. Dem stimmt auch Annika Janssen zu, als sie uns erklärt, dass sie dem Jungen aus dem Rollstuhl, den wir kurz vorher kennengelernt haben, nicht das Schreiben beibringen kann, er aber trotzdem ein großes Ziel an der Schule hat: Aufgenommen zu werden, und einfach glücklich zu sein, so, wie es sich für Kinder gehört. Um den Schülern ein angenehmes Leben zu bereiten, gibt es an der Schule nicht nur Grundschullehrer und Sozialpädagogen, sondern auch Heilerzieher, Kinderkrankenschwestern und Therapeuten. Dies klingt für uns erst mal ein wenig merkwürdig, doch schon nach kurzer Zeit leuchtet uns ein, dass es sowohl für gehandicapte Kinder als auch für ihre Eltern leichter ist, wenn sie schon während der Schulzeit Therapien bekommen, und nicht noch nachmittags zu einem Therapeuten fahren müssen. Und es gibt noch weitere "Helfer", die allerdings Vierbeiner sind: die drei Schulhunde Ida, Mimo und Nala. Sie sind Perro de Aguas, spanische Wasserhunde, die durch ihre Fellstruktur keine Allergien auslösen. Die drei Hunde kommen mit in den Unterricht und helfen 38 | Pressident 02/2013

so den Kindern beim Lernen. Vor allem wird es durch die Hunde leiser im Klassenzimmer, da sich die Hunde nur dann wohlfühlen, wenn es nicht zu laut ist und die Kinder wollen, dass es den Hunden gut geht. So wird der Unterricht für alle entspannter. Für ihre Mühe und Arbeit hat die Schule auch schon viele Preise und Auszeichnungen bekommen, unter anderen den KarlKübel-Preis und den Jakob Muth-Preis in Berlin. Hierbei geht es nicht nur um das Geld, welches die Schule als Sieger bekommt, sondern vor allem um die Anerkennung dafür, wie sehr den Kindern auf dieser Schule geholfen wird. Diese Hilfe sieht man anhand des Beispiels eines kleinen Mädchens, über die zuvor gesagt wurde, dass sie niemals lesen können würde, weil sie dazu nicht in der Lage sei. Inzwischen geht das kleine Mädchen in die dritte Klasse, und kann prima lesen und schreiben. Als wir beide die Schule nach drei Stunden verlassen und zu Fuß zum Bahnhof gehen, schauen wir uns glücklich an. Wir sind begeistert von dieser Schule, in der man so viel mehr lernt als Mathe und Deutsch. Nämlich, dass sich jedes Leben zu leben lohnt. ■


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Täglich neue Herausforderungen

Berufsporträt Der Beruf des Sonderpädagogen ist anstrengend, gibt aber gleichzeitig eine Menge zurück. Text N.N.,W.M. Kinder mit einer Behinderung oder einer Krankheit, psychischen Problemen oder einem kritischen sozialen Hintergrund, sind häufig auf gezielte Förderung angewiesen, um Lernschwierigkeiten zu lindern. Ein Sonderpädagoge arbeitet mit diesen Kindern und Jugendlichen und hilft ihnen, die Schwierigkeiten zu überwinden. In der Sonderpädagogik wird in „Heilpädagogische Früherziehung“ und „Schulische Heilpädagogik“ unterschieden und während der Ausbildung spezialisieren sich die Fachkräfte auf jeweils einen dieser beiden Bereiche. Die heilpädagogische Früherziehung beschäftigt sich mit Klein- und Vorschulkindern, die Auffälligkeiten und Besonderheiten bei der Entwicklung zeigen. Hierbei ist es wichtig, dass die Sonderpädagogen eng mit den Familien der Kinder zusammenarbeiten und diese beraten und unterstützen. Die Kinder können somit gezielt individuell in Einzel- oder Gruppenstunden gefördert werden. Sonderpädagogen, die im Bereich der schulischen Heilpädagogik tätig sind, arbeiten als spezialisierte Lehrkräfte an Schulen, oder aber im Bildungsbereich in Kinderheimen. Durch eine spezielle Schulung und individuelle Förderung der Kinder wird versucht, Lernschwierigkeiten zu bewältigen. Um eine möglichst passende Lernmethode für jedes Kind zu finden, werden die Lernprozesse gründlich be40 | Pressident 02/2013

obachtet und studiert und die Vorgehensweisen an die Bedürfnisse der Kinder angepasst. Außerdem gehört es zu den Aufgaben des Sonderpädagogen, die Eltern, andere Lehrkräfte und die Schulleitung zu beraten. Höchstes Ziel ist immer, nicht nur die schulischen Leistungen zu verbessern und somit spätere berufliche Chancen für die Kinder und Jugendlichen zu schaffen, sondern diese auch erfolgreich in ein soziales Umfeld zu integrieren. Das Förderzentrum Pinneberg unterstützt Regelschulen bei der Beschulung und im Umgang mit Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, damit alle Kinder und Jugendliche erfolgreich in ihrer Schule lernen können und gut mit ihren Mitschülern auskommen. Interview mit Sonderpädagogin Petra Blanke Im Zuge unseres Titelthemas „Inklusion“ erhielten wir die Chance, Petra Blanke, Sonderpädagogin am Förderzentrum Pinneberg, zum Gespräch zu treffen, um hautnah Einblicke in ihren Beruf zu erhalten. Pressident: Wie lange arbeiten Sie schon als Sonderpädagogin und seit wann sind Sie am Förderzentrum Pinneberg tätig? Petra Blanke: An der Heinrich-Hanse-


mann-Schule arbeite ich nun insgesamt schon 23 Jahre, das Förderzentrum an sich gibt es erst seit einem Jahr. Ich hatte zuvor Sonderpädagogik in Hamburg studiert und dort auch mein Examen gemacht. Pressident: Welche Tätigkeiten gehören zu Ihrem Aufgabenbereich? Blanke: Hauptsächlich arbeite ich an der Sprachförderung für Deutsch als erste Muttersprache. Da ich ganztags arbeite, kommen am Nachmittag Kinder aus Grundschulen und Kindergärten hier her, die kostenlose Kurse zur Verbesserung ihrer Sprache und zur Bekämpfung von Sprachfehlern belegen können. Nebenbei führe ich noch Tests in Kitas durch, um bei den Fünfjährigen zu testen, ob ihre Sprache sich normal weit entwickelt hat. Seit letztem Jahr bin nun auch noch Mentorin für neue Auszubildende und Studenten und arbeite bei InPrax mit. Dort gehe ich an Schulen, die Fragen zum Thema der Schulentwicklung im Bezug auf Inklusion haben. Pressident: Wie können wir uns einen typischen Arbeitstag von Ihnen vorstellen? Gibt es so einen überhaupt? Blanke: Einen typischen Arbeitstag im Förderzentrum gibt es nicht mehr. Ich kann allerdings etwas zum Berufsbild des Sonderpädagogen sagen, das sich vor allem noch einmal durch die Inklusion verändert hat. Wir sind jetzt, was diese Schule angeht, nicht mehr in einer Sonderschule tätig, sondern an Regelschulen und in der veränderten Eingangsphase in den Klassen Eins und Drei, im sogenannten Präventiven Unterricht, um Lernstörungen und Lernbehinderungen zu vermeiden. Sonderpädagogen haben unterschiedliche behindertenspezifische Fachrichtungen studiert, das ist sehr breit gestreut, beginnt zum Beispiel bei der Blindenpädagogik,

