Page 1

Das Bozner Netzwerk der Dienste für Frauen in Gewaltsituationen – Erstes Tätigkeitsjahr1 von Maura Misiti, statistische Datenbearbeitung von Marcella Prosperi* Einführung Die Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das weltweit eine zunehmende Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Vereine, Bewegungen, internationale Behörden und nicht zuletzt die internationale Öffentlichkeit sind sich immer stärker bewusst, dass es sich um eine globales Problem handelt und üben dementsprechend Druck aus. Auch die Medien tragen dazu bei, die dramatische Eskalation von Gewalttaten gegen Frauen sichtbar zu machen und zu dokumentieren. Im neuesten Sonderbericht von Rachida Manjoo (UNO-Berichterstatterin) über die genderbasierten Tötungen, der im Juni 2012 veröffentlicht wurde (CHR, 2012), wird der Frauenmord als Extremausdruck der vielen, verschiedenen Formen von Gewalt, die gegen Frauen ausgeübt wird, definiert, als letzte, tödliche Folge eines tragischen Kontinuums. Im Bericht wird unterstrichen, dass dieses Phänomen alarmierende Ausmaße erreicht hat und die Gewalt gegen Frauen immer noch akzeptiert, toleriert und gerechtfertigt wird, weil sie kulturell und sozial stark verwurzelt ist. Der Bericht endet mit einer Reihe von Empfehlungen an die UNO-Mitgliedsstaaten, damit sie ihrer Pflicht, das Phänomen zu bekämpfen, sorgfältig nachkommen. Im Vorjahr (2011) hatte die Berichterstatterin bereits einen Spezialbericht über die Gewalt gegen Mädchen und Frauen erstellt, worin sie den komplexen Rahmenkontext beschreibt, in dem sich verschiedene Formen von Diskriminierung überschneiden, gegenseitig verstärken und so zu einer stetigen Zuspitzung des Phänomens der Gewalt gegen Frauen führen. Der Bericht endete mit der Empfehlung, einen ganzheitlichen Ansatz gegen die genderbasierte Gewalt anzuwenden, um gleichzeitig sowohl die strukturellen Elemente als auch die jeweiligen Diskriminierungsfaktoren zu berücksichtigen. Wenn das Thema der Gewalt gegen Frauen als übergreifendes Phänomen dargestellt wird, das die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte sowie sämtliche Zivilrechte betrifft, fällt es den Policy Makers leichter, die Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Diskriminierungsformen und die Vielfalt der tatsächlichen Gewaltformen zu begreifen. Dieser mehrdimensionale Ansatz erfordert den Einsatz von Personal- und Materialressourcen für die Bewertung und Überprüfung der Auswirkung der im Bereich Gewalt und Diskriminierung getroffenen Maßnahmen, verabschiedeten Gesetze und geleisteten Dienste, einschließlich der Unterstützung der Opfer und des Schadenersatzes. Zu den Aktionen, die die Berichterstatterin vorschlägt, gehören auch öffentliche Maßnahmen im Bereich der Erziehung, um stereotypische Wertvorstellungen und Vorurteile abzubauen, von denen sich die Gewalt gegen Frauen ernährt. In lokaler Hinsicht ist es hier wichtig, auf die Mission zu verweisen, die die Berichterstatterin 2011 in Italien durchführte. In ihrem Bericht über die italienische Situation unterstrich sie, dass die häusliche Gewalt das am meisten verbreitete Gewaltphänomen ist. Weniger als ein Fünftel der * IRPPS-CNR


Opfer erachtet die erlittene Gewalt als Straftat, ein Drittel betrachtet sie als „normal“, nur ein Viertel hält eine Vergewaltigung oder eine versuchte Vergewaltigung für strafbar. Die Verdeckung dieses Phänomens hat sowohl mit seiner geringen Sichtbarkeit als auch mit der Tatsache zu tun, dass die Frauen eher selten Anzeige erstatten, da sie meist wirtschaftlich von den Tätern abhängen und zudem der Ansicht sind, dass der Staat nur wenig oder gar nichts unternehmen wird. Die ununterbrochene häusliche Gewalt spiegelt sich in der steigenden Anzahl von Frauen wider, die vom (oft ehemaligen) Partner, Ehemann oder Lebensgefährten ermordet werden2. Um das Thema der Gewalt in Italien wirklich zu verstehen, müssten viele Fragen ausgehend von den großen Schwierigkeiten aufgeworfen werden, gegen die die Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt täglich kämpfen müssen. Da sie nur mangelnd finanziert werden, können sie den Frauen, die Opfer von Gewaltsituationen sind, immer seltener angemessenen Beistand anbieten. Dies hat negative Auswirkungen auf die Anerkennung der Gewaltsituationen selbst, auf die Unterstützung der Frauen und ihrer Kinder, auf die Eingliederung der wirtschaftlich Schwächeren in die Arbeitswelt. Zu den wichtigsten Bemerkungen der Berichterstatterin gehört mit Sicherheit die Vorhaltung, dass die Institutionen, die Regierung und die Zivilgesellschaft im Falle der Gewalt gegen Frauen noch viel zu wenig auf getrennte statistische Daten zurückgreifen. Die „jüngste“ offizielle Datenerhebung (ISTAT-Bericht “Gewalt gegen Frauen in und außerhalb der Familie”) stammt aus dem Jahr 2006 (!). Geschlechtsspezifische, aktualisierte Daten und Statistiken sind von äußerster Wichtigkeit, um angemessene Gesetze, Maßnahmen und Programme zu entwerfen und umzusetzen und sie auf ihre Wirksamkeit hin zu evaluieren. Der Datenaustausch zwischen allen beteiligten Stellen – d.h. auch den zuständigen Ministerien, den Sicherheitskräften, den Gerichtsbehördern und den Fachorganisationen – stellt dazu eine notwendige Voraussetzung dar. Auch die CM-Rec 2002(5) empfohl u.a. die Durchführung spezifischer Untersuchungen und die Einholung von speziellen Daten zur Bemessung des Phänomens sowie zur Kontrolle der Wirksamkeit der angewandten Maßnahmen. All dies wurde, wie gesagt, von der Berichterstatterin bestätigt und steht im erst kürzlich unterzeichneten Abkommen von Istanbul Schwarz auf Weiß geschrieben. Das Abkommen muss durch entsprechende Anpassungsmaßnahmen ratifiziert werden. Zum ersten Mal ist im Dokument zudem ausdrücklich von Zwangsheirat die Rede und es werden detaillierte Vorgaben in Bezug auf die vorgesehenen Untersuchungen und Datenerhebungen aufgelistet. Die Erfahrung der Bozner Beobachtungsstelle Vor diesem Hintergrund ist vor einem Jahr das Bozner Netzwerk der Dienste entstanden, die den Gewaltopfern Unterstützung anbieten. Nachfolgend werden die Ergebnisse der bisherigen Arbeit dieses Netzwerks vorgestellt, das Fachstellen wie das Zentrum gegen Gewalt, öffentliche Sicherheitsbehörden und Vereine, die auf spezifische Bedürfnisse eingehen, untereinander verbindet. Im Gründungsjahr 2012 befassten sich die Netzwerkdienste mit insgesamt 145 Gewaltfällen und verhalfen den betroffenen Personen, sich teilweise oder gänzlich von der jeweiligen Gewaltsituation zu befreien. Die Fragebögen wurden zwar aufmerksam ausgefüllt, doch bei einer solch begrenzten statistischen Anzahl kann der Ausfall von auch nur wenigen Daten bereits Probleme verursachen. Es kann 2

(CEDAW/C/ITA/Q/6/Add.1)


durchaus sein, dass es beim Ausfüllen der Bögen einfach objektive Schwierigkeiten gab, die erwünschte Information einzuholen: Es handelt sich dabei insbesondere um die Angaben über den Täter, Lücken gibt es aber auch in Bezug auf die Arbeitssituation der Frauen und über die Elemente, die den ersten Gewaltausbruch verursacht und zur eventuellen Anzeige geführt haben. Auch die Zusatzfragen, die die Interaktion zwischen den verschiedenen Netzwerkdiensten betreffen, wurden nur teilweise beantwortet: Es muss untersucht werden, wieso es diesbezüglich Schwierigkeiten gab. In anderen Fällen (Nichtangabe des Berufsprofils und des Geschlechts der Fachperson aus dem Netzwerk) könnte es sich lediglich um Flüchtigkeitsfehler handeln. Die nachfolgende Tabelle gibt Aufschluss über die Dienste, die an der Datenerhebung mittels Fragebögen teilgenommen haben, deren Daten in die Datenbank der Beobachtungsstelle einfließen. Für jeden Fall, der von einer Netzwerkdienststelle behandelt wird, wird ein entsprechendes Datenblatt ausgefüllt.

Tabelle 1: Die Netzwerkdienste, die an der Erhebung teilgenommen haben prozentuelle Daten Dienststelle, die den Erhebungsbogen ausgefüllt hat

Dienstnutzerinnen

- absolute und

Prozentsatz

Haus der geschützten Wohnungen

14

9,7

Kontaktstelle gegen Gewalt – Frauenhaus GEA

81

55,9

CSM

8

5,5

Polizeidirektion (Quästur) Bozen

4

2,8

BSB Sozialsprengel Europa Neustift

6

4,1

Verein LA STRADA/DER WEG Bereich Frau

5

3,4

Verein Volontarius – Straßenprojekt

1

,7

Vereinigung Frauen-NISSA'

2

1,4

BSB Sozialsprengel GRIES

4

2,8

12

8,3

Stadtpolizei

1

,7

BSB Sozialsprengel Don Bosco

1

,7

Haus Margaret Caritas

5

3,4

Familienberatungsstelle AIED

1

,7

Familienberatungsstelle l'ARCA


Insgesamt

145

100,0

Wie aus der Grafik 1 ersichtlich, wurden Frauen, die sich an eine Netzwerkstelle gewandt haben, vorwiegend in Obhut des Fachpersonals der Kontaktstellen gegen Gewalt oder des Personals der Sozialdienste genommen. In geringerem Ausmaß nahmen sich ihrer von Psychologinnen und Mediatorinnen an, der Beitrag der Polizeikräfte war fast unerheblich.

Grafik 1: Fachpersonal, das den Erhebungsbogen ausgefüllt hat – absolute Daten

SozialassistentIn SozialbetreuerIn

Betreuerin Koordinatorin KrankenpflegerIn

Psychologin

Erzieherin Mediatorin

Polizei

Die absolute Mehrheit der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt hat, wohnt in Bozen, nur ein kleiner Anteil ist anderswo ansässig. Die Hälfte der Frauen hat ein Alter zwischen 30 und 45 Jahren, ein Drittel ist jünger als 30 Jahre und ein Fünftel älter als 46. Mehr als die Hälfte der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind italienischer Staatsbügerschaft, 21% stammen aus Osteuropa, 10% aus Afrika. Der Anteil an ausländischen Frauen unter den Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, ist größer als der Anteil an ausländischen Frauen, die Anfang 2011 in der Stadt Bozen ansässig waren (13% nach ISTAT-Daten)3. Frauen, die in einer Paarbeziehung leben (Ehemann oder Lebensgefährte), machen 55% der Opfer aus. Es folgen alleinstehende Frauen (27%) und Witwen oder geschiedene Frauen.

3

Istat, Geo Demo, Popolazione straniera residente al 1° gennaio 2011 per età e sesso,


Grafik 2 :Soziodemografische Merkmale der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Familienstand, Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter getrennt oder verwitwet verheiratet oder zusammenlebend ledig Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Die soziodemografische Struktur der Gewaltopfer auf lokaler Ebene weicht von jener, die aus den ISTAT-Daten über die Arbeitskräfte hervorgeht, ab. Beruf und Studientitel der Frauen mit mehr als 15 Jahren, die Anfang 2012 die in der Provinz Bozen wohnten und sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind relativ hoch. Dies hängt sowohl vom beträchtlichen Anteil an Frauen mit höheren Studientiteln als auch vom geringen Anteil an Frauen ohne Studientitel ab. Beim Vergleich


mit den italienweiten Daten muss jedoch berücksichtigt werden, dass die ISTAT-Bevölkerung altersmäßig umfassender ist und Ausbildungsunterschiede somit wahrscheinlicher sind.

Tabelle 2: Bevölkerung, Frauen über 15 Jahre, Daten getrennt nach Studientiteln – Südtirol und Italien, 2012 Autonome Provinz Bozen

Italien

Grundschulabschluss, kein Studientitel

20,5

25,8

Mittelschulabschluss

32,5

28,3

Berufsschulzeugnis 2-3 Jahre (berufliche Qualifikation)

15,3

5,7

Oberschulzeugnis 4-5 Jahre (Abitur/Staatsprüfung)

21,5

27,8

Hochschulabschluss und Doktorat

10,2

12,4

Summe

100,0

100,0

Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012


Grafik 3: Erwerbsstatus der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Angestellte arbeitslos Hausfrau Rentnerin Schülerin oder Studentin Freiberuflerin

Mehr als die Hälfte der Dienstnutzerinnen (53%) ist berufstätig. Es handelt sich dabei vorwiegend um Angestellte, nur ein kleiner Anteil ist freiberuflich tätig. 7% sind Rentnerinnen und die restlichen 40% sind wirtschaftlich unselbständig, entweder weil arbeitslos (29%) oder weil Hausfrau (7,8%) oder Studentin (3,9%). Vergleicht man diese Daten mit den ISTAT-Erhebungen 2012 und den Daten der Gemeinde Bozen aus dem Jahr 2011, so ist die Beschäftigungsrate der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste wenden (52,7%), niedriger als jene der Autonomen Provinz (64,8% ) und der Gemeinde (65,5%), während die Arbeitslosenquote (28,7%) sehr viel höher ist (Provinz 4,8%, Gemeinde 3,5%). Tabelle 3: Wirtschaftsindikatoren Autonome Provinz Bozen, Verteilung auf Nationalebene Frauenarbeits- FrauenQuote der losigkeitsquote beschäftinichterwerbstätigen gungsquote Frauen 4,8 64,8 18,2

Autonome Provinz Bozen 8,6 Nord 11,0 Zentrum 19,3 Süd 11,9 Italien Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012

57,0 52,3 31,6 47,1

37,7 41,2 60,7 46,5

Was die berufstätigen Frauen betrifft, so haben mehr als die Hälfte unbefristete Arbeitsverträge, während ca. 40% prekäre Arbeitsstellen besetzen. Dementsprechend verfügen nur 44% der Frauen über Einnahmen, die für sich selbst und die eigenen Kinder ausreichen. Es sei unterstrichen, dass


7% bis 8% der Frauen, die von den Netzwerkdiensten unterstützt werden (d.h. 11 Frauen), erklärt haben, sich nicht frei bewegen zu dürfen und eine oder mehrere Landessprachen nicht zu beherrschen. In Bezug auf die Familienlage erklären die meisten Frauen, die sich an die Dienste wenden, mit Kindern und Partner zusammenzuleben. Ein signifikanter Anteil lebt in Wohngemeinschaften oder geschützten Wohneinrichtungen (inkl. Kinder). Nur ein kleiner Prozentsatz lebt allein oder mit den Eltern, mit Verwandten oder mit FreundInnen. Fast die Hälfte (48,8%) der nicht allein lebenden Frauen hat angegeben, dass sie mit der Person zusammenleben, die Gewalt gegen sie ausübt.

Grafik 4 : Wohnsituation der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - Multiple Choice-Antworten, Prozentsätze

mit Kindern mit dem Partner in Wohngemeinschaft allein mit den Eltern mit anderen Verwandten mit FreundInnen mit den Schwiegereltern

Art der Gewalt In der übergroßen Mehrheit der Fälle (82%) erfolgt die Gewaltausübung im Rahmen der Familie. Gelegenheitsangriffe, Mobbing auf dem Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung sind hingegen seltener (Grafik 5). Grafik 5: Art der Gewalt, die die Dienstnutzerinnen der Netzwerkdienste erlitten haben Prozentsätze


erlittene Gewalt sexuelle Ausbeutung und/oder Ausbeutung als Arbeitskraft Mobbing (auf dem Arbeitsplatz) Gelegenheitsangriffe Häusliche Gewalt

Was die Großkategorie der häuslichen Gewalt anbelangt, so betrifft diese in erster Linie italienische Frauen, gefolgt von Frauen aus Osteuropa, während Frauen aus anderen Ländern weniger davon betroffen sind. Weitere Risikofaktoren, die die Bozner Frauen für häusliche Gewalt anfällig machen, sind folgende: feste Partnerschaft (Ehe), Alter zwischen 30 und 45 Jahren, hoher Studientitel, arbeitslos, Rentnerin. Italienische Frauen sind auch in Bezug auf Mobbing besonders anfällig (insbesondere, wenn es sich um Angestellte handelt), während afrikanische und osteuropäische Frauen stärker sexuell und beruflich ausgebeutet werden. Gelegenheitsangriffe scheinen hingegen nicht von der geografischen Herkunft der Opfer abzuhängen, sondern von ihrem Alter und dem Familienstand (unverheiratet).

Modalitäten der Gewaltausübung Wie aus Untersuchungen und Studien bereits bekannt, summieren und überschneiden sich laut Angaben der Dienstnutzerinnen verschiedene Gewaltmodalitäten, die eine Art Kontinuum bilden. Geht man von den Daten der ausgefüllten Fragebögen aus, so ist die meistverbreitete Form der Gewalt die psychologische Gewalt, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit weitem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking sind weniger signifikant, sexuelle Belästigung ist selten. Diese Rangordnung entspricht sowohl den Ergebnissen der Bozner Erhebung


als auch den Bezugsdaten (Tabelle 4) des nationalen Vereinsnetzes DiRe4 (DiRe, 2012), das die Zahlen, die die Tätigkeit der Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt im Jahr 2011 betreffen, gesammelt hat und somit eine passende Vergleichsbasis liefert. Wie gesagt überschneiden sich die Ergebnisse der beiden Erhebungen. Aus dem DiRe-Bericht geht zudem hervor, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben von Gewaltopfern ein Kontinuum bilden und ständig interagieren. Bei gleichzeitiger Ausübung verschiedener Gewaltmodalitäten steigt natürlich auch die Gefährlichkeit der Situation. Tabelle 4 : Von den Fachkräften gemeldete Art der Gewaltausübung – Multiple-Choice-Antworten, Prozentsätze

Art der Gewalt

körperliche Gewalt

% der Antworten

% der Fälle

absolute Werte (Anzahl der Antworten)

Daten Dire 2011 (% der Fälle)

27,0

67,6

114

47,0

8,5

21,4

36

14,2

psychologische Gewalt

37,1

80,7

157

54,4

ökonomische Gewalt

14,4

37,9

61

24,0

Stalking

9,9

16,6

42

9,3

Belästigung

3,1

7,6

13

-

Antworten insgesamt (Multiple Choice)

100

231,8

423

148,3

sexuelle Gewalt

Orte der Gewalt Das eigene Zuhause ist der Ort, der für Frauen am gefährlichsten ist. Dies gilt für alle Gewaltformen (weniger für sexuelle Belästigungen und Stalking). Die häusliche Gewalt hat zudem einen besonders hohen Intensitätgrad (man denke z.B. daran, dass die ökonomische Gewalt zu 84%, d.h. fast zur Gänze, zu Hause und in der Familie ausgeübt wird). Daheim entfalten sich aber auch alle anderen Gewaltformen mit besonderer Häufigkeit. Das Netzwerkpersonal hat angegeben, dass die meisten Fälle von körperlicher, psychologischer und sexueller Gewalt zu Hause stattfinden; auch Stalking und Verfolgung werden in einem Fall von drei im häuslichen Kontext ausgeübt. (Grafik 6). Öffentlichen Orte (Straßen, Parkplätze, Parks und Gastbetriebe) sind für Frauen auch nicht ungefährlich, insbesondere in Bezug auf Stalking und sexuelle, psychologische und ökonomische Gewalt. Auf dem Arbeitsplatz steht hingegen gerade das Stalking ganz oben auf der Liste, gefolgt von sexueller, ökonomischer und psychologischer Gewalt. In den Freizeiträumen der Schulen werden immer öfter Stalkingfälle verzeichnet.

1 D.i.Re.,Donne in Rete contro la violenza, Rilevazione dati 2011, 2012


Grafik 6 : Orte der Gewaltausübung aufgeteilt nach Art der Gewalt - Prozentsätze

Stalking Sexuelle Gewalt Psychologische Gewalt Körperliche Gewalt Ökonomische Gewalt Andere Orte

Schule + Freizeitstätten

Öffentliche Orte + Gastbetriebe

Arbeitsplatz

Zuhause


Grafik 7 : Zeitraum der Gewaltausübung, Daten aufgeschlüsselt nach Art der Gewalt

aktuell

Ökonomische Gewalt

in der Vergangenheit

Körperliche Gewalt

sowohl in der Vergangenheit als auch aktuell

Psychologische Gewalt

Stalking

Sexuelle Gewalt

Gewalterfahrungen stellen ein Kontinuum im Leben der meisten Frauen dar, sie sind ein Element, das Vergangenheit und Gegenwart kennzeichnet, eine konkrete Tatsache, mit der sie täglich zu tun haben. Die Gegenwart wird insbesondere bei Stalkingfällen als besonders bedrohlich empfunden, während bei sexueller, körperlicher, psychologischer und ökonomischer Gewalt die Vergangenheit eine besonders schwere Bürde darstellt (Grafik 7). Jede Art von Gewalt scheint zudem ihr eigenes Timing zu haben. Sexuelle Belästigungen sind im Normalfall einmalig, während beim Stalking und der Verfolgung die Standarddauer – wie auch bei der psychologischen Gewalt – zwei bis vier Jahre beträgt. Sexuelle Gewalt hält meist bis zu 10 Jahren an, ökonomische Gewalt sogar noch mehr. Die Mehrheit der Frauen (65%), die von den Dienststellen unterstützt wird, stellt keinen Bezug zwischen der erlittenen Gewalt und spezifischen Ereignissen oder Lebensaspekten her. Der Rest der Dienstnutzerinnen gibt an, dass die Gewalt in einer besonderen oder besonders heiklen Phase begonnen hat: In einem Drittel der Bozner Fälle war die Schwangerschaft oder die Geburt eines Kindes der auslösende Faktor für den Gewaltausbruch, der meist durch verfolgerisches Verhalten und Belästigungen gekennzeichnet ist. Dieses Schema entspricht den internationalen Erkenntnissen5. Aus der Literatur geht hervor, dass die Geburt eines Kindes bei manchen Partnern 5 Brewer J. E., Paulsen D.J. (1999), “A comparison of US and Canadian findings on uxoricide risk for women with children sired by previous partners”, Homicide Studies, 3, 317-332.
Campbell J.C. (2001), “Abuse during pregnancy: A quintessential threat to maternal and child health – so when do we start to act?”, Canadian Medical Association Journal, 164, 1578 - 1579


negative Gefühle wie Eifersucht und Wut erweckt oder den Eindruck erzeugt, einem Zwang ausgesetzt zu sein (insbesondere bei ungeplanten Schwangerschaften). Diese Emotionen sind oft sehr stark und können zu Gewalttaten gegen Mutter und Kind führen. In Italien erleiden nach ISTAT-Daten mehr als 11% der schwangeren Frauen Gewalt durch den Partner. Ganz generell beginnt bei Gewaltopfern der Leidensweg in 13,6% der Fälle gerade während der Schwangerschaft; in 52,5% der Fälle gab es bereits zuvor Gewalt und sie bleibt mit gleicher Intensität auch während der Schwangerschaft bestehen; in 17,2% der Fälle nimmt die Gewalt während der Schwangerschaft zu und nur in 15,9% der Fälle nimmt sie ab. Die Bozner Daten bestätigen diesen Trend und unterstreichen die Gefahren für Mutter und Kind, die daraus entstehen können. Häusliche Gewalt während der Schwangerschaft kann zu ungewollten Schwangerschaftsunterbrechungen, vorzeitigen Geburten und Untergewicht bei der Geburt führen. Die Opfer von häuslicher Gewalt neigen außerdem dazu, gefährliche Gewohnheiten anzunehmen (Rauchen, Alkohol- und Drogenmissbrauch). Körperliche Misshandlungen sind oft auch mit Problemen im Bereich des Fortpflanzungssystems, mit Harnwegentzündungen, Depression und anderen mentalen Krankheiten assoziiert. Gewalt während der Schwangerschaft ist schließlich auch gepaart mit hohen Raten an unerwünschten Schwangerschaften, Schwangerschaften im Jugendalter und Abtreibungen. Grafik 8: Hat die Gewaltausübung zu einem besonderen Zeitpunkt im Leben der Frau stattgefunden bzw. begonnen?

Menschenhandel zwecks Ausbeutung Beginn der Arbeitstätigkeite/ Ende Trennung Eheschließung Schwangerschaft/Geburt der Kinder Schwierigkeiten mit dem Partner

Zu den Ereignissen, die zu einem auslösenden Faktor für die Gewaltausübung in einer Beziehung werden können, gehören auch die Eheschließung, die Zusammenführung von Familien (bei Migrantinnen), Trennung und Scheidung sowie Schwierigkeiten mit dem Partner. Es handelt sich Campbell J.C., Webster D., Koziol McLain J., Block C., Campbell D., Curry M. A., Gary F., Glass N., McFarlane J., Sachs C., Sharps P., Ulrich Y., Wilt S.A., Manganello J., Xu X., Schollenberger J., Frye V., Laughton K., (2003), “Risk factors for femicide in abusive relationships: Results from a multisite case control study”, American Journal of Public Health, 93, 1089-97.


um Anlässe, die sich im Beziehungsleben abspielen und starke Gefühle hervorrufen. Die Schwierigkeit, die eigenen Gefühle unter Kontrolle zu halten, spielt eine ausschlaggebende Rolle beim Entstehen von Gewalt innerhalb einer intimen Beziehung, auch wenn die Kontexte sehr unterschiedlich sind. Bei Trennungen ist Stalking die häufigste Gewaltform, während bei Ehen ökonomische und körperliche Gewalt vorwiegen. Ein Fünftel der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, gibt an, dass die Gewalt mit der sozialen und beruflichen Sphäre verbunden ist (Arbeitstätigkeit, Arbeitswechsel, Migration) und sich vornehmlich in Form von ökonomischer Gewalt und Verfolgung ausdrückt. Ein geringerer aber dennoch bedeutsamer Anteil der Frauen ist Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung. Die für diese Verbrechen typische Gewaltform ist die Vergewaltigung (Grafik 8). In Bozen wurden außerdem auch ein Fall von Genitalverstümmelung und ein Fall von Zwangsheirat verzeichnet.

Wer übt Gewalt gegen Frauen aus? Täter sind insbesondere Ehemänner, Verlobte und Partner (53%) sowie ehemalige Partner (13.6%). Erstere üben vorwiegend ökonomische, psychologische und körperliche Gewalt aus, während ehemalige Partner eine “Vorliebe” für Stalking, Verfolgungsakte und körperliche Misshandlungen haben. Die Daten, die die von ehemaligen Partnern ausgeübte Gewalt betreffen, zeigen, dass die Trennungsphase ein besonders komplexer Übergang ist, bei dem eine eingehende und kompetente Überprüfung einer eventuellen Rückfallgefahr von wesentlicher Bedeutung ist. In 16% der Fälle sind die Täter Familienmitglieder (Eltern und Verwandte), in 11% der Fälle handelt es sich um Freunde und Bekannte. Die Fälle, in denen der Täter eine unbekannte Person ist, sind selten und finden meist im Zusammenhang mit Menschenhandel und mit Zuhälterei statt. Die Daten des Dire-Netzes6 (DiRe, 2011) ermöglichen einen Vergleich zwischen der Bozner Realität und jener auf Nationalebene: Der Fokus liegt in beiden Fällen bei den Intimbeziehungen, da der Partner sowohl in Bozen als in ganz Italien als Hauptverantwortlicher der Gewalttaten hervorgeht. Der von DiRe erhobene Prozentsatz ist jedoch mit 64% bedeutsam höher als jener von Bozen. Dasselbe gilt, in geringerem Ausmaß, für die Daten in Bezug auf die ehemaligen Partner (20% auf Nationalebene). In Bozen ist hingegen die Gewalt gegen Frauen, die von Familienmitgliedern (Eltern und Verwandte) herrührt, häufiger als im Rest Italien (16,2% gegen 8%). Eine ähnliche Abweichung gibt es auch im Falle der von Freunden und Bekannten ausgeübten Gewalt (11% gegen 6%) sowie jener, die von unbekannten Personen ausgeübt wird (3,9% gegen 2%). Grafik 9 : Beziehung zum Gewalttäter - Prozentsätze 6

In diesem Fall beziehen wir uns auf die DIRE-Erhebung 2010, in der die Daten besser aufgeschlüsselt und deswegen

auch besser vergleichbar sind (DiRe, “DATI STATISTICI ANNO 2010: 3° RILEVAZIONE NAZIONALE”).


Zuhälter/Zuhälterin Unbekannte/r Elternteil/Verwandte/r Ehem. Ehemann (ehem. Freund/ehem. Partner) Freund/Bekannter/Arbeitskollege

Profil der gewaltausübenden Personen Zirka die Hälfte der Täter ist zwischen 30 und 45 Jahre alt (51%) und somit ungefähr gleich alt wie die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt sind. Mehr als ein Drittel ist über 46 Jahre alt und nur eine Minderheit ist jünger als dreißig: Dieses Verhältnis ist bei Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wurde, umgekehrt (es wiegen jüngere Frauen vor). Die Täter sind vornehmlich - und in stärkerem Ausmaß als ihre Opfer - italienischer Nationalität (66%), während die Täter aus Osteuropa oder Afrika einen geringeren Prozentsatz als die Gewaltopfer aus diesen Weltteilen ausmachen. Diese Daten belegen, dass italienische Männer häufiger sowohl gegen Italienerinnen als auch gegen Ausländerinnen und jüngere Frauen gewalttätig sind. Die Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wird, haben einen signifikant höheren Ausbildungsgrad als die gewaltausübenden Männer: Der Anteil an Frauen mit akademischem Abschluss ist fast doppelt so große wie jener der Männer; auch der Besitz eines Reifediploms ist bei Frauen häufiger, während Berufsschuldiplome und Mittelschuldiplome bei den Tätern stärker vertreten sind als bei den Opfern. Dieser Umstand müsste näher untersucht werden, um zu verstehen, ob diese kulturelle Differenz einen Zusammenhang mit der ausgeübten Gewalt hat, auch wenn auf Nationalebene keine Verknüpfung dieser Art festgestellt wurde (Istat, 2007). Unter dem Gesichtspunkt der Beziehungen zwischen Gewalttäter (Männer) und Gewaltopfer (Frauen) zeigen die erhobenen Daten, dass für verheiratete Frauen das größte Risiko von ihren Ehemännern ausgeht, während es bei unverheirateten Frauen der ehemalige Partner, ein Freund, ein Bekannter oder ein Kollege sind. Junge, unverheiratete Frauen sind oft Opfer von Eltern und Verwandten. Frauen, die mit ihren Partnern (Ehemann oder Lebenspartner) und/oder ihren Kindern zusammenleben, sind bzw. waren vornehmlich Opfer ihres Partners. Dies gilt auch für die Mehrheit


der Frauen, die derzeit in Frauenhäusern oder in Gemeinschaften leben. Alleinlebende Frauen sind meist Opfer ehemaliger Partner oder von Freunden und Bekannten. In Wohngemeinschaften leben auch auch Frauen, die Opfer von Verwandten oder von Menschhandel waren. In den meisten Fällen handelt es sich bei den Tätern um “normale” Männer, die keine spezifischen Probleme haben, welche ein gewalttätiges Verhalten “hervorrufen” oder verstärken können (wie z.B. Alkohol- oder Drogenmissbrauch, wirtschaftliche oder psychiatrische Probleme usw.). Im Rest der Fälle sind Probleme verschiedener Art vorhanden, es wiegen jedoch Alkoholabhängigkeit und soziale Probleme vor (16% bis 17%), während Drogenmissbrauch und psychiatrische Probleme seltener sind (Tabelle 5). Zum Vergleich sei auf die Istat-Daten 2006 hingewiesen, die bezüglich der gewaltausübenden Männer, die unter der Wirkung von Alkohol oder Drogen stehen, einen etwas geringeren Prozentsatz angeben (13,3%).

Grafik 10: Soziodemografische Merkmale der Gewalttäter und der Gewaltopfer - Prozentsätze

Gewaltopfer


Gewalttäter Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufsschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Tabelle 5: Eventuelle Probleme der gewalttätigen Person (Multiple Choice), Prozentsätze Person ohne offensichtliche Abhängigkeitsprobleme und/oder soziale bzw. psychische Probleme Alkoholiker/Alkoholikerin Drogensüchtige/r Person mit psychiatrischer Störung

46,5% 17,4% 4,9% 1,4%

Person mit sozialen Problemen

16,7%

Keine Erkenntnisse

13,2%

Anwesenheit von Kindern In 60% der Fälle leben mit den Gewaltopfern auch Kinder zusammen; es handelt sich dabei fast immer um Töchter und Söhne der Opfer, nur selten besteht eine andere Art von Verwandtschaft. In der Mehrheit der Fälle erleben die Kinder die Gewalt direkt oder indirekt mit. Fast die Hälfte (44%) erlebt Gewalttaten direkt mit, ein Viertel ist während der Vorfälle nicht direkt anwesend, weiß aber, dass Gewalt ausgeübt wird (24%). Beträchtlich ist auch der Anteil an Kindern, die direkte Gewalt erleiden, während der Prozentsatz an Kindern, die weder direkt noch indirekt der Gewalt beiwohnen oder Opfer davon sind, sehr geringfügig ist. Die Art der miterlebten oder erlittenen Gewalt stimmt fast immer mit der der Mutter zusammen. Aus den erhobenen Daten geht eine starke direkte Einbindung der Minderjährigen in die Gewalt und eine sowohl körperliche als auch psychologische Gefährdung hervor. Das Verhaltensmuster der Täter ist typischerweise stets dasselbe. Laut der zitierten ISTAT-Studie gaben 62,4% der Frauen, die Opfer von Männergewalt sind, an, dass ihre Kinder einem oder mehreren Gewaltszenen beigewohnt haben (davon 19,6% nur in seltenen Fällen, 20,2% manchmal und 22,6% oft). Tabelle 6: von Minderjährigen erlittene Gewalt (Multiple Choice), Prozentsätze


Körperliche Gewalt in direkter Form

11,4%

Psychologische Gewalt in direkter Form

15,2%

Ökonomische Gewalt in direkter Form

3,0%

Miterlebte Gewalt in direkter Form

43,9%

Miterlebte Gewalt in indirekter Form

23,5%

Nein

3,0%

Die Dienststellen und das Netzwerk Der Fragebogen sah eine offene Frage in Bezug auf die Kenntnis der Dienste vor, die vom Netzwerk angeboten werden. Die Art und Weise, wie Dienstnutzerinnen von den Diensten erfahren, ist eine extrem wichtige Information: Sie gibt Aufschluss darüber, inwieweit das Wissen über die bestehenden Dienste gegen Gewalt an Frauen unter hilfsbedürftigen Opfern verbreitet ist. In 50% der Fälle haben die Frauen von den Netzwerkdiensten durch das Netzwerk selbst erfahren. Dies ist ein gutes Ergebnis, das auf eine gelungene synergetische Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Knoten des Netzwerks hinweist. In der ersten Phase der Kontaktaufnahme bleibt jedoch die Rolle der FreundInnen und der Familie ausschlaggebend: Freundinnen und Bekannte sind oft die ersten AnsprechpartnerInnen der hilfesuchenden Gewaltopfer und raten ihnen, sich an Dienststellen des Netzwerks zu wenden. Was das Netzwerk selbst betrifft, sind die Sozialdienste – durch die SozialassistentInnen – die Knotenpunkte, die die Fälle zuerst filtrieren und den betroffenen Frauen weiterhelfen, gefolgt von den Sicherheitskräften und den Fachdiensten (Beratungsstellen, Frauenhäuser, Kontaktstellen gegen Gewalt). Weniger aktiv sind diesbezüglich die Fachleute der Gesundheitsdienste (FamilienärztInnen, PsychologInnen, Krankenhäuser). Bedeutsam ist hingegen der Zugriff auf die grünen Telefonnummern und auf Internet, die ein relativ neues Instrument sind, aber dennoch ziemlich bekannt und zuverlässig zu sein scheinen.


Grafik 11 :Wie hat die Frau von der Dienststelle erfahren? (Prozentsätze)

durch eine Freundin, eine Bekannte Sozialdienste, Sozialassistentin Polizei, Ordnungskräfte, Polizeidirektion (Quästur) Familienhaus, Familienberatungsstelle, Gea, Dienststellen Grüne Nummer, Zufall, Internet Verwandte Familienarzt/Familienärztin, Psychologe/Psychologin, Krankenhaus Rechtsanwalt/Rechtsanwältin bereits bekannt keine Angabe

Die erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, weshalb sich Frauen an die verschiedenen Dienste wenden (77%). Es ist extrem wichtig, dass bei den Gesprächen mit dem Personal der Dienste auch die versteckte und verneinte Gewalt belichtet und anerkannt werden. Dies kann entweder durch direkte Fragen erwirkt werden oder als Nebeninformation oder indirekte Auskunft in die Erzählung der betroffenen Frau einfließen. Es handelt sich um ein wichtiges Ergebnis, das von der fachlichen Vorbereitung des Personals der Anlaufstellen zeugt, die so zeigen, dass sie imstande sind, die erlebte Gewalt auch in solchen Fällen zu erkennen und sie aufzudecken. Grafik 12: Wenn das Thema Gewalt von der Frau nicht als Hauptgrund genannt wurde, wer hat dieses Thema zur Sprache gebracht? (Prozentsätze)


Die Frau selbst, als sekundäres Problem Die Frau selbst, jedoch indirekt im Rahmen anderweitiger Erzählungen Die Fachperson durch direktes Fragen

Eine grundsätzliche Bestätigung der Rangordnung der Anlaufstellen für die hilfesuchenden Frauen geht auch aus den Antworten auf die Frage hervor, ob sich die betroffene Frau mit der Bitte um Hilfe auch “an andere” gewandt hat. In diesem Fall waren – anders als bei der vorhergehenden Frage - mehrere Antworten möglich: Die Antworten zeigen, dass die Sicherheitskräfte, die Sozialdienste und die Kontaktstellen gegen Gewalt sowie die FreundInnen der erste Anlaufpunkt sind und den ersten Schritt auf dem Weg aus den Gewalt heraus darstellen (Grafik 13). Es folgen die Familie und andere Dienststellen. Bei 24% der Antworten steht, dass sich die betroffene Frau zuvor an niemand anderen gewandt hat und somit direkt den Dienst als erste Anlaufstelle gewählt hat. Grafik 13: Hat sich die Frau bereits an andere Personen/Anlaufstellen gewandt? (Multiple Choice), Prozentsätze


Ordnungskräfte Nein Freunde/Freundinnen Sozialdienste Frauenhaus/geschützte Wohnungen Verwandte Rechtsanwalt/Rechtsanwältin Eltern Familienberatungsstelle Krankenhaus Psychologischer Dienst Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin) NachbarInnen

Wie gut das Netzwerk funktioniert kann zum Teil anhand der Antworten auf die Frage bezüglich der Interaktion mit anderen Diensten bewertet werden, d.h. ob die Fachperson, die den Fragebogen beantwortet, die betreffende Dienstnutzerin an andere Dienststellen “weitergeleitet” hat. Leider hat fast die Hälfte davon (44%) auf diese Frage nicht geantwortet, was zu einer geringen Gesamtsignifikanz der entsprechenden Daten führt. Die Mehrheit (72%) von jenen, die die Frage beantwortet haben, hat keine Frau an andere Dienste weitergeleitet. Vorwiegendes Ziel der weitergeleiteten Frauen waren die Kontaktstelle gegen Gewalt, die geschützten Wohnungen und das Frauenhaus. Die Situation der von den Netzwerkdiensten Ende 2012 betreuten Frauen ist in der Abbildung 14 beschrieben: Sieht man von den Frauen (13%, d.h. 17 Frauen) ab, die von keiner Dienststelle betreut werden, so wird die absolute Mehrheit der Gewaltopfer von Kontaktstellen und Frauenhäusern unterstützt oder lebt in geschützten Wohnungen, während der Rest von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen betreut wird.

Grafik 14: Wer betraut die Frau mit Blick auf die Gewaltsituation?(Multiple Choice), Prozentsätze


Frauenhaus/geschützte Wohnungen Niemand Sozialdienste Familienberatungsstelle PsychiaterIn/NeuropsychiaterIn Psychologischer Dienst Sozialpädagogische Einrichtung Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin)

Anzeigen bei Gericht Zirka ein Drittel der vom Bozner Netzwerk betreuten Frauen hat eine strafrechtliche Anzeige erstattet oder (im Falle von Minderjährigen) das Jugendgericht benachrichtigt. Es handelt sich um einen sehr hohen Prozentsatz, insbesondere im Vergleich zum italienischen Durchschnittswert, der aus den ISTAT-Erhebungen 2006 hervorgeht (7,3% der Frauen, die Opfer vom Männergewalt sind, erstatteten Anzeige wegen vom Partner ausgeübter körperlicher oder sexueller Gewalt). Die Netzwerkdaten sind besonders erfreulich, weil sie sich nicht nur von den italienweiten Zahlen, sondern auch vom Südtiroler Durchschnitt (13,7%) derselben ISTAT-Studie positiv abheben (es ei darauf hingewiesen, dass Südtirol bereits damals die „beste“ unter den italienischen Regionen war). Da die Mehrzahl der gerichtlichen Verfahren noch läuft, ist es frühzeitig, Schlüsse über das Ergebnis der Anzeigen zu ziehen. Tabelle 7: Gerichtliche Schritte der Frauen, die von den Netzwerkdiensten betreut werden absolute Daten und Prozentsätze Ja

Nein

Sum me

Absolute Daten Strafanzeige/Strafantrag/Klage (Gerichtsbehörde) Anzeige (Staatsanwaltschaft bei Jugendgericht)

%

41

96

137

43

99

142

29, 9 30, 3

70, 1 69, 7


Tabelle 8 : Ergebnis der Gerichtsverfahren – Prozentsätze 1 – Rücknahme der Anzeige

18,6

2 – hängiges Verfahren

65,1

3 – Verurteilung der gewalttätigen Person / Strafzumessung auf Antrag der Parteien

7,0

4 – Freispruch

9,3

Summe

100,0

Schlussbemerkungen Aus dem vorliegenden Bericht können nur provisorische Schlussfolgerungen gezogen werden, da die verarbeiteten Daten bislang ein einziges Arbeitsjahr (das Startjahr!) umfassen. Trotzdem können wir uns davon ausgehend ein Bild vom Netzwerk, von den Dienstnutzerinnen, von den Bedürfnissen der Frauen und von der Art der jeweils erlittenen Gewalt machen. Die Anzahl der Fälle ist jedoch noch zu gering, um die Beziehungen zwischen Opfer und Täter, die Dynamik der verschiedenen Gewaltformen und die Reaktion der Dienststellen im Detail zu analysieren und daraus Indikatoren in Bezug auf die Wirksamkeit des Netzwerks oder das Auftreten der verschiedenen Gewaltformen auf dem Territorium oder auch nur in Bezug auf eventuelle Probleme der Netzwerkdienste zu erarbeiten. Um die mühsame und verdienstvolle Arbeit zu ehren, die das Personal bei der Datenerhebung geleistet hat, werden wir nachfolgend eine Übersicht der wichtigsten Elemente liefern, die aus der Datenanalyse hervorgehen. Wir fangen dabei von der Beschreibung der Frauen an, die sich an die Netzwerkstellen gewandt haben. Es handelt sich mehrheitlich um Frauen italienischer Nationalität zwischen 30 und 45 Jahren. Zirka ein Drittel ist jünger als 30, ein Fünftel über 46. Die Mehrheit der Frauen leben im Paar (verheiratet oder Wohngemeinschaft) und haben eine Arbeit oder eine Rente und verfügen somit über eine eigene Einnahmequelle (59,7%). Die meisten besitzen ein höheres Ausbildungsniveau als der Durchschnitt der in der Gemeinde und in der Provinz ansässigen Frauen. Es gibt aber auch einen Anteil der Opfer, die arbeitslos sind und sich in einer präkären ökonomischen Lage befinden. Zirka 55% der betreuten Frauen gibt an, Schwierigkeiten zu haben, den Unterhalt für sich selbst und die (eventuellen) Kinder zu zahlen. Dieser Umstand versetzt sie in eine Situation objektiver “Schwäche”, die vermehrt Männergewalt zur Folge haben kann. Es sei dabei darauf hingewiesen, dass ein (wenn auch kleiner) Anteil der Frauen eine der beiden Landessprachen nicht oder nur unzulänglich kennt und sich nicht frei bewegen kann/darf. Es handelt sich oft um ausländische Frauen (45,4%), die zum Großteil aus Osteuropa oder Afrika stammen. Hilfesuchende Frauen leben meist mit ihren Kindern und dem Partner zusammen. Es ist erschreckend zu wissen, dass die Hälfte von ihnen mit dem Mann zusammenlebt, der Gewalt gegen


sie ausübt. Ein signifikanter Teil der Frauen, die von den Netzwerkdiensten aufgenommen wird, lebt demgemäß in geschützten Einrichtungen und in Frauenhäusern. Wie überall wird auch in Bozen die Gewalt in der übergroßen Mehrzahl der Fälle (82%) innerhalb der Familie ausgeübt (häusliche Gewalt), während Gelegenheitsangriffe, Mobbing am Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung eher selten sind. Was die Art der erlittenen Gewalt anbelangt, so überschneiden sich meist verschiedene Modalitäten. Erstellt man eine Rangordnung anhand ihres relativen Gewichts, so steht psychologische Gewalt an erster Stelle, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit größerem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking haben eine geringere Inzidenz, sexuelle Belästigungen sind selten. Diese Daten bestätigen die Ergebnisse anderer Erhebungen und belegen den Umstand, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, ein Kontinuum darstellen, sich überschneiden und ständig interagieren. Das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Gewaltformen zeichnet stets besonders gefährliche Situationen aus. Das eigene Zuhause ist für Frauen der gefährlichste Ort, und dies gilt für alle Formen der Gewalt (mit der Ausnahme von Belästigungen und Stalking). Daheim ist auch die Intensität der Gewalt stärker als anderswo, angefangen von der ökonomischen Gewalt, die fast ausschließlich innerhalb der eigenen vier Wände und der eigenen Familie ausgeübt wird. Körperliche, psychologische und sexuelle Gewalt finden auch fast immer in der gemeinsamen Wohnung statt. Sogar Stalking und Verfolgung finden ein Drittel der Male zu Hause statt. Auch die öffentlichen Räume (Straßen, Parkplätze, Parks und Gaststätten) sind für Frauen gefährlich: Es finden dort Stalking sowie sexuelle und psychologische Gewalt statt. Die am Arbeitsplatz meistverbreitete Form der Gewalt ist das Stalking, gefolgt von der sexuellen, der ökonomischen und der psychologischen Gewalt. Schulen und Freizeiträume sind besonders oft Schauplatz von Stalking. Die Gewalt wird von den meisten Frauen als eine Art Kontinuum erlebt, als ein Element, das sich ohne Unterbechung von der Vergangenheit bis zur Gegenwart erstreckt und den konkreten, tagtäglichen Lebensablauf charakterisiert. Aus der Erhebung geht hervor, dass oft wichtige Ereignisse und Lebensetappen innerhalb des Paars oder der Familie - wie zum Beispiel Schwangerschaft, Ehe und Trennung - zum Ausbruch der Gewalt beitragen. Dies bestätigt zum wiederholten Male, dass die häusliche Sphäre und die Familie die Hauptbühne für Gewalttaten darstellen. Im Falle von ausländischen Frauen stellen zusätzlich dazu die Einwanderung selbst (mit der manchmal die sexuelle Ausbeutung beginnt) sowie die Zusammenführung mit anderen Familienmitgliedern besonders heikle Momente dar. Bei den Tätern handelt es sich zum Großteil (66%) um italienische Staatsbürger und es sind vergleichmäßig mehr als die italienischen Gewaltopfer, während bei Tätern aus Osteuropa und Afrika der Prozentsatz geringer ist als jener der Opfer mit gleicher Herkunft. Dieser Umstand weist darauf hin, dass die stereotypische Annahme, bei den Tätern handle es sich vorwiegend um Ausländer, irreführend ist. Männer italienischer Abstammung üben häufiger als Ausländer Gewalt sowohl gegen italienische als auch gegen ausländische und junge Frauen aus.


Das bisher skizzierte Bild zeigt eindeutig, dass die Spuren der Gewalt gegen Frauen immer zur Familie führen: Hauptübeltäter sind die gegenwärtigen oder ehemaligen Ehemänner, Verlobten und Partner. Erstere greifen öfter zur ökonomischen, psychologischen und körperlichen Gewalt, während ehemalige Partner dazu neigen, Frauen durch Stalking, Verfolgung und körperliche Misshandlung zu verletzen. Wie bereits gesagt, ist die Trennungsphase der Moment im Leben einer Frau, der unter dem Sicherheitsprofil zu den schwierigsten und gefährlichsten zählt. Nicht nur Partner und ex-Partner, sondern auch Eltern, Verwandte und Freunde üben Gewalt gegen Frauen aus, während nur sehr selten unbekannte Männer zu Tätern werden (meist in Fällen von sexueller Ausbeutung und Menschenhandel sowie Zuhälterei). Erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, der Frauen dazu bewegt, sich an die Dienststellen zu wenden. Es ist jedoch wichtig, dass auch versteckte oder getarnte Gewaltfälle zur Sprache kommen. Dies kann erfolgen, wenn das Fachpersonal die Lage erkennt und direkte Fragen an die betreffende Frau stellt, oder wenn die betreffende Frau das Thema indirekt oder als “Nebensache” aufwirft. Die Aufdeckung der versteckten Gewaltfälle ist besonders wichtig und es ist von wesentlicher Bedeutung, über spezialisiertes Kontaktpersonal zu verfügen, das imstande ist, implizite Gewalt im Erlebten zu erkennen und zur Sprache zu bringen. Im Einklang mit dem bisherigen Bild ist die Tatsache, dass die absolute Mehrheit der Frauen, die Kontakt zu den Netzwerkdienststellen aufgenommen haben, von den Kontaktstellen gegen Gewalt und den Frauenhäusern betreut werden bzw. in geschützten Wohnungen leben, während ein kleinerer Anteil von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen unterstützt werden. Das Wissen um die Unterstützungsmöglichkeiten, die das Netzwerk gegen die Gewalt an Frauen anbietet, stellt ein strategisches Element im Rahmen der politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Gewalt und zur Unterstützung der hilfesuchenden Frauen dar. Die Ergebnisse der Beobachtungsstelle zeigen, dass die Netzwerksynergie diesbezüglich sehr groß ist: 50% der Frauen haben die Netzwerkdienste durch das Netzwerk selbst kennengelernt. In der ersten Kontaktphase spielen zudem FreundInnen und Familienmitglieder eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, sich an die vorhandenen Dienststellen zu wenden. Freundinnen und Bekannte sind und bleiben in den meisten Fällen die ersten Ansprechpartnerinnen hilfesuchender Frauen. Was die Netzwerkdienste anbelangt, so stellen meist die Sozialdienste den ersten Anlaufpunkt dar, der den Frauen Informationen liefert und sie an andere Stellen weiterleitet. Gleich nach den Sozialdiensten befinden sich in dieser Rangordnung die Sicherheitskräfte und die Fachdienste (Beratungsstellen, geschützte Wohnungen, Kontaktstellen gegen Gewalt). Zusätzlich zur Soforthilfe durch die geschützten Wohnstrukturen für gefährdete Frauen und Kinder liefern die Netzwerkdienste den Frauen Unterstützung auf ihrem Weg aus der Gewalt, das eines der wesentlichen Ziele der entsprechenden Maßnahmen darstellt. Zu den möglichen Maßnahmen, die diesen Weg erleichtern, gehört auch der Zugriff auf gesetzlich vorgesehene Instrumente wie Anträge auf Wegweiseanordnungen oder Annäherungsverbote, straf- und zivilrechtliche Klagen oder Meldungen beim Jugendgericht. Bereits in der ISTAT-Erhebung aus dem Jahr 2006 stach die Stadt Bozen im Vergleich zu den anderen italienischen Städten wegen der hohen Anzahl an Anzeigen hervor. Die vorliegende Datenerhebung bestätigt diesen Trend: 30% der von den Netzwerkdiensten betreuten Frauen hat den Täter bei den Behörden angezeigt, ein gleich hoher Prozentsatz hat beim Jugendamt Fälle von Gewalt gegen Minderjährigen gemeldet. Es handelt sich


um ein hervorragendes Ergebnis, das nach Ende der noch laufenden Verfahren auch hinsichtlich der gerichtlichen Ergebnisse 端berpr端ft werden muss.


Das Bozner Netzwerk der Dienste für Frauen in Gewaltsituationen – Erstes Tätigkeitsjahr1 von Maura Misiti, statistische Datenbearbeitung von Marcella Prosperi* Einführung Die Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das weltweit eine zunehmende Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Vereine, Bewegungen, internationale Behörden und nicht zuletzt die internationale Öffentlichkeit sind sich immer stärker bewusst, dass es sich um eine globales Problem handelt und üben dementsprechend Druck aus. Auch die Medien tragen dazu bei, die dramatische Eskalation von Gewalttaten gegen Frauen sichtbar zu machen und zu dokumentieren. Im neuesten Sonderbericht von Rachida Manjoo (UNO-Berichterstatterin) über die genderbasierten Tötungen, der im Juni 2012 veröffentlicht wurde (CHR, 2012), wird der Frauenmord als Extremausdruck der vielen, verschiedenen Formen von Gewalt, die gegen Frauen ausgeübt wird, definiert, als letzte, tödliche Folge eines tragischen Kontinuums. Im Bericht wird unterstrichen, dass dieses Phänomen alarmierende Ausmaße erreicht hat und die Gewalt gegen Frauen immer noch akzeptiert, toleriert und gerechtfertigt wird, weil sie kulturell und sozial stark verwurzelt ist. Der Bericht endet mit einer Reihe von Empfehlungen an die UNO-Mitgliedsstaaten, damit sie ihrer Pflicht, das Phänomen zu bekämpfen, sorgfältig nachkommen. Im Vorjahr (2011) hatte die Berichterstatterin bereits einen Spezialbericht über die Gewalt gegen Mädchen und Frauen erstellt, worin sie den komplexen Rahmenkontext beschreibt, in dem sich verschiedene Formen von Diskriminierung überschneiden, gegenseitig verstärken und so zu einer stetigen Zuspitzung des Phänomens der Gewalt gegen Frauen führen. Der Bericht endete mit der Empfehlung, einen ganzheitlichen Ansatz gegen die genderbasierte Gewalt anzuwenden, um gleichzeitig sowohl die strukturellen Elemente als auch die jeweiligen Diskriminierungsfaktoren zu berücksichtigen. Wenn das Thema der Gewalt gegen Frauen als übergreifendes Phänomen dargestellt wird, das die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte sowie sämtliche Zivilrechte betrifft, fällt es den Policy Makers leichter, die Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Diskriminierungsformen und die Vielfalt der tatsächlichen Gewaltformen zu begreifen. Dieser mehrdimensionale Ansatz erfordert den Einsatz von Personal- und Materialressourcen für die Bewertung und Überprüfung der Auswirkung der im Bereich Gewalt und Diskriminierung getroffenen Maßnahmen, verabschiedeten Gesetze und geleisteten Dienste, einschließlich der Unterstützung der Opfer und des Schadenersatzes. Zu den Aktionen, die die Berichterstatterin vorschlägt, gehören auch öffentliche Maßnahmen im Bereich der Erziehung, um stereotypische Wertvorstellungen und Vorurteile abzubauen, von denen sich die Gewalt gegen Frauen ernährt. In lokaler Hinsicht ist es hier wichtig, auf die Mission zu verweisen, die die Berichterstatterin 2011 in Italien durchführte. In ihrem Bericht über die italienische Situation unterstrich sie, dass die häusliche Gewalt das am meisten verbreitete Gewaltphänomen ist. Weniger als ein Fünftel der * IRPPS-CNR


Opfer erachtet die erlittene Gewalt als Straftat, ein Drittel betrachtet sie als „normal“, nur ein Viertel hält eine Vergewaltigung oder eine versuchte Vergewaltigung für strafbar. Die Verdeckung dieses Phänomens hat sowohl mit seiner geringen Sichtbarkeit als auch mit der Tatsache zu tun, dass die Frauen eher selten Anzeige erstatten, da sie meist wirtschaftlich von den Tätern abhängen und zudem der Ansicht sind, dass der Staat nur wenig oder gar nichts unternehmen wird. Die ununterbrochene häusliche Gewalt spiegelt sich in der steigenden Anzahl von Frauen wider, die vom (oft ehemaligen) Partner, Ehemann oder Lebensgefährten ermordet werden2. Um das Thema der Gewalt in Italien wirklich zu verstehen, müssten viele Fragen ausgehend von den großen Schwierigkeiten aufgeworfen werden, gegen die die Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt täglich kämpfen müssen. Da sie nur mangelnd finanziert werden, können sie den Frauen, die Opfer von Gewaltsituationen sind, immer seltener angemessenen Beistand anbieten. Dies hat negative Auswirkungen auf die Anerkennung der Gewaltsituationen selbst, auf die Unterstützung der Frauen und ihrer Kinder, auf die Eingliederung der wirtschaftlich Schwächeren in die Arbeitswelt. Zu den wichtigsten Bemerkungen der Berichterstatterin gehört mit Sicherheit die Vorhaltung, dass die Institutionen, die Regierung und die Zivilgesellschaft im Falle der Gewalt gegen Frauen noch viel zu wenig auf getrennte statistische Daten zurückgreifen. Die „jüngste“ offizielle Datenerhebung (ISTAT-Bericht “Gewalt gegen Frauen in und außerhalb der Familie”) stammt aus dem Jahr 2006 (!). Geschlechtsspezifische, aktualisierte Daten und Statistiken sind von äußerster Wichtigkeit, um angemessene Gesetze, Maßnahmen und Programme zu entwerfen und umzusetzen und sie auf ihre Wirksamkeit hin zu evaluieren. Der Datenaustausch zwischen allen beteiligten Stellen – d.h. auch den zuständigen Ministerien, den Sicherheitskräften, den Gerichtsbehördern und den Fachorganisationen – stellt dazu eine notwendige Voraussetzung dar. Auch die CM-Rec 2002(5) empfohl u.a. die Durchführung spezifischer Untersuchungen und die Einholung von speziellen Daten zur Bemessung des Phänomens sowie zur Kontrolle der Wirksamkeit der angewandten Maßnahmen. All dies wurde, wie gesagt, von der Berichterstatterin bestätigt und steht im erst kürzlich unterzeichneten Abkommen von Istanbul Schwarz auf Weiß geschrieben. Das Abkommen muss durch entsprechende Anpassungsmaßnahmen ratifiziert werden. Zum ersten Mal ist im Dokument zudem ausdrücklich von Zwangsheirat die Rede und es werden detaillierte Vorgaben in Bezug auf die vorgesehenen Untersuchungen und Datenerhebungen aufgelistet. Die Erfahrung der Bozner Beobachtungsstelle Vor diesem Hintergrund ist vor einem Jahr das Bozner Netzwerk der Dienste entstanden, die den Gewaltopfern Unterstützung anbieten. Nachfolgend werden die Ergebnisse der bisherigen Arbeit dieses Netzwerks vorgestellt, das Fachstellen wie das Zentrum gegen Gewalt, öffentliche Sicherheitsbehörden und Vereine, die auf spezifische Bedürfnisse eingehen, untereinander verbindet. Im Gründungsjahr 2012 befassten sich die Netzwerkdienste mit insgesamt 145 Gewaltfällen und verhalfen den betroffenen Personen, sich teilweise oder gänzlich von der jeweiligen Gewaltsituation zu befreien. Die Fragebögen wurden zwar aufmerksam ausgefüllt, doch bei einer solch begrenzten statistischen Anzahl kann der Ausfall von auch nur wenigen Daten bereits Probleme verursachen. Es kann 2

(CEDAW/C/ITA/Q/6/Add.1)


durchaus sein, dass es beim Ausfüllen der Bögen einfach objektive Schwierigkeiten gab, die erwünschte Information einzuholen: Es handelt sich dabei insbesondere um die Angaben über den Täter, Lücken gibt es aber auch in Bezug auf die Arbeitssituation der Frauen und über die Elemente, die den ersten Gewaltausbruch verursacht und zur eventuellen Anzeige geführt haben. Auch die Zusatzfragen, die die Interaktion zwischen den verschiedenen Netzwerkdiensten betreffen, wurden nur teilweise beantwortet: Es muss untersucht werden, wieso es diesbezüglich Schwierigkeiten gab. In anderen Fällen (Nichtangabe des Berufsprofils und des Geschlechts der Fachperson aus dem Netzwerk) könnte es sich lediglich um Flüchtigkeitsfehler handeln. Die nachfolgende Tabelle gibt Aufschluss über die Dienste, die an der Datenerhebung mittels Fragebögen teilgenommen haben, deren Daten in die Datenbank der Beobachtungsstelle einfließen. Für jeden Fall, der von einer Netzwerkdienststelle behandelt wird, wird ein entsprechendes Datenblatt ausgefüllt.

Tabelle 1: Die Netzwerkdienste, die an der Erhebung teilgenommen haben prozentuelle Daten Dienststelle, die den Erhebungsbogen ausgefüllt hat

Dienstnutzerinnen

- absolute und

Prozentsatz

Haus der geschützten Wohnungen

14

9,7

Kontaktstelle gegen Gewalt – Frauenhaus GEA

81

55,9

CSM

8

5,5

Polizeidirektion (Quästur) Bozen

4

2,8

BSB Sozialsprengel Europa Neustift

6

4,1

Verein LA STRADA/DER WEG Bereich Frau

5

3,4

Verein Volontarius – Straßenprojekt

1

,7

Vereinigung Frauen-NISSA'

2

1,4

BSB Sozialsprengel GRIES

4

2,8

12

8,3

Stadtpolizei

1

,7

BSB Sozialsprengel Don Bosco

1

,7

Haus Margaret Caritas

5

3,4

Familienberatungsstelle AIED

1

,7

Familienberatungsstelle l'ARCA


Insgesamt

145

100,0

Wie aus der Grafik 1 ersichtlich, wurden Frauen, die sich an eine Netzwerkstelle gewandt haben, vorwiegend in Obhut des Fachpersonals der Kontaktstellen gegen Gewalt oder des Personals der Sozialdienste genommen. In geringerem Ausmaß nahmen sich ihrer von Psychologinnen und Mediatorinnen an, der Beitrag der Polizeikräfte war fast unerheblich.

Grafik 1: Fachpersonal, das den Erhebungsbogen ausgefüllt hat – absolute Daten

SozialassistentIn SozialbetreuerIn

Betreuerin Koordinatorin KrankenpflegerIn

Psychologin

Erzieherin Mediatorin

Polizei

Die absolute Mehrheit der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt hat, wohnt in Bozen, nur ein kleiner Anteil ist anderswo ansässig. Die Hälfte der Frauen hat ein Alter zwischen 30 und 45 Jahren, ein Drittel ist jünger als 30 Jahre und ein Fünftel älter als 46. Mehr als die Hälfte der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind italienischer Staatsbügerschaft, 21% stammen aus Osteuropa, 10% aus Afrika. Der Anteil an ausländischen Frauen unter den Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, ist größer als der Anteil an ausländischen Frauen, die Anfang 2011 in der Stadt Bozen ansässig waren (13% nach ISTAT-Daten)3. Frauen, die in einer Paarbeziehung leben (Ehemann oder Lebensgefährte), machen 55% der Opfer aus. Es folgen alleinstehende Frauen (27%) und Witwen oder geschiedene Frauen.

3

Istat, Geo Demo, Popolazione straniera residente al 1° gennaio 2011 per età e sesso,


Grafik 2 :Soziodemografische Merkmale der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Familienstand, Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter getrennt oder verwitwet verheiratet oder zusammenlebend ledig Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Die soziodemografische Struktur der Gewaltopfer auf lokaler Ebene weicht von jener, die aus den ISTAT-Daten über die Arbeitskräfte hervorgeht, ab. Beruf und Studientitel der Frauen mit mehr als 15 Jahren, die Anfang 2012 die in der Provinz Bozen wohnten und sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind relativ hoch. Dies hängt sowohl vom beträchtlichen Anteil an Frauen mit höheren Studientiteln als auch vom geringen Anteil an Frauen ohne Studientitel ab. Beim Vergleich


mit den italienweiten Daten muss jedoch berücksichtigt werden, dass die ISTAT-Bevölkerung altersmäßig umfassender ist und Ausbildungsunterschiede somit wahrscheinlicher sind.

Tabelle 2: Bevölkerung, Frauen über 15 Jahre, Daten getrennt nach Studientiteln – Südtirol und Italien, 2012 Autonome Provinz Bozen

Italien

Grundschulabschluss, kein Studientitel

20,5

25,8

Mittelschulabschluss

32,5

28,3

Berufsschulzeugnis 2-3 Jahre (berufliche Qualifikation)

15,3

5,7

Oberschulzeugnis 4-5 Jahre (Abitur/Staatsprüfung)

21,5

27,8

Hochschulabschluss und Doktorat

10,2

12,4

Summe

100,0

100,0

Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012


Grafik 3: Erwerbsstatus der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Angestellte arbeitslos Hausfrau Rentnerin Schülerin oder Studentin Freiberuflerin

Mehr als die Hälfte der Dienstnutzerinnen (53%) ist berufstätig. Es handelt sich dabei vorwiegend um Angestellte, nur ein kleiner Anteil ist freiberuflich tätig. 7% sind Rentnerinnen und die restlichen 40% sind wirtschaftlich unselbständig, entweder weil arbeitslos (29%) oder weil Hausfrau (7,8%) oder Studentin (3,9%). Vergleicht man diese Daten mit den ISTAT-Erhebungen 2012 und den Daten der Gemeinde Bozen aus dem Jahr 2011, so ist die Beschäftigungsrate der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste wenden (52,7%), niedriger als jene der Autonomen Provinz (64,8% ) und der Gemeinde (65,5%), während die Arbeitslosenquote (28,7%) sehr viel höher ist (Provinz 4,8%, Gemeinde 3,5%). Tabelle 3: Wirtschaftsindikatoren Autonome Provinz Bozen, Verteilung auf Nationalebene Frauenarbeits- FrauenQuote der losigkeitsquote beschäftinichterwerbstätigen gungsquote Frauen 4,8 64,8 18,2

Autonome Provinz Bozen 8,6 Nord 11,0 Zentrum 19,3 Süd 11,9 Italien Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012

57,0 52,3 31,6 47,1

37,7 41,2 60,7 46,5

Was die berufstätigen Frauen betrifft, so haben mehr als die Hälfte unbefristete Arbeitsverträge, während ca. 40% prekäre Arbeitsstellen besetzen. Dementsprechend verfügen nur 44% der Frauen über Einnahmen, die für sich selbst und die eigenen Kinder ausreichen. Es sei unterstrichen, dass


7% bis 8% der Frauen, die von den Netzwerkdiensten unterstützt werden (d.h. 11 Frauen), erklärt haben, sich nicht frei bewegen zu dürfen und eine oder mehrere Landessprachen nicht zu beherrschen. In Bezug auf die Familienlage erklären die meisten Frauen, die sich an die Dienste wenden, mit Kindern und Partner zusammenzuleben. Ein signifikanter Anteil lebt in Wohngemeinschaften oder geschützten Wohneinrichtungen (inkl. Kinder). Nur ein kleiner Prozentsatz lebt allein oder mit den Eltern, mit Verwandten oder mit FreundInnen. Fast die Hälfte (48,8%) der nicht allein lebenden Frauen hat angegeben, dass sie mit der Person zusammenleben, die Gewalt gegen sie ausübt.

Grafik 4 : Wohnsituation der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - Multiple Choice-Antworten, Prozentsätze

mit Kindern mit dem Partner in Wohngemeinschaft allein mit den Eltern mit anderen Verwandten mit FreundInnen mit den Schwiegereltern

Art der Gewalt In der übergroßen Mehrheit der Fälle (82%) erfolgt die Gewaltausübung im Rahmen der Familie. Gelegenheitsangriffe, Mobbing auf dem Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung sind hingegen seltener (Grafik 5). Grafik 5: Art der Gewalt, die die Dienstnutzerinnen der Netzwerkdienste erlitten haben Prozentsätze


erlittene Gewalt sexuelle Ausbeutung und/oder Ausbeutung als Arbeitskraft Mobbing (auf dem Arbeitsplatz) Gelegenheitsangriffe Häusliche Gewalt

Was die Großkategorie der häuslichen Gewalt anbelangt, so betrifft diese in erster Linie italienische Frauen, gefolgt von Frauen aus Osteuropa, während Frauen aus anderen Ländern weniger davon betroffen sind. Weitere Risikofaktoren, die die Bozner Frauen für häusliche Gewalt anfällig machen, sind folgende: feste Partnerschaft (Ehe), Alter zwischen 30 und 45 Jahren, hoher Studientitel, arbeitslos, Rentnerin. Italienische Frauen sind auch in Bezug auf Mobbing besonders anfällig (insbesondere, wenn es sich um Angestellte handelt), während afrikanische und osteuropäische Frauen stärker sexuell und beruflich ausgebeutet werden. Gelegenheitsangriffe scheinen hingegen nicht von der geografischen Herkunft der Opfer abzuhängen, sondern von ihrem Alter und dem Familienstand (unverheiratet).

