Issuu on Google+

Blind Date von Asja Bonitz

Gewinnertext beim Schreibwettbewerb der Zentral- und Landesbibliothek Berlin unter dem Motto „Begegnung in Berlin“


Asja Bonitz: Blind Date

Seite 1 von 3

Blind Date

Das

ewige

Reisen

ich

bin

es

ebenso

gewohnt

wie

die

Ungewissheit. Auch diesmal hat man mich über Ziel und Zweck meiner Fahrt im Unklaren gelassen. Das Essen ist dürftig und die Luft schrecklich stickig. Die Tage sind wie die Nächte: lang, dunkel und ereignislos. Ich erdulde es mit dem mir eigenen noblen Gleichmut. Wenn ich nur wüsste, wo es hingeht. Und was mich dort erwartet.

Irgendwann, Gesichter

irgendwo

blicken

öffnen

mich

sich

die

erwartungsvoll

Türen an.

und Wo

bleiche

eben

noch

Gitter waren, sehe ich jetzt einen Durchgang. Kalter Wind weht in meine Kammer, fürchterlich ist das. Viel zu kalt für eine Dame. Ich bin zwar nicht mager, das nicht, aber gegen diese bittere Kälte komme ich beim besten Willen nicht an. Warum soll ich bei so einem Wetter aussteigen? Pah, wenn diese Voyeure denken, dass ich mich auch nur einen Millimeter von der Stelle rühre, dann täuschen sie sich aber gewaltig!

Nach

einiger

Zeit

gehe

Schaulustigen

nur

ungern

dringend

Beine

die

Bärenhunger.

Über

ich

doch

den

vertreten. ein

breites

hinaus.

Gefallen, Außerdem

Ich

muss habe

Holzbrett

tue mir

ich

schreite

den aber

einen ich


Asja Bonitz: Blind Date

langsam

nach

draußen,

Seite 2 von 3

bis

ich

auf

einem

harten,

grau-

braunen Boden stehe.

Und dann sehe ich ihn. Kräftig ist er, regelrecht massiv. Sein schwarz-weißer Anzug wirkt elegant, aber sein lahmer Schritt und der trübe Blick lassen auf eine bäuerliche Herkunft schließen. Er mustert mich und grinst. Auf einmal ist mir alles klar. Eine arrangierte Verbindung. Ich soll das sein, was man bei uns eine „Sichere“ nennt. Ich senke den Kopf. Eine nicht gekannte Abscheu steigt in mir auf.

Ich bin mir der Blicke um mich herum sehr bewusst. Aus diesem Grund, und weil ich weiß, was sich gehört, frage ich höflich: „Hast du schon gegessen?“ Er brummelt etwas, das wie „huschi-buschi“ klingt. Na toll. Wir stammen aus dem gleichen edlen Land, aber er kommt aus dem Süden, wo sie einen ruppigen, wenig charmanten Dialekt sprechen.

Nicht

genug

also,

dass

ich

es

mit

einem

ungehobelten Klotz zu tun habe, nein, er beherrscht noch nicht einmal die Feinheiten unserer Muttersprache. Er grunzt ein paar Mal in meine Richtung und eine Wolke ungewohnter Gerüche schlägt mir ins Gesicht. Was hat dieser Dickwanst bloß gegessen? Meine feine Nase riecht Fleisch und mir unbekannte Kräuter. Der Wind weht mir die scharfen Düfte immer wieder entgegen, sodass ich gezwungen bin, den Kopf abzuwenden.


Asja Bonitz: Blind Date

Seite 3 von 3

Wenige Augenblicke später dreht er sich um und trottet davon. Einfach so. Vor allen Leuten. Klarer hätte er sein Desinteresse

an

meiner

Person

kaum

ausdrücken

können.

Nicht, dass ich unbedingt mit ihm warm werden wollte. Aber dieser plakative Abgang … Stillos ist das, und unverschämt. Eine Frechheit!

So ein Flegel. Von mir wird er nichts bekommen, gar nichts. In

diesem

Moment

beschließe

ich,

diesen

übergewichtigen

Tölpel keines Blickes mehr zu würdigen. Wenn er in meine Nähe kommt, werde ich ihn nicht beachten. Wenn er mich anspricht, werde ich nicht darauf reagieren. Wenn er, Gott bewahre, körperlichen Kontakt suchen sollte, werde ich ihm die Zähne zeigen, und zwar so, dass er es nicht noch einmal versuchen wird. Ich laufe los, um etwas zu essen zu finden. Als

Leihgabe

Pandaweibchen

der Yan

chinesischen Yan

zwölf

Regierung

Jahre

lang

im

lebte

das

Zoologischen

Garten Berlin. In dieser Zeit zeigte sie wenig bis gar kein Interesse an ihrem Partner Bao Bao. Weder auf natürlichem noch

auf

künstlichem

Wege

Nachwuchs zu produzieren.

gelang

es,

den

ersehnten


Blind Date