Sonderpädagogin Blanke am Förderzentrum Pinneberg der Sehbehindertenpädagogik, der Gehörlosenpädagogik, der Körperbehindertenpädagogik, der Geistesbehindertenpädagogik, der Lernbehindertenpädagogik und der Sprachbehindertenpädagogik. Früher gab es auch noch die sogenannte Verhaltensgestörtenpädagogik. Das gibt es heute weitgehend nicht mehr und alles nennt sich heutzutage ein bisschen anders, Menschen mit Problemen dieser Art gibt es natürlich immer noch. Nehmen wir meine Person als Beispiel (lacht): Ich habe die beiden behindertenspezifischen Fachrichtungen Geistesbehindertenpädagogik und Sprachbehindertenpädagogik studiert. Ich arbeite in Vollzeit, mit der Hälfte meiner Stunden an der Helene-Lange-Schule, der benachbarten und eigentlich größten Grundschule hier in Pinneberg. Dort arbeite ich in den Klassen Eins und Zwei in der Prävention und zwar mit dem Schwerpunkt Sprachförderung, aber nicht im 02/2013 Pressident | 41


Sinne von Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund, die Deutsch als Zweitsprache erlernen, sondern für Kinder, bei denen Deutsch die Erst- oder die Muttersprache ist. Mit weiteren Teilen meiner Unterrichtsverpflichtung bin ich am Nachmittag hier tätig, dann kommen auch Kinder aus Grundschulen und Kindergärten und haben die Möglichkeit eine Sprachförderung zu erhalten, die kostenlos ist. Mit einem weiteren kleinen Teil meiner Arbeitszeit gehe ich in Kindergärten und biete dort bei Bedarf an, alle fünfjährigen Kinder einmal auf die Entwicklung ihrer Lautsprache zu testen. Fünfjährige deshalb, weil dort noch die Chance besteht, dass sie vor der Einschulung Hilfe bei der Logopädie bekommen. Dann bin ich zum Beispiel in diesem Schuljahr auch Mentorin gewesen, das heißt Ausbilderin für Anwärterinnen und Referendarinnen für diesen Beruf. Dies erfordert eine Menge an Kooperation mit der Grundschule, denn die Kollegin, die jetzt ausgebildet wird, muss dort drüben in den Klassen arbeiten und ich leite sie in ihrer behindertenspezifischen Fachrichtung im Regelunterricht an. Und da wir immer zwei Sonderpädagogische Fachrichtungen haben, wird man auch immer doppelt angeleitet. Das heißt, man hat zwei Mentoren und die entsprechenden Ausbilder vom IQSH, also vom Lehrerausbildungsinstitut und die Kollegen, die in den Klassen tätig sind. Somit ist immer eine ganze Menge an Absprache nötig. Pressident: Wie kamen Sie auf die Idee, Sonderpädagogin zu werden? Wann haben Sie sich dazu entschieden? Blanke: In den meisten Fällen ist es so, dass private Begebenheiten einen zu seinem Beruf führen, so war es auch bei mir. Ich selbst habe einen behinderten Bruder. Pressident: Welche sind Ihrer Meinung 42 | Pressident 02/2013

nach die wichtigsten Eigenschaften, die man für Ihren Beruf mitbringen sollte? Blanke: Man sollte wissen, was einem selbst beim Lernen geholfen und was einen behindert hat. Wichtig ist vor allem, dass man ein klares Bild von seinen persönlichen Stärken und Schwächen vor Augen hat. Pressident: Was reizt Sie besonders an Ihrem Beruf? Was ist spannend an Ihrer Tätigkeit? Blanke: Die Vielfältigkeit. In so einem Beruf und Umfeld wird einem nie langweilig, auch nicht nach den 23 Jahren, die ich hier nun schon arbeite. Jeden Tag stößt man auf neue Herausforderungen und neue Problemstellungen. Pressident: Gehen Sie an manchen Tagen unzufrieden nach Hause, weil etwas nicht so gut geklappt hat? Blanke: Ja. Ich kenne solche Situationen gut, besonders aus der Zeit als ich „nur“ an der Förderschule gearbeitet habe. Gerade die damaligen großen Gruppen mit sehr vielen Problemfällen haben einen einzigen Lehrer überfordert. Die Schule war ein Pool für sehr schwerwiegende Probleme – die einen natürlich auch sehr belastet haben. Pressident: Fällt es Ihnen schwer, bestimmte Fälle nicht zu nah an sich ran zu lassen? Blanke: Dafür gibt es immer wieder Fortbildungen. Zum einen muss man eine menschliche Nähe aufbauen, zum anderen aber auch eine professionelle Distanz bewahren, gerade bei schwerverdaulichen Situationen und Vorfällen. Hierbei sind Beratungen mit Kollegen und Therapien wichtig, da man selbst natürlich stets gesund bleiben muss.


Allerdings muss heute auch ganz neu begonnen werden und es kommt immer wieder zu Druck von Seiten der Regelschulen. Im Kreis Pinneberg habe ich bis jetzt aber nur gute Erfahrungen gesammelt. Pressident: Gab es einen bestimmten Moment, in dem Sie besonders froh waren, Sonderpädagogin geworden zu sein? Eine Geschichte, die Sie besonders berührt hat? Blanke: Ja, definitiv, es gibt viele Beispiele. Ich erzähle gerne von einem Erlebnis, das mir ganz spontan einfällt. Ich spreche dafür jetzt einmal ganz deutlich gegen die Sonderschule: Ich hatte mehrere Schüler, die einen Migrationshintergrund hatten und eine Schülerin, die hier sehr auffällig war. Sie klaute, war rotzfrech, nicht angepasst. Das Mädchen stammte aus Ghana. Sie war an dieser Schule, hatte erhebliche Probleme mit dem Deutschen, in Mathe allerdings lief es gut. Diese Schülerin ist Studentin geworden an der Fachhochschule für Soziale Arbeit in Köln. Solche Geschichten berühren mich und machen mich glücklich und stolz. Wenn ich hier durch Pinneberg gehe, treffe ich häufig ehemalige Schüler mit Migrationshintergrund, die einen völlig normalen Beruf ergriffen haben und von denen ich denke, dass wir hier nicht der richtige Ort für sie waren und dass wir auf eine falsche Art und Weise mit ihnen umgegangen sind. Wir haben hier nie Kinder rekrutiert, sondern sie sind zu uns gekommen, weil sie woanders nicht aufgenommen wurden. Das ist eine der Geschichten, die mir ein wenig die Augen geöffnet hat im Hinblick auf Selektieren, Auswählen, Zuweisen gerade wo die Sprache so wichtig ist und wo die Sprache einen enormen Einfluss darauf hat, welchen Weg man überhaupt im Leben nehmen kann. Ich habe selbst viele schöne Rückmeldun-

gen von Schülern bekommen, die mich wirklich sehr froh gemacht und darin bestärkt haben, dass Sonderpädagogin für mich der richtige Beruf ist. Diese Schüler haben dann unter anderem geschrieben, dass sie es gut fanden, dass ich lustig war, einige sagten, dass ich fast so etwas wie eine Freundin war, anstatt nur eine Lehrerin. Ich glaube, das ist mit das größte Kompliment, das man kriegen kann und zeigt mir auch, dass ich zu meinen Schülern eine Nähe aufbauen konnte. Inzwischen würde ich sagen, dass dies nicht unbedingt etwas Spezifisches für Sonderpädagogen ist. Diese Fähigkeit sollte jeder Lehrer haben. Pressident: Also haben Sie auch heute immer noch zu ehemaligen Schülern Kontakt? Blanke: Ja, auf jeden Fall. Wir haben regelmäßig Ehemaligen-Treffen und dann kommen die ehemaligen Schüler und bringen inzwischen auch schon Kinder mit oder erzählen ganz glücklich über ihre Werdegänge, die zum Teil wirklich erfreulich sind. Da sieht man einfach, dass wir bei Menschen, die wirklich ganz unterschiedliche Schwierigkeiten im Leben haben, mit mehr Zeit rechnen müssen. Diese kommen teilweise mit 27 und sind dann das erste Mal alleine mit etwas wirklich fertig geworden und darüber sehr glücklich. Zum Beispiel erzählen sie dann erfreut, dass sie eine Arbeit oder eine eigene Wohnung haben – oder sogar eine eigene Familie. Für uns sind viele dieser Dinge etwas völlig Normales, doch für diese ehemaligen Schüler bedeuten diese Schritte meistens die ersten bedeutenden Erfolge in ihrem Leben und wir sind glücklich, diese Menschen ein Stück auf den richtigen Weg gebracht zu haben. Pressident: Vielen Dank für das Gespräch! ■ 02/2013 Pressident | 43