Modalitäten der Gewaltausübung Wie aus Untersuchungen und Studien bereits bekannt, summieren und überschneiden sich laut Angaben der Dienstnutzerinnen verschiedene Gewaltmodalitäten, die eine Art Kontinuum bilden. Geht man von den Daten der ausgefüllten Fragebögen aus, so ist die meistverbreitete Form der Gewalt die psychologische Gewalt, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit weitem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking sind weniger signifikant, sexuelle Belästigung ist selten. Diese Rangordnung entspricht sowohl den Ergebnissen der Bozner Erhebung


als auch den Bezugsdaten (Tabelle 4) des nationalen Vereinsnetzes DiRe4 (DiRe, 2012), das die Zahlen, die die Tätigkeit der Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt im Jahr 2011 betreffen, gesammelt hat und somit eine passende Vergleichsbasis liefert. Wie gesagt überschneiden sich die Ergebnisse der beiden Erhebungen. Aus dem DiRe-Bericht geht zudem hervor, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben von Gewaltopfern ein Kontinuum bilden und ständig interagieren. Bei gleichzeitiger Ausübung verschiedener Gewaltmodalitäten steigt natürlich auch die Gefährlichkeit der Situation. Tabelle 4 : Von den Fachkräften gemeldete Art der Gewaltausübung – Multiple-Choice-Antworten, Prozentsätze

Art der Gewalt

körperliche Gewalt

% der Antworten

% der Fälle

absolute Werte (Anzahl der Antworten)

Daten Dire 2011 (% der Fälle)

27,0

67,6

114

47,0

8,5

21,4

36

14,2

psychologische Gewalt

37,1

80,7

157

54,4

ökonomische Gewalt

14,4

37,9

61

24,0

Stalking

9,9

16,6

42

9,3

Belästigung

3,1

7,6

13

-

Antworten insgesamt (Multiple Choice)

100

231,8

423

148,3

sexuelle Gewalt

Orte der Gewalt Das eigene Zuhause ist der Ort, der für Frauen am gefährlichsten ist. Dies gilt für alle Gewaltformen (weniger für sexuelle Belästigungen und Stalking). Die häusliche Gewalt hat zudem einen besonders hohen Intensitätgrad (man denke z.B. daran, dass die ökonomische Gewalt zu 84%, d.h. fast zur Gänze, zu Hause und in der Familie ausgeübt wird). Daheim entfalten sich aber auch alle anderen Gewaltformen mit besonderer Häufigkeit. Das Netzwerkpersonal hat angegeben, dass die meisten Fälle von körperlicher, psychologischer und sexueller Gewalt zu Hause stattfinden; auch Stalking und Verfolgung werden in einem Fall von drei im häuslichen Kontext ausgeübt. (Grafik 6). Öffentlichen Orte (Straßen, Parkplätze, Parks und Gastbetriebe) sind für Frauen auch nicht ungefährlich, insbesondere in Bezug auf Stalking und sexuelle, psychologische und ökonomische Gewalt. Auf dem Arbeitsplatz steht hingegen gerade das Stalking ganz oben auf der Liste, gefolgt von sexueller, ökonomischer und psychologischer Gewalt. In den Freizeiträumen der Schulen werden immer öfter Stalkingfälle verzeichnet.

1 D.i.Re.,Donne in Rete contro la violenza, Rilevazione dati 2011, 2012


Grafik 6 : Orte der Gewaltausübung aufgeteilt nach Art der Gewalt - Prozentsätze

Stalking Sexuelle Gewalt Psychologische Gewalt Körperliche Gewalt Ökonomische Gewalt Andere Orte

Schule + Freizeitstätten

Öffentliche Orte + Gastbetriebe

Arbeitsplatz

Zuhause


Grafik 7 : Zeitraum der Gewaltausübung, Daten aufgeschlüsselt nach Art der Gewalt

aktuell

Ökonomische Gewalt

in der Vergangenheit

Körperliche Gewalt

sowohl in der Vergangenheit als auch aktuell

Psychologische Gewalt

Stalking

Sexuelle Gewalt

Gewalterfahrungen stellen ein Kontinuum im Leben der meisten Frauen dar, sie sind ein Element, das Vergangenheit und Gegenwart kennzeichnet, eine konkrete Tatsache, mit der sie täglich zu tun haben. Die Gegenwart wird insbesondere bei Stalkingfällen als besonders bedrohlich empfunden, während bei sexueller, körperlicher, psychologischer und ökonomischer Gewalt die Vergangenheit eine besonders schwere Bürde darstellt (Grafik 7). Jede Art von Gewalt scheint zudem ihr eigenes Timing zu haben. Sexuelle Belästigungen sind im Normalfall einmalig, während beim Stalking und der Verfolgung die Standarddauer – wie auch bei der psychologischen Gewalt – zwei bis vier Jahre beträgt. Sexuelle Gewalt hält meist bis zu 10 Jahren an, ökonomische Gewalt sogar noch mehr. Die Mehrheit der Frauen (65%), die von den Dienststellen unterstützt wird, stellt keinen Bezug zwischen der erlittenen Gewalt und spezifischen Ereignissen oder Lebensaspekten her. Der Rest der Dienstnutzerinnen gibt an, dass die Gewalt in einer besonderen oder besonders heiklen Phase begonnen hat: In einem Drittel der Bozner Fälle war die Schwangerschaft oder die Geburt eines Kindes der auslösende Faktor für den Gewaltausbruch, der meist durch verfolgerisches Verhalten und Belästigungen gekennzeichnet ist. Dieses Schema entspricht den internationalen Erkenntnissen5. Aus der Literatur geht hervor, dass die Geburt eines Kindes bei manchen Partnern 5 Brewer J. E., Paulsen D.J. (1999), “A comparison of US and Canadian findings on uxoricide risk for women with children sired by previous partners”, Homicide Studies, 3, 317-332.
Campbell J.C. (2001), “Abuse during pregnancy: A quintessential threat to maternal and child health – so when do we start to act?”, Canadian Medical Association Journal, 164, 1578 - 1579


negative Gefühle wie Eifersucht und Wut erweckt oder den Eindruck erzeugt, einem Zwang ausgesetzt zu sein (insbesondere bei ungeplanten Schwangerschaften). Diese Emotionen sind oft sehr stark und können zu Gewalttaten gegen Mutter und Kind führen. In Italien erleiden nach ISTAT-Daten mehr als 11% der schwangeren Frauen Gewalt durch den Partner. Ganz generell beginnt bei Gewaltopfern der Leidensweg in 13,6% der Fälle gerade während der Schwangerschaft; in 52,5% der Fälle gab es bereits zuvor Gewalt und sie bleibt mit gleicher Intensität auch während der Schwangerschaft bestehen; in 17,2% der Fälle nimmt die Gewalt während der Schwangerschaft zu und nur in 15,9% der Fälle nimmt sie ab. Die Bozner Daten bestätigen diesen Trend und unterstreichen die Gefahren für Mutter und Kind, die daraus entstehen können. Häusliche Gewalt während der Schwangerschaft kann zu ungewollten Schwangerschaftsunterbrechungen, vorzeitigen Geburten und Untergewicht bei der Geburt führen. Die Opfer von häuslicher Gewalt neigen außerdem dazu, gefährliche Gewohnheiten anzunehmen (Rauchen, Alkohol- und Drogenmissbrauch). Körperliche Misshandlungen sind oft auch mit Problemen im Bereich des Fortpflanzungssystems, mit Harnwegentzündungen, Depression und anderen mentalen Krankheiten assoziiert. Gewalt während der Schwangerschaft ist schließlich auch gepaart mit hohen Raten an unerwünschten Schwangerschaften, Schwangerschaften im Jugendalter und Abtreibungen. Grafik 8: Hat die Gewaltausübung zu einem besonderen Zeitpunkt im Leben der Frau stattgefunden bzw. begonnen?

Menschenhandel zwecks Ausbeutung Beginn der Arbeitstätigkeite/ Ende Trennung Eheschließung Schwangerschaft/Geburt der Kinder Schwierigkeiten mit dem Partner

Zu den Ereignissen, die zu einem auslösenden Faktor für die Gewaltausübung in einer Beziehung werden können, gehören auch die Eheschließung, die Zusammenführung von Familien (bei Migrantinnen), Trennung und Scheidung sowie Schwierigkeiten mit dem Partner. Es handelt sich Campbell J.C., Webster D., Koziol McLain J., Block C., Campbell D., Curry M. A., Gary F., Glass N., McFarlane J., Sachs C., Sharps P., Ulrich Y., Wilt S.A., Manganello J., Xu X., Schollenberger J., Frye V., Laughton K., (2003), “Risk factors for femicide in abusive relationships: Results from a multisite case control study”, American Journal of Public Health, 93, 1089-97.


um Anlässe, die sich im Beziehungsleben abspielen und starke Gefühle hervorrufen. Die Schwierigkeit, die eigenen Gefühle unter Kontrolle zu halten, spielt eine ausschlaggebende Rolle beim Entstehen von Gewalt innerhalb einer intimen Beziehung, auch wenn die Kontexte sehr unterschiedlich sind. Bei Trennungen ist Stalking die häufigste Gewaltform, während bei Ehen ökonomische und körperliche Gewalt vorwiegen. Ein Fünftel der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, gibt an, dass die Gewalt mit der sozialen und beruflichen Sphäre verbunden ist (Arbeitstätigkeit, Arbeitswechsel, Migration) und sich vornehmlich in Form von ökonomischer Gewalt und Verfolgung ausdrückt. Ein geringerer aber dennoch bedeutsamer Anteil der Frauen ist Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung. Die für diese Verbrechen typische Gewaltform ist die Vergewaltigung (Grafik 8). In Bozen wurden außerdem auch ein Fall von Genitalverstümmelung und ein Fall von Zwangsheirat verzeichnet.

Wer übt Gewalt gegen Frauen aus? Täter sind insbesondere Ehemänner, Verlobte und Partner (53%) sowie ehemalige Partner (13.6%). Erstere üben vorwiegend ökonomische, psychologische und körperliche Gewalt aus, während ehemalige Partner eine “Vorliebe” für Stalking, Verfolgungsakte und körperliche Misshandlungen haben. Die Daten, die die von ehemaligen Partnern ausgeübte Gewalt betreffen, zeigen, dass die Trennungsphase ein besonders komplexer Übergang ist, bei dem eine eingehende und kompetente Überprüfung einer eventuellen Rückfallgefahr von wesentlicher Bedeutung ist. In 16% der Fälle sind die Täter Familienmitglieder (Eltern und Verwandte), in 11% der Fälle handelt es sich um Freunde und Bekannte. Die Fälle, in denen der Täter eine unbekannte Person ist, sind selten und finden meist im Zusammenhang mit Menschenhandel und mit Zuhälterei statt. Die Daten des Dire-Netzes6 (DiRe, 2011) ermöglichen einen Vergleich zwischen der Bozner Realität und jener auf Nationalebene: Der Fokus liegt in beiden Fällen bei den Intimbeziehungen, da der Partner sowohl in Bozen als in ganz Italien als Hauptverantwortlicher der Gewalttaten hervorgeht. Der von DiRe erhobene Prozentsatz ist jedoch mit 64% bedeutsam höher als jener von Bozen. Dasselbe gilt, in geringerem Ausmaß, für die Daten in Bezug auf die ehemaligen Partner (20% auf Nationalebene). In Bozen ist hingegen die Gewalt gegen Frauen, die von Familienmitgliedern (Eltern und Verwandte) herrührt, häufiger als im Rest Italien (16,2% gegen 8%). Eine ähnliche Abweichung gibt es auch im Falle der von Freunden und Bekannten ausgeübten Gewalt (11% gegen 6%) sowie jener, die von unbekannten Personen ausgeübt wird (3,9% gegen 2%). Grafik 9 : Beziehung zum Gewalttäter - Prozentsätze 6

In diesem Fall beziehen wir uns auf die DIRE-Erhebung 2010, in der die Daten besser aufgeschlüsselt und deswegen

auch besser vergleichbar sind (DiRe, “DATI STATISTICI ANNO 2010: 3° RILEVAZIONE NAZIONALE”).


Zuhälter/Zuhälterin Unbekannte/r Elternteil/Verwandte/r Ehem. Ehemann (ehem. Freund/ehem. Partner) Freund/Bekannter/Arbeitskollege

Profil der gewaltausübenden Personen Zirka die Hälfte der Täter ist zwischen 30 und 45 Jahre alt (51%) und somit ungefähr gleich alt wie die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt sind. Mehr als ein Drittel ist über 46 Jahre alt und nur eine Minderheit ist jünger als dreißig: Dieses Verhältnis ist bei Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wurde, umgekehrt (es wiegen jüngere Frauen vor). Die Täter sind vornehmlich - und in stärkerem Ausmaß als ihre Opfer - italienischer Nationalität (66%), während die Täter aus Osteuropa oder Afrika einen geringeren Prozentsatz als die Gewaltopfer aus diesen Weltteilen ausmachen. Diese Daten belegen, dass italienische Männer häufiger sowohl gegen Italienerinnen als auch gegen Ausländerinnen und jüngere Frauen gewalttätig sind. Die Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wird, haben einen signifikant höheren Ausbildungsgrad als die gewaltausübenden Männer: Der Anteil an Frauen mit akademischem Abschluss ist fast doppelt so große wie jener der Männer; auch der Besitz eines Reifediploms ist bei Frauen häufiger, während Berufsschuldiplome und Mittelschuldiplome bei den Tätern stärker vertreten sind als bei den Opfern. Dieser Umstand müsste näher untersucht werden, um zu verstehen, ob diese kulturelle Differenz einen Zusammenhang mit der ausgeübten Gewalt hat, auch wenn auf Nationalebene keine Verknüpfung dieser Art festgestellt wurde (Istat, 2007). Unter dem Gesichtspunkt der Beziehungen zwischen Gewalttäter (Männer) und Gewaltopfer (Frauen) zeigen die erhobenen Daten, dass für verheiratete Frauen das größte Risiko von ihren Ehemännern ausgeht, während es bei unverheirateten Frauen der ehemalige Partner, ein Freund, ein Bekannter oder ein Kollege sind. Junge, unverheiratete Frauen sind oft Opfer von Eltern und Verwandten. Frauen, die mit ihren Partnern (Ehemann oder Lebenspartner) und/oder ihren Kindern zusammenleben, sind bzw. waren vornehmlich Opfer ihres Partners. Dies gilt auch für die Mehrheit


der Frauen, die derzeit in Frauenhäusern oder in Gemeinschaften leben. Alleinlebende Frauen sind meist Opfer ehemaliger Partner oder von Freunden und Bekannten. In Wohngemeinschaften leben auch auch Frauen, die Opfer von Verwandten oder von Menschhandel waren. In den meisten Fällen handelt es sich bei den Tätern um “normale” Männer, die keine spezifischen Probleme haben, welche ein gewalttätiges Verhalten “hervorrufen” oder verstärken können (wie z.B. Alkohol- oder Drogenmissbrauch, wirtschaftliche oder psychiatrische Probleme usw.). Im Rest der Fälle sind Probleme verschiedener Art vorhanden, es wiegen jedoch Alkoholabhängigkeit und soziale Probleme vor (16% bis 17%), während Drogenmissbrauch und psychiatrische Probleme seltener sind (Tabelle 5). Zum Vergleich sei auf die Istat-Daten 2006 hingewiesen, die bezüglich der gewaltausübenden Männer, die unter der Wirkung von Alkohol oder Drogen stehen, einen etwas geringeren Prozentsatz angeben (13,3%).

Grafik 10: Soziodemografische Merkmale der Gewalttäter und der Gewaltopfer - Prozentsätze

Gewaltopfer


Gewalttäter Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufsschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Tabelle 5: Eventuelle Probleme der gewalttätigen Person (Multiple Choice), Prozentsätze Person ohne offensichtliche Abhängigkeitsprobleme und/oder soziale bzw. psychische Probleme Alkoholiker/Alkoholikerin Drogensüchtige/r Person mit psychiatrischer Störung

46,5% 17,4% 4,9% 1,4%

Person mit sozialen Problemen

16,7%

Keine Erkenntnisse

13,2%

Anwesenheit von Kindern In 60% der Fälle leben mit den Gewaltopfern auch Kinder zusammen; es handelt sich dabei fast immer um Töchter und Söhne der Opfer, nur selten besteht eine andere Art von Verwandtschaft. In der Mehrheit der Fälle erleben die Kinder die Gewalt direkt oder indirekt mit. Fast die Hälfte (44%) erlebt Gewalttaten direkt mit, ein Viertel ist während der Vorfälle nicht direkt anwesend, weiß aber, dass Gewalt ausgeübt wird (24%). Beträchtlich ist auch der Anteil an Kindern, die direkte Gewalt erleiden, während der Prozentsatz an Kindern, die weder direkt noch indirekt der Gewalt beiwohnen oder Opfer davon sind, sehr geringfügig ist. Die Art der miterlebten oder erlittenen Gewalt stimmt fast immer mit der der Mutter zusammen. Aus den erhobenen Daten geht eine starke direkte Einbindung der Minderjährigen in die Gewalt und eine sowohl körperliche als auch psychologische Gefährdung hervor. Das Verhaltensmuster der Täter ist typischerweise stets dasselbe. Laut der zitierten ISTAT-Studie gaben 62,4% der Frauen, die Opfer von Männergewalt sind, an, dass ihre Kinder einem oder mehreren Gewaltszenen beigewohnt haben (davon 19,6% nur in seltenen Fällen, 20,2% manchmal und 22,6% oft). Tabelle 6: von Minderjährigen erlittene Gewalt (Multiple Choice), Prozentsätze


Körperliche Gewalt in direkter Form

11,4%

Psychologische Gewalt in direkter Form

15,2%

Ökonomische Gewalt in direkter Form

3,0%

Miterlebte Gewalt in direkter Form

43,9%

Miterlebte Gewalt in indirekter Form

23,5%

Nein

3,0%

Die Dienststellen und das Netzwerk Der Fragebogen sah eine offene Frage in Bezug auf die Kenntnis der Dienste vor, die vom Netzwerk angeboten werden. Die Art und Weise, wie Dienstnutzerinnen von den Diensten erfahren, ist eine extrem wichtige Information: Sie gibt Aufschluss darüber, inwieweit das Wissen über die bestehenden Dienste gegen Gewalt an Frauen unter hilfsbedürftigen Opfern verbreitet ist. In 50% der Fälle haben die Frauen von den Netzwerkdiensten durch das Netzwerk selbst erfahren. Dies ist ein gutes Ergebnis, das auf eine gelungene synergetische Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Knoten des Netzwerks hinweist. In der ersten Phase der Kontaktaufnahme bleibt jedoch die Rolle der FreundInnen und der Familie ausschlaggebend: Freundinnen und Bekannte sind oft die ersten AnsprechpartnerInnen der hilfesuchenden Gewaltopfer und raten ihnen, sich an Dienststellen des Netzwerks zu wenden. Was das Netzwerk selbst betrifft, sind die Sozialdienste – durch die SozialassistentInnen – die Knotenpunkte, die die Fälle zuerst filtrieren und den betroffenen Frauen weiterhelfen, gefolgt von den Sicherheitskräften und den Fachdiensten (Beratungsstellen, Frauenhäuser, Kontaktstellen gegen Gewalt). Weniger aktiv sind diesbezüglich die Fachleute der Gesundheitsdienste (FamilienärztInnen, PsychologInnen, Krankenhäuser). Bedeutsam ist hingegen der Zugriff auf die grünen Telefonnummern und auf Internet, die ein relativ neues Instrument sind, aber dennoch ziemlich bekannt und zuverlässig zu sein scheinen.


Grafik 11 :Wie hat die Frau von der Dienststelle erfahren? (Prozentsätze)

durch eine Freundin, eine Bekannte Sozialdienste, Sozialassistentin Polizei, Ordnungskräfte, Polizeidirektion (Quästur) Familienhaus, Familienberatungsstelle, Gea, Dienststellen Grüne Nummer, Zufall, Internet Verwandte Familienarzt/Familienärztin, Psychologe/Psychologin, Krankenhaus Rechtsanwalt/Rechtsanwältin bereits bekannt keine Angabe

Die erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, weshalb sich Frauen an die verschiedenen Dienste wenden (77%). Es ist extrem wichtig, dass bei den Gesprächen mit dem Personal der Dienste auch die versteckte und verneinte Gewalt belichtet und anerkannt werden. Dies kann entweder durch direkte Fragen erwirkt werden oder als Nebeninformation oder indirekte Auskunft in die Erzählung der betroffenen Frau einfließen. Es handelt sich um ein wichtiges Ergebnis, das von der fachlichen Vorbereitung des Personals der Anlaufstellen zeugt, die so zeigen, dass sie imstande sind, die erlebte Gewalt auch in solchen Fällen zu erkennen und sie aufzudecken. Grafik 12: Wenn das Thema Gewalt von der Frau nicht als Hauptgrund genannt wurde, wer hat dieses Thema zur Sprache gebracht? (Prozentsätze)


Die Frau selbst, als sekundäres Problem Die Frau selbst, jedoch indirekt im Rahmen anderweitiger Erzählungen Die Fachperson durch direktes Fragen

Eine grundsätzliche Bestätigung der Rangordnung der Anlaufstellen für die hilfesuchenden Frauen geht auch aus den Antworten auf die Frage hervor, ob sich die betroffene Frau mit der Bitte um Hilfe auch “an andere” gewandt hat. In diesem Fall waren – anders als bei der vorhergehenden Frage - mehrere Antworten möglich: Die Antworten zeigen, dass die Sicherheitskräfte, die Sozialdienste und die Kontaktstellen gegen Gewalt sowie die FreundInnen der erste Anlaufpunkt sind und den ersten Schritt auf dem Weg aus den Gewalt heraus darstellen (Grafik 13). Es folgen die Familie und andere Dienststellen. Bei 24% der Antworten steht, dass sich die betroffene Frau zuvor an niemand anderen gewandt hat und somit direkt den Dienst als erste Anlaufstelle gewählt hat. Grafik 13: Hat sich die Frau bereits an andere Personen/Anlaufstellen gewandt? (Multiple Choice), Prozentsätze


Ordnungskräfte Nein Freunde/Freundinnen Sozialdienste Frauenhaus/geschützte Wohnungen Verwandte Rechtsanwalt/Rechtsanwältin Eltern Familienberatungsstelle Krankenhaus Psychologischer Dienst Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin) NachbarInnen

Wie gut das Netzwerk funktioniert kann zum Teil anhand der Antworten auf die Frage bezüglich der Interaktion mit anderen Diensten bewertet werden, d.h. ob die Fachperson, die den Fragebogen beantwortet, die betreffende Dienstnutzerin an andere Dienststellen “weitergeleitet” hat. Leider hat fast die Hälfte davon (44%) auf diese Frage nicht geantwortet, was zu einer geringen Gesamtsignifikanz der entsprechenden Daten führt. Die Mehrheit (72%) von jenen, die die Frage beantwortet haben, hat keine Frau an andere Dienste weitergeleitet. Vorwiegendes Ziel der weitergeleiteten Frauen waren die Kontaktstelle gegen Gewalt, die geschützten Wohnungen und das Frauenhaus. Die Situation der von den Netzwerkdiensten Ende 2012 betreuten Frauen ist in der Abbildung 14 beschrieben: Sieht man von den Frauen (13%, d.h. 17 Frauen) ab, die von keiner Dienststelle betreut werden, so wird die absolute Mehrheit der Gewaltopfer von Kontaktstellen und Frauenhäusern unterstützt oder lebt in geschützten Wohnungen, während der Rest von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen betreut wird.

Grafik 14: Wer betraut die Frau mit Blick auf die Gewaltsituation?(Multiple Choice), Prozentsätze


Frauenhaus/geschützte Wohnungen Niemand Sozialdienste Familienberatungsstelle PsychiaterIn/NeuropsychiaterIn Psychologischer Dienst Sozialpädagogische Einrichtung Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin)

Anzeigen bei Gericht Zirka ein Drittel der vom Bozner Netzwerk betreuten Frauen hat eine strafrechtliche Anzeige erstattet oder (im Falle von Minderjährigen) das Jugendgericht benachrichtigt. Es handelt sich um einen sehr hohen Prozentsatz, insbesondere im Vergleich zum italienischen Durchschnittswert, der aus den ISTAT-Erhebungen 2006 hervorgeht (7,3% der Frauen, die Opfer vom Männergewalt sind, erstatteten Anzeige wegen vom Partner ausgeübter körperlicher oder sexueller Gewalt). Die Netzwerkdaten sind besonders erfreulich, weil sie sich nicht nur von den italienweiten Zahlen, sondern auch vom Südtiroler Durchschnitt (13,7%) derselben ISTAT-Studie positiv abheben (es ei darauf hingewiesen, dass Südtirol bereits damals die „beste“ unter den italienischen Regionen war). Da die Mehrzahl der gerichtlichen Verfahren noch läuft, ist es frühzeitig, Schlüsse über das Ergebnis der Anzeigen zu ziehen. Tabelle 7: Gerichtliche Schritte der Frauen, die von den Netzwerkdiensten betreut werden absolute Daten und Prozentsätze Ja

Nein

Sum me

Absolute Daten Strafanzeige/Strafantrag/Klage (Gerichtsbehörde) Anzeige (Staatsanwaltschaft bei Jugendgericht)

%

41

96

137

43

99

142

29, 9 30, 3

70, 1 69, 7


Tabelle 8 : Ergebnis der Gerichtsverfahren – Prozentsätze 1 – Rücknahme der Anzeige

18,6

2 – hängiges Verfahren

65,1

3 – Verurteilung der gewalttätigen Person / Strafzumessung auf Antrag der Parteien

7,0

4 – Freispruch

9,3

Summe

100,0

Schlussbemerkungen Aus dem vorliegenden Bericht können nur provisorische Schlussfolgerungen gezogen werden, da die verarbeiteten Daten bislang ein einziges Arbeitsjahr (das Startjahr!) umfassen. Trotzdem können wir uns davon ausgehend ein Bild vom Netzwerk, von den Dienstnutzerinnen, von den Bedürfnissen der Frauen und von der Art der jeweils erlittenen Gewalt machen. Die Anzahl der Fälle ist jedoch noch zu gering, um die Beziehungen zwischen Opfer und Täter, die Dynamik der verschiedenen Gewaltformen und die Reaktion der Dienststellen im Detail zu analysieren und daraus Indikatoren in Bezug auf die Wirksamkeit des Netzwerks oder das Auftreten der verschiedenen Gewaltformen auf dem Territorium oder auch nur in Bezug auf eventuelle Probleme der Netzwerkdienste zu erarbeiten. Um die mühsame und verdienstvolle Arbeit zu ehren, die das Personal bei der Datenerhebung geleistet hat, werden wir nachfolgend eine Übersicht der wichtigsten Elemente liefern, die aus der Datenanalyse hervorgehen. Wir fangen dabei von der Beschreibung der Frauen an, die sich an die Netzwerkstellen gewandt haben. Es handelt sich mehrheitlich um Frauen italienischer Nationalität zwischen 30 und 45 Jahren. Zirka ein Drittel ist jünger als 30, ein Fünftel über 46. Die Mehrheit der Frauen leben im Paar (verheiratet oder Wohngemeinschaft) und haben eine Arbeit oder eine Rente und verfügen somit über eine eigene Einnahmequelle (59,7%). Die meisten besitzen ein höheres Ausbildungsniveau als der Durchschnitt der in der Gemeinde und in der Provinz ansässigen Frauen. Es gibt aber auch einen Anteil der Opfer, die arbeitslos sind und sich in einer präkären ökonomischen Lage befinden. Zirka 55% der betreuten Frauen gibt an, Schwierigkeiten zu haben, den Unterhalt für sich selbst und die (eventuellen) Kinder zu zahlen. Dieser Umstand versetzt sie in eine Situation objektiver “Schwäche”, die vermehrt Männergewalt zur Folge haben kann. Es sei dabei darauf hingewiesen, dass ein (wenn auch kleiner) Anteil der Frauen eine der beiden Landessprachen nicht oder nur unzulänglich kennt und sich nicht frei bewegen kann/darf. Es handelt sich oft um ausländische Frauen (45,4%), die zum Großteil aus Osteuropa oder Afrika stammen. Hilfesuchende Frauen leben meist mit ihren Kindern und dem Partner zusammen. Es ist erschreckend zu wissen, dass die Hälfte von ihnen mit dem Mann zusammenlebt, der Gewalt gegen


sie ausübt. Ein signifikanter Teil der Frauen, die von den Netzwerkdiensten aufgenommen wird, lebt demgemäß in geschützten Einrichtungen und in Frauenhäusern. Wie überall wird auch in Bozen die Gewalt in der übergroßen Mehrzahl der Fälle (82%) innerhalb der Familie ausgeübt (häusliche Gewalt), während Gelegenheitsangriffe, Mobbing am Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung eher selten sind. Was die Art der erlittenen Gewalt anbelangt, so überschneiden sich meist verschiedene Modalitäten. Erstellt man eine Rangordnung anhand ihres relativen Gewichts, so steht psychologische Gewalt an erster Stelle, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit größerem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking haben eine geringere Inzidenz, sexuelle Belästigungen sind selten. Diese Daten bestätigen die Ergebnisse anderer Erhebungen und belegen den Umstand, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, ein Kontinuum darstellen, sich überschneiden und ständig interagieren. Das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Gewaltformen zeichnet stets besonders gefährliche Situationen aus. Das eigene Zuhause ist für Frauen der gefährlichste Ort, und dies gilt für alle Formen der Gewalt (mit der Ausnahme von Belästigungen und Stalking). Daheim ist auch die Intensität der Gewalt stärker als anderswo, angefangen von der ökonomischen Gewalt, die fast ausschließlich innerhalb der eigenen vier Wände und der eigenen Familie ausgeübt wird. Körperliche, psychologische und sexuelle Gewalt finden auch fast immer in der gemeinsamen Wohnung statt. Sogar Stalking und Verfolgung finden ein Drittel der Male zu Hause statt. Auch die öffentlichen Räume (Straßen, Parkplätze, Parks und Gaststätten) sind für Frauen gefährlich: Es finden dort Stalking sowie sexuelle und psychologische Gewalt statt. Die am Arbeitsplatz meistverbreitete Form der Gewalt ist das Stalking, gefolgt von der sexuellen, der ökonomischen und der psychologischen Gewalt. Schulen und Freizeiträume sind besonders oft Schauplatz von Stalking. Die Gewalt wird von den meisten Frauen als eine Art Kontinuum erlebt, als ein Element, das sich ohne Unterbechung von der Vergangenheit bis zur Gegenwart erstreckt und den konkreten, tagtäglichen Lebensablauf charakterisiert. Aus der Erhebung geht hervor, dass oft wichtige Ereignisse und Lebensetappen innerhalb des Paars oder der Familie - wie zum Beispiel Schwangerschaft, Ehe und Trennung - zum Ausbruch der Gewalt beitragen. Dies bestätigt zum wiederholten Male, dass die häusliche Sphäre und die Familie die Hauptbühne für Gewalttaten darstellen. Im Falle von ausländischen Frauen stellen zusätzlich dazu die Einwanderung selbst (mit der manchmal die sexuelle Ausbeutung beginnt) sowie die Zusammenführung mit anderen Familienmitgliedern besonders heikle Momente dar. Bei den Tätern handelt es sich zum Großteil (66%) um italienische Staatsbürger und es sind vergleichmäßig mehr als die italienischen Gewaltopfer, während bei Tätern aus Osteuropa und Afrika der Prozentsatz geringer ist als jener der Opfer mit gleicher Herkunft. Dieser Umstand weist darauf hin, dass die stereotypische Annahme, bei den Tätern handle es sich vorwiegend um Ausländer, irreführend ist. Männer italienischer Abstammung üben häufiger als Ausländer Gewalt sowohl gegen italienische als auch gegen ausländische und junge Frauen aus.


Das bisher skizzierte Bild zeigt eindeutig, dass die Spuren der Gewalt gegen Frauen immer zur Familie führen: Hauptübeltäter sind die gegenwärtigen oder ehemaligen Ehemänner, Verlobten und Partner. Erstere greifen öfter zur ökonomischen, psychologischen und körperlichen Gewalt, während ehemalige Partner dazu neigen, Frauen durch Stalking, Verfolgung und körperliche Misshandlung zu verletzen. Wie bereits gesagt, ist die Trennungsphase der Moment im Leben einer Frau, der unter dem Sicherheitsprofil zu den schwierigsten und gefährlichsten zählt. Nicht nur Partner und ex-Partner, sondern auch Eltern, Verwandte und Freunde üben Gewalt gegen Frauen aus, während nur sehr selten unbekannte Männer zu Tätern werden (meist in Fällen von sexueller Ausbeutung und Menschenhandel sowie Zuhälterei). Erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, der Frauen dazu bewegt, sich an die Dienststellen zu wenden. Es ist jedoch wichtig, dass auch versteckte oder getarnte Gewaltfälle zur Sprache kommen. Dies kann erfolgen, wenn das Fachpersonal die Lage erkennt und direkte Fragen an die betreffende Frau stellt, oder wenn die betreffende Frau das Thema indirekt oder als “Nebensache” aufwirft. Die Aufdeckung der versteckten Gewaltfälle ist besonders wichtig und es ist von wesentlicher Bedeutung, über spezialisiertes Kontaktpersonal zu verfügen, das imstande ist, implizite Gewalt im Erlebten zu erkennen und zur Sprache zu bringen. Im Einklang mit dem bisherigen Bild ist die Tatsache, dass die absolute Mehrheit der Frauen, die Kontakt zu den Netzwerkdienststellen aufgenommen haben, von den Kontaktstellen gegen Gewalt und den Frauenhäusern betreut werden bzw. in geschützten Wohnungen leben, während ein kleinerer Anteil von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen unterstützt werden. Das Wissen um die Unterstützungsmöglichkeiten, die das Netzwerk gegen die Gewalt an Frauen anbietet, stellt ein strategisches Element im Rahmen der politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Gewalt und zur Unterstützung der hilfesuchenden Frauen dar. Die Ergebnisse der Beobachtungsstelle zeigen, dass die Netzwerksynergie diesbezüglich sehr groß ist: 50% der Frauen haben die Netzwerkdienste durch das Netzwerk selbst kennengelernt. In der ersten Kontaktphase spielen zudem FreundInnen und Familienmitglieder eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, sich an die vorhandenen Dienststellen zu wenden. Freundinnen und Bekannte sind und bleiben in den meisten Fällen die ersten Ansprechpartnerinnen hilfesuchender Frauen. Was die Netzwerkdienste anbelangt, so stellen meist die Sozialdienste den ersten Anlaufpunkt dar, der den Frauen Informationen liefert und sie an andere Stellen weiterleitet. Gleich nach den Sozialdiensten befinden sich in dieser Rangordnung die Sicherheitskräfte und die Fachdienste (Beratungsstellen, geschützte Wohnungen, Kontaktstellen gegen Gewalt). Zusätzlich zur Soforthilfe durch die geschützten Wohnstrukturen für gefährdete Frauen und Kinder liefern die Netzwerkdienste den Frauen Unterstützung auf ihrem Weg aus der Gewalt, das eines der wesentlichen Ziele der entsprechenden Maßnahmen darstellt. Zu den möglichen Maßnahmen, die diesen Weg erleichtern, gehört auch der Zugriff auf gesetzlich vorgesehene Instrumente wie Anträge auf Wegweiseanordnungen oder Annäherungsverbote, straf- und zivilrechtliche Klagen oder Meldungen beim Jugendgericht. Bereits in der ISTAT-Erhebung aus dem Jahr 2006 stach die Stadt Bozen im Vergleich zu den anderen italienischen Städten wegen der hohen Anzahl an Anzeigen hervor. Die vorliegende Datenerhebung bestätigt diesen Trend: 30% der von den Netzwerkdiensten betreuten Frauen hat den Täter bei den Behörden angezeigt, ein gleich hoher Prozentsatz hat beim Jugendamt Fälle von Gewalt gegen Minderjährigen gemeldet. Es handelt sich


um ein hervorragendes Ergebnis, das nach Ende der noch laufenden Verfahren auch hinsichtlich der gerichtlichen Ergebnisse 端berpr端ft werden muss.


Das Bozner Netzwerk der Dienste für Frauen in Gewaltsituationen – Erstes Tätigkeitsjahr1 von Maura Misiti, statistische Datenbearbeitung von Marcella Prosperi* Einführung Die Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das weltweit eine zunehmende Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Vereine, Bewegungen, internationale Behörden und nicht zuletzt die internationale Öffentlichkeit sind sich immer stärker bewusst, dass es sich um eine globales Problem handelt und üben dementsprechend Druck aus. Auch die Medien tragen dazu bei, die dramatische Eskalation von Gewalttaten gegen Frauen sichtbar zu machen und zu dokumentieren. Im neuesten Sonderbericht von Rachida Manjoo (UNO-Berichterstatterin) über die genderbasierten Tötungen, der im Juni 2012 veröffentlicht wurde (CHR, 2012), wird der Frauenmord als Extremausdruck der vielen, verschiedenen Formen von Gewalt, die gegen Frauen ausgeübt wird, definiert, als letzte, tödliche Folge eines tragischen Kontinuums. Im Bericht wird unterstrichen, dass dieses Phänomen alarmierende Ausmaße erreicht hat und die Gewalt gegen Frauen immer noch akzeptiert, toleriert und gerechtfertigt wird, weil sie kulturell und sozial stark verwurzelt ist. Der Bericht endet mit einer Reihe von Empfehlungen an die UNO-Mitgliedsstaaten, damit sie ihrer Pflicht, das Phänomen zu bekämpfen, sorgfältig nachkommen. Im Vorjahr (2011) hatte die Berichterstatterin bereits einen Spezialbericht über die Gewalt gegen Mädchen und Frauen erstellt, worin sie den komplexen Rahmenkontext beschreibt, in dem sich verschiedene Formen von Diskriminierung überschneiden, gegenseitig verstärken und so zu einer stetigen Zuspitzung des Phänomens der Gewalt gegen Frauen führen. Der Bericht endete mit der Empfehlung, einen ganzheitlichen Ansatz gegen die genderbasierte Gewalt anzuwenden, um gleichzeitig sowohl die strukturellen Elemente als auch die jeweiligen Diskriminierungsfaktoren zu berücksichtigen. Wenn das Thema der Gewalt gegen Frauen als übergreifendes Phänomen dargestellt wird, das die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte sowie sämtliche Zivilrechte betrifft, fällt es den Policy Makers leichter, die Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Diskriminierungsformen und die Vielfalt der tatsächlichen Gewaltformen zu begreifen. Dieser mehrdimensionale Ansatz erfordert den Einsatz von Personal- und Materialressourcen für die Bewertung und Überprüfung der Auswirkung der im Bereich Gewalt und Diskriminierung getroffenen Maßnahmen, verabschiedeten Gesetze und geleisteten Dienste, einschließlich der Unterstützung der Opfer und des Schadenersatzes. Zu den Aktionen, die die Berichterstatterin vorschlägt, gehören auch öffentliche Maßnahmen im Bereich der Erziehung, um stereotypische Wertvorstellungen und Vorurteile abzubauen, von denen sich die Gewalt gegen Frauen ernährt. In lokaler Hinsicht ist es hier wichtig, auf die Mission zu verweisen, die die Berichterstatterin 2011 in Italien durchführte. In ihrem Bericht über die italienische Situation unterstrich sie, dass die häusliche Gewalt das am meisten verbreitete Gewaltphänomen ist. Weniger als ein Fünftel der * IRPPS-CNR


Opfer erachtet die erlittene Gewalt als Straftat, ein Drittel betrachtet sie als „normal“, nur ein Viertel hält eine Vergewaltigung oder eine versuchte Vergewaltigung für strafbar. Die Verdeckung dieses Phänomens hat sowohl mit seiner geringen Sichtbarkeit als auch mit der Tatsache zu tun, dass die Frauen eher selten Anzeige erstatten, da sie meist wirtschaftlich von den Tätern abhängen und zudem der Ansicht sind, dass der Staat nur wenig oder gar nichts unternehmen wird. Die ununterbrochene häusliche Gewalt spiegelt sich in der steigenden Anzahl von Frauen wider, die vom (oft ehemaligen) Partner, Ehemann oder Lebensgefährten ermordet werden2. Um das Thema der Gewalt in Italien wirklich zu verstehen, müssten viele Fragen ausgehend von den großen Schwierigkeiten aufgeworfen werden, gegen die die Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt täglich kämpfen müssen. Da sie nur mangelnd finanziert werden, können sie den Frauen, die Opfer von Gewaltsituationen sind, immer seltener angemessenen Beistand anbieten. Dies hat negative Auswirkungen auf die Anerkennung der Gewaltsituationen selbst, auf die Unterstützung der Frauen und ihrer Kinder, auf die Eingliederung der wirtschaftlich Schwächeren in die Arbeitswelt. Zu den wichtigsten Bemerkungen der Berichterstatterin gehört mit Sicherheit die Vorhaltung, dass die Institutionen, die Regierung und die Zivilgesellschaft im Falle der Gewalt gegen Frauen noch viel zu wenig auf getrennte statistische Daten zurückgreifen. Die „jüngste“ offizielle Datenerhebung (ISTAT-Bericht “Gewalt gegen Frauen in und außerhalb der Familie”) stammt aus dem Jahr 2006 (!). Geschlechtsspezifische, aktualisierte Daten und Statistiken sind von äußerster Wichtigkeit, um angemessene Gesetze, Maßnahmen und Programme zu entwerfen und umzusetzen und sie auf ihre Wirksamkeit hin zu evaluieren. Der Datenaustausch zwischen allen beteiligten Stellen – d.h. auch den zuständigen Ministerien, den Sicherheitskräften, den Gerichtsbehördern und den Fachorganisationen – stellt dazu eine notwendige Voraussetzung dar. Auch die CM-Rec 2002(5) empfohl u.a. die Durchführung spezifischer Untersuchungen und die Einholung von speziellen Daten zur Bemessung des Phänomens sowie zur Kontrolle der Wirksamkeit der angewandten Maßnahmen. All dies wurde, wie gesagt, von der Berichterstatterin bestätigt und steht im erst kürzlich unterzeichneten Abkommen von Istanbul Schwarz auf Weiß geschrieben. Das Abkommen muss durch entsprechende Anpassungsmaßnahmen ratifiziert werden. Zum ersten Mal ist im Dokument zudem ausdrücklich von Zwangsheirat die Rede und es werden detaillierte Vorgaben in Bezug auf die vorgesehenen Untersuchungen und Datenerhebungen aufgelistet. Die Erfahrung der Bozner Beobachtungsstelle Vor diesem Hintergrund ist vor einem Jahr das Bozner Netzwerk der Dienste entstanden, die den Gewaltopfern Unterstützung anbieten. Nachfolgend werden die Ergebnisse der bisherigen Arbeit dieses Netzwerks vorgestellt, das Fachstellen wie das Zentrum gegen Gewalt, öffentliche Sicherheitsbehörden und Vereine, die auf spezifische Bedürfnisse eingehen, untereinander verbindet. Im Gründungsjahr 2012 befassten sich die Netzwerkdienste mit insgesamt 145 Gewaltfällen und verhalfen den betroffenen Personen, sich teilweise oder gänzlich von der jeweiligen Gewaltsituation zu befreien. Die Fragebögen wurden zwar aufmerksam ausgefüllt, doch bei einer solch begrenzten statistischen Anzahl kann der Ausfall von auch nur wenigen Daten bereits Probleme verursachen. Es kann 2

(CEDAW/C/ITA/Q/6/Add.1)


durchaus sein, dass es beim Ausfüllen der Bögen einfach objektive Schwierigkeiten gab, die erwünschte Information einzuholen: Es handelt sich dabei insbesondere um die Angaben über den Täter, Lücken gibt es aber auch in Bezug auf die Arbeitssituation der Frauen und über die Elemente, die den ersten Gewaltausbruch verursacht und zur eventuellen Anzeige geführt haben. Auch die Zusatzfragen, die die Interaktion zwischen den verschiedenen Netzwerkdiensten betreffen, wurden nur teilweise beantwortet: Es muss untersucht werden, wieso es diesbezüglich Schwierigkeiten gab. In anderen Fällen (Nichtangabe des Berufsprofils und des Geschlechts der Fachperson aus dem Netzwerk) könnte es sich lediglich um Flüchtigkeitsfehler handeln. Die nachfolgende Tabelle gibt Aufschluss über die Dienste, die an der Datenerhebung mittels Fragebögen teilgenommen haben, deren Daten in die Datenbank der Beobachtungsstelle einfließen. Für jeden Fall, der von einer Netzwerkdienststelle behandelt wird, wird ein entsprechendes Datenblatt ausgefüllt.

Tabelle 1: Die Netzwerkdienste, die an der Erhebung teilgenommen haben prozentuelle Daten Dienststelle, die den Erhebungsbogen ausgefüllt hat

Dienstnutzerinnen

- absolute und

Prozentsatz

Haus der geschützten Wohnungen

14

9,7

Kontaktstelle gegen Gewalt – Frauenhaus GEA

81

55,9

CSM

8

5,5

Polizeidirektion (Quästur) Bozen

4

2,8

BSB Sozialsprengel Europa Neustift

6

4,1

Verein LA STRADA/DER WEG Bereich Frau

5

3,4

Verein Volontarius – Straßenprojekt

1

,7

Vereinigung Frauen-NISSA'

2

1,4

BSB Sozialsprengel GRIES

4

2,8

12

8,3

Stadtpolizei

1

,7

BSB Sozialsprengel Don Bosco

1

,7

Haus Margaret Caritas

5

3,4

Familienberatungsstelle AIED

1

,7

Familienberatungsstelle l'ARCA


Insgesamt

145

100,0

Wie aus der Grafik 1 ersichtlich, wurden Frauen, die sich an eine Netzwerkstelle gewandt haben, vorwiegend in Obhut des Fachpersonals der Kontaktstellen gegen Gewalt oder des Personals der Sozialdienste genommen. In geringerem Ausmaß nahmen sich ihrer von Psychologinnen und Mediatorinnen an, der Beitrag der Polizeikräfte war fast unerheblich.

Grafik 1: Fachpersonal, das den Erhebungsbogen ausgefüllt hat – absolute Daten

SozialassistentIn SozialbetreuerIn

Betreuerin Koordinatorin KrankenpflegerIn

Psychologin

Erzieherin Mediatorin

Polizei

Die absolute Mehrheit der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt hat, wohnt in Bozen, nur ein kleiner Anteil ist anderswo ansässig. Die Hälfte der Frauen hat ein Alter zwischen 30 und 45 Jahren, ein Drittel ist jünger als 30 Jahre und ein Fünftel älter als 46. Mehr als die Hälfte der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind italienischer Staatsbügerschaft, 21% stammen aus Osteuropa, 10% aus Afrika. Der Anteil an ausländischen Frauen unter den Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, ist größer als der Anteil an ausländischen Frauen, die Anfang 2011 in der Stadt Bozen ansässig waren (13% nach ISTAT-Daten)3. Frauen, die in einer Paarbeziehung leben (Ehemann oder Lebensgefährte), machen 55% der Opfer aus. Es folgen alleinstehende Frauen (27%) und Witwen oder geschiedene Frauen.

3

Istat, Geo Demo, Popolazione straniera residente al 1° gennaio 2011 per età e sesso,


Grafik 2 :Soziodemografische Merkmale der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Familienstand, Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter getrennt oder verwitwet verheiratet oder zusammenlebend ledig Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Die soziodemografische Struktur der Gewaltopfer auf lokaler Ebene weicht von jener, die aus den ISTAT-Daten über die Arbeitskräfte hervorgeht, ab. Beruf und Studientitel der Frauen mit mehr als 15 Jahren, die Anfang 2012 die in der Provinz Bozen wohnten und sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind relativ hoch. Dies hängt sowohl vom beträchtlichen Anteil an Frauen mit höheren Studientiteln als auch vom geringen Anteil an Frauen ohne Studientitel ab. Beim Vergleich


mit den italienweiten Daten muss jedoch berücksichtigt werden, dass die ISTAT-Bevölkerung altersmäßig umfassender ist und Ausbildungsunterschiede somit wahrscheinlicher sind.

Tabelle 2: Bevölkerung, Frauen über 15 Jahre, Daten getrennt nach Studientiteln – Südtirol und Italien, 2012 Autonome Provinz Bozen

Italien

Grundschulabschluss, kein Studientitel

20,5

25,8

Mittelschulabschluss

32,5

28,3

Berufsschulzeugnis 2-3 Jahre (berufliche Qualifikation)

15,3

5,7

Oberschulzeugnis 4-5 Jahre (Abitur/Staatsprüfung)

21,5

27,8

Hochschulabschluss und Doktorat

10,2

12,4

Summe

100,0

100,0

Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012


Grafik 3: Erwerbsstatus der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Angestellte arbeitslos Hausfrau Rentnerin Schülerin oder Studentin Freiberuflerin

Mehr als die Hälfte der Dienstnutzerinnen (53%) ist berufstätig. Es handelt sich dabei vorwiegend um Angestellte, nur ein kleiner Anteil ist freiberuflich tätig. 7% sind Rentnerinnen und die restlichen 40% sind wirtschaftlich unselbständig, entweder weil arbeitslos (29%) oder weil Hausfrau (7,8%) oder Studentin (3,9%). Vergleicht man diese Daten mit den ISTAT-Erhebungen 2012 und den Daten der Gemeinde Bozen aus dem Jahr 2011, so ist die Beschäftigungsrate der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste wenden (52,7%), niedriger als jene der Autonomen Provinz (64,8% ) und der Gemeinde (65,5%), während die Arbeitslosenquote (28,7%) sehr viel höher ist (Provinz 4,8%, Gemeinde 3,5%). Tabelle 3: Wirtschaftsindikatoren Autonome Provinz Bozen, Verteilung auf Nationalebene Frauenarbeits- FrauenQuote der losigkeitsquote beschäftinichterwerbstätigen gungsquote Frauen 4,8 64,8 18,2

Autonome Provinz Bozen 8,6 Nord 11,0 Zentrum 19,3 Süd 11,9 Italien Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012

57,0 52,3 31,6 47,1

37,7 41,2 60,7 46,5

Was die berufstätigen Frauen betrifft, so haben mehr als die Hälfte unbefristete Arbeitsverträge, während ca. 40% prekäre Arbeitsstellen besetzen. Dementsprechend verfügen nur 44% der Frauen über Einnahmen, die für sich selbst und die eigenen Kinder ausreichen. Es sei unterstrichen, dass


7% bis 8% der Frauen, die von den Netzwerkdiensten unterstützt werden (d.h. 11 Frauen), erklärt haben, sich nicht frei bewegen zu dürfen und eine oder mehrere Landessprachen nicht zu beherrschen. In Bezug auf die Familienlage erklären die meisten Frauen, die sich an die Dienste wenden, mit Kindern und Partner zusammenzuleben. Ein signifikanter Anteil lebt in Wohngemeinschaften oder geschützten Wohneinrichtungen (inkl. Kinder). Nur ein kleiner Prozentsatz lebt allein oder mit den Eltern, mit Verwandten oder mit FreundInnen. Fast die Hälfte (48,8%) der nicht allein lebenden Frauen hat angegeben, dass sie mit der Person zusammenleben, die Gewalt gegen sie ausübt.

Grafik 4 : Wohnsituation der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - Multiple Choice-Antworten, Prozentsätze

mit Kindern mit dem Partner in Wohngemeinschaft allein mit den Eltern mit anderen Verwandten mit FreundInnen mit den Schwiegereltern

Art der Gewalt In der übergroßen Mehrheit der Fälle (82%) erfolgt die Gewaltausübung im Rahmen der Familie. Gelegenheitsangriffe, Mobbing auf dem Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung sind hingegen seltener (Grafik 5). Grafik 5: Art der Gewalt, die die Dienstnutzerinnen der Netzwerkdienste erlitten haben Prozentsätze


erlittene Gewalt sexuelle Ausbeutung und/oder Ausbeutung als Arbeitskraft Mobbing (auf dem Arbeitsplatz) Gelegenheitsangriffe Häusliche Gewalt

Was die Großkategorie der häuslichen Gewalt anbelangt, so betrifft diese in erster Linie italienische Frauen, gefolgt von Frauen aus Osteuropa, während Frauen aus anderen Ländern weniger davon betroffen sind. Weitere Risikofaktoren, die die Bozner Frauen für häusliche Gewalt anfällig machen, sind folgende: feste Partnerschaft (Ehe), Alter zwischen 30 und 45 Jahren, hoher Studientitel, arbeitslos, Rentnerin. Italienische Frauen sind auch in Bezug auf Mobbing besonders anfällig (insbesondere, wenn es sich um Angestellte handelt), während afrikanische und osteuropäische Frauen stärker sexuell und beruflich ausgebeutet werden. Gelegenheitsangriffe scheinen hingegen nicht von der geografischen Herkunft der Opfer abzuhängen, sondern von ihrem Alter und dem Familienstand (unverheiratet).

Modalitäten der Gewaltausübung Wie aus Untersuchungen und Studien bereits bekannt, summieren und überschneiden sich laut Angaben der Dienstnutzerinnen verschiedene Gewaltmodalitäten, die eine Art Kontinuum bilden. Geht man von den Daten der ausgefüllten Fragebögen aus, so ist die meistverbreitete Form der Gewalt die psychologische Gewalt, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit weitem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking sind weniger signifikant, sexuelle Belästigung ist selten. Diese Rangordnung entspricht sowohl den Ergebnissen der Bozner Erhebung


als auch den Bezugsdaten (Tabelle 4) des nationalen Vereinsnetzes DiRe4 (DiRe, 2012), das die Zahlen, die die Tätigkeit der Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt im Jahr 2011 betreffen, gesammelt hat und somit eine passende Vergleichsbasis liefert. Wie gesagt überschneiden sich die Ergebnisse der beiden Erhebungen. Aus dem DiRe-Bericht geht zudem hervor, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben von Gewaltopfern ein Kontinuum bilden und ständig interagieren. Bei gleichzeitiger Ausübung verschiedener Gewaltmodalitäten steigt natürlich auch die Gefährlichkeit der Situation. Tabelle 4 : Von den Fachkräften gemeldete Art der Gewaltausübung – Multiple-Choice-Antworten, Prozentsätze

Art der Gewalt

körperliche Gewalt

% der Antworten

% der Fälle

absolute Werte (Anzahl der Antworten)

Daten Dire 2011 (% der Fälle)

27,0

67,6

114

47,0

8,5

21,4

36

14,2

psychologische Gewalt

37,1

80,7

157

54,4

ökonomische Gewalt

14,4

37,9

61

24,0

Stalking

9,9

16,6

42

9,3

Belästigung

3,1

7,6

13

-

Antworten insgesamt (Multiple Choice)

100

231,8

423

148,3

sexuelle Gewalt

Orte der Gewalt Das eigene Zuhause ist der Ort, der für Frauen am gefährlichsten ist. Dies gilt für alle Gewaltformen (weniger für sexuelle Belästigungen und Stalking). Die häusliche Gewalt hat zudem einen besonders hohen Intensitätgrad (man denke z.B. daran, dass die ökonomische Gewalt zu 84%, d.h. fast zur Gänze, zu Hause und in der Familie ausgeübt wird). Daheim entfalten sich aber auch alle anderen Gewaltformen mit besonderer Häufigkeit. Das Netzwerkpersonal hat angegeben, dass die meisten Fälle von körperlicher, psychologischer und sexueller Gewalt zu Hause stattfinden; auch Stalking und Verfolgung werden in einem Fall von drei im häuslichen Kontext ausgeübt. (Grafik 6). Öffentlichen Orte (Straßen, Parkplätze, Parks und Gastbetriebe) sind für Frauen auch nicht ungefährlich, insbesondere in Bezug auf Stalking und sexuelle, psychologische und ökonomische Gewalt. Auf dem Arbeitsplatz steht hingegen gerade das Stalking ganz oben auf der Liste, gefolgt von sexueller, ökonomischer und psychologischer Gewalt. In den Freizeiträumen der Schulen werden immer öfter Stalkingfälle verzeichnet.

1 D.i.Re.,Donne in Rete contro la violenza, Rilevazione dati 2011, 2012


Grafik 6 : Orte der Gewaltausübung aufgeteilt nach Art der Gewalt - Prozentsätze

Stalking Sexuelle Gewalt Psychologische Gewalt Körperliche Gewalt Ökonomische Gewalt Andere Orte

Schule + Freizeitstätten

Öffentliche Orte + Gastbetriebe

Arbeitsplatz

Zuhause


Grafik 7 : Zeitraum der Gewaltausübung, Daten aufgeschlüsselt nach Art der Gewalt

aktuell

Ökonomische Gewalt

in der Vergangenheit

Körperliche Gewalt

sowohl in der Vergangenheit als auch aktuell

Psychologische Gewalt

Stalking

Sexuelle Gewalt

Gewalterfahrungen stellen ein Kontinuum im Leben der meisten Frauen dar, sie sind ein Element, das Vergangenheit und Gegenwart kennzeichnet, eine konkrete Tatsache, mit der sie täglich zu tun haben. Die Gegenwart wird insbesondere bei Stalkingfällen als besonders bedrohlich empfunden, während bei sexueller, körperlicher, psychologischer und ökonomischer Gewalt die Vergangenheit eine besonders schwere Bürde darstellt (Grafik 7). Jede Art von Gewalt scheint zudem ihr eigenes Timing zu haben. Sexuelle Belästigungen sind im Normalfall einmalig, während beim Stalking und der Verfolgung die Standarddauer – wie auch bei der psychologischen Gewalt – zwei bis vier Jahre beträgt. Sexuelle Gewalt hält meist bis zu 10 Jahren an, ökonomische Gewalt sogar noch mehr. Die Mehrheit der Frauen (65%), die von den Dienststellen unterstützt wird, stellt keinen Bezug zwischen der erlittenen Gewalt und spezifischen Ereignissen oder Lebensaspekten her. Der Rest der Dienstnutzerinnen gibt an, dass die Gewalt in einer besonderen oder besonders heiklen Phase begonnen hat: In einem Drittel der Bozner Fälle war die Schwangerschaft oder die Geburt eines Kindes der auslösende Faktor für den Gewaltausbruch, der meist durch verfolgerisches Verhalten und Belästigungen gekennzeichnet ist. Dieses Schema entspricht den internationalen Erkenntnissen5. Aus der Literatur geht hervor, dass die Geburt eines Kindes bei manchen Partnern 5 Brewer J. E., Paulsen D.J. (1999), “A comparison of US and Canadian findings on uxoricide risk for women with children sired by previous partners”, Homicide Studies, 3, 317-332.
Campbell J.C. (2001), “Abuse during pregnancy: A quintessential threat to maternal and child health – so when do we start to act?”, Canadian Medical Association Journal, 164, 1578 - 1579


negative Gefühle wie Eifersucht und Wut erweckt oder den Eindruck erzeugt, einem Zwang ausgesetzt zu sein (insbesondere bei ungeplanten Schwangerschaften). Diese Emotionen sind oft sehr stark und können zu Gewalttaten gegen Mutter und Kind führen. In Italien erleiden nach ISTAT-Daten mehr als 11% der schwangeren Frauen Gewalt durch den Partner. Ganz generell beginnt bei Gewaltopfern der Leidensweg in 13,6% der Fälle gerade während der Schwangerschaft; in 52,5% der Fälle gab es bereits zuvor Gewalt und sie bleibt mit gleicher Intensität auch während der Schwangerschaft bestehen; in 17,2% der Fälle nimmt die Gewalt während der Schwangerschaft zu und nur in 15,9% der Fälle nimmt sie ab. Die Bozner Daten bestätigen diesen Trend und unterstreichen die Gefahren für Mutter und Kind, die daraus entstehen können. Häusliche Gewalt während der Schwangerschaft kann zu ungewollten Schwangerschaftsunterbrechungen, vorzeitigen Geburten und Untergewicht bei der Geburt führen. Die Opfer von häuslicher Gewalt neigen außerdem dazu, gefährliche Gewohnheiten anzunehmen (Rauchen, Alkohol- und Drogenmissbrauch). Körperliche Misshandlungen sind oft auch mit Problemen im Bereich des Fortpflanzungssystems, mit Harnwegentzündungen, Depression und anderen mentalen Krankheiten assoziiert. Gewalt während der Schwangerschaft ist schließlich auch gepaart mit hohen Raten an unerwünschten Schwangerschaften, Schwangerschaften im Jugendalter und Abtreibungen. Grafik 8: Hat die Gewaltausübung zu einem besonderen Zeitpunkt im Leben der Frau stattgefunden bzw. begonnen?

Menschenhandel zwecks Ausbeutung Beginn der Arbeitstätigkeite/ Ende Trennung Eheschließung Schwangerschaft/Geburt der Kinder Schwierigkeiten mit dem Partner

Zu den Ereignissen, die zu einem auslösenden Faktor für die Gewaltausübung in einer Beziehung werden können, gehören auch die Eheschließung, die Zusammenführung von Familien (bei Migrantinnen), Trennung und Scheidung sowie Schwierigkeiten mit dem Partner. Es handelt sich Campbell J.C., Webster D., Koziol McLain J., Block C., Campbell D., Curry M. A., Gary F., Glass N., McFarlane J., Sachs C., Sharps P., Ulrich Y., Wilt S.A., Manganello J., Xu X., Schollenberger J., Frye V., Laughton K., (2003), “Risk factors for femicide in abusive relationships: Results from a multisite case control study”, American Journal of Public Health, 93, 1089-97.


um Anlässe, die sich im Beziehungsleben abspielen und starke Gefühle hervorrufen. Die Schwierigkeit, die eigenen Gefühle unter Kontrolle zu halten, spielt eine ausschlaggebende Rolle beim Entstehen von Gewalt innerhalb einer intimen Beziehung, auch wenn die Kontexte sehr unterschiedlich sind. Bei Trennungen ist Stalking die häufigste Gewaltform, während bei Ehen ökonomische und körperliche Gewalt vorwiegen. Ein Fünftel der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, gibt an, dass die Gewalt mit der sozialen und beruflichen Sphäre verbunden ist (Arbeitstätigkeit, Arbeitswechsel, Migration) und sich vornehmlich in Form von ökonomischer Gewalt und Verfolgung ausdrückt. Ein geringerer aber dennoch bedeutsamer Anteil der Frauen ist Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung. Die für diese Verbrechen typische Gewaltform ist die Vergewaltigung (Grafik 8). In Bozen wurden außerdem auch ein Fall von Genitalverstümmelung und ein Fall von Zwangsheirat verzeichnet.

Wer übt Gewalt gegen Frauen aus? Täter sind insbesondere Ehemänner, Verlobte und Partner (53%) sowie ehemalige Partner (13.6%). Erstere üben vorwiegend ökonomische, psychologische und körperliche Gewalt aus, während ehemalige Partner eine “Vorliebe” für Stalking, Verfolgungsakte und körperliche Misshandlungen haben. Die Daten, die die von ehemaligen Partnern ausgeübte Gewalt betreffen, zeigen, dass die Trennungsphase ein besonders komplexer Übergang ist, bei dem eine eingehende und kompetente Überprüfung einer eventuellen Rückfallgefahr von wesentlicher Bedeutung ist. In 16% der Fälle sind die Täter Familienmitglieder (Eltern und Verwandte), in 11% der Fälle handelt es sich um Freunde und Bekannte. Die Fälle, in denen der Täter eine unbekannte Person ist, sind selten und finden meist im Zusammenhang mit Menschenhandel und mit Zuhälterei statt. Die Daten des Dire-Netzes6 (DiRe, 2011) ermöglichen einen Vergleich zwischen der Bozner Realität und jener auf Nationalebene: Der Fokus liegt in beiden Fällen bei den Intimbeziehungen, da der Partner sowohl in Bozen als in ganz Italien als Hauptverantwortlicher der Gewalttaten hervorgeht. Der von DiRe erhobene Prozentsatz ist jedoch mit 64% bedeutsam höher als jener von Bozen. Dasselbe gilt, in geringerem Ausmaß, für die Daten in Bezug auf die ehemaligen Partner (20% auf Nationalebene). In Bozen ist hingegen die Gewalt gegen Frauen, die von Familienmitgliedern (Eltern und Verwandte) herrührt, häufiger als im Rest Italien (16,2% gegen 8%). Eine ähnliche Abweichung gibt es auch im Falle der von Freunden und Bekannten ausgeübten Gewalt (11% gegen 6%) sowie jener, die von unbekannten Personen ausgeübt wird (3,9% gegen 2%). Grafik 9 : Beziehung zum Gewalttäter - Prozentsätze 6

In diesem Fall beziehen wir uns auf die DIRE-Erhebung 2010, in der die Daten besser aufgeschlüsselt und deswegen

auch besser vergleichbar sind (DiRe, “DATI STATISTICI ANNO 2010: 3° RILEVAZIONE NAZIONALE”).


Zuhälter/Zuhälterin Unbekannte/r Elternteil/Verwandte/r Ehem. Ehemann (ehem. Freund/ehem. Partner) Freund/Bekannter/Arbeitskollege

Profil der gewaltausübenden Personen Zirka die Hälfte der Täter ist zwischen 30 und 45 Jahre alt (51%) und somit ungefähr gleich alt wie die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt sind. Mehr als ein Drittel ist über 46 Jahre alt und nur eine Minderheit ist jünger als dreißig: Dieses Verhältnis ist bei Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wurde, umgekehrt (es wiegen jüngere Frauen vor). Die Täter sind vornehmlich - und in stärkerem Ausmaß als ihre Opfer - italienischer Nationalität (66%), während die Täter aus Osteuropa oder Afrika einen geringeren Prozentsatz als die Gewaltopfer aus diesen Weltteilen ausmachen. Diese Daten belegen, dass italienische Männer häufiger sowohl gegen Italienerinnen als auch gegen Ausländerinnen und jüngere Frauen gewalttätig sind. Die Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wird, haben einen signifikant höheren Ausbildungsgrad als die gewaltausübenden Männer: Der Anteil an Frauen mit akademischem Abschluss ist fast doppelt so große wie jener der Männer; auch der Besitz eines Reifediploms ist bei Frauen häufiger, während Berufsschuldiplome und Mittelschuldiplome bei den Tätern stärker vertreten sind als bei den Opfern. Dieser Umstand müsste näher untersucht werden, um zu verstehen, ob diese kulturelle Differenz einen Zusammenhang mit der ausgeübten Gewalt hat, auch wenn auf Nationalebene keine Verknüpfung dieser Art festgestellt wurde (Istat, 2007). Unter dem Gesichtspunkt der Beziehungen zwischen Gewalttäter (Männer) und Gewaltopfer (Frauen) zeigen die erhobenen Daten, dass für verheiratete Frauen das größte Risiko von ihren Ehemännern ausgeht, während es bei unverheirateten Frauen der ehemalige Partner, ein Freund, ein Bekannter oder ein Kollege sind. Junge, unverheiratete Frauen sind oft Opfer von Eltern und Verwandten. Frauen, die mit ihren Partnern (Ehemann oder Lebenspartner) und/oder ihren Kindern zusammenleben, sind bzw. waren vornehmlich Opfer ihres Partners. Dies gilt auch für die Mehrheit


der Frauen, die derzeit in Frauenhäusern oder in Gemeinschaften leben. Alleinlebende Frauen sind meist Opfer ehemaliger Partner oder von Freunden und Bekannten. In Wohngemeinschaften leben auch auch Frauen, die Opfer von Verwandten oder von Menschhandel waren. In den meisten Fällen handelt es sich bei den Tätern um “normale” Männer, die keine spezifischen Probleme haben, welche ein gewalttätiges Verhalten “hervorrufen” oder verstärken können (wie z.B. Alkohol- oder Drogenmissbrauch, wirtschaftliche oder psychiatrische Probleme usw.). Im Rest der Fälle sind Probleme verschiedener Art vorhanden, es wiegen jedoch Alkoholabhängigkeit und soziale Probleme vor (16% bis 17%), während Drogenmissbrauch und psychiatrische Probleme seltener sind (Tabelle 5). Zum Vergleich sei auf die Istat-Daten 2006 hingewiesen, die bezüglich der gewaltausübenden Männer, die unter der Wirkung von Alkohol oder Drogen stehen, einen etwas geringeren Prozentsatz angeben (13,3%).

Grafik 10: Soziodemografische Merkmale der Gewalttäter und der Gewaltopfer - Prozentsätze

Gewaltopfer


Gewalttäter Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufsschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Tabelle 5: Eventuelle Probleme der gewalttätigen Person (Multiple Choice), Prozentsätze Person ohne offensichtliche Abhängigkeitsprobleme und/oder soziale bzw. psychische Probleme Alkoholiker/Alkoholikerin Drogensüchtige/r Person mit psychiatrischer Störung

46,5% 17,4% 4,9% 1,4%

Person mit sozialen Problemen

16,7%

Keine Erkenntnisse

13,2%

Anwesenheit von Kindern In 60% der Fälle leben mit den Gewaltopfern auch Kinder zusammen; es handelt sich dabei fast immer um Töchter und Söhne der Opfer, nur selten besteht eine andere Art von Verwandtschaft. In der Mehrheit der Fälle erleben die Kinder die Gewalt direkt oder indirekt mit. Fast die Hälfte (44%) erlebt Gewalttaten direkt mit, ein Viertel ist während der Vorfälle nicht direkt anwesend, weiß aber, dass Gewalt ausgeübt wird (24%). Beträchtlich ist auch der Anteil an Kindern, die direkte Gewalt erleiden, während der Prozentsatz an Kindern, die weder direkt noch indirekt der Gewalt beiwohnen oder Opfer davon sind, sehr geringfügig ist. Die Art der miterlebten oder erlittenen Gewalt stimmt fast immer mit der der Mutter zusammen. Aus den erhobenen Daten geht eine starke direkte Einbindung der Minderjährigen in die Gewalt und eine sowohl körperliche als auch psychologische Gefährdung hervor. Das Verhaltensmuster der Täter ist typischerweise stets dasselbe. Laut der zitierten ISTAT-Studie gaben 62,4% der Frauen, die Opfer von Männergewalt sind, an, dass ihre Kinder einem oder mehreren Gewaltszenen beigewohnt haben (davon 19,6% nur in seltenen Fällen, 20,2% manchmal und 22,6% oft). Tabelle 6: von Minderjährigen erlittene Gewalt (Multiple Choice), Prozentsätze


Körperliche Gewalt in direkter Form

11,4%

Psychologische Gewalt in direkter Form

15,2%

Ökonomische Gewalt in direkter Form

3,0%

Miterlebte Gewalt in direkter Form

43,9%

Miterlebte Gewalt in indirekter Form

23,5%

Nein

3,0%

Die Dienststellen und das Netzwerk Der Fragebogen sah eine offene Frage in Bezug auf die Kenntnis der Dienste vor, die vom Netzwerk angeboten werden. Die Art und Weise, wie Dienstnutzerinnen von den Diensten erfahren, ist eine extrem wichtige Information: Sie gibt Aufschluss darüber, inwieweit das Wissen über die bestehenden Dienste gegen Gewalt an Frauen unter hilfsbedürftigen Opfern verbreitet ist. In 50% der Fälle haben die Frauen von den Netzwerkdiensten durch das Netzwerk selbst erfahren. Dies ist ein gutes Ergebnis, das auf eine gelungene synergetische Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Knoten des Netzwerks hinweist. In der ersten Phase der Kontaktaufnahme bleibt jedoch die Rolle der FreundInnen und der Familie ausschlaggebend: Freundinnen und Bekannte sind oft die ersten AnsprechpartnerInnen der hilfesuchenden Gewaltopfer und raten ihnen, sich an Dienststellen des Netzwerks zu wenden. Was das Netzwerk selbst betrifft, sind die Sozialdienste – durch die SozialassistentInnen – die Knotenpunkte, die die Fälle zuerst filtrieren und den betroffenen Frauen weiterhelfen, gefolgt von den Sicherheitskräften und den Fachdiensten (Beratungsstellen, Frauenhäuser, Kontaktstellen gegen Gewalt). Weniger aktiv sind diesbezüglich die Fachleute der Gesundheitsdienste (FamilienärztInnen, PsychologInnen, Krankenhäuser). Bedeutsam ist hingegen der Zugriff auf die grünen Telefonnummern und auf Internet, die ein relativ neues Instrument sind, aber dennoch ziemlich bekannt und zuverlässig zu sein scheinen.