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Schule

S. 48 Unbekannte R채ume Fotoreportage S. 56 Eine tolle Einrichtung, ganz ohne die Inklusion Erfahrungsbericht vom Betriebspraktikum der 9. Klassen S. 58 Nach Pinneberg Musical-Auff체hrung des Wahlpflichtkurses S. 60 Sch체lerische Lehrer Wenn Lehrer bloggen, kann das mitunter sogar ganz spannend sein

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Schule im Überblick Rock gegen Rechts Die Projektgruppe "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" - bestehend aus Lehrern und Schülern - organisiert am

6. Juni 2013 um 19 Uhr in der THS-Aula ein Rockkonzert gegen Rechtsextremismus. Der Eintritt kostet 3,-.

Französisch-Austausch Wie viele von euch vielleicht mitbekommen haben, hatten die 8. Klassen Besuch - und zwar von Austauschschülern aus Frankreich. Zur Freude von vielen konnten Frau Adams und Frau Lassen einen Austausch mit einer französischen Schule in Sancerre organisieren. Deshalb sind die deutschen Austauschschüler für eine Woche nach Sancerre gefahren und die französischen Austauschschüler sind wenig später eine Woche an die THS gekommen. Man hatte die Möglichkeit neue Kulturen kennen zu lernen und viel Französisch zu sprechen. Doch hauptsächlich hat man einige neue Freunde gefunden. Es wurden

jede Menge Ausflüge gemacht und alle Schüler hatten eine Menge Spaß zusammen. Am Anfang war es ein wenig schwer sich einzuleben und auf den anderen zuzugehen, um ein Gespräch anzufangen, doch am Ende wollte keiner mehr gehen und es sind viele Tränen geflossen, als es dann nach einer schönen Abschiedsfeier zur Abreise kam. Es war ein wirklich einmaliges Erlebnis! Wer jetzt richtig Lust darauf bekommen hat, bald in den 8. Jahrgang wechselt und Französisch als 2. Sprache gewählt hat, sollte sich einmal umhören, denn so etwas sollte man nicht verpassen.

Theater-AG präsentiert "Die Physiker" Am 11. und 12. Juni 2013 (jeweils um 20 Uhr) präsentiert die Theater-AG der THS die Komödie "Die Physiker" von Friedrich

Dürrenmatt. Karten werden für 5,- (3,ermäßigt) in den großen Pausen vor der THS-Aula oder im Bücherwurm verkauft.

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Termine

ohne Gewähr

6. Juni

21. Juni

Bundesjugendspiele, Fitnesstag

Zeugnisausgabe

7. Juni

24. Juni - 3. August

Entlassung der Abiturienten

Sommerferien

Impressum S.Print-Ausgabe bzw. Online-Impressum Titelfoto: motto, fotolia.com

Intern Redaktionssitzung: • Mittwochs, 7. Stunde (MiPa) in Raum 206 der THS. Neue Redakteure sind herzlich eingeladen!

Kontaktmöglichkeiten: • Mail, Web: www.ths-pressident.de • Brief: Pressident, Datumer Chaussee 2, 25421 Pinneberg • Für THSler: Postfach im Sekretariat 02/2013 Pressident | 47


Unbekannte R채ume

Fotoreportage Es ist beeindruckend, wie viele R채ume es in der THS gibt, die man als Sch체ler noch nie gesehen hat. Fotos S.W., T.H.

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Unter dem Flur vor der Aula befindet sich dieser Teil des Kellers der THS, in dem die L체ftung f체r Aula und Chemier채ume gemanagt wird. 02/2013 Pressident | 49


Einen Stock 端ber der Mensa befindet sich dieser Raum. Von hier geht die Warmwasserversorgung f端r die K端che aus. 50 | Pressident 02/2013


In der alten Sporthalle geht eine Treppe in die 1. Etage. Die gleiche Treppe (nach unten) f端hrt in diesen Raum, der die L端ftungsanlagen und die Warmwasseraufbereitung beinhaltet. 02/2013 Pressident | 51


Im Beratungsraum (Oberstufentrakt, 2. Stock) werden Sch端ler von der Initiative "Wir sind ganz Ohr" beraten. 52 | Pressident 02/2013


Direkt neben dem Hausmeisterb체ro haben die Reinigungskr채fte einen Abstellraum (Erdgeschoss). Hier findet sich alles, was es braucht, um eine Schule, die von etwa 1000 Sch체lern besucht wird, zu putzen. 02/2013 Pressident | 53


Chemiesammlung 54 | Pressident 02/2013


Fernw채rme-Rohre im Kellersystem unterhalb der Cafeteria. 02/2013 Pressident | 55


Eine tolle Einrichtung, ganz ohne die Inklusion

Vom 15.04 bis zum 26.04 2013 machten die 9. Klassen ihr erstes Betriebspraktikum. PressidentRedakteurin Sabrina besuchte eine Behindertenwerkstatt in Pinneberg - und lernte dort Dinge, die ihr Leben bereichert haben. Text S.W. In dieser Print-Ausgabe geht es um das Titelthema „Inklusion“. Eine tolle Art und Weise, mit Behinderten umzugehen, wie ich finde. Und trotzdem bewarb ich mich für mein diesjähriges Praktikum im Lebenshilfewerk Pinneberg, in der Werkstatt Eichenkamp. Sie ist eine staatlich anerkannte Reha-Einrichtung, die sich ausschließlich um behinderte Menschen kümmert. Die Behinderten, oder, wie man auch häufig sagt, die Gehandicapten, arbeiten hier fünf Tage die Woche bis 15.00 Uhr. Würde man hier den Inklusionsgedanken durchführen, wie man es zum Beispiel im Kindergarten der Lebenshilfe macht, würden hier nicht nur Behinderte arbeiten, sondern auch gesunde Menschen. Vor Beginn meines Praktikums am 15. April 2013 habe ich mich oft gefragt, wieso das hier nicht der Fall ist. Jetzt, im Nachhinein, weiß ich, weswegen es manchmal besser ist, die Inklusion nicht durchzuführen. An meinem ersten Tag des Praktikums bin ich schon morgens tierisch nervös. Ich habe keine Ahnung, was mich erwarten wird, und was ich machen werde. Nur eines beruhigt mich: Einer meiner Klassenkameraden macht ebenfalls hier Prak56 | Pressident 02/2013

tikum. Doch wir machen das Praktikum nicht zusammen, er wird in eine völlig andere Gruppe gebracht als ich. „Also muss ich da wohl doch alleine durch“, denke ich und gehe langsam in die mir zugeteilte Gruppe. Entgegen meiner Befürchtungen sind hier alle wahnsinnig nett, sie nehmen mich sofort in ihre Gemeinschaft auf und akzeptieren mich so wie ich bin. So soll es hier immer sein, erfahre ich später. Nie wird jemand direkt ausgeschlossen, und trotzdem zeigt man sich gegenseitig, wenn einem das Verhalten eines Anderen nicht gefällt. Im Laufe der nächsten Tage komme ich den gehandicapten Arbeitern immer näher und wir unterhalten uns über alles Mögliche. Das ist eine tolle Eigenschaft von vielen Behinderten, man kann über wirklich alles mit ihnen reden, und kann sicher sein, dass sie niemals etwas weitererzählen werden. Die Arbeit, die wir machen, ist hingegen ziemlich eintönig. Ich habe in den gesamten zwei Wochen zum Beispiel selten eine andere Aufgabe als Tee einzupacken. Immer dasselbe: Tee rein, Packung zu, Kleber oben drauf, Ablaufdatum unten drauf, sechs Packungen in einen Karton, Karton zukleben, fertig. Oder eine andere Teesor-


te: 15 Tüten abwechselnd stapeln, in die Schachtel stecken, Nadel rein, Packung zu, fertig. An zwei Tagen darf ich aber sogar für Tchibo arbeiten. Das ist dann auch um einiges anstrengender: Werbezettel richtig herum (!) hinlegen, Kaffeestick mit zwei kleinen Punkten bekleben und rauf auf den Werbezettel. Natürlich im richtigen Winkel und Abstand. Hierbei komme ich tatsächlich zwischendurch ins Schwitzen, das ist nämlich gar nicht so leicht, wie es klingt. Doch keiner beklagt sich jemals über die Arbeit. Alle wissen, dass die Werkstatt dankbar sein kann, dass immer wieder neue Aufträge kommen. Denn für viele Unternehmen wäre es günstiger, die Produkte mit Maschinen fertigstellen zu lassen. Und doch geben selbst große Unternehmen wie Tchibo ihre Produkte zur Lebenshilfe, um den Menschen Arbeit zu geben. Meine Mittagspausen verbringe ich meistens zusammen mit einigen Auszubildenden. In der Mensa gibt es jeden Tag Essen.

Erst wenn wir schon fast aufgegessen haben, kommen die ersten behinderten Personen in den Saal, aufgeteilt in Gruppen, damit nicht alle auf einmal kommen. Danach geht es wieder an die Arbeit. Die Leute aus meiner Gruppe sind mir inzwischen schon richtig ans Herz gewachsen. An meinem letzten Tag gehen wir dann alle zusammen in Hansapark. Gemeinsam mit den Behinderten habe ich sogar einige Attraktionen genutzt, obwohl ich normalerweise totale Angst davor habe. Sie nahmen mich einfach ganz fest in die Arme, sodass ich gar nicht mehr sehen konnte, wohin wir grade fahren. Gemeinsam mit all den Leuten wird dieser Tag im Hansapark zu einem der schönsten in meinem Leben. Ich bin glücklich, diese zwei Wochen erlebt zu haben. Und endlich weiß ich auch, dass Inklusion nicht immer alles ist. Denn gesunde, dafür aber manchmal gefühllose Menschen wie an vielen anderen Arbeitsplätzen passen in die Lebenshilfe einfach nicht hinein. ■

Einige Leute aus meiner Gruppe, mit denen ich an meinem letzten Praktikumstag in den Hansapark ging 02/2013 Pressident | 57


Lisa und Merle singen gemeinsam

Nach Pinneberg

Am 7. und 8. Mai 2013 präsentierte der Wahlpflichtkurs Musical in der THS-Aula die Aufführung "Nach Pinneberg". Text S.W. Zwei Jahre bereitete sich das Wahlpflichtfach Musical auf die Vorstellung vor, jetzt war es endlich so weit: Das Musical "Nach Pinneberg" wurde am 7. und 8. Mai 2013 in der Aula der THS von Neunt- und Achtklässlern aufgeführt. In der Hauptrolle stand Kim Bernhardt als Lisa, die gegen ihren Willen von Bayern nach Pinneberg zieht. Hierbei stößt sie auf einige Probleme, vor allem aber auf Merle, gespielt von Melina Pilgenröther. Merle hält sich selbst für die Tollste, und behandelt die im Dirndl kommende Lisa dementsprechend herablassend. Als das bayerische Mädchen sich dann auch noch in Sasha, den Traum58 | Pressident 02/2013

mann von Merle, verliebt, steht für sie fest: Ein Plan muss her, um Lisa aus dem Weg zu räumen. Doch nichts läuft so wie Merle es plant. Lisa wird immer beliebter, und Sasha lädt sie sogar zum anstehenden Ball ein. Doch statt glücklich mit ihm zu sein, merkt das bayerische Mädchen, dass Sasha ein Idiot ist, dem es nur um sich selbst geht. Und auch Merle ist plötzlich nicht mehr so begeistert von Sasha. Am Ende des beeindruckenden Musicals sieht man Lisa mit einem Jungen, der sie wirklich liebt, und mit dem sie glücklich ist. Und Merle scheint endlich zu merken, dass Beliebtheit nicht alles ist.


Und nicht nur auf der Bühne wurde viel geprobt, auch hinter den Kulissen mussten Kostüme und andere kreative Dinge entworfen und hergestellt werden. Die Musik des Musicals wurde vom Team selbst geschrieben, auch die Geschichte dachten sich die Teilnehmer selbst aus. Da

es nicht möglich war, das Stück innerhalb eines Schuljahres zu planen und zu üben, wurden zwei Jahre genutzt. Aus diesem Grund gab es auch einige Achtklässler im Musical. Als Zuschauer konnte man das Musical genießen, es war ein voller Erfolg! ■

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Fotos: Francesca Richter

Merle versteht nicht, weswegen keiner sie mag

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Schülerische Lehrer

„Was die Schüler können, können wir schon lange“, denken sich einige Lehrer und fangen an, im Internet einen Blog zu errichten. Text S.L. „Kollege Z. hat eine Leseecke eingerichtet“, schreibt Thomas Rau, Lehrer an einem Gymnasium in München, in einem Eintrag vom 21. Januar 2013 auf seinem Lehrerblog „Lehrerzimmer“ – einem Tagebuch im Internet. Thomas Rau unterrichtet Englisch, Deutsch und Informatik an einem Gymnasium in Bayern. 2004 fing er an, seinen Blog zu schreiben, weil ihm seine Frau sagte, dass seine vielen Geschichten auch von anderen Leuten gehört werden sollten. Das viele Rumbasteln am Computer kannte er schon von seiner Webseite und war daher kein Problem für ihn. Er schrieb die letzten Jahre zwischen 127 und 210 Einträgen pro Jahr, die man alle im Archiv nachlesen kann. In ihnen geht es hauptsächlich um alles Schulische, aber auch um seine Hobbys, wie z.B. das Fotografieren von Vögeln. Zu der Frage, ob er sich Sorgen mache, ob Schüler sich lustig über seinen Blog machen, meinte er, das ihm so etwas nicht auffiele und fügt hinzu: „Ich thematisiere mein Blog in der Schule auch nicht, das sind getrennte Welten.“ Doch sein Blog wird nur von einigen Schülern und Kollegen gelesen und nur von einem regelmäßig kommentiert. Er sagt selber: „Die meisten Leute lesen einfach keine Blogs, und das gilt auch für Schüler und Lehrer“. Trotzdem ist er einer der bekanntesten Lehrerblogger Deutschlands. Und das wohl auch zu Recht. Thomas Rau schreibt offen seine Meinung. Ein Problem damit, sein Leben öffentlich zu machen, hat er nicht. Auf der rechten Seite seines Blog 60 | Pressident 02/2013