Grafik 11 :Wie hat die Frau von der Dienststelle erfahren? (Prozentsätze)

durch eine Freundin, eine Bekannte Sozialdienste, Sozialassistentin Polizei, Ordnungskräfte, Polizeidirektion (Quästur) Familienhaus, Familienberatungsstelle, Gea, Dienststellen Grüne Nummer, Zufall, Internet Verwandte Familienarzt/Familienärztin, Psychologe/Psychologin, Krankenhaus Rechtsanwalt/Rechtsanwältin bereits bekannt keine Angabe

Die erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, weshalb sich Frauen an die verschiedenen Dienste wenden (77%). Es ist extrem wichtig, dass bei den Gesprächen mit dem Personal der Dienste auch die versteckte und verneinte Gewalt belichtet und anerkannt werden. Dies kann entweder durch direkte Fragen erwirkt werden oder als Nebeninformation oder indirekte Auskunft in die Erzählung der betroffenen Frau einfließen. Es handelt sich um ein wichtiges Ergebnis, das von der fachlichen Vorbereitung des Personals der Anlaufstellen zeugt, die so zeigen, dass sie imstande sind, die erlebte Gewalt auch in solchen Fällen zu erkennen und sie aufzudecken. Grafik 12: Wenn das Thema Gewalt von der Frau nicht als Hauptgrund genannt wurde, wer hat dieses Thema zur Sprache gebracht? (Prozentsätze)


Die Frau selbst, als sekundäres Problem Die Frau selbst, jedoch indirekt im Rahmen anderweitiger Erzählungen Die Fachperson durch direktes Fragen

Eine grundsätzliche Bestätigung der Rangordnung der Anlaufstellen für die hilfesuchenden Frauen geht auch aus den Antworten auf die Frage hervor, ob sich die betroffene Frau mit der Bitte um Hilfe auch “an andere” gewandt hat. In diesem Fall waren – anders als bei der vorhergehenden Frage - mehrere Antworten möglich: Die Antworten zeigen, dass die Sicherheitskräfte, die Sozialdienste und die Kontaktstellen gegen Gewalt sowie die FreundInnen der erste Anlaufpunkt sind und den ersten Schritt auf dem Weg aus den Gewalt heraus darstellen (Grafik 13). Es folgen die Familie und andere Dienststellen. Bei 24% der Antworten steht, dass sich die betroffene Frau zuvor an niemand anderen gewandt hat und somit direkt den Dienst als erste Anlaufstelle gewählt hat. Grafik 13: Hat sich die Frau bereits an andere Personen/Anlaufstellen gewandt? (Multiple Choice), Prozentsätze


Ordnungskräfte Nein Freunde/Freundinnen Sozialdienste Frauenhaus/geschützte Wohnungen Verwandte Rechtsanwalt/Rechtsanwältin Eltern Familienberatungsstelle Krankenhaus Psychologischer Dienst Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin) NachbarInnen

Wie gut das Netzwerk funktioniert kann zum Teil anhand der Antworten auf die Frage bezüglich der Interaktion mit anderen Diensten bewertet werden, d.h. ob die Fachperson, die den Fragebogen beantwortet, die betreffende Dienstnutzerin an andere Dienststellen “weitergeleitet” hat. Leider hat fast die Hälfte davon (44%) auf diese Frage nicht geantwortet, was zu einer geringen Gesamtsignifikanz der entsprechenden Daten führt. Die Mehrheit (72%) von jenen, die die Frage beantwortet haben, hat keine Frau an andere Dienste weitergeleitet. Vorwiegendes Ziel der weitergeleiteten Frauen waren die Kontaktstelle gegen Gewalt, die geschützten Wohnungen und das Frauenhaus. Die Situation der von den Netzwerkdiensten Ende 2012 betreuten Frauen ist in der Abbildung 14 beschrieben: Sieht man von den Frauen (13%, d.h. 17 Frauen) ab, die von keiner Dienststelle betreut werden, so wird die absolute Mehrheit der Gewaltopfer von Kontaktstellen und Frauenhäusern unterstützt oder lebt in geschützten Wohnungen, während der Rest von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen betreut wird.

Grafik 14: Wer betraut die Frau mit Blick auf die Gewaltsituation?(Multiple Choice), Prozentsätze


Frauenhaus/geschützte Wohnungen Niemand Sozialdienste Familienberatungsstelle PsychiaterIn/NeuropsychiaterIn Psychologischer Dienst Sozialpädagogische Einrichtung Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin)

Anzeigen bei Gericht Zirka ein Drittel der vom Bozner Netzwerk betreuten Frauen hat eine strafrechtliche Anzeige erstattet oder (im Falle von Minderjährigen) das Jugendgericht benachrichtigt. Es handelt sich um einen sehr hohen Prozentsatz, insbesondere im Vergleich zum italienischen Durchschnittswert, der aus den ISTAT-Erhebungen 2006 hervorgeht (7,3% der Frauen, die Opfer vom Männergewalt sind, erstatteten Anzeige wegen vom Partner ausgeübter körperlicher oder sexueller Gewalt). Die Netzwerkdaten sind besonders erfreulich, weil sie sich nicht nur von den italienweiten Zahlen, sondern auch vom Südtiroler Durchschnitt (13,7%) derselben ISTAT-Studie positiv abheben (es ei darauf hingewiesen, dass Südtirol bereits damals die „beste“ unter den italienischen Regionen war). Da die Mehrzahl der gerichtlichen Verfahren noch läuft, ist es frühzeitig, Schlüsse über das Ergebnis der Anzeigen zu ziehen. Tabelle 7: Gerichtliche Schritte der Frauen, die von den Netzwerkdiensten betreut werden absolute Daten und Prozentsätze Ja

Nein

Sum me

Absolute Daten Strafanzeige/Strafantrag/Klage (Gerichtsbehörde) Anzeige (Staatsanwaltschaft bei Jugendgericht)

%

41

96

137

43

99

142

29, 9 30, 3

70, 1 69, 7


Tabelle 8 : Ergebnis der Gerichtsverfahren – Prozentsätze 1 – Rücknahme der Anzeige

18,6

2 – hängiges Verfahren

65,1

3 – Verurteilung der gewalttätigen Person / Strafzumessung auf Antrag der Parteien

7,0

4 – Freispruch

9,3

Summe

100,0

Schlussbemerkungen Aus dem vorliegenden Bericht können nur provisorische Schlussfolgerungen gezogen werden, da die verarbeiteten Daten bislang ein einziges Arbeitsjahr (das Startjahr!) umfassen. Trotzdem können wir uns davon ausgehend ein Bild vom Netzwerk, von den Dienstnutzerinnen, von den Bedürfnissen der Frauen und von der Art der jeweils erlittenen Gewalt machen. Die Anzahl der Fälle ist jedoch noch zu gering, um die Beziehungen zwischen Opfer und Täter, die Dynamik der verschiedenen Gewaltformen und die Reaktion der Dienststellen im Detail zu analysieren und daraus Indikatoren in Bezug auf die Wirksamkeit des Netzwerks oder das Auftreten der verschiedenen Gewaltformen auf dem Territorium oder auch nur in Bezug auf eventuelle Probleme der Netzwerkdienste zu erarbeiten. Um die mühsame und verdienstvolle Arbeit zu ehren, die das Personal bei der Datenerhebung geleistet hat, werden wir nachfolgend eine Übersicht der wichtigsten Elemente liefern, die aus der Datenanalyse hervorgehen. Wir fangen dabei von der Beschreibung der Frauen an, die sich an die Netzwerkstellen gewandt haben. Es handelt sich mehrheitlich um Frauen italienischer Nationalität zwischen 30 und 45 Jahren. Zirka ein Drittel ist jünger als 30, ein Fünftel über 46. Die Mehrheit der Frauen leben im Paar (verheiratet oder Wohngemeinschaft) und haben eine Arbeit oder eine Rente und verfügen somit über eine eigene Einnahmequelle (59,7%). Die meisten besitzen ein höheres Ausbildungsniveau als der Durchschnitt der in der Gemeinde und in der Provinz ansässigen Frauen. Es gibt aber auch einen Anteil der Opfer, die arbeitslos sind und sich in einer präkären ökonomischen Lage befinden. Zirka 55% der betreuten Frauen gibt an, Schwierigkeiten zu haben, den Unterhalt für sich selbst und die (eventuellen) Kinder zu zahlen. Dieser Umstand versetzt sie in eine Situation objektiver “Schwäche”, die vermehrt Männergewalt zur Folge haben kann. Es sei dabei darauf hingewiesen, dass ein (wenn auch kleiner) Anteil der Frauen eine der beiden Landessprachen nicht oder nur unzulänglich kennt und sich nicht frei bewegen kann/darf. Es handelt sich oft um ausländische Frauen (45,4%), die zum Großteil aus Osteuropa oder Afrika stammen. Hilfesuchende Frauen leben meist mit ihren Kindern und dem Partner zusammen. Es ist erschreckend zu wissen, dass die Hälfte von ihnen mit dem Mann zusammenlebt, der Gewalt gegen


sie ausübt. Ein signifikanter Teil der Frauen, die von den Netzwerkdiensten aufgenommen wird, lebt demgemäß in geschützten Einrichtungen und in Frauenhäusern. Wie überall wird auch in Bozen die Gewalt in der übergroßen Mehrzahl der Fälle (82%) innerhalb der Familie ausgeübt (häusliche Gewalt), während Gelegenheitsangriffe, Mobbing am Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung eher selten sind. Was die Art der erlittenen Gewalt anbelangt, so überschneiden sich meist verschiedene Modalitäten. Erstellt man eine Rangordnung anhand ihres relativen Gewichts, so steht psychologische Gewalt an erster Stelle, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit größerem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking haben eine geringere Inzidenz, sexuelle Belästigungen sind selten. Diese Daten bestätigen die Ergebnisse anderer Erhebungen und belegen den Umstand, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, ein Kontinuum darstellen, sich überschneiden und ständig interagieren. Das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Gewaltformen zeichnet stets besonders gefährliche Situationen aus. Das eigene Zuhause ist für Frauen der gefährlichste Ort, und dies gilt für alle Formen der Gewalt (mit der Ausnahme von Belästigungen und Stalking). Daheim ist auch die Intensität der Gewalt stärker als anderswo, angefangen von der ökonomischen Gewalt, die fast ausschließlich innerhalb der eigenen vier Wände und der eigenen Familie ausgeübt wird. Körperliche, psychologische und sexuelle Gewalt finden auch fast immer in der gemeinsamen Wohnung statt. Sogar Stalking und Verfolgung finden ein Drittel der Male zu Hause statt. Auch die öffentlichen Räume (Straßen, Parkplätze, Parks und Gaststätten) sind für Frauen gefährlich: Es finden dort Stalking sowie sexuelle und psychologische Gewalt statt. Die am Arbeitsplatz meistverbreitete Form der Gewalt ist das Stalking, gefolgt von der sexuellen, der ökonomischen und der psychologischen Gewalt. Schulen und Freizeiträume sind besonders oft Schauplatz von Stalking. Die Gewalt wird von den meisten Frauen als eine Art Kontinuum erlebt, als ein Element, das sich ohne Unterbechung von der Vergangenheit bis zur Gegenwart erstreckt und den konkreten, tagtäglichen Lebensablauf charakterisiert. Aus der Erhebung geht hervor, dass oft wichtige Ereignisse und Lebensetappen innerhalb des Paars oder der Familie - wie zum Beispiel Schwangerschaft, Ehe und Trennung - zum Ausbruch der Gewalt beitragen. Dies bestätigt zum wiederholten Male, dass die häusliche Sphäre und die Familie die Hauptbühne für Gewalttaten darstellen. Im Falle von ausländischen Frauen stellen zusätzlich dazu die Einwanderung selbst (mit der manchmal die sexuelle Ausbeutung beginnt) sowie die Zusammenführung mit anderen Familienmitgliedern besonders heikle Momente dar. Bei den Tätern handelt es sich zum Großteil (66%) um italienische Staatsbürger und es sind vergleichmäßig mehr als die italienischen Gewaltopfer, während bei Tätern aus Osteuropa und Afrika der Prozentsatz geringer ist als jener der Opfer mit gleicher Herkunft. Dieser Umstand weist darauf hin, dass die stereotypische Annahme, bei den Tätern handle es sich vorwiegend um Ausländer, irreführend ist. Männer italienischer Abstammung üben häufiger als Ausländer Gewalt sowohl gegen italienische als auch gegen ausländische und junge Frauen aus.


Das bisher skizzierte Bild zeigt eindeutig, dass die Spuren der Gewalt gegen Frauen immer zur Familie führen: Hauptübeltäter sind die gegenwärtigen oder ehemaligen Ehemänner, Verlobten und Partner. Erstere greifen öfter zur ökonomischen, psychologischen und körperlichen Gewalt, während ehemalige Partner dazu neigen, Frauen durch Stalking, Verfolgung und körperliche Misshandlung zu verletzen. Wie bereits gesagt, ist die Trennungsphase der Moment im Leben einer Frau, der unter dem Sicherheitsprofil zu den schwierigsten und gefährlichsten zählt. Nicht nur Partner und ex-Partner, sondern auch Eltern, Verwandte und Freunde üben Gewalt gegen Frauen aus, während nur sehr selten unbekannte Männer zu Tätern werden (meist in Fällen von sexueller Ausbeutung und Menschenhandel sowie Zuhälterei). Erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, der Frauen dazu bewegt, sich an die Dienststellen zu wenden. Es ist jedoch wichtig, dass auch versteckte oder getarnte Gewaltfälle zur Sprache kommen. Dies kann erfolgen, wenn das Fachpersonal die Lage erkennt und direkte Fragen an die betreffende Frau stellt, oder wenn die betreffende Frau das Thema indirekt oder als “Nebensache” aufwirft. Die Aufdeckung der versteckten Gewaltfälle ist besonders wichtig und es ist von wesentlicher Bedeutung, über spezialisiertes Kontaktpersonal zu verfügen, das imstande ist, implizite Gewalt im Erlebten zu erkennen und zur Sprache zu bringen. Im Einklang mit dem bisherigen Bild ist die Tatsache, dass die absolute Mehrheit der Frauen, die Kontakt zu den Netzwerkdienststellen aufgenommen haben, von den Kontaktstellen gegen Gewalt und den Frauenhäusern betreut werden bzw. in geschützten Wohnungen leben, während ein kleinerer Anteil von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen unterstützt werden. Das Wissen um die Unterstützungsmöglichkeiten, die das Netzwerk gegen die Gewalt an Frauen anbietet, stellt ein strategisches Element im Rahmen der politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Gewalt und zur Unterstützung der hilfesuchenden Frauen dar. Die Ergebnisse der Beobachtungsstelle zeigen, dass die Netzwerksynergie diesbezüglich sehr groß ist: 50% der Frauen haben die Netzwerkdienste durch das Netzwerk selbst kennengelernt. In der ersten Kontaktphase spielen zudem FreundInnen und Familienmitglieder eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, sich an die vorhandenen Dienststellen zu wenden. Freundinnen und Bekannte sind und bleiben in den meisten Fällen die ersten Ansprechpartnerinnen hilfesuchender Frauen. Was die Netzwerkdienste anbelangt, so stellen meist die Sozialdienste den ersten Anlaufpunkt dar, der den Frauen Informationen liefert und sie an andere Stellen weiterleitet. Gleich nach den Sozialdiensten befinden sich in dieser Rangordnung die Sicherheitskräfte und die Fachdienste (Beratungsstellen, geschützte Wohnungen, Kontaktstellen gegen Gewalt). Zusätzlich zur Soforthilfe durch die geschützten Wohnstrukturen für gefährdete Frauen und Kinder liefern die Netzwerkdienste den Frauen Unterstützung auf ihrem Weg aus der Gewalt, das eines der wesentlichen Ziele der entsprechenden Maßnahmen darstellt. Zu den möglichen Maßnahmen, die diesen Weg erleichtern, gehört auch der Zugriff auf gesetzlich vorgesehene Instrumente wie Anträge auf Wegweiseanordnungen oder Annäherungsverbote, straf- und zivilrechtliche Klagen oder Meldungen beim Jugendgericht. Bereits in der ISTAT-Erhebung aus dem Jahr 2006 stach die Stadt Bozen im Vergleich zu den anderen italienischen Städten wegen der hohen Anzahl an Anzeigen hervor. Die vorliegende Datenerhebung bestätigt diesen Trend: 30% der von den Netzwerkdiensten betreuten Frauen hat den Täter bei den Behörden angezeigt, ein gleich hoher Prozentsatz hat beim Jugendamt Fälle von Gewalt gegen Minderjährigen gemeldet. Es handelt sich


um ein hervorragendes Ergebnis, das nach Ende der noch laufenden Verfahren auch hinsichtlich der gerichtlichen Ergebnisse 端berpr端ft werden muss.


Das Bozner Netzwerk der Dienste für Frauen in Gewaltsituationen – Erstes Tätigkeitsjahr1 von Maura Misiti, statistische Datenbearbeitung von Marcella Prosperi* Einführung Die Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das weltweit eine zunehmende Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Vereine, Bewegungen, internationale Behörden und nicht zuletzt die internationale Öffentlichkeit sind sich immer stärker bewusst, dass es sich um eine globales Problem handelt und üben dementsprechend Druck aus. Auch die Medien tragen dazu bei, die dramatische Eskalation von Gewalttaten gegen Frauen sichtbar zu machen und zu dokumentieren. Im neuesten Sonderbericht von Rachida Manjoo (UNO-Berichterstatterin) über die genderbasierten Tötungen, der im Juni 2012 veröffentlicht wurde (CHR, 2012), wird der Frauenmord als Extremausdruck der vielen, verschiedenen Formen von Gewalt, die gegen Frauen ausgeübt wird, definiert, als letzte, tödliche Folge eines tragischen Kontinuums. Im Bericht wird unterstrichen, dass dieses Phänomen alarmierende Ausmaße erreicht hat und die Gewalt gegen Frauen immer noch akzeptiert, toleriert und gerechtfertigt wird, weil sie kulturell und sozial stark verwurzelt ist. Der Bericht endet mit einer Reihe von Empfehlungen an die UNO-Mitgliedsstaaten, damit sie ihrer Pflicht, das Phänomen zu bekämpfen, sorgfältig nachkommen. Im Vorjahr (2011) hatte die Berichterstatterin bereits einen Spezialbericht über die Gewalt gegen Mädchen und Frauen erstellt, worin sie den komplexen Rahmenkontext beschreibt, in dem sich verschiedene Formen von Diskriminierung überschneiden, gegenseitig verstärken und so zu einer stetigen Zuspitzung des Phänomens der Gewalt gegen Frauen führen. Der Bericht endete mit der Empfehlung, einen ganzheitlichen Ansatz gegen die genderbasierte Gewalt anzuwenden, um gleichzeitig sowohl die strukturellen Elemente als auch die jeweiligen Diskriminierungsfaktoren zu berücksichtigen. Wenn das Thema der Gewalt gegen Frauen als übergreifendes Phänomen dargestellt wird, das die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte sowie sämtliche Zivilrechte betrifft, fällt es den Policy Makers leichter, die Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Diskriminierungsformen und die Vielfalt der tatsächlichen Gewaltformen zu begreifen. Dieser mehrdimensionale Ansatz erfordert den Einsatz von Personal- und Materialressourcen für die Bewertung und Überprüfung der Auswirkung der im Bereich Gewalt und Diskriminierung getroffenen Maßnahmen, verabschiedeten Gesetze und geleisteten Dienste, einschließlich der Unterstützung der Opfer und des Schadenersatzes. Zu den Aktionen, die die Berichterstatterin vorschlägt, gehören auch öffentliche Maßnahmen im Bereich der Erziehung, um stereotypische Wertvorstellungen und Vorurteile abzubauen, von denen sich die Gewalt gegen Frauen ernährt. In lokaler Hinsicht ist es hier wichtig, auf die Mission zu verweisen, die die Berichterstatterin 2011 in Italien durchführte. In ihrem Bericht über die italienische Situation unterstrich sie, dass die häusliche Gewalt das am meisten verbreitete Gewaltphänomen ist. Weniger als ein Fünftel der * IRPPS-CNR


Opfer erachtet die erlittene Gewalt als Straftat, ein Drittel betrachtet sie als „normal“, nur ein Viertel hält eine Vergewaltigung oder eine versuchte Vergewaltigung für strafbar. Die Verdeckung dieses Phänomens hat sowohl mit seiner geringen Sichtbarkeit als auch mit der Tatsache zu tun, dass die Frauen eher selten Anzeige erstatten, da sie meist wirtschaftlich von den Tätern abhängen und zudem der Ansicht sind, dass der Staat nur wenig oder gar nichts unternehmen wird. Die ununterbrochene häusliche Gewalt spiegelt sich in der steigenden Anzahl von Frauen wider, die vom (oft ehemaligen) Partner, Ehemann oder Lebensgefährten ermordet werden2. Um das Thema der Gewalt in Italien wirklich zu verstehen, müssten viele Fragen ausgehend von den großen Schwierigkeiten aufgeworfen werden, gegen die die Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt täglich kämpfen müssen. Da sie nur mangelnd finanziert werden, können sie den Frauen, die Opfer von Gewaltsituationen sind, immer seltener angemessenen Beistand anbieten. Dies hat negative Auswirkungen auf die Anerkennung der Gewaltsituationen selbst, auf die Unterstützung der Frauen und ihrer Kinder, auf die Eingliederung der wirtschaftlich Schwächeren in die Arbeitswelt. Zu den wichtigsten Bemerkungen der Berichterstatterin gehört mit Sicherheit die Vorhaltung, dass die Institutionen, die Regierung und die Zivilgesellschaft im Falle der Gewalt gegen Frauen noch viel zu wenig auf getrennte statistische Daten zurückgreifen. Die „jüngste“ offizielle Datenerhebung (ISTAT-Bericht “Gewalt gegen Frauen in und außerhalb der Familie”) stammt aus dem Jahr 2006 (!). Geschlechtsspezifische, aktualisierte Daten und Statistiken sind von äußerster Wichtigkeit, um angemessene Gesetze, Maßnahmen und Programme zu entwerfen und umzusetzen und sie auf ihre Wirksamkeit hin zu evaluieren. Der Datenaustausch zwischen allen beteiligten Stellen – d.h. auch den zuständigen Ministerien, den Sicherheitskräften, den Gerichtsbehördern und den Fachorganisationen – stellt dazu eine notwendige Voraussetzung dar. Auch die CM-Rec 2002(5) empfohl u.a. die Durchführung spezifischer Untersuchungen und die Einholung von speziellen Daten zur Bemessung des Phänomens sowie zur Kontrolle der Wirksamkeit der angewandten Maßnahmen. All dies wurde, wie gesagt, von der Berichterstatterin bestätigt und steht im erst kürzlich unterzeichneten Abkommen von Istanbul Schwarz auf Weiß geschrieben. Das Abkommen muss durch entsprechende Anpassungsmaßnahmen ratifiziert werden. Zum ersten Mal ist im Dokument zudem ausdrücklich von Zwangsheirat die Rede und es werden detaillierte Vorgaben in Bezug auf die vorgesehenen Untersuchungen und Datenerhebungen aufgelistet. Die Erfahrung der Bozner Beobachtungsstelle Vor diesem Hintergrund ist vor einem Jahr das Bozner Netzwerk der Dienste entstanden, die den Gewaltopfern Unterstützung anbieten. Nachfolgend werden die Ergebnisse der bisherigen Arbeit dieses Netzwerks vorgestellt, das Fachstellen wie das Zentrum gegen Gewalt, öffentliche Sicherheitsbehörden und Vereine, die auf spezifische Bedürfnisse eingehen, untereinander verbindet. Im Gründungsjahr 2012 befassten sich die Netzwerkdienste mit insgesamt 145 Gewaltfällen und verhalfen den betroffenen Personen, sich teilweise oder gänzlich von der jeweiligen Gewaltsituation zu befreien. Die Fragebögen wurden zwar aufmerksam ausgefüllt, doch bei einer solch begrenzten statistischen Anzahl kann der Ausfall von auch nur wenigen Daten bereits Probleme verursachen. Es kann 2

(CEDAW/C/ITA/Q/6/Add.1)


durchaus sein, dass es beim Ausfüllen der Bögen einfach objektive Schwierigkeiten gab, die erwünschte Information einzuholen: Es handelt sich dabei insbesondere um die Angaben über den Täter, Lücken gibt es aber auch in Bezug auf die Arbeitssituation der Frauen und über die Elemente, die den ersten Gewaltausbruch verursacht und zur eventuellen Anzeige geführt haben. Auch die Zusatzfragen, die die Interaktion zwischen den verschiedenen Netzwerkdiensten betreffen, wurden nur teilweise beantwortet: Es muss untersucht werden, wieso es diesbezüglich Schwierigkeiten gab. In anderen Fällen (Nichtangabe des Berufsprofils und des Geschlechts der Fachperson aus dem Netzwerk) könnte es sich lediglich um Flüchtigkeitsfehler handeln. Die nachfolgende Tabelle gibt Aufschluss über die Dienste, die an der Datenerhebung mittels Fragebögen teilgenommen haben, deren Daten in die Datenbank der Beobachtungsstelle einfließen. Für jeden Fall, der von einer Netzwerkdienststelle behandelt wird, wird ein entsprechendes Datenblatt ausgefüllt.

Tabelle 1: Die Netzwerkdienste, die an der Erhebung teilgenommen haben prozentuelle Daten Dienststelle, die den Erhebungsbogen ausgefüllt hat

Dienstnutzerinnen

- absolute und

Prozentsatz

Haus der geschützten Wohnungen

14

9,7

Kontaktstelle gegen Gewalt – Frauenhaus GEA

81

55,9

CSM

8

5,5

Polizeidirektion (Quästur) Bozen

4

2,8

BSB Sozialsprengel Europa Neustift

6

4,1

Verein LA STRADA/DER WEG Bereich Frau

5

3,4

Verein Volontarius – Straßenprojekt

1

,7

Vereinigung Frauen-NISSA'

2

1,4

BSB Sozialsprengel GRIES

4

2,8

12

8,3

Stadtpolizei

1

,7

BSB Sozialsprengel Don Bosco

1

,7

Haus Margaret Caritas

5

3,4

Familienberatungsstelle AIED

1

,7

Familienberatungsstelle l'ARCA


Insgesamt

145

100,0

Wie aus der Grafik 1 ersichtlich, wurden Frauen, die sich an eine Netzwerkstelle gewandt haben, vorwiegend in Obhut des Fachpersonals der Kontaktstellen gegen Gewalt oder des Personals der Sozialdienste genommen. In geringerem Ausmaß nahmen sich ihrer von Psychologinnen und Mediatorinnen an, der Beitrag der Polizeikräfte war fast unerheblich.

Grafik 1: Fachpersonal, das den Erhebungsbogen ausgefüllt hat – absolute Daten

SozialassistentIn SozialbetreuerIn

Betreuerin Koordinatorin KrankenpflegerIn

Psychologin

Erzieherin Mediatorin

Polizei

Die absolute Mehrheit der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt hat, wohnt in Bozen, nur ein kleiner Anteil ist anderswo ansässig. Die Hälfte der Frauen hat ein Alter zwischen 30 und 45 Jahren, ein Drittel ist jünger als 30 Jahre und ein Fünftel älter als 46. Mehr als die Hälfte der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind italienischer Staatsbügerschaft, 21% stammen aus Osteuropa, 10% aus Afrika. Der Anteil an ausländischen Frauen unter den Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, ist größer als der Anteil an ausländischen Frauen, die Anfang 2011 in der Stadt Bozen ansässig waren (13% nach ISTAT-Daten)3. Frauen, die in einer Paarbeziehung leben (Ehemann oder Lebensgefährte), machen 55% der Opfer aus. Es folgen alleinstehende Frauen (27%) und Witwen oder geschiedene Frauen.

3

Istat, Geo Demo, Popolazione straniera residente al 1° gennaio 2011 per età e sesso,


Grafik 2 :Soziodemografische Merkmale der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Familienstand, Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter getrennt oder verwitwet verheiratet oder zusammenlebend ledig Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Die soziodemografische Struktur der Gewaltopfer auf lokaler Ebene weicht von jener, die aus den ISTAT-Daten über die Arbeitskräfte hervorgeht, ab. Beruf und Studientitel der Frauen mit mehr als 15 Jahren, die Anfang 2012 die in der Provinz Bozen wohnten und sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind relativ hoch. Dies hängt sowohl vom beträchtlichen Anteil an Frauen mit höheren Studientiteln als auch vom geringen Anteil an Frauen ohne Studientitel ab. Beim Vergleich


mit den italienweiten Daten muss jedoch berücksichtigt werden, dass die ISTAT-Bevölkerung altersmäßig umfassender ist und Ausbildungsunterschiede somit wahrscheinlicher sind.

Tabelle 2: Bevölkerung, Frauen über 15 Jahre, Daten getrennt nach Studientiteln – Südtirol und Italien, 2012 Autonome Provinz Bozen

Italien

Grundschulabschluss, kein Studientitel

20,5

25,8

Mittelschulabschluss

32,5

28,3

Berufsschulzeugnis 2-3 Jahre (berufliche Qualifikation)

15,3

5,7

Oberschulzeugnis 4-5 Jahre (Abitur/Staatsprüfung)

21,5

27,8

Hochschulabschluss und Doktorat

10,2

12,4

Summe

100,0

100,0

Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012


Grafik 3: Erwerbsstatus der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Angestellte arbeitslos Hausfrau Rentnerin Schülerin oder Studentin Freiberuflerin

Mehr als die Hälfte der Dienstnutzerinnen (53%) ist berufstätig. Es handelt sich dabei vorwiegend um Angestellte, nur ein kleiner Anteil ist freiberuflich tätig. 7% sind Rentnerinnen und die restlichen 40% sind wirtschaftlich unselbständig, entweder weil arbeitslos (29%) oder weil Hausfrau (7,8%) oder Studentin (3,9%). Vergleicht man diese Daten mit den ISTAT-Erhebungen 2012 und den Daten der Gemeinde Bozen aus dem Jahr 2011, so ist die Beschäftigungsrate der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste wenden (52,7%), niedriger als jene der Autonomen Provinz (64,8% ) und der Gemeinde (65,5%), während die Arbeitslosenquote (28,7%) sehr viel höher ist (Provinz 4,8%, Gemeinde 3,5%). Tabelle 3: Wirtschaftsindikatoren Autonome Provinz Bozen, Verteilung auf Nationalebene Frauenarbeits- FrauenQuote der losigkeitsquote beschäftinichterwerbstätigen gungsquote Frauen 4,8 64,8 18,2

Autonome Provinz Bozen 8,6 Nord 11,0 Zentrum 19,3 Süd 11,9 Italien Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012

57,0 52,3 31,6 47,1

37,7 41,2 60,7 46,5

Was die berufstätigen Frauen betrifft, so haben mehr als die Hälfte unbefristete Arbeitsverträge, während ca. 40% prekäre Arbeitsstellen besetzen. Dementsprechend verfügen nur 44% der Frauen über Einnahmen, die für sich selbst und die eigenen Kinder ausreichen. Es sei unterstrichen, dass


7% bis 8% der Frauen, die von den Netzwerkdiensten unterstützt werden (d.h. 11 Frauen), erklärt haben, sich nicht frei bewegen zu dürfen und eine oder mehrere Landessprachen nicht zu beherrschen. In Bezug auf die Familienlage erklären die meisten Frauen, die sich an die Dienste wenden, mit Kindern und Partner zusammenzuleben. Ein signifikanter Anteil lebt in Wohngemeinschaften oder geschützten Wohneinrichtungen (inkl. Kinder). Nur ein kleiner Prozentsatz lebt allein oder mit den Eltern, mit Verwandten oder mit FreundInnen. Fast die Hälfte (48,8%) der nicht allein lebenden Frauen hat angegeben, dass sie mit der Person zusammenleben, die Gewalt gegen sie ausübt.

Grafik 4 : Wohnsituation der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - Multiple Choice-Antworten, Prozentsätze

mit Kindern mit dem Partner in Wohngemeinschaft allein mit den Eltern mit anderen Verwandten mit FreundInnen mit den Schwiegereltern

Art der Gewalt In der übergroßen Mehrheit der Fälle (82%) erfolgt die Gewaltausübung im Rahmen der Familie. Gelegenheitsangriffe, Mobbing auf dem Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung sind hingegen seltener (Grafik 5). Grafik 5: Art der Gewalt, die die Dienstnutzerinnen der Netzwerkdienste erlitten haben Prozentsätze


erlittene Gewalt sexuelle Ausbeutung und/oder Ausbeutung als Arbeitskraft Mobbing (auf dem Arbeitsplatz) Gelegenheitsangriffe Häusliche Gewalt

Was die Großkategorie der häuslichen Gewalt anbelangt, so betrifft diese in erster Linie italienische Frauen, gefolgt von Frauen aus Osteuropa, während Frauen aus anderen Ländern weniger davon betroffen sind. Weitere Risikofaktoren, die die Bozner Frauen für häusliche Gewalt anfällig machen, sind folgende: feste Partnerschaft (Ehe), Alter zwischen 30 und 45 Jahren, hoher Studientitel, arbeitslos, Rentnerin. Italienische Frauen sind auch in Bezug auf Mobbing besonders anfällig (insbesondere, wenn es sich um Angestellte handelt), während afrikanische und osteuropäische Frauen stärker sexuell und beruflich ausgebeutet werden. Gelegenheitsangriffe scheinen hingegen nicht von der geografischen Herkunft der Opfer abzuhängen, sondern von ihrem Alter und dem Familienstand (unverheiratet).

Modalitäten der Gewaltausübung Wie aus Untersuchungen und Studien bereits bekannt, summieren und überschneiden sich laut Angaben der Dienstnutzerinnen verschiedene Gewaltmodalitäten, die eine Art Kontinuum bilden. Geht man von den Daten der ausgefüllten Fragebögen aus, so ist die meistverbreitete Form der Gewalt die psychologische Gewalt, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit weitem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking sind weniger signifikant, sexuelle Belästigung ist selten. Diese Rangordnung entspricht sowohl den Ergebnissen der Bozner Erhebung


als auch den Bezugsdaten (Tabelle 4) des nationalen Vereinsnetzes DiRe4 (DiRe, 2012), das die Zahlen, die die Tätigkeit der Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt im Jahr 2011 betreffen, gesammelt hat und somit eine passende Vergleichsbasis liefert. Wie gesagt überschneiden sich die Ergebnisse der beiden Erhebungen. Aus dem DiRe-Bericht geht zudem hervor, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben von Gewaltopfern ein Kontinuum bilden und ständig interagieren. Bei gleichzeitiger Ausübung verschiedener Gewaltmodalitäten steigt natürlich auch die Gefährlichkeit der Situation. Tabelle 4 : Von den Fachkräften gemeldete Art der Gewaltausübung – Multiple-Choice-Antworten, Prozentsätze

Art der Gewalt

körperliche Gewalt

% der Antworten

% der Fälle

absolute Werte (Anzahl der Antworten)

Daten Dire 2011 (% der Fälle)

27,0

67,6

114

47,0

8,5

21,4

36

14,2

psychologische Gewalt

37,1

80,7

157

54,4

ökonomische Gewalt

14,4

37,9

61

24,0

Stalking

9,9

16,6

42

9,3

Belästigung

3,1

7,6

13

-

Antworten insgesamt (Multiple Choice)

100

231,8

423

148,3

sexuelle Gewalt

Orte der Gewalt Das eigene Zuhause ist der Ort, der für Frauen am gefährlichsten ist. Dies gilt für alle Gewaltformen (weniger für sexuelle Belästigungen und Stalking). Die häusliche Gewalt hat zudem einen besonders hohen Intensitätgrad (man denke z.B. daran, dass die ökonomische Gewalt zu 84%, d.h. fast zur Gänze, zu Hause und in der Familie ausgeübt wird). Daheim entfalten sich aber auch alle anderen Gewaltformen mit besonderer Häufigkeit. Das Netzwerkpersonal hat angegeben, dass die meisten Fälle von körperlicher, psychologischer und sexueller Gewalt zu Hause stattfinden; auch Stalking und Verfolgung werden in einem Fall von drei im häuslichen Kontext ausgeübt. (Grafik 6). Öffentlichen Orte (Straßen, Parkplätze, Parks und Gastbetriebe) sind für Frauen auch nicht ungefährlich, insbesondere in Bezug auf Stalking und sexuelle, psychologische und ökonomische Gewalt. Auf dem Arbeitsplatz steht hingegen gerade das Stalking ganz oben auf der Liste, gefolgt von sexueller, ökonomischer und psychologischer Gewalt. In den Freizeiträumen der Schulen werden immer öfter Stalkingfälle verzeichnet.

1 D.i.Re.,Donne in Rete contro la violenza, Rilevazione dati 2011, 2012


Grafik 6 : Orte der Gewaltausübung aufgeteilt nach Art der Gewalt - Prozentsätze

Stalking Sexuelle Gewalt Psychologische Gewalt Körperliche Gewalt Ökonomische Gewalt Andere Orte

Schule + Freizeitstätten

Öffentliche Orte + Gastbetriebe

Arbeitsplatz

Zuhause


Grafik 7 : Zeitraum der Gewaltausübung, Daten aufgeschlüsselt nach Art der Gewalt

aktuell

Ökonomische Gewalt

in der Vergangenheit

Körperliche Gewalt

sowohl in der Vergangenheit als auch aktuell

Psychologische Gewalt

Stalking

Sexuelle Gewalt

Gewalterfahrungen stellen ein Kontinuum im Leben der meisten Frauen dar, sie sind ein Element, das Vergangenheit und Gegenwart kennzeichnet, eine konkrete Tatsache, mit der sie täglich zu tun haben. Die Gegenwart wird insbesondere bei Stalkingfällen als besonders bedrohlich empfunden, während bei sexueller, körperlicher, psychologischer und ökonomischer Gewalt die Vergangenheit eine besonders schwere Bürde darstellt (Grafik 7). Jede Art von Gewalt scheint zudem ihr eigenes Timing zu haben. Sexuelle Belästigungen sind im Normalfall einmalig, während beim Stalking und der Verfolgung die Standarddauer – wie auch bei der psychologischen Gewalt – zwei bis vier Jahre beträgt. Sexuelle Gewalt hält meist bis zu 10 Jahren an, ökonomische Gewalt sogar noch mehr. Die Mehrheit der Frauen (65%), die von den Dienststellen unterstützt wird, stellt keinen Bezug zwischen der erlittenen Gewalt und spezifischen Ereignissen oder Lebensaspekten her. Der Rest der Dienstnutzerinnen gibt an, dass die Gewalt in einer besonderen oder besonders heiklen Phase begonnen hat: In einem Drittel der Bozner Fälle war die Schwangerschaft oder die Geburt eines Kindes der auslösende Faktor für den Gewaltausbruch, der meist durch verfolgerisches Verhalten und Belästigungen gekennzeichnet ist. Dieses Schema entspricht den internationalen Erkenntnissen5. Aus der Literatur geht hervor, dass die Geburt eines Kindes bei manchen Partnern 5 Brewer J. E., Paulsen D.J. (1999), “A comparison of US and Canadian findings on uxoricide risk for women with children sired by previous partners”, Homicide Studies, 3, 317-332.
Campbell J.C. (2001), “Abuse during pregnancy: A quintessential threat to maternal and child health – so when do we start to act?”, Canadian Medical Association Journal, 164, 1578 - 1579


negative Gefühle wie Eifersucht und Wut erweckt oder den Eindruck erzeugt, einem Zwang ausgesetzt zu sein (insbesondere bei ungeplanten Schwangerschaften). Diese Emotionen sind oft sehr stark und können zu Gewalttaten gegen Mutter und Kind führen. In Italien erleiden nach ISTAT-Daten mehr als 11% der schwangeren Frauen Gewalt durch den Partner. Ganz generell beginnt bei Gewaltopfern der Leidensweg in 13,6% der Fälle gerade während der Schwangerschaft; in 52,5% der Fälle gab es bereits zuvor Gewalt und sie bleibt mit gleicher Intensität auch während der Schwangerschaft bestehen; in 17,2% der Fälle nimmt die Gewalt während der Schwangerschaft zu und nur in 15,9% der Fälle nimmt sie ab. Die Bozner Daten bestätigen diesen Trend und unterstreichen die Gefahren für Mutter und Kind, die daraus entstehen können. Häusliche Gewalt während der Schwangerschaft kann zu ungewollten Schwangerschaftsunterbrechungen, vorzeitigen Geburten und Untergewicht bei der Geburt führen. Die Opfer von häuslicher Gewalt neigen außerdem dazu, gefährliche Gewohnheiten anzunehmen (Rauchen, Alkohol- und Drogenmissbrauch). Körperliche Misshandlungen sind oft auch mit Problemen im Bereich des Fortpflanzungssystems, mit Harnwegentzündungen, Depression und anderen mentalen Krankheiten assoziiert. Gewalt während der Schwangerschaft ist schließlich auch gepaart mit hohen Raten an unerwünschten Schwangerschaften, Schwangerschaften im Jugendalter und Abtreibungen. Grafik 8: Hat die Gewaltausübung zu einem besonderen Zeitpunkt im Leben der Frau stattgefunden bzw. begonnen?

Menschenhandel zwecks Ausbeutung Beginn der Arbeitstätigkeite/ Ende Trennung Eheschließung Schwangerschaft/Geburt der Kinder Schwierigkeiten mit dem Partner

Zu den Ereignissen, die zu einem auslösenden Faktor für die Gewaltausübung in einer Beziehung werden können, gehören auch die Eheschließung, die Zusammenführung von Familien (bei Migrantinnen), Trennung und Scheidung sowie Schwierigkeiten mit dem Partner. Es handelt sich Campbell J.C., Webster D., Koziol McLain J., Block C., Campbell D., Curry M. A., Gary F., Glass N., McFarlane J., Sachs C., Sharps P., Ulrich Y., Wilt S.A., Manganello J., Xu X., Schollenberger J., Frye V., Laughton K., (2003), “Risk factors for femicide in abusive relationships: Results from a multisite case control study”, American Journal of Public Health, 93, 1089-97.


um Anlässe, die sich im Beziehungsleben abspielen und starke Gefühle hervorrufen. Die Schwierigkeit, die eigenen Gefühle unter Kontrolle zu halten, spielt eine ausschlaggebende Rolle beim Entstehen von Gewalt innerhalb einer intimen Beziehung, auch wenn die Kontexte sehr unterschiedlich sind. Bei Trennungen ist Stalking die häufigste Gewaltform, während bei Ehen ökonomische und körperliche Gewalt vorwiegen. Ein Fünftel der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, gibt an, dass die Gewalt mit der sozialen und beruflichen Sphäre verbunden ist (Arbeitstätigkeit, Arbeitswechsel, Migration) und sich vornehmlich in Form von ökonomischer Gewalt und Verfolgung ausdrückt. Ein geringerer aber dennoch bedeutsamer Anteil der Frauen ist Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung. Die für diese Verbrechen typische Gewaltform ist die Vergewaltigung (Grafik 8). In Bozen wurden außerdem auch ein Fall von Genitalverstümmelung und ein Fall von Zwangsheirat verzeichnet.

Wer übt Gewalt gegen Frauen aus? Täter sind insbesondere Ehemänner, Verlobte und Partner (53%) sowie ehemalige Partner (13.6%). Erstere üben vorwiegend ökonomische, psychologische und körperliche Gewalt aus, während ehemalige Partner eine “Vorliebe” für Stalking, Verfolgungsakte und körperliche Misshandlungen haben. Die Daten, die die von ehemaligen Partnern ausgeübte Gewalt betreffen, zeigen, dass die Trennungsphase ein besonders komplexer Übergang ist, bei dem eine eingehende und kompetente Überprüfung einer eventuellen Rückfallgefahr von wesentlicher Bedeutung ist. In 16% der Fälle sind die Täter Familienmitglieder (Eltern und Verwandte), in 11% der Fälle handelt es sich um Freunde und Bekannte. Die Fälle, in denen der Täter eine unbekannte Person ist, sind selten und finden meist im Zusammenhang mit Menschenhandel und mit Zuhälterei statt. Die Daten des Dire-Netzes6 (DiRe, 2011) ermöglichen einen Vergleich zwischen der Bozner Realität und jener auf Nationalebene: Der Fokus liegt in beiden Fällen bei den Intimbeziehungen, da der Partner sowohl in Bozen als in ganz Italien als Hauptverantwortlicher der Gewalttaten hervorgeht. Der von DiRe erhobene Prozentsatz ist jedoch mit 64% bedeutsam höher als jener von Bozen. Dasselbe gilt, in geringerem Ausmaß, für die Daten in Bezug auf die ehemaligen Partner (20% auf Nationalebene). In Bozen ist hingegen die Gewalt gegen Frauen, die von Familienmitgliedern (Eltern und Verwandte) herrührt, häufiger als im Rest Italien (16,2% gegen 8%). Eine ähnliche Abweichung gibt es auch im Falle der von Freunden und Bekannten ausgeübten Gewalt (11% gegen 6%) sowie jener, die von unbekannten Personen ausgeübt wird (3,9% gegen 2%). Grafik 9 : Beziehung zum Gewalttäter - Prozentsätze 6

In diesem Fall beziehen wir uns auf die DIRE-Erhebung 2010, in der die Daten besser aufgeschlüsselt und deswegen

auch besser vergleichbar sind (DiRe, “DATI STATISTICI ANNO 2010: 3° RILEVAZIONE NAZIONALE”).


Zuhälter/Zuhälterin Unbekannte/r Elternteil/Verwandte/r Ehem. Ehemann (ehem. Freund/ehem. Partner) Freund/Bekannter/Arbeitskollege

Profil der gewaltausübenden Personen Zirka die Hälfte der Täter ist zwischen 30 und 45 Jahre alt (51%) und somit ungefähr gleich alt wie die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt sind. Mehr als ein Drittel ist über 46 Jahre alt und nur eine Minderheit ist jünger als dreißig: Dieses Verhältnis ist bei Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wurde, umgekehrt (es wiegen jüngere Frauen vor). Die Täter sind vornehmlich - und in stärkerem Ausmaß als ihre Opfer - italienischer Nationalität (66%), während die Täter aus Osteuropa oder Afrika einen geringeren Prozentsatz als die Gewaltopfer aus diesen Weltteilen ausmachen. Diese Daten belegen, dass italienische Männer häufiger sowohl gegen Italienerinnen als auch gegen Ausländerinnen und jüngere Frauen gewalttätig sind. Die Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wird, haben einen signifikant höheren Ausbildungsgrad als die gewaltausübenden Männer: Der Anteil an Frauen mit akademischem Abschluss ist fast doppelt so große wie jener der Männer; auch der Besitz eines Reifediploms ist bei Frauen häufiger, während Berufsschuldiplome und Mittelschuldiplome bei den Tätern stärker vertreten sind als bei den Opfern. Dieser Umstand müsste näher untersucht werden, um zu verstehen, ob diese kulturelle Differenz einen Zusammenhang mit der ausgeübten Gewalt hat, auch wenn auf Nationalebene keine Verknüpfung dieser Art festgestellt wurde (Istat, 2007). Unter dem Gesichtspunkt der Beziehungen zwischen Gewalttäter (Männer) und Gewaltopfer (Frauen) zeigen die erhobenen Daten, dass für verheiratete Frauen das größte Risiko von ihren Ehemännern ausgeht, während es bei unverheirateten Frauen der ehemalige Partner, ein Freund, ein Bekannter oder ein Kollege sind. Junge, unverheiratete Frauen sind oft Opfer von Eltern und Verwandten. Frauen, die mit ihren Partnern (Ehemann oder Lebenspartner) und/oder ihren Kindern zusammenleben, sind bzw. waren vornehmlich Opfer ihres Partners. Dies gilt auch für die Mehrheit


der Frauen, die derzeit in Frauenhäusern oder in Gemeinschaften leben. Alleinlebende Frauen sind meist Opfer ehemaliger Partner oder von Freunden und Bekannten. In Wohngemeinschaften leben auch auch Frauen, die Opfer von Verwandten oder von Menschhandel waren. In den meisten Fällen handelt es sich bei den Tätern um “normale” Männer, die keine spezifischen Probleme haben, welche ein gewalttätiges Verhalten “hervorrufen” oder verstärken können (wie z.B. Alkohol- oder Drogenmissbrauch, wirtschaftliche oder psychiatrische Probleme usw.). Im Rest der Fälle sind Probleme verschiedener Art vorhanden, es wiegen jedoch Alkoholabhängigkeit und soziale Probleme vor (16% bis 17%), während Drogenmissbrauch und psychiatrische Probleme seltener sind (Tabelle 5). Zum Vergleich sei auf die Istat-Daten 2006 hingewiesen, die bezüglich der gewaltausübenden Männer, die unter der Wirkung von Alkohol oder Drogen stehen, einen etwas geringeren Prozentsatz angeben (13,3%).

Grafik 10: Soziodemografische Merkmale der Gewalttäter und der Gewaltopfer - Prozentsätze

Gewaltopfer


Gewalttäter Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufsschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Tabelle 5: Eventuelle Probleme der gewalttätigen Person (Multiple Choice), Prozentsätze Person ohne offensichtliche Abhängigkeitsprobleme und/oder soziale bzw. psychische Probleme Alkoholiker/Alkoholikerin Drogensüchtige/r Person mit psychiatrischer Störung

46,5% 17,4% 4,9% 1,4%

Person mit sozialen Problemen

16,7%

Keine Erkenntnisse

13,2%

Anwesenheit von Kindern In 60% der Fälle leben mit den Gewaltopfern auch Kinder zusammen; es handelt sich dabei fast immer um Töchter und Söhne der Opfer, nur selten besteht eine andere Art von Verwandtschaft. In der Mehrheit der Fälle erleben die Kinder die Gewalt direkt oder indirekt mit. Fast die Hälfte (44%) erlebt Gewalttaten direkt mit, ein Viertel ist während der Vorfälle nicht direkt anwesend, weiß aber, dass Gewalt ausgeübt wird (24%). Beträchtlich ist auch der Anteil an Kindern, die direkte Gewalt erleiden, während der Prozentsatz an Kindern, die weder direkt noch indirekt der Gewalt beiwohnen oder Opfer davon sind, sehr geringfügig ist. Die Art der miterlebten oder erlittenen Gewalt stimmt fast immer mit der der Mutter zusammen. Aus den erhobenen Daten geht eine starke direkte Einbindung der Minderjährigen in die Gewalt und eine sowohl körperliche als auch psychologische Gefährdung hervor. Das Verhaltensmuster der Täter ist typischerweise stets dasselbe. Laut der zitierten ISTAT-Studie gaben 62,4% der Frauen, die Opfer von Männergewalt sind, an, dass ihre Kinder einem oder mehreren Gewaltszenen beigewohnt haben (davon 19,6% nur in seltenen Fällen, 20,2% manchmal und 22,6% oft). Tabelle 6: von Minderjährigen erlittene Gewalt (Multiple Choice), Prozentsätze


Körperliche Gewalt in direkter Form

11,4%

Psychologische Gewalt in direkter Form

15,2%

Ökonomische Gewalt in direkter Form

3,0%

Miterlebte Gewalt in direkter Form

43,9%

Miterlebte Gewalt in indirekter Form

23,5%

Nein

3,0%

Die Dienststellen und das Netzwerk Der Fragebogen sah eine offene Frage in Bezug auf die Kenntnis der Dienste vor, die vom Netzwerk angeboten werden. Die Art und Weise, wie Dienstnutzerinnen von den Diensten erfahren, ist eine extrem wichtige Information: Sie gibt Aufschluss darüber, inwieweit das Wissen über die bestehenden Dienste gegen Gewalt an Frauen unter hilfsbedürftigen Opfern verbreitet ist. In 50% der Fälle haben die Frauen von den Netzwerkdiensten durch das Netzwerk selbst erfahren. Dies ist ein gutes Ergebnis, das auf eine gelungene synergetische Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Knoten des Netzwerks hinweist. In der ersten Phase der Kontaktaufnahme bleibt jedoch die Rolle der FreundInnen und der Familie ausschlaggebend: Freundinnen und Bekannte sind oft die ersten AnsprechpartnerInnen der hilfesuchenden Gewaltopfer und raten ihnen, sich an Dienststellen des Netzwerks zu wenden. Was das Netzwerk selbst betrifft, sind die Sozialdienste – durch die SozialassistentInnen – die Knotenpunkte, die die Fälle zuerst filtrieren und den betroffenen Frauen weiterhelfen, gefolgt von den Sicherheitskräften und den Fachdiensten (Beratungsstellen, Frauenhäuser, Kontaktstellen gegen Gewalt). Weniger aktiv sind diesbezüglich die Fachleute der Gesundheitsdienste (FamilienärztInnen, PsychologInnen, Krankenhäuser). Bedeutsam ist hingegen der Zugriff auf die grünen Telefonnummern und auf Internet, die ein relativ neues Instrument sind, aber dennoch ziemlich bekannt und zuverlässig zu sein scheinen.


Grafik 11 :Wie hat die Frau von der Dienststelle erfahren? (Prozentsätze)

durch eine Freundin, eine Bekannte Sozialdienste, Sozialassistentin Polizei, Ordnungskräfte, Polizeidirektion (Quästur) Familienhaus, Familienberatungsstelle, Gea, Dienststellen Grüne Nummer, Zufall, Internet Verwandte Familienarzt/Familienärztin, Psychologe/Psychologin, Krankenhaus Rechtsanwalt/Rechtsanwältin bereits bekannt keine Angabe

Die erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, weshalb sich Frauen an die verschiedenen Dienste wenden (77%). Es ist extrem wichtig, dass bei den Gesprächen mit dem Personal der Dienste auch die versteckte und verneinte Gewalt belichtet und anerkannt werden. Dies kann entweder durch direkte Fragen erwirkt werden oder als Nebeninformation oder indirekte Auskunft in die Erzählung der betroffenen Frau einfließen. Es handelt sich um ein wichtiges Ergebnis, das von der fachlichen Vorbereitung des Personals der Anlaufstellen zeugt, die so zeigen, dass sie imstande sind, die erlebte Gewalt auch in solchen Fällen zu erkennen und sie aufzudecken. Grafik 12: Wenn das Thema Gewalt von der Frau nicht als Hauptgrund genannt wurde, wer hat dieses Thema zur Sprache gebracht? (Prozentsätze)


Die Frau selbst, als sekundäres Problem Die Frau selbst, jedoch indirekt im Rahmen anderweitiger Erzählungen Die Fachperson durch direktes Fragen

Eine grundsätzliche Bestätigung der Rangordnung der Anlaufstellen für die hilfesuchenden Frauen geht auch aus den Antworten auf die Frage hervor, ob sich die betroffene Frau mit der Bitte um Hilfe auch “an andere” gewandt hat. In diesem Fall waren – anders als bei der vorhergehenden Frage - mehrere Antworten möglich: Die Antworten zeigen, dass die Sicherheitskräfte, die Sozialdienste und die Kontaktstellen gegen Gewalt sowie die FreundInnen der erste Anlaufpunkt sind und den ersten Schritt auf dem Weg aus den Gewalt heraus darstellen (Grafik 13). Es folgen die Familie und andere Dienststellen. Bei 24% der Antworten steht, dass sich die betroffene Frau zuvor an niemand anderen gewandt hat und somit direkt den Dienst als erste Anlaufstelle gewählt hat. Grafik 13: Hat sich die Frau bereits an andere Personen/Anlaufstellen gewandt? (Multiple Choice), Prozentsätze


Ordnungskräfte Nein Freunde/Freundinnen Sozialdienste Frauenhaus/geschützte Wohnungen Verwandte Rechtsanwalt/Rechtsanwältin Eltern Familienberatungsstelle Krankenhaus Psychologischer Dienst Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin) NachbarInnen

Wie gut das Netzwerk funktioniert kann zum Teil anhand der Antworten auf die Frage bezüglich der Interaktion mit anderen Diensten bewertet werden, d.h. ob die Fachperson, die den Fragebogen beantwortet, die betreffende Dienstnutzerin an andere Dienststellen “weitergeleitet” hat. Leider hat fast die Hälfte davon (44%) auf diese Frage nicht geantwortet, was zu einer geringen Gesamtsignifikanz der entsprechenden Daten führt. Die Mehrheit (72%) von jenen, die die Frage beantwortet haben, hat keine Frau an andere Dienste weitergeleitet. Vorwiegendes Ziel der weitergeleiteten Frauen waren die Kontaktstelle gegen Gewalt, die geschützten Wohnungen und das Frauenhaus. Die Situation der von den Netzwerkdiensten Ende 2012 betreuten Frauen ist in der Abbildung 14 beschrieben: Sieht man von den Frauen (13%, d.h. 17 Frauen) ab, die von keiner Dienststelle betreut werden, so wird die absolute Mehrheit der Gewaltopfer von Kontaktstellen und Frauenhäusern unterstützt oder lebt in geschützten Wohnungen, während der Rest von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen betreut wird.

Grafik 14: Wer betraut die Frau mit Blick auf die Gewaltsituation?(Multiple Choice), Prozentsätze


Frauenhaus/geschützte Wohnungen Niemand Sozialdienste Familienberatungsstelle PsychiaterIn/NeuropsychiaterIn Psychologischer Dienst Sozialpädagogische Einrichtung Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin)

Anzeigen bei Gericht Zirka ein Drittel der vom Bozner Netzwerk betreuten Frauen hat eine strafrechtliche Anzeige erstattet oder (im Falle von Minderjährigen) das Jugendgericht benachrichtigt. Es handelt sich um einen sehr hohen Prozentsatz, insbesondere im Vergleich zum italienischen Durchschnittswert, der aus den ISTAT-Erhebungen 2006 hervorgeht (7,3% der Frauen, die Opfer vom Männergewalt sind, erstatteten Anzeige wegen vom Partner ausgeübter körperlicher oder sexueller Gewalt). Die Netzwerkdaten sind besonders erfreulich, weil sie sich nicht nur von den italienweiten Zahlen, sondern auch vom Südtiroler Durchschnitt (13,7%) derselben ISTAT-Studie positiv abheben (es ei darauf hingewiesen, dass Südtirol bereits damals die „beste“ unter den italienischen Regionen war). Da die Mehrzahl der gerichtlichen Verfahren noch läuft, ist es frühzeitig, Schlüsse über das Ergebnis der Anzeigen zu ziehen. Tabelle 7: Gerichtliche Schritte der Frauen, die von den Netzwerkdiensten betreut werden absolute Daten und Prozentsätze Ja

Nein

Sum me

Absolute Daten Strafanzeige/Strafantrag/Klage (Gerichtsbehörde) Anzeige (Staatsanwaltschaft bei Jugendgericht)

%

41

96

137

43

99

142

29, 9 30, 3

70, 1 69, 7


Tabelle 8 : Ergebnis der Gerichtsverfahren – Prozentsätze 1 – Rücknahme der Anzeige

18,6

2 – hängiges Verfahren

65,1

3 – Verurteilung der gewalttätigen Person / Strafzumessung auf Antrag der Parteien

7,0

4 – Freispruch

9,3

Summe

100,0

Schlussbemerkungen Aus dem vorliegenden Bericht können nur provisorische Schlussfolgerungen gezogen werden, da die verarbeiteten Daten bislang ein einziges Arbeitsjahr (das Startjahr!) umfassen. Trotzdem können wir uns davon ausgehend ein Bild vom Netzwerk, von den Dienstnutzerinnen, von den Bedürfnissen der Frauen und von der Art der jeweils erlittenen Gewalt machen. Die Anzahl der Fälle ist jedoch noch zu gering, um die Beziehungen zwischen Opfer und Täter, die Dynamik der verschiedenen Gewaltformen und die Reaktion der Dienststellen im Detail zu analysieren und daraus Indikatoren in Bezug auf die Wirksamkeit des Netzwerks oder das Auftreten der verschiedenen Gewaltformen auf dem Territorium oder auch nur in Bezug auf eventuelle Probleme der Netzwerkdienste zu erarbeiten. Um die mühsame und verdienstvolle Arbeit zu ehren, die das Personal bei der Datenerhebung geleistet hat, werden wir nachfolgend eine Übersicht der wichtigsten Elemente liefern, die aus der Datenanalyse hervorgehen. Wir fangen dabei von der Beschreibung der Frauen an, die sich an die Netzwerkstellen gewandt haben. Es handelt sich mehrheitlich um Frauen italienischer Nationalität zwischen 30 und 45 Jahren. Zirka ein Drittel ist jünger als 30, ein Fünftel über 46. Die Mehrheit der Frauen leben im Paar (verheiratet oder Wohngemeinschaft) und haben eine Arbeit oder eine Rente und verfügen somit über eine eigene Einnahmequelle (59,7%). Die meisten besitzen ein höheres Ausbildungsniveau als der Durchschnitt der in der Gemeinde und in der Provinz ansässigen Frauen. Es gibt aber auch einen Anteil der Opfer, die arbeitslos sind und sich in einer präkären ökonomischen Lage befinden. Zirka 55% der betreuten Frauen gibt an, Schwierigkeiten zu haben, den Unterhalt für sich selbst und die (eventuellen) Kinder zu zahlen. Dieser Umstand versetzt sie in eine Situation objektiver “Schwäche”, die vermehrt Männergewalt zur Folge haben kann. Es sei dabei darauf hingewiesen, dass ein (wenn auch kleiner) Anteil der Frauen eine der beiden Landessprachen nicht oder nur unzulänglich kennt und sich nicht frei bewegen kann/darf. Es handelt sich oft um ausländische Frauen (45,4%), die zum Großteil aus Osteuropa oder Afrika stammen. Hilfesuchende Frauen leben meist mit ihren Kindern und dem Partner zusammen. Es ist erschreckend zu wissen, dass die Hälfte von ihnen mit dem Mann zusammenlebt, der Gewalt gegen


sie ausübt. Ein signifikanter Teil der Frauen, die von den Netzwerkdiensten aufgenommen wird, lebt demgemäß in geschützten Einrichtungen und in Frauenhäusern. Wie überall wird auch in Bozen die Gewalt in der übergroßen Mehrzahl der Fälle (82%) innerhalb der Familie ausgeübt (häusliche Gewalt), während Gelegenheitsangriffe, Mobbing am Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung eher selten sind. Was die Art der erlittenen Gewalt anbelangt, so überschneiden sich meist verschiedene Modalitäten. Erstellt man eine Rangordnung anhand ihres relativen Gewichts, so steht psychologische Gewalt an erster Stelle, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit größerem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking haben eine geringere Inzidenz, sexuelle Belästigungen sind selten. Diese Daten bestätigen die Ergebnisse anderer Erhebungen und belegen den Umstand, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, ein Kontinuum darstellen, sich überschneiden und ständig interagieren. Das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Gewaltformen zeichnet stets besonders gefährliche Situationen aus. Das eigene Zuhause ist für Frauen der gefährlichste Ort, und dies gilt für alle Formen der Gewalt (mit der Ausnahme von Belästigungen und Stalking). Daheim ist auch die Intensität der Gewalt stärker als anderswo, angefangen von der ökonomischen Gewalt, die fast ausschließlich innerhalb der eigenen vier Wände und der eigenen Familie ausgeübt wird. Körperliche, psychologische und sexuelle Gewalt finden auch fast immer in der gemeinsamen Wohnung statt. Sogar Stalking und Verfolgung finden ein Drittel der Male zu Hause statt. Auch die öffentlichen Räume (Straßen, Parkplätze, Parks und Gaststätten) sind für Frauen gefährlich: Es finden dort Stalking sowie sexuelle und psychologische Gewalt statt. Die am Arbeitsplatz meistverbreitete Form der Gewalt ist das Stalking, gefolgt von der sexuellen, der ökonomischen und der psychologischen Gewalt. Schulen und Freizeiträume sind besonders oft Schauplatz von Stalking. Die Gewalt wird von den meisten Frauen als eine Art Kontinuum erlebt, als ein Element, das sich ohne Unterbechung von der Vergangenheit bis zur Gegenwart erstreckt und den konkreten, tagtäglichen Lebensablauf charakterisiert. Aus der Erhebung geht hervor, dass oft wichtige Ereignisse und Lebensetappen innerhalb des Paars oder der Familie - wie zum Beispiel Schwangerschaft, Ehe und Trennung - zum Ausbruch der Gewalt beitragen. Dies bestätigt zum wiederholten Male, dass die häusliche Sphäre und die Familie die Hauptbühne für Gewalttaten darstellen. Im Falle von ausländischen Frauen stellen zusätzlich dazu die Einwanderung selbst (mit der manchmal die sexuelle Ausbeutung beginnt) sowie die Zusammenführung mit anderen Familienmitgliedern besonders heikle Momente dar. Bei den Tätern handelt es sich zum Großteil (66%) um italienische Staatsbürger und es sind vergleichmäßig mehr als die italienischen Gewaltopfer, während bei Tätern aus Osteuropa und Afrika der Prozentsatz geringer ist als jener der Opfer mit gleicher Herkunft. Dieser Umstand weist darauf hin, dass die stereotypische Annahme, bei den Tätern handle es sich vorwiegend um Ausländer, irreführend ist. Männer italienischer Abstammung üben häufiger als Ausländer Gewalt sowohl gegen italienische als auch gegen ausländische und junge Frauen aus.


Das bisher skizzierte Bild zeigt eindeutig, dass die Spuren der Gewalt gegen Frauen immer zur Familie führen: Hauptübeltäter sind die gegenwärtigen oder ehemaligen Ehemänner, Verlobten und Partner. Erstere greifen öfter zur ökonomischen, psychologischen und körperlichen Gewalt, während ehemalige Partner dazu neigen, Frauen durch Stalking, Verfolgung und körperliche Misshandlung zu verletzen. Wie bereits gesagt, ist die Trennungsphase der Moment im Leben einer Frau, der unter dem Sicherheitsprofil zu den schwierigsten und gefährlichsten zählt. Nicht nur Partner und ex-Partner, sondern auch Eltern, Verwandte und Freunde üben Gewalt gegen Frauen aus, während nur sehr selten unbekannte Männer zu Tätern werden (meist in Fällen von sexueller Ausbeutung und Menschenhandel sowie Zuhälterei). Erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, der Frauen dazu bewegt, sich an die Dienststellen zu wenden. Es ist jedoch wichtig, dass auch versteckte oder getarnte Gewaltfälle zur Sprache kommen. Dies kann erfolgen, wenn das Fachpersonal die Lage erkennt und direkte Fragen an die betreffende Frau stellt, oder wenn die betreffende Frau das Thema indirekt oder als “Nebensache” aufwirft. Die Aufdeckung der versteckten Gewaltfälle ist besonders wichtig und es ist von wesentlicher Bedeutung, über spezialisiertes Kontaktpersonal zu verfügen, das imstande ist, implizite Gewalt im Erlebten zu erkennen und zur Sprache zu bringen. Im Einklang mit dem bisherigen Bild ist die Tatsache, dass die absolute Mehrheit der Frauen, die Kontakt zu den Netzwerkdienststellen aufgenommen haben, von den Kontaktstellen gegen Gewalt und den Frauenhäusern betreut werden bzw. in geschützten Wohnungen leben, während ein kleinerer Anteil von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen unterstützt werden. Das Wissen um die Unterstützungsmöglichkeiten, die das Netzwerk gegen die Gewalt an Frauen anbietet, stellt ein strategisches Element im Rahmen der politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Gewalt und zur Unterstützung der hilfesuchenden Frauen dar. Die Ergebnisse der Beobachtungsstelle zeigen, dass die Netzwerksynergie diesbezüglich sehr groß ist: 50% der Frauen haben die Netzwerkdienste durch das Netzwerk selbst kennengelernt. In der ersten Kontaktphase spielen zudem FreundInnen und Familienmitglieder eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, sich an die vorhandenen Dienststellen zu wenden. Freundinnen und Bekannte sind und bleiben in den meisten Fällen die ersten Ansprechpartnerinnen hilfesuchender Frauen. Was die Netzwerkdienste anbelangt, so stellen meist die Sozialdienste den ersten Anlaufpunkt dar, der den Frauen Informationen liefert und sie an andere Stellen weiterleitet. Gleich nach den Sozialdiensten befinden sich in dieser Rangordnung die Sicherheitskräfte und die Fachdienste (Beratungsstellen, geschützte Wohnungen, Kontaktstellen gegen Gewalt). Zusätzlich zur Soforthilfe durch die geschützten Wohnstrukturen für gefährdete Frauen und Kinder liefern die Netzwerkdienste den Frauen Unterstützung auf ihrem Weg aus der Gewalt, das eines der wesentlichen Ziele der entsprechenden Maßnahmen darstellt. Zu den möglichen Maßnahmen, die diesen Weg erleichtern, gehört auch der Zugriff auf gesetzlich vorgesehene Instrumente wie Anträge auf Wegweiseanordnungen oder Annäherungsverbote, straf- und zivilrechtliche Klagen oder Meldungen beim Jugendgericht. Bereits in der ISTAT-Erhebung aus dem Jahr 2006 stach die Stadt Bozen im Vergleich zu den anderen italienischen Städten wegen der hohen Anzahl an Anzeigen hervor. Die vorliegende Datenerhebung bestätigt diesen Trend: 30% der von den Netzwerkdiensten betreuten Frauen hat den Täter bei den Behörden angezeigt, ein gleich hoher Prozentsatz hat beim Jugendamt Fälle von Gewalt gegen Minderjährigen gemeldet. Es handelt sich


um ein hervorragendes Ergebnis, das nach Ende der noch laufenden Verfahren auch hinsichtlich der gerichtlichen Ergebnisse 端berpr端ft werden muss.


Das Bozner Netzwerk der Dienste für Frauen in Gewaltsituationen – Erstes Tätigkeitsjahr1 von Maura Misiti, statistische Datenbearbeitung von Marcella Prosperi* Einführung Die Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das weltweit eine zunehmende Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Vereine, Bewegungen, internationale Behörden und nicht zuletzt die internationale Öffentlichkeit sind sich immer stärker bewusst, dass es sich um eine globales Problem handelt und üben dementsprechend Druck aus. Auch die Medien tragen dazu bei, die dramatische Eskalation von Gewalttaten gegen Frauen sichtbar zu machen und zu dokumentieren. Im neuesten Sonderbericht von Rachida Manjoo (UNO-Berichterstatterin) über die genderbasierten Tötungen, der im Juni 2012 veröffentlicht wurde (CHR, 2012), wird der Frauenmord als Extremausdruck der vielen, verschiedenen Formen von Gewalt, die gegen Frauen ausgeübt wird, definiert, als letzte, tödliche Folge eines tragischen Kontinuums. Im Bericht wird unterstrichen, dass dieses Phänomen alarmierende Ausmaße erreicht hat und die Gewalt gegen Frauen immer noch akzeptiert, toleriert und gerechtfertigt wird, weil sie kulturell und sozial stark verwurzelt ist. Der Bericht endet mit einer Reihe von Empfehlungen an die UNO-Mitgliedsstaaten, damit sie ihrer Pflicht, das Phänomen zu bekämpfen, sorgfältig nachkommen. Im Vorjahr (2011) hatte die Berichterstatterin bereits einen Spezialbericht über die Gewalt gegen Mädchen und Frauen erstellt, worin sie den komplexen Rahmenkontext beschreibt, in dem sich verschiedene Formen von Diskriminierung überschneiden, gegenseitig verstärken und so zu einer stetigen Zuspitzung des Phänomens der Gewalt gegen Frauen führen. Der Bericht endete mit der Empfehlung, einen ganzheitlichen Ansatz gegen die genderbasierte Gewalt anzuwenden, um gleichzeitig sowohl die strukturellen Elemente als auch die jeweiligen Diskriminierungsfaktoren zu berücksichtigen. Wenn das Thema der Gewalt gegen Frauen als übergreifendes Phänomen dargestellt wird, das die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte sowie sämtliche Zivilrechte betrifft, fällt es den Policy Makers leichter, die Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Diskriminierungsformen und die Vielfalt der tatsächlichen Gewaltformen zu begreifen. Dieser mehrdimensionale Ansatz erfordert den Einsatz von Personal- und Materialressourcen für die Bewertung und Überprüfung der Auswirkung der im Bereich Gewalt und Diskriminierung getroffenen Maßnahmen, verabschiedeten Gesetze und geleisteten Dienste, einschließlich der Unterstützung der Opfer und des Schadenersatzes. Zu den Aktionen, die die Berichterstatterin vorschlägt, gehören auch öffentliche Maßnahmen im Bereich der Erziehung, um stereotypische Wertvorstellungen und Vorurteile abzubauen, von denen sich die Gewalt gegen Frauen ernährt. In lokaler Hinsicht ist es hier wichtig, auf die Mission zu verweisen, die die Berichterstatterin 2011 in Italien durchführte. In ihrem Bericht über die italienische Situation unterstrich sie, dass die häusliche Gewalt das am meisten verbreitete Gewaltphänomen ist. Weniger als ein Fünftel der * IRPPS-CNR


Opfer erachtet die erlittene Gewalt als Straftat, ein Drittel betrachtet sie als „normal“, nur ein Viertel hält eine Vergewaltigung oder eine versuchte Vergewaltigung für strafbar. Die Verdeckung dieses Phänomens hat sowohl mit seiner geringen Sichtbarkeit als auch mit der Tatsache zu tun, dass die Frauen eher selten Anzeige erstatten, da sie meist wirtschaftlich von den Tätern abhängen und zudem der Ansicht sind, dass der Staat nur wenig oder gar nichts unternehmen wird. Die ununterbrochene häusliche Gewalt spiegelt sich in der steigenden Anzahl von Frauen wider, die vom (oft ehemaligen) Partner, Ehemann oder Lebensgefährten ermordet werden2. Um das Thema der Gewalt in Italien wirklich zu verstehen, müssten viele Fragen ausgehend von den großen Schwierigkeiten aufgeworfen werden, gegen die die Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt täglich kämpfen müssen. Da sie nur mangelnd finanziert werden, können sie den Frauen, die Opfer von Gewaltsituationen sind, immer seltener angemessenen Beistand anbieten. Dies hat negative Auswirkungen auf die Anerkennung der Gewaltsituationen selbst, auf die Unterstützung der Frauen und ihrer Kinder, auf die Eingliederung der wirtschaftlich Schwächeren in die Arbeitswelt. Zu den wichtigsten Bemerkungen der Berichterstatterin gehört mit Sicherheit die Vorhaltung, dass die Institutionen, die Regierung und die Zivilgesellschaft im Falle der Gewalt gegen Frauen noch viel zu wenig auf getrennte statistische Daten zurückgreifen. Die „jüngste“ offizielle Datenerhebung (ISTAT-Bericht “Gewalt gegen Frauen in und außerhalb der Familie”) stammt aus dem Jahr 2006 (!). Geschlechtsspezifische, aktualisierte Daten und Statistiken sind von äußerster Wichtigkeit, um angemessene Gesetze, Maßnahmen und Programme zu entwerfen und umzusetzen und sie auf ihre Wirksamkeit hin zu evaluieren. Der Datenaustausch zwischen allen beteiligten Stellen – d.h. auch den zuständigen Ministerien, den Sicherheitskräften, den Gerichtsbehördern und den Fachorganisationen – stellt dazu eine notwendige Voraussetzung dar. Auch die CM-Rec 2002(5) empfohl u.a. die Durchführung spezifischer Untersuchungen und die Einholung von speziellen Daten zur Bemessung des Phänomens sowie zur Kontrolle der Wirksamkeit der angewandten Maßnahmen. All dies wurde, wie gesagt, von der Berichterstatterin bestätigt und steht im erst kürzlich unterzeichneten Abkommen von Istanbul Schwarz auf Weiß geschrieben. Das Abkommen muss durch entsprechende Anpassungsmaßnahmen ratifiziert werden. Zum ersten Mal ist im Dokument zudem ausdrücklich von Zwangsheirat die Rede und es werden detaillierte Vorgaben in Bezug auf die vorgesehenen Untersuchungen und Datenerhebungen aufgelistet. Die Erfahrung der Bozner Beobachtungsstelle Vor diesem Hintergrund ist vor einem Jahr das Bozner Netzwerk der Dienste entstanden, die den Gewaltopfern Unterstützung anbieten. Nachfolgend werden die Ergebnisse der bisherigen Arbeit dieses Netzwerks vorgestellt, das Fachstellen wie das Zentrum gegen Gewalt, öffentliche Sicherheitsbehörden und Vereine, die auf spezifische Bedürfnisse eingehen, untereinander verbindet. Im Gründungsjahr 2012 befassten sich die Netzwerkdienste mit insgesamt 145 Gewaltfällen und verhalfen den betroffenen Personen, sich teilweise oder gänzlich von der jeweiligen Gewaltsituation zu befreien. Die Fragebögen wurden zwar aufmerksam ausgefüllt, doch bei einer solch begrenzten statistischen Anzahl kann der Ausfall von auch nur wenigen Daten bereits Probleme verursachen. Es kann 2

(CEDAW/C/ITA/Q/6/Add.1)


durchaus sein, dass es beim Ausfüllen der Bögen einfach objektive Schwierigkeiten gab, die erwünschte Information einzuholen: Es handelt sich dabei insbesondere um die Angaben über den Täter, Lücken gibt es aber auch in Bezug auf die Arbeitssituation der Frauen und über die Elemente, die den ersten Gewaltausbruch verursacht und zur eventuellen Anzeige geführt haben. Auch die Zusatzfragen, die die Interaktion zwischen den verschiedenen Netzwerkdiensten betreffen, wurden nur teilweise beantwortet: Es muss untersucht werden, wieso es diesbezüglich Schwierigkeiten gab. In anderen Fällen (Nichtangabe des Berufsprofils und des Geschlechts der Fachperson aus dem Netzwerk) könnte es sich lediglich um Flüchtigkeitsfehler handeln. Die nachfolgende Tabelle gibt Aufschluss über die Dienste, die an der Datenerhebung mittels Fragebögen teilgenommen haben, deren Daten in die Datenbank der Beobachtungsstelle einfließen. Für jeden Fall, der von einer Netzwerkdienststelle behandelt wird, wird ein entsprechendes Datenblatt ausgefüllt.

Tabelle 1: Die Netzwerkdienste, die an der Erhebung teilgenommen haben prozentuelle Daten Dienststelle, die den Erhebungsbogen ausgefüllt hat

Dienstnutzerinnen

- absolute und

Prozentsatz

Haus der geschützten Wohnungen

14

9,7

Kontaktstelle gegen Gewalt – Frauenhaus GEA

81

55,9

CSM

8

5,5

Polizeidirektion (Quästur) Bozen

4

2,8

BSB Sozialsprengel Europa Neustift

6

4,1

Verein LA STRADA/DER WEG Bereich Frau

5

3,4

Verein Volontarius – Straßenprojekt

1

,7

Vereinigung Frauen-NISSA'

2

1,4

BSB Sozialsprengel GRIES

4

2,8

12

8,3

Stadtpolizei

1

,7

BSB Sozialsprengel Don Bosco

1

,7

Haus Margaret Caritas

5

3,4

Familienberatungsstelle AIED

1

,7

Familienberatungsstelle l'ARCA


Insgesamt

145

100,0

Wie aus der Grafik 1 ersichtlich, wurden Frauen, die sich an eine Netzwerkstelle gewandt haben, vorwiegend in Obhut des Fachpersonals der Kontaktstellen gegen Gewalt oder des Personals der Sozialdienste genommen. In geringerem Ausmaß nahmen sich ihrer von Psychologinnen und Mediatorinnen an, der Beitrag der Polizeikräfte war fast unerheblich.

Grafik 1: Fachpersonal, das den Erhebungsbogen ausgefüllt hat – absolute Daten

SozialassistentIn SozialbetreuerIn

Betreuerin Koordinatorin KrankenpflegerIn

Psychologin

Erzieherin Mediatorin

Polizei

Die absolute Mehrheit der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt hat, wohnt in Bozen, nur ein kleiner Anteil ist anderswo ansässig. Die Hälfte der Frauen hat ein Alter zwischen 30 und 45 Jahren, ein Drittel ist jünger als 30 Jahre und ein Fünftel älter als 46. Mehr als die Hälfte der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind italienischer Staatsbügerschaft, 21% stammen aus Osteuropa, 10% aus Afrika. Der Anteil an ausländischen Frauen unter den Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, ist größer als der Anteil an ausländischen Frauen, die Anfang 2011 in der Stadt Bozen ansässig waren (13% nach ISTAT-Daten)3. Frauen, die in einer Paarbeziehung leben (Ehemann oder Lebensgefährte), machen 55% der Opfer aus. Es folgen alleinstehende Frauen (27%) und Witwen oder geschiedene Frauen.

3

Istat, Geo Demo, Popolazione straniera residente al 1° gennaio 2011 per età e sesso,


Grafik 2 :Soziodemografische Merkmale der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Familienstand, Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter getrennt oder verwitwet verheiratet oder zusammenlebend ledig Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Die soziodemografische Struktur der Gewaltopfer auf lokaler Ebene weicht von jener, die aus den ISTAT-Daten über die Arbeitskräfte hervorgeht, ab. Beruf und Studientitel der Frauen mit mehr als 15 Jahren, die Anfang 2012 die in der Provinz Bozen wohnten und sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind relativ hoch. Dies hängt sowohl vom beträchtlichen Anteil an Frauen mit höheren Studientiteln als auch vom geringen Anteil an Frauen ohne Studientitel ab. Beim Vergleich


mit den italienweiten Daten muss jedoch berücksichtigt werden, dass die ISTAT-Bevölkerung altersmäßig umfassender ist und Ausbildungsunterschiede somit wahrscheinlicher sind.

Tabelle 2: Bevölkerung, Frauen über 15 Jahre, Daten getrennt nach Studientiteln – Südtirol und Italien, 2012 Autonome Provinz Bozen

Italien

Grundschulabschluss, kein Studientitel

20,5

25,8

Mittelschulabschluss

32,5

28,3

Berufsschulzeugnis 2-3 Jahre (berufliche Qualifikation)

15,3

5,7

Oberschulzeugnis 4-5 Jahre (Abitur/Staatsprüfung)

21,5

27,8

Hochschulabschluss und Doktorat

10,2

12,4

Summe

100,0

100,0

Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012


Grafik 3: Erwerbsstatus der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Angestellte arbeitslos Hausfrau Rentnerin Schülerin oder Studentin Freiberuflerin

Mehr als die Hälfte der Dienstnutzerinnen (53%) ist berufstätig. Es handelt sich dabei vorwiegend um Angestellte, nur ein kleiner Anteil ist freiberuflich tätig. 7% sind Rentnerinnen und die restlichen 40% sind wirtschaftlich unselbständig, entweder weil arbeitslos (29%) oder weil Hausfrau (7,8%) oder Studentin (3,9%). Vergleicht man diese Daten mit den ISTAT-Erhebungen 2012 und den Daten der Gemeinde Bozen aus dem Jahr 2011, so ist die Beschäftigungsrate der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste wenden (52,7%), niedriger als jene der Autonomen Provinz (64,8% ) und der Gemeinde (65,5%), während die Arbeitslosenquote (28,7%) sehr viel höher ist (Provinz 4,8%, Gemeinde 3,5%). Tabelle 3: Wirtschaftsindikatoren Autonome Provinz Bozen, Verteilung auf Nationalebene Frauenarbeits- FrauenQuote der losigkeitsquote beschäftinichterwerbstätigen gungsquote Frauen 4,8 64,8 18,2

Autonome Provinz Bozen 8,6 Nord 11,0 Zentrum 19,3 Süd 11,9 Italien Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012

57,0 52,3 31,6 47,1

37,7 41,2 60,7 46,5

Was die berufstätigen Frauen betrifft, so haben mehr als die Hälfte unbefristete Arbeitsverträge, während ca. 40% prekäre Arbeitsstellen besetzen. Dementsprechend verfügen nur 44% der Frauen über Einnahmen, die für sich selbst und die eigenen Kinder ausreichen. Es sei unterstrichen, dass


7% bis 8% der Frauen, die von den Netzwerkdiensten unterstützt werden (d.h. 11 Frauen), erklärt haben, sich nicht frei bewegen zu dürfen und eine oder mehrere Landessprachen nicht zu beherrschen. In Bezug auf die Familienlage erklären die meisten Frauen, die sich an die Dienste wenden, mit Kindern und Partner zusammenzuleben. Ein signifikanter Anteil lebt in Wohngemeinschaften oder geschützten Wohneinrichtungen (inkl. Kinder). Nur ein kleiner Prozentsatz lebt allein oder mit den Eltern, mit Verwandten oder mit FreundInnen. Fast die Hälfte (48,8%) der nicht allein lebenden Frauen hat angegeben, dass sie mit der Person zusammenleben, die Gewalt gegen sie ausübt.

Grafik 4 : Wohnsituation der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - Multiple Choice-Antworten, Prozentsätze

mit Kindern mit dem Partner in Wohngemeinschaft allein mit den Eltern mit anderen Verwandten mit FreundInnen mit den Schwiegereltern

Art der Gewalt In der übergroßen Mehrheit der Fälle (82%) erfolgt die Gewaltausübung im Rahmen der Familie. Gelegenheitsangriffe, Mobbing auf dem Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung sind hingegen seltener (Grafik 5). Grafik 5: Art der Gewalt, die die Dienstnutzerinnen der Netzwerkdienste erlitten haben Prozentsätze


erlittene Gewalt sexuelle Ausbeutung und/oder Ausbeutung als Arbeitskraft Mobbing (auf dem Arbeitsplatz) Gelegenheitsangriffe Häusliche Gewalt

Was die Großkategorie der häuslichen Gewalt anbelangt, so betrifft diese in erster Linie italienische Frauen, gefolgt von Frauen aus Osteuropa, während Frauen aus anderen Ländern weniger davon betroffen sind. Weitere Risikofaktoren, die die Bozner Frauen für häusliche Gewalt anfällig machen, sind folgende: feste Partnerschaft (Ehe), Alter zwischen 30 und 45 Jahren, hoher Studientitel, arbeitslos, Rentnerin. Italienische Frauen sind auch in Bezug auf Mobbing besonders anfällig (insbesondere, wenn es sich um Angestellte handelt), während afrikanische und osteuropäische Frauen stärker sexuell und beruflich ausgebeutet werden. Gelegenheitsangriffe scheinen hingegen nicht von der geografischen Herkunft der Opfer abzuhängen, sondern von ihrem Alter und dem Familienstand (unverheiratet).

Modalitäten der Gewaltausübung Wie aus Untersuchungen und Studien bereits bekannt, summieren und überschneiden sich laut Angaben der Dienstnutzerinnen verschiedene Gewaltmodalitäten, die eine Art Kontinuum bilden. Geht man von den Daten der ausgefüllten Fragebögen aus, so ist die meistverbreitete Form der Gewalt die psychologische Gewalt, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit weitem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking sind weniger signifikant, sexuelle Belästigung ist selten. Diese Rangordnung entspricht sowohl den Ergebnissen der Bozner Erhebung


als auch den Bezugsdaten (Tabelle 4) des nationalen Vereinsnetzes DiRe4 (DiRe, 2012), das die Zahlen, die die Tätigkeit der Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt im Jahr 2011 betreffen, gesammelt hat und somit eine passende Vergleichsbasis liefert. Wie gesagt überschneiden sich die Ergebnisse der beiden Erhebungen. Aus dem DiRe-Bericht geht zudem hervor, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben von Gewaltopfern ein Kontinuum bilden und ständig interagieren. Bei gleichzeitiger Ausübung verschiedener Gewaltmodalitäten steigt natürlich auch die Gefährlichkeit der Situation. Tabelle 4 : Von den Fachkräften gemeldete Art der Gewaltausübung – Multiple-Choice-Antworten, Prozentsätze

Art der Gewalt

körperliche Gewalt

% der Antworten

% der Fälle

absolute Werte (Anzahl der Antworten)

Daten Dire 2011 (% der Fälle)

27,0

67,6

114

47,0

8,5

21,4

36

14,2

psychologische Gewalt

37,1

80,7

157

54,4

ökonomische Gewalt

14,4

37,9

61

24,0

Stalking

9,9

16,6

42

9,3

Belästigung

3,1

7,6

13

-

Antworten insgesamt (Multiple Choice)

100

231,8

423

148,3

sexuelle Gewalt

Orte der Gewalt Das eigene Zuhause ist der Ort, der für Frauen am gefährlichsten ist. Dies gilt für alle Gewaltformen (weniger für sexuelle Belästigungen und Stalking). Die häusliche Gewalt hat zudem einen besonders hohen Intensitätgrad (man denke z.B. daran, dass die ökonomische Gewalt zu 84%, d.h. fast zur Gänze, zu Hause und in der Familie ausgeübt wird). Daheim entfalten sich aber auch alle anderen Gewaltformen mit besonderer Häufigkeit. Das Netzwerkpersonal hat angegeben, dass die meisten Fälle von körperlicher, psychologischer und sexueller Gewalt zu Hause stattfinden; auch Stalking und Verfolgung werden in einem Fall von drei im häuslichen Kontext ausgeübt. (Grafik 6). Öffentlichen Orte (Straßen, Parkplätze, Parks und Gastbetriebe) sind für Frauen auch nicht ungefährlich, insbesondere in Bezug auf Stalking und sexuelle, psychologische und ökonomische Gewalt. Auf dem Arbeitsplatz steht hingegen gerade das Stalking ganz oben auf der Liste, gefolgt von sexueller, ökonomischer und psychologischer Gewalt. In den Freizeiträumen der Schulen werden immer öfter Stalkingfälle verzeichnet.

1 D.i.Re.,Donne in Rete contro la violenza, Rilevazione dati 2011, 2012


Grafik 6 : Orte der Gewaltausübung aufgeteilt nach Art der Gewalt - Prozentsätze

Stalking Sexuelle Gewalt Psychologische Gewalt Körperliche Gewalt Ökonomische Gewalt Andere Orte

Schule + Freizeitstätten

Öffentliche Orte + Gastbetriebe

Arbeitsplatz

Zuhause


Grafik 7 : Zeitraum der Gewaltausübung, Daten aufgeschlüsselt nach Art der Gewalt

aktuell

Ökonomische Gewalt

in der Vergangenheit

Körperliche Gewalt

sowohl in der Vergangenheit als auch aktuell

Psychologische Gewalt

Stalking

Sexuelle Gewalt

Gewalterfahrungen stellen ein Kontinuum im Leben der meisten Frauen dar, sie sind ein Element, das Vergangenheit und Gegenwart kennzeichnet, eine konkrete Tatsache, mit der sie täglich zu tun haben. Die Gegenwart wird insbesondere bei Stalkingfällen als besonders bedrohlich empfunden, während bei sexueller, körperlicher, psychologischer und ökonomischer Gewalt die Vergangenheit eine besonders schwere Bürde darstellt (Grafik 7). Jede Art von Gewalt scheint zudem ihr eigenes Timing zu haben. Sexuelle Belästigungen sind im Normalfall einmalig, während beim Stalking und der Verfolgung die Standarddauer – wie auch bei der psychologischen Gewalt – zwei bis vier Jahre beträgt. Sexuelle Gewalt hält meist bis zu 10 Jahren an, ökonomische Gewalt sogar noch mehr. Die Mehrheit der Frauen (65%), die von den Dienststellen unterstützt wird, stellt keinen Bezug zwischen der erlittenen Gewalt und spezifischen Ereignissen oder Lebensaspekten her. Der Rest der Dienstnutzerinnen gibt an, dass die Gewalt in einer besonderen oder besonders heiklen Phase begonnen hat: In einem Drittel der Bozner Fälle war die Schwangerschaft oder die Geburt eines Kindes der auslösende Faktor für den Gewaltausbruch, der meist durch verfolgerisches Verhalten und Belästigungen gekennzeichnet ist. Dieses Schema entspricht den internationalen Erkenntnissen5. Aus der Literatur geht hervor, dass die Geburt eines Kindes bei manchen Partnern 5 Brewer J. E., Paulsen D.J. (1999), “A comparison of US and Canadian findings on uxoricide risk for women with children sired by previous partners”, Homicide Studies, 3, 317-332.
Campbell J.C. (2001), “Abuse during pregnancy: A quintessential threat to maternal and child health – so when do we start to act?”, Canadian Medical Association Journal, 164, 1578 - 1579


negative Gefühle wie Eifersucht und Wut erweckt oder den Eindruck erzeugt, einem Zwang ausgesetzt zu sein (insbesondere bei ungeplanten Schwangerschaften). Diese Emotionen sind oft sehr stark und können zu Gewalttaten gegen Mutter und Kind führen. In Italien erleiden nach ISTAT-Daten mehr als 11% der schwangeren Frauen Gewalt durch den Partner. Ganz generell beginnt bei Gewaltopfern der Leidensweg in 13,6% der Fälle gerade während der Schwangerschaft; in 52,5% der Fälle gab es bereits zuvor Gewalt und sie bleibt mit gleicher Intensität auch während der Schwangerschaft bestehen; in 17,2% der Fälle nimmt die Gewalt während der Schwangerschaft zu und nur in 15,9% der Fälle nimmt sie ab. Die Bozner Daten bestätigen diesen Trend und unterstreichen die Gefahren für Mutter und Kind, die daraus entstehen können. Häusliche Gewalt während der Schwangerschaft kann zu ungewollten Schwangerschaftsunterbrechungen, vorzeitigen Geburten und Untergewicht bei der Geburt führen. Die Opfer von häuslicher Gewalt neigen außerdem dazu, gefährliche Gewohnheiten anzunehmen (Rauchen, Alkohol- und Drogenmissbrauch). Körperliche Misshandlungen sind oft auch mit Problemen im Bereich des Fortpflanzungssystems, mit Harnwegentzündungen, Depression und anderen mentalen Krankheiten assoziiert. Gewalt während der Schwangerschaft ist schließlich auch gepaart mit hohen Raten an unerwünschten Schwangerschaften, Schwangerschaften im Jugendalter und Abtreibungen. Grafik 8: Hat die Gewaltausübung zu einem besonderen Zeitpunkt im Leben der Frau stattgefunden bzw. begonnen?

Menschenhandel zwecks Ausbeutung Beginn der Arbeitstätigkeite/ Ende Trennung Eheschließung Schwangerschaft/Geburt der Kinder Schwierigkeiten mit dem Partner

Zu den Ereignissen, die zu einem auslösenden Faktor für die Gewaltausübung in einer Beziehung werden können, gehören auch die Eheschließung, die Zusammenführung von Familien (bei Migrantinnen), Trennung und Scheidung sowie Schwierigkeiten mit dem Partner. Es handelt sich Campbell J.C., Webster D., Koziol McLain J., Block C., Campbell D., Curry M. A., Gary F., Glass N., McFarlane J., Sachs C., Sharps P., Ulrich Y., Wilt S.A., Manganello J., Xu X., Schollenberger J., Frye V., Laughton K., (2003), “Risk factors for femicide in abusive relationships: Results from a multisite case control study”, American Journal of Public Health, 93, 1089-97.


um Anlässe, die sich im Beziehungsleben abspielen und starke Gefühle hervorrufen. Die Schwierigkeit, die eigenen Gefühle unter Kontrolle zu halten, spielt eine ausschlaggebende Rolle beim Entstehen von Gewalt innerhalb einer intimen Beziehung, auch wenn die Kontexte sehr unterschiedlich sind. Bei Trennungen ist Stalking die häufigste Gewaltform, während bei Ehen ökonomische und körperliche Gewalt vorwiegen. Ein Fünftel der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, gibt an, dass die Gewalt mit der sozialen und beruflichen Sphäre verbunden ist (Arbeitstätigkeit, Arbeitswechsel, Migration) und sich vornehmlich in Form von ökonomischer Gewalt und Verfolgung ausdrückt. Ein geringerer aber dennoch bedeutsamer Anteil der Frauen ist Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung. Die für diese Verbrechen typische Gewaltform ist die Vergewaltigung (Grafik 8). In Bozen wurden außerdem auch ein Fall von Genitalverstümmelung und ein Fall von Zwangsheirat verzeichnet.

Wer übt Gewalt gegen Frauen aus? Täter sind insbesondere Ehemänner, Verlobte und Partner (53%) sowie ehemalige Partner (13.6%). Erstere üben vorwiegend ökonomische, psychologische und körperliche Gewalt aus, während ehemalige Partner eine “Vorliebe” für Stalking, Verfolgungsakte und körperliche Misshandlungen haben. Die Daten, die die von ehemaligen Partnern ausgeübte Gewalt betreffen, zeigen, dass die Trennungsphase ein besonders komplexer Übergang ist, bei dem eine eingehende und kompetente Überprüfung einer eventuellen Rückfallgefahr von wesentlicher Bedeutung ist. In 16% der Fälle sind die Täter Familienmitglieder (Eltern und Verwandte), in 11% der Fälle handelt es sich um Freunde und Bekannte. Die Fälle, in denen der Täter eine unbekannte Person ist, sind selten und finden meist im Zusammenhang mit Menschenhandel und mit Zuhälterei statt. Die Daten des Dire-Netzes6 (DiRe, 2011) ermöglichen einen Vergleich zwischen der Bozner Realität und jener auf Nationalebene: Der Fokus liegt in beiden Fällen bei den Intimbeziehungen, da der Partner sowohl in Bozen als in ganz Italien als Hauptverantwortlicher der Gewalttaten hervorgeht. Der von DiRe erhobene Prozentsatz ist jedoch mit 64% bedeutsam höher als jener von Bozen. Dasselbe gilt, in geringerem Ausmaß, für die Daten in Bezug auf die ehemaligen Partner (20% auf Nationalebene). In Bozen ist hingegen die Gewalt gegen Frauen, die von Familienmitgliedern (Eltern und Verwandte) herrührt, häufiger als im Rest Italien (16,2% gegen 8%). Eine ähnliche Abweichung gibt es auch im Falle der von Freunden und Bekannten ausgeübten Gewalt (11% gegen 6%) sowie jener, die von unbekannten Personen ausgeübt wird (3,9% gegen 2%). Grafik 9 : Beziehung zum Gewalttäter - Prozentsätze 6

In diesem Fall beziehen wir uns auf die DIRE-Erhebung 2010, in der die Daten besser aufgeschlüsselt und deswegen

auch besser vergleichbar sind (DiRe, “DATI STATISTICI ANNO 2010: 3° RILEVAZIONE NAZIONALE”).


Zuhälter/Zuhälterin Unbekannte/r Elternteil/Verwandte/r Ehem. Ehemann (ehem. Freund/ehem. Partner) Freund/Bekannter/Arbeitskollege

Profil der gewaltausübenden Personen Zirka die Hälfte der Täter ist zwischen 30 und 45 Jahre alt (51%) und somit ungefähr gleich alt wie die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt sind. Mehr als ein Drittel ist über 46 Jahre alt und nur eine Minderheit ist jünger als dreißig: Dieses Verhältnis ist bei Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wurde, umgekehrt (es wiegen jüngere Frauen vor). Die Täter sind vornehmlich - und in stärkerem Ausmaß als ihre Opfer - italienischer Nationalität (66%), während die Täter aus Osteuropa oder Afrika einen geringeren Prozentsatz als die Gewaltopfer aus diesen Weltteilen ausmachen. Diese Daten belegen, dass italienische Männer häufiger sowohl gegen Italienerinnen als auch gegen Ausländerinnen und jüngere Frauen gewalttätig sind. Die Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wird, haben einen signifikant höheren Ausbildungsgrad als die gewaltausübenden Männer: Der Anteil an Frauen mit akademischem Abschluss ist fast doppelt so große wie jener der Männer; auch der Besitz eines Reifediploms ist bei Frauen häufiger, während Berufsschuldiplome und Mittelschuldiplome bei den Tätern stärker vertreten sind als bei den Opfern. Dieser Umstand müsste näher untersucht werden, um zu verstehen, ob diese kulturelle Differenz einen Zusammenhang mit der ausgeübten Gewalt hat, auch wenn auf Nationalebene keine Verknüpfung dieser Art festgestellt wurde (Istat, 2007). Unter dem Gesichtspunkt der Beziehungen zwischen Gewalttäter (Männer) und Gewaltopfer (Frauen) zeigen die erhobenen Daten, dass für verheiratete Frauen das größte Risiko von ihren Ehemännern ausgeht, während es bei unverheirateten Frauen der ehemalige Partner, ein Freund, ein Bekannter oder ein Kollege sind. Junge, unverheiratete Frauen sind oft Opfer von Eltern und Verwandten. Frauen, die mit ihren Partnern (Ehemann oder Lebenspartner) und/oder ihren Kindern zusammenleben, sind bzw. waren vornehmlich Opfer ihres Partners. Dies gilt auch für die Mehrheit


der Frauen, die derzeit in Frauenhäusern oder in Gemeinschaften leben. Alleinlebende Frauen sind meist Opfer ehemaliger Partner oder von Freunden und Bekannten. In Wohngemeinschaften leben auch auch Frauen, die Opfer von Verwandten oder von Menschhandel waren. In den meisten Fällen handelt es sich bei den Tätern um “normale” Männer, die keine spezifischen Probleme haben, welche ein gewalttätiges Verhalten “hervorrufen” oder verstärken können (wie z.B. Alkohol- oder Drogenmissbrauch, wirtschaftliche oder psychiatrische Probleme usw.). Im Rest der Fälle sind Probleme verschiedener Art vorhanden, es wiegen jedoch Alkoholabhängigkeit und soziale Probleme vor (16% bis 17%), während Drogenmissbrauch und psychiatrische Probleme seltener sind (Tabelle 5). Zum Vergleich sei auf die Istat-Daten 2006 hingewiesen, die bezüglich der gewaltausübenden Männer, die unter der Wirkung von Alkohol oder Drogen stehen, einen etwas geringeren Prozentsatz angeben (13,3%).

Grafik 10: Soziodemografische Merkmale der Gewalttäter und der Gewaltopfer - Prozentsätze

Gewaltopfer


Gewalttäter Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufsschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Tabelle 5: Eventuelle Probleme der gewalttätigen Person (Multiple Choice), Prozentsätze Person ohne offensichtliche Abhängigkeitsprobleme und/oder soziale bzw. psychische Probleme Alkoholiker/Alkoholikerin Drogensüchtige/r Person mit psychiatrischer Störung

46,5% 17,4% 4,9% 1,4%

Person mit sozialen Problemen

16,7%

Keine Erkenntnisse

13,2%

Anwesenheit von Kindern In 60% der Fälle leben mit den Gewaltopfern auch Kinder zusammen; es handelt sich dabei fast immer um Töchter und Söhne der Opfer, nur selten besteht eine andere Art von Verwandtschaft. In der Mehrheit der Fälle erleben die Kinder die Gewalt direkt oder indirekt mit. Fast die Hälfte (44%) erlebt Gewalttaten direkt mit, ein Viertel ist während der Vorfälle nicht direkt anwesend, weiß aber, dass Gewalt ausgeübt wird (24%). Beträchtlich ist auch der Anteil an Kindern, die direkte Gewalt erleiden, während der Prozentsatz an Kindern, die weder direkt noch indirekt der Gewalt beiwohnen oder Opfer davon sind, sehr geringfügig ist. Die Art der miterlebten oder erlittenen Gewalt stimmt fast immer mit der der Mutter zusammen. Aus den erhobenen Daten geht eine starke direkte Einbindung der Minderjährigen in die Gewalt und eine sowohl körperliche als auch psychologische Gefährdung hervor. Das Verhaltensmuster der Täter ist typischerweise stets dasselbe. Laut der zitierten ISTAT-Studie gaben 62,4% der Frauen, die Opfer von Männergewalt sind, an, dass ihre Kinder einem oder mehreren Gewaltszenen beigewohnt haben (davon 19,6% nur in seltenen Fällen, 20,2% manchmal und 22,6% oft). Tabelle 6: von Minderjährigen erlittene Gewalt (Multiple Choice), Prozentsätze


Körperliche Gewalt in direkter Form

11,4%

Psychologische Gewalt in direkter Form

15,2%

Ökonomische Gewalt in direkter Form

3,0%

Miterlebte Gewalt in direkter Form

43,9%

Miterlebte Gewalt in indirekter Form

23,5%

Nein

3,0%

Die Dienststellen und das Netzwerk Der Fragebogen sah eine offene Frage in Bezug auf die Kenntnis der Dienste vor, die vom Netzwerk angeboten werden. Die Art und Weise, wie Dienstnutzerinnen von den Diensten erfahren, ist eine extrem wichtige Information: Sie gibt Aufschluss darüber, inwieweit das Wissen über die bestehenden Dienste gegen Gewalt an Frauen unter hilfsbedürftigen Opfern verbreitet ist. In 50% der Fälle haben die Frauen von den Netzwerkdiensten durch das Netzwerk selbst erfahren. Dies ist ein gutes Ergebnis, das auf eine gelungene synergetische Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Knoten des Netzwerks hinweist. In der ersten Phase der Kontaktaufnahme bleibt jedoch die Rolle der FreundInnen und der Familie ausschlaggebend: Freundinnen und Bekannte sind oft die ersten AnsprechpartnerInnen der hilfesuchenden Gewaltopfer und raten ihnen, sich an Dienststellen des Netzwerks zu wenden. Was das Netzwerk selbst betrifft, sind die Sozialdienste – durch die SozialassistentInnen – die Knotenpunkte, die die Fälle zuerst filtrieren und den betroffenen Frauen weiterhelfen, gefolgt von den Sicherheitskräften und den Fachdiensten (Beratungsstellen, Frauenhäuser, Kontaktstellen gegen Gewalt). Weniger aktiv sind diesbezüglich die Fachleute der Gesundheitsdienste (FamilienärztInnen, PsychologInnen, Krankenhäuser). Bedeutsam ist hingegen der Zugriff auf die grünen Telefonnummern und auf Internet, die ein relativ neues Instrument sind, aber dennoch ziemlich bekannt und zuverlässig zu sein scheinen.


Grafik 11 :Wie hat die Frau von der Dienststelle erfahren? (Prozentsätze)

durch eine Freundin, eine Bekannte Sozialdienste, Sozialassistentin Polizei, Ordnungskräfte, Polizeidirektion (Quästur) Familienhaus, Familienberatungsstelle, Gea, Dienststellen Grüne Nummer, Zufall, Internet Verwandte Familienarzt/Familienärztin, Psychologe/Psychologin, Krankenhaus Rechtsanwalt/Rechtsanwältin bereits bekannt keine Angabe

Die erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, weshalb sich Frauen an die verschiedenen Dienste wenden (77%). Es ist extrem wichtig, dass bei den Gesprächen mit dem Personal der Dienste auch die versteckte und verneinte Gewalt belichtet und anerkannt werden. Dies kann entweder durch direkte Fragen erwirkt werden oder als Nebeninformation oder indirekte Auskunft in die Erzählung der betroffenen Frau einfließen. Es handelt sich um ein wichtiges Ergebnis, das von der fachlichen Vorbereitung des Personals der Anlaufstellen zeugt, die so zeigen, dass sie imstande sind, die erlebte Gewalt auch in solchen Fällen zu erkennen und sie aufzudecken. Grafik 12: Wenn das Thema Gewalt von der Frau nicht als Hauptgrund genannt wurde, wer hat dieses Thema zur Sprache gebracht? (Prozentsätze)


Die Frau selbst, als sekundäres Problem Die Frau selbst, jedoch indirekt im Rahmen anderweitiger Erzählungen Die Fachperson durch direktes Fragen

Eine grundsätzliche Bestätigung der Rangordnung der Anlaufstellen für die hilfesuchenden Frauen geht auch aus den Antworten auf die Frage hervor, ob sich die betroffene Frau mit der Bitte um Hilfe auch “an andere” gewandt hat. In diesem Fall waren – anders als bei der vorhergehenden Frage - mehrere Antworten möglich: Die Antworten zeigen, dass die Sicherheitskräfte, die Sozialdienste und die Kontaktstellen gegen Gewalt sowie die FreundInnen der erste Anlaufpunkt sind und den ersten Schritt auf dem Weg aus den Gewalt heraus darstellen (Grafik 13). Es folgen die Familie und andere Dienststellen. Bei 24% der Antworten steht, dass sich die betroffene Frau zuvor an niemand anderen gewandt hat und somit direkt den Dienst als erste Anlaufstelle gewählt hat. Grafik 13: Hat sich die Frau bereits an andere Personen/Anlaufstellen gewandt? (Multiple Choice), Prozentsätze


Ordnungskräfte Nein Freunde/Freundinnen Sozialdienste Frauenhaus/geschützte Wohnungen Verwandte Rechtsanwalt/Rechtsanwältin Eltern Familienberatungsstelle Krankenhaus Psychologischer Dienst Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin) NachbarInnen

Wie gut das Netzwerk funktioniert kann zum Teil anhand der Antworten auf die Frage bezüglich der Interaktion mit anderen Diensten bewertet werden, d.h. ob die Fachperson, die den Fragebogen beantwortet, die betreffende Dienstnutzerin an andere Dienststellen “weitergeleitet” hat. Leider hat fast die Hälfte davon (44%) auf diese Frage nicht geantwortet, was zu einer geringen Gesamtsignifikanz der entsprechenden Daten führt. Die Mehrheit (72%) von jenen, die die Frage beantwortet haben, hat keine Frau an andere Dienste weitergeleitet. Vorwiegendes Ziel der weitergeleiteten Frauen waren die Kontaktstelle gegen Gewalt, die geschützten Wohnungen und das Frauenhaus. Die Situation der von den Netzwerkdiensten Ende 2012 betreuten Frauen ist in der Abbildung 14 beschrieben: Sieht man von den Frauen (13%, d.h. 17 Frauen) ab, die von keiner Dienststelle betreut werden, so wird die absolute Mehrheit der Gewaltopfer von Kontaktstellen und Frauenhäusern unterstützt oder lebt in geschützten Wohnungen, während der Rest von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen betreut wird.

Grafik 14: Wer betraut die Frau mit Blick auf die Gewaltsituation?(Multiple Choice), Prozentsätze


Frauenhaus/geschützte Wohnungen Niemand Sozialdienste Familienberatungsstelle PsychiaterIn/NeuropsychiaterIn Psychologischer Dienst Sozialpädagogische Einrichtung Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin)

Anzeigen bei Gericht Zirka ein Drittel der vom Bozner Netzwerk betreuten Frauen hat eine strafrechtliche Anzeige erstattet oder (im Falle von Minderjährigen) das Jugendgericht benachrichtigt. Es handelt sich um einen sehr hohen Prozentsatz, insbesondere im Vergleich zum italienischen Durchschnittswert, der aus den ISTAT-Erhebungen 2006 hervorgeht (7,3% der Frauen, die Opfer vom Männergewalt sind, erstatteten Anzeige wegen vom Partner ausgeübter körperlicher oder sexueller Gewalt). Die Netzwerkdaten sind besonders erfreulich, weil sie sich nicht nur von den italienweiten Zahlen, sondern auch vom Südtiroler Durchschnitt (13,7%) derselben ISTAT-Studie positiv abheben (es ei darauf hingewiesen, dass Südtirol bereits damals die „beste“ unter den italienischen Regionen war). Da die Mehrzahl der gerichtlichen Verfahren noch läuft, ist es frühzeitig, Schlüsse über das Ergebnis der Anzeigen zu ziehen. Tabelle 7: Gerichtliche Schritte der Frauen, die von den Netzwerkdiensten betreut werden absolute Daten und Prozentsätze Ja

Nein

Sum me

Absolute Daten Strafanzeige/Strafantrag/Klage (Gerichtsbehörde) Anzeige (Staatsanwaltschaft bei Jugendgericht)

%

41

96

137

43

99

142

29, 9 30, 3

70, 1 69, 7


Tabelle 8 : Ergebnis der Gerichtsverfahren – Prozentsätze 1 – Rücknahme der Anzeige

18,6

2 – hängiges Verfahren

65,1

3 – Verurteilung der gewalttätigen Person / Strafzumessung auf Antrag der Parteien

7,0

4 – Freispruch

9,3

Summe

100,0

Schlussbemerkungen Aus dem vorliegenden Bericht können nur provisorische Schlussfolgerungen gezogen werden, da die verarbeiteten Daten bislang ein einziges Arbeitsjahr (das Startjahr!) umfassen. Trotzdem können wir uns davon ausgehend ein Bild vom Netzwerk, von den Dienstnutzerinnen, von den Bedürfnissen der Frauen und von der Art der jeweils erlittenen Gewalt machen. Die Anzahl der Fälle ist jedoch noch zu gering, um die Beziehungen zwischen Opfer und Täter, die Dynamik der verschiedenen Gewaltformen und die Reaktion der Dienststellen im Detail zu analysieren und daraus Indikatoren in Bezug auf die Wirksamkeit des Netzwerks oder das Auftreten der verschiedenen Gewaltformen auf dem Territorium oder auch nur in Bezug auf eventuelle Probleme der Netzwerkdienste zu erarbeiten. Um die mühsame und verdienstvolle Arbeit zu ehren, die das Personal bei der Datenerhebung geleistet hat, werden wir nachfolgend eine Übersicht der wichtigsten Elemente liefern, die aus der Datenanalyse hervorgehen. Wir fangen dabei von der Beschreibung der Frauen an, die sich an die Netzwerkstellen gewandt haben. Es handelt sich mehrheitlich um Frauen italienischer Nationalität zwischen 30 und 45 Jahren. Zirka ein Drittel ist jünger als 30, ein Fünftel über 46. Die Mehrheit der Frauen leben im Paar (verheiratet oder Wohngemeinschaft) und haben eine Arbeit oder eine Rente und verfügen somit über eine eigene Einnahmequelle (59,7%). Die meisten besitzen ein höheres Ausbildungsniveau als der Durchschnitt der in der Gemeinde und in der Provinz ansässigen Frauen. Es gibt aber auch einen Anteil der Opfer, die arbeitslos sind und sich in einer präkären ökonomischen Lage befinden. Zirka 55% der betreuten Frauen gibt an, Schwierigkeiten zu haben, den Unterhalt für sich selbst und die (eventuellen) Kinder zu zahlen. Dieser Umstand versetzt sie in eine Situation objektiver “Schwäche”, die vermehrt Männergewalt zur Folge haben kann. Es sei dabei darauf hingewiesen, dass ein (wenn auch kleiner) Anteil der Frauen eine der beiden Landessprachen nicht oder nur unzulänglich kennt und sich nicht frei bewegen kann/darf. Es handelt sich oft um ausländische Frauen (45,4%), die zum Großteil aus Osteuropa oder Afrika stammen. Hilfesuchende Frauen leben meist mit ihren Kindern und dem Partner zusammen. Es ist erschreckend zu wissen, dass die Hälfte von ihnen mit dem Mann zusammenlebt, der Gewalt gegen


sie ausübt. Ein signifikanter Teil der Frauen, die von den Netzwerkdiensten aufgenommen wird, lebt demgemäß in geschützten Einrichtungen und in Frauenhäusern. Wie überall wird auch in Bozen die Gewalt in der übergroßen Mehrzahl der Fälle (82%) innerhalb der Familie ausgeübt (häusliche Gewalt), während Gelegenheitsangriffe, Mobbing am Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung eher selten sind. Was die Art der erlittenen Gewalt anbelangt, so überschneiden sich meist verschiedene Modalitäten. Erstellt man eine Rangordnung anhand ihres relativen Gewichts, so steht psychologische Gewalt an erster Stelle, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit größerem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking haben eine geringere Inzidenz, sexuelle Belästigungen sind selten. Diese Daten bestätigen die Ergebnisse anderer Erhebungen und belegen den Umstand, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, ein Kontinuum darstellen, sich überschneiden und ständig interagieren. Das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Gewaltformen zeichnet stets besonders gefährliche Situationen aus. Das eigene Zuhause ist für Frauen der gefährlichste Ort, und dies gilt für alle Formen der Gewalt (mit der Ausnahme von Belästigungen und Stalking). Daheim ist auch die Intensität der Gewalt stärker als anderswo, angefangen von der ökonomischen Gewalt, die fast ausschließlich innerhalb der eigenen vier Wände und der eigenen Familie ausgeübt wird. Körperliche, psychologische und sexuelle Gewalt finden auch fast immer in der gemeinsamen Wohnung statt. Sogar Stalking und Verfolgung finden ein Drittel der Male zu Hause statt. Auch die öffentlichen Räume (Straßen, Parkplätze, Parks und Gaststätten) sind für Frauen gefährlich: Es finden dort Stalking sowie sexuelle und psychologische Gewalt statt. Die am Arbeitsplatz meistverbreitete Form der Gewalt ist das Stalking, gefolgt von der sexuellen, der ökonomischen und der psychologischen Gewalt. Schulen und Freizeiträume sind besonders oft Schauplatz von Stalking. Die Gewalt wird von den meisten Frauen als eine Art Kontinuum erlebt, als ein Element, das sich ohne Unterbechung von der Vergangenheit bis zur Gegenwart erstreckt und den konkreten, tagtäglichen Lebensablauf charakterisiert. Aus der Erhebung geht hervor, dass oft wichtige Ereignisse und Lebensetappen innerhalb des Paars oder der Familie - wie zum Beispiel Schwangerschaft, Ehe und Trennung - zum Ausbruch der Gewalt beitragen. Dies bestätigt zum wiederholten Male, dass die häusliche Sphäre und die Familie die Hauptbühne für Gewalttaten darstellen. Im Falle von ausländischen Frauen stellen zusätzlich dazu die Einwanderung selbst (mit der manchmal die sexuelle Ausbeutung beginnt) sowie die Zusammenführung mit anderen Familienmitgliedern besonders heikle Momente dar. Bei den Tätern handelt es sich zum Großteil (66%) um italienische Staatsbürger und es sind vergleichmäßig mehr als die italienischen Gewaltopfer, während bei Tätern aus Osteuropa und Afrika der Prozentsatz geringer ist als jener der Opfer mit gleicher Herkunft. Dieser Umstand weist darauf hin, dass die stereotypische Annahme, bei den Tätern handle es sich vorwiegend um Ausländer, irreführend ist. Männer italienischer Abstammung üben häufiger als Ausländer Gewalt sowohl gegen italienische als auch gegen ausländische und junge Frauen aus.


Das bisher skizzierte Bild zeigt eindeutig, dass die Spuren der Gewalt gegen Frauen immer zur Familie führen: Hauptübeltäter sind die gegenwärtigen oder ehemaligen Ehemänner, Verlobten und Partner. Erstere greifen öfter zur ökonomischen, psychologischen und körperlichen Gewalt, während ehemalige Partner dazu neigen, Frauen durch Stalking, Verfolgung und körperliche Misshandlung zu verletzen. Wie bereits gesagt, ist die Trennungsphase der Moment im Leben einer Frau, der unter dem Sicherheitsprofil zu den schwierigsten und gefährlichsten zählt. Nicht nur Partner und ex-Partner, sondern auch Eltern, Verwandte und Freunde üben Gewalt gegen Frauen aus, während nur sehr selten unbekannte Männer zu Tätern werden (meist in Fällen von sexueller Ausbeutung und Menschenhandel sowie Zuhälterei). Erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, der Frauen dazu bewegt, sich an die Dienststellen zu wenden. Es ist jedoch wichtig, dass auch versteckte oder getarnte Gewaltfälle zur Sprache kommen. Dies kann erfolgen, wenn das Fachpersonal die Lage erkennt und direkte Fragen an die betreffende Frau stellt, oder wenn die betreffende Frau das Thema indirekt oder als “Nebensache” aufwirft. Die Aufdeckung der versteckten Gewaltfälle ist besonders wichtig und es ist von wesentlicher Bedeutung, über spezialisiertes Kontaktpersonal zu verfügen, das imstande ist, implizite Gewalt im Erlebten zu erkennen und zur Sprache zu bringen. Im Einklang mit dem bisherigen Bild ist die Tatsache, dass die absolute Mehrheit der Frauen, die Kontakt zu den Netzwerkdienststellen aufgenommen haben, von den Kontaktstellen gegen Gewalt und den Frauenhäusern betreut werden bzw. in geschützten Wohnungen leben, während ein kleinerer Anteil von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen unterstützt werden. Das Wissen um die Unterstützungsmöglichkeiten, die das Netzwerk gegen die Gewalt an Frauen anbietet, stellt ein strategisches Element im Rahmen der politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Gewalt und zur Unterstützung der hilfesuchenden Frauen dar. Die Ergebnisse der Beobachtungsstelle zeigen, dass die Netzwerksynergie diesbezüglich sehr groß ist: 50% der Frauen haben die Netzwerkdienste durch das Netzwerk selbst kennengelernt. In der ersten Kontaktphase spielen zudem FreundInnen und Familienmitglieder eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, sich an die vorhandenen Dienststellen zu wenden. Freundinnen und Bekannte sind und bleiben in den meisten Fällen die ersten Ansprechpartnerinnen hilfesuchender Frauen. Was die Netzwerkdienste anbelangt, so stellen meist die Sozialdienste den ersten Anlaufpunkt dar, der den Frauen Informationen liefert und sie an andere Stellen weiterleitet. Gleich nach den Sozialdiensten befinden sich in dieser Rangordnung die Sicherheitskräfte und die Fachdienste (Beratungsstellen, geschützte Wohnungen, Kontaktstellen gegen Gewalt). Zusätzlich zur Soforthilfe durch die geschützten Wohnstrukturen für gefährdete Frauen und Kinder liefern die Netzwerkdienste den Frauen Unterstützung auf ihrem Weg aus der Gewalt, das eines der wesentlichen Ziele der entsprechenden Maßnahmen darstellt. Zu den möglichen Maßnahmen, die diesen Weg erleichtern, gehört auch der Zugriff auf gesetzlich vorgesehene Instrumente wie Anträge auf Wegweiseanordnungen oder Annäherungsverbote, straf- und zivilrechtliche Klagen oder Meldungen beim Jugendgericht. Bereits in der ISTAT-Erhebung aus dem Jahr 2006 stach die Stadt Bozen im Vergleich zu den anderen italienischen Städten wegen der hohen Anzahl an Anzeigen hervor. Die vorliegende Datenerhebung bestätigt diesen Trend: 30% der von den Netzwerkdiensten betreuten Frauen hat den Täter bei den Behörden angezeigt, ein gleich hoher Prozentsatz hat beim Jugendamt Fälle von Gewalt gegen Minderjährigen gemeldet. Es handelt sich


um ein hervorragendes Ergebnis, das nach Ende der noch laufenden Verfahren auch hinsichtlich der gerichtlichen Ergebnisse 端berpr端ft werden muss.


Das Bozner Netzwerk der Dienste für Frauen in Gewaltsituationen – Erstes Tätigkeitsjahr1 von Maura Misiti, statistische Datenbearbeitung von Marcella Prosperi* Einführung Die Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das weltweit eine zunehmende Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Vereine, Bewegungen, internationale Behörden und nicht zuletzt die internationale Öffentlichkeit sind sich immer stärker bewusst, dass es sich um eine globales Problem handelt und üben dementsprechend Druck aus. Auch die Medien tragen dazu bei, die dramatische Eskalation von Gewalttaten gegen Frauen sichtbar zu machen und zu dokumentieren. Im neuesten Sonderbericht von Rachida Manjoo (UNO-Berichterstatterin) über die genderbasierten Tötungen, der im Juni 2012 veröffentlicht wurde (CHR, 2012), wird der Frauenmord als Extremausdruck der vielen, verschiedenen Formen von Gewalt, die gegen Frauen ausgeübt wird, definiert, als letzte, tödliche Folge eines tragischen Kontinuums. Im Bericht wird unterstrichen, dass dieses Phänomen alarmierende Ausmaße erreicht hat und die Gewalt gegen Frauen immer noch akzeptiert, toleriert und gerechtfertigt wird, weil sie kulturell und sozial stark verwurzelt ist. Der Bericht endet mit einer Reihe von Empfehlungen an die UNO-Mitgliedsstaaten, damit sie ihrer Pflicht, das Phänomen zu bekämpfen, sorgfältig nachkommen. Im Vorjahr (2011) hatte die Berichterstatterin bereits einen Spezialbericht über die Gewalt gegen Mädchen und Frauen erstellt, worin sie den komplexen Rahmenkontext beschreibt, in dem sich verschiedene Formen von Diskriminierung überschneiden, gegenseitig verstärken und so zu einer stetigen Zuspitzung des Phänomens der Gewalt gegen Frauen führen. Der Bericht endete mit der Empfehlung, einen ganzheitlichen Ansatz gegen die genderbasierte Gewalt anzuwenden, um gleichzeitig sowohl die strukturellen Elemente als auch die jeweiligen Diskriminierungsfaktoren zu berücksichtigen. Wenn das Thema der Gewalt gegen Frauen als übergreifendes Phänomen dargestellt wird, das die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte sowie sämtliche Zivilrechte betrifft, fällt es den Policy Makers leichter, die Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Diskriminierungsformen und die Vielfalt der tatsächlichen Gewaltformen zu begreifen. Dieser mehrdimensionale Ansatz erfordert den Einsatz von Personal- und Materialressourcen für die Bewertung und Überprüfung der Auswirkung der im Bereich Gewalt und Diskriminierung getroffenen Maßnahmen, verabschiedeten Gesetze und geleisteten Dienste, einschließlich der Unterstützung der Opfer und des Schadenersatzes. Zu den Aktionen, die die Berichterstatterin vorschlägt, gehören auch öffentliche Maßnahmen im Bereich der Erziehung, um stereotypische Wertvorstellungen und Vorurteile abzubauen, von denen sich die Gewalt gegen Frauen ernährt. In lokaler Hinsicht ist es hier wichtig, auf die Mission zu verweisen, die die Berichterstatterin 2011 in Italien durchführte. In ihrem Bericht über die italienische Situation unterstrich sie, dass die häusliche Gewalt das am meisten verbreitete Gewaltphänomen ist. Weniger als ein Fünftel der * IRPPS-CNR


Opfer erachtet die erlittene Gewalt als Straftat, ein Drittel betrachtet sie als „normal“, nur ein Viertel hält eine Vergewaltigung oder eine versuchte Vergewaltigung für strafbar. Die Verdeckung dieses Phänomens hat sowohl mit seiner geringen Sichtbarkeit als auch mit der Tatsache zu tun, dass die Frauen eher selten Anzeige erstatten, da sie meist wirtschaftlich von den Tätern abhängen und zudem der Ansicht sind, dass der Staat nur wenig oder gar nichts unternehmen wird. Die ununterbrochene häusliche Gewalt spiegelt sich in der steigenden Anzahl von Frauen wider, die vom (oft ehemaligen) Partner, Ehemann oder Lebensgefährten ermordet werden2. Um das Thema der Gewalt in Italien wirklich zu verstehen, müssten viele Fragen ausgehend von den großen Schwierigkeiten aufgeworfen werden, gegen die die Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt täglich kämpfen müssen. Da sie nur mangelnd finanziert werden, können sie den Frauen, die Opfer von Gewaltsituationen sind, immer seltener angemessenen Beistand anbieten. Dies hat negative Auswirkungen auf die Anerkennung der Gewaltsituationen selbst, auf die Unterstützung der Frauen und ihrer Kinder, auf die Eingliederung der wirtschaftlich Schwächeren in die Arbeitswelt. Zu den wichtigsten Bemerkungen der Berichterstatterin gehört mit Sicherheit die Vorhaltung, dass die Institutionen, die Regierung und die Zivilgesellschaft im Falle der Gewalt gegen Frauen noch viel zu wenig auf getrennte statistische Daten zurückgreifen. Die „jüngste“ offizielle Datenerhebung (ISTAT-Bericht “Gewalt gegen Frauen in und außerhalb der Familie”) stammt aus dem Jahr 2006 (!). Geschlechtsspezifische, aktualisierte Daten und Statistiken sind von äußerster Wichtigkeit, um angemessene Gesetze, Maßnahmen und Programme zu entwerfen und umzusetzen und sie auf ihre Wirksamkeit hin zu evaluieren. Der Datenaustausch zwischen allen beteiligten Stellen – d.h. auch den zuständigen Ministerien, den Sicherheitskräften, den Gerichtsbehördern und den Fachorganisationen – stellt dazu eine notwendige Voraussetzung dar. Auch die CM-Rec 2002(5) empfohl u.a. die Durchführung spezifischer Untersuchungen und die Einholung von speziellen Daten zur Bemessung des Phänomens sowie zur Kontrolle der Wirksamkeit der angewandten Maßnahmen. All dies wurde, wie gesagt, von der Berichterstatterin bestätigt und steht im erst kürzlich unterzeichneten Abkommen von Istanbul Schwarz auf Weiß geschrieben. Das Abkommen muss durch entsprechende Anpassungsmaßnahmen ratifiziert werden. Zum ersten Mal ist im Dokument zudem ausdrücklich von Zwangsheirat die Rede und es werden detaillierte Vorgaben in Bezug auf die vorgesehenen Untersuchungen und Datenerhebungen aufgelistet. Die Erfahrung der Bozner Beobachtungsstelle Vor diesem Hintergrund ist vor einem Jahr das Bozner Netzwerk der Dienste entstanden, die den Gewaltopfern Unterstützung anbieten. Nachfolgend werden die Ergebnisse der bisherigen Arbeit dieses Netzwerks vorgestellt, das Fachstellen wie das Zentrum gegen Gewalt, öffentliche Sicherheitsbehörden und Vereine, die auf spezifische Bedürfnisse eingehen, untereinander verbindet. Im Gründungsjahr 2012 befassten sich die Netzwerkdienste mit insgesamt 145 Gewaltfällen und verhalfen den betroffenen Personen, sich teilweise oder gänzlich von der jeweiligen Gewaltsituation zu befreien. Die Fragebögen wurden zwar aufmerksam ausgefüllt, doch bei einer solch begrenzten statistischen Anzahl kann der Ausfall von auch nur wenigen Daten bereits Probleme verursachen. Es kann 2

(CEDAW/C/ITA/Q/6/Add.1)


durchaus sein, dass es beim Ausfüllen der Bögen einfach objektive Schwierigkeiten gab, die erwünschte Information einzuholen: Es handelt sich dabei insbesondere um die Angaben über den Täter, Lücken gibt es aber auch in Bezug auf die Arbeitssituation der Frauen und über die Elemente, die den ersten Gewaltausbruch verursacht und zur eventuellen Anzeige geführt haben. Auch die Zusatzfragen, die die Interaktion zwischen den verschiedenen Netzwerkdiensten betreffen, wurden nur teilweise beantwortet: Es muss untersucht werden, wieso es diesbezüglich Schwierigkeiten gab. In anderen Fällen (Nichtangabe des Berufsprofils und des Geschlechts der Fachperson aus dem Netzwerk) könnte es sich lediglich um Flüchtigkeitsfehler handeln. Die nachfolgende Tabelle gibt Aufschluss über die Dienste, die an der Datenerhebung mittels Fragebögen teilgenommen haben, deren Daten in die Datenbank der Beobachtungsstelle einfließen. Für jeden Fall, der von einer Netzwerkdienststelle behandelt wird, wird ein entsprechendes Datenblatt ausgefüllt.

Tabelle 1: Die Netzwerkdienste, die an der Erhebung teilgenommen haben prozentuelle Daten Dienststelle, die den Erhebungsbogen ausgefüllt hat

Dienstnutzerinnen

- absolute und

Prozentsatz

Haus der geschützten Wohnungen

14

9,7

Kontaktstelle gegen Gewalt – Frauenhaus GEA

81

55,9

CSM

8

5,5

Polizeidirektion (Quästur) Bozen

4

2,8

BSB Sozialsprengel Europa Neustift

6

4,1

Verein LA STRADA/DER WEG Bereich Frau

5

3,4

Verein Volontarius – Straßenprojekt

1

,7

Vereinigung Frauen-NISSA'

2

1,4

BSB Sozialsprengel GRIES

4

2,8

12

8,3

Stadtpolizei

1

,7

BSB Sozialsprengel Don Bosco

1

,7

Haus Margaret Caritas

5

3,4

Familienberatungsstelle AIED

1

,7

Familienberatungsstelle l'ARCA


Insgesamt

145

100,0

Wie aus der Grafik 1 ersichtlich, wurden Frauen, die sich an eine Netzwerkstelle gewandt haben, vorwiegend in Obhut des Fachpersonals der Kontaktstellen gegen Gewalt oder des Personals der Sozialdienste genommen. In geringerem Ausmaß nahmen sich ihrer von Psychologinnen und Mediatorinnen an, der Beitrag der Polizeikräfte war fast unerheblich.

Grafik 1: Fachpersonal, das den Erhebungsbogen ausgefüllt hat – absolute Daten

SozialassistentIn SozialbetreuerIn

Betreuerin Koordinatorin KrankenpflegerIn

Psychologin

Erzieherin Mediatorin

Polizei

Die absolute Mehrheit der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt hat, wohnt in Bozen, nur ein kleiner Anteil ist anderswo ansässig. Die Hälfte der Frauen hat ein Alter zwischen 30 und 45 Jahren, ein Drittel ist jünger als 30 Jahre und ein Fünftel älter als 46. Mehr als die Hälfte der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind italienischer Staatsbügerschaft, 21% stammen aus Osteuropa, 10% aus Afrika. Der Anteil an ausländischen Frauen unter den Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, ist größer als der Anteil an ausländischen Frauen, die Anfang 2011 in der Stadt Bozen ansässig waren (13% nach ISTAT-Daten)3. Frauen, die in einer Paarbeziehung leben (Ehemann oder Lebensgefährte), machen 55% der Opfer aus. Es folgen alleinstehende Frauen (27%) und Witwen oder geschiedene Frauen.

3

Istat, Geo Demo, Popolazione straniera residente al 1° gennaio 2011 per età e sesso,


Grafik 2 :Soziodemografische Merkmale der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Familienstand, Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter getrennt oder verwitwet verheiratet oder zusammenlebend ledig Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Die soziodemografische Struktur der Gewaltopfer auf lokaler Ebene weicht von jener, die aus den ISTAT-Daten über die Arbeitskräfte hervorgeht, ab. Beruf und Studientitel der Frauen mit mehr als 15 Jahren, die Anfang 2012 die in der Provinz Bozen wohnten und sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind relativ hoch. Dies hängt sowohl vom beträchtlichen Anteil an Frauen mit höheren Studientiteln als auch vom geringen Anteil an Frauen ohne Studientitel ab. Beim Vergleich


mit den italienweiten Daten muss jedoch berücksichtigt werden, dass die ISTAT-Bevölkerung altersmäßig umfassender ist und Ausbildungsunterschiede somit wahrscheinlicher sind.

Tabelle 2: Bevölkerung, Frauen über 15 Jahre, Daten getrennt nach Studientiteln – Südtirol und Italien, 2012 Autonome Provinz Bozen

Italien

Grundschulabschluss, kein Studientitel

20,5

25,8

Mittelschulabschluss

32,5

28,3

Berufsschulzeugnis 2-3 Jahre (berufliche Qualifikation)

15,3

5,7

Oberschulzeugnis 4-5 Jahre (Abitur/Staatsprüfung)

21,5

27,8

Hochschulabschluss und Doktorat

10,2

12,4

Summe

100,0

100,0

Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012


Grafik 3: Erwerbsstatus der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Angestellte arbeitslos Hausfrau Rentnerin Schülerin oder Studentin Freiberuflerin

Mehr als die Hälfte der Dienstnutzerinnen (53%) ist berufstätig. Es handelt sich dabei vorwiegend um Angestellte, nur ein kleiner Anteil ist freiberuflich tätig. 7% sind Rentnerinnen und die restlichen 40% sind wirtschaftlich unselbständig, entweder weil arbeitslos (29%) oder weil Hausfrau (7,8%) oder Studentin (3,9%). Vergleicht man diese Daten mit den ISTAT-Erhebungen 2012 und den Daten der Gemeinde Bozen aus dem Jahr 2011, so ist die Beschäftigungsrate der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste wenden (52,7%), niedriger als jene der Autonomen Provinz (64,8% ) und der Gemeinde (65,5%), während die Arbeitslosenquote (28,7%) sehr viel höher ist (Provinz 4,8%, Gemeinde 3,5%). Tabelle 3: Wirtschaftsindikatoren Autonome Provinz Bozen, Verteilung auf Nationalebene Frauenarbeits- FrauenQuote der losigkeitsquote beschäftinichterwerbstätigen gungsquote Frauen 4,8 64,8 18,2

Autonome Provinz Bozen 8,6 Nord 11,0 Zentrum 19,3 Süd 11,9 Italien Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012

57,0 52,3 31,6 47,1

37,7 41,2 60,7 46,5

Was die berufstätigen Frauen betrifft, so haben mehr als die Hälfte unbefristete Arbeitsverträge, während ca. 40% prekäre Arbeitsstellen besetzen. Dementsprechend verfügen nur 44% der Frauen über Einnahmen, die für sich selbst und die eigenen Kinder ausreichen. Es sei unterstrichen, dass


7% bis 8% der Frauen, die von den Netzwerkdiensten unterstützt werden (d.h. 11 Frauen), erklärt haben, sich nicht frei bewegen zu dürfen und eine oder mehrere Landessprachen nicht zu beherrschen. In Bezug auf die Familienlage erklären die meisten Frauen, die sich an die Dienste wenden, mit Kindern und Partner zusammenzuleben. Ein signifikanter Anteil lebt in Wohngemeinschaften oder geschützten Wohneinrichtungen (inkl. Kinder). Nur ein kleiner Prozentsatz lebt allein oder mit den Eltern, mit Verwandten oder mit FreundInnen. Fast die Hälfte (48,8%) der nicht allein lebenden Frauen hat angegeben, dass sie mit der Person zusammenleben, die Gewalt gegen sie ausübt.

Grafik 4 : Wohnsituation der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - Multiple Choice-Antworten, Prozentsätze

mit Kindern mit dem Partner in Wohngemeinschaft allein mit den Eltern mit anderen Verwandten mit FreundInnen mit den Schwiegereltern

Art der Gewalt In der übergroßen Mehrheit der Fälle (82%) erfolgt die Gewaltausübung im Rahmen der Familie. Gelegenheitsangriffe, Mobbing auf dem Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung sind hingegen seltener (Grafik 5). Grafik 5: Art der Gewalt, die die Dienstnutzerinnen der Netzwerkdienste erlitten haben Prozentsätze


erlittene Gewalt sexuelle Ausbeutung und/oder Ausbeutung als Arbeitskraft Mobbing (auf dem Arbeitsplatz) Gelegenheitsangriffe Häusliche Gewalt

Was die Großkategorie der häuslichen Gewalt anbelangt, so betrifft diese in erster Linie italienische Frauen, gefolgt von Frauen aus Osteuropa, während Frauen aus anderen Ländern weniger davon betroffen sind. Weitere Risikofaktoren, die die Bozner Frauen für häusliche Gewalt anfällig machen, sind folgende: feste Partnerschaft (Ehe), Alter zwischen 30 und 45 Jahren, hoher Studientitel, arbeitslos, Rentnerin. Italienische Frauen sind auch in Bezug auf Mobbing besonders anfällig (insbesondere, wenn es sich um Angestellte handelt), während afrikanische und osteuropäische Frauen stärker sexuell und beruflich ausgebeutet werden. Gelegenheitsangriffe scheinen hingegen nicht von der geografischen Herkunft der Opfer abzuhängen, sondern von ihrem Alter und dem Familienstand (unverheiratet).

Modalitäten der Gewaltausübung Wie aus Untersuchungen und Studien bereits bekannt, summieren und überschneiden sich laut Angaben der Dienstnutzerinnen verschiedene Gewaltmodalitäten, die eine Art Kontinuum bilden. Geht man von den Daten der ausgefüllten Fragebögen aus, so ist die meistverbreitete Form der Gewalt die psychologische Gewalt, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit weitem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking sind weniger signifikant, sexuelle Belästigung ist selten. Diese Rangordnung entspricht sowohl den Ergebnissen der Bozner Erhebung


als auch den Bezugsdaten (Tabelle 4) des nationalen Vereinsnetzes DiRe4 (DiRe, 2012), das die Zahlen, die die Tätigkeit der Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt im Jahr 2011 betreffen, gesammelt hat und somit eine passende Vergleichsbasis liefert. Wie gesagt überschneiden sich die Ergebnisse der beiden Erhebungen. Aus dem DiRe-Bericht geht zudem hervor, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben von Gewaltopfern ein Kontinuum bilden und ständig interagieren. Bei gleichzeitiger Ausübung verschiedener Gewaltmodalitäten steigt natürlich auch die Gefährlichkeit der Situation. Tabelle 4 : Von den Fachkräften gemeldete Art der Gewaltausübung – Multiple-Choice-Antworten, Prozentsätze

Art der Gewalt

körperliche Gewalt

% der Antworten

% der Fälle

absolute Werte (Anzahl der Antworten)

Daten Dire 2011 (% der Fälle)

27,0

67,6

114

47,0

8,5

21,4

36

14,2

psychologische Gewalt

37,1

80,7

157

54,4

ökonomische Gewalt

14,4

37,9

61

24,0

Stalking

9,9

16,6

42

9,3

Belästigung

3,1

7,6

13

-

Antworten insgesamt (Multiple Choice)

100

231,8

423

148,3

sexuelle Gewalt

Orte der Gewalt Das eigene Zuhause ist der Ort, der für Frauen am gefährlichsten ist. Dies gilt für alle Gewaltformen (weniger für sexuelle Belästigungen und Stalking). Die häusliche Gewalt hat zudem einen besonders hohen Intensitätgrad (man denke z.B. daran, dass die ökonomische Gewalt zu 84%, d.h. fast zur Gänze, zu Hause und in der Familie ausgeübt wird). Daheim entfalten sich aber auch alle anderen Gewaltformen mit besonderer Häufigkeit. Das Netzwerkpersonal hat angegeben, dass die meisten Fälle von körperlicher, psychologischer und sexueller Gewalt zu Hause stattfinden; auch Stalking und Verfolgung werden in einem Fall von drei im häuslichen Kontext ausgeübt. (Grafik 6). Öffentlichen Orte (Straßen, Parkplätze, Parks und Gastbetriebe) sind für Frauen auch nicht ungefährlich, insbesondere in Bezug auf Stalking und sexuelle, psychologische und ökonomische Gewalt. Auf dem Arbeitsplatz steht hingegen gerade das Stalking ganz oben auf der Liste, gefolgt von sexueller, ökonomischer und psychologischer Gewalt. In den Freizeiträumen der Schulen werden immer öfter Stalkingfälle verzeichnet.

1 D.i.Re.,Donne in Rete contro la violenza, Rilevazione dati 2011, 2012


Grafik 6 : Orte der Gewaltausübung aufgeteilt nach Art der Gewalt - Prozentsätze

Stalking Sexuelle Gewalt Psychologische Gewalt Körperliche Gewalt Ökonomische Gewalt Andere Orte

Schule + Freizeitstätten

Öffentliche Orte + Gastbetriebe

Arbeitsplatz

Zuhause


Grafik 7 : Zeitraum der Gewaltausübung, Daten aufgeschlüsselt nach Art der Gewalt

aktuell

Ökonomische Gewalt

in der Vergangenheit

Körperliche Gewalt

sowohl in der Vergangenheit als auch aktuell

Psychologische Gewalt

Stalking

Sexuelle Gewalt

Gewalterfahrungen stellen ein Kontinuum im Leben der meisten Frauen dar, sie sind ein Element, das Vergangenheit und Gegenwart kennzeichnet, eine konkrete Tatsache, mit der sie täglich zu tun haben. Die Gegenwart wird insbesondere bei Stalkingfällen als besonders bedrohlich empfunden, während bei sexueller, körperlicher, psychologischer und ökonomischer Gewalt die Vergangenheit eine besonders schwere Bürde darstellt (Grafik 7). Jede Art von Gewalt scheint zudem ihr eigenes Timing zu haben. Sexuelle Belästigungen sind im Normalfall einmalig, während beim Stalking und der Verfolgung die Standarddauer – wie auch bei der psychologischen Gewalt – zwei bis vier Jahre beträgt. Sexuelle Gewalt hält meist bis zu 10 Jahren an, ökonomische Gewalt sogar noch mehr. Die Mehrheit der Frauen (65%), die von den Dienststellen unterstützt wird, stellt keinen Bezug zwischen der erlittenen Gewalt und spezifischen Ereignissen oder Lebensaspekten her. Der Rest der Dienstnutzerinnen gibt an, dass die Gewalt in einer besonderen oder besonders heiklen Phase begonnen hat: In einem Drittel der Bozner Fälle war die Schwangerschaft oder die Geburt eines Kindes der auslösende Faktor für den Gewaltausbruch, der meist durch verfolgerisches Verhalten und Belästigungen gekennzeichnet ist. Dieses Schema entspricht den internationalen Erkenntnissen5. Aus der Literatur geht hervor, dass die Geburt eines Kindes bei manchen Partnern 5 Brewer J. E., Paulsen D.J. (1999), “A comparison of US and Canadian findings on uxoricide risk for women with children sired by previous partners”, Homicide Studies, 3, 317-332.
Campbell J.C. (2001), “Abuse during pregnancy: A quintessential threat to maternal and child health – so when do we start to act?”, Canadian Medical Association Journal, 164, 1578 - 1579


negative Gefühle wie Eifersucht und Wut erweckt oder den Eindruck erzeugt, einem Zwang ausgesetzt zu sein (insbesondere bei ungeplanten Schwangerschaften). Diese Emotionen sind oft sehr stark und können zu Gewalttaten gegen Mutter und Kind führen. In Italien erleiden nach ISTAT-Daten mehr als 11% der schwangeren Frauen Gewalt durch den Partner. Ganz generell beginnt bei Gewaltopfern der Leidensweg in 13,6% der Fälle gerade während der Schwangerschaft; in 52,5% der Fälle gab es bereits zuvor Gewalt und sie bleibt mit gleicher Intensität auch während der Schwangerschaft bestehen; in 17,2% der Fälle nimmt die Gewalt während der Schwangerschaft zu und nur in 15,9% der Fälle nimmt sie ab. Die Bozner Daten bestätigen diesen Trend und unterstreichen die Gefahren für Mutter und Kind, die daraus entstehen können. Häusliche Gewalt während der Schwangerschaft kann zu ungewollten Schwangerschaftsunterbrechungen, vorzeitigen Geburten und Untergewicht bei der Geburt führen. Die Opfer von häuslicher Gewalt neigen außerdem dazu, gefährliche Gewohnheiten anzunehmen (Rauchen, Alkohol- und Drogenmissbrauch). Körperliche Misshandlungen sind oft auch mit Problemen im Bereich des Fortpflanzungssystems, mit Harnwegentzündungen, Depression und anderen mentalen Krankheiten assoziiert. Gewalt während der Schwangerschaft ist schließlich auch gepaart mit hohen Raten an unerwünschten Schwangerschaften, Schwangerschaften im Jugendalter und Abtreibungen. Grafik 8: Hat die Gewaltausübung zu einem besonderen Zeitpunkt im Leben der Frau stattgefunden bzw. begonnen?

Menschenhandel zwecks Ausbeutung Beginn der Arbeitstätigkeite/ Ende Trennung Eheschließung Schwangerschaft/Geburt der Kinder Schwierigkeiten mit dem Partner

Zu den Ereignissen, die zu einem auslösenden Faktor für die Gewaltausübung in einer Beziehung werden können, gehören auch die Eheschließung, die Zusammenführung von Familien (bei Migrantinnen), Trennung und Scheidung sowie Schwierigkeiten mit dem Partner. Es handelt sich Campbell J.C., Webster D., Koziol McLain J., Block C., Campbell D., Curry M. A., Gary F., Glass N., McFarlane J., Sachs C., Sharps P., Ulrich Y., Wilt S.A., Manganello J., Xu X., Schollenberger J., Frye V., Laughton K., (2003), “Risk factors for femicide in abusive relationships: Results from a multisite case control study”, American Journal of Public Health, 93, 1089-97.


um Anlässe, die sich im Beziehungsleben abspielen und starke Gefühle hervorrufen. Die Schwierigkeit, die eigenen Gefühle unter Kontrolle zu halten, spielt eine ausschlaggebende Rolle beim Entstehen von Gewalt innerhalb einer intimen Beziehung, auch wenn die Kontexte sehr unterschiedlich sind. Bei Trennungen ist Stalking die häufigste Gewaltform, während bei Ehen ökonomische und körperliche Gewalt vorwiegen. Ein Fünftel der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, gibt an, dass die Gewalt mit der sozialen und beruflichen Sphäre verbunden ist (Arbeitstätigkeit, Arbeitswechsel, Migration) und sich vornehmlich in Form von ökonomischer Gewalt und Verfolgung ausdrückt. Ein geringerer aber dennoch bedeutsamer Anteil der Frauen ist Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung. Die für diese Verbrechen typische Gewaltform ist die Vergewaltigung (Grafik 8). In Bozen wurden außerdem auch ein Fall von Genitalverstümmelung und ein Fall von Zwangsheirat verzeichnet.

Wer übt Gewalt gegen Frauen aus? Täter sind insbesondere Ehemänner, Verlobte und Partner (53%) sowie ehemalige Partner (13.6%). Erstere üben vorwiegend ökonomische, psychologische und körperliche Gewalt aus, während ehemalige Partner eine “Vorliebe” für Stalking, Verfolgungsakte und körperliche Misshandlungen haben. Die Daten, die die von ehemaligen Partnern ausgeübte Gewalt betreffen, zeigen, dass die Trennungsphase ein besonders komplexer Übergang ist, bei dem eine eingehende und kompetente Überprüfung einer eventuellen Rückfallgefahr von wesentlicher Bedeutung ist. In 16% der Fälle sind die Täter Familienmitglieder (Eltern und Verwandte), in 11% der Fälle handelt es sich um Freunde und Bekannte. Die Fälle, in denen der Täter eine unbekannte Person ist, sind selten und finden meist im Zusammenhang mit Menschenhandel und mit Zuhälterei statt. Die Daten des Dire-Netzes6 (DiRe, 2011) ermöglichen einen Vergleich zwischen der Bozner Realität und jener auf Nationalebene: Der Fokus liegt in beiden Fällen bei den Intimbeziehungen, da der Partner sowohl in Bozen als in ganz Italien als Hauptverantwortlicher der Gewalttaten hervorgeht. Der von DiRe erhobene Prozentsatz ist jedoch mit 64% bedeutsam höher als jener von Bozen. Dasselbe gilt, in geringerem Ausmaß, für die Daten in Bezug auf die ehemaligen Partner (20% auf Nationalebene). In Bozen ist hingegen die Gewalt gegen Frauen, die von Familienmitgliedern (Eltern und Verwandte) herrührt, häufiger als im Rest Italien (16,2% gegen 8%). Eine ähnliche Abweichung gibt es auch im Falle der von Freunden und Bekannten ausgeübten Gewalt (11% gegen 6%) sowie jener, die von unbekannten Personen ausgeübt wird (3,9% gegen 2%). Grafik 9 : Beziehung zum Gewalttäter - Prozentsätze 6

In diesem Fall beziehen wir uns auf die DIRE-Erhebung 2010, in der die Daten besser aufgeschlüsselt und deswegen

auch besser vergleichbar sind (DiRe, “DATI STATISTICI ANNO 2010: 3° RILEVAZIONE NAZIONALE”).


Zuhälter/Zuhälterin Unbekannte/r Elternteil/Verwandte/r Ehem. Ehemann (ehem. Freund/ehem. Partner) Freund/Bekannter/Arbeitskollege

Profil der gewaltausübenden Personen Zirka die Hälfte der Täter ist zwischen 30 und 45 Jahre alt (51%) und somit ungefähr gleich alt wie die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt sind. Mehr als ein Drittel ist über 46 Jahre alt und nur eine Minderheit ist jünger als dreißig: Dieses Verhältnis ist bei Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wurde, umgekehrt (es wiegen jüngere Frauen vor). Die Täter sind vornehmlich - und in stärkerem Ausmaß als ihre Opfer - italienischer Nationalität (66%), während die Täter aus Osteuropa oder Afrika einen geringeren Prozentsatz als die Gewaltopfer aus diesen Weltteilen ausmachen. Diese Daten belegen, dass italienische Männer häufiger sowohl gegen Italienerinnen als auch gegen Ausländerinnen und jüngere Frauen gewalttätig sind. Die Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wird, haben einen signifikant höheren Ausbildungsgrad als die gewaltausübenden Männer: Der Anteil an Frauen mit akademischem Abschluss ist fast doppelt so große wie jener der Männer; auch der Besitz eines Reifediploms ist bei Frauen häufiger, während Berufsschuldiplome und Mittelschuldiplome bei den Tätern stärker vertreten sind als bei den Opfern. Dieser Umstand müsste näher untersucht werden, um zu verstehen, ob diese kulturelle Differenz einen Zusammenhang mit der ausgeübten Gewalt hat, auch wenn auf Nationalebene keine Verknüpfung dieser Art festgestellt wurde (Istat, 2007). Unter dem Gesichtspunkt der Beziehungen zwischen Gewalttäter (Männer) und Gewaltopfer (Frauen) zeigen die erhobenen Daten, dass für verheiratete Frauen das größte Risiko von ihren Ehemännern ausgeht, während es bei unverheirateten Frauen der ehemalige Partner, ein Freund, ein Bekannter oder ein Kollege sind. Junge, unverheiratete Frauen sind oft Opfer von Eltern und Verwandten. Frauen, die mit ihren Partnern (Ehemann oder Lebenspartner) und/oder ihren Kindern zusammenleben, sind bzw. waren vornehmlich Opfer ihres Partners. Dies gilt auch für die Mehrheit


der Frauen, die derzeit in Frauenhäusern oder in Gemeinschaften leben. Alleinlebende Frauen sind meist Opfer ehemaliger Partner oder von Freunden und Bekannten. In Wohngemeinschaften leben auch auch Frauen, die Opfer von Verwandten oder von Menschhandel waren. In den meisten Fällen handelt es sich bei den Tätern um “normale” Männer, die keine spezifischen Probleme haben, welche ein gewalttätiges Verhalten “hervorrufen” oder verstärken können (wie z.B. Alkohol- oder Drogenmissbrauch, wirtschaftliche oder psychiatrische Probleme usw.). Im Rest der Fälle sind Probleme verschiedener Art vorhanden, es wiegen jedoch Alkoholabhängigkeit und soziale Probleme vor (16% bis 17%), während Drogenmissbrauch und psychiatrische Probleme seltener sind (Tabelle 5). Zum Vergleich sei auf die Istat-Daten 2006 hingewiesen, die bezüglich der gewaltausübenden Männer, die unter der Wirkung von Alkohol oder Drogen stehen, einen etwas geringeren Prozentsatz angeben (13,3%).

Grafik 10: Soziodemografische Merkmale der Gewalttäter und der Gewaltopfer - Prozentsätze

Gewaltopfer


Gewalttäter Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufsschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Tabelle 5: Eventuelle Probleme der gewalttätigen Person (Multiple Choice), Prozentsätze Person ohne offensichtliche Abhängigkeitsprobleme und/oder soziale bzw. psychische Probleme Alkoholiker/Alkoholikerin Drogensüchtige/r Person mit psychiatrischer Störung

46,5% 17,4% 4,9% 1,4%

Person mit sozialen Problemen

16,7%

Keine Erkenntnisse

13,2%

Anwesenheit von Kindern In 60% der Fälle leben mit den Gewaltopfern auch Kinder zusammen; es handelt sich dabei fast immer um Töchter und Söhne der Opfer, nur selten besteht eine andere Art von Verwandtschaft. In der Mehrheit der Fälle erleben die Kinder die Gewalt direkt oder indirekt mit. Fast die Hälfte (44%) erlebt Gewalttaten direkt mit, ein Viertel ist während der Vorfälle nicht direkt anwesend, weiß aber, dass Gewalt ausgeübt wird (24%). Beträchtlich ist auch der Anteil an Kindern, die direkte Gewalt erleiden, während der Prozentsatz an Kindern, die weder direkt noch indirekt der Gewalt beiwohnen oder Opfer davon sind, sehr geringfügig ist. Die Art der miterlebten oder erlittenen Gewalt stimmt fast immer mit der der Mutter zusammen. Aus den erhobenen Daten geht eine starke direkte Einbindung der Minderjährigen in die Gewalt und eine sowohl körperliche als auch psychologische Gefährdung hervor. Das Verhaltensmuster der Täter ist typischerweise stets dasselbe. Laut der zitierten ISTAT-Studie gaben 62,4% der Frauen, die Opfer von Männergewalt sind, an, dass ihre Kinder einem oder mehreren Gewaltszenen beigewohnt haben (davon 19,6% nur in seltenen Fällen, 20,2% manchmal und 22,6% oft). Tabelle 6: von Minderjährigen erlittene Gewalt (Multiple Choice), Prozentsätze


Körperliche Gewalt in direkter Form

11,4%

Psychologische Gewalt in direkter Form

15,2%

Ökonomische Gewalt in direkter Form

3,0%

Miterlebte Gewalt in direkter Form

43,9%

Miterlebte Gewalt in indirekter Form

23,5%

Nein

3,0%

Die Dienststellen und das Netzwerk Der Fragebogen sah eine offene Frage in Bezug auf die Kenntnis der Dienste vor, die vom Netzwerk angeboten werden. Die Art und Weise, wie Dienstnutzerinnen von den Diensten erfahren, ist eine extrem wichtige Information: Sie gibt Aufschluss darüber, inwieweit das Wissen über die bestehenden Dienste gegen Gewalt an Frauen unter hilfsbedürftigen Opfern verbreitet ist. In 50% der Fälle haben die Frauen von den Netzwerkdiensten durch das Netzwerk selbst erfahren. Dies ist ein gutes Ergebnis, das auf eine gelungene synergetische Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Knoten des Netzwerks hinweist. In der ersten Phase der Kontaktaufnahme bleibt jedoch die Rolle der FreundInnen und der Familie ausschlaggebend: Freundinnen und Bekannte sind oft die ersten AnsprechpartnerInnen der hilfesuchenden Gewaltopfer und raten ihnen, sich an Dienststellen des Netzwerks zu wenden. Was das Netzwerk selbst betrifft, sind die Sozialdienste – durch die SozialassistentInnen – die Knotenpunkte, die die Fälle zuerst filtrieren und den betroffenen Frauen weiterhelfen, gefolgt von den Sicherheitskräften und den Fachdiensten (Beratungsstellen, Frauenhäuser, Kontaktstellen gegen Gewalt). Weniger aktiv sind diesbezüglich die Fachleute der Gesundheitsdienste (FamilienärztInnen, PsychologInnen, Krankenhäuser). Bedeutsam ist hingegen der Zugriff auf die grünen Telefonnummern und auf Internet, die ein relativ neues Instrument sind, aber dennoch ziemlich bekannt und zuverlässig zu sein scheinen.


Grafik 11 :Wie hat die Frau von der Dienststelle erfahren? (Prozentsätze)

durch eine Freundin, eine Bekannte Sozialdienste, Sozialassistentin Polizei, Ordnungskräfte, Polizeidirektion (Quästur) Familienhaus, Familienberatungsstelle, Gea, Dienststellen Grüne Nummer, Zufall, Internet Verwandte Familienarzt/Familienärztin, Psychologe/Psychologin, Krankenhaus Rechtsanwalt/Rechtsanwältin bereits bekannt keine Angabe

Die erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, weshalb sich Frauen an die verschiedenen Dienste wenden (77%). Es ist extrem wichtig, dass bei den Gesprächen mit dem Personal der Dienste auch die versteckte und verneinte Gewalt belichtet und anerkannt werden. Dies kann entweder durch direkte Fragen erwirkt werden oder als Nebeninformation oder indirekte Auskunft in die Erzählung der betroffenen Frau einfließen. Es handelt sich um ein wichtiges Ergebnis, das von der fachlichen Vorbereitung des Personals der Anlaufstellen zeugt, die so zeigen, dass sie imstande sind, die erlebte Gewalt auch in solchen Fällen zu erkennen und sie aufzudecken. Grafik 12: Wenn das Thema Gewalt von der Frau nicht als Hauptgrund genannt wurde, wer hat dieses Thema zur Sprache gebracht? (Prozentsätze)


Die Frau selbst, als sekundäres Problem Die Frau selbst, jedoch indirekt im Rahmen anderweitiger Erzählungen Die Fachperson durch direktes Fragen

Eine grundsätzliche Bestätigung der Rangordnung der Anlaufstellen für die hilfesuchenden Frauen geht auch aus den Antworten auf die Frage hervor, ob sich die betroffene Frau mit der Bitte um Hilfe auch “an andere” gewandt hat. In diesem Fall waren – anders als bei der vorhergehenden Frage - mehrere Antworten möglich: Die Antworten zeigen, dass die Sicherheitskräfte, die Sozialdienste und die Kontaktstellen gegen Gewalt sowie die FreundInnen der erste Anlaufpunkt sind und den ersten Schritt auf dem Weg aus den Gewalt heraus darstellen (Grafik 13). Es folgen die Familie und andere Dienststellen. Bei 24% der Antworten steht, dass sich die betroffene Frau zuvor an niemand anderen gewandt hat und somit direkt den Dienst als erste Anlaufstelle gewählt hat. Grafik 13: Hat sich die Frau bereits an andere Personen/Anlaufstellen gewandt? (Multiple Choice), Prozentsätze


Ordnungskräfte Nein Freunde/Freundinnen Sozialdienste Frauenhaus/geschützte Wohnungen Verwandte Rechtsanwalt/Rechtsanwältin Eltern Familienberatungsstelle Krankenhaus Psychologischer Dienst Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin) NachbarInnen

Wie gut das Netzwerk funktioniert kann zum Teil anhand der Antworten auf die Frage bezüglich der Interaktion mit anderen Diensten bewertet werden, d.h. ob die Fachperson, die den Fragebogen beantwortet, die betreffende Dienstnutzerin an andere Dienststellen “weitergeleitet” hat. Leider hat fast die Hälfte davon (44%) auf diese Frage nicht geantwortet, was zu einer geringen Gesamtsignifikanz der entsprechenden Daten führt. Die Mehrheit (72%) von jenen, die die Frage beantwortet haben, hat keine Frau an andere Dienste weitergeleitet. Vorwiegendes Ziel der weitergeleiteten Frauen waren die Kontaktstelle gegen Gewalt, die geschützten Wohnungen und das Frauenhaus. Die Situation der von den Netzwerkdiensten Ende 2012 betreuten Frauen ist in der Abbildung 14 beschrieben: Sieht man von den Frauen (13%, d.h. 17 Frauen) ab, die von keiner Dienststelle betreut werden, so wird die absolute Mehrheit der Gewaltopfer von Kontaktstellen und Frauenhäusern unterstützt oder lebt in geschützten Wohnungen, während der Rest von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen betreut wird.

Grafik 14: Wer betraut die Frau mit Blick auf die Gewaltsituation?(Multiple Choice), Prozentsätze


Frauenhaus/geschützte Wohnungen Niemand Sozialdienste Familienberatungsstelle PsychiaterIn/NeuropsychiaterIn Psychologischer Dienst Sozialpädagogische Einrichtung Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin)

Anzeigen bei Gericht Zirka ein Drittel der vom Bozner Netzwerk betreuten Frauen hat eine strafrechtliche Anzeige erstattet oder (im Falle von Minderjährigen) das Jugendgericht benachrichtigt. Es handelt sich um einen sehr hohen Prozentsatz, insbesondere im Vergleich zum italienischen Durchschnittswert, der aus den ISTAT-Erhebungen 2006 hervorgeht (7,3% der Frauen, die Opfer vom Männergewalt sind, erstatteten Anzeige wegen vom Partner ausgeübter körperlicher oder sexueller Gewalt). Die Netzwerkdaten sind besonders erfreulich, weil sie sich nicht nur von den italienweiten Zahlen, sondern auch vom Südtiroler Durchschnitt (13,7%) derselben ISTAT-Studie positiv abheben (es ei darauf hingewiesen, dass Südtirol bereits damals die „beste“ unter den italienischen Regionen war). Da die Mehrzahl der gerichtlichen Verfahren noch läuft, ist es frühzeitig, Schlüsse über das Ergebnis der Anzeigen zu ziehen. Tabelle 7: Gerichtliche Schritte der Frauen, die von den Netzwerkdiensten betreut werden absolute Daten und Prozentsätze Ja

Nein

Sum me

Absolute Daten Strafanzeige/Strafantrag/Klage (Gerichtsbehörde) Anzeige (Staatsanwaltschaft bei Jugendgericht)

%

41

96

137

43

99

142

29, 9 30, 3

70, 1 69, 7


Tabelle 8 : Ergebnis der Gerichtsverfahren – Prozentsätze 1 – Rücknahme der Anzeige

18,6

2 – hängiges Verfahren

65,1

3 – Verurteilung der gewalttätigen Person / Strafzumessung auf Antrag der Parteien

7,0

4 – Freispruch

9,3

Summe

100,0

Schlussbemerkungen Aus dem vorliegenden Bericht können nur provisorische Schlussfolgerungen gezogen werden, da die verarbeiteten Daten bislang ein einziges Arbeitsjahr (das Startjahr!) umfassen. Trotzdem können wir uns davon ausgehend ein Bild vom Netzwerk, von den Dienstnutzerinnen, von den Bedürfnissen der Frauen und von der Art der jeweils erlittenen Gewalt machen. Die Anzahl der Fälle ist jedoch noch zu gering, um die Beziehungen zwischen Opfer und Täter, die Dynamik der verschiedenen Gewaltformen und die Reaktion der Dienststellen im Detail zu analysieren und daraus Indikatoren in Bezug auf die Wirksamkeit des Netzwerks oder das Auftreten der verschiedenen Gewaltformen auf dem Territorium oder auch nur in Bezug auf eventuelle Probleme der Netzwerkdienste zu erarbeiten. Um die mühsame und verdienstvolle Arbeit zu ehren, die das Personal bei der Datenerhebung geleistet hat, werden wir nachfolgend eine Übersicht der wichtigsten Elemente liefern, die aus der Datenanalyse hervorgehen. Wir fangen dabei von der Beschreibung der Frauen an, die sich an die Netzwerkstellen gewandt haben. Es handelt sich mehrheitlich um Frauen italienischer Nationalität zwischen 30 und 45 Jahren. Zirka ein Drittel ist jünger als 30, ein Fünftel über 46. Die Mehrheit der Frauen leben im Paar (verheiratet oder Wohngemeinschaft) und haben eine Arbeit oder eine Rente und verfügen somit über eine eigene Einnahmequelle (59,7%). Die meisten besitzen ein höheres Ausbildungsniveau als der Durchschnitt der in der Gemeinde und in der Provinz ansässigen Frauen. Es gibt aber auch einen Anteil der Opfer, die arbeitslos sind und sich in einer präkären ökonomischen Lage befinden. Zirka 55% der betreuten Frauen gibt an, Schwierigkeiten zu haben, den Unterhalt für sich selbst und die (eventuellen) Kinder zu zahlen. Dieser Umstand versetzt sie in eine Situation objektiver “Schwäche”, die vermehrt Männergewalt zur Folge haben kann. Es sei dabei darauf hingewiesen, dass ein (wenn auch kleiner) Anteil der Frauen eine der beiden Landessprachen nicht oder nur unzulänglich kennt und sich nicht frei bewegen kann/darf. Es handelt sich oft um ausländische Frauen (45,4%), die zum Großteil aus Osteuropa oder Afrika stammen. Hilfesuchende Frauen leben meist mit ihren Kindern und dem Partner zusammen. Es ist erschreckend zu wissen, dass die Hälfte von ihnen mit dem Mann zusammenlebt, der Gewalt gegen


sie ausübt. Ein signifikanter Teil der Frauen, die von den Netzwerkdiensten aufgenommen wird, lebt demgemäß in geschützten Einrichtungen und in Frauenhäusern. Wie überall wird auch in Bozen die Gewalt in der übergroßen Mehrzahl der Fälle (82%) innerhalb der Familie ausgeübt (häusliche Gewalt), während Gelegenheitsangriffe, Mobbing am Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung eher selten sind. Was die Art der erlittenen Gewalt anbelangt, so überschneiden sich meist verschiedene Modalitäten. Erstellt man eine Rangordnung anhand ihres relativen Gewichts, so steht psychologische Gewalt an erster Stelle, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit größerem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking haben eine geringere Inzidenz, sexuelle Belästigungen sind selten. Diese Daten bestätigen die Ergebnisse anderer Erhebungen und belegen den Umstand, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, ein Kontinuum darstellen, sich überschneiden und ständig interagieren. Das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Gewaltformen zeichnet stets besonders gefährliche Situationen aus. Das eigene Zuhause ist für Frauen der gefährlichste Ort, und dies gilt für alle Formen der Gewalt (mit der Ausnahme von Belästigungen und Stalking). Daheim ist auch die Intensität der Gewalt stärker als anderswo, angefangen von der ökonomischen Gewalt, die fast ausschließlich innerhalb der eigenen vier Wände und der eigenen Familie ausgeübt wird. Körperliche, psychologische und sexuelle Gewalt finden auch fast immer in der gemeinsamen Wohnung statt. Sogar Stalking und Verfolgung finden ein Drittel der Male zu Hause statt. Auch die öffentlichen Räume (Straßen, Parkplätze, Parks und Gaststätten) sind für Frauen gefährlich: Es finden dort Stalking sowie sexuelle und psychologische Gewalt statt. Die am Arbeitsplatz meistverbreitete Form der Gewalt ist das Stalking, gefolgt von der sexuellen, der ökonomischen und der psychologischen Gewalt. Schulen und Freizeiträume sind besonders oft Schauplatz von Stalking. Die Gewalt wird von den meisten Frauen als eine Art Kontinuum erlebt, als ein Element, das sich ohne Unterbechung von der Vergangenheit bis zur Gegenwart erstreckt und den konkreten, tagtäglichen Lebensablauf charakterisiert. Aus der Erhebung geht hervor, dass oft wichtige Ereignisse und Lebensetappen innerhalb des Paars oder der Familie - wie zum Beispiel Schwangerschaft, Ehe und Trennung - zum Ausbruch der Gewalt beitragen. Dies bestätigt zum wiederholten Male, dass die häusliche Sphäre und die Familie die Hauptbühne für Gewalttaten darstellen. Im Falle von ausländischen Frauen stellen zusätzlich dazu die Einwanderung selbst (mit der manchmal die sexuelle Ausbeutung beginnt) sowie die Zusammenführung mit anderen Familienmitgliedern besonders heikle Momente dar. Bei den Tätern handelt es sich zum Großteil (66%) um italienische Staatsbürger und es sind vergleichmäßig mehr als die italienischen Gewaltopfer, während bei Tätern aus Osteuropa und Afrika der Prozentsatz geringer ist als jener der Opfer mit gleicher Herkunft. Dieser Umstand weist darauf hin, dass die stereotypische Annahme, bei den Tätern handle es sich vorwiegend um Ausländer, irreführend ist. Männer italienischer Abstammung üben häufiger als Ausländer Gewalt sowohl gegen italienische als auch gegen ausländische und junge Frauen aus.


Das bisher skizzierte Bild zeigt eindeutig, dass die Spuren der Gewalt gegen Frauen immer zur Familie führen: Hauptübeltäter sind die gegenwärtigen oder ehemaligen Ehemänner, Verlobten und Partner. Erstere greifen öfter zur ökonomischen, psychologischen und körperlichen Gewalt, während ehemalige Partner dazu neigen, Frauen durch Stalking, Verfolgung und körperliche Misshandlung zu verletzen. Wie bereits gesagt, ist die Trennungsphase der Moment im Leben einer Frau, der unter dem Sicherheitsprofil zu den schwierigsten und gefährlichsten zählt. Nicht nur Partner und ex-Partner, sondern auch Eltern, Verwandte und Freunde üben Gewalt gegen Frauen aus, während nur sehr selten unbekannte Männer zu Tätern werden (meist in Fällen von sexueller Ausbeutung und Menschenhandel sowie Zuhälterei). Erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, der Frauen dazu bewegt, sich an die Dienststellen zu wenden. Es ist jedoch wichtig, dass auch versteckte oder getarnte Gewaltfälle zur Sprache kommen. Dies kann erfolgen, wenn das Fachpersonal die Lage erkennt und direkte Fragen an die betreffende Frau stellt, oder wenn die betreffende Frau das Thema indirekt oder als “Nebensache” aufwirft. Die Aufdeckung der versteckten Gewaltfälle ist besonders wichtig und es ist von wesentlicher Bedeutung, über spezialisiertes Kontaktpersonal zu verfügen, das imstande ist, implizite Gewalt im Erlebten zu erkennen und zur Sprache zu bringen. Im Einklang mit dem bisherigen Bild ist die Tatsache, dass die absolute Mehrheit der Frauen, die Kontakt zu den Netzwerkdienststellen aufgenommen haben, von den Kontaktstellen gegen Gewalt und den Frauenhäusern betreut werden bzw. in geschützten Wohnungen leben, während ein kleinerer Anteil von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen unterstützt werden. Das Wissen um die Unterstützungsmöglichkeiten, die das Netzwerk gegen die Gewalt an Frauen anbietet, stellt ein strategisches Element im Rahmen der politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Gewalt und zur Unterstützung der hilfesuchenden Frauen dar. Die Ergebnisse der Beobachtungsstelle zeigen, dass die Netzwerksynergie diesbezüglich sehr groß ist: 50% der Frauen haben die Netzwerkdienste durch das Netzwerk selbst kennengelernt. In der ersten Kontaktphase spielen zudem FreundInnen und Familienmitglieder eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, sich an die vorhandenen Dienststellen zu wenden. Freundinnen und Bekannte sind und bleiben in den meisten Fällen die ersten Ansprechpartnerinnen hilfesuchender Frauen. Was die Netzwerkdienste anbelangt, so stellen meist die Sozialdienste den ersten Anlaufpunkt dar, der den Frauen Informationen liefert und sie an andere Stellen weiterleitet. Gleich nach den Sozialdiensten befinden sich in dieser Rangordnung die Sicherheitskräfte und die Fachdienste (Beratungsstellen, geschützte Wohnungen, Kontaktstellen gegen Gewalt). Zusätzlich zur Soforthilfe durch die geschützten Wohnstrukturen für gefährdete Frauen und Kinder liefern die Netzwerkdienste den Frauen Unterstützung auf ihrem Weg aus der Gewalt, das eines der wesentlichen Ziele der entsprechenden Maßnahmen darstellt. Zu den möglichen Maßnahmen, die diesen Weg erleichtern, gehört auch der Zugriff auf gesetzlich vorgesehene Instrumente wie Anträge auf Wegweiseanordnungen oder Annäherungsverbote, straf- und zivilrechtliche Klagen oder Meldungen beim Jugendgericht. Bereits in der ISTAT-Erhebung aus dem Jahr 2006 stach die Stadt Bozen im Vergleich zu den anderen italienischen Städten wegen der hohen Anzahl an Anzeigen hervor. Die vorliegende Datenerhebung bestätigt diesen Trend: 30% der von den Netzwerkdiensten betreuten Frauen hat den Täter bei den Behörden angezeigt, ein gleich hoher Prozentsatz hat beim Jugendamt Fälle von Gewalt gegen Minderjährigen gemeldet. Es handelt sich


um ein hervorragendes Ergebnis, das nach Ende der noch laufenden Verfahren auch hinsichtlich der gerichtlichen Ergebnisse 端berpr端ft werden muss.


Das Bozner Netzwerk der Dienste für Frauen in Gewaltsituationen – Erstes Tätigkeitsjahr1 von Maura Misiti, statistische Datenbearbeitung von Marcella Prosperi* Einführung Die Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das weltweit eine zunehmende Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Vereine, Bewegungen, internationale Behörden und nicht zuletzt die internationale Öffentlichkeit sind sich immer stärker bewusst, dass es sich um eine globales Problem handelt und üben dementsprechend Druck aus. Auch die Medien tragen dazu bei, die dramatische Eskalation von Gewalttaten gegen Frauen sichtbar zu machen und zu dokumentieren. Im neuesten Sonderbericht von Rachida Manjoo (UNO-Berichterstatterin) über die genderbasierten Tötungen, der im Juni 2012 veröffentlicht wurde (CHR, 2012), wird der Frauenmord als Extremausdruck der vielen, verschiedenen Formen von Gewalt, die gegen Frauen ausgeübt wird, definiert, als letzte, tödliche Folge eines tragischen Kontinuums. Im Bericht wird unterstrichen, dass dieses Phänomen alarmierende Ausmaße erreicht hat und die Gewalt gegen Frauen immer noch akzeptiert, toleriert und gerechtfertigt wird, weil sie kulturell und sozial stark verwurzelt ist. Der Bericht endet mit einer Reihe von Empfehlungen an die UNO-Mitgliedsstaaten, damit sie ihrer Pflicht, das Phänomen zu bekämpfen, sorgfältig nachkommen. Im Vorjahr (2011) hatte die Berichterstatterin bereits einen Spezialbericht über die Gewalt gegen Mädchen und Frauen erstellt, worin sie den komplexen Rahmenkontext beschreibt, in dem sich verschiedene Formen von Diskriminierung überschneiden, gegenseitig verstärken und so zu einer stetigen Zuspitzung des Phänomens der Gewalt gegen Frauen führen. Der Bericht endete mit der Empfehlung, einen ganzheitlichen Ansatz gegen die genderbasierte Gewalt anzuwenden, um gleichzeitig sowohl die strukturellen Elemente als auch die jeweiligen Diskriminierungsfaktoren zu berücksichtigen. Wenn das Thema der Gewalt gegen Frauen als übergreifendes Phänomen dargestellt wird, das die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte sowie sämtliche Zivilrechte betrifft, fällt es den Policy Makers leichter, die Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Diskriminierungsformen und die Vielfalt der tatsächlichen Gewaltformen zu begreifen. Dieser mehrdimensionale Ansatz erfordert den Einsatz von Personal- und Materialressourcen für die Bewertung und Überprüfung der Auswirkung der im Bereich Gewalt und Diskriminierung getroffenen Maßnahmen, verabschiedeten Gesetze und geleisteten Dienste, einschließlich der Unterstützung der Opfer und des Schadenersatzes. Zu den Aktionen, die die Berichterstatterin vorschlägt, gehören auch öffentliche Maßnahmen im Bereich der Erziehung, um stereotypische Wertvorstellungen und Vorurteile abzubauen, von denen sich die Gewalt gegen Frauen ernährt. In lokaler Hinsicht ist es hier wichtig, auf die Mission zu verweisen, die die Berichterstatterin 2011 in Italien durchführte. In ihrem Bericht über die italienische Situation unterstrich sie, dass die häusliche Gewalt das am meisten verbreitete Gewaltphänomen ist. Weniger als ein Fünftel der * IRPPS-CNR


Opfer erachtet die erlittene Gewalt als Straftat, ein Drittel betrachtet sie als „normal“, nur ein Viertel hält eine Vergewaltigung oder eine versuchte Vergewaltigung für strafbar. Die Verdeckung dieses Phänomens hat sowohl mit seiner geringen Sichtbarkeit als auch mit der Tatsache zu tun, dass die Frauen eher selten Anzeige erstatten, da sie meist wirtschaftlich von den Tätern abhängen und zudem der Ansicht sind, dass der Staat nur wenig oder gar nichts unternehmen wird. Die ununterbrochene häusliche Gewalt spiegelt sich in der steigenden Anzahl von Frauen wider, die vom (oft ehemaligen) Partner, Ehemann oder Lebensgefährten ermordet werden2. Um das Thema der Gewalt in Italien wirklich zu verstehen, müssten viele Fragen ausgehend von den großen Schwierigkeiten aufgeworfen werden, gegen die die Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt täglich kämpfen müssen. Da sie nur mangelnd finanziert werden, können sie den Frauen, die Opfer von Gewaltsituationen sind, immer seltener angemessenen Beistand anbieten. Dies hat negative Auswirkungen auf die Anerkennung der Gewaltsituationen selbst, auf die Unterstützung der Frauen und ihrer Kinder, auf die Eingliederung der wirtschaftlich Schwächeren in die Arbeitswelt. Zu den wichtigsten Bemerkungen der Berichterstatterin gehört mit Sicherheit die Vorhaltung, dass die Institutionen, die Regierung und die Zivilgesellschaft im Falle der Gewalt gegen Frauen noch viel zu wenig auf getrennte statistische Daten zurückgreifen. Die „jüngste“ offizielle Datenerhebung (ISTAT-Bericht “Gewalt gegen Frauen in und außerhalb der Familie”) stammt aus dem Jahr 2006 (!). Geschlechtsspezifische, aktualisierte Daten und Statistiken sind von äußerster Wichtigkeit, um angemessene Gesetze, Maßnahmen und Programme zu entwerfen und umzusetzen und sie auf ihre Wirksamkeit hin zu evaluieren. Der Datenaustausch zwischen allen beteiligten Stellen – d.h. auch den zuständigen Ministerien, den Sicherheitskräften, den Gerichtsbehördern und den Fachorganisationen – stellt dazu eine notwendige Voraussetzung dar. Auch die CM-Rec 2002(5) empfohl u.a. die Durchführung spezifischer Untersuchungen und die Einholung von speziellen Daten zur Bemessung des Phänomens sowie zur Kontrolle der Wirksamkeit der angewandten Maßnahmen. All dies wurde, wie gesagt, von der Berichterstatterin bestätigt und steht im erst kürzlich unterzeichneten Abkommen von Istanbul Schwarz auf Weiß geschrieben. Das Abkommen muss durch entsprechende Anpassungsmaßnahmen ratifiziert werden. Zum ersten Mal ist im Dokument zudem ausdrücklich von Zwangsheirat die Rede und es werden detaillierte Vorgaben in Bezug auf die vorgesehenen Untersuchungen und Datenerhebungen aufgelistet. Die Erfahrung der Bozner Beobachtungsstelle Vor diesem Hintergrund ist vor einem Jahr das Bozner Netzwerk der Dienste entstanden, die den Gewaltopfern Unterstützung anbieten. Nachfolgend werden die Ergebnisse der bisherigen Arbeit dieses Netzwerks vorgestellt, das Fachstellen wie das Zentrum gegen Gewalt, öffentliche Sicherheitsbehörden und Vereine, die auf spezifische Bedürfnisse eingehen, untereinander verbindet. Im Gründungsjahr 2012 befassten sich die Netzwerkdienste mit insgesamt 145 Gewaltfällen und verhalfen den betroffenen Personen, sich teilweise oder gänzlich von der jeweiligen Gewaltsituation zu befreien. Die Fragebögen wurden zwar aufmerksam ausgefüllt, doch bei einer solch begrenzten statistischen Anzahl kann der Ausfall von auch nur wenigen Daten bereits Probleme verursachen. Es kann 2

(CEDAW/C/ITA/Q/6/Add.1)


durchaus sein, dass es beim Ausfüllen der Bögen einfach objektive Schwierigkeiten gab, die erwünschte Information einzuholen: Es handelt sich dabei insbesondere um die Angaben über den Täter, Lücken gibt es aber auch in Bezug auf die Arbeitssituation der Frauen und über die Elemente, die den ersten Gewaltausbruch verursacht und zur eventuellen Anzeige geführt haben. Auch die Zusatzfragen, die die Interaktion zwischen den verschiedenen Netzwerkdiensten betreffen, wurden nur teilweise beantwortet: Es muss untersucht werden, wieso es diesbezüglich Schwierigkeiten gab. In anderen Fällen (Nichtangabe des Berufsprofils und des Geschlechts der Fachperson aus dem Netzwerk) könnte es sich lediglich um Flüchtigkeitsfehler handeln. Die nachfolgende Tabelle gibt Aufschluss über die Dienste, die an der Datenerhebung mittels Fragebögen teilgenommen haben, deren Daten in die Datenbank der Beobachtungsstelle einfließen. Für jeden Fall, der von einer Netzwerkdienststelle behandelt wird, wird ein entsprechendes Datenblatt ausgefüllt.

Tabelle 1: Die Netzwerkdienste, die an der Erhebung teilgenommen haben prozentuelle Daten Dienststelle, die den Erhebungsbogen ausgefüllt hat

Dienstnutzerinnen

- absolute und

Prozentsatz

Haus der geschützten Wohnungen

14

9,7

Kontaktstelle gegen Gewalt – Frauenhaus GEA

81

55,9

CSM

8

5,5

Polizeidirektion (Quästur) Bozen

4

2,8

BSB Sozialsprengel Europa Neustift

6

4,1

Verein LA STRADA/DER WEG Bereich Frau

5

3,4

Verein Volontarius – Straßenprojekt

1

,7

Vereinigung Frauen-NISSA'

2

1,4

BSB Sozialsprengel GRIES

4

2,8

12

8,3

Stadtpolizei

1

,7

BSB Sozialsprengel Don Bosco

1

,7

Haus Margaret Caritas

5

3,4

Familienberatungsstelle AIED

1

,7

Familienberatungsstelle l'ARCA


Insgesamt

145

100,0

Wie aus der Grafik 1 ersichtlich, wurden Frauen, die sich an eine Netzwerkstelle gewandt haben, vorwiegend in Obhut des Fachpersonals der Kontaktstellen gegen Gewalt oder des Personals der Sozialdienste genommen. In geringerem Ausmaß nahmen sich ihrer von Psychologinnen und Mediatorinnen an, der Beitrag der Polizeikräfte war fast unerheblich.

Grafik 1: Fachpersonal, das den Erhebungsbogen ausgefüllt hat – absolute Daten

SozialassistentIn SozialbetreuerIn

Betreuerin Koordinatorin KrankenpflegerIn

Psychologin

Erzieherin Mediatorin

Polizei

Die absolute Mehrheit der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt hat, wohnt in Bozen, nur ein kleiner Anteil ist anderswo ansässig. Die Hälfte der Frauen hat ein Alter zwischen 30 und 45 Jahren, ein Drittel ist jünger als 30 Jahre und ein Fünftel älter als 46. Mehr als die Hälfte der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind italienischer Staatsbügerschaft, 21% stammen aus Osteuropa, 10% aus Afrika. Der Anteil an ausländischen Frauen unter den Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, ist größer als der Anteil an ausländischen Frauen, die Anfang 2011 in der Stadt Bozen ansässig waren (13% nach ISTAT-Daten)3. Frauen, die in einer Paarbeziehung leben (Ehemann oder Lebensgefährte), machen 55% der Opfer aus. Es folgen alleinstehende Frauen (27%) und Witwen oder geschiedene Frauen.

3

Istat, Geo Demo, Popolazione straniera residente al 1° gennaio 2011 per età e sesso,


Grafik 2 :Soziodemografische Merkmale der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Familienstand, Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter getrennt oder verwitwet verheiratet oder zusammenlebend ledig Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Die soziodemografische Struktur der Gewaltopfer auf lokaler Ebene weicht von jener, die aus den ISTAT-Daten über die Arbeitskräfte hervorgeht, ab. Beruf und Studientitel der Frauen mit mehr als 15 Jahren, die Anfang 2012 die in der Provinz Bozen wohnten und sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind relativ hoch. Dies hängt sowohl vom beträchtlichen Anteil an Frauen mit höheren Studientiteln als auch vom geringen Anteil an Frauen ohne Studientitel ab. Beim Vergleich


mit den italienweiten Daten muss jedoch berücksichtigt werden, dass die ISTAT-Bevölkerung altersmäßig umfassender ist und Ausbildungsunterschiede somit wahrscheinlicher sind.

Tabelle 2: Bevölkerung, Frauen über 15 Jahre, Daten getrennt nach Studientiteln – Südtirol und Italien, 2012 Autonome Provinz Bozen

Italien

Grundschulabschluss, kein Studientitel

20,5

25,8

Mittelschulabschluss

32,5

28,3

Berufsschulzeugnis 2-3 Jahre (berufliche Qualifikation)

15,3

5,7

Oberschulzeugnis 4-5 Jahre (Abitur/Staatsprüfung)

21,5

27,8

Hochschulabschluss und Doktorat

10,2

12,4

Summe

100,0

100,0

Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012


Grafik 3: Erwerbsstatus der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Angestellte arbeitslos Hausfrau Rentnerin Schülerin oder Studentin Freiberuflerin

Mehr als die Hälfte der Dienstnutzerinnen (53%) ist berufstätig. Es handelt sich dabei vorwiegend um Angestellte, nur ein kleiner Anteil ist freiberuflich tätig. 7% sind Rentnerinnen und die restlichen 40% sind wirtschaftlich unselbständig, entweder weil arbeitslos (29%) oder weil Hausfrau (7,8%) oder Studentin (3,9%). Vergleicht man diese Daten mit den ISTAT-Erhebungen 2012 und den Daten der Gemeinde Bozen aus dem Jahr 2011, so ist die Beschäftigungsrate der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste wenden (52,7%), niedriger als jene der Autonomen Provinz (64,8% ) und der Gemeinde (65,5%), während die Arbeitslosenquote (28,7%) sehr viel höher ist (Provinz 4,8%, Gemeinde 3,5%). Tabelle 3: Wirtschaftsindikatoren Autonome Provinz Bozen, Verteilung auf Nationalebene Frauenarbeits- FrauenQuote der losigkeitsquote beschäftinichterwerbstätigen gungsquote Frauen 4,8 64,8 18,2

Autonome Provinz Bozen 8,6 Nord 11,0 Zentrum 19,3 Süd 11,9 Italien Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012

57,0 52,3 31,6 47,1

37,7 41,2 60,7 46,5

Was die berufstätigen Frauen betrifft, so haben mehr als die Hälfte unbefristete Arbeitsverträge, während ca. 40% prekäre Arbeitsstellen besetzen. Dementsprechend verfügen nur 44% der Frauen über Einnahmen, die für sich selbst und die eigenen Kinder ausreichen. Es sei unterstrichen, dass


7% bis 8% der Frauen, die von den Netzwerkdiensten unterstützt werden (d.h. 11 Frauen), erklärt haben, sich nicht frei bewegen zu dürfen und eine oder mehrere Landessprachen nicht zu beherrschen. In Bezug auf die Familienlage erklären die meisten Frauen, die sich an die Dienste wenden, mit Kindern und Partner zusammenzuleben. Ein signifikanter Anteil lebt in Wohngemeinschaften oder geschützten Wohneinrichtungen (inkl. Kinder). Nur ein kleiner Prozentsatz lebt allein oder mit den Eltern, mit Verwandten oder mit FreundInnen. Fast die Hälfte (48,8%) der nicht allein lebenden Frauen hat angegeben, dass sie mit der Person zusammenleben, die Gewalt gegen sie ausübt.

Grafik 4 : Wohnsituation der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - Multiple Choice-Antworten, Prozentsätze

mit Kindern mit dem Partner in Wohngemeinschaft allein mit den Eltern mit anderen Verwandten mit FreundInnen mit den Schwiegereltern

Art der Gewalt In der übergroßen Mehrheit der Fälle (82%) erfolgt die Gewaltausübung im Rahmen der Familie. Gelegenheitsangriffe, Mobbing auf dem Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung sind hingegen seltener (Grafik 5). Grafik 5: Art der Gewalt, die die Dienstnutzerinnen der Netzwerkdienste erlitten haben Prozentsätze


erlittene Gewalt sexuelle Ausbeutung und/oder Ausbeutung als Arbeitskraft Mobbing (auf dem Arbeitsplatz) Gelegenheitsangriffe Häusliche Gewalt

Was die Großkategorie der häuslichen Gewalt anbelangt, so betrifft diese in erster Linie italienische Frauen, gefolgt von Frauen aus Osteuropa, während Frauen aus anderen Ländern weniger davon betroffen sind. Weitere Risikofaktoren, die die Bozner Frauen für häusliche Gewalt anfällig machen, sind folgende: feste Partnerschaft (Ehe), Alter zwischen 30 und 45 Jahren, hoher Studientitel, arbeitslos, Rentnerin. Italienische Frauen sind auch in Bezug auf Mobbing besonders anfällig (insbesondere, wenn es sich um Angestellte handelt), während afrikanische und osteuropäische Frauen stärker sexuell und beruflich ausgebeutet werden. Gelegenheitsangriffe scheinen hingegen nicht von der geografischen Herkunft der Opfer abzuhängen, sondern von ihrem Alter und dem Familienstand (unverheiratet).

Modalitäten der Gewaltausübung Wie aus Untersuchungen und Studien bereits bekannt, summieren und überschneiden sich laut Angaben der Dienstnutzerinnen verschiedene Gewaltmodalitäten, die eine Art Kontinuum bilden. Geht man von den Daten der ausgefüllten Fragebögen aus, so ist die meistverbreitete Form der Gewalt die psychologische Gewalt, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit weitem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking sind weniger signifikant, sexuelle Belästigung ist selten. Diese Rangordnung entspricht sowohl den Ergebnissen der Bozner Erhebung


als auch den Bezugsdaten (Tabelle 4) des nationalen Vereinsnetzes DiRe4 (DiRe, 2012), das die Zahlen, die die Tätigkeit der Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt im Jahr 2011 betreffen, gesammelt hat und somit eine passende Vergleichsbasis liefert. Wie gesagt überschneiden sich die Ergebnisse der beiden Erhebungen. Aus dem DiRe-Bericht geht zudem hervor, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben von Gewaltopfern ein Kontinuum bilden und ständig interagieren. Bei gleichzeitiger Ausübung verschiedener Gewaltmodalitäten steigt natürlich auch die Gefährlichkeit der Situation. Tabelle 4 : Von den Fachkräften gemeldete Art der Gewaltausübung – Multiple-Choice-Antworten, Prozentsätze

Art der Gewalt

körperliche Gewalt

% der Antworten

% der Fälle

absolute Werte (Anzahl der Antworten)

Daten Dire 2011 (% der Fälle)

27,0

67,6

114

47,0

8,5

21,4

36

14,2

psychologische Gewalt

37,1

80,7

157

54,4

ökonomische Gewalt

14,4

37,9

61

24,0

Stalking

9,9

16,6

42

9,3

Belästigung

3,1

7,6

13

-

Antworten insgesamt (Multiple Choice)

100

231,8

423

148,3

sexuelle Gewalt

Orte der Gewalt Das eigene Zuhause ist der Ort, der für Frauen am gefährlichsten ist. Dies gilt für alle Gewaltformen (weniger für sexuelle Belästigungen und Stalking). Die häusliche Gewalt hat zudem einen besonders hohen Intensitätgrad (man denke z.B. daran, dass die ökonomische Gewalt zu 84%, d.h. fast zur Gänze, zu Hause und in der Familie ausgeübt wird). Daheim entfalten sich aber auch alle anderen Gewaltformen mit besonderer Häufigkeit. Das Netzwerkpersonal hat angegeben, dass die meisten Fälle von körperlicher, psychologischer und sexueller Gewalt zu Hause stattfinden; auch Stalking und Verfolgung werden in einem Fall von drei im häuslichen Kontext ausgeübt. (Grafik 6). Öffentlichen Orte (Straßen, Parkplätze, Parks und Gastbetriebe) sind für Frauen auch nicht ungefährlich, insbesondere in Bezug auf Stalking und sexuelle, psychologische und ökonomische Gewalt. Auf dem Arbeitsplatz steht hingegen gerade das Stalking ganz oben auf der Liste, gefolgt von sexueller, ökonomischer und psychologischer Gewalt. In den Freizeiträumen der Schulen werden immer öfter Stalkingfälle verzeichnet.

1 D.i.Re.,Donne in Rete contro la violenza, Rilevazione dati 2011, 2012


Grafik 6 : Orte der Gewaltausübung aufgeteilt nach Art der Gewalt - Prozentsätze

Stalking Sexuelle Gewalt Psychologische Gewalt Körperliche Gewalt Ökonomische Gewalt Andere Orte

Schule + Freizeitstätten

Öffentliche Orte + Gastbetriebe

Arbeitsplatz

Zuhause


Grafik 7 : Zeitraum der Gewaltausübung, Daten aufgeschlüsselt nach Art der Gewalt

aktuell

Ökonomische Gewalt

in der Vergangenheit

Körperliche Gewalt

sowohl in der Vergangenheit als auch aktuell

Psychologische Gewalt

Stalking

Sexuelle Gewalt

Gewalterfahrungen stellen ein Kontinuum im Leben der meisten Frauen dar, sie sind ein Element, das Vergangenheit und Gegenwart kennzeichnet, eine konkrete Tatsache, mit der sie täglich zu tun haben. Die Gegenwart wird insbesondere bei Stalkingfällen als besonders bedrohlich empfunden, während bei sexueller, körperlicher, psychologischer und ökonomischer Gewalt die Vergangenheit eine besonders schwere Bürde darstellt (Grafik 7). Jede Art von Gewalt scheint zudem ihr eigenes Timing zu haben. Sexuelle Belästigungen sind im Normalfall einmalig, während beim Stalking und der Verfolgung die Standarddauer – wie auch bei der psychologischen Gewalt – zwei bis vier Jahre beträgt. Sexuelle Gewalt hält meist bis zu 10 Jahren an, ökonomische Gewalt sogar noch mehr. Die Mehrheit der Frauen (65%), die von den Dienststellen unterstützt wird, stellt keinen Bezug zwischen der erlittenen Gewalt und spezifischen Ereignissen oder Lebensaspekten her. Der Rest der Dienstnutzerinnen gibt an, dass die Gewalt in einer besonderen oder besonders heiklen Phase begonnen hat: In einem Drittel der Bozner Fälle war die Schwangerschaft oder die Geburt eines Kindes der auslösende Faktor für den Gewaltausbruch, der meist durch verfolgerisches Verhalten und Belästigungen gekennzeichnet ist. Dieses Schema entspricht den internationalen Erkenntnissen5. Aus der Literatur geht hervor, dass die Geburt eines Kindes bei manchen Partnern 5 Brewer J. E., Paulsen D.J. (1999), “A comparison of US and Canadian findings on uxoricide risk for women with children sired by previous partners”, Homicide Studies, 3, 317-332.
Campbell J.C. (2001), “Abuse during pregnancy: A quintessential threat to maternal and child health – so when do we start to act?”, Canadian Medical Association Journal, 164, 1578 - 1579


negative Gefühle wie Eifersucht und Wut erweckt oder den Eindruck erzeugt, einem Zwang ausgesetzt zu sein (insbesondere bei ungeplanten Schwangerschaften). Diese Emotionen sind oft sehr stark und können zu Gewalttaten gegen Mutter und Kind führen. In Italien erleiden nach ISTAT-Daten mehr als 11% der schwangeren Frauen Gewalt durch den Partner. Ganz generell beginnt bei Gewaltopfern der Leidensweg in 13,6% der Fälle gerade während der Schwangerschaft; in 52,5% der Fälle gab es bereits zuvor Gewalt und sie bleibt mit gleicher Intensität auch während der Schwangerschaft bestehen; in 17,2% der Fälle nimmt die Gewalt während der Schwangerschaft zu und nur in 15,9% der Fälle nimmt sie ab. Die Bozner Daten bestätigen diesen Trend und unterstreichen die Gefahren für Mutter und Kind, die daraus entstehen können. Häusliche Gewalt während der Schwangerschaft kann zu ungewollten Schwangerschaftsunterbrechungen, vorzeitigen Geburten und Untergewicht bei der Geburt führen. Die Opfer von häuslicher Gewalt neigen außerdem dazu, gefährliche Gewohnheiten anzunehmen (Rauchen, Alkohol- und Drogenmissbrauch). Körperliche Misshandlungen sind oft auch mit Problemen im Bereich des Fortpflanzungssystems, mit Harnwegentzündungen, Depression und anderen mentalen Krankheiten assoziiert. Gewalt während der Schwangerschaft ist schließlich auch gepaart mit hohen Raten an unerwünschten Schwangerschaften, Schwangerschaften im Jugendalter und Abtreibungen. Grafik 8: Hat die Gewaltausübung zu einem besonderen Zeitpunkt im Leben der Frau stattgefunden bzw. begonnen?

Menschenhandel zwecks Ausbeutung Beginn der Arbeitstätigkeite/ Ende Trennung Eheschließung Schwangerschaft/Geburt der Kinder Schwierigkeiten mit dem Partner

Zu den Ereignissen, die zu einem auslösenden Faktor für die Gewaltausübung in einer Beziehung werden können, gehören auch die Eheschließung, die Zusammenführung von Familien (bei Migrantinnen), Trennung und Scheidung sowie Schwierigkeiten mit dem Partner. Es handelt sich Campbell J.C., Webster D., Koziol McLain J., Block C., Campbell D., Curry M. A., Gary F., Glass N., McFarlane J., Sachs C., Sharps P., Ulrich Y., Wilt S.A., Manganello J., Xu X., Schollenberger J., Frye V., Laughton K., (2003), “Risk factors for femicide in abusive relationships: Results from a multisite case control study”, American Journal of Public Health, 93, 1089-97.


um Anlässe, die sich im Beziehungsleben abspielen und starke Gefühle hervorrufen. Die Schwierigkeit, die eigenen Gefühle unter Kontrolle zu halten, spielt eine ausschlaggebende Rolle beim Entstehen von Gewalt innerhalb einer intimen Beziehung, auch wenn die Kontexte sehr unterschiedlich sind. Bei Trennungen ist Stalking die häufigste Gewaltform, während bei Ehen ökonomische und körperliche Gewalt vorwiegen. Ein Fünftel der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, gibt an, dass die Gewalt mit der sozialen und beruflichen Sphäre verbunden ist (Arbeitstätigkeit, Arbeitswechsel, Migration) und sich vornehmlich in Form von ökonomischer Gewalt und Verfolgung ausdrückt. Ein geringerer aber dennoch bedeutsamer Anteil der Frauen ist Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung. Die für diese Verbrechen typische Gewaltform ist die Vergewaltigung (Grafik 8). In Bozen wurden außerdem auch ein Fall von Genitalverstümmelung und ein Fall von Zwangsheirat verzeichnet.

Wer übt Gewalt gegen Frauen aus? Täter sind insbesondere Ehemänner, Verlobte und Partner (53%) sowie ehemalige Partner (13.6%). Erstere üben vorwiegend ökonomische, psychologische und körperliche Gewalt aus, während ehemalige Partner eine “Vorliebe” für Stalking, Verfolgungsakte und körperliche Misshandlungen haben. Die Daten, die die von ehemaligen Partnern ausgeübte Gewalt betreffen, zeigen, dass die Trennungsphase ein besonders komplexer Übergang ist, bei dem eine eingehende und kompetente Überprüfung einer eventuellen Rückfallgefahr von wesentlicher Bedeutung ist. In 16% der Fälle sind die Täter Familienmitglieder (Eltern und Verwandte), in 11% der Fälle handelt es sich um Freunde und Bekannte. Die Fälle, in denen der Täter eine unbekannte Person ist, sind selten und finden meist im Zusammenhang mit Menschenhandel und mit Zuhälterei statt. Die Daten des Dire-Netzes6 (DiRe, 2011) ermöglichen einen Vergleich zwischen der Bozner Realität und jener auf Nationalebene: Der Fokus liegt in beiden Fällen bei den Intimbeziehungen, da der Partner sowohl in Bozen als in ganz Italien als Hauptverantwortlicher der Gewalttaten hervorgeht. Der von DiRe erhobene Prozentsatz ist jedoch mit 64% bedeutsam höher als jener von Bozen. Dasselbe gilt, in geringerem Ausmaß, für die Daten in Bezug auf die ehemaligen Partner (20% auf Nationalebene). In Bozen ist hingegen die Gewalt gegen Frauen, die von Familienmitgliedern (Eltern und Verwandte) herrührt, häufiger als im Rest Italien (16,2% gegen 8%). Eine ähnliche Abweichung gibt es auch im Falle der von Freunden und Bekannten ausgeübten Gewalt (11% gegen 6%) sowie jener, die von unbekannten Personen ausgeübt wird (3,9% gegen 2%). Grafik 9 : Beziehung zum Gewalttäter - Prozentsätze 6

In diesem Fall beziehen wir uns auf die DIRE-Erhebung 2010, in der die Daten besser aufgeschlüsselt und deswegen

auch besser vergleichbar sind (DiRe, “DATI STATISTICI ANNO 2010: 3° RILEVAZIONE NAZIONALE”).


Zuhälter/Zuhälterin Unbekannte/r Elternteil/Verwandte/r Ehem. Ehemann (ehem. Freund/ehem. Partner) Freund/Bekannter/Arbeitskollege

Profil der gewaltausübenden Personen Zirka die Hälfte der Täter ist zwischen 30 und 45 Jahre alt (51%) und somit ungefähr gleich alt wie die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt sind. Mehr als ein Drittel ist über 46 Jahre alt und nur eine Minderheit ist jünger als dreißig: Dieses Verhältnis ist bei Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wurde, umgekehrt (es wiegen jüngere Frauen vor). Die Täter sind vornehmlich - und in stärkerem Ausmaß als ihre Opfer - italienischer Nationalität (66%), während die Täter aus Osteuropa oder Afrika einen geringeren Prozentsatz als die Gewaltopfer aus diesen Weltteilen ausmachen. Diese Daten belegen, dass italienische Männer häufiger sowohl gegen Italienerinnen als auch gegen Ausländerinnen und jüngere Frauen gewalttätig sind. Die Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wird, haben einen signifikant höheren Ausbildungsgrad als die gewaltausübenden Männer: Der Anteil an Frauen mit akademischem Abschluss ist fast doppelt so große wie jener der Männer; auch der Besitz eines Reifediploms ist bei Frauen häufiger, während Berufsschuldiplome und Mittelschuldiplome bei den Tätern stärker vertreten sind als bei den Opfern. Dieser Umstand müsste näher untersucht werden, um zu verstehen, ob diese kulturelle Differenz einen Zusammenhang mit der ausgeübten Gewalt hat, auch wenn auf Nationalebene keine Verknüpfung dieser Art festgestellt wurde (Istat, 2007). Unter dem Gesichtspunkt der Beziehungen zwischen Gewalttäter (Männer) und Gewaltopfer (Frauen) zeigen die erhobenen Daten, dass für verheiratete Frauen das größte Risiko von ihren Ehemännern ausgeht, während es bei unverheirateten Frauen der ehemalige Partner, ein Freund, ein Bekannter oder ein Kollege sind. Junge, unverheiratete Frauen sind oft Opfer von Eltern und Verwandten. Frauen, die mit ihren Partnern (Ehemann oder Lebenspartner) und/oder ihren Kindern zusammenleben, sind bzw. waren vornehmlich Opfer ihres Partners. Dies gilt auch für die Mehrheit


der Frauen, die derzeit in Frauenhäusern oder in Gemeinschaften leben. Alleinlebende Frauen sind meist Opfer ehemaliger Partner oder von Freunden und Bekannten. In Wohngemeinschaften leben auch auch Frauen, die Opfer von Verwandten oder von Menschhandel waren. In den meisten Fällen handelt es sich bei den Tätern um “normale” Männer, die keine spezifischen Probleme haben, welche ein gewalttätiges Verhalten “hervorrufen” oder verstärken können (wie z.B. Alkohol- oder Drogenmissbrauch, wirtschaftliche oder psychiatrische Probleme usw.). Im Rest der Fälle sind Probleme verschiedener Art vorhanden, es wiegen jedoch Alkoholabhängigkeit und soziale Probleme vor (16% bis 17%), während Drogenmissbrauch und psychiatrische Probleme seltener sind (Tabelle 5). Zum Vergleich sei auf die Istat-Daten 2006 hingewiesen, die bezüglich der gewaltausübenden Männer, die unter der Wirkung von Alkohol oder Drogen stehen, einen etwas geringeren Prozentsatz angeben (13,3%).

Grafik 10: Soziodemografische Merkmale der Gewalttäter und der Gewaltopfer - Prozentsätze

Gewaltopfer


Gewalttäter Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufsschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Tabelle 5: Eventuelle Probleme der gewalttätigen Person (Multiple Choice), Prozentsätze Person ohne offensichtliche Abhängigkeitsprobleme und/oder soziale bzw. psychische Probleme Alkoholiker/Alkoholikerin Drogensüchtige/r Person mit psychiatrischer Störung

46,5% 17,4% 4,9% 1,4%

Person mit sozialen Problemen

16,7%

Keine Erkenntnisse

13,2%

Anwesenheit von Kindern In 60% der Fälle leben mit den Gewaltopfern auch Kinder zusammen; es handelt sich dabei fast immer um Töchter und Söhne der Opfer, nur selten besteht eine andere Art von Verwandtschaft. In der Mehrheit der Fälle erleben die Kinder die Gewalt direkt oder indirekt mit. Fast die Hälfte (44%) erlebt Gewalttaten direkt mit, ein Viertel ist während der Vorfälle nicht direkt anwesend, weiß aber, dass Gewalt ausgeübt wird (24%). Beträchtlich ist auch der Anteil an Kindern, die direkte Gewalt erleiden, während der Prozentsatz an Kindern, die weder direkt noch indirekt der Gewalt beiwohnen oder Opfer davon sind, sehr geringfügig ist. Die Art der miterlebten oder erlittenen Gewalt stimmt fast immer mit der der Mutter zusammen. Aus den erhobenen Daten geht eine starke direkte Einbindung der Minderjährigen in die Gewalt und eine sowohl körperliche als auch psychologische Gefährdung hervor. Das Verhaltensmuster der Täter ist typischerweise stets dasselbe. Laut der zitierten ISTAT-Studie gaben 62,4% der Frauen, die Opfer von Männergewalt sind, an, dass ihre Kinder einem oder mehreren Gewaltszenen beigewohnt haben (davon 19,6% nur in seltenen Fällen, 20,2% manchmal und 22,6% oft). Tabelle 6: von Minderjährigen erlittene Gewalt (Multiple Choice), Prozentsätze


Körperliche Gewalt in direkter Form

11,4%

Psychologische Gewalt in direkter Form

15,2%

Ökonomische Gewalt in direkter Form

3,0%

Miterlebte Gewalt in direkter Form

43,9%

Miterlebte Gewalt in indirekter Form

23,5%

Nein

3,0%

Die Dienststellen und das Netzwerk Der Fragebogen sah eine offene Frage in Bezug auf die Kenntnis der Dienste vor, die vom Netzwerk angeboten werden. Die Art und Weise, wie Dienstnutzerinnen von den Diensten erfahren, ist eine extrem wichtige Information: Sie gibt Aufschluss darüber, inwieweit das Wissen über die bestehenden Dienste gegen Gewalt an Frauen unter hilfsbedürftigen Opfern verbreitet ist. In 50% der Fälle haben die Frauen von den Netzwerkdiensten durch das Netzwerk selbst erfahren. Dies ist ein gutes Ergebnis, das auf eine gelungene synergetische Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Knoten des Netzwerks hinweist. In der ersten Phase der Kontaktaufnahme bleibt jedoch die Rolle der FreundInnen und der Familie ausschlaggebend: Freundinnen und Bekannte sind oft die ersten AnsprechpartnerInnen der hilfesuchenden Gewaltopfer und raten ihnen, sich an Dienststellen des Netzwerks zu wenden. Was das Netzwerk selbst betrifft, sind die Sozialdienste – durch die SozialassistentInnen – die Knotenpunkte, die die Fälle zuerst filtrieren und den betroffenen Frauen weiterhelfen, gefolgt von den Sicherheitskräften und den Fachdiensten (Beratungsstellen, Frauenhäuser, Kontaktstellen gegen Gewalt). Weniger aktiv sind diesbezüglich die Fachleute der Gesundheitsdienste (FamilienärztInnen, PsychologInnen, Krankenhäuser). Bedeutsam ist hingegen der Zugriff auf die grünen Telefonnummern und auf Internet, die ein relativ neues Instrument sind, aber dennoch ziemlich bekannt und zuverlässig zu sein scheinen.


Grafik 11 :Wie hat die Frau von der Dienststelle erfahren? (Prozentsätze)

durch eine Freundin, eine Bekannte Sozialdienste, Sozialassistentin Polizei, Ordnungskräfte, Polizeidirektion (Quästur) Familienhaus, Familienberatungsstelle, Gea, Dienststellen Grüne Nummer, Zufall, Internet Verwandte Familienarzt/Familienärztin, Psychologe/Psychologin, Krankenhaus Rechtsanwalt/Rechtsanwältin bereits bekannt keine Angabe

Die erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, weshalb sich Frauen an die verschiedenen Dienste wenden (77%). Es ist extrem wichtig, dass bei den Gesprächen mit dem Personal der Dienste auch die versteckte und verneinte Gewalt belichtet und anerkannt werden. Dies kann entweder durch direkte Fragen erwirkt werden oder als Nebeninformation oder indirekte Auskunft in die Erzählung der betroffenen Frau einfließen. Es handelt sich um ein wichtiges Ergebnis, das von der fachlichen Vorbereitung des Personals der Anlaufstellen zeugt, die so zeigen, dass sie imstande sind, die erlebte Gewalt auch in solchen Fällen zu erkennen und sie aufzudecken. Grafik 12: Wenn das Thema Gewalt von der Frau nicht als Hauptgrund genannt wurde, wer hat dieses Thema zur Sprache gebracht? (Prozentsätze)


Die Frau selbst, als sekundäres Problem Die Frau selbst, jedoch indirekt im Rahmen anderweitiger Erzählungen Die Fachperson durch direktes Fragen

Eine grundsätzliche Bestätigung der Rangordnung der Anlaufstellen für die hilfesuchenden Frauen geht auch aus den Antworten auf die Frage hervor, ob sich die betroffene Frau mit der Bitte um Hilfe auch “an andere” gewandt hat. In diesem Fall waren – anders als bei der vorhergehenden Frage - mehrere Antworten möglich: Die Antworten zeigen, dass die Sicherheitskräfte, die Sozialdienste und die Kontaktstellen gegen Gewalt sowie die FreundInnen der erste Anlaufpunkt sind und den ersten Schritt auf dem Weg aus den Gewalt heraus darstellen (Grafik 13). Es folgen die Familie und andere Dienststellen. Bei 24% der Antworten steht, dass sich die betroffene Frau zuvor an niemand anderen gewandt hat und somit direkt den Dienst als erste Anlaufstelle gewählt hat. Grafik 13: Hat sich die Frau bereits an andere Personen/Anlaufstellen gewandt? (Multiple Choice), Prozentsätze


Ordnungskräfte Nein Freunde/Freundinnen Sozialdienste Frauenhaus/geschützte Wohnungen Verwandte Rechtsanwalt/Rechtsanwältin Eltern Familienberatungsstelle Krankenhaus Psychologischer Dienst Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin) NachbarInnen

Wie gut das Netzwerk funktioniert kann zum Teil anhand der Antworten auf die Frage bezüglich der Interaktion mit anderen Diensten bewertet werden, d.h. ob die Fachperson, die den Fragebogen beantwortet, die betreffende Dienstnutzerin an andere Dienststellen “weitergeleitet” hat. Leider hat fast die Hälfte davon (44%) auf diese Frage nicht geantwortet, was zu einer geringen Gesamtsignifikanz der entsprechenden Daten führt. Die Mehrheit (72%) von jenen, die die Frage beantwortet haben, hat keine Frau an andere Dienste weitergeleitet. Vorwiegendes Ziel der weitergeleiteten Frauen waren die Kontaktstelle gegen Gewalt, die geschützten Wohnungen und das Frauenhaus. Die Situation der von den Netzwerkdiensten Ende 2012 betreuten Frauen ist in der Abbildung 14 beschrieben: Sieht man von den Frauen (13%, d.h. 17 Frauen) ab, die von keiner Dienststelle betreut werden, so wird die absolute Mehrheit der Gewaltopfer von Kontaktstellen und Frauenhäusern unterstützt oder lebt in geschützten Wohnungen, während der Rest von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen betreut wird.