platzierte er einige Bilder von sich. Bei jedem Neuladen der Seite findet sich ein anderes. Mal zeigt er sich mit Sonnenbrille, mal am Strand, mal beim Essen. Rau gibt sich nicht als Lehrer, er gibt sich als Schüler – modern, furchtlos, alternativ. In Lehrerblogs wollen insbesondere Lehrer ihr Wissen, ihren Unterrichtsinhalt und ihre Lehrmethoden mit anderen teilen. Andere Lehrer wiederum wollen bloß ihrem Alltagstrott entkommen oder mit anderen ihre Erlebnisberichte teilen. Es geht nicht darum, andere an einen Pranger zu stellen, sondern zu sagen, was einen stört, ohne dabei verurteilt zu werden. Doch dabei müssen sie aufpassen, da das Lehrerkollegium und Schüler den Blog lesen können. Daher schreiben die meisten Lehrer anonym, offen und unverblümt, auch weil viele ihren gesamten Frust herauslassen, und dies von witzigen bis heftigen Geschichten gehen kann. Ist es also gut, dass die Lehrer moderner werden und sich nun im Internet „breit machen“? Nicht immer, da ein Lehrer zum Beispiel über ein 15-jähriges Mädchen schrieb, welches einen Schlagring in die Schule mitbrachte. Einige Lehrer nehmen es mit der Schweigepflicht nicht ganz so ernst - und das kann sie den Job kosten. Lehrerblogs sollten unbedingt mehr gelesen werden, denn einige Blogs sind echt spannend und verfügen über viele verschiedene Themen und Inhalte. Außerdem ist es echt interessant, etwas über den Schulalltag eines Lehrers zu lesen und nicht nur die eigenen Eindrücke als Schüler vom Thema Schule zu haben. ■


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Der Tagesspiegel

„Ein hochemotionaler Film, der viel Mut für den Alltag vermittelt.” Filmdienst

DU KANNST MEHR ALS DU DENKST Trailer unter:

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Werde Fan!

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Pressidentchen (5.-7. Klasse)

S. 64 90 Minuten blind sein Dialog im Dunkeln S. 66 Die digitale Wende Haben gedruckte Bücher eine Zukunft? S. 69 Basketball-AG Jede Menge Dunkings bei der Basketball-AG der THS S. 70 Boxen gegen Gewalt Der Verein "Gewaltfrei" betreut verhaltensauffällige Jugendliche S. 71 Polizei Pinneberg Zu Besuch bei der Pinneberger Polizei S. 72 Das Leben eines fast ausgeschiedenen Menschen der Welt Taubstumme können weder sehen noch hören

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Der Eingang zur Ausstellung "Dialog im Dunkeln"

90 Minuten blind sein

Die Idee der Ausstellung "Dialog im Dunkeln" ist einfach: In völlig abgedunkelten Räumen führt ein sehbehinderter Mensch die "Sehenden" durch verschiedene Alltagssituationen. Zu sehen gibt es zwar nichts, dafür kann man aber viel entdecken. Verschieden Gerüche, Geräusche, Töne und Temperaturen simulieren beispielsweise einen Park, einen Markt oder eine viel befahrene Straße. Ich habe 64 | Pressident 02/2013

diese Ausstellung besucht und es hat mir sehr gut gefallen. Zuerst hat uns eine nette Frau eingewiesen. Alle mussten ihre Uhren (schließlich haben die meisten Uhren Leuchtziffern) und geheimen Taschenlampen wegstecken, damit es auch völlig dunkel ist und die Illusion nicht zerstört wird. Jeder bekam einen Blindenstock, der genau zu der jeweiligen Größe passte. Danach sind wir abgetaucht in die

F: flickr, pickade

Was für ein Gefühl ist es, nichts zu sehen und vollkommen auf seinen Blindenstock und die Hilfe anderer angewiesen zu sein? Das kann man bei "Dialog im Dunkeln" in der Speicherstadt Hamburg erfahren.


Welt der Blinden. Am Anfang war es ein ungewöhnliches Gefühl überhaupt nichts zu sehen. Im Vorhinein hatte ich erwartet, dass irgendwo immer ein kleiner Lichtschimmer ist. Doch da hatte ich mich getäuscht. Etwas später wurden wir von einer weiteren freundlichen Frau empfangen. Sie heißt Simone und ist blind. Gesehen haben wir sie nicht, schließlich war alles dunkel. Sie hat uns erzählt, dass sie nicht von Anfang an blind war, sondern mit zehn Jahren eine Augenkrankheit bekommen hatte und so erst auf dem einen Auge und dann auf dem anderen Auge erblindet ist. Sie hat also noch Vorstellungen von Farben und Gegenständen. Nachdem wir uns alle persönlich vorgestellt hatten, sind wir durch eine Tür gegangen, beziehungsweise geirrt, denn niemand wusste so recht wo er gerade lang ging. Der erste Raum war ein Park. Hier war es schon die erste Schwierigkeit über eine Brücke zu gehen. Schwer vorstellbar. An den Seiten standen verschiedene Pflanzen, die man erfühlen konnte und auch der Bodenbelag bestand teilweise aus Kies und teilweise aus Rindenmulch. Vor jeder Tür, die in einen neuen Abschnitt geführt hat, haben wir uns gesammelt und erst einmal gelauscht, was es hier zu entdecken gibt. So langsam konnte ich auch mit dem Blindenstock umgehen und hatte mich schon etwas daran gewöhnt nichts zu sehen. Bald darauf standen wir an einer dicht befahrenen Straße. Als die Ampel grün geworden ist (das haben wir natürlich nicht gesehen, aber sie hat angefangen zu piepen), sollten wir die Straße überqueren, doch leichter gesagt als getan. Erst die Bordsteinkante

Mit einem Blindenstock geht es in die Dunkelheit. überwinden, dann zügig und vor allem gerade über die Straße und dann wieder die Bordsteinkante hoch. Ich habe mich total verirrt und fand mich plötzlich zwischen zwei Autos wieder. Dann setzte auch noch so ein Motorengebrumme ein. Echt gruselig, wenn man noch zwischen zwei Autos steht. Unsere Gruppe ist noch durch viele weitere Räume gegangen, doch ich möchte nicht alles verraten. Am Ende kamen wir in eine Dunkelbar, in der wir uns etwas Kleines kaufen konnten. Gar nicht so leicht im Dunkeln, wo man das Geld nicht sieht. Doch Simone, unsere Führerin hat das Wechselgeld schnell erfühlt und wir haben uns alle um einen Tisch gesetzt und konnten noch ein paar Fragen stellen. Nachdem jeder mit dem Essen fertig war, hat Simone uns zum Ausgang geführt und sich verabschiedet. Durch einen langsam heller werdenden Tunnel sind wir wieder ans Tageslicht gekommen. Der Ausflug hat sich auf jeden Fall gelohnt und ist sehr zu empfehlen. ■

Autor // F.R. // Klasse 7a // Bei Pressident seit 2011

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Die digitale Wende

Haben Printbücher eine Zukunft oder ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich E-Books durchgesetzt haben? Ich liege gemütlich in meinem LümmelSitzsack und lese gerade ein dickes Buch. Nebenbei stopfe ich mir meinen Bauch mit Schokolade voll und höre das neueste Album von Linkin Park. Da kommt mir ein Gedanke: Wie lange wird es wohl dauern, bis ich nicht mehr mit einem schweren Wälzer hier sitze, sondern ein leichtes E-Book nutze? Ich mache mich daher schlau, woher das E-Book kommt. 1996 kamen die ersten PDAs (Personal Digital Assistant – kleine tragbare Computer, vergleichbar mit einigen Funktionen unserer heutigen Smartphones) auf den Markt und waren eigentlich zum Verwalten und Anlegen von Terminen und Kontakten gedacht, konnten aber auch Texte anzeigen. Da diese Erfindung ziemlich teuer war und wenig Buchtitel zur Auswahl hatte, wurde der Verkauf 2003 wieder eingestellt.

2007 brachte Amazon die erste Version des „Kindle“, ein E-Book, das knapp 292 Gramm wog, mit einer erweiterten Anzahl an Büchern heraus. Seitdem läuft das Duell: Print gegen Digital. „Seit zwei Jahren bröckeln die Buch-Umsätze – und die Entwicklung wird sich beschleunigen. Der stationäre Buchhandel verliert weiter, seit fünf Jahren geht es im Grunde nur bergab“, schreibt der Spiegel und ergänzt: „Und dann gibt es da noch das E-Book, das bei den Verlagen lange verpönt war. Es ist zwar noch ein Minderheitsphänomen, aber die Wachstumsraten sind enorm. Lasen vor zwei Jahren nur vier Prozent der Deutschen digitale Bücher auf Geräten wie Kindle und iPad, sind es heute bereits elf Prozent. Und in den USA machen E-Books bereits mehr als 15 Prozent des Buchhandelsvolumens aus.“

E-Book: • Wenn ich bei Regenwetter keine Lust habe, einzukaufen, ist das kein Problem. Der Kauf ist in Sekundenschnelle erledigt, sogar weltweit. • Ich spare Geld, indem ich mir ein Buch online über eine Bücherei ausleihe. • Die Bildschirmhelligkeit ist einstellbar, ich muss also nicht mehr meine Taschenlampe benutzen, wenn ich nachts heimlich unter der Decke lese. Auch die Größe und Schriftart wähle ich nach Belieben aus. • Die Lesegeräte sind leicht und ich kann auf manchen Geräten bis zu 1500 Bücher gleichzeitig verwalten. Das ist 66 | Pressident 02/2013

ideal für Bus-und Bahnfahrten und für den Urlaub. • Die E-Books sind per Reader oder App zu lesen. Es wird behauptet, dass die meisten Bücher (meist illegal) ca. 20% unter dem Ladenpreis liegen. • Da kein Papier benötigt wird, ist es gut für die Umwelt. • Aber es ist auch kalt, flach und anonym. • Mit Freunden kann ich die Bücher nicht einfach tauschen. • Am Strand oder in der Schwimmhalle würde ich kein teures elektrisches Gerät mitnehmen. Immer wieder muss ich auf die Batterielaufzeit achten.


Mich hat dieses Thema nicht mehr losgelassen. Also bin ich zum “Bücherwurm”, einer lokalen Buchhandlung in der Pinneberger Innenstadt, gefahren und habe mit Antje Schirmer, Geschäftsführerin des Buchladens, und der Buchhändlerin Monika Frömming über die Zukunft des Buches geredet. Dort habe ich erfahren, dass die Nachfrage nach E-Books größer wird. Manche Kunden kaufen regelmäßig digitale Bücher. Leser, die E-Books nutzen, gehen durch alle Altersgruppen, zum Beispiel Familien, die sich Urlaubslektüren kaufen oder Schüler, die ins Ausland gehen. Der Kunde bleibt aber trotzdem dem Papierbuch treu. Die Buchhändlerinnen sagten auch, je nachdem, welchen Reader man sich kauft, ist man abhängig vom Buchhandel. Das Kindle zum Beispiel ist eng geknüpft an Amazon. Diese Übermacht wird den Markt verändern. Es gibt aber auch Reader, die shopunabhängig sind. Der Verdienst an E-Books ist im Bücherwurm noch minimal, erklären beide Bücherexperten. Sie sind positiv gestimmt und Antje Schirmer meint zur Frage, ob es in Zukunft noch traditionelle Buchlä-

den geben wird, dass Buchhandlungen nicht aussterben werden. Aber größere Läden werden sich verkleinern müssen und sich verändern. Schon jetzt werden auch andere Produkte wie Schokolade und Deko (Non-Books) angeboten. Bei der Leipziger Buchmesse 2013 gab es eine ganze Etage zum Thema „Buchdruckkunst“ (z.B. Bücher mit besonderen Illustrationen, Bildbände). Diese speziellen Angebote werden auch in Zukunft vor allem über Buchhandlungen verkauft werden. Auch Kinderbücher werden weiter gedruckt. Eine Umfrage in den USA und in England hat ergeben, dass 69% der Eltern ihren Kindern noch Bücher aus Papier kaufen. Der Kunde wird durch das Netz selbstständiger. Persönliche Beratungen sind jedoch oft individueller, weil gerade in kleinen Läden eine Kundenbeziehung besteht. Im Internet ist dies oft nur durch eine technische Berechnung wie „Kunden, die diesen Artikel kauften, kauften auch…“ gegeben. Die Buchhändler befürchten aber nicht, dass sich die Kunden, wie in anderen Branchen üblich, bei ihnen gut beraten lassen und dann bei einem anderen

Printbuch: • Es riecht nach Abenteuer und Geschichte. • Ich schalte damit von der übermächtigen, digitalen Welt ab. Es hat Ecken, Kanten, Eselsohren, ist also mein ganz persönlicher Schatz. • Ich blättere immer wieder gern in den Buchseiten. Manchmal finde ich dann noch alte Lesezeichen oder den Sand vom letzten Strandurlaub und komme darüber ins Träumen. • Es steht im Bücherregal und ich erfreue mich an den Anblick. • Aber Bücher sind schwer und im Urlaub brauche ich eine extra Tasche für meine Reisebibliothek.

• Wenn ich ein bestimmtes Buch sofort lesen möchte, muss ich warten, bis die Buchhandlung geöffnet hat oder per Post geschickt wurde. • Da Hardcover teurer als Softcover ist und es nicht alle Bücher im Taschenbuchformat gibt, muss ich genau überlegen, ob ich mir das leisten kann.

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Buchhändlerin Schirmer: “Ich hoffe, dass Kinder noch lange mit Papierbüchern aufwachsen.” Anbieter im Netz kaufen, da es noch die Buchpreisbindungen gibt. Der Bücherwurm hat sich der Initiative „Lass den Klick in deiner Stadt“ angeschlossen, damit die Gewerbesteuern im Ort bleiben und kleine Läden nicht schließen müssen. Das Fazit von Antje Schirmer ist: „Ich hoffe, dass es Buchhandlungen noch lange gibt und dass Kinder mit Papierbüchern aufwachsen, denn ein Buch enthält immer viele Erinnerungen.“ Zu Hause habe ich noch einmal recherchiert. Während der Bücherwurm sich keine Sorgen um Umsatzeinbußen wegen des E-Book-Trends macht, klagen andere Buchhandlungen bereits seit Jahren über die Ausweitung des Handels im Internet. So wird zum Beispiel die große ThaliaBuchhandlung Große Bleichen in Hamburg Anfang 2014 schließen. Im Börsenblatt las ich: „Thalia hat aus Sicht des Konzerns unter den veränderten Kaufverhalten der Kunden zu leiden. Auf vergleichbare Basis verzeichnete die Sparte im Geschäftsjahr 2011/2012 einen