Grafik 14: Wer betraut die Frau mit Blick auf die Gewaltsituation?(Multiple Choice), Prozentsätze


Frauenhaus/geschützte Wohnungen Niemand Sozialdienste Familienberatungsstelle PsychiaterIn/NeuropsychiaterIn Psychologischer Dienst Sozialpädagogische Einrichtung Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin)

Anzeigen bei Gericht Zirka ein Drittel der vom Bozner Netzwerk betreuten Frauen hat eine strafrechtliche Anzeige erstattet oder (im Falle von Minderjährigen) das Jugendgericht benachrichtigt. Es handelt sich um einen sehr hohen Prozentsatz, insbesondere im Vergleich zum italienischen Durchschnittswert, der aus den ISTAT-Erhebungen 2006 hervorgeht (7,3% der Frauen, die Opfer vom Männergewalt sind, erstatteten Anzeige wegen vom Partner ausgeübter körperlicher oder sexueller Gewalt). Die Netzwerkdaten sind besonders erfreulich, weil sie sich nicht nur von den italienweiten Zahlen, sondern auch vom Südtiroler Durchschnitt (13,7%) derselben ISTAT-Studie positiv abheben (es ei darauf hingewiesen, dass Südtirol bereits damals die „beste“ unter den italienischen Regionen war). Da die Mehrzahl der gerichtlichen Verfahren noch läuft, ist es frühzeitig, Schlüsse über das Ergebnis der Anzeigen zu ziehen. Tabelle 7: Gerichtliche Schritte der Frauen, die von den Netzwerkdiensten betreut werden absolute Daten und Prozentsätze Ja

Nein

Sum me

Absolute Daten Strafanzeige/Strafantrag/Klage (Gerichtsbehörde) Anzeige (Staatsanwaltschaft bei Jugendgericht)

%

41

96

137

43

99

142

29, 9 30, 3

70, 1 69, 7


Tabelle 8 : Ergebnis der Gerichtsverfahren – Prozentsätze 1 – Rücknahme der Anzeige

18,6

2 – hängiges Verfahren

65,1

3 – Verurteilung der gewalttätigen Person / Strafzumessung auf Antrag der Parteien

7,0

4 – Freispruch

9,3

Summe

100,0

Schlussbemerkungen Aus dem vorliegenden Bericht können nur provisorische Schlussfolgerungen gezogen werden, da die verarbeiteten Daten bislang ein einziges Arbeitsjahr (das Startjahr!) umfassen. Trotzdem können wir uns davon ausgehend ein Bild vom Netzwerk, von den Dienstnutzerinnen, von den Bedürfnissen der Frauen und von der Art der jeweils erlittenen Gewalt machen. Die Anzahl der Fälle ist jedoch noch zu gering, um die Beziehungen zwischen Opfer und Täter, die Dynamik der verschiedenen Gewaltformen und die Reaktion der Dienststellen im Detail zu analysieren und daraus Indikatoren in Bezug auf die Wirksamkeit des Netzwerks oder das Auftreten der verschiedenen Gewaltformen auf dem Territorium oder auch nur in Bezug auf eventuelle Probleme der Netzwerkdienste zu erarbeiten. Um die mühsame und verdienstvolle Arbeit zu ehren, die das Personal bei der Datenerhebung geleistet hat, werden wir nachfolgend eine Übersicht der wichtigsten Elemente liefern, die aus der Datenanalyse hervorgehen. Wir fangen dabei von der Beschreibung der Frauen an, die sich an die Netzwerkstellen gewandt haben. Es handelt sich mehrheitlich um Frauen italienischer Nationalität zwischen 30 und 45 Jahren. Zirka ein Drittel ist jünger als 30, ein Fünftel über 46. Die Mehrheit der Frauen leben im Paar (verheiratet oder Wohngemeinschaft) und haben eine Arbeit oder eine Rente und verfügen somit über eine eigene Einnahmequelle (59,7%). Die meisten besitzen ein höheres Ausbildungsniveau als der Durchschnitt der in der Gemeinde und in der Provinz ansässigen Frauen. Es gibt aber auch einen Anteil der Opfer, die arbeitslos sind und sich in einer präkären ökonomischen Lage befinden. Zirka 55% der betreuten Frauen gibt an, Schwierigkeiten zu haben, den Unterhalt für sich selbst und die (eventuellen) Kinder zu zahlen. Dieser Umstand versetzt sie in eine Situation objektiver “Schwäche”, die vermehrt Männergewalt zur Folge haben kann. Es sei dabei darauf hingewiesen, dass ein (wenn auch kleiner) Anteil der Frauen eine der beiden Landessprachen nicht oder nur unzulänglich kennt und sich nicht frei bewegen kann/darf. Es handelt sich oft um ausländische Frauen (45,4%), die zum Großteil aus Osteuropa oder Afrika stammen. Hilfesuchende Frauen leben meist mit ihren Kindern und dem Partner zusammen. Es ist erschreckend zu wissen, dass die Hälfte von ihnen mit dem Mann zusammenlebt, der Gewalt gegen


sie ausübt. Ein signifikanter Teil der Frauen, die von den Netzwerkdiensten aufgenommen wird, lebt demgemäß in geschützten Einrichtungen und in Frauenhäusern. Wie überall wird auch in Bozen die Gewalt in der übergroßen Mehrzahl der Fälle (82%) innerhalb der Familie ausgeübt (häusliche Gewalt), während Gelegenheitsangriffe, Mobbing am Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung eher selten sind. Was die Art der erlittenen Gewalt anbelangt, so überschneiden sich meist verschiedene Modalitäten. Erstellt man eine Rangordnung anhand ihres relativen Gewichts, so steht psychologische Gewalt an erster Stelle, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit größerem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking haben eine geringere Inzidenz, sexuelle Belästigungen sind selten. Diese Daten bestätigen die Ergebnisse anderer Erhebungen und belegen den Umstand, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, ein Kontinuum darstellen, sich überschneiden und ständig interagieren. Das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Gewaltformen zeichnet stets besonders gefährliche Situationen aus. Das eigene Zuhause ist für Frauen der gefährlichste Ort, und dies gilt für alle Formen der Gewalt (mit der Ausnahme von Belästigungen und Stalking). Daheim ist auch die Intensität der Gewalt stärker als anderswo, angefangen von der ökonomischen Gewalt, die fast ausschließlich innerhalb der eigenen vier Wände und der eigenen Familie ausgeübt wird. Körperliche, psychologische und sexuelle Gewalt finden auch fast immer in der gemeinsamen Wohnung statt. Sogar Stalking und Verfolgung finden ein Drittel der Male zu Hause statt. Auch die öffentlichen Räume (Straßen, Parkplätze, Parks und Gaststätten) sind für Frauen gefährlich: Es finden dort Stalking sowie sexuelle und psychologische Gewalt statt. Die am Arbeitsplatz meistverbreitete Form der Gewalt ist das Stalking, gefolgt von der sexuellen, der ökonomischen und der psychologischen Gewalt. Schulen und Freizeiträume sind besonders oft Schauplatz von Stalking. Die Gewalt wird von den meisten Frauen als eine Art Kontinuum erlebt, als ein Element, das sich ohne Unterbechung von der Vergangenheit bis zur Gegenwart erstreckt und den konkreten, tagtäglichen Lebensablauf charakterisiert. Aus der Erhebung geht hervor, dass oft wichtige Ereignisse und Lebensetappen innerhalb des Paars oder der Familie - wie zum Beispiel Schwangerschaft, Ehe und Trennung - zum Ausbruch der Gewalt beitragen. Dies bestätigt zum wiederholten Male, dass die häusliche Sphäre und die Familie die Hauptbühne für Gewalttaten darstellen. Im Falle von ausländischen Frauen stellen zusätzlich dazu die Einwanderung selbst (mit der manchmal die sexuelle Ausbeutung beginnt) sowie die Zusammenführung mit anderen Familienmitgliedern besonders heikle Momente dar. Bei den Tätern handelt es sich zum Großteil (66%) um italienische Staatsbürger und es sind vergleichmäßig mehr als die italienischen Gewaltopfer, während bei Tätern aus Osteuropa und Afrika der Prozentsatz geringer ist als jener der Opfer mit gleicher Herkunft. Dieser Umstand weist darauf hin, dass die stereotypische Annahme, bei den Tätern handle es sich vorwiegend um Ausländer, irreführend ist. Männer italienischer Abstammung üben häufiger als Ausländer Gewalt sowohl gegen italienische als auch gegen ausländische und junge Frauen aus.


Das bisher skizzierte Bild zeigt eindeutig, dass die Spuren der Gewalt gegen Frauen immer zur Familie führen: Hauptübeltäter sind die gegenwärtigen oder ehemaligen Ehemänner, Verlobten und Partner. Erstere greifen öfter zur ökonomischen, psychologischen und körperlichen Gewalt, während ehemalige Partner dazu neigen, Frauen durch Stalking, Verfolgung und körperliche Misshandlung zu verletzen. Wie bereits gesagt, ist die Trennungsphase der Moment im Leben einer Frau, der unter dem Sicherheitsprofil zu den schwierigsten und gefährlichsten zählt. Nicht nur Partner und ex-Partner, sondern auch Eltern, Verwandte und Freunde üben Gewalt gegen Frauen aus, während nur sehr selten unbekannte Männer zu Tätern werden (meist in Fällen von sexueller Ausbeutung und Menschenhandel sowie Zuhälterei). Erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, der Frauen dazu bewegt, sich an die Dienststellen zu wenden. Es ist jedoch wichtig, dass auch versteckte oder getarnte Gewaltfälle zur Sprache kommen. Dies kann erfolgen, wenn das Fachpersonal die Lage erkennt und direkte Fragen an die betreffende Frau stellt, oder wenn die betreffende Frau das Thema indirekt oder als “Nebensache” aufwirft. Die Aufdeckung der versteckten Gewaltfälle ist besonders wichtig und es ist von wesentlicher Bedeutung, über spezialisiertes Kontaktpersonal zu verfügen, das imstande ist, implizite Gewalt im Erlebten zu erkennen und zur Sprache zu bringen. Im Einklang mit dem bisherigen Bild ist die Tatsache, dass die absolute Mehrheit der Frauen, die Kontakt zu den Netzwerkdienststellen aufgenommen haben, von den Kontaktstellen gegen Gewalt und den Frauenhäusern betreut werden bzw. in geschützten Wohnungen leben, während ein kleinerer Anteil von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen unterstützt werden. Das Wissen um die Unterstützungsmöglichkeiten, die das Netzwerk gegen die Gewalt an Frauen anbietet, stellt ein strategisches Element im Rahmen der politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Gewalt und zur Unterstützung der hilfesuchenden Frauen dar. Die Ergebnisse der Beobachtungsstelle zeigen, dass die Netzwerksynergie diesbezüglich sehr groß ist: 50% der Frauen haben die Netzwerkdienste durch das Netzwerk selbst kennengelernt. In der ersten Kontaktphase spielen zudem FreundInnen und Familienmitglieder eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, sich an die vorhandenen Dienststellen zu wenden. Freundinnen und Bekannte sind und bleiben in den meisten Fällen die ersten Ansprechpartnerinnen hilfesuchender Frauen. Was die Netzwerkdienste anbelangt, so stellen meist die Sozialdienste den ersten Anlaufpunkt dar, der den Frauen Informationen liefert und sie an andere Stellen weiterleitet. Gleich nach den Sozialdiensten befinden sich in dieser Rangordnung die Sicherheitskräfte und die Fachdienste (Beratungsstellen, geschützte Wohnungen, Kontaktstellen gegen Gewalt). Zusätzlich zur Soforthilfe durch die geschützten Wohnstrukturen für gefährdete Frauen und Kinder liefern die Netzwerkdienste den Frauen Unterstützung auf ihrem Weg aus der Gewalt, das eines der wesentlichen Ziele der entsprechenden Maßnahmen darstellt. Zu den möglichen Maßnahmen, die diesen Weg erleichtern, gehört auch der Zugriff auf gesetzlich vorgesehene Instrumente wie Anträge auf Wegweiseanordnungen oder Annäherungsverbote, straf- und zivilrechtliche Klagen oder Meldungen beim Jugendgericht. Bereits in der ISTAT-Erhebung aus dem Jahr 2006 stach die Stadt Bozen im Vergleich zu den anderen italienischen Städten wegen der hohen Anzahl an Anzeigen hervor. Die vorliegende Datenerhebung bestätigt diesen Trend: 30% der von den Netzwerkdiensten betreuten Frauen hat den Täter bei den Behörden angezeigt, ein gleich hoher Prozentsatz hat beim Jugendamt Fälle von Gewalt gegen Minderjährigen gemeldet. Es handelt sich


um ein hervorragendes Ergebnis, das nach Ende der noch laufenden Verfahren auch hinsichtlich der gerichtlichen Ergebnisse 端berpr端ft werden muss.


Das Bozner Netzwerk der Dienste für Frauen in Gewaltsituationen – Erstes Tätigkeitsjahr1 von Maura Misiti, statistische Datenbearbeitung von Marcella Prosperi* Einführung Die Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das weltweit eine zunehmende Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Vereine, Bewegungen, internationale Behörden und nicht zuletzt die internationale Öffentlichkeit sind sich immer stärker bewusst, dass es sich um eine globales Problem handelt und üben dementsprechend Druck aus. Auch die Medien tragen dazu bei, die dramatische Eskalation von Gewalttaten gegen Frauen sichtbar zu machen und zu dokumentieren. Im neuesten Sonderbericht von Rachida Manjoo (UNO-Berichterstatterin) über die genderbasierten Tötungen, der im Juni 2012 veröffentlicht wurde (CHR, 2012), wird der Frauenmord als Extremausdruck der vielen, verschiedenen Formen von Gewalt, die gegen Frauen ausgeübt wird, definiert, als letzte, tödliche Folge eines tragischen Kontinuums. Im Bericht wird unterstrichen, dass dieses Phänomen alarmierende Ausmaße erreicht hat und die Gewalt gegen Frauen immer noch akzeptiert, toleriert und gerechtfertigt wird, weil sie kulturell und sozial stark verwurzelt ist. Der Bericht endet mit einer Reihe von Empfehlungen an die UNO-Mitgliedsstaaten, damit sie ihrer Pflicht, das Phänomen zu bekämpfen, sorgfältig nachkommen. Im Vorjahr (2011) hatte die Berichterstatterin bereits einen Spezialbericht über die Gewalt gegen Mädchen und Frauen erstellt, worin sie den komplexen Rahmenkontext beschreibt, in dem sich verschiedene Formen von Diskriminierung überschneiden, gegenseitig verstärken und so zu einer stetigen Zuspitzung des Phänomens der Gewalt gegen Frauen führen. Der Bericht endete mit der Empfehlung, einen ganzheitlichen Ansatz gegen die genderbasierte Gewalt anzuwenden, um gleichzeitig sowohl die strukturellen Elemente als auch die jeweiligen Diskriminierungsfaktoren zu berücksichtigen. Wenn das Thema der Gewalt gegen Frauen als übergreifendes Phänomen dargestellt wird, das die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte sowie sämtliche Zivilrechte betrifft, fällt es den Policy Makers leichter, die Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Diskriminierungsformen und die Vielfalt der tatsächlichen Gewaltformen zu begreifen. Dieser mehrdimensionale Ansatz erfordert den Einsatz von Personal- und Materialressourcen für die Bewertung und Überprüfung der Auswirkung der im Bereich Gewalt und Diskriminierung getroffenen Maßnahmen, verabschiedeten Gesetze und geleisteten Dienste, einschließlich der Unterstützung der Opfer und des Schadenersatzes. Zu den Aktionen, die die Berichterstatterin vorschlägt, gehören auch öffentliche Maßnahmen im Bereich der Erziehung, um stereotypische Wertvorstellungen und Vorurteile abzubauen, von denen sich die Gewalt gegen Frauen ernährt. In lokaler Hinsicht ist es hier wichtig, auf die Mission zu verweisen, die die Berichterstatterin 2011 in Italien durchführte. In ihrem Bericht über die italienische Situation unterstrich sie, dass die häusliche Gewalt das am meisten verbreitete Gewaltphänomen ist. Weniger als ein Fünftel der * IRPPS-CNR


Opfer erachtet die erlittene Gewalt als Straftat, ein Drittel betrachtet sie als „normal“, nur ein Viertel hält eine Vergewaltigung oder eine versuchte Vergewaltigung für strafbar. Die Verdeckung dieses Phänomens hat sowohl mit seiner geringen Sichtbarkeit als auch mit der Tatsache zu tun, dass die Frauen eher selten Anzeige erstatten, da sie meist wirtschaftlich von den Tätern abhängen und zudem der Ansicht sind, dass der Staat nur wenig oder gar nichts unternehmen wird. Die ununterbrochene häusliche Gewalt spiegelt sich in der steigenden Anzahl von Frauen wider, die vom (oft ehemaligen) Partner, Ehemann oder Lebensgefährten ermordet werden2. Um das Thema der Gewalt in Italien wirklich zu verstehen, müssten viele Fragen ausgehend von den großen Schwierigkeiten aufgeworfen werden, gegen die die Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt täglich kämpfen müssen. Da sie nur mangelnd finanziert werden, können sie den Frauen, die Opfer von Gewaltsituationen sind, immer seltener angemessenen Beistand anbieten. Dies hat negative Auswirkungen auf die Anerkennung der Gewaltsituationen selbst, auf die Unterstützung der Frauen und ihrer Kinder, auf die Eingliederung der wirtschaftlich Schwächeren in die Arbeitswelt. Zu den wichtigsten Bemerkungen der Berichterstatterin gehört mit Sicherheit die Vorhaltung, dass die Institutionen, die Regierung und die Zivilgesellschaft im Falle der Gewalt gegen Frauen noch viel zu wenig auf getrennte statistische Daten zurückgreifen. Die „jüngste“ offizielle Datenerhebung (ISTAT-Bericht “Gewalt gegen Frauen in und außerhalb der Familie”) stammt aus dem Jahr 2006 (!). Geschlechtsspezifische, aktualisierte Daten und Statistiken sind von äußerster Wichtigkeit, um angemessene Gesetze, Maßnahmen und Programme zu entwerfen und umzusetzen und sie auf ihre Wirksamkeit hin zu evaluieren. Der Datenaustausch zwischen allen beteiligten Stellen – d.h. auch den zuständigen Ministerien, den Sicherheitskräften, den Gerichtsbehördern und den Fachorganisationen – stellt dazu eine notwendige Voraussetzung dar. Auch die CM-Rec 2002(5) empfohl u.a. die Durchführung spezifischer Untersuchungen und die Einholung von speziellen Daten zur Bemessung des Phänomens sowie zur Kontrolle der Wirksamkeit der angewandten Maßnahmen. All dies wurde, wie gesagt, von der Berichterstatterin bestätigt und steht im erst kürzlich unterzeichneten Abkommen von Istanbul Schwarz auf Weiß geschrieben. Das Abkommen muss durch entsprechende Anpassungsmaßnahmen ratifiziert werden. Zum ersten Mal ist im Dokument zudem ausdrücklich von Zwangsheirat die Rede und es werden detaillierte Vorgaben in Bezug auf die vorgesehenen Untersuchungen und Datenerhebungen aufgelistet. Die Erfahrung der Bozner Beobachtungsstelle Vor diesem Hintergrund ist vor einem Jahr das Bozner Netzwerk der Dienste entstanden, die den Gewaltopfern Unterstützung anbieten. Nachfolgend werden die Ergebnisse der bisherigen Arbeit dieses Netzwerks vorgestellt, das Fachstellen wie das Zentrum gegen Gewalt, öffentliche Sicherheitsbehörden und Vereine, die auf spezifische Bedürfnisse eingehen, untereinander verbindet. Im Gründungsjahr 2012 befassten sich die Netzwerkdienste mit insgesamt 145 Gewaltfällen und verhalfen den betroffenen Personen, sich teilweise oder gänzlich von der jeweiligen Gewaltsituation zu befreien. Die Fragebögen wurden zwar aufmerksam ausgefüllt, doch bei einer solch begrenzten statistischen Anzahl kann der Ausfall von auch nur wenigen Daten bereits Probleme verursachen. Es kann 2

(CEDAW/C/ITA/Q/6/Add.1)


durchaus sein, dass es beim Ausfüllen der Bögen einfach objektive Schwierigkeiten gab, die erwünschte Information einzuholen: Es handelt sich dabei insbesondere um die Angaben über den Täter, Lücken gibt es aber auch in Bezug auf die Arbeitssituation der Frauen und über die Elemente, die den ersten Gewaltausbruch verursacht und zur eventuellen Anzeige geführt haben. Auch die Zusatzfragen, die die Interaktion zwischen den verschiedenen Netzwerkdiensten betreffen, wurden nur teilweise beantwortet: Es muss untersucht werden, wieso es diesbezüglich Schwierigkeiten gab. In anderen Fällen (Nichtangabe des Berufsprofils und des Geschlechts der Fachperson aus dem Netzwerk) könnte es sich lediglich um Flüchtigkeitsfehler handeln. Die nachfolgende Tabelle gibt Aufschluss über die Dienste, die an der Datenerhebung mittels Fragebögen teilgenommen haben, deren Daten in die Datenbank der Beobachtungsstelle einfließen. Für jeden Fall, der von einer Netzwerkdienststelle behandelt wird, wird ein entsprechendes Datenblatt ausgefüllt.

Tabelle 1: Die Netzwerkdienste, die an der Erhebung teilgenommen haben prozentuelle Daten Dienststelle, die den Erhebungsbogen ausgefüllt hat

Dienstnutzerinnen

- absolute und

Prozentsatz

Haus der geschützten Wohnungen

14

9,7

Kontaktstelle gegen Gewalt – Frauenhaus GEA

81

55,9

CSM

8

5,5

Polizeidirektion (Quästur) Bozen

4

2,8

BSB Sozialsprengel Europa Neustift

6

4,1

Verein LA STRADA/DER WEG Bereich Frau

5

3,4

Verein Volontarius – Straßenprojekt

1

,7

Vereinigung Frauen-NISSA'

2

1,4

BSB Sozialsprengel GRIES

4

2,8

12

8,3

Stadtpolizei

1

,7

BSB Sozialsprengel Don Bosco

1

,7

Haus Margaret Caritas

5

3,4

Familienberatungsstelle AIED

1

,7

Familienberatungsstelle l'ARCA


Insgesamt

145

100,0

Wie aus der Grafik 1 ersichtlich, wurden Frauen, die sich an eine Netzwerkstelle gewandt haben, vorwiegend in Obhut des Fachpersonals der Kontaktstellen gegen Gewalt oder des Personals der Sozialdienste genommen. In geringerem Ausmaß nahmen sich ihrer von Psychologinnen und Mediatorinnen an, der Beitrag der Polizeikräfte war fast unerheblich.

Grafik 1: Fachpersonal, das den Erhebungsbogen ausgefüllt hat – absolute Daten

SozialassistentIn SozialbetreuerIn

Betreuerin Koordinatorin KrankenpflegerIn

Psychologin

Erzieherin Mediatorin

Polizei

Die absolute Mehrheit der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt hat, wohnt in Bozen, nur ein kleiner Anteil ist anderswo ansässig. Die Hälfte der Frauen hat ein Alter zwischen 30 und 45 Jahren, ein Drittel ist jünger als 30 Jahre und ein Fünftel älter als 46. Mehr als die Hälfte der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind italienischer Staatsbügerschaft, 21% stammen aus Osteuropa, 10% aus Afrika. Der Anteil an ausländischen Frauen unter den Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, ist größer als der Anteil an ausländischen Frauen, die Anfang 2011 in der Stadt Bozen ansässig waren (13% nach ISTAT-Daten)3. Frauen, die in einer Paarbeziehung leben (Ehemann oder Lebensgefährte), machen 55% der Opfer aus. Es folgen alleinstehende Frauen (27%) und Witwen oder geschiedene Frauen.

3

Istat, Geo Demo, Popolazione straniera residente al 1° gennaio 2011 per età e sesso,


Grafik 2 :Soziodemografische Merkmale der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Familienstand, Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter getrennt oder verwitwet verheiratet oder zusammenlebend ledig Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Die soziodemografische Struktur der Gewaltopfer auf lokaler Ebene weicht von jener, die aus den ISTAT-Daten über die Arbeitskräfte hervorgeht, ab. Beruf und Studientitel der Frauen mit mehr als 15 Jahren, die Anfang 2012 die in der Provinz Bozen wohnten und sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind relativ hoch. Dies hängt sowohl vom beträchtlichen Anteil an Frauen mit höheren Studientiteln als auch vom geringen Anteil an Frauen ohne Studientitel ab. Beim Vergleich


mit den italienweiten Daten muss jedoch berücksichtigt werden, dass die ISTAT-Bevölkerung altersmäßig umfassender ist und Ausbildungsunterschiede somit wahrscheinlicher sind.

Tabelle 2: Bevölkerung, Frauen über 15 Jahre, Daten getrennt nach Studientiteln – Südtirol und Italien, 2012 Autonome Provinz Bozen

Italien

Grundschulabschluss, kein Studientitel

20,5

25,8

Mittelschulabschluss

32,5

28,3

Berufsschulzeugnis 2-3 Jahre (berufliche Qualifikation)

15,3

5,7

Oberschulzeugnis 4-5 Jahre (Abitur/Staatsprüfung)

21,5

27,8

Hochschulabschluss und Doktorat

10,2

12,4

Summe

100,0

100,0

Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012


Grafik 3: Erwerbsstatus der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Angestellte arbeitslos Hausfrau Rentnerin Schülerin oder Studentin Freiberuflerin

Mehr als die Hälfte der Dienstnutzerinnen (53%) ist berufstätig. Es handelt sich dabei vorwiegend um Angestellte, nur ein kleiner Anteil ist freiberuflich tätig. 7% sind Rentnerinnen und die restlichen 40% sind wirtschaftlich unselbständig, entweder weil arbeitslos (29%) oder weil Hausfrau (7,8%) oder Studentin (3,9%). Vergleicht man diese Daten mit den ISTAT-Erhebungen 2012 und den Daten der Gemeinde Bozen aus dem Jahr 2011, so ist die Beschäftigungsrate der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste wenden (52,7%), niedriger als jene der Autonomen Provinz (64,8% ) und der Gemeinde (65,5%), während die Arbeitslosenquote (28,7%) sehr viel höher ist (Provinz 4,8%, Gemeinde 3,5%). Tabelle 3: Wirtschaftsindikatoren Autonome Provinz Bozen, Verteilung auf Nationalebene Frauenarbeits- FrauenQuote der losigkeitsquote beschäftinichterwerbstätigen gungsquote Frauen 4,8 64,8 18,2

Autonome Provinz Bozen 8,6 Nord 11,0 Zentrum 19,3 Süd 11,9 Italien Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012

57,0 52,3 31,6 47,1

37,7 41,2 60,7 46,5

Was die berufstätigen Frauen betrifft, so haben mehr als die Hälfte unbefristete Arbeitsverträge, während ca. 40% prekäre Arbeitsstellen besetzen. Dementsprechend verfügen nur 44% der Frauen über Einnahmen, die für sich selbst und die eigenen Kinder ausreichen. Es sei unterstrichen, dass


7% bis 8% der Frauen, die von den Netzwerkdiensten unterstützt werden (d.h. 11 Frauen), erklärt haben, sich nicht frei bewegen zu dürfen und eine oder mehrere Landessprachen nicht zu beherrschen. In Bezug auf die Familienlage erklären die meisten Frauen, die sich an die Dienste wenden, mit Kindern und Partner zusammenzuleben. Ein signifikanter Anteil lebt in Wohngemeinschaften oder geschützten Wohneinrichtungen (inkl. Kinder). Nur ein kleiner Prozentsatz lebt allein oder mit den Eltern, mit Verwandten oder mit FreundInnen. Fast die Hälfte (48,8%) der nicht allein lebenden Frauen hat angegeben, dass sie mit der Person zusammenleben, die Gewalt gegen sie ausübt.

Grafik 4 : Wohnsituation der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - Multiple Choice-Antworten, Prozentsätze

mit Kindern mit dem Partner in Wohngemeinschaft allein mit den Eltern mit anderen Verwandten mit FreundInnen mit den Schwiegereltern

Art der Gewalt In der übergroßen Mehrheit der Fälle (82%) erfolgt die Gewaltausübung im Rahmen der Familie. Gelegenheitsangriffe, Mobbing auf dem Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung sind hingegen seltener (Grafik 5). Grafik 5: Art der Gewalt, die die Dienstnutzerinnen der Netzwerkdienste erlitten haben Prozentsätze


erlittene Gewalt sexuelle Ausbeutung und/oder Ausbeutung als Arbeitskraft Mobbing (auf dem Arbeitsplatz) Gelegenheitsangriffe Häusliche Gewalt

Was die Großkategorie der häuslichen Gewalt anbelangt, so betrifft diese in erster Linie italienische Frauen, gefolgt von Frauen aus Osteuropa, während Frauen aus anderen Ländern weniger davon betroffen sind. Weitere Risikofaktoren, die die Bozner Frauen für häusliche Gewalt anfällig machen, sind folgende: feste Partnerschaft (Ehe), Alter zwischen 30 und 45 Jahren, hoher Studientitel, arbeitslos, Rentnerin. Italienische Frauen sind auch in Bezug auf Mobbing besonders anfällig (insbesondere, wenn es sich um Angestellte handelt), während afrikanische und osteuropäische Frauen stärker sexuell und beruflich ausgebeutet werden. Gelegenheitsangriffe scheinen hingegen nicht von der geografischen Herkunft der Opfer abzuhängen, sondern von ihrem Alter und dem Familienstand (unverheiratet).

Modalitäten der Gewaltausübung Wie aus Untersuchungen und Studien bereits bekannt, summieren und überschneiden sich laut Angaben der Dienstnutzerinnen verschiedene Gewaltmodalitäten, die eine Art Kontinuum bilden. Geht man von den Daten der ausgefüllten Fragebögen aus, so ist die meistverbreitete Form der Gewalt die psychologische Gewalt, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit weitem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking sind weniger signifikant, sexuelle Belästigung ist selten. Diese Rangordnung entspricht sowohl den Ergebnissen der Bozner Erhebung


als auch den Bezugsdaten (Tabelle 4) des nationalen Vereinsnetzes DiRe4 (DiRe, 2012), das die Zahlen, die die Tätigkeit der Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt im Jahr 2011 betreffen, gesammelt hat und somit eine passende Vergleichsbasis liefert. Wie gesagt überschneiden sich die Ergebnisse der beiden Erhebungen. Aus dem DiRe-Bericht geht zudem hervor, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben von Gewaltopfern ein Kontinuum bilden und ständig interagieren. Bei gleichzeitiger Ausübung verschiedener Gewaltmodalitäten steigt natürlich auch die Gefährlichkeit der Situation. Tabelle 4 : Von den Fachkräften gemeldete Art der Gewaltausübung – Multiple-Choice-Antworten, Prozentsätze

Art der Gewalt

körperliche Gewalt

% der Antworten

% der Fälle

absolute Werte (Anzahl der Antworten)

Daten Dire 2011 (% der Fälle)

27,0

67,6

114

47,0

8,5

21,4

36

14,2

psychologische Gewalt

37,1

80,7

157

54,4

ökonomische Gewalt

14,4

37,9

61

24,0

Stalking

9,9

16,6

42

9,3

Belästigung

3,1

7,6

13

-

Antworten insgesamt (Multiple Choice)

100

231,8

423

148,3

sexuelle Gewalt

Orte der Gewalt Das eigene Zuhause ist der Ort, der für Frauen am gefährlichsten ist. Dies gilt für alle Gewaltformen (weniger für sexuelle Belästigungen und Stalking). Die häusliche Gewalt hat zudem einen besonders hohen Intensitätgrad (man denke z.B. daran, dass die ökonomische Gewalt zu 84%, d.h. fast zur Gänze, zu Hause und in der Familie ausgeübt wird). Daheim entfalten sich aber auch alle anderen Gewaltformen mit besonderer Häufigkeit. Das Netzwerkpersonal hat angegeben, dass die meisten Fälle von körperlicher, psychologischer und sexueller Gewalt zu Hause stattfinden; auch Stalking und Verfolgung werden in einem Fall von drei im häuslichen Kontext ausgeübt. (Grafik 6). Öffentlichen Orte (Straßen, Parkplätze, Parks und Gastbetriebe) sind für Frauen auch nicht ungefährlich, insbesondere in Bezug auf Stalking und sexuelle, psychologische und ökonomische Gewalt. Auf dem Arbeitsplatz steht hingegen gerade das Stalking ganz oben auf der Liste, gefolgt von sexueller, ökonomischer und psychologischer Gewalt. In den Freizeiträumen der Schulen werden immer öfter Stalkingfälle verzeichnet.

1 D.i.Re.,Donne in Rete contro la violenza, Rilevazione dati 2011, 2012


Grafik 6 : Orte der Gewaltausübung aufgeteilt nach Art der Gewalt - Prozentsätze

Stalking Sexuelle Gewalt Psychologische Gewalt Körperliche Gewalt Ökonomische Gewalt Andere Orte

Schule + Freizeitstätten

Öffentliche Orte + Gastbetriebe

Arbeitsplatz

Zuhause


Grafik 7 : Zeitraum der Gewaltausübung, Daten aufgeschlüsselt nach Art der Gewalt

aktuell

Ökonomische Gewalt

in der Vergangenheit

Körperliche Gewalt

sowohl in der Vergangenheit als auch aktuell

Psychologische Gewalt

Stalking

Sexuelle Gewalt

Gewalterfahrungen stellen ein Kontinuum im Leben der meisten Frauen dar, sie sind ein Element, das Vergangenheit und Gegenwart kennzeichnet, eine konkrete Tatsache, mit der sie täglich zu tun haben. Die Gegenwart wird insbesondere bei Stalkingfällen als besonders bedrohlich empfunden, während bei sexueller, körperlicher, psychologischer und ökonomischer Gewalt die Vergangenheit eine besonders schwere Bürde darstellt (Grafik 7). Jede Art von Gewalt scheint zudem ihr eigenes Timing zu haben. Sexuelle Belästigungen sind im Normalfall einmalig, während beim Stalking und der Verfolgung die Standarddauer – wie auch bei der psychologischen Gewalt – zwei bis vier Jahre beträgt. Sexuelle Gewalt hält meist bis zu 10 Jahren an, ökonomische Gewalt sogar noch mehr. Die Mehrheit der Frauen (65%), die von den Dienststellen unterstützt wird, stellt keinen Bezug zwischen der erlittenen Gewalt und spezifischen Ereignissen oder Lebensaspekten her. Der Rest der Dienstnutzerinnen gibt an, dass die Gewalt in einer besonderen oder besonders heiklen Phase begonnen hat: In einem Drittel der Bozner Fälle war die Schwangerschaft oder die Geburt eines Kindes der auslösende Faktor für den Gewaltausbruch, der meist durch verfolgerisches Verhalten und Belästigungen gekennzeichnet ist. Dieses Schema entspricht den internationalen Erkenntnissen5. Aus der Literatur geht hervor, dass die Geburt eines Kindes bei manchen Partnern 5 Brewer J. E., Paulsen D.J. (1999), “A comparison of US and Canadian findings on uxoricide risk for women with children sired by previous partners”, Homicide Studies, 3, 317-332.
Campbell J.C. (2001), “Abuse during pregnancy: A quintessential threat to maternal and child health – so when do we start to act?”, Canadian Medical Association Journal, 164, 1578 - 1579


negative Gefühle wie Eifersucht und Wut erweckt oder den Eindruck erzeugt, einem Zwang ausgesetzt zu sein (insbesondere bei ungeplanten Schwangerschaften). Diese Emotionen sind oft sehr stark und können zu Gewalttaten gegen Mutter und Kind führen. In Italien erleiden nach ISTAT-Daten mehr als 11% der schwangeren Frauen Gewalt durch den Partner. Ganz generell beginnt bei Gewaltopfern der Leidensweg in 13,6% der Fälle gerade während der Schwangerschaft; in 52,5% der Fälle gab es bereits zuvor Gewalt und sie bleibt mit gleicher Intensität auch während der Schwangerschaft bestehen; in 17,2% der Fälle nimmt die Gewalt während der Schwangerschaft zu und nur in 15,9% der Fälle nimmt sie ab. Die Bozner Daten bestätigen diesen Trend und unterstreichen die Gefahren für Mutter und Kind, die daraus entstehen können. Häusliche Gewalt während der Schwangerschaft kann zu ungewollten Schwangerschaftsunterbrechungen, vorzeitigen Geburten und Untergewicht bei der Geburt führen. Die Opfer von häuslicher Gewalt neigen außerdem dazu, gefährliche Gewohnheiten anzunehmen (Rauchen, Alkohol- und Drogenmissbrauch). Körperliche Misshandlungen sind oft auch mit Problemen im Bereich des Fortpflanzungssystems, mit Harnwegentzündungen, Depression und anderen mentalen Krankheiten assoziiert. Gewalt während der Schwangerschaft ist schließlich auch gepaart mit hohen Raten an unerwünschten Schwangerschaften, Schwangerschaften im Jugendalter und Abtreibungen. Grafik 8: Hat die Gewaltausübung zu einem besonderen Zeitpunkt im Leben der Frau stattgefunden bzw. begonnen?

Menschenhandel zwecks Ausbeutung Beginn der Arbeitstätigkeite/ Ende Trennung Eheschließung Schwangerschaft/Geburt der Kinder Schwierigkeiten mit dem Partner

Zu den Ereignissen, die zu einem auslösenden Faktor für die Gewaltausübung in einer Beziehung werden können, gehören auch die Eheschließung, die Zusammenführung von Familien (bei Migrantinnen), Trennung und Scheidung sowie Schwierigkeiten mit dem Partner. Es handelt sich Campbell J.C., Webster D., Koziol McLain J., Block C., Campbell D., Curry M. A., Gary F., Glass N., McFarlane J., Sachs C., Sharps P., Ulrich Y., Wilt S.A., Manganello J., Xu X., Schollenberger J., Frye V., Laughton K., (2003), “Risk factors for femicide in abusive relationships: Results from a multisite case control study”, American Journal of Public Health, 93, 1089-97.


um Anlässe, die sich im Beziehungsleben abspielen und starke Gefühle hervorrufen. Die Schwierigkeit, die eigenen Gefühle unter Kontrolle zu halten, spielt eine ausschlaggebende Rolle beim Entstehen von Gewalt innerhalb einer intimen Beziehung, auch wenn die Kontexte sehr unterschiedlich sind. Bei Trennungen ist Stalking die häufigste Gewaltform, während bei Ehen ökonomische und körperliche Gewalt vorwiegen. Ein Fünftel der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, gibt an, dass die Gewalt mit der sozialen und beruflichen Sphäre verbunden ist (Arbeitstätigkeit, Arbeitswechsel, Migration) und sich vornehmlich in Form von ökonomischer Gewalt und Verfolgung ausdrückt. Ein geringerer aber dennoch bedeutsamer Anteil der Frauen ist Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung. Die für diese Verbrechen typische Gewaltform ist die Vergewaltigung (Grafik 8). In Bozen wurden außerdem auch ein Fall von Genitalverstümmelung und ein Fall von Zwangsheirat verzeichnet.

Wer übt Gewalt gegen Frauen aus? Täter sind insbesondere Ehemänner, Verlobte und Partner (53%) sowie ehemalige Partner (13.6%). Erstere üben vorwiegend ökonomische, psychologische und körperliche Gewalt aus, während ehemalige Partner eine “Vorliebe” für Stalking, Verfolgungsakte und körperliche Misshandlungen haben. Die Daten, die die von ehemaligen Partnern ausgeübte Gewalt betreffen, zeigen, dass die Trennungsphase ein besonders komplexer Übergang ist, bei dem eine eingehende und kompetente Überprüfung einer eventuellen Rückfallgefahr von wesentlicher Bedeutung ist. In 16% der Fälle sind die Täter Familienmitglieder (Eltern und Verwandte), in 11% der Fälle handelt es sich um Freunde und Bekannte. Die Fälle, in denen der Täter eine unbekannte Person ist, sind selten und finden meist im Zusammenhang mit Menschenhandel und mit Zuhälterei statt. Die Daten des Dire-Netzes6 (DiRe, 2011) ermöglichen einen Vergleich zwischen der Bozner Realität und jener auf Nationalebene: Der Fokus liegt in beiden Fällen bei den Intimbeziehungen, da der Partner sowohl in Bozen als in ganz Italien als Hauptverantwortlicher der Gewalttaten hervorgeht. Der von DiRe erhobene Prozentsatz ist jedoch mit 64% bedeutsam höher als jener von Bozen. Dasselbe gilt, in geringerem Ausmaß, für die Daten in Bezug auf die ehemaligen Partner (20% auf Nationalebene). In Bozen ist hingegen die Gewalt gegen Frauen, die von Familienmitgliedern (Eltern und Verwandte) herrührt, häufiger als im Rest Italien (16,2% gegen 8%). Eine ähnliche Abweichung gibt es auch im Falle der von Freunden und Bekannten ausgeübten Gewalt (11% gegen 6%) sowie jener, die von unbekannten Personen ausgeübt wird (3,9% gegen 2%). Grafik 9 : Beziehung zum Gewalttäter - Prozentsätze 6

In diesem Fall beziehen wir uns auf die DIRE-Erhebung 2010, in der die Daten besser aufgeschlüsselt und deswegen

auch besser vergleichbar sind (DiRe, “DATI STATISTICI ANNO 2010: 3° RILEVAZIONE NAZIONALE”).


Zuhälter/Zuhälterin Unbekannte/r Elternteil/Verwandte/r Ehem. Ehemann (ehem. Freund/ehem. Partner) Freund/Bekannter/Arbeitskollege

Profil der gewaltausübenden Personen Zirka die Hälfte der Täter ist zwischen 30 und 45 Jahre alt (51%) und somit ungefähr gleich alt wie die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt sind. Mehr als ein Drittel ist über 46 Jahre alt und nur eine Minderheit ist jünger als dreißig: Dieses Verhältnis ist bei Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wurde, umgekehrt (es wiegen jüngere Frauen vor). Die Täter sind vornehmlich - und in stärkerem Ausmaß als ihre Opfer - italienischer Nationalität (66%), während die Täter aus Osteuropa oder Afrika einen geringeren Prozentsatz als die Gewaltopfer aus diesen Weltteilen ausmachen. Diese Daten belegen, dass italienische Männer häufiger sowohl gegen Italienerinnen als auch gegen Ausländerinnen und jüngere Frauen gewalttätig sind. Die Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wird, haben einen signifikant höheren Ausbildungsgrad als die gewaltausübenden Männer: Der Anteil an Frauen mit akademischem Abschluss ist fast doppelt so große wie jener der Männer; auch der Besitz eines Reifediploms ist bei Frauen häufiger, während Berufsschuldiplome und Mittelschuldiplome bei den Tätern stärker vertreten sind als bei den Opfern. Dieser Umstand müsste näher untersucht werden, um zu verstehen, ob diese kulturelle Differenz einen Zusammenhang mit der ausgeübten Gewalt hat, auch wenn auf Nationalebene keine Verknüpfung dieser Art festgestellt wurde (Istat, 2007). Unter dem Gesichtspunkt der Beziehungen zwischen Gewalttäter (Männer) und Gewaltopfer (Frauen) zeigen die erhobenen Daten, dass für verheiratete Frauen das größte Risiko von ihren Ehemännern ausgeht, während es bei unverheirateten Frauen der ehemalige Partner, ein Freund, ein Bekannter oder ein Kollege sind. Junge, unverheiratete Frauen sind oft Opfer von Eltern und Verwandten. Frauen, die mit ihren Partnern (Ehemann oder Lebenspartner) und/oder ihren Kindern zusammenleben, sind bzw. waren vornehmlich Opfer ihres Partners. Dies gilt auch für die Mehrheit


der Frauen, die derzeit in Frauenhäusern oder in Gemeinschaften leben. Alleinlebende Frauen sind meist Opfer ehemaliger Partner oder von Freunden und Bekannten. In Wohngemeinschaften leben auch auch Frauen, die Opfer von Verwandten oder von Menschhandel waren. In den meisten Fällen handelt es sich bei den Tätern um “normale” Männer, die keine spezifischen Probleme haben, welche ein gewalttätiges Verhalten “hervorrufen” oder verstärken können (wie z.B. Alkohol- oder Drogenmissbrauch, wirtschaftliche oder psychiatrische Probleme usw.). Im Rest der Fälle sind Probleme verschiedener Art vorhanden, es wiegen jedoch Alkoholabhängigkeit und soziale Probleme vor (16% bis 17%), während Drogenmissbrauch und psychiatrische Probleme seltener sind (Tabelle 5). Zum Vergleich sei auf die Istat-Daten 2006 hingewiesen, die bezüglich der gewaltausübenden Männer, die unter der Wirkung von Alkohol oder Drogen stehen, einen etwas geringeren Prozentsatz angeben (13,3%).

Grafik 10: Soziodemografische Merkmale der Gewalttäter und der Gewaltopfer - Prozentsätze

Gewaltopfer


Gewalttäter Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufsschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Tabelle 5: Eventuelle Probleme der gewalttätigen Person (Multiple Choice), Prozentsätze Person ohne offensichtliche Abhängigkeitsprobleme und/oder soziale bzw. psychische Probleme Alkoholiker/Alkoholikerin Drogensüchtige/r Person mit psychiatrischer Störung

46,5% 17,4% 4,9% 1,4%

Person mit sozialen Problemen

16,7%

Keine Erkenntnisse

13,2%

Anwesenheit von Kindern In 60% der Fälle leben mit den Gewaltopfern auch Kinder zusammen; es handelt sich dabei fast immer um Töchter und Söhne der Opfer, nur selten besteht eine andere Art von Verwandtschaft. In der Mehrheit der Fälle erleben die Kinder die Gewalt direkt oder indirekt mit. Fast die Hälfte (44%) erlebt Gewalttaten direkt mit, ein Viertel ist während der Vorfälle nicht direkt anwesend, weiß aber, dass Gewalt ausgeübt wird (24%). Beträchtlich ist auch der Anteil an Kindern, die direkte Gewalt erleiden, während der Prozentsatz an Kindern, die weder direkt noch indirekt der Gewalt beiwohnen oder Opfer davon sind, sehr geringfügig ist. Die Art der miterlebten oder erlittenen Gewalt stimmt fast immer mit der der Mutter zusammen. Aus den erhobenen Daten geht eine starke direkte Einbindung der Minderjährigen in die Gewalt und eine sowohl körperliche als auch psychologische Gefährdung hervor. Das Verhaltensmuster der Täter ist typischerweise stets dasselbe. Laut der zitierten ISTAT-Studie gaben 62,4% der Frauen, die Opfer von Männergewalt sind, an, dass ihre Kinder einem oder mehreren Gewaltszenen beigewohnt haben (davon 19,6% nur in seltenen Fällen, 20,2% manchmal und 22,6% oft). Tabelle 6: von Minderjährigen erlittene Gewalt (Multiple Choice), Prozentsätze


Körperliche Gewalt in direkter Form

11,4%

Psychologische Gewalt in direkter Form

15,2%

Ökonomische Gewalt in direkter Form

3,0%

Miterlebte Gewalt in direkter Form

43,9%

Miterlebte Gewalt in indirekter Form

23,5%

Nein

3,0%

Die Dienststellen und das Netzwerk Der Fragebogen sah eine offene Frage in Bezug auf die Kenntnis der Dienste vor, die vom Netzwerk angeboten werden. Die Art und Weise, wie Dienstnutzerinnen von den Diensten erfahren, ist eine extrem wichtige Information: Sie gibt Aufschluss darüber, inwieweit das Wissen über die bestehenden Dienste gegen Gewalt an Frauen unter hilfsbedürftigen Opfern verbreitet ist. In 50% der Fälle haben die Frauen von den Netzwerkdiensten durch das Netzwerk selbst erfahren. Dies ist ein gutes Ergebnis, das auf eine gelungene synergetische Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Knoten des Netzwerks hinweist. In der ersten Phase der Kontaktaufnahme bleibt jedoch die Rolle der FreundInnen und der Familie ausschlaggebend: Freundinnen und Bekannte sind oft die ersten AnsprechpartnerInnen der hilfesuchenden Gewaltopfer und raten ihnen, sich an Dienststellen des Netzwerks zu wenden. Was das Netzwerk selbst betrifft, sind die Sozialdienste – durch die SozialassistentInnen – die Knotenpunkte, die die Fälle zuerst filtrieren und den betroffenen Frauen weiterhelfen, gefolgt von den Sicherheitskräften und den Fachdiensten (Beratungsstellen, Frauenhäuser, Kontaktstellen gegen Gewalt). Weniger aktiv sind diesbezüglich die Fachleute der Gesundheitsdienste (FamilienärztInnen, PsychologInnen, Krankenhäuser). Bedeutsam ist hingegen der Zugriff auf die grünen Telefonnummern und auf Internet, die ein relativ neues Instrument sind, aber dennoch ziemlich bekannt und zuverlässig zu sein scheinen.


Grafik 11 :Wie hat die Frau von der Dienststelle erfahren? (Prozentsätze)

durch eine Freundin, eine Bekannte Sozialdienste, Sozialassistentin Polizei, Ordnungskräfte, Polizeidirektion (Quästur) Familienhaus, Familienberatungsstelle, Gea, Dienststellen Grüne Nummer, Zufall, Internet Verwandte Familienarzt/Familienärztin, Psychologe/Psychologin, Krankenhaus Rechtsanwalt/Rechtsanwältin bereits bekannt keine Angabe

Die erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, weshalb sich Frauen an die verschiedenen Dienste wenden (77%). Es ist extrem wichtig, dass bei den Gesprächen mit dem Personal der Dienste auch die versteckte und verneinte Gewalt belichtet und anerkannt werden. Dies kann entweder durch direkte Fragen erwirkt werden oder als Nebeninformation oder indirekte Auskunft in die Erzählung der betroffenen Frau einfließen. Es handelt sich um ein wichtiges Ergebnis, das von der fachlichen Vorbereitung des Personals der Anlaufstellen zeugt, die so zeigen, dass sie imstande sind, die erlebte Gewalt auch in solchen Fällen zu erkennen und sie aufzudecken. Grafik 12: Wenn das Thema Gewalt von der Frau nicht als Hauptgrund genannt wurde, wer hat dieses Thema zur Sprache gebracht? (Prozentsätze)


Die Frau selbst, als sekundäres Problem Die Frau selbst, jedoch indirekt im Rahmen anderweitiger Erzählungen Die Fachperson durch direktes Fragen

Eine grundsätzliche Bestätigung der Rangordnung der Anlaufstellen für die hilfesuchenden Frauen geht auch aus den Antworten auf die Frage hervor, ob sich die betroffene Frau mit der Bitte um Hilfe auch “an andere” gewandt hat. In diesem Fall waren – anders als bei der vorhergehenden Frage - mehrere Antworten möglich: Die Antworten zeigen, dass die Sicherheitskräfte, die Sozialdienste und die Kontaktstellen gegen Gewalt sowie die FreundInnen der erste Anlaufpunkt sind und den ersten Schritt auf dem Weg aus den Gewalt heraus darstellen (Grafik 13). Es folgen die Familie und andere Dienststellen. Bei 24% der Antworten steht, dass sich die betroffene Frau zuvor an niemand anderen gewandt hat und somit direkt den Dienst als erste Anlaufstelle gewählt hat. Grafik 13: Hat sich die Frau bereits an andere Personen/Anlaufstellen gewandt? (Multiple Choice), Prozentsätze


Ordnungskräfte Nein Freunde/Freundinnen Sozialdienste Frauenhaus/geschützte Wohnungen Verwandte Rechtsanwalt/Rechtsanwältin Eltern Familienberatungsstelle Krankenhaus Psychologischer Dienst Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin) NachbarInnen

Wie gut das Netzwerk funktioniert kann zum Teil anhand der Antworten auf die Frage bezüglich der Interaktion mit anderen Diensten bewertet werden, d.h. ob die Fachperson, die den Fragebogen beantwortet, die betreffende Dienstnutzerin an andere Dienststellen “weitergeleitet” hat. Leider hat fast die Hälfte davon (44%) auf diese Frage nicht geantwortet, was zu einer geringen Gesamtsignifikanz der entsprechenden Daten führt. Die Mehrheit (72%) von jenen, die die Frage beantwortet haben, hat keine Frau an andere Dienste weitergeleitet. Vorwiegendes Ziel der weitergeleiteten Frauen waren die Kontaktstelle gegen Gewalt, die geschützten Wohnungen und das Frauenhaus. Die Situation der von den Netzwerkdiensten Ende 2012 betreuten Frauen ist in der Abbildung 14 beschrieben: Sieht man von den Frauen (13%, d.h. 17 Frauen) ab, die von keiner Dienststelle betreut werden, so wird die absolute Mehrheit der Gewaltopfer von Kontaktstellen und Frauenhäusern unterstützt oder lebt in geschützten Wohnungen, während der Rest von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen betreut wird.

Grafik 14: Wer betraut die Frau mit Blick auf die Gewaltsituation?(Multiple Choice), Prozentsätze


Frauenhaus/geschützte Wohnungen Niemand Sozialdienste Familienberatungsstelle PsychiaterIn/NeuropsychiaterIn Psychologischer Dienst Sozialpädagogische Einrichtung Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin)

Anzeigen bei Gericht Zirka ein Drittel der vom Bozner Netzwerk betreuten Frauen hat eine strafrechtliche Anzeige erstattet oder (im Falle von Minderjährigen) das Jugendgericht benachrichtigt. Es handelt sich um einen sehr hohen Prozentsatz, insbesondere im Vergleich zum italienischen Durchschnittswert, der aus den ISTAT-Erhebungen 2006 hervorgeht (7,3% der Frauen, die Opfer vom Männergewalt sind, erstatteten Anzeige wegen vom Partner ausgeübter körperlicher oder sexueller Gewalt). Die Netzwerkdaten sind besonders erfreulich, weil sie sich nicht nur von den italienweiten Zahlen, sondern auch vom Südtiroler Durchschnitt (13,7%) derselben ISTAT-Studie positiv abheben (es ei darauf hingewiesen, dass Südtirol bereits damals die „beste“ unter den italienischen Regionen war). Da die Mehrzahl der gerichtlichen Verfahren noch läuft, ist es frühzeitig, Schlüsse über das Ergebnis der Anzeigen zu ziehen. Tabelle 7: Gerichtliche Schritte der Frauen, die von den Netzwerkdiensten betreut werden absolute Daten und Prozentsätze Ja

Nein

Sum me

Absolute Daten Strafanzeige/Strafantrag/Klage (Gerichtsbehörde) Anzeige (Staatsanwaltschaft bei Jugendgericht)

%

41

96

137

43

99

142

29, 9 30, 3

70, 1 69, 7


Tabelle 8 : Ergebnis der Gerichtsverfahren – Prozentsätze 1 – Rücknahme der Anzeige

18,6

2 – hängiges Verfahren

65,1

3 – Verurteilung der gewalttätigen Person / Strafzumessung auf Antrag der Parteien

7,0

4 – Freispruch

9,3

Summe

100,0

Schlussbemerkungen Aus dem vorliegenden Bericht können nur provisorische Schlussfolgerungen gezogen werden, da die verarbeiteten Daten bislang ein einziges Arbeitsjahr (das Startjahr!) umfassen. Trotzdem können wir uns davon ausgehend ein Bild vom Netzwerk, von den Dienstnutzerinnen, von den Bedürfnissen der Frauen und von der Art der jeweils erlittenen Gewalt machen. Die Anzahl der Fälle ist jedoch noch zu gering, um die Beziehungen zwischen Opfer und Täter, die Dynamik der verschiedenen Gewaltformen und die Reaktion der Dienststellen im Detail zu analysieren und daraus Indikatoren in Bezug auf die Wirksamkeit des Netzwerks oder das Auftreten der verschiedenen Gewaltformen auf dem Territorium oder auch nur in Bezug auf eventuelle Probleme der Netzwerkdienste zu erarbeiten. Um die mühsame und verdienstvolle Arbeit zu ehren, die das Personal bei der Datenerhebung geleistet hat, werden wir nachfolgend eine Übersicht der wichtigsten Elemente liefern, die aus der Datenanalyse hervorgehen. Wir fangen dabei von der Beschreibung der Frauen an, die sich an die Netzwerkstellen gewandt haben. Es handelt sich mehrheitlich um Frauen italienischer Nationalität zwischen 30 und 45 Jahren. Zirka ein Drittel ist jünger als 30, ein Fünftel über 46. Die Mehrheit der Frauen leben im Paar (verheiratet oder Wohngemeinschaft) und haben eine Arbeit oder eine Rente und verfügen somit über eine eigene Einnahmequelle (59,7%). Die meisten besitzen ein höheres Ausbildungsniveau als der Durchschnitt der in der Gemeinde und in der Provinz ansässigen Frauen. Es gibt aber auch einen Anteil der Opfer, die arbeitslos sind und sich in einer präkären ökonomischen Lage befinden. Zirka 55% der betreuten Frauen gibt an, Schwierigkeiten zu haben, den Unterhalt für sich selbst und die (eventuellen) Kinder zu zahlen. Dieser Umstand versetzt sie in eine Situation objektiver “Schwäche”, die vermehrt Männergewalt zur Folge haben kann. Es sei dabei darauf hingewiesen, dass ein (wenn auch kleiner) Anteil der Frauen eine der beiden Landessprachen nicht oder nur unzulänglich kennt und sich nicht frei bewegen kann/darf. Es handelt sich oft um ausländische Frauen (45,4%), die zum Großteil aus Osteuropa oder Afrika stammen. Hilfesuchende Frauen leben meist mit ihren Kindern und dem Partner zusammen. Es ist erschreckend zu wissen, dass die Hälfte von ihnen mit dem Mann zusammenlebt, der Gewalt gegen


sie ausübt. Ein signifikanter Teil der Frauen, die von den Netzwerkdiensten aufgenommen wird, lebt demgemäß in geschützten Einrichtungen und in Frauenhäusern. Wie überall wird auch in Bozen die Gewalt in der übergroßen Mehrzahl der Fälle (82%) innerhalb der Familie ausgeübt (häusliche Gewalt), während Gelegenheitsangriffe, Mobbing am Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung eher selten sind. Was die Art der erlittenen Gewalt anbelangt, so überschneiden sich meist verschiedene Modalitäten. Erstellt man eine Rangordnung anhand ihres relativen Gewichts, so steht psychologische Gewalt an erster Stelle, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit größerem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking haben eine geringere Inzidenz, sexuelle Belästigungen sind selten. Diese Daten bestätigen die Ergebnisse anderer Erhebungen und belegen den Umstand, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, ein Kontinuum darstellen, sich überschneiden und ständig interagieren. Das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Gewaltformen zeichnet stets besonders gefährliche Situationen aus. Das eigene Zuhause ist für Frauen der gefährlichste Ort, und dies gilt für alle Formen der Gewalt (mit der Ausnahme von Belästigungen und Stalking). Daheim ist auch die Intensität der Gewalt stärker als anderswo, angefangen von der ökonomischen Gewalt, die fast ausschließlich innerhalb der eigenen vier Wände und der eigenen Familie ausgeübt wird. Körperliche, psychologische und sexuelle Gewalt finden auch fast immer in der gemeinsamen Wohnung statt. Sogar Stalking und Verfolgung finden ein Drittel der Male zu Hause statt. Auch die öffentlichen Räume (Straßen, Parkplätze, Parks und Gaststätten) sind für Frauen gefährlich: Es finden dort Stalking sowie sexuelle und psychologische Gewalt statt. Die am Arbeitsplatz meistverbreitete Form der Gewalt ist das Stalking, gefolgt von der sexuellen, der ökonomischen und der psychologischen Gewalt. Schulen und Freizeiträume sind besonders oft Schauplatz von Stalking. Die Gewalt wird von den meisten Frauen als eine Art Kontinuum erlebt, als ein Element, das sich ohne Unterbechung von der Vergangenheit bis zur Gegenwart erstreckt und den konkreten, tagtäglichen Lebensablauf charakterisiert. Aus der Erhebung geht hervor, dass oft wichtige Ereignisse und Lebensetappen innerhalb des Paars oder der Familie - wie zum Beispiel Schwangerschaft, Ehe und Trennung - zum Ausbruch der Gewalt beitragen. Dies bestätigt zum wiederholten Male, dass die häusliche Sphäre und die Familie die Hauptbühne für Gewalttaten darstellen. Im Falle von ausländischen Frauen stellen zusätzlich dazu die Einwanderung selbst (mit der manchmal die sexuelle Ausbeutung beginnt) sowie die Zusammenführung mit anderen Familienmitgliedern besonders heikle Momente dar. Bei den Tätern handelt es sich zum Großteil (66%) um italienische Staatsbürger und es sind vergleichmäßig mehr als die italienischen Gewaltopfer, während bei Tätern aus Osteuropa und Afrika der Prozentsatz geringer ist als jener der Opfer mit gleicher Herkunft. Dieser Umstand weist darauf hin, dass die stereotypische Annahme, bei den Tätern handle es sich vorwiegend um Ausländer, irreführend ist. Männer italienischer Abstammung üben häufiger als Ausländer Gewalt sowohl gegen italienische als auch gegen ausländische und junge Frauen aus.


Das bisher skizzierte Bild zeigt eindeutig, dass die Spuren der Gewalt gegen Frauen immer zur Familie führen: Hauptübeltäter sind die gegenwärtigen oder ehemaligen Ehemänner, Verlobten und Partner. Erstere greifen öfter zur ökonomischen, psychologischen und körperlichen Gewalt, während ehemalige Partner dazu neigen, Frauen durch Stalking, Verfolgung und körperliche Misshandlung zu verletzen. Wie bereits gesagt, ist die Trennungsphase der Moment im Leben einer Frau, der unter dem Sicherheitsprofil zu den schwierigsten und gefährlichsten zählt. Nicht nur Partner und ex-Partner, sondern auch Eltern, Verwandte und Freunde üben Gewalt gegen Frauen aus, während nur sehr selten unbekannte Männer zu Tätern werden (meist in Fällen von sexueller Ausbeutung und Menschenhandel sowie Zuhälterei). Erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, der Frauen dazu bewegt, sich an die Dienststellen zu wenden. Es ist jedoch wichtig, dass auch versteckte oder getarnte Gewaltfälle zur Sprache kommen. Dies kann erfolgen, wenn das Fachpersonal die Lage erkennt und direkte Fragen an die betreffende Frau stellt, oder wenn die betreffende Frau das Thema indirekt oder als “Nebensache” aufwirft. Die Aufdeckung der versteckten Gewaltfälle ist besonders wichtig und es ist von wesentlicher Bedeutung, über spezialisiertes Kontaktpersonal zu verfügen, das imstande ist, implizite Gewalt im Erlebten zu erkennen und zur Sprache zu bringen. Im Einklang mit dem bisherigen Bild ist die Tatsache, dass die absolute Mehrheit der Frauen, die Kontakt zu den Netzwerkdienststellen aufgenommen haben, von den Kontaktstellen gegen Gewalt und den Frauenhäusern betreut werden bzw. in geschützten Wohnungen leben, während ein kleinerer Anteil von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen unterstützt werden. Das Wissen um die Unterstützungsmöglichkeiten, die das Netzwerk gegen die Gewalt an Frauen anbietet, stellt ein strategisches Element im Rahmen der politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Gewalt und zur Unterstützung der hilfesuchenden Frauen dar. Die Ergebnisse der Beobachtungsstelle zeigen, dass die Netzwerksynergie diesbezüglich sehr groß ist: 50% der Frauen haben die Netzwerkdienste durch das Netzwerk selbst kennengelernt. In der ersten Kontaktphase spielen zudem FreundInnen und Familienmitglieder eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, sich an die vorhandenen Dienststellen zu wenden. Freundinnen und Bekannte sind und bleiben in den meisten Fällen die ersten Ansprechpartnerinnen hilfesuchender Frauen. Was die Netzwerkdienste anbelangt, so stellen meist die Sozialdienste den ersten Anlaufpunkt dar, der den Frauen Informationen liefert und sie an andere Stellen weiterleitet. Gleich nach den Sozialdiensten befinden sich in dieser Rangordnung die Sicherheitskräfte und die Fachdienste (Beratungsstellen, geschützte Wohnungen, Kontaktstellen gegen Gewalt). Zusätzlich zur Soforthilfe durch die geschützten Wohnstrukturen für gefährdete Frauen und Kinder liefern die Netzwerkdienste den Frauen Unterstützung auf ihrem Weg aus der Gewalt, das eines der wesentlichen Ziele der entsprechenden Maßnahmen darstellt. Zu den möglichen Maßnahmen, die diesen Weg erleichtern, gehört auch der Zugriff auf gesetzlich vorgesehene Instrumente wie Anträge auf Wegweiseanordnungen oder Annäherungsverbote, straf- und zivilrechtliche Klagen oder Meldungen beim Jugendgericht. Bereits in der ISTAT-Erhebung aus dem Jahr 2006 stach die Stadt Bozen im Vergleich zu den anderen italienischen Städten wegen der hohen Anzahl an Anzeigen hervor. Die vorliegende Datenerhebung bestätigt diesen Trend: 30% der von den Netzwerkdiensten betreuten Frauen hat den Täter bei den Behörden angezeigt, ein gleich hoher Prozentsatz hat beim Jugendamt Fälle von Gewalt gegen Minderjährigen gemeldet. Es handelt sich


um ein hervorragendes Ergebnis, das nach Ende der noch laufenden Verfahren auch hinsichtlich der gerichtlichen Ergebnisse 端berpr端ft werden muss.


Das Bozner Netzwerk der Dienste für Frauen in Gewaltsituationen – Erstes Tätigkeitsjahr1 von Maura Misiti, statistische Datenbearbeitung von Marcella Prosperi* Einführung Die Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das weltweit eine zunehmende Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Vereine, Bewegungen, internationale Behörden und nicht zuletzt die internationale Öffentlichkeit sind sich immer stärker bewusst, dass es sich um eine globales Problem handelt und üben dementsprechend Druck aus. Auch die Medien tragen dazu bei, die dramatische Eskalation von Gewalttaten gegen Frauen sichtbar zu machen und zu dokumentieren. Im neuesten Sonderbericht von Rachida Manjoo (UNO-Berichterstatterin) über die genderbasierten Tötungen, der im Juni 2012 veröffentlicht wurde (CHR, 2012), wird der Frauenmord als Extremausdruck der vielen, verschiedenen Formen von Gewalt, die gegen Frauen ausgeübt wird, definiert, als letzte, tödliche Folge eines tragischen Kontinuums. Im Bericht wird unterstrichen, dass dieses Phänomen alarmierende Ausmaße erreicht hat und die Gewalt gegen Frauen immer noch akzeptiert, toleriert und gerechtfertigt wird, weil sie kulturell und sozial stark verwurzelt ist. Der Bericht endet mit einer Reihe von Empfehlungen an die UNO-Mitgliedsstaaten, damit sie ihrer Pflicht, das Phänomen zu bekämpfen, sorgfältig nachkommen. Im Vorjahr (2011) hatte die Berichterstatterin bereits einen Spezialbericht über die Gewalt gegen Mädchen und Frauen erstellt, worin sie den komplexen Rahmenkontext beschreibt, in dem sich verschiedene Formen von Diskriminierung überschneiden, gegenseitig verstärken und so zu einer stetigen Zuspitzung des Phänomens der Gewalt gegen Frauen führen. Der Bericht endete mit der Empfehlung, einen ganzheitlichen Ansatz gegen die genderbasierte Gewalt anzuwenden, um gleichzeitig sowohl die strukturellen Elemente als auch die jeweiligen Diskriminierungsfaktoren zu berücksichtigen. Wenn das Thema der Gewalt gegen Frauen als übergreifendes Phänomen dargestellt wird, das die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte sowie sämtliche Zivilrechte betrifft, fällt es den Policy Makers leichter, die Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Diskriminierungsformen und die Vielfalt der tatsächlichen Gewaltformen zu begreifen. Dieser mehrdimensionale Ansatz erfordert den Einsatz von Personal- und Materialressourcen für die Bewertung und Überprüfung der Auswirkung der im Bereich Gewalt und Diskriminierung getroffenen Maßnahmen, verabschiedeten Gesetze und geleisteten Dienste, einschließlich der Unterstützung der Opfer und des Schadenersatzes. Zu den Aktionen, die die Berichterstatterin vorschlägt, gehören auch öffentliche Maßnahmen im Bereich der Erziehung, um stereotypische Wertvorstellungen und Vorurteile abzubauen, von denen sich die Gewalt gegen Frauen ernährt. In lokaler Hinsicht ist es hier wichtig, auf die Mission zu verweisen, die die Berichterstatterin 2011 in Italien durchführte. In ihrem Bericht über die italienische Situation unterstrich sie, dass die häusliche Gewalt das am meisten verbreitete Gewaltphänomen ist. Weniger als ein Fünftel der * IRPPS-CNR


Opfer erachtet die erlittene Gewalt als Straftat, ein Drittel betrachtet sie als „normal“, nur ein Viertel hält eine Vergewaltigung oder eine versuchte Vergewaltigung für strafbar. Die Verdeckung dieses Phänomens hat sowohl mit seiner geringen Sichtbarkeit als auch mit der Tatsache zu tun, dass die Frauen eher selten Anzeige erstatten, da sie meist wirtschaftlich von den Tätern abhängen und zudem der Ansicht sind, dass der Staat nur wenig oder gar nichts unternehmen wird. Die ununterbrochene häusliche Gewalt spiegelt sich in der steigenden Anzahl von Frauen wider, die vom (oft ehemaligen) Partner, Ehemann oder Lebensgefährten ermordet werden2. Um das Thema der Gewalt in Italien wirklich zu verstehen, müssten viele Fragen ausgehend von den großen Schwierigkeiten aufgeworfen werden, gegen die die Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt täglich kämpfen müssen. Da sie nur mangelnd finanziert werden, können sie den Frauen, die Opfer von Gewaltsituationen sind, immer seltener angemessenen Beistand anbieten. Dies hat negative Auswirkungen auf die Anerkennung der Gewaltsituationen selbst, auf die Unterstützung der Frauen und ihrer Kinder, auf die Eingliederung der wirtschaftlich Schwächeren in die Arbeitswelt. Zu den wichtigsten Bemerkungen der Berichterstatterin gehört mit Sicherheit die Vorhaltung, dass die Institutionen, die Regierung und die Zivilgesellschaft im Falle der Gewalt gegen Frauen noch viel zu wenig auf getrennte statistische Daten zurückgreifen. Die „jüngste“ offizielle Datenerhebung (ISTAT-Bericht “Gewalt gegen Frauen in und außerhalb der Familie”) stammt aus dem Jahr 2006 (!). Geschlechtsspezifische, aktualisierte Daten und Statistiken sind von äußerster Wichtigkeit, um angemessene Gesetze, Maßnahmen und Programme zu entwerfen und umzusetzen und sie auf ihre Wirksamkeit hin zu evaluieren. Der Datenaustausch zwischen allen beteiligten Stellen – d.h. auch den zuständigen Ministerien, den Sicherheitskräften, den Gerichtsbehördern und den Fachorganisationen – stellt dazu eine notwendige Voraussetzung dar. Auch die CM-Rec 2002(5) empfohl u.a. die Durchführung spezifischer Untersuchungen und die Einholung von speziellen Daten zur Bemessung des Phänomens sowie zur Kontrolle der Wirksamkeit der angewandten Maßnahmen. All dies wurde, wie gesagt, von der Berichterstatterin bestätigt und steht im erst kürzlich unterzeichneten Abkommen von Istanbul Schwarz auf Weiß geschrieben. Das Abkommen muss durch entsprechende Anpassungsmaßnahmen ratifiziert werden. Zum ersten Mal ist im Dokument zudem ausdrücklich von Zwangsheirat die Rede und es werden detaillierte Vorgaben in Bezug auf die vorgesehenen Untersuchungen und Datenerhebungen aufgelistet. Die Erfahrung der Bozner Beobachtungsstelle Vor diesem Hintergrund ist vor einem Jahr das Bozner Netzwerk der Dienste entstanden, die den Gewaltopfern Unterstützung anbieten. Nachfolgend werden die Ergebnisse der bisherigen Arbeit dieses Netzwerks vorgestellt, das Fachstellen wie das Zentrum gegen Gewalt, öffentliche Sicherheitsbehörden und Vereine, die auf spezifische Bedürfnisse eingehen, untereinander verbindet. Im Gründungsjahr 2012 befassten sich die Netzwerkdienste mit insgesamt 145 Gewaltfällen und verhalfen den betroffenen Personen, sich teilweise oder gänzlich von der jeweiligen Gewaltsituation zu befreien. Die Fragebögen wurden zwar aufmerksam ausgefüllt, doch bei einer solch begrenzten statistischen Anzahl kann der Ausfall von auch nur wenigen Daten bereits Probleme verursachen. Es kann 2

(CEDAW/C/ITA/Q/6/Add.1)


durchaus sein, dass es beim Ausfüllen der Bögen einfach objektive Schwierigkeiten gab, die erwünschte Information einzuholen: Es handelt sich dabei insbesondere um die Angaben über den Täter, Lücken gibt es aber auch in Bezug auf die Arbeitssituation der Frauen und über die Elemente, die den ersten Gewaltausbruch verursacht und zur eventuellen Anzeige geführt haben. Auch die Zusatzfragen, die die Interaktion zwischen den verschiedenen Netzwerkdiensten betreffen, wurden nur teilweise beantwortet: Es muss untersucht werden, wieso es diesbezüglich Schwierigkeiten gab. In anderen Fällen (Nichtangabe des Berufsprofils und des Geschlechts der Fachperson aus dem Netzwerk) könnte es sich lediglich um Flüchtigkeitsfehler handeln. Die nachfolgende Tabelle gibt Aufschluss über die Dienste, die an der Datenerhebung mittels Fragebögen teilgenommen haben, deren Daten in die Datenbank der Beobachtungsstelle einfließen. Für jeden Fall, der von einer Netzwerkdienststelle behandelt wird, wird ein entsprechendes Datenblatt ausgefüllt.