Umsatzrückgang von 2,3% auf 915,2 Millionen Euro.“ Der Buchhandel versucht aber auch, als weiteres Standbein, ins Internetgeschäft einzusteigen. Man kann zum Beispiel auf der Internetseite einiger Buchhandlungen, so auch des Bücherwurms, Bücher kaufen und sich diese nach Hause liefern lassen bzw. in digitaler Form erwerben. Jetzt sitze ich wieder in meinem Zimmer und lese. Gerade habe ich mir online ein Buch aus der Bibliothek ausgeliehen. Auch im Urlaub werde ich aus praktischen Gründen meinen neu ergatterten E-Book-Reader mitnehmen. Eine Geschichte aus Papier werde ich aber trotzdem nicht zum Tode verurteilen. Bei manchen Romanen muss ich einfach das Rascheln der Blätter hören und den Duft des Papiers riechen. Ein Zimmer ohne Bücher kann ich mir auch nicht vorstellen! ■

Autor // G.J. // Klasse 7d // Bei Pressident seit 2011

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Die Basketball-AG trifft sich jeden Freitag in der neuen Sporthalle.

Basketball-AG Die Basketball-AG wurde für alle Schüler der fünften bis zehnten Klassen gegründet. Sie findet Freitagnachmittag von 14:30 bis 16 Uhr in der großen Sporthalle an der THS statt. Hier wird nicht nur planlos Basketball gespielt, sondern es werden euch auch Statistiken, die Basketballregeln, die verschiedenen Passarten und eine gehörige Portion Teamgeist beigebracht. Außer-

dem werden mit euch Spiele gespielt, die das Treffen des Korbes verbessern sollen. So werdet ihr vielleicht lernen, wie ein Dunking funktioniert. Ihr werdet vermutlich auch gegen einen Teil der Hoppers spielen. Die AG wird von drei Mädchen aus der 10c geleitet. Sara, Josephine und Edwina sorgen dafür, dass die Teilnehmer jederzeit gut betreut werden. ■

Autor // J.G. // Klasse 6a // Bei Pressident seit 2013

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Boxen gegen Gewalt

Kurt Schoula berichtet über den Verein „Gewaltfrei Pinneberg e. V.“, der verhaltensauffällige Jugendliche betreut. Kurt Schoula ist einer der sieben Gründungsmitglieder des Vereins „Gewaltfrei“ in Pinneberg. Der Verein, der zurzeit von Hermann Bührig als Vorstandsvorsitzender geleitet wird, wurde 2006 gegründet und hat sich zur Aufgabe gemacht, überwiegend auffällig gewordene Jugendliche zu betreuen. Das Alter spielt keine Rolle, im Augenblick sind es etwa 30 Mädchen und Jungen zwischen acht und 18 Jahren, die vom Verein unterstützt werden. Doch auch nicht auffällig gewordene Jugendliche können Mitglieder des Vereins werden. Für alle bietet der Verein vielfältige Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Eingliederung an. Durch ein intensives Boxtraining sollen Jugendliche lernen sich an Regeln zu halten und fair miteinander umzugehen. Außerdem hilft Kurt Schoula schwer vermittelbaren Jugendlichen nach ihrem Schulabschluss einen Ausbildungsplatz zu finden. Er hat daher zu einigen Pinneberger Firmen Kontakt aufgenommen und hatte in der Vergangenheit in vielen Fällen Erfolg. Immer wieder erhält er von den Firmen positive Rückmeldungen über das Verhalten der Jugendlichen. Der Verein "Gewaltfrei Pinneberg" arbeitet im Interesse seiner Mitglieder mit der Polizei und der Jugendhilfe zusammen. Mitarbeiter des Vereins nehmen auch an Gerichtsverhandlungen junger Straftäter

Kurt Schoula vom Verein "Gewaltfrei Pinneberg e. V." teil, um ihnen Hilfe anzubieten. Manchmal werden straffällig gewordene Jugendliche auch durch den Richter zu "Gewaltfrei Pinneberg" geschickt. „Gewaltfrei Pinneberg“ ist auch an dem Kontakt mit Schulen interessiert, leider beruht das nicht immer auf Gegenseitigkeit. Der Verein ist momentan dabei, gemeinsam mit dem Hamburger Projekt „Boxschool“ an die Schulen zu gehen, um auch hier Boxkurse anzubieten. Da der Verein Mitglied des Kreissportverbandes ist, können die jungen Boxer sogar an Wettkämpfen teilnehmen. ■

Autor // K.R. // Klasse 6d // Bei Pressident seit 2011

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Polizei Pinneberg

Wir waren bei der Polizei Pinneberg und haben dort ein Interview durchgeführt. Die Polizei Pinneberg beschäftigt 60 Mitarbeiter, davon sind 14 weiblich. Damit hat das Polizeirevier Pinneberg den höchsten Anteil an weiblichen Mitarbeitern bundesweit. Die Arbeitsplätze der Polizisten werden in mehrere Kategorien eingeteilt: Schichtdienst (Streife), Telefondienst, Verwaltung. Ihre Arbeitsbelastung ist durch den anspruchsvollen Schichtdienst sehr hoch. Die Polizei, die in Pinneberg nur ein Revier hat, steht im ständigen Kontakt mit Vereinen, die versuchen, die Gewalttätigkeit in Pinneberg zu lindern. Die Vereine haben ein besseres Verhältnis zu den Jugendlichen (als Beispiel wurde der Verein "Gewaltfrei Pinneberg" genannt). Die Jugendkriminalität ist rückläufig (im Vergleich zu anderen Städten im Umkreis wie z.B. Quickborn). Mit Alkohol und Drogen gibt es in Pinneberg laut Polizei kaum Probleme. Wenn es Probleme mit kriminellen Jugendlichen gibt, trifft man häufig auf bereits bekannte Täter. Auch deswegen hat das Polizeirevier Pin-

neberg die Erfahrung gemacht, dass die Jugendstrafe häufig nicht ihre gewünschte Wirkung zeigt. Das Jugendschutzgesetz ermöglicht eine große Spannweite an Maßnahmen zu einem Vergehen und häufig wird sehr milde geurteilt. Damit die Polizistinnen und Polizisten ihre Aufgaben gut bewerkstelligen können, müssen sie eine zweieinhalb- bis dreijährige Ausbildung absolvieren. Es gibt 2000-3000 Bewerbungen in Schleswig-Holstein, aber nur die besten 300 bekommen einen Ausbildungsplatz. Die Bedingungen dafür sind: Bewerber müssen einen Schulabschluss haben, gutes Deutsch sprechen, sportlich, gesund und gut in Rechtschreibung sein. Außerdem müssen sie einen guten Vortrag halten können. Wenn die Bewerberinnen und Bewerber Abitur gemacht haben, können sie gleich eine höhere Laufbahn einschlagen. ■

Eine Zelle von außen...