Tabelle 1: Die Netzwerkdienste, die an der Erhebung teilgenommen haben prozentuelle Daten Dienststelle, die den Erhebungsbogen ausgefüllt hat

Dienstnutzerinnen

- absolute und

Prozentsatz

Haus der geschützten Wohnungen

14

9,7

Kontaktstelle gegen Gewalt – Frauenhaus GEA

81

55,9

CSM

8

5,5

Polizeidirektion (Quästur) Bozen

4

2,8

BSB Sozialsprengel Europa Neustift

6

4,1

Verein LA STRADA/DER WEG Bereich Frau

5

3,4

Verein Volontarius – Straßenprojekt

1

,7

Vereinigung Frauen-NISSA'

2

1,4

BSB Sozialsprengel GRIES

4

2,8

12

8,3

Stadtpolizei

1

,7

BSB Sozialsprengel Don Bosco

1

,7

Haus Margaret Caritas

5

3,4

Familienberatungsstelle AIED

1

,7

Familienberatungsstelle l'ARCA


Insgesamt

145

100,0

Wie aus der Grafik 1 ersichtlich, wurden Frauen, die sich an eine Netzwerkstelle gewandt haben, vorwiegend in Obhut des Fachpersonals der Kontaktstellen gegen Gewalt oder des Personals der Sozialdienste genommen. In geringerem Ausmaß nahmen sich ihrer von Psychologinnen und Mediatorinnen an, der Beitrag der Polizeikräfte war fast unerheblich.

Grafik 1: Fachpersonal, das den Erhebungsbogen ausgefüllt hat – absolute Daten

SozialassistentIn SozialbetreuerIn

Betreuerin Koordinatorin KrankenpflegerIn

Psychologin

Erzieherin Mediatorin

Polizei

Die absolute Mehrheit der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt hat, wohnt in Bozen, nur ein kleiner Anteil ist anderswo ansässig. Die Hälfte der Frauen hat ein Alter zwischen 30 und 45 Jahren, ein Drittel ist jünger als 30 Jahre und ein Fünftel älter als 46. Mehr als die Hälfte der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind italienischer Staatsbügerschaft, 21% stammen aus Osteuropa, 10% aus Afrika. Der Anteil an ausländischen Frauen unter den Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, ist größer als der Anteil an ausländischen Frauen, die Anfang 2011 in der Stadt Bozen ansässig waren (13% nach ISTAT-Daten)3. Frauen, die in einer Paarbeziehung leben (Ehemann oder Lebensgefährte), machen 55% der Opfer aus. Es folgen alleinstehende Frauen (27%) und Witwen oder geschiedene Frauen.

3

Istat, Geo Demo, Popolazione straniera residente al 1° gennaio 2011 per età e sesso,


Grafik 2 :Soziodemografische Merkmale der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Familienstand, Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter getrennt oder verwitwet verheiratet oder zusammenlebend ledig Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Die soziodemografische Struktur der Gewaltopfer auf lokaler Ebene weicht von jener, die aus den ISTAT-Daten über die Arbeitskräfte hervorgeht, ab. Beruf und Studientitel der Frauen mit mehr als 15 Jahren, die Anfang 2012 die in der Provinz Bozen wohnten und sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind relativ hoch. Dies hängt sowohl vom beträchtlichen Anteil an Frauen mit höheren Studientiteln als auch vom geringen Anteil an Frauen ohne Studientitel ab. Beim Vergleich


mit den italienweiten Daten muss jedoch berücksichtigt werden, dass die ISTAT-Bevölkerung altersmäßig umfassender ist und Ausbildungsunterschiede somit wahrscheinlicher sind.

Tabelle 2: Bevölkerung, Frauen über 15 Jahre, Daten getrennt nach Studientiteln – Südtirol und Italien, 2012 Autonome Provinz Bozen

Italien

Grundschulabschluss, kein Studientitel

20,5

25,8

Mittelschulabschluss

32,5

28,3

Berufsschulzeugnis 2-3 Jahre (berufliche Qualifikation)

15,3

5,7

Oberschulzeugnis 4-5 Jahre (Abitur/Staatsprüfung)

21,5

27,8

Hochschulabschluss und Doktorat

10,2

12,4

Summe

100,0

100,0

Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012


Grafik 3: Erwerbsstatus der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Angestellte arbeitslos Hausfrau Rentnerin Schülerin oder Studentin Freiberuflerin

Mehr als die Hälfte der Dienstnutzerinnen (53%) ist berufstätig. Es handelt sich dabei vorwiegend um Angestellte, nur ein kleiner Anteil ist freiberuflich tätig. 7% sind Rentnerinnen und die restlichen 40% sind wirtschaftlich unselbständig, entweder weil arbeitslos (29%) oder weil Hausfrau (7,8%) oder Studentin (3,9%). Vergleicht man diese Daten mit den ISTAT-Erhebungen 2012 und den Daten der Gemeinde Bozen aus dem Jahr 2011, so ist die Beschäftigungsrate der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste wenden (52,7%), niedriger als jene der Autonomen Provinz (64,8% ) und der Gemeinde (65,5%), während die Arbeitslosenquote (28,7%) sehr viel höher ist (Provinz 4,8%, Gemeinde 3,5%). Tabelle 3: Wirtschaftsindikatoren Autonome Provinz Bozen, Verteilung auf Nationalebene Frauenarbeits- FrauenQuote der losigkeitsquote beschäftinichterwerbstätigen gungsquote Frauen 4,8 64,8 18,2

Autonome Provinz Bozen 8,6 Nord 11,0 Zentrum 19,3 Süd 11,9 Italien Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012

57,0 52,3 31,6 47,1

37,7 41,2 60,7 46,5

Was die berufstätigen Frauen betrifft, so haben mehr als die Hälfte unbefristete Arbeitsverträge, während ca. 40% prekäre Arbeitsstellen besetzen. Dementsprechend verfügen nur 44% der Frauen über Einnahmen, die für sich selbst und die eigenen Kinder ausreichen. Es sei unterstrichen, dass


7% bis 8% der Frauen, die von den Netzwerkdiensten unterstützt werden (d.h. 11 Frauen), erklärt haben, sich nicht frei bewegen zu dürfen und eine oder mehrere Landessprachen nicht zu beherrschen. In Bezug auf die Familienlage erklären die meisten Frauen, die sich an die Dienste wenden, mit Kindern und Partner zusammenzuleben. Ein signifikanter Anteil lebt in Wohngemeinschaften oder geschützten Wohneinrichtungen (inkl. Kinder). Nur ein kleiner Prozentsatz lebt allein oder mit den Eltern, mit Verwandten oder mit FreundInnen. Fast die Hälfte (48,8%) der nicht allein lebenden Frauen hat angegeben, dass sie mit der Person zusammenleben, die Gewalt gegen sie ausübt.

Grafik 4 : Wohnsituation der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - Multiple Choice-Antworten, Prozentsätze

mit Kindern mit dem Partner in Wohngemeinschaft allein mit den Eltern mit anderen Verwandten mit FreundInnen mit den Schwiegereltern

Art der Gewalt In der übergroßen Mehrheit der Fälle (82%) erfolgt die Gewaltausübung im Rahmen der Familie. Gelegenheitsangriffe, Mobbing auf dem Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung sind hingegen seltener (Grafik 5). Grafik 5: Art der Gewalt, die die Dienstnutzerinnen der Netzwerkdienste erlitten haben Prozentsätze


erlittene Gewalt sexuelle Ausbeutung und/oder Ausbeutung als Arbeitskraft Mobbing (auf dem Arbeitsplatz) Gelegenheitsangriffe Häusliche Gewalt

Was die Großkategorie der häuslichen Gewalt anbelangt, so betrifft diese in erster Linie italienische Frauen, gefolgt von Frauen aus Osteuropa, während Frauen aus anderen Ländern weniger davon betroffen sind. Weitere Risikofaktoren, die die Bozner Frauen für häusliche Gewalt anfällig machen, sind folgende: feste Partnerschaft (Ehe), Alter zwischen 30 und 45 Jahren, hoher Studientitel, arbeitslos, Rentnerin. Italienische Frauen sind auch in Bezug auf Mobbing besonders anfällig (insbesondere, wenn es sich um Angestellte handelt), während afrikanische und osteuropäische Frauen stärker sexuell und beruflich ausgebeutet werden. Gelegenheitsangriffe scheinen hingegen nicht von der geografischen Herkunft der Opfer abzuhängen, sondern von ihrem Alter und dem Familienstand (unverheiratet).

Modalitäten der Gewaltausübung Wie aus Untersuchungen und Studien bereits bekannt, summieren und überschneiden sich laut Angaben der Dienstnutzerinnen verschiedene Gewaltmodalitäten, die eine Art Kontinuum bilden. Geht man von den Daten der ausgefüllten Fragebögen aus, so ist die meistverbreitete Form der Gewalt die psychologische Gewalt, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit weitem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking sind weniger signifikant, sexuelle Belästigung ist selten. Diese Rangordnung entspricht sowohl den Ergebnissen der Bozner Erhebung


als auch den Bezugsdaten (Tabelle 4) des nationalen Vereinsnetzes DiRe4 (DiRe, 2012), das die Zahlen, die die Tätigkeit der Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt im Jahr 2011 betreffen, gesammelt hat und somit eine passende Vergleichsbasis liefert. Wie gesagt überschneiden sich die Ergebnisse der beiden Erhebungen. Aus dem DiRe-Bericht geht zudem hervor, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben von Gewaltopfern ein Kontinuum bilden und ständig interagieren. Bei gleichzeitiger Ausübung verschiedener Gewaltmodalitäten steigt natürlich auch die Gefährlichkeit der Situation. Tabelle 4 : Von den Fachkräften gemeldete Art der Gewaltausübung – Multiple-Choice-Antworten, Prozentsätze

Art der Gewalt

körperliche Gewalt

% der Antworten

% der Fälle

absolute Werte (Anzahl der Antworten)

Daten Dire 2011 (% der Fälle)

27,0

67,6

114

47,0

8,5

21,4

36

14,2

psychologische Gewalt

37,1

80,7

157

54,4

ökonomische Gewalt

14,4

37,9

61

24,0

Stalking

9,9

16,6

42

9,3

Belästigung

3,1

7,6

13

-

Antworten insgesamt (Multiple Choice)

100

231,8

423

148,3

sexuelle Gewalt

Orte der Gewalt Das eigene Zuhause ist der Ort, der für Frauen am gefährlichsten ist. Dies gilt für alle Gewaltformen (weniger für sexuelle Belästigungen und Stalking). Die häusliche Gewalt hat zudem einen besonders hohen Intensitätgrad (man denke z.B. daran, dass die ökonomische Gewalt zu 84%, d.h. fast zur Gänze, zu Hause und in der Familie ausgeübt wird). Daheim entfalten sich aber auch alle anderen Gewaltformen mit besonderer Häufigkeit. Das Netzwerkpersonal hat angegeben, dass die meisten Fälle von körperlicher, psychologischer und sexueller Gewalt zu Hause stattfinden; auch Stalking und Verfolgung werden in einem Fall von drei im häuslichen Kontext ausgeübt. (Grafik 6). Öffentlichen Orte (Straßen, Parkplätze, Parks und Gastbetriebe) sind für Frauen auch nicht ungefährlich, insbesondere in Bezug auf Stalking und sexuelle, psychologische und ökonomische Gewalt. Auf dem Arbeitsplatz steht hingegen gerade das Stalking ganz oben auf der Liste, gefolgt von sexueller, ökonomischer und psychologischer Gewalt. In den Freizeiträumen der Schulen werden immer öfter Stalkingfälle verzeichnet.

1 D.i.Re.,Donne in Rete contro la violenza, Rilevazione dati 2011, 2012


Grafik 6 : Orte der Gewaltausübung aufgeteilt nach Art der Gewalt - Prozentsätze

Stalking Sexuelle Gewalt Psychologische Gewalt Körperliche Gewalt Ökonomische Gewalt Andere Orte

Schule + Freizeitstätten

Öffentliche Orte + Gastbetriebe

Arbeitsplatz

Zuhause


Grafik 7 : Zeitraum der Gewaltausübung, Daten aufgeschlüsselt nach Art der Gewalt

aktuell

Ökonomische Gewalt

in der Vergangenheit

Körperliche Gewalt

sowohl in der Vergangenheit als auch aktuell

Psychologische Gewalt

Stalking

Sexuelle Gewalt

Gewalterfahrungen stellen ein Kontinuum im Leben der meisten Frauen dar, sie sind ein Element, das Vergangenheit und Gegenwart kennzeichnet, eine konkrete Tatsache, mit der sie täglich zu tun haben. Die Gegenwart wird insbesondere bei Stalkingfällen als besonders bedrohlich empfunden, während bei sexueller, körperlicher, psychologischer und ökonomischer Gewalt die Vergangenheit eine besonders schwere Bürde darstellt (Grafik 7). Jede Art von Gewalt scheint zudem ihr eigenes Timing zu haben. Sexuelle Belästigungen sind im Normalfall einmalig, während beim Stalking und der Verfolgung die Standarddauer – wie auch bei der psychologischen Gewalt – zwei bis vier Jahre beträgt. Sexuelle Gewalt hält meist bis zu 10 Jahren an, ökonomische Gewalt sogar noch mehr. Die Mehrheit der Frauen (65%), die von den Dienststellen unterstützt wird, stellt keinen Bezug zwischen der erlittenen Gewalt und spezifischen Ereignissen oder Lebensaspekten her. Der Rest der Dienstnutzerinnen gibt an, dass die Gewalt in einer besonderen oder besonders heiklen Phase begonnen hat: In einem Drittel der Bozner Fälle war die Schwangerschaft oder die Geburt eines Kindes der auslösende Faktor für den Gewaltausbruch, der meist durch verfolgerisches Verhalten und Belästigungen gekennzeichnet ist. Dieses Schema entspricht den internationalen Erkenntnissen5. Aus der Literatur geht hervor, dass die Geburt eines Kindes bei manchen Partnern 5 Brewer J. E., Paulsen D.J. (1999), “A comparison of US and Canadian findings on uxoricide risk for women with children sired by previous partners”, Homicide Studies, 3, 317-332.
Campbell J.C. (2001), “Abuse during pregnancy: A quintessential threat to maternal and child health – so when do we start to act?”, Canadian Medical Association Journal, 164, 1578 - 1579


negative Gefühle wie Eifersucht und Wut erweckt oder den Eindruck erzeugt, einem Zwang ausgesetzt zu sein (insbesondere bei ungeplanten Schwangerschaften). Diese Emotionen sind oft sehr stark und können zu Gewalttaten gegen Mutter und Kind führen. In Italien erleiden nach ISTAT-Daten mehr als 11% der schwangeren Frauen Gewalt durch den Partner. Ganz generell beginnt bei Gewaltopfern der Leidensweg in 13,6% der Fälle gerade während der Schwangerschaft; in 52,5% der Fälle gab es bereits zuvor Gewalt und sie bleibt mit gleicher Intensität auch während der Schwangerschaft bestehen; in 17,2% der Fälle nimmt die Gewalt während der Schwangerschaft zu und nur in 15,9% der Fälle nimmt sie ab. Die Bozner Daten bestätigen diesen Trend und unterstreichen die Gefahren für Mutter und Kind, die daraus entstehen können. Häusliche Gewalt während der Schwangerschaft kann zu ungewollten Schwangerschaftsunterbrechungen, vorzeitigen Geburten und Untergewicht bei der Geburt führen. Die Opfer von häuslicher Gewalt neigen außerdem dazu, gefährliche Gewohnheiten anzunehmen (Rauchen, Alkohol- und Drogenmissbrauch). Körperliche Misshandlungen sind oft auch mit Problemen im Bereich des Fortpflanzungssystems, mit Harnwegentzündungen, Depression und anderen mentalen Krankheiten assoziiert. Gewalt während der Schwangerschaft ist schließlich auch gepaart mit hohen Raten an unerwünschten Schwangerschaften, Schwangerschaften im Jugendalter und Abtreibungen. Grafik 8: Hat die Gewaltausübung zu einem besonderen Zeitpunkt im Leben der Frau stattgefunden bzw. begonnen?

Menschenhandel zwecks Ausbeutung Beginn der Arbeitstätigkeite/ Ende Trennung Eheschließung Schwangerschaft/Geburt der Kinder Schwierigkeiten mit dem Partner

Zu den Ereignissen, die zu einem auslösenden Faktor für die Gewaltausübung in einer Beziehung werden können, gehören auch die Eheschließung, die Zusammenführung von Familien (bei Migrantinnen), Trennung und Scheidung sowie Schwierigkeiten mit dem Partner. Es handelt sich Campbell J.C., Webster D., Koziol McLain J., Block C., Campbell D., Curry M. A., Gary F., Glass N., McFarlane J., Sachs C., Sharps P., Ulrich Y., Wilt S.A., Manganello J., Xu X., Schollenberger J., Frye V., Laughton K., (2003), “Risk factors for femicide in abusive relationships: Results from a multisite case control study”, American Journal of Public Health, 93, 1089-97.


um Anlässe, die sich im Beziehungsleben abspielen und starke Gefühle hervorrufen. Die Schwierigkeit, die eigenen Gefühle unter Kontrolle zu halten, spielt eine ausschlaggebende Rolle beim Entstehen von Gewalt innerhalb einer intimen Beziehung, auch wenn die Kontexte sehr unterschiedlich sind. Bei Trennungen ist Stalking die häufigste Gewaltform, während bei Ehen ökonomische und körperliche Gewalt vorwiegen. Ein Fünftel der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, gibt an, dass die Gewalt mit der sozialen und beruflichen Sphäre verbunden ist (Arbeitstätigkeit, Arbeitswechsel, Migration) und sich vornehmlich in Form von ökonomischer Gewalt und Verfolgung ausdrückt. Ein geringerer aber dennoch bedeutsamer Anteil der Frauen ist Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung. Die für diese Verbrechen typische Gewaltform ist die Vergewaltigung (Grafik 8). In Bozen wurden außerdem auch ein Fall von Genitalverstümmelung und ein Fall von Zwangsheirat verzeichnet.

Wer übt Gewalt gegen Frauen aus? Täter sind insbesondere Ehemänner, Verlobte und Partner (53%) sowie ehemalige Partner (13.6%). Erstere üben vorwiegend ökonomische, psychologische und körperliche Gewalt aus, während ehemalige Partner eine “Vorliebe” für Stalking, Verfolgungsakte und körperliche Misshandlungen haben. Die Daten, die die von ehemaligen Partnern ausgeübte Gewalt betreffen, zeigen, dass die Trennungsphase ein besonders komplexer Übergang ist, bei dem eine eingehende und kompetente Überprüfung einer eventuellen Rückfallgefahr von wesentlicher Bedeutung ist. In 16% der Fälle sind die Täter Familienmitglieder (Eltern und Verwandte), in 11% der Fälle handelt es sich um Freunde und Bekannte. Die Fälle, in denen der Täter eine unbekannte Person ist, sind selten und finden meist im Zusammenhang mit Menschenhandel und mit Zuhälterei statt. Die Daten des Dire-Netzes6 (DiRe, 2011) ermöglichen einen Vergleich zwischen der Bozner Realität und jener auf Nationalebene: Der Fokus liegt in beiden Fällen bei den Intimbeziehungen, da der Partner sowohl in Bozen als in ganz Italien als Hauptverantwortlicher der Gewalttaten hervorgeht. Der von DiRe erhobene Prozentsatz ist jedoch mit 64% bedeutsam höher als jener von Bozen. Dasselbe gilt, in geringerem Ausmaß, für die Daten in Bezug auf die ehemaligen Partner (20% auf Nationalebene). In Bozen ist hingegen die Gewalt gegen Frauen, die von Familienmitgliedern (Eltern und Verwandte) herrührt, häufiger als im Rest Italien (16,2% gegen 8%). Eine ähnliche Abweichung gibt es auch im Falle der von Freunden und Bekannten ausgeübten Gewalt (11% gegen 6%) sowie jener, die von unbekannten Personen ausgeübt wird (3,9% gegen 2%). Grafik 9 : Beziehung zum Gewalttäter - Prozentsätze 6

In diesem Fall beziehen wir uns auf die DIRE-Erhebung 2010, in der die Daten besser aufgeschlüsselt und deswegen

auch besser vergleichbar sind (DiRe, “DATI STATISTICI ANNO 2010: 3° RILEVAZIONE NAZIONALE”).


Zuhälter/Zuhälterin Unbekannte/r Elternteil/Verwandte/r Ehem. Ehemann (ehem. Freund/ehem. Partner) Freund/Bekannter/Arbeitskollege

Profil der gewaltausübenden Personen Zirka die Hälfte der Täter ist zwischen 30 und 45 Jahre alt (51%) und somit ungefähr gleich alt wie die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt sind. Mehr als ein Drittel ist über 46 Jahre alt und nur eine Minderheit ist jünger als dreißig: Dieses Verhältnis ist bei Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wurde, umgekehrt (es wiegen jüngere Frauen vor). Die Täter sind vornehmlich - und in stärkerem Ausmaß als ihre Opfer - italienischer Nationalität (66%), während die Täter aus Osteuropa oder Afrika einen geringeren Prozentsatz als die Gewaltopfer aus diesen Weltteilen ausmachen. Diese Daten belegen, dass italienische Männer häufiger sowohl gegen Italienerinnen als auch gegen Ausländerinnen und jüngere Frauen gewalttätig sind. Die Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wird, haben einen signifikant höheren Ausbildungsgrad als die gewaltausübenden Männer: Der Anteil an Frauen mit akademischem Abschluss ist fast doppelt so große wie jener der Männer; auch der Besitz eines Reifediploms ist bei Frauen häufiger, während Berufsschuldiplome und Mittelschuldiplome bei den Tätern stärker vertreten sind als bei den Opfern. Dieser Umstand müsste näher untersucht werden, um zu verstehen, ob diese kulturelle Differenz einen Zusammenhang mit der ausgeübten Gewalt hat, auch wenn auf Nationalebene keine Verknüpfung dieser Art festgestellt wurde (Istat, 2007). Unter dem Gesichtspunkt der Beziehungen zwischen Gewalttäter (Männer) und Gewaltopfer (Frauen) zeigen die erhobenen Daten, dass für verheiratete Frauen das größte Risiko von ihren Ehemännern ausgeht, während es bei unverheirateten Frauen der ehemalige Partner, ein Freund, ein Bekannter oder ein Kollege sind. Junge, unverheiratete Frauen sind oft Opfer von Eltern und Verwandten. Frauen, die mit ihren Partnern (Ehemann oder Lebenspartner) und/oder ihren Kindern zusammenleben, sind bzw. waren vornehmlich Opfer ihres Partners. Dies gilt auch für die Mehrheit


der Frauen, die derzeit in Frauenhäusern oder in Gemeinschaften leben. Alleinlebende Frauen sind meist Opfer ehemaliger Partner oder von Freunden und Bekannten. In Wohngemeinschaften leben auch auch Frauen, die Opfer von Verwandten oder von Menschhandel waren. In den meisten Fällen handelt es sich bei den Tätern um “normale” Männer, die keine spezifischen Probleme haben, welche ein gewalttätiges Verhalten “hervorrufen” oder verstärken können (wie z.B. Alkohol- oder Drogenmissbrauch, wirtschaftliche oder psychiatrische Probleme usw.). Im Rest der Fälle sind Probleme verschiedener Art vorhanden, es wiegen jedoch Alkoholabhängigkeit und soziale Probleme vor (16% bis 17%), während Drogenmissbrauch und psychiatrische Probleme seltener sind (Tabelle 5). Zum Vergleich sei auf die Istat-Daten 2006 hingewiesen, die bezüglich der gewaltausübenden Männer, die unter der Wirkung von Alkohol oder Drogen stehen, einen etwas geringeren Prozentsatz angeben (13,3%).

Grafik 10: Soziodemografische Merkmale der Gewalttäter und der Gewaltopfer - Prozentsätze

Gewaltopfer


Gewalttäter Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufsschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Tabelle 5: Eventuelle Probleme der gewalttätigen Person (Multiple Choice), Prozentsätze Person ohne offensichtliche Abhängigkeitsprobleme und/oder soziale bzw. psychische Probleme Alkoholiker/Alkoholikerin Drogensüchtige/r Person mit psychiatrischer Störung

46,5% 17,4% 4,9% 1,4%

Person mit sozialen Problemen

16,7%

Keine Erkenntnisse

13,2%

Anwesenheit von Kindern In 60% der Fälle leben mit den Gewaltopfern auch Kinder zusammen; es handelt sich dabei fast immer um Töchter und Söhne der Opfer, nur selten besteht eine andere Art von Verwandtschaft. In der Mehrheit der Fälle erleben die Kinder die Gewalt direkt oder indirekt mit. Fast die Hälfte (44%) erlebt Gewalttaten direkt mit, ein Viertel ist während der Vorfälle nicht direkt anwesend, weiß aber, dass Gewalt ausgeübt wird (24%). Beträchtlich ist auch der Anteil an Kindern, die direkte Gewalt erleiden, während der Prozentsatz an Kindern, die weder direkt noch indirekt der Gewalt beiwohnen oder Opfer davon sind, sehr geringfügig ist. Die Art der miterlebten oder erlittenen Gewalt stimmt fast immer mit der der Mutter zusammen. Aus den erhobenen Daten geht eine starke direkte Einbindung der Minderjährigen in die Gewalt und eine sowohl körperliche als auch psychologische Gefährdung hervor. Das Verhaltensmuster der Täter ist typischerweise stets dasselbe. Laut der zitierten ISTAT-Studie gaben 62,4% der Frauen, die Opfer von Männergewalt sind, an, dass ihre Kinder einem oder mehreren Gewaltszenen beigewohnt haben (davon 19,6% nur in seltenen Fällen, 20,2% manchmal und 22,6% oft). Tabelle 6: von Minderjährigen erlittene Gewalt (Multiple Choice), Prozentsätze


Körperliche Gewalt in direkter Form

11,4%

Psychologische Gewalt in direkter Form

15,2%

Ökonomische Gewalt in direkter Form

3,0%

Miterlebte Gewalt in direkter Form

43,9%

Miterlebte Gewalt in indirekter Form

23,5%

Nein

3,0%

Die Dienststellen und das Netzwerk Der Fragebogen sah eine offene Frage in Bezug auf die Kenntnis der Dienste vor, die vom Netzwerk angeboten werden. Die Art und Weise, wie Dienstnutzerinnen von den Diensten erfahren, ist eine extrem wichtige Information: Sie gibt Aufschluss darüber, inwieweit das Wissen über die bestehenden Dienste gegen Gewalt an Frauen unter hilfsbedürftigen Opfern verbreitet ist. In 50% der Fälle haben die Frauen von den Netzwerkdiensten durch das Netzwerk selbst erfahren. Dies ist ein gutes Ergebnis, das auf eine gelungene synergetische Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Knoten des Netzwerks hinweist. In der ersten Phase der Kontaktaufnahme bleibt jedoch die Rolle der FreundInnen und der Familie ausschlaggebend: Freundinnen und Bekannte sind oft die ersten AnsprechpartnerInnen der hilfesuchenden Gewaltopfer und raten ihnen, sich an Dienststellen des Netzwerks zu wenden. Was das Netzwerk selbst betrifft, sind die Sozialdienste – durch die SozialassistentInnen – die Knotenpunkte, die die Fälle zuerst filtrieren und den betroffenen Frauen weiterhelfen, gefolgt von den Sicherheitskräften und den Fachdiensten (Beratungsstellen, Frauenhäuser, Kontaktstellen gegen Gewalt). Weniger aktiv sind diesbezüglich die Fachleute der Gesundheitsdienste (FamilienärztInnen, PsychologInnen, Krankenhäuser). Bedeutsam ist hingegen der Zugriff auf die grünen Telefonnummern und auf Internet, die ein relativ neues Instrument sind, aber dennoch ziemlich bekannt und zuverlässig zu sein scheinen.


Grafik 11 :Wie hat die Frau von der Dienststelle erfahren? (Prozentsätze)

durch eine Freundin, eine Bekannte Sozialdienste, Sozialassistentin Polizei, Ordnungskräfte, Polizeidirektion (Quästur) Familienhaus, Familienberatungsstelle, Gea, Dienststellen Grüne Nummer, Zufall, Internet Verwandte Familienarzt/Familienärztin, Psychologe/Psychologin, Krankenhaus Rechtsanwalt/Rechtsanwältin bereits bekannt keine Angabe

Die erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, weshalb sich Frauen an die verschiedenen Dienste wenden (77%). Es ist extrem wichtig, dass bei den Gesprächen mit dem Personal der Dienste auch die versteckte und verneinte Gewalt belichtet und anerkannt werden. Dies kann entweder durch direkte Fragen erwirkt werden oder als Nebeninformation oder indirekte Auskunft in die Erzählung der betroffenen Frau einfließen. Es handelt sich um ein wichtiges Ergebnis, das von der fachlichen Vorbereitung des Personals der Anlaufstellen zeugt, die so zeigen, dass sie imstande sind, die erlebte Gewalt auch in solchen Fällen zu erkennen und sie aufzudecken. Grafik 12: Wenn das Thema Gewalt von der Frau nicht als Hauptgrund genannt wurde, wer hat dieses Thema zur Sprache gebracht? (Prozentsätze)


Die Frau selbst, als sekundäres Problem Die Frau selbst, jedoch indirekt im Rahmen anderweitiger Erzählungen Die Fachperson durch direktes Fragen

Eine grundsätzliche Bestätigung der Rangordnung der Anlaufstellen für die hilfesuchenden Frauen geht auch aus den Antworten auf die Frage hervor, ob sich die betroffene Frau mit der Bitte um Hilfe auch “an andere” gewandt hat. In diesem Fall waren – anders als bei der vorhergehenden Frage - mehrere Antworten möglich: Die Antworten zeigen, dass die Sicherheitskräfte, die Sozialdienste und die Kontaktstellen gegen Gewalt sowie die FreundInnen der erste Anlaufpunkt sind und den ersten Schritt auf dem Weg aus den Gewalt heraus darstellen (Grafik 13). Es folgen die Familie und andere Dienststellen. Bei 24% der Antworten steht, dass sich die betroffene Frau zuvor an niemand anderen gewandt hat und somit direkt den Dienst als erste Anlaufstelle gewählt hat. Grafik 13: Hat sich die Frau bereits an andere Personen/Anlaufstellen gewandt? (Multiple Choice), Prozentsätze


Ordnungskräfte Nein Freunde/Freundinnen Sozialdienste Frauenhaus/geschützte Wohnungen Verwandte Rechtsanwalt/Rechtsanwältin Eltern Familienberatungsstelle Krankenhaus Psychologischer Dienst Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin) NachbarInnen

Wie gut das Netzwerk funktioniert kann zum Teil anhand der Antworten auf die Frage bezüglich der Interaktion mit anderen Diensten bewertet werden, d.h. ob die Fachperson, die den Fragebogen beantwortet, die betreffende Dienstnutzerin an andere Dienststellen “weitergeleitet” hat. Leider hat fast die Hälfte davon (44%) auf diese Frage nicht geantwortet, was zu einer geringen Gesamtsignifikanz der entsprechenden Daten führt. Die Mehrheit (72%) von jenen, die die Frage beantwortet haben, hat keine Frau an andere Dienste weitergeleitet. Vorwiegendes Ziel der weitergeleiteten Frauen waren die Kontaktstelle gegen Gewalt, die geschützten Wohnungen und das Frauenhaus. Die Situation der von den Netzwerkdiensten Ende 2012 betreuten Frauen ist in der Abbildung 14 beschrieben: Sieht man von den Frauen (13%, d.h. 17 Frauen) ab, die von keiner Dienststelle betreut werden, so wird die absolute Mehrheit der Gewaltopfer von Kontaktstellen und Frauenhäusern unterstützt oder lebt in geschützten Wohnungen, während der Rest von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen betreut wird.

Grafik 14: Wer betraut die Frau mit Blick auf die Gewaltsituation?(Multiple Choice), Prozentsätze


Frauenhaus/geschützte Wohnungen Niemand Sozialdienste Familienberatungsstelle PsychiaterIn/NeuropsychiaterIn Psychologischer Dienst Sozialpädagogische Einrichtung Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin)

Anzeigen bei Gericht Zirka ein Drittel der vom Bozner Netzwerk betreuten Frauen hat eine strafrechtliche Anzeige erstattet oder (im Falle von Minderjährigen) das Jugendgericht benachrichtigt. Es handelt sich um einen sehr hohen Prozentsatz, insbesondere im Vergleich zum italienischen Durchschnittswert, der aus den ISTAT-Erhebungen 2006 hervorgeht (7,3% der Frauen, die Opfer vom Männergewalt sind, erstatteten Anzeige wegen vom Partner ausgeübter körperlicher oder sexueller Gewalt). Die Netzwerkdaten sind besonders erfreulich, weil sie sich nicht nur von den italienweiten Zahlen, sondern auch vom Südtiroler Durchschnitt (13,7%) derselben ISTAT-Studie positiv abheben (es ei darauf hingewiesen, dass Südtirol bereits damals die „beste“ unter den italienischen Regionen war). Da die Mehrzahl der gerichtlichen Verfahren noch läuft, ist es frühzeitig, Schlüsse über das Ergebnis der Anzeigen zu ziehen. Tabelle 7: Gerichtliche Schritte der Frauen, die von den Netzwerkdiensten betreut werden absolute Daten und Prozentsätze Ja

Nein

Sum me

Absolute Daten Strafanzeige/Strafantrag/Klage (Gerichtsbehörde) Anzeige (Staatsanwaltschaft bei Jugendgericht)

%

41

96

137

43

99

142

29, 9 30, 3

70, 1 69, 7


Tabelle 8 : Ergebnis der Gerichtsverfahren – Prozentsätze 1 – Rücknahme der Anzeige

18,6

2 – hängiges Verfahren

65,1

3 – Verurteilung der gewalttätigen Person / Strafzumessung auf Antrag der Parteien

7,0

4 – Freispruch

9,3

Summe

100,0

Schlussbemerkungen Aus dem vorliegenden Bericht können nur provisorische Schlussfolgerungen gezogen werden, da die verarbeiteten Daten bislang ein einziges Arbeitsjahr (das Startjahr!) umfassen. Trotzdem können wir uns davon ausgehend ein Bild vom Netzwerk, von den Dienstnutzerinnen, von den Bedürfnissen der Frauen und von der Art der jeweils erlittenen Gewalt machen. Die Anzahl der Fälle ist jedoch noch zu gering, um die Beziehungen zwischen Opfer und Täter, die Dynamik der verschiedenen Gewaltformen und die Reaktion der Dienststellen im Detail zu analysieren und daraus Indikatoren in Bezug auf die Wirksamkeit des Netzwerks oder das Auftreten der verschiedenen Gewaltformen auf dem Territorium oder auch nur in Bezug auf eventuelle Probleme der Netzwerkdienste zu erarbeiten. Um die mühsame und verdienstvolle Arbeit zu ehren, die das Personal bei der Datenerhebung geleistet hat, werden wir nachfolgend eine Übersicht der wichtigsten Elemente liefern, die aus der Datenanalyse hervorgehen. Wir fangen dabei von der Beschreibung der Frauen an, die sich an die Netzwerkstellen gewandt haben. Es handelt sich mehrheitlich um Frauen italienischer Nationalität zwischen 30 und 45 Jahren. Zirka ein Drittel ist jünger als 30, ein Fünftel über 46. Die Mehrheit der Frauen leben im Paar (verheiratet oder Wohngemeinschaft) und haben eine Arbeit oder eine Rente und verfügen somit über eine eigene Einnahmequelle (59,7%). Die meisten besitzen ein höheres Ausbildungsniveau als der Durchschnitt der in der Gemeinde und in der Provinz ansässigen Frauen. Es gibt aber auch einen Anteil der Opfer, die arbeitslos sind und sich in einer präkären ökonomischen Lage befinden. Zirka 55% der betreuten Frauen gibt an, Schwierigkeiten zu haben, den Unterhalt für sich selbst und die (eventuellen) Kinder zu zahlen. Dieser Umstand versetzt sie in eine Situation objektiver “Schwäche”, die vermehrt Männergewalt zur Folge haben kann. Es sei dabei darauf hingewiesen, dass ein (wenn auch kleiner) Anteil der Frauen eine der beiden Landessprachen nicht oder nur unzulänglich kennt und sich nicht frei bewegen kann/darf. Es handelt sich oft um ausländische Frauen (45,4%), die zum Großteil aus Osteuropa oder Afrika stammen. Hilfesuchende Frauen leben meist mit ihren Kindern und dem Partner zusammen. Es ist erschreckend zu wissen, dass die Hälfte von ihnen mit dem Mann zusammenlebt, der Gewalt gegen


sie ausübt. Ein signifikanter Teil der Frauen, die von den Netzwerkdiensten aufgenommen wird, lebt demgemäß in geschützten Einrichtungen und in Frauenhäusern. Wie überall wird auch in Bozen die Gewalt in der übergroßen Mehrzahl der Fälle (82%) innerhalb der Familie ausgeübt (häusliche Gewalt), während Gelegenheitsangriffe, Mobbing am Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung eher selten sind. Was die Art der erlittenen Gewalt anbelangt, so überschneiden sich meist verschiedene Modalitäten. Erstellt man eine Rangordnung anhand ihres relativen Gewichts, so steht psychologische Gewalt an erster Stelle, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit größerem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking haben eine geringere Inzidenz, sexuelle Belästigungen sind selten. Diese Daten bestätigen die Ergebnisse anderer Erhebungen und belegen den Umstand, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, ein Kontinuum darstellen, sich überschneiden und ständig interagieren. Das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Gewaltformen zeichnet stets besonders gefährliche Situationen aus. Das eigene Zuhause ist für Frauen der gefährlichste Ort, und dies gilt für alle Formen der Gewalt (mit der Ausnahme von Belästigungen und Stalking). Daheim ist auch die Intensität der Gewalt stärker als anderswo, angefangen von der ökonomischen Gewalt, die fast ausschließlich innerhalb der eigenen vier Wände und der eigenen Familie ausgeübt wird. Körperliche, psychologische und sexuelle Gewalt finden auch fast immer in der gemeinsamen Wohnung statt. Sogar Stalking und Verfolgung finden ein Drittel der Male zu Hause statt. Auch die öffentlichen Räume (Straßen, Parkplätze, Parks und Gaststätten) sind für Frauen gefährlich: Es finden dort Stalking sowie sexuelle und psychologische Gewalt statt. Die am Arbeitsplatz meistverbreitete Form der Gewalt ist das Stalking, gefolgt von der sexuellen, der ökonomischen und der psychologischen Gewalt. Schulen und Freizeiträume sind besonders oft Schauplatz von Stalking. Die Gewalt wird von den meisten Frauen als eine Art Kontinuum erlebt, als ein Element, das sich ohne Unterbechung von der Vergangenheit bis zur Gegenwart erstreckt und den konkreten, tagtäglichen Lebensablauf charakterisiert. Aus der Erhebung geht hervor, dass oft wichtige Ereignisse und Lebensetappen innerhalb des Paars oder der Familie - wie zum Beispiel Schwangerschaft, Ehe und Trennung - zum Ausbruch der Gewalt beitragen. Dies bestätigt zum wiederholten Male, dass die häusliche Sphäre und die Familie die Hauptbühne für Gewalttaten darstellen. Im Falle von ausländischen Frauen stellen zusätzlich dazu die Einwanderung selbst (mit der manchmal die sexuelle Ausbeutung beginnt) sowie die Zusammenführung mit anderen Familienmitgliedern besonders heikle Momente dar. Bei den Tätern handelt es sich zum Großteil (66%) um italienische Staatsbürger und es sind vergleichmäßig mehr als die italienischen Gewaltopfer, während bei Tätern aus Osteuropa und Afrika der Prozentsatz geringer ist als jener der Opfer mit gleicher Herkunft. Dieser Umstand weist darauf hin, dass die stereotypische Annahme, bei den Tätern handle es sich vorwiegend um Ausländer, irreführend ist. Männer italienischer Abstammung üben häufiger als Ausländer Gewalt sowohl gegen italienische als auch gegen ausländische und junge Frauen aus.


Das bisher skizzierte Bild zeigt eindeutig, dass die Spuren der Gewalt gegen Frauen immer zur Familie führen: Hauptübeltäter sind die gegenwärtigen oder ehemaligen Ehemänner, Verlobten und Partner. Erstere greifen öfter zur ökonomischen, psychologischen und körperlichen Gewalt, während ehemalige Partner dazu neigen, Frauen durch Stalking, Verfolgung und körperliche Misshandlung zu verletzen. Wie bereits gesagt, ist die Trennungsphase der Moment im Leben einer Frau, der unter dem Sicherheitsprofil zu den schwierigsten und gefährlichsten zählt. Nicht nur Partner und ex-Partner, sondern auch Eltern, Verwandte und Freunde üben Gewalt gegen Frauen aus, während nur sehr selten unbekannte Männer zu Tätern werden (meist in Fällen von sexueller Ausbeutung und Menschenhandel sowie Zuhälterei). Erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, der Frauen dazu bewegt, sich an die Dienststellen zu wenden. Es ist jedoch wichtig, dass auch versteckte oder getarnte Gewaltfälle zur Sprache kommen. Dies kann erfolgen, wenn das Fachpersonal die Lage erkennt und direkte Fragen an die betreffende Frau stellt, oder wenn die betreffende Frau das Thema indirekt oder als “Nebensache” aufwirft. Die Aufdeckung der versteckten Gewaltfälle ist besonders wichtig und es ist von wesentlicher Bedeutung, über spezialisiertes Kontaktpersonal zu verfügen, das imstande ist, implizite Gewalt im Erlebten zu erkennen und zur Sprache zu bringen. Im Einklang mit dem bisherigen Bild ist die Tatsache, dass die absolute Mehrheit der Frauen, die Kontakt zu den Netzwerkdienststellen aufgenommen haben, von den Kontaktstellen gegen Gewalt und den Frauenhäusern betreut werden bzw. in geschützten Wohnungen leben, während ein kleinerer Anteil von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen unterstützt werden. Das Wissen um die Unterstützungsmöglichkeiten, die das Netzwerk gegen die Gewalt an Frauen anbietet, stellt ein strategisches Element im Rahmen der politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Gewalt und zur Unterstützung der hilfesuchenden Frauen dar. Die Ergebnisse der Beobachtungsstelle zeigen, dass die Netzwerksynergie diesbezüglich sehr groß ist: 50% der Frauen haben die Netzwerkdienste durch das Netzwerk selbst kennengelernt. In der ersten Kontaktphase spielen zudem FreundInnen und Familienmitglieder eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, sich an die vorhandenen Dienststellen zu wenden. Freundinnen und Bekannte sind und bleiben in den meisten Fällen die ersten Ansprechpartnerinnen hilfesuchender Frauen. Was die Netzwerkdienste anbelangt, so stellen meist die Sozialdienste den ersten Anlaufpunkt dar, der den Frauen Informationen liefert und sie an andere Stellen weiterleitet. Gleich nach den Sozialdiensten befinden sich in dieser Rangordnung die Sicherheitskräfte und die Fachdienste (Beratungsstellen, geschützte Wohnungen, Kontaktstellen gegen Gewalt). Zusätzlich zur Soforthilfe durch die geschützten Wohnstrukturen für gefährdete Frauen und Kinder liefern die Netzwerkdienste den Frauen Unterstützung auf ihrem Weg aus der Gewalt, das eines der wesentlichen Ziele der entsprechenden Maßnahmen darstellt. Zu den möglichen Maßnahmen, die diesen Weg erleichtern, gehört auch der Zugriff auf gesetzlich vorgesehene Instrumente wie Anträge auf Wegweiseanordnungen oder Annäherungsverbote, straf- und zivilrechtliche Klagen oder Meldungen beim Jugendgericht. Bereits in der ISTAT-Erhebung aus dem Jahr 2006 stach die Stadt Bozen im Vergleich zu den anderen italienischen Städten wegen der hohen Anzahl an Anzeigen hervor. Die vorliegende Datenerhebung bestätigt diesen Trend: 30% der von den Netzwerkdiensten betreuten Frauen hat den Täter bei den Behörden angezeigt, ein gleich hoher Prozentsatz hat beim Jugendamt Fälle von Gewalt gegen Minderjährigen gemeldet. Es handelt sich


um ein hervorragendes Ergebnis, das nach Ende der noch laufenden Verfahren auch hinsichtlich der gerichtlichen Ergebnisse 端berpr端ft werden muss.


Das Bozner Netzwerk der Dienste für Frauen in Gewaltsituationen – Erstes Tätigkeitsjahr1 von Maura Misiti, statistische Datenbearbeitung von Marcella Prosperi* Einführung Die Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das weltweit eine zunehmende Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Vereine, Bewegungen, internationale Behörden und nicht zuletzt die internationale Öffentlichkeit sind sich immer stärker bewusst, dass es sich um eine globales Problem handelt und üben dementsprechend Druck aus. Auch die Medien tragen dazu bei, die dramatische Eskalation von Gewalttaten gegen Frauen sichtbar zu machen und zu dokumentieren. Im neuesten Sonderbericht von Rachida Manjoo (UNO-Berichterstatterin) über die genderbasierten Tötungen, der im Juni 2012 veröffentlicht wurde (CHR, 2012), wird der Frauenmord als Extremausdruck der vielen, verschiedenen Formen von Gewalt, die gegen Frauen ausgeübt wird, definiert, als letzte, tödliche Folge eines tragischen Kontinuums. Im Bericht wird unterstrichen, dass dieses Phänomen alarmierende Ausmaße erreicht hat und die Gewalt gegen Frauen immer noch akzeptiert, toleriert und gerechtfertigt wird, weil sie kulturell und sozial stark verwurzelt ist. Der Bericht endet mit einer Reihe von Empfehlungen an die UNO-Mitgliedsstaaten, damit sie ihrer Pflicht, das Phänomen zu bekämpfen, sorgfältig nachkommen. Im Vorjahr (2011) hatte die Berichterstatterin bereits einen Spezialbericht über die Gewalt gegen Mädchen und Frauen erstellt, worin sie den komplexen Rahmenkontext beschreibt, in dem sich verschiedene Formen von Diskriminierung überschneiden, gegenseitig verstärken und so zu einer stetigen Zuspitzung des Phänomens der Gewalt gegen Frauen führen. Der Bericht endete mit der Empfehlung, einen ganzheitlichen Ansatz gegen die genderbasierte Gewalt anzuwenden, um gleichzeitig sowohl die strukturellen Elemente als auch die jeweiligen Diskriminierungsfaktoren zu berücksichtigen. Wenn das Thema der Gewalt gegen Frauen als übergreifendes Phänomen dargestellt wird, das die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte sowie sämtliche Zivilrechte betrifft, fällt es den Policy Makers leichter, die Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Diskriminierungsformen und die Vielfalt der tatsächlichen Gewaltformen zu begreifen. Dieser mehrdimensionale Ansatz erfordert den Einsatz von Personal- und Materialressourcen für die Bewertung und Überprüfung der Auswirkung der im Bereich Gewalt und Diskriminierung getroffenen Maßnahmen, verabschiedeten Gesetze und geleisteten Dienste, einschließlich der Unterstützung der Opfer und des Schadenersatzes. Zu den Aktionen, die die Berichterstatterin vorschlägt, gehören auch öffentliche Maßnahmen im Bereich der Erziehung, um stereotypische Wertvorstellungen und Vorurteile abzubauen, von denen sich die Gewalt gegen Frauen ernährt. In lokaler Hinsicht ist es hier wichtig, auf die Mission zu verweisen, die die Berichterstatterin 2011 in Italien durchführte. In ihrem Bericht über die italienische Situation unterstrich sie, dass die häusliche Gewalt das am meisten verbreitete Gewaltphänomen ist. Weniger als ein Fünftel der * IRPPS-CNR


Opfer erachtet die erlittene Gewalt als Straftat, ein Drittel betrachtet sie als „normal“, nur ein Viertel hält eine Vergewaltigung oder eine versuchte Vergewaltigung für strafbar. Die Verdeckung dieses Phänomens hat sowohl mit seiner geringen Sichtbarkeit als auch mit der Tatsache zu tun, dass die Frauen eher selten Anzeige erstatten, da sie meist wirtschaftlich von den Tätern abhängen und zudem der Ansicht sind, dass der Staat nur wenig oder gar nichts unternehmen wird. Die ununterbrochene häusliche Gewalt spiegelt sich in der steigenden Anzahl von Frauen wider, die vom (oft ehemaligen) Partner, Ehemann oder Lebensgefährten ermordet werden2. Um das Thema der Gewalt in Italien wirklich zu verstehen, müssten viele Fragen ausgehend von den großen Schwierigkeiten aufgeworfen werden, gegen die die Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt täglich kämpfen müssen. Da sie nur mangelnd finanziert werden, können sie den Frauen, die Opfer von Gewaltsituationen sind, immer seltener angemessenen Beistand anbieten. Dies hat negative Auswirkungen auf die Anerkennung der Gewaltsituationen selbst, auf die Unterstützung der Frauen und ihrer Kinder, auf die Eingliederung der wirtschaftlich Schwächeren in die Arbeitswelt. Zu den wichtigsten Bemerkungen der Berichterstatterin gehört mit Sicherheit die Vorhaltung, dass die Institutionen, die Regierung und die Zivilgesellschaft im Falle der Gewalt gegen Frauen noch viel zu wenig auf getrennte statistische Daten zurückgreifen. Die „jüngste“ offizielle Datenerhebung (ISTAT-Bericht “Gewalt gegen Frauen in und außerhalb der Familie”) stammt aus dem Jahr 2006 (!). Geschlechtsspezifische, aktualisierte Daten und Statistiken sind von äußerster Wichtigkeit, um angemessene Gesetze, Maßnahmen und Programme zu entwerfen und umzusetzen und sie auf ihre Wirksamkeit hin zu evaluieren. Der Datenaustausch zwischen allen beteiligten Stellen – d.h. auch den zuständigen Ministerien, den Sicherheitskräften, den Gerichtsbehördern und den Fachorganisationen – stellt dazu eine notwendige Voraussetzung dar. Auch die CM-Rec 2002(5) empfohl u.a. die Durchführung spezifischer Untersuchungen und die Einholung von speziellen Daten zur Bemessung des Phänomens sowie zur Kontrolle der Wirksamkeit der angewandten Maßnahmen. All dies wurde, wie gesagt, von der Berichterstatterin bestätigt und steht im erst kürzlich unterzeichneten Abkommen von Istanbul Schwarz auf Weiß geschrieben. Das Abkommen muss durch entsprechende Anpassungsmaßnahmen ratifiziert werden. Zum ersten Mal ist im Dokument zudem ausdrücklich von Zwangsheirat die Rede und es werden detaillierte Vorgaben in Bezug auf die vorgesehenen Untersuchungen und Datenerhebungen aufgelistet. Die Erfahrung der Bozner Beobachtungsstelle Vor diesem Hintergrund ist vor einem Jahr das Bozner Netzwerk der Dienste entstanden, die den Gewaltopfern Unterstützung anbieten. Nachfolgend werden die Ergebnisse der bisherigen Arbeit dieses Netzwerks vorgestellt, das Fachstellen wie das Zentrum gegen Gewalt, öffentliche Sicherheitsbehörden und Vereine, die auf spezifische Bedürfnisse eingehen, untereinander verbindet. Im Gründungsjahr 2012 befassten sich die Netzwerkdienste mit insgesamt 145 Gewaltfällen und verhalfen den betroffenen Personen, sich teilweise oder gänzlich von der jeweiligen Gewaltsituation zu befreien. Die Fragebögen wurden zwar aufmerksam ausgefüllt, doch bei einer solch begrenzten statistischen Anzahl kann der Ausfall von auch nur wenigen Daten bereits Probleme verursachen. Es kann 2

(CEDAW/C/ITA/Q/6/Add.1)


durchaus sein, dass es beim Ausfüllen der Bögen einfach objektive Schwierigkeiten gab, die erwünschte Information einzuholen: Es handelt sich dabei insbesondere um die Angaben über den Täter, Lücken gibt es aber auch in Bezug auf die Arbeitssituation der Frauen und über die Elemente, die den ersten Gewaltausbruch verursacht und zur eventuellen Anzeige geführt haben. Auch die Zusatzfragen, die die Interaktion zwischen den verschiedenen Netzwerkdiensten betreffen, wurden nur teilweise beantwortet: Es muss untersucht werden, wieso es diesbezüglich Schwierigkeiten gab. In anderen Fällen (Nichtangabe des Berufsprofils und des Geschlechts der Fachperson aus dem Netzwerk) könnte es sich lediglich um Flüchtigkeitsfehler handeln. Die nachfolgende Tabelle gibt Aufschluss über die Dienste, die an der Datenerhebung mittels Fragebögen teilgenommen haben, deren Daten in die Datenbank der Beobachtungsstelle einfließen. Für jeden Fall, der von einer Netzwerkdienststelle behandelt wird, wird ein entsprechendes Datenblatt ausgefüllt.

Tabelle 1: Die Netzwerkdienste, die an der Erhebung teilgenommen haben prozentuelle Daten Dienststelle, die den Erhebungsbogen ausgefüllt hat

Dienstnutzerinnen

- absolute und

Prozentsatz

Haus der geschützten Wohnungen

14

9,7

Kontaktstelle gegen Gewalt – Frauenhaus GEA

81

55,9

CSM

8

5,5

Polizeidirektion (Quästur) Bozen

4

2,8

BSB Sozialsprengel Europa Neustift

6

4,1

Verein LA STRADA/DER WEG Bereich Frau

5

3,4

Verein Volontarius – Straßenprojekt

1

,7

Vereinigung Frauen-NISSA'

2

1,4

BSB Sozialsprengel GRIES

4

2,8

12

8,3

Stadtpolizei

1

,7

BSB Sozialsprengel Don Bosco

1

,7

Haus Margaret Caritas

5

3,4

Familienberatungsstelle AIED

1

,7

Familienberatungsstelle l'ARCA


Insgesamt

145

100,0

Wie aus der Grafik 1 ersichtlich, wurden Frauen, die sich an eine Netzwerkstelle gewandt haben, vorwiegend in Obhut des Fachpersonals der Kontaktstellen gegen Gewalt oder des Personals der Sozialdienste genommen. In geringerem Ausmaß nahmen sich ihrer von Psychologinnen und Mediatorinnen an, der Beitrag der Polizeikräfte war fast unerheblich.

Grafik 1: Fachpersonal, das den Erhebungsbogen ausgefüllt hat – absolute Daten

SozialassistentIn SozialbetreuerIn

Betreuerin Koordinatorin KrankenpflegerIn

Psychologin

Erzieherin Mediatorin

Polizei

Die absolute Mehrheit der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt hat, wohnt in Bozen, nur ein kleiner Anteil ist anderswo ansässig. Die Hälfte der Frauen hat ein Alter zwischen 30 und 45 Jahren, ein Drittel ist jünger als 30 Jahre und ein Fünftel älter als 46. Mehr als die Hälfte der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind italienischer Staatsbügerschaft, 21% stammen aus Osteuropa, 10% aus Afrika. Der Anteil an ausländischen Frauen unter den Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, ist größer als der Anteil an ausländischen Frauen, die Anfang 2011 in der Stadt Bozen ansässig waren (13% nach ISTAT-Daten)3. Frauen, die in einer Paarbeziehung leben (Ehemann oder Lebensgefährte), machen 55% der Opfer aus. Es folgen alleinstehende Frauen (27%) und Witwen oder geschiedene Frauen.

3

Istat, Geo Demo, Popolazione straniera residente al 1° gennaio 2011 per età e sesso,


Grafik 2 :Soziodemografische Merkmale der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Familienstand, Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter getrennt oder verwitwet verheiratet oder zusammenlebend ledig Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Die soziodemografische Struktur der Gewaltopfer auf lokaler Ebene weicht von jener, die aus den ISTAT-Daten über die Arbeitskräfte hervorgeht, ab. Beruf und Studientitel der Frauen mit mehr als 15 Jahren, die Anfang 2012 die in der Provinz Bozen wohnten und sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind relativ hoch. Dies hängt sowohl vom beträchtlichen Anteil an Frauen mit höheren Studientiteln als auch vom geringen Anteil an Frauen ohne Studientitel ab. Beim Vergleich


mit den italienweiten Daten muss jedoch berücksichtigt werden, dass die ISTAT-Bevölkerung altersmäßig umfassender ist und Ausbildungsunterschiede somit wahrscheinlicher sind.

Tabelle 2: Bevölkerung, Frauen über 15 Jahre, Daten getrennt nach Studientiteln – Südtirol und Italien, 2012 Autonome Provinz Bozen

Italien

Grundschulabschluss, kein Studientitel

20,5

25,8

Mittelschulabschluss

32,5

28,3

Berufsschulzeugnis 2-3 Jahre (berufliche Qualifikation)

15,3

5,7

Oberschulzeugnis 4-5 Jahre (Abitur/Staatsprüfung)

21,5

27,8

Hochschulabschluss und Doktorat

10,2

12,4

Summe

100,0

100,0

Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012


Grafik 3: Erwerbsstatus der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Angestellte arbeitslos Hausfrau Rentnerin Schülerin oder Studentin Freiberuflerin

Mehr als die Hälfte der Dienstnutzerinnen (53%) ist berufstätig. Es handelt sich dabei vorwiegend um Angestellte, nur ein kleiner Anteil ist freiberuflich tätig. 7% sind Rentnerinnen und die restlichen 40% sind wirtschaftlich unselbständig, entweder weil arbeitslos (29%) oder weil Hausfrau (7,8%) oder Studentin (3,9%). Vergleicht man diese Daten mit den ISTAT-Erhebungen 2012 und den Daten der Gemeinde Bozen aus dem Jahr 2011, so ist die Beschäftigungsrate der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste wenden (52,7%), niedriger als jene der Autonomen Provinz (64,8% ) und der Gemeinde (65,5%), während die Arbeitslosenquote (28,7%) sehr viel höher ist (Provinz 4,8%, Gemeinde 3,5%). Tabelle 3: Wirtschaftsindikatoren Autonome Provinz Bozen, Verteilung auf Nationalebene Frauenarbeits- FrauenQuote der losigkeitsquote beschäftinichterwerbstätigen gungsquote Frauen 4,8 64,8 18,2

Autonome Provinz Bozen 8,6 Nord 11,0 Zentrum 19,3 Süd 11,9 Italien Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012

57,0 52,3 31,6 47,1

37,7 41,2 60,7 46,5

Was die berufstätigen Frauen betrifft, so haben mehr als die Hälfte unbefristete Arbeitsverträge, während ca. 40% prekäre Arbeitsstellen besetzen. Dementsprechend verfügen nur 44% der Frauen über Einnahmen, die für sich selbst und die eigenen Kinder ausreichen. Es sei unterstrichen, dass


7% bis 8% der Frauen, die von den Netzwerkdiensten unterstützt werden (d.h. 11 Frauen), erklärt haben, sich nicht frei bewegen zu dürfen und eine oder mehrere Landessprachen nicht zu beherrschen. In Bezug auf die Familienlage erklären die meisten Frauen, die sich an die Dienste wenden, mit Kindern und Partner zusammenzuleben. Ein signifikanter Anteil lebt in Wohngemeinschaften oder geschützten Wohneinrichtungen (inkl. Kinder). Nur ein kleiner Prozentsatz lebt allein oder mit den Eltern, mit Verwandten oder mit FreundInnen. Fast die Hälfte (48,8%) der nicht allein lebenden Frauen hat angegeben, dass sie mit der Person zusammenleben, die Gewalt gegen sie ausübt.

Grafik 4 : Wohnsituation der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - Multiple Choice-Antworten, Prozentsätze

mit Kindern mit dem Partner in Wohngemeinschaft allein mit den Eltern mit anderen Verwandten mit FreundInnen mit den Schwiegereltern

Art der Gewalt In der übergroßen Mehrheit der Fälle (82%) erfolgt die Gewaltausübung im Rahmen der Familie. Gelegenheitsangriffe, Mobbing auf dem Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung sind hingegen seltener (Grafik 5). Grafik 5: Art der Gewalt, die die Dienstnutzerinnen der Netzwerkdienste erlitten haben Prozentsätze


erlittene Gewalt sexuelle Ausbeutung und/oder Ausbeutung als Arbeitskraft Mobbing (auf dem Arbeitsplatz) Gelegenheitsangriffe Häusliche Gewalt

Was die Großkategorie der häuslichen Gewalt anbelangt, so betrifft diese in erster Linie italienische Frauen, gefolgt von Frauen aus Osteuropa, während Frauen aus anderen Ländern weniger davon betroffen sind. Weitere Risikofaktoren, die die Bozner Frauen für häusliche Gewalt anfällig machen, sind folgende: feste Partnerschaft (Ehe), Alter zwischen 30 und 45 Jahren, hoher Studientitel, arbeitslos, Rentnerin. Italienische Frauen sind auch in Bezug auf Mobbing besonders anfällig (insbesondere, wenn es sich um Angestellte handelt), während afrikanische und osteuropäische Frauen stärker sexuell und beruflich ausgebeutet werden. Gelegenheitsangriffe scheinen hingegen nicht von der geografischen Herkunft der Opfer abzuhängen, sondern von ihrem Alter und dem Familienstand (unverheiratet).

Modalitäten der Gewaltausübung Wie aus Untersuchungen und Studien bereits bekannt, summieren und überschneiden sich laut Angaben der Dienstnutzerinnen verschiedene Gewaltmodalitäten, die eine Art Kontinuum bilden. Geht man von den Daten der ausgefüllten Fragebögen aus, so ist die meistverbreitete Form der Gewalt die psychologische Gewalt, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit weitem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking sind weniger signifikant, sexuelle Belästigung ist selten. Diese Rangordnung entspricht sowohl den Ergebnissen der Bozner Erhebung


als auch den Bezugsdaten (Tabelle 4) des nationalen Vereinsnetzes DiRe4 (DiRe, 2012), das die Zahlen, die die Tätigkeit der Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt im Jahr 2011 betreffen, gesammelt hat und somit eine passende Vergleichsbasis liefert. Wie gesagt überschneiden sich die Ergebnisse der beiden Erhebungen. Aus dem DiRe-Bericht geht zudem hervor, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben von Gewaltopfern ein Kontinuum bilden und ständig interagieren. Bei gleichzeitiger Ausübung verschiedener Gewaltmodalitäten steigt natürlich auch die Gefährlichkeit der Situation. Tabelle 4 : Von den Fachkräften gemeldete Art der Gewaltausübung – Multiple-Choice-Antworten, Prozentsätze

Art der Gewalt

körperliche Gewalt

% der Antworten

% der Fälle

absolute Werte (Anzahl der Antworten)

Daten Dire 2011 (% der Fälle)

27,0

67,6

114

47,0

8,5

21,4

36

14,2

psychologische Gewalt

37,1

80,7

157

54,4

ökonomische Gewalt

14,4

37,9

61

24,0

Stalking

9,9

16,6

42

9,3

Belästigung

3,1

7,6

13

-

Antworten insgesamt (Multiple Choice)

100

231,8

423

148,3

sexuelle Gewalt

Orte der Gewalt Das eigene Zuhause ist der Ort, der für Frauen am gefährlichsten ist. Dies gilt für alle Gewaltformen (weniger für sexuelle Belästigungen und Stalking). Die häusliche Gewalt hat zudem einen besonders hohen Intensitätgrad (man denke z.B. daran, dass die ökonomische Gewalt zu 84%, d.h. fast zur Gänze, zu Hause und in der Familie ausgeübt wird). Daheim entfalten sich aber auch alle anderen Gewaltformen mit besonderer Häufigkeit. Das Netzwerkpersonal hat angegeben, dass die meisten Fälle von körperlicher, psychologischer und sexueller Gewalt zu Hause stattfinden; auch Stalking und Verfolgung werden in einem Fall von drei im häuslichen Kontext ausgeübt. (Grafik 6). Öffentlichen Orte (Straßen, Parkplätze, Parks und Gastbetriebe) sind für Frauen auch nicht ungefährlich, insbesondere in Bezug auf Stalking und sexuelle, psychologische und ökonomische Gewalt. Auf dem Arbeitsplatz steht hingegen gerade das Stalking ganz oben auf der Liste, gefolgt von sexueller, ökonomischer und psychologischer Gewalt. In den Freizeiträumen der Schulen werden immer öfter Stalkingfälle verzeichnet.

1 D.i.Re.,Donne in Rete contro la violenza, Rilevazione dati 2011, 2012


Grafik 6 : Orte der Gewaltausübung aufgeteilt nach Art der Gewalt - Prozentsätze

Stalking Sexuelle Gewalt Psychologische Gewalt Körperliche Gewalt Ökonomische Gewalt Andere Orte

Schule + Freizeitstätten

Öffentliche Orte + Gastbetriebe

Arbeitsplatz

Zuhause


Grafik 7 : Zeitraum der Gewaltausübung, Daten aufgeschlüsselt nach Art der Gewalt

aktuell

Ökonomische Gewalt

in der Vergangenheit

Körperliche Gewalt

sowohl in der Vergangenheit als auch aktuell

Psychologische Gewalt

Stalking

Sexuelle Gewalt

Gewalterfahrungen stellen ein Kontinuum im Leben der meisten Frauen dar, sie sind ein Element, das Vergangenheit und Gegenwart kennzeichnet, eine konkrete Tatsache, mit der sie täglich zu tun haben. Die Gegenwart wird insbesondere bei Stalkingfällen als besonders bedrohlich empfunden, während bei sexueller, körperlicher, psychologischer und ökonomischer Gewalt die Vergangenheit eine besonders schwere Bürde darstellt (Grafik 7). Jede Art von Gewalt scheint zudem ihr eigenes Timing zu haben. Sexuelle Belästigungen sind im Normalfall einmalig, während beim Stalking und der Verfolgung die Standarddauer – wie auch bei der psychologischen Gewalt – zwei bis vier Jahre beträgt. Sexuelle Gewalt hält meist bis zu 10 Jahren an, ökonomische Gewalt sogar noch mehr. Die Mehrheit der Frauen (65%), die von den Dienststellen unterstützt wird, stellt keinen Bezug zwischen der erlittenen Gewalt und spezifischen Ereignissen oder Lebensaspekten her. Der Rest der Dienstnutzerinnen gibt an, dass die Gewalt in einer besonderen oder besonders heiklen Phase begonnen hat: In einem Drittel der Bozner Fälle war die Schwangerschaft oder die Geburt eines Kindes der auslösende Faktor für den Gewaltausbruch, der meist durch verfolgerisches Verhalten und Belästigungen gekennzeichnet ist. Dieses Schema entspricht den internationalen Erkenntnissen5. Aus der Literatur geht hervor, dass die Geburt eines Kindes bei manchen Partnern 5 Brewer J. E., Paulsen D.J. (1999), “A comparison of US and Canadian findings on uxoricide risk for women with children sired by previous partners”, Homicide Studies, 3, 317-332.
Campbell J.C. (2001), “Abuse during pregnancy: A quintessential threat to maternal and child health – so when do we start to act?”, Canadian Medical Association Journal, 164, 1578 - 1579


negative Gefühle wie Eifersucht und Wut erweckt oder den Eindruck erzeugt, einem Zwang ausgesetzt zu sein (insbesondere bei ungeplanten Schwangerschaften). Diese Emotionen sind oft sehr stark und können zu Gewalttaten gegen Mutter und Kind führen. In Italien erleiden nach ISTAT-Daten mehr als 11% der schwangeren Frauen Gewalt durch den Partner. Ganz generell beginnt bei Gewaltopfern der Leidensweg in 13,6% der Fälle gerade während der Schwangerschaft; in 52,5% der Fälle gab es bereits zuvor Gewalt und sie bleibt mit gleicher Intensität auch während der Schwangerschaft bestehen; in 17,2% der Fälle nimmt die Gewalt während der Schwangerschaft zu und nur in 15,9% der Fälle nimmt sie ab. Die Bozner Daten bestätigen diesen Trend und unterstreichen die Gefahren für Mutter und Kind, die daraus entstehen können. Häusliche Gewalt während der Schwangerschaft kann zu ungewollten Schwangerschaftsunterbrechungen, vorzeitigen Geburten und Untergewicht bei der Geburt führen. Die Opfer von häuslicher Gewalt neigen außerdem dazu, gefährliche Gewohnheiten anzunehmen (Rauchen, Alkohol- und Drogenmissbrauch). Körperliche Misshandlungen sind oft auch mit Problemen im Bereich des Fortpflanzungssystems, mit Harnwegentzündungen, Depression und anderen mentalen Krankheiten assoziiert. Gewalt während der Schwangerschaft ist schließlich auch gepaart mit hohen Raten an unerwünschten Schwangerschaften, Schwangerschaften im Jugendalter und Abtreibungen. Grafik 8: Hat die Gewaltausübung zu einem besonderen Zeitpunkt im Leben der Frau stattgefunden bzw. begonnen?

Menschenhandel zwecks Ausbeutung Beginn der Arbeitstätigkeite/ Ende Trennung Eheschließung Schwangerschaft/Geburt der Kinder Schwierigkeiten mit dem Partner

Zu den Ereignissen, die zu einem auslösenden Faktor für die Gewaltausübung in einer Beziehung werden können, gehören auch die Eheschließung, die Zusammenführung von Familien (bei Migrantinnen), Trennung und Scheidung sowie Schwierigkeiten mit dem Partner. Es handelt sich Campbell J.C., Webster D., Koziol McLain J., Block C., Campbell D., Curry M. A., Gary F., Glass N., McFarlane J., Sachs C., Sharps P., Ulrich Y., Wilt S.A., Manganello J., Xu X., Schollenberger J., Frye V., Laughton K., (2003), “Risk factors for femicide in abusive relationships: Results from a multisite case control study”, American Journal of Public Health, 93, 1089-97.


um Anlässe, die sich im Beziehungsleben abspielen und starke Gefühle hervorrufen. Die Schwierigkeit, die eigenen Gefühle unter Kontrolle zu halten, spielt eine ausschlaggebende Rolle beim Entstehen von Gewalt innerhalb einer intimen Beziehung, auch wenn die Kontexte sehr unterschiedlich sind. Bei Trennungen ist Stalking die häufigste Gewaltform, während bei Ehen ökonomische und körperliche Gewalt vorwiegen. Ein Fünftel der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, gibt an, dass die Gewalt mit der sozialen und beruflichen Sphäre verbunden ist (Arbeitstätigkeit, Arbeitswechsel, Migration) und sich vornehmlich in Form von ökonomischer Gewalt und Verfolgung ausdrückt. Ein geringerer aber dennoch bedeutsamer Anteil der Frauen ist Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung. Die für diese Verbrechen typische Gewaltform ist die Vergewaltigung (Grafik 8). In Bozen wurden außerdem auch ein Fall von Genitalverstümmelung und ein Fall von Zwangsheirat verzeichnet.

Wer übt Gewalt gegen Frauen aus? Täter sind insbesondere Ehemänner, Verlobte und Partner (53%) sowie ehemalige Partner (13.6%). Erstere üben vorwiegend ökonomische, psychologische und körperliche Gewalt aus, während ehemalige Partner eine “Vorliebe” für Stalking, Verfolgungsakte und körperliche Misshandlungen haben. Die Daten, die die von ehemaligen Partnern ausgeübte Gewalt betreffen, zeigen, dass die Trennungsphase ein besonders komplexer Übergang ist, bei dem eine eingehende und kompetente Überprüfung einer eventuellen Rückfallgefahr von wesentlicher Bedeutung ist. In 16% der Fälle sind die Täter Familienmitglieder (Eltern und Verwandte), in 11% der Fälle handelt es sich um Freunde und Bekannte. Die Fälle, in denen der Täter eine unbekannte Person ist, sind selten und finden meist im Zusammenhang mit Menschenhandel und mit Zuhälterei statt. Die Daten des Dire-Netzes6 (DiRe, 2011) ermöglichen einen Vergleich zwischen der Bozner Realität und jener auf Nationalebene: Der Fokus liegt in beiden Fällen bei den Intimbeziehungen, da der Partner sowohl in Bozen als in ganz Italien als Hauptverantwortlicher der Gewalttaten hervorgeht. Der von DiRe erhobene Prozentsatz ist jedoch mit 64% bedeutsam höher als jener von Bozen. Dasselbe gilt, in geringerem Ausmaß, für die Daten in Bezug auf die ehemaligen Partner (20% auf Nationalebene). In Bozen ist hingegen die Gewalt gegen Frauen, die von Familienmitgliedern (Eltern und Verwandte) herrührt, häufiger als im Rest Italien (16,2% gegen 8%). Eine ähnliche Abweichung gibt es auch im Falle der von Freunden und Bekannten ausgeübten Gewalt (11% gegen 6%) sowie jener, die von unbekannten Personen ausgeübt wird (3,9% gegen 2%). Grafik 9 : Beziehung zum Gewalttäter - Prozentsätze 6

In diesem Fall beziehen wir uns auf die DIRE-Erhebung 2010, in der die Daten besser aufgeschlüsselt und deswegen

auch besser vergleichbar sind (DiRe, “DATI STATISTICI ANNO 2010: 3° RILEVAZIONE NAZIONALE”).


Zuhälter/Zuhälterin Unbekannte/r Elternteil/Verwandte/r Ehem. Ehemann (ehem. Freund/ehem. Partner) Freund/Bekannter/Arbeitskollege

Profil der gewaltausübenden Personen Zirka die Hälfte der Täter ist zwischen 30 und 45 Jahre alt (51%) und somit ungefähr gleich alt wie die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt sind. Mehr als ein Drittel ist über 46 Jahre alt und nur eine Minderheit ist jünger als dreißig: Dieses Verhältnis ist bei Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wurde, umgekehrt (es wiegen jüngere Frauen vor). Die Täter sind vornehmlich - und in stärkerem Ausmaß als ihre Opfer - italienischer Nationalität (66%), während die Täter aus Osteuropa oder Afrika einen geringeren Prozentsatz als die Gewaltopfer aus diesen Weltteilen ausmachen. Diese Daten belegen, dass italienische Männer häufiger sowohl gegen Italienerinnen als auch gegen Ausländerinnen und jüngere Frauen gewalttätig sind. Die Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wird, haben einen signifikant höheren Ausbildungsgrad als die gewaltausübenden Männer: Der Anteil an Frauen mit akademischem Abschluss ist fast doppelt so große wie jener der Männer; auch der Besitz eines Reifediploms ist bei Frauen häufiger, während Berufsschuldiplome und Mittelschuldiplome bei den Tätern stärker vertreten sind als bei den Opfern. Dieser Umstand müsste näher untersucht werden, um zu verstehen, ob diese kulturelle Differenz einen Zusammenhang mit der ausgeübten Gewalt hat, auch wenn auf Nationalebene keine Verknüpfung dieser Art festgestellt wurde (Istat, 2007). Unter dem Gesichtspunkt der Beziehungen zwischen Gewalttäter (Männer) und Gewaltopfer (Frauen) zeigen die erhobenen Daten, dass für verheiratete Frauen das größte Risiko von ihren Ehemännern ausgeht, während es bei unverheirateten Frauen der ehemalige Partner, ein Freund, ein Bekannter oder ein Kollege sind. Junge, unverheiratete Frauen sind oft Opfer von Eltern und Verwandten. Frauen, die mit ihren Partnern (Ehemann oder Lebenspartner) und/oder ihren Kindern zusammenleben, sind bzw. waren vornehmlich Opfer ihres Partners. Dies gilt auch für die Mehrheit


der Frauen, die derzeit in Frauenhäusern oder in Gemeinschaften leben. Alleinlebende Frauen sind meist Opfer ehemaliger Partner oder von Freunden und Bekannten. In Wohngemeinschaften leben auch auch Frauen, die Opfer von Verwandten oder von Menschhandel waren. In den meisten Fällen handelt es sich bei den Tätern um “normale” Männer, die keine spezifischen Probleme haben, welche ein gewalttätiges Verhalten “hervorrufen” oder verstärken können (wie z.B. Alkohol- oder Drogenmissbrauch, wirtschaftliche oder psychiatrische Probleme usw.). Im Rest der Fälle sind Probleme verschiedener Art vorhanden, es wiegen jedoch Alkoholabhängigkeit und soziale Probleme vor (16% bis 17%), während Drogenmissbrauch und psychiatrische Probleme seltener sind (Tabelle 5). Zum Vergleich sei auf die Istat-Daten 2006 hingewiesen, die bezüglich der gewaltausübenden Männer, die unter der Wirkung von Alkohol oder Drogen stehen, einen etwas geringeren Prozentsatz angeben (13,3%).

Grafik 10: Soziodemografische Merkmale der Gewalttäter und der Gewaltopfer - Prozentsätze

Gewaltopfer


Gewalttäter Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufsschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Tabelle 5: Eventuelle Probleme der gewalttätigen Person (Multiple Choice), Prozentsätze Person ohne offensichtliche Abhängigkeitsprobleme und/oder soziale bzw. psychische Probleme Alkoholiker/Alkoholikerin Drogensüchtige/r Person mit psychiatrischer Störung

46,5% 17,4% 4,9% 1,4%

Person mit sozialen Problemen

16,7%

Keine Erkenntnisse

13,2%

Anwesenheit von Kindern In 60% der Fälle leben mit den Gewaltopfern auch Kinder zusammen; es handelt sich dabei fast immer um Töchter und Söhne der Opfer, nur selten besteht eine andere Art von Verwandtschaft. In der Mehrheit der Fälle erleben die Kinder die Gewalt direkt oder indirekt mit. Fast die Hälfte (44%) erlebt Gewalttaten direkt mit, ein Viertel ist während der Vorfälle nicht direkt anwesend, weiß aber, dass Gewalt ausgeübt wird (24%). Beträchtlich ist auch der Anteil an Kindern, die direkte Gewalt erleiden, während der Prozentsatz an Kindern, die weder direkt noch indirekt der Gewalt beiwohnen oder Opfer davon sind, sehr geringfügig ist. Die Art der miterlebten oder erlittenen Gewalt stimmt fast immer mit der der Mutter zusammen. Aus den erhobenen Daten geht eine starke direkte Einbindung der Minderjährigen in die Gewalt und eine sowohl körperliche als auch psychologische Gefährdung hervor. Das Verhaltensmuster der Täter ist typischerweise stets dasselbe. Laut der zitierten ISTAT-Studie gaben 62,4% der Frauen, die Opfer von Männergewalt sind, an, dass ihre Kinder einem oder mehreren Gewaltszenen beigewohnt haben (davon 19,6% nur in seltenen Fällen, 20,2% manchmal und 22,6% oft). Tabelle 6: von Minderjährigen erlittene Gewalt (Multiple Choice), Prozentsätze


Körperliche Gewalt in direkter Form

11,4%

Psychologische Gewalt in direkter Form

15,2%

Ökonomische Gewalt in direkter Form

3,0%

Miterlebte Gewalt in direkter Form

43,9%

Miterlebte Gewalt in indirekter Form

23,5%

Nein

3,0%

Die Dienststellen und das Netzwerk Der Fragebogen sah eine offene Frage in Bezug auf die Kenntnis der Dienste vor, die vom Netzwerk angeboten werden. Die Art und Weise, wie Dienstnutzerinnen von den Diensten erfahren, ist eine extrem wichtige Information: Sie gibt Aufschluss darüber, inwieweit das Wissen über die bestehenden Dienste gegen Gewalt an Frauen unter hilfsbedürftigen Opfern verbreitet ist. In 50% der Fälle haben die Frauen von den Netzwerkdiensten durch das Netzwerk selbst erfahren. Dies ist ein gutes Ergebnis, das auf eine gelungene synergetische Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Knoten des Netzwerks hinweist. In der ersten Phase der Kontaktaufnahme bleibt jedoch die Rolle der FreundInnen und der Familie ausschlaggebend: Freundinnen und Bekannte sind oft die ersten AnsprechpartnerInnen der hilfesuchenden Gewaltopfer und raten ihnen, sich an Dienststellen des Netzwerks zu wenden. Was das Netzwerk selbst betrifft, sind die Sozialdienste – durch die SozialassistentInnen – die Knotenpunkte, die die Fälle zuerst filtrieren und den betroffenen Frauen weiterhelfen, gefolgt von den Sicherheitskräften und den Fachdiensten (Beratungsstellen, Frauenhäuser, Kontaktstellen gegen Gewalt). Weniger aktiv sind diesbezüglich die Fachleute der Gesundheitsdienste (FamilienärztInnen, PsychologInnen, Krankenhäuser). Bedeutsam ist hingegen der Zugriff auf die grünen Telefonnummern und auf Internet, die ein relativ neues Instrument sind, aber dennoch ziemlich bekannt und zuverlässig zu sein scheinen.


Grafik 11 :Wie hat die Frau von der Dienststelle erfahren? (Prozentsätze)

durch eine Freundin, eine Bekannte Sozialdienste, Sozialassistentin Polizei, Ordnungskräfte, Polizeidirektion (Quästur) Familienhaus, Familienberatungsstelle, Gea, Dienststellen Grüne Nummer, Zufall, Internet Verwandte Familienarzt/Familienärztin, Psychologe/Psychologin, Krankenhaus Rechtsanwalt/Rechtsanwältin bereits bekannt keine Angabe

Die erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, weshalb sich Frauen an die verschiedenen Dienste wenden (77%). Es ist extrem wichtig, dass bei den Gesprächen mit dem Personal der Dienste auch die versteckte und verneinte Gewalt belichtet und anerkannt werden. Dies kann entweder durch direkte Fragen erwirkt werden oder als Nebeninformation oder indirekte Auskunft in die Erzählung der betroffenen Frau einfließen. Es handelt sich um ein wichtiges Ergebnis, das von der fachlichen Vorbereitung des Personals der Anlaufstellen zeugt, die so zeigen, dass sie imstande sind, die erlebte Gewalt auch in solchen Fällen zu erkennen und sie aufzudecken. Grafik 12: Wenn das Thema Gewalt von der Frau nicht als Hauptgrund genannt wurde, wer hat dieses Thema zur Sprache gebracht? (Prozentsätze)


Die Frau selbst, als sekundäres Problem Die Frau selbst, jedoch indirekt im Rahmen anderweitiger Erzählungen Die Fachperson durch direktes Fragen

Eine grundsätzliche Bestätigung der Rangordnung der Anlaufstellen für die hilfesuchenden Frauen geht auch aus den Antworten auf die Frage hervor, ob sich die betroffene Frau mit der Bitte um Hilfe auch “an andere” gewandt hat. In diesem Fall waren – anders als bei der vorhergehenden Frage - mehrere Antworten möglich: Die Antworten zeigen, dass die Sicherheitskräfte, die Sozialdienste und die Kontaktstellen gegen Gewalt sowie die FreundInnen der erste Anlaufpunkt sind und den ersten Schritt auf dem Weg aus den Gewalt heraus darstellen (Grafik 13). Es folgen die Familie und andere Dienststellen. Bei 24% der Antworten steht, dass sich die betroffene Frau zuvor an niemand anderen gewandt hat und somit direkt den Dienst als erste Anlaufstelle gewählt hat. Grafik 13: Hat sich die Frau bereits an andere Personen/Anlaufstellen gewandt? (Multiple Choice), Prozentsätze


Ordnungskräfte Nein Freunde/Freundinnen Sozialdienste Frauenhaus/geschützte Wohnungen Verwandte Rechtsanwalt/Rechtsanwältin Eltern Familienberatungsstelle Krankenhaus Psychologischer Dienst Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin) NachbarInnen

Wie gut das Netzwerk funktioniert kann zum Teil anhand der Antworten auf die Frage bezüglich der Interaktion mit anderen Diensten bewertet werden, d.h. ob die Fachperson, die den Fragebogen beantwortet, die betreffende Dienstnutzerin an andere Dienststellen “weitergeleitet” hat. Leider hat fast die Hälfte davon (44%) auf diese Frage nicht geantwortet, was zu einer geringen Gesamtsignifikanz der entsprechenden Daten führt. Die Mehrheit (72%) von jenen, die die Frage beantwortet haben, hat keine Frau an andere Dienste weitergeleitet. Vorwiegendes Ziel der weitergeleiteten Frauen waren die Kontaktstelle gegen Gewalt, die geschützten Wohnungen und das Frauenhaus. Die Situation der von den Netzwerkdiensten Ende 2012 betreuten Frauen ist in der Abbildung 14 beschrieben: Sieht man von den Frauen (13%, d.h. 17 Frauen) ab, die von keiner Dienststelle betreut werden, so wird die absolute Mehrheit der Gewaltopfer von Kontaktstellen und Frauenhäusern unterstützt oder lebt in geschützten Wohnungen, während der Rest von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen betreut wird.

Grafik 14: Wer betraut die Frau mit Blick auf die Gewaltsituation?(Multiple Choice), Prozentsätze


Frauenhaus/geschützte Wohnungen Niemand Sozialdienste Familienberatungsstelle PsychiaterIn/NeuropsychiaterIn Psychologischer Dienst Sozialpädagogische Einrichtung Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin)

Anzeigen bei Gericht Zirka ein Drittel der vom Bozner Netzwerk betreuten Frauen hat eine strafrechtliche Anzeige erstattet oder (im Falle von Minderjährigen) das Jugendgericht benachrichtigt. Es handelt sich um einen sehr hohen Prozentsatz, insbesondere im Vergleich zum italienischen Durchschnittswert, der aus den ISTAT-Erhebungen 2006 hervorgeht (7,3% der Frauen, die Opfer vom Männergewalt sind, erstatteten Anzeige wegen vom Partner ausgeübter körperlicher oder sexueller Gewalt). Die Netzwerkdaten sind besonders erfreulich, weil sie sich nicht nur von den italienweiten Zahlen, sondern auch vom Südtiroler Durchschnitt (13,7%) derselben ISTAT-Studie positiv abheben (es ei darauf hingewiesen, dass Südtirol bereits damals die „beste“ unter den italienischen Regionen war). Da die Mehrzahl der gerichtlichen Verfahren noch läuft, ist es frühzeitig, Schlüsse über das Ergebnis der Anzeigen zu ziehen. Tabelle 7: Gerichtliche Schritte der Frauen, die von den Netzwerkdiensten betreut werden absolute Daten und Prozentsätze Ja

Nein

Sum me

Absolute Daten Strafanzeige/Strafantrag/Klage (Gerichtsbehörde) Anzeige (Staatsanwaltschaft bei Jugendgericht)

%

41

96

137

43

99

142

29, 9 30, 3

70, 1 69, 7


Tabelle 8 : Ergebnis der Gerichtsverfahren – Prozentsätze 1 – Rücknahme der Anzeige

18,6

2 – hängiges Verfahren

65,1

3 – Verurteilung der gewalttätigen Person / Strafzumessung auf Antrag der Parteien

7,0

4 – Freispruch

9,3

Summe

100,0

Schlussbemerkungen Aus dem vorliegenden Bericht können nur provisorische Schlussfolgerungen gezogen werden, da die verarbeiteten Daten bislang ein einziges Arbeitsjahr (das Startjahr!) umfassen. Trotzdem können wir uns davon ausgehend ein Bild vom Netzwerk, von den Dienstnutzerinnen, von den Bedürfnissen der Frauen und von der Art der jeweils erlittenen Gewalt machen. Die Anzahl der Fälle ist jedoch noch zu gering, um die Beziehungen zwischen Opfer und Täter, die Dynamik der verschiedenen Gewaltformen und die Reaktion der Dienststellen im Detail zu analysieren und daraus Indikatoren in Bezug auf die Wirksamkeit des Netzwerks oder das Auftreten der verschiedenen Gewaltformen auf dem Territorium oder auch nur in Bezug auf eventuelle Probleme der Netzwerkdienste zu erarbeiten. Um die mühsame und verdienstvolle Arbeit zu ehren, die das Personal bei der Datenerhebung geleistet hat, werden wir nachfolgend eine Übersicht der wichtigsten Elemente liefern, die aus der Datenanalyse hervorgehen. Wir fangen dabei von der Beschreibung der Frauen an, die sich an die Netzwerkstellen gewandt haben. Es handelt sich mehrheitlich um Frauen italienischer Nationalität zwischen 30 und 45 Jahren. Zirka ein Drittel ist jünger als 30, ein Fünftel über 46. Die Mehrheit der Frauen leben im Paar (verheiratet oder Wohngemeinschaft) und haben eine Arbeit oder eine Rente und verfügen somit über eine eigene Einnahmequelle (59,7%). Die meisten besitzen ein höheres Ausbildungsniveau als der Durchschnitt der in der Gemeinde und in der Provinz ansässigen Frauen. Es gibt aber auch einen Anteil der Opfer, die arbeitslos sind und sich in einer präkären ökonomischen Lage befinden. Zirka 55% der betreuten Frauen gibt an, Schwierigkeiten zu haben, den Unterhalt für sich selbst und die (eventuellen) Kinder zu zahlen. Dieser Umstand versetzt sie in eine Situation objektiver “Schwäche”, die vermehrt Männergewalt zur Folge haben kann. Es sei dabei darauf hingewiesen, dass ein (wenn auch kleiner) Anteil der Frauen eine der beiden Landessprachen nicht oder nur unzulänglich kennt und sich nicht frei bewegen kann/darf. Es handelt sich oft um ausländische Frauen (45,4%), die zum Großteil aus Osteuropa oder Afrika stammen. Hilfesuchende Frauen leben meist mit ihren Kindern und dem Partner zusammen. Es ist erschreckend zu wissen, dass die Hälfte von ihnen mit dem Mann zusammenlebt, der Gewalt gegen


sie ausübt. Ein signifikanter Teil der Frauen, die von den Netzwerkdiensten aufgenommen wird, lebt demgemäß in geschützten Einrichtungen und in Frauenhäusern. Wie überall wird auch in Bozen die Gewalt in der übergroßen Mehrzahl der Fälle (82%) innerhalb der Familie ausgeübt (häusliche Gewalt), während Gelegenheitsangriffe, Mobbing am Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung eher selten sind. Was die Art der erlittenen Gewalt anbelangt, so überschneiden sich meist verschiedene Modalitäten. Erstellt man eine Rangordnung anhand ihres relativen Gewichts, so steht psychologische Gewalt an erster Stelle, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit größerem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking haben eine geringere Inzidenz, sexuelle Belästigungen sind selten. Diese Daten bestätigen die Ergebnisse anderer Erhebungen und belegen den Umstand, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, ein Kontinuum darstellen, sich überschneiden und ständig interagieren. Das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Gewaltformen zeichnet stets besonders gefährliche Situationen aus. Das eigene Zuhause ist für Frauen der gefährlichste Ort, und dies gilt für alle Formen der Gewalt (mit der Ausnahme von Belästigungen und Stalking). Daheim ist auch die Intensität der Gewalt stärker als anderswo, angefangen von der ökonomischen Gewalt, die fast ausschließlich innerhalb der eigenen vier Wände und der eigenen Familie ausgeübt wird. Körperliche, psychologische und sexuelle Gewalt finden auch fast immer in der gemeinsamen Wohnung statt. Sogar Stalking und Verfolgung finden ein Drittel der Male zu Hause statt. Auch die öffentlichen Räume (Straßen, Parkplätze, Parks und Gaststätten) sind für Frauen gefährlich: Es finden dort Stalking sowie sexuelle und psychologische Gewalt statt. Die am Arbeitsplatz meistverbreitete Form der Gewalt ist das Stalking, gefolgt von der sexuellen, der ökonomischen und der psychologischen Gewalt. Schulen und Freizeiträume sind besonders oft Schauplatz von Stalking. Die Gewalt wird von den meisten Frauen als eine Art Kontinuum erlebt, als ein Element, das sich ohne Unterbechung von der Vergangenheit bis zur Gegenwart erstreckt und den konkreten, tagtäglichen Lebensablauf charakterisiert. Aus der Erhebung geht hervor, dass oft wichtige Ereignisse und Lebensetappen innerhalb des Paars oder der Familie - wie zum Beispiel Schwangerschaft, Ehe und Trennung - zum Ausbruch der Gewalt beitragen. Dies bestätigt zum wiederholten Male, dass die häusliche Sphäre und die Familie die Hauptbühne für Gewalttaten darstellen. Im Falle von ausländischen Frauen stellen zusätzlich dazu die Einwanderung selbst (mit der manchmal die sexuelle Ausbeutung beginnt) sowie die Zusammenführung mit anderen Familienmitgliedern besonders heikle Momente dar. Bei den Tätern handelt es sich zum Großteil (66%) um italienische Staatsbürger und es sind vergleichmäßig mehr als die italienischen Gewaltopfer, während bei Tätern aus Osteuropa und Afrika der Prozentsatz geringer ist als jener der Opfer mit gleicher Herkunft. Dieser Umstand weist darauf hin, dass die stereotypische Annahme, bei den Tätern handle es sich vorwiegend um Ausländer, irreführend ist. Männer italienischer Abstammung üben häufiger als Ausländer Gewalt sowohl gegen italienische als auch gegen ausländische und junge Frauen aus.


Das bisher skizzierte Bild zeigt eindeutig, dass die Spuren der Gewalt gegen Frauen immer zur Familie führen: Hauptübeltäter sind die gegenwärtigen oder ehemaligen Ehemänner, Verlobten und Partner. Erstere greifen öfter zur ökonomischen, psychologischen und körperlichen Gewalt, während ehemalige Partner dazu neigen, Frauen durch Stalking, Verfolgung und körperliche Misshandlung zu verletzen. Wie bereits gesagt, ist die Trennungsphase der Moment im Leben einer Frau, der unter dem Sicherheitsprofil zu den schwierigsten und gefährlichsten zählt. Nicht nur Partner und ex-Partner, sondern auch Eltern, Verwandte und Freunde üben Gewalt gegen Frauen aus, während nur sehr selten unbekannte Männer zu Tätern werden (meist in Fällen von sexueller Ausbeutung und Menschenhandel sowie Zuhälterei). Erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, der Frauen dazu bewegt, sich an die Dienststellen zu wenden. Es ist jedoch wichtig, dass auch versteckte oder getarnte Gewaltfälle zur Sprache kommen. Dies kann erfolgen, wenn das Fachpersonal die Lage erkennt und direkte Fragen an die betreffende Frau stellt, oder wenn die betreffende Frau das Thema indirekt oder als “Nebensache” aufwirft. Die Aufdeckung der versteckten Gewaltfälle ist besonders wichtig und es ist von wesentlicher Bedeutung, über spezialisiertes Kontaktpersonal zu verfügen, das imstande ist, implizite Gewalt im Erlebten zu erkennen und zur Sprache zu bringen. Im Einklang mit dem bisherigen Bild ist die Tatsache, dass die absolute Mehrheit der Frauen, die Kontakt zu den Netzwerkdienststellen aufgenommen haben, von den Kontaktstellen gegen Gewalt und den Frauenhäusern betreut werden bzw. in geschützten Wohnungen leben, während ein kleinerer Anteil von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen unterstützt werden. Das Wissen um die Unterstützungsmöglichkeiten, die das Netzwerk gegen die Gewalt an Frauen anbietet, stellt ein strategisches Element im Rahmen der politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Gewalt und zur Unterstützung der hilfesuchenden Frauen dar. Die Ergebnisse der Beobachtungsstelle zeigen, dass die Netzwerksynergie diesbezüglich sehr groß ist: 50% der Frauen haben die Netzwerkdienste durch das Netzwerk selbst kennengelernt. In der ersten Kontaktphase spielen zudem FreundInnen und Familienmitglieder eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, sich an die vorhandenen Dienststellen zu wenden. Freundinnen und Bekannte sind und bleiben in den meisten Fällen die ersten Ansprechpartnerinnen hilfesuchender Frauen. Was die Netzwerkdienste anbelangt, so stellen meist die Sozialdienste den ersten Anlaufpunkt dar, der den Frauen Informationen liefert und sie an andere Stellen weiterleitet. Gleich nach den Sozialdiensten befinden sich in dieser Rangordnung die Sicherheitskräfte und die Fachdienste (Beratungsstellen, geschützte Wohnungen, Kontaktstellen gegen Gewalt). Zusätzlich zur Soforthilfe durch die geschützten Wohnstrukturen für gefährdete Frauen und Kinder liefern die Netzwerkdienste den Frauen Unterstützung auf ihrem Weg aus der Gewalt, das eines der wesentlichen Ziele der entsprechenden Maßnahmen darstellt. Zu den möglichen Maßnahmen, die diesen Weg erleichtern, gehört auch der Zugriff auf gesetzlich vorgesehene Instrumente wie Anträge auf Wegweiseanordnungen oder Annäherungsverbote, straf- und zivilrechtliche Klagen oder Meldungen beim Jugendgericht. Bereits in der ISTAT-Erhebung aus dem Jahr 2006 stach die Stadt Bozen im Vergleich zu den anderen italienischen Städten wegen der hohen Anzahl an Anzeigen hervor. Die vorliegende Datenerhebung bestätigt diesen Trend: 30% der von den Netzwerkdiensten betreuten Frauen hat den Täter bei den Behörden angezeigt, ein gleich hoher Prozentsatz hat beim Jugendamt Fälle von Gewalt gegen Minderjährigen gemeldet. Es handelt sich


um ein hervorragendes Ergebnis, das nach Ende der noch laufenden Verfahren auch hinsichtlich der gerichtlichen Ergebnisse 端berpr端ft werden muss.


Das Bozner Netzwerk der Dienste für Frauen in Gewaltsituationen – Erstes Tätigkeitsjahr1 von Maura Misiti, statistische Datenbearbeitung von Marcella Prosperi* Einführung Die Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das weltweit eine zunehmende Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Vereine, Bewegungen, internationale Behörden und nicht zuletzt die internationale Öffentlichkeit sind sich immer stärker bewusst, dass es sich um eine globales Problem handelt und üben dementsprechend Druck aus. Auch die Medien tragen dazu bei, die dramatische Eskalation von Gewalttaten gegen Frauen sichtbar zu machen und zu dokumentieren. Im neuesten Sonderbericht von Rachida Manjoo (UNO-Berichterstatterin) über die genderbasierten Tötungen, der im Juni 2012 veröffentlicht wurde (CHR, 2012), wird der Frauenmord als Extremausdruck der vielen, verschiedenen Formen von Gewalt, die gegen Frauen ausgeübt wird, definiert, als letzte, tödliche Folge eines tragischen Kontinuums. Im Bericht wird unterstrichen, dass dieses Phänomen alarmierende Ausmaße erreicht hat und die Gewalt gegen Frauen immer noch akzeptiert, toleriert und gerechtfertigt wird, weil sie kulturell und sozial stark verwurzelt ist. Der Bericht endet mit einer Reihe von Empfehlungen an die UNO-Mitgliedsstaaten, damit sie ihrer Pflicht, das Phänomen zu bekämpfen, sorgfältig nachkommen. Im Vorjahr (2011) hatte die Berichterstatterin bereits einen Spezialbericht über die Gewalt gegen Mädchen und Frauen erstellt, worin sie den komplexen Rahmenkontext beschreibt, in dem sich verschiedene Formen von Diskriminierung überschneiden, gegenseitig verstärken und so zu einer stetigen Zuspitzung des Phänomens der Gewalt gegen Frauen führen. Der Bericht endete mit der Empfehlung, einen ganzheitlichen Ansatz gegen die genderbasierte Gewalt anzuwenden, um gleichzeitig sowohl die strukturellen Elemente als auch die jeweiligen Diskriminierungsfaktoren zu berücksichtigen. Wenn das Thema der Gewalt gegen Frauen als übergreifendes Phänomen dargestellt wird, das die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte sowie sämtliche Zivilrechte betrifft, fällt es den Policy Makers leichter, die Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Diskriminierungsformen und die Vielfalt der tatsächlichen Gewaltformen zu begreifen. Dieser mehrdimensionale Ansatz erfordert den Einsatz von Personal- und Materialressourcen für die Bewertung und Überprüfung der Auswirkung der im Bereich Gewalt und Diskriminierung getroffenen Maßnahmen, verabschiedeten Gesetze und geleisteten Dienste, einschließlich der Unterstützung der Opfer und des Schadenersatzes. Zu den Aktionen, die die Berichterstatterin vorschlägt, gehören auch öffentliche Maßnahmen im Bereich der Erziehung, um stereotypische Wertvorstellungen und Vorurteile abzubauen, von denen sich die Gewalt gegen Frauen ernährt. In lokaler Hinsicht ist es hier wichtig, auf die Mission zu verweisen, die die Berichterstatterin 2011 in Italien durchführte. In ihrem Bericht über die italienische Situation unterstrich sie, dass die häusliche Gewalt das am meisten verbreitete Gewaltphänomen ist. Weniger als ein Fünftel der * IRPPS-CNR


Opfer erachtet die erlittene Gewalt als Straftat, ein Drittel betrachtet sie als „normal“, nur ein Viertel hält eine Vergewaltigung oder eine versuchte Vergewaltigung für strafbar. Die Verdeckung dieses Phänomens hat sowohl mit seiner geringen Sichtbarkeit als auch mit der Tatsache zu tun, dass die Frauen eher selten Anzeige erstatten, da sie meist wirtschaftlich von den Tätern abhängen und zudem der Ansicht sind, dass der Staat nur wenig oder gar nichts unternehmen wird. Die ununterbrochene häusliche Gewalt spiegelt sich in der steigenden Anzahl von Frauen wider, die vom (oft ehemaligen) Partner, Ehemann oder Lebensgefährten ermordet werden2. Um das Thema der Gewalt in Italien wirklich zu verstehen, müssten viele Fragen ausgehend von den großen Schwierigkeiten aufgeworfen werden, gegen die die Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt täglich kämpfen müssen. Da sie nur mangelnd finanziert werden, können sie den Frauen, die Opfer von Gewaltsituationen sind, immer seltener angemessenen Beistand anbieten. Dies hat negative Auswirkungen auf die Anerkennung der Gewaltsituationen selbst, auf die Unterstützung der Frauen und ihrer Kinder, auf die Eingliederung der wirtschaftlich Schwächeren in die Arbeitswelt. Zu den wichtigsten Bemerkungen der Berichterstatterin gehört mit Sicherheit die Vorhaltung, dass die Institutionen, die Regierung und die Zivilgesellschaft im Falle der Gewalt gegen Frauen noch viel zu wenig auf getrennte statistische Daten zurückgreifen. Die „jüngste“ offizielle Datenerhebung (ISTAT-Bericht “Gewalt gegen Frauen in und außerhalb der Familie”) stammt aus dem Jahr 2006 (!). Geschlechtsspezifische, aktualisierte Daten und Statistiken sind von äußerster Wichtigkeit, um angemessene Gesetze, Maßnahmen und Programme zu entwerfen und umzusetzen und sie auf ihre Wirksamkeit hin zu evaluieren. Der Datenaustausch zwischen allen beteiligten Stellen – d.h. auch den zuständigen Ministerien, den Sicherheitskräften, den Gerichtsbehördern und den Fachorganisationen – stellt dazu eine notwendige Voraussetzung dar. Auch die CM-Rec 2002(5) empfohl u.a. die Durchführung spezifischer Untersuchungen und die Einholung von speziellen Daten zur Bemessung des Phänomens sowie zur Kontrolle der Wirksamkeit der angewandten Maßnahmen. All dies wurde, wie gesagt, von der Berichterstatterin bestätigt und steht im erst kürzlich unterzeichneten Abkommen von Istanbul Schwarz auf Weiß geschrieben. Das Abkommen muss durch entsprechende Anpassungsmaßnahmen ratifiziert werden. Zum ersten Mal ist im Dokument zudem ausdrücklich von Zwangsheirat die Rede und es werden detaillierte Vorgaben in Bezug auf die vorgesehenen Untersuchungen und Datenerhebungen aufgelistet. Die Erfahrung der Bozner Beobachtungsstelle Vor diesem Hintergrund ist vor einem Jahr das Bozner Netzwerk der Dienste entstanden, die den Gewaltopfern Unterstützung anbieten. Nachfolgend werden die Ergebnisse der bisherigen Arbeit dieses Netzwerks vorgestellt, das Fachstellen wie das Zentrum gegen Gewalt, öffentliche Sicherheitsbehörden und Vereine, die auf spezifische Bedürfnisse eingehen, untereinander verbindet. Im Gründungsjahr 2012 befassten sich die Netzwerkdienste mit insgesamt 145 Gewaltfällen und verhalfen den betroffenen Personen, sich teilweise oder gänzlich von der jeweiligen Gewaltsituation zu befreien. Die Fragebögen wurden zwar aufmerksam ausgefüllt, doch bei einer solch begrenzten statistischen Anzahl kann der Ausfall von auch nur wenigen Daten bereits Probleme verursachen. Es kann 2

(CEDAW/C/ITA/Q/6/Add.1)


durchaus sein, dass es beim Ausfüllen der Bögen einfach objektive Schwierigkeiten gab, die erwünschte Information einzuholen: Es handelt sich dabei insbesondere um die Angaben über den Täter, Lücken gibt es aber auch in Bezug auf die Arbeitssituation der Frauen und über die Elemente, die den ersten Gewaltausbruch verursacht und zur eventuellen Anzeige geführt haben. Auch die Zusatzfragen, die die Interaktion zwischen den verschiedenen Netzwerkdiensten betreffen, wurden nur teilweise beantwortet: Es muss untersucht werden, wieso es diesbezüglich Schwierigkeiten gab. In anderen Fällen (Nichtangabe des Berufsprofils und des Geschlechts der Fachperson aus dem Netzwerk) könnte es sich lediglich um Flüchtigkeitsfehler handeln. Die nachfolgende Tabelle gibt Aufschluss über die Dienste, die an der Datenerhebung mittels Fragebögen teilgenommen haben, deren Daten in die Datenbank der Beobachtungsstelle einfließen. Für jeden Fall, der von einer Netzwerkdienststelle behandelt wird, wird ein entsprechendes Datenblatt ausgefüllt.

Tabelle 1: Die Netzwerkdienste, die an der Erhebung teilgenommen haben prozentuelle Daten Dienststelle, die den Erhebungsbogen ausgefüllt hat

Dienstnutzerinnen

- absolute und

Prozentsatz

Haus der geschützten Wohnungen

14

9,7

Kontaktstelle gegen Gewalt – Frauenhaus GEA

81

55,9

CSM

8

5,5

Polizeidirektion (Quästur) Bozen

4

2,8

BSB Sozialsprengel Europa Neustift

6

4,1

Verein LA STRADA/DER WEG Bereich Frau

5

3,4

Verein Volontarius – Straßenprojekt

1

,7

Vereinigung Frauen-NISSA'

2

1,4

BSB Sozialsprengel GRIES

4

2,8

12

8,3

Stadtpolizei

1

,7

BSB Sozialsprengel Don Bosco

1

,7

Haus Margaret Caritas

5

3,4

Familienberatungsstelle AIED

1

,7

Familienberatungsstelle l'ARCA


Insgesamt

145

100,0

Wie aus der Grafik 1 ersichtlich, wurden Frauen, die sich an eine Netzwerkstelle gewandt haben, vorwiegend in Obhut des Fachpersonals der Kontaktstellen gegen Gewalt oder des Personals der Sozialdienste genommen. In geringerem Ausmaß nahmen sich ihrer von Psychologinnen und Mediatorinnen an, der Beitrag der Polizeikräfte war fast unerheblich.

Grafik 1: Fachpersonal, das den Erhebungsbogen ausgefüllt hat – absolute Daten

SozialassistentIn SozialbetreuerIn

Betreuerin Koordinatorin KrankenpflegerIn

Psychologin

Erzieherin Mediatorin

Polizei

Die absolute Mehrheit der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt hat, wohnt in Bozen, nur ein kleiner Anteil ist anderswo ansässig. Die Hälfte der Frauen hat ein Alter zwischen 30 und 45 Jahren, ein Drittel ist jünger als 30 Jahre und ein Fünftel älter als 46. Mehr als die Hälfte der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind italienischer Staatsbügerschaft, 21% stammen aus Osteuropa, 10% aus Afrika. Der Anteil an ausländischen Frauen unter den Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, ist größer als der Anteil an ausländischen Frauen, die Anfang 2011 in der Stadt Bozen ansässig waren (13% nach ISTAT-Daten)3. Frauen, die in einer Paarbeziehung leben (Ehemann oder Lebensgefährte), machen 55% der Opfer aus. Es folgen alleinstehende Frauen (27%) und Witwen oder geschiedene Frauen.

3

Istat, Geo Demo, Popolazione straniera residente al 1° gennaio 2011 per età e sesso,


Grafik 2 :Soziodemografische Merkmale der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Familienstand, Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter getrennt oder verwitwet verheiratet oder zusammenlebend ledig Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Die soziodemografische Struktur der Gewaltopfer auf lokaler Ebene weicht von jener, die aus den ISTAT-Daten über die Arbeitskräfte hervorgeht, ab. Beruf und Studientitel der Frauen mit mehr als 15 Jahren, die Anfang 2012 die in der Provinz Bozen wohnten und sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind relativ hoch. Dies hängt sowohl vom beträchtlichen Anteil an Frauen mit höheren Studientiteln als auch vom geringen Anteil an Frauen ohne Studientitel ab. Beim Vergleich


mit den italienweiten Daten muss jedoch berücksichtigt werden, dass die ISTAT-Bevölkerung altersmäßig umfassender ist und Ausbildungsunterschiede somit wahrscheinlicher sind.

Tabelle 2: Bevölkerung, Frauen über 15 Jahre, Daten getrennt nach Studientiteln – Südtirol und Italien, 2012 Autonome Provinz Bozen

Italien

Grundschulabschluss, kein Studientitel

20,5

25,8

Mittelschulabschluss

32,5

28,3

Berufsschulzeugnis 2-3 Jahre (berufliche Qualifikation)

15,3

5,7

Oberschulzeugnis 4-5 Jahre (Abitur/Staatsprüfung)

21,5

27,8

Hochschulabschluss und Doktorat

10,2

12,4

Summe

100,0

100,0

Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012


Grafik 3: Erwerbsstatus der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Angestellte arbeitslos Hausfrau Rentnerin Schülerin oder Studentin Freiberuflerin

Mehr als die Hälfte der Dienstnutzerinnen (53%) ist berufstätig. Es handelt sich dabei vorwiegend um Angestellte, nur ein kleiner Anteil ist freiberuflich tätig. 7% sind Rentnerinnen und die restlichen 40% sind wirtschaftlich unselbständig, entweder weil arbeitslos (29%) oder weil Hausfrau (7,8%) oder Studentin (3,9%). Vergleicht man diese Daten mit den ISTAT-Erhebungen 2012 und den Daten der Gemeinde Bozen aus dem Jahr 2011, so ist die Beschäftigungsrate der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste wenden (52,7%), niedriger als jene der Autonomen Provinz (64,8% ) und der Gemeinde (65,5%), während die Arbeitslosenquote (28,7%) sehr viel höher ist (Provinz 4,8%, Gemeinde 3,5%). Tabelle 3: Wirtschaftsindikatoren Autonome Provinz Bozen, Verteilung auf Nationalebene Frauenarbeits- FrauenQuote der losigkeitsquote beschäftinichterwerbstätigen gungsquote Frauen 4,8 64,8 18,2

Autonome Provinz Bozen 8,6 Nord 11,0 Zentrum 19,3 Süd 11,9 Italien Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012

57,0 52,3 31,6 47,1

37,7 41,2 60,7 46,5

Was die berufstätigen Frauen betrifft, so haben mehr als die Hälfte unbefristete Arbeitsverträge, während ca. 40% prekäre Arbeitsstellen besetzen. Dementsprechend verfügen nur 44% der Frauen über Einnahmen, die für sich selbst und die eigenen Kinder ausreichen. Es sei unterstrichen, dass


7% bis 8% der Frauen, die von den Netzwerkdiensten unterstützt werden (d.h. 11 Frauen), erklärt haben, sich nicht frei bewegen zu dürfen und eine oder mehrere Landessprachen nicht zu beherrschen. In Bezug auf die Familienlage erklären die meisten Frauen, die sich an die Dienste wenden, mit Kindern und Partner zusammenzuleben. Ein signifikanter Anteil lebt in Wohngemeinschaften oder geschützten Wohneinrichtungen (inkl. Kinder). Nur ein kleiner Prozentsatz lebt allein oder mit den Eltern, mit Verwandten oder mit FreundInnen. Fast die Hälfte (48,8%) der nicht allein lebenden Frauen hat angegeben, dass sie mit der Person zusammenleben, die Gewalt gegen sie ausübt.

Grafik 4 : Wohnsituation der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - Multiple Choice-Antworten, Prozentsätze

mit Kindern mit dem Partner in Wohngemeinschaft allein mit den Eltern mit anderen Verwandten mit FreundInnen mit den Schwiegereltern

Art der Gewalt In der übergroßen Mehrheit der Fälle (82%) erfolgt die Gewaltausübung im Rahmen der Familie. Gelegenheitsangriffe, Mobbing auf dem Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung sind hingegen seltener (Grafik 5). Grafik 5: Art der Gewalt, die die Dienstnutzerinnen der Netzwerkdienste erlitten haben Prozentsätze


erlittene Gewalt sexuelle Ausbeutung und/oder Ausbeutung als Arbeitskraft Mobbing (auf dem Arbeitsplatz) Gelegenheitsangriffe Häusliche Gewalt

Was die Großkategorie der häuslichen Gewalt anbelangt, so betrifft diese in erster Linie italienische Frauen, gefolgt von Frauen aus Osteuropa, während Frauen aus anderen Ländern weniger davon betroffen sind. Weitere Risikofaktoren, die die Bozner Frauen für häusliche Gewalt anfällig machen, sind folgende: feste Partnerschaft (Ehe), Alter zwischen 30 und 45 Jahren, hoher Studientitel, arbeitslos, Rentnerin. Italienische Frauen sind auch in Bezug auf Mobbing besonders anfällig (insbesondere, wenn es sich um Angestellte handelt), während afrikanische und osteuropäische Frauen stärker sexuell und beruflich ausgebeutet werden. Gelegenheitsangriffe scheinen hingegen nicht von der geografischen Herkunft der Opfer abzuhängen, sondern von ihrem Alter und dem Familienstand (unverheiratet).

Modalitäten der Gewaltausübung Wie aus Untersuchungen und Studien bereits bekannt, summieren und überschneiden sich laut Angaben der Dienstnutzerinnen verschiedene Gewaltmodalitäten, die eine Art Kontinuum bilden. Geht man von den Daten der ausgefüllten Fragebögen aus, so ist die meistverbreitete Form der Gewalt die psychologische Gewalt, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit weitem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking sind weniger signifikant, sexuelle Belästigung ist selten. Diese Rangordnung entspricht sowohl den Ergebnissen der Bozner Erhebung


als auch den Bezugsdaten (Tabelle 4) des nationalen Vereinsnetzes DiRe4 (DiRe, 2012), das die Zahlen, die die Tätigkeit der Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt im Jahr 2011 betreffen, gesammelt hat und somit eine passende Vergleichsbasis liefert. Wie gesagt überschneiden sich die Ergebnisse der beiden Erhebungen. Aus dem DiRe-Bericht geht zudem hervor, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben von Gewaltopfern ein Kontinuum bilden und ständig interagieren. Bei gleichzeitiger Ausübung verschiedener Gewaltmodalitäten steigt natürlich auch die Gefährlichkeit der Situation. Tabelle 4 : Von den Fachkräften gemeldete Art der Gewaltausübung – Multiple-Choice-Antworten, Prozentsätze

Art der Gewalt

körperliche Gewalt

% der Antworten

% der Fälle

absolute Werte (Anzahl der Antworten)

Daten Dire 2011 (% der Fälle)

27,0

67,6

114

47,0

8,5

21,4

36

14,2

psychologische Gewalt

37,1

80,7

157

54,4

ökonomische Gewalt

14,4

37,9

61

24,0

Stalking

9,9

16,6

42

9,3

Belästigung

3,1

7,6

13

-

Antworten insgesamt (Multiple Choice)

100

231,8

423

148,3

sexuelle Gewalt

Orte der Gewalt Das eigene Zuhause ist der Ort, der für Frauen am gefährlichsten ist. Dies gilt für alle Gewaltformen (weniger für sexuelle Belästigungen und Stalking). Die häusliche Gewalt hat zudem einen besonders hohen Intensitätgrad (man denke z.B. daran, dass die ökonomische Gewalt zu 84%, d.h. fast zur Gänze, zu Hause und in der Familie ausgeübt wird). Daheim entfalten sich aber auch alle anderen Gewaltformen mit besonderer Häufigkeit. Das Netzwerkpersonal hat angegeben, dass die meisten Fälle von körperlicher, psychologischer und sexueller Gewalt zu Hause stattfinden; auch Stalking und Verfolgung werden in einem Fall von drei im häuslichen Kontext ausgeübt. (Grafik 6). Öffentlichen Orte (Straßen, Parkplätze, Parks und Gastbetriebe) sind für Frauen auch nicht ungefährlich, insbesondere in Bezug auf Stalking und sexuelle, psychologische und ökonomische Gewalt. Auf dem Arbeitsplatz steht hingegen gerade das Stalking ganz oben auf der Liste, gefolgt von sexueller, ökonomischer und psychologischer Gewalt. In den Freizeiträumen der Schulen werden immer öfter Stalkingfälle verzeichnet.

1 D.i.Re.,Donne in Rete contro la violenza, Rilevazione dati 2011, 2012


Grafik 6 : Orte der Gewaltausübung aufgeteilt nach Art der Gewalt - Prozentsätze

Stalking Sexuelle Gewalt Psychologische Gewalt Körperliche Gewalt Ökonomische Gewalt Andere Orte

Schule + Freizeitstätten

Öffentliche Orte + Gastbetriebe

Arbeitsplatz

Zuhause


Grafik 7 : Zeitraum der Gewaltausübung, Daten aufgeschlüsselt nach Art der Gewalt

aktuell

Ökonomische Gewalt

in der Vergangenheit

Körperliche Gewalt

sowohl in der Vergangenheit als auch aktuell

Psychologische Gewalt

Stalking

Sexuelle Gewalt

Gewalterfahrungen stellen ein Kontinuum im Leben der meisten Frauen dar, sie sind ein Element, das Vergangenheit und Gegenwart kennzeichnet, eine konkrete Tatsache, mit der sie täglich zu tun haben. Die Gegenwart wird insbesondere bei Stalkingfällen als besonders bedrohlich empfunden, während bei sexueller, körperlicher, psychologischer und ökonomischer Gewalt die Vergangenheit eine besonders schwere Bürde darstellt (Grafik 7). Jede Art von Gewalt scheint zudem ihr eigenes Timing zu haben. Sexuelle Belästigungen sind im Normalfall einmalig, während beim Stalking und der Verfolgung die Standarddauer – wie auch bei der psychologischen Gewalt – zwei bis vier Jahre beträgt. Sexuelle Gewalt hält meist bis zu 10 Jahren an, ökonomische Gewalt sogar noch mehr. Die Mehrheit der Frauen (65%), die von den Dienststellen unterstützt wird, stellt keinen Bezug zwischen der erlittenen Gewalt und spezifischen Ereignissen oder Lebensaspekten her. Der Rest der Dienstnutzerinnen gibt an, dass die Gewalt in einer besonderen oder besonders heiklen Phase begonnen hat: In einem Drittel der Bozner Fälle war die Schwangerschaft oder die Geburt eines Kindes der auslösende Faktor für den Gewaltausbruch, der meist durch verfolgerisches Verhalten und Belästigungen gekennzeichnet ist. Dieses Schema entspricht den internationalen Erkenntnissen5. Aus der Literatur geht hervor, dass die Geburt eines Kindes bei manchen Partnern 5 Brewer J. E., Paulsen D.J. (1999), “A comparison of US and Canadian findings on uxoricide risk for women with children sired by previous partners”, Homicide Studies, 3, 317-332.
Campbell J.C. (2001), “Abuse during pregnancy: A quintessential threat to maternal and child health – so when do we start to act?”, Canadian Medical Association Journal, 164, 1578 - 1579


negative Gefühle wie Eifersucht und Wut erweckt oder den Eindruck erzeugt, einem Zwang ausgesetzt zu sein (insbesondere bei ungeplanten Schwangerschaften). Diese Emotionen sind oft sehr stark und können zu Gewalttaten gegen Mutter und Kind führen. In Italien erleiden nach ISTAT-Daten mehr als 11% der schwangeren Frauen Gewalt durch den Partner. Ganz generell beginnt bei Gewaltopfern der Leidensweg in 13,6% der Fälle gerade während der Schwangerschaft; in 52,5% der Fälle gab es bereits zuvor Gewalt und sie bleibt mit gleicher Intensität auch während der Schwangerschaft bestehen; in 17,2% der Fälle nimmt die Gewalt während der Schwangerschaft zu und nur in 15,9% der Fälle nimmt sie ab. Die Bozner Daten bestätigen diesen Trend und unterstreichen die Gefahren für Mutter und Kind, die daraus entstehen können. Häusliche Gewalt während der Schwangerschaft kann zu ungewollten Schwangerschaftsunterbrechungen, vorzeitigen Geburten und Untergewicht bei der Geburt führen. Die Opfer von häuslicher Gewalt neigen außerdem dazu, gefährliche Gewohnheiten anzunehmen (Rauchen, Alkohol- und Drogenmissbrauch). Körperliche Misshandlungen sind oft auch mit Problemen im Bereich des Fortpflanzungssystems, mit Harnwegentzündungen, Depression und anderen mentalen Krankheiten assoziiert. Gewalt während der Schwangerschaft ist schließlich auch gepaart mit hohen Raten an unerwünschten Schwangerschaften, Schwangerschaften im Jugendalter und Abtreibungen. Grafik 8: Hat die Gewaltausübung zu einem besonderen Zeitpunkt im Leben der Frau stattgefunden bzw. begonnen?

Menschenhandel zwecks Ausbeutung Beginn der Arbeitstätigkeite/ Ende Trennung Eheschließung Schwangerschaft/Geburt der Kinder Schwierigkeiten mit dem Partner

Zu den Ereignissen, die zu einem auslösenden Faktor für die Gewaltausübung in einer Beziehung werden können, gehören auch die Eheschließung, die Zusammenführung von Familien (bei Migrantinnen), Trennung und Scheidung sowie Schwierigkeiten mit dem Partner. Es handelt sich Campbell J.C., Webster D., Koziol McLain J., Block C., Campbell D., Curry M. A., Gary F., Glass N., McFarlane J., Sachs C., Sharps P., Ulrich Y., Wilt S.A., Manganello J., Xu X., Schollenberger J., Frye V., Laughton K., (2003), “Risk factors for femicide in abusive relationships: Results from a multisite case control study”, American Journal of Public Health, 93, 1089-97.


um Anlässe, die sich im Beziehungsleben abspielen und starke Gefühle hervorrufen. Die Schwierigkeit, die eigenen Gefühle unter Kontrolle zu halten, spielt eine ausschlaggebende Rolle beim Entstehen von Gewalt innerhalb einer intimen Beziehung, auch wenn die Kontexte sehr unterschiedlich sind. Bei Trennungen ist Stalking die häufigste Gewaltform, während bei Ehen ökonomische und körperliche Gewalt vorwiegen. Ein Fünftel der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, gibt an, dass die Gewalt mit der sozialen und beruflichen Sphäre verbunden ist (Arbeitstätigkeit, Arbeitswechsel, Migration) und sich vornehmlich in Form von ökonomischer Gewalt und Verfolgung ausdrückt. Ein geringerer aber dennoch bedeutsamer Anteil der Frauen ist Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung. Die für diese Verbrechen typische Gewaltform ist die Vergewaltigung (Grafik 8). In Bozen wurden außerdem auch ein Fall von Genitalverstümmelung und ein Fall von Zwangsheirat verzeichnet.

Wer übt Gewalt gegen Frauen aus? Täter sind insbesondere Ehemänner, Verlobte und Partner (53%) sowie ehemalige Partner (13.6%). Erstere üben vorwiegend ökonomische, psychologische und körperliche Gewalt aus, während ehemalige Partner eine “Vorliebe” für Stalking, Verfolgungsakte und körperliche Misshandlungen haben. Die Daten, die die von ehemaligen Partnern ausgeübte Gewalt betreffen, zeigen, dass die Trennungsphase ein besonders komplexer Übergang ist, bei dem eine eingehende und kompetente Überprüfung einer eventuellen Rückfallgefahr von wesentlicher Bedeutung ist. In 16% der Fälle sind die Täter Familienmitglieder (Eltern und Verwandte), in 11% der Fälle handelt es sich um Freunde und Bekannte. Die Fälle, in denen der Täter eine unbekannte Person ist, sind selten und finden meist im Zusammenhang mit Menschenhandel und mit Zuhälterei statt. Die Daten des Dire-Netzes6 (DiRe, 2011) ermöglichen einen Vergleich zwischen der Bozner Realität und jener auf Nationalebene: Der Fokus liegt in beiden Fällen bei den Intimbeziehungen, da der Partner sowohl in Bozen als in ganz Italien als Hauptverantwortlicher der Gewalttaten hervorgeht. Der von DiRe erhobene Prozentsatz ist jedoch mit 64% bedeutsam höher als jener von Bozen. Dasselbe gilt, in geringerem Ausmaß, für die Daten in Bezug auf die ehemaligen Partner (20% auf Nationalebene). In Bozen ist hingegen die Gewalt gegen Frauen, die von Familienmitgliedern (Eltern und Verwandte) herrührt, häufiger als im Rest Italien (16,2% gegen 8%). Eine ähnliche Abweichung gibt es auch im Falle der von Freunden und Bekannten ausgeübten Gewalt (11% gegen 6%) sowie jener, die von unbekannten Personen ausgeübt wird (3,9% gegen 2%). Grafik 9 : Beziehung zum Gewalttäter - Prozentsätze 6

In diesem Fall beziehen wir uns auf die DIRE-Erhebung 2010, in der die Daten besser aufgeschlüsselt und deswegen

auch besser vergleichbar sind (DiRe, “DATI STATISTICI ANNO 2010: 3° RILEVAZIONE NAZIONALE”).


Zuhälter/Zuhälterin Unbekannte/r Elternteil/Verwandte/r Ehem. Ehemann (ehem. Freund/ehem. Partner) Freund/Bekannter/Arbeitskollege

Profil der gewaltausübenden Personen Zirka die Hälfte der Täter ist zwischen 30 und 45 Jahre alt (51%) und somit ungefähr gleich alt wie die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt sind. Mehr als ein Drittel ist über 46 Jahre alt und nur eine Minderheit ist jünger als dreißig: Dieses Verhältnis ist bei Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wurde, umgekehrt (es wiegen jüngere Frauen vor). Die Täter sind vornehmlich - und in stärkerem Ausmaß als ihre Opfer - italienischer Nationalität (66%), während die Täter aus Osteuropa oder Afrika einen geringeren Prozentsatz als die Gewaltopfer aus diesen Weltteilen ausmachen. Diese Daten belegen, dass italienische Männer häufiger sowohl gegen Italienerinnen als auch gegen Ausländerinnen und jüngere Frauen gewalttätig sind. Die Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wird, haben einen signifikant höheren Ausbildungsgrad als die gewaltausübenden Männer: Der Anteil an Frauen mit akademischem Abschluss ist fast doppelt so große wie jener der Männer; auch der Besitz eines Reifediploms ist bei Frauen häufiger, während Berufsschuldiplome und Mittelschuldiplome bei den Tätern stärker vertreten sind als bei den Opfern. Dieser Umstand müsste näher untersucht werden, um zu verstehen, ob diese kulturelle Differenz einen Zusammenhang mit der ausgeübten Gewalt hat, auch wenn auf Nationalebene keine Verknüpfung dieser Art festgestellt wurde (Istat, 2007). Unter dem Gesichtspunkt der Beziehungen zwischen Gewalttäter (Männer) und Gewaltopfer (Frauen) zeigen die erhobenen Daten, dass für verheiratete Frauen das größte Risiko von ihren Ehemännern ausgeht, während es bei unverheirateten Frauen der ehemalige Partner, ein Freund, ein Bekannter oder ein Kollege sind. Junge, unverheiratete Frauen sind oft Opfer von Eltern und Verwandten. Frauen, die mit ihren Partnern (Ehemann oder Lebenspartner) und/oder ihren Kindern zusammenleben, sind bzw. waren vornehmlich Opfer ihres Partners. Dies gilt auch für die Mehrheit


der Frauen, die derzeit in Frauenhäusern oder in Gemeinschaften leben. Alleinlebende Frauen sind meist Opfer ehemaliger Partner oder von Freunden und Bekannten. In Wohngemeinschaften leben auch auch Frauen, die Opfer von Verwandten oder von Menschhandel waren. In den meisten Fällen handelt es sich bei den Tätern um “normale” Männer, die keine spezifischen Probleme haben, welche ein gewalttätiges Verhalten “hervorrufen” oder verstärken können (wie z.B. Alkohol- oder Drogenmissbrauch, wirtschaftliche oder psychiatrische Probleme usw.). Im Rest der Fälle sind Probleme verschiedener Art vorhanden, es wiegen jedoch Alkoholabhängigkeit und soziale Probleme vor (16% bis 17%), während Drogenmissbrauch und psychiatrische Probleme seltener sind (Tabelle 5). Zum Vergleich sei auf die Istat-Daten 2006 hingewiesen, die bezüglich der gewaltausübenden Männer, die unter der Wirkung von Alkohol oder Drogen stehen, einen etwas geringeren Prozentsatz angeben (13,3%).

Grafik 10: Soziodemografische Merkmale der Gewalttäter und der Gewaltopfer - Prozentsätze

Gewaltopfer


Gewalttäter Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufsschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Tabelle 5: Eventuelle Probleme der gewalttätigen Person (Multiple Choice), Prozentsätze Person ohne offensichtliche Abhängigkeitsprobleme und/oder soziale bzw. psychische Probleme Alkoholiker/Alkoholikerin Drogensüchtige/r Person mit psychiatrischer Störung

46,5% 17,4% 4,9% 1,4%

Person mit sozialen Problemen

16,7%

Keine Erkenntnisse

13,2%

Anwesenheit von Kindern In 60% der Fälle leben mit den Gewaltopfern auch Kinder zusammen; es handelt sich dabei fast immer um Töchter und Söhne der Opfer, nur selten besteht eine andere Art von Verwandtschaft. In der Mehrheit der Fälle erleben die Kinder die Gewalt direkt oder indirekt mit. Fast die Hälfte (44%) erlebt Gewalttaten direkt mit, ein Viertel ist während der Vorfälle nicht direkt anwesend, weiß aber, dass Gewalt ausgeübt wird (24%). Beträchtlich ist auch der Anteil an Kindern, die direkte Gewalt erleiden, während der Prozentsatz an Kindern, die weder direkt noch indirekt der Gewalt beiwohnen oder Opfer davon sind, sehr geringfügig ist. Die Art der miterlebten oder erlittenen Gewalt stimmt fast immer mit der der Mutter zusammen. Aus den erhobenen Daten geht eine starke direkte Einbindung der Minderjährigen in die Gewalt und eine sowohl körperliche als auch psychologische Gefährdung hervor. Das Verhaltensmuster der Täter ist typischerweise stets dasselbe. Laut der zitierten ISTAT-Studie gaben 62,4% der Frauen, die Opfer von Männergewalt sind, an, dass ihre Kinder einem oder mehreren Gewaltszenen beigewohnt haben (davon 19,6% nur in seltenen Fällen, 20,2% manchmal und 22,6% oft). Tabelle 6: von Minderjährigen erlittene Gewalt (Multiple Choice), Prozentsätze


Körperliche Gewalt in direkter Form

11,4%

Psychologische Gewalt in direkter Form

15,2%

Ökonomische Gewalt in direkter Form

3,0%

Miterlebte Gewalt in direkter Form

43,9%

Miterlebte Gewalt in indirekter Form

23,5%

Nein

3,0%

Die Dienststellen und das Netzwerk Der Fragebogen sah eine offene Frage in Bezug auf die Kenntnis der Dienste vor, die vom Netzwerk angeboten werden. Die Art und Weise, wie Dienstnutzerinnen von den Diensten erfahren, ist eine extrem wichtige Information: Sie gibt Aufschluss darüber, inwieweit das Wissen über die bestehenden Dienste gegen Gewalt an Frauen unter hilfsbedürftigen Opfern verbreitet ist. In 50% der Fälle haben die Frauen von den Netzwerkdiensten durch das Netzwerk selbst erfahren. Dies ist ein gutes Ergebnis, das auf eine gelungene synergetische Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Knoten des Netzwerks hinweist. In der ersten Phase der Kontaktaufnahme bleibt jedoch die Rolle der FreundInnen und der Familie ausschlaggebend: Freundinnen und Bekannte sind oft die ersten AnsprechpartnerInnen der hilfesuchenden Gewaltopfer und raten ihnen, sich an Dienststellen des Netzwerks zu wenden. Was das Netzwerk selbst betrifft, sind die Sozialdienste – durch die SozialassistentInnen – die Knotenpunkte, die die Fälle zuerst filtrieren und den betroffenen Frauen weiterhelfen, gefolgt von den Sicherheitskräften und den Fachdiensten (Beratungsstellen, Frauenhäuser, Kontaktstellen gegen Gewalt). Weniger aktiv sind diesbezüglich die Fachleute der Gesundheitsdienste (FamilienärztInnen, PsychologInnen, Krankenhäuser). Bedeutsam ist hingegen der Zugriff auf die grünen Telefonnummern und auf Internet, die ein relativ neues Instrument sind, aber dennoch ziemlich bekannt und zuverlässig zu sein scheinen.


Grafik 11 :Wie hat die Frau von der Dienststelle erfahren? (Prozentsätze)

durch eine Freundin, eine Bekannte Sozialdienste, Sozialassistentin Polizei, Ordnungskräfte, Polizeidirektion (Quästur) Familienhaus, Familienberatungsstelle, Gea, Dienststellen Grüne Nummer, Zufall, Internet Verwandte Familienarzt/Familienärztin, Psychologe/Psychologin, Krankenhaus Rechtsanwalt/Rechtsanwältin bereits bekannt keine Angabe

Die erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, weshalb sich Frauen an die verschiedenen Dienste wenden (77%). Es ist extrem wichtig, dass bei den Gesprächen mit dem Personal der Dienste auch die versteckte und verneinte Gewalt belichtet und anerkannt werden. Dies kann entweder durch direkte Fragen erwirkt werden oder als Nebeninformation oder indirekte Auskunft in die Erzählung der betroffenen Frau einfließen. Es handelt sich um ein wichtiges Ergebnis, das von der fachlichen Vorbereitung des Personals der Anlaufstellen zeugt, die so zeigen, dass sie imstande sind, die erlebte Gewalt auch in solchen Fällen zu erkennen und sie aufzudecken. Grafik 12: Wenn das Thema Gewalt von der Frau nicht als Hauptgrund genannt wurde, wer hat dieses Thema zur Sprache gebracht? (Prozentsätze)


Die Frau selbst, als sekundäres Problem Die Frau selbst, jedoch indirekt im Rahmen anderweitiger Erzählungen Die Fachperson durch direktes Fragen

Eine grundsätzliche Bestätigung der Rangordnung der Anlaufstellen für die hilfesuchenden Frauen geht auch aus den Antworten auf die Frage hervor, ob sich die betroffene Frau mit der Bitte um Hilfe auch “an andere” gewandt hat. In diesem Fall waren – anders als bei der vorhergehenden Frage - mehrere Antworten möglich: Die Antworten zeigen, dass die Sicherheitskräfte, die Sozialdienste und die Kontaktstellen gegen Gewalt sowie die FreundInnen der erste Anlaufpunkt sind und den ersten Schritt auf dem Weg aus den Gewalt heraus darstellen (Grafik 13). Es folgen die Familie und andere Dienststellen. Bei 24% der Antworten steht, dass sich die betroffene Frau zuvor an niemand anderen gewandt hat und somit direkt den Dienst als erste Anlaufstelle gewählt hat. Grafik 13: Hat sich die Frau bereits an andere Personen/Anlaufstellen gewandt? (Multiple Choice), Prozentsätze


Ordnungskräfte Nein Freunde/Freundinnen Sozialdienste Frauenhaus/geschützte Wohnungen Verwandte Rechtsanwalt/Rechtsanwältin Eltern Familienberatungsstelle Krankenhaus Psychologischer Dienst Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin) NachbarInnen

Wie gut das Netzwerk funktioniert kann zum Teil anhand der Antworten auf die Frage bezüglich der Interaktion mit anderen Diensten bewertet werden, d.h. ob die Fachperson, die den Fragebogen beantwortet, die betreffende Dienstnutzerin an andere Dienststellen “weitergeleitet” hat. Leider hat fast die Hälfte davon (44%) auf diese Frage nicht geantwortet, was zu einer geringen Gesamtsignifikanz der entsprechenden Daten führt. Die Mehrheit (72%) von jenen, die die Frage beantwortet haben, hat keine Frau an andere Dienste weitergeleitet. Vorwiegendes Ziel der weitergeleiteten Frauen waren die Kontaktstelle gegen Gewalt, die geschützten Wohnungen und das Frauenhaus. Die Situation der von den Netzwerkdiensten Ende 2012 betreuten Frauen ist in der Abbildung 14 beschrieben: Sieht man von den Frauen (13%, d.h. 17 Frauen) ab, die von keiner Dienststelle betreut werden, so wird die absolute Mehrheit der Gewaltopfer von Kontaktstellen und Frauenhäusern unterstützt oder lebt in geschützten Wohnungen, während der Rest von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen betreut wird.

Grafik 14: Wer betraut die Frau mit Blick auf die Gewaltsituation?(Multiple Choice), Prozentsätze


Frauenhaus/geschützte Wohnungen Niemand Sozialdienste Familienberatungsstelle PsychiaterIn/NeuropsychiaterIn Psychologischer Dienst Sozialpädagogische Einrichtung Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin)

Anzeigen bei Gericht Zirka ein Drittel der vom Bozner Netzwerk betreuten Frauen hat eine strafrechtliche Anzeige erstattet oder (im Falle von Minderjährigen) das Jugendgericht benachrichtigt. Es handelt sich um einen sehr hohen Prozentsatz, insbesondere im Vergleich zum italienischen Durchschnittswert, der aus den ISTAT-Erhebungen 2006 hervorgeht (7,3% der Frauen, die Opfer vom Männergewalt sind, erstatteten Anzeige wegen vom Partner ausgeübter körperlicher oder sexueller Gewalt). Die