...und von innen

Autor // K.R., G.P. // Klasse 6d // Bei Pressident seit 2011

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Das Leben eines fast ausgeschiedenen Menschen der Welt

Taubstumme können weder sehen noch hören. Wie ist es, mit drei statt fünf Sinnen zu leben? Stellt euch mal vor, ihr wäret blind. Dann könntet ihr diesen Artikel gar nicht lesen. Wenn ihr aber taub wäret, müssten alle Kinder in eurer Umgebung die Gebärdensprache beherrschen oder immer Zettel schreiben. So etwas wäre schrecklich. Aber stellt euch jetzt mal vor, ihr wäret blind und gleichzeitig taub. Ihr könntet euch weder mit der stimmhaften Sprache noch mit der Gebärdensprache oder durch Schreiben verstehen und austauschen. So etwas wäre noch viel schlimmer. Zum Glück seid ihr das nicht. Es gibt aber leider Menschen, die sogenannten Taubblinden, die taub und blind sind. Meist wachsen solche Menschen in bestimmten Zentren, wo sie professionell betreut werden, auf. In Hannover und Fischbeck gibt es solche Zentren. Um den Hörsehbehinderten oder Taubblinden in der Wahrnehmung zu helfen, gibt es z.B. die tiergestützte Pädagogik. Dabei werden einmal die Woche Hühner, Schafe, Kaninchen, Meerschweinchen, ein großer und ein kleiner Esel, zwei Hunde und manchmal auch Schweine oder Ziegen in

das Zentrum gebracht. Diese Tiere dürfen von den Kindern und Erwachsenen gefüttert, gestreichelt, geritten und geputzt werden. Dies hilft den Taubblinden zur Wahrnehmung anderer Lebewesen. Das Taubblindenzentrum in Hannover besteht aus einem Bildungszentrum und einem Wohnheim. Im Wohnheim leben 60 Hörsehbehinderte und Taubblinde. Jeder verfügt über ein eigenes, wie auf Wunsch eingerichtetes, Zimmer. Auch Räume zum Treffen und Austauschen findet man dort. Doch wie kommuniziert man eigentlich als Taubblinder? Ein Taubblinder ohne Hände könnte fast gar nicht mit anderen kommunizieren. Denn sie sprechen mit den Händen und nicht mit Gebärden, wie taube Menschen, sondern mit sogenannten Lormen. Dabei wird auf der Hand des Taubblindem an verschiedenen Stellen leicht gedrückt und gestrichen. Für jeden einzelnen Buchstaben gibt es eine bestimmte Bewegung, die der Taubblinde fühlt, übersetzt und tastet. Das Tastalphabet erfand Hieronymus Lorm (1821-1902) und half damit vielen

Bücher für die ganze Familie Bücher für die ganze Familie Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9-19 Uhr Sonnabend 9-16 Uhr

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Dingstätte 24 · 25421 Pinneberg · Telefon (0 41 01) 2 32 11 · Fax 51 22 93 buchhandlung@buecherwurm-pinneberg.de · www. buecherwurm-pinneberg.de

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taubblinden Menschen anderen zuzuhören und Gefühle und Sorgen mitzuteilen. Diese fantastische Erfindung nutzen noch heute taubblinde und hörsehbehinderte Kinder, Erwachsene und ältere Menschen zum Sprechen. Da sie einen sehr ausge-

prägten Tastsinn haben, gelingt es ihnen mit etwas Übung so schnell zu tasten und zu fühlen, wie wir schreiben können. Wenigstens einen kleinen Vorteil hat diese Sprache: Sie ist viel leichter zu erlernen als die Sprache aus dem Mund. ■

Autor F: alf loidl, pixelio

// C.R. // Klasse 5a // Bei Pressident seit 2012

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Dir ist langweilig?

Ach, und das Klassenbuch nicht vergessen!

So geht jede Schulstunde schnell vorbei!

(Diese Hinweise sind natürlich nur zum Anschauen und nicht zum Nachmachen gedacht. Dementsprechend tragen wir keine Verantwortung für die Folgen.)

Hat die Stunde begonnen? NEIN JA

Male an der Tafel

Erarbeite 5 neue Möglichkeiten deine Schuhe zu nutzen: 1) 2) 3) 4) 5)

Spiele Schere-SteinPapier mit dir selber! Gehe aus der Klasse.

Durchwühle das Lehrerpult

Nimm mal das Lineal deines Nachbarn, vielleicht geht das besser.

Nein

Macht es coole Geräusche?

Klatsche mit dir selber ein, wenn du gewonnen hast

Wähle einen markanten Lehrer (Stimme, Verhalten, ...) und imitiere ihn!

Ja

Renne über den Flur (auch an deiner Klasse vorbei) und schreie: Reiße eine Seite aus Hotdogs! Heiße diesem Heft und trockne die Blume Hotdogs! Pflücke eine damit wieder ab! Blume von draußen!

Pflanze sie hier ein:

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Nimm dein Lineal, hänge es an die Tischkante und schwinge es!

Fange einfach mal an, ganz laut zu lachen!

Gehe zum Waschbecken und bewässere die Blume!

Werfe deinen Ranzen zum Klassenstreber!


Baue eine Pyramide aus... ...Büchern

...Stiften

Was du damit machst, brauchen wir dir ja wohl nicht zu sagen.

Versuche mit Papierfliegern die ZielscheiStelle Konbe zu treffetti her! fen! Ja Male eine Hast du Zielscheibe einen LoMale und hänge sie cher? Nein an die gegen- 50 Smileys! überliegende Wand!

Starre so lange es geht einen Punkt an der Tafel an!

Laufe gegen eine Wand und entschuldige dich bei Ja Kaue auf dem Sage: ihr! Bleistift deines Du bist Tischnachbarn! Ist charaker wütend? terlos Nein wie ...

Vervollständige diesen Satz alle 15 Sekunden (Bsp: ...eine Tapete aus den 60ern, ...eine Wachsfigur, ...ein Briefbogenschütze, ...ein Rumpelkammersänger, ...) Spiele mit ihm Ching, Chang, Schmerz! Wenn er einen Zug nicht mitmacht, hast du gewonnen! Reiße den Heftrand Stück für Stück ab!

Wenn der Lehrer etwas sagt: Frage: Können Sie das beweisen?

Nun 25 Strichmännchen Bemale deine Finger und male mit deinen Fingern über diese Seite.

Klaue nach und nach unbemerkt einen Stift nach dem anderen aus der Federtasche deines Nachbarn!

Glückwunsch. Die Stunde ist vorbei!

Nicht? Auf zur nächsten Seite!

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Gewinnspiel

Wir möchten Pressident verbessern und euch in dieser Ausgabe fragen, was wir gut und was wir schlecht machen! Wie findest du die Themenmischung unserer Schülerzeitung? sehr gut

sehr schlecht

Stört es dich, dass viele Bilder in schwarz-weiß sind? ja

nein

Bist du Fan von unserer Facebookseite? ja

nein

Würdest du Pressident auch lesen, wenn er 50ct kosten würde? ja

nein

Haben wir genügend Bilder auf den Seiten? ja, genug

nein, viel zu wenige

Welche Themen wünscht du dir für eine nächste Ausgabe? ____________________________________________________________ ____________________________________________________________ Sollten die Ausgaben... ...länger sein, und dafür seltener erscheinen ...kürzer sein, und dafür häufiger erscheinen

Was können wir besser machen? ____________________________________________________________ ____________________________________________________________ 76 | Pressident 02/2013


Teilnahme

Und so nehmt ihr teil:

▶ Füllt den Fragebogen aus, schneidet die Seite heraus und legt diese in unser Fach (Schülerzeitung) im Sekretariat. Gebe bitte deine Kontaktmöglichkeiten an (E-Mail, Klasse, Name). ▶ Natürlich könnt ihr den Fragebogen auch einscannen und uns per Mail zusenden ▶ Einsendeschluss ist der 16. Juli. Vielen Dank für eure Mithilfe und viel Glück!

Gewinnen

Wir verlosen:

▶ Einen großen Präsentkorb von Haribo für die Klasse des Gewinners!

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Lehrersteckbrief - dieses Mal:

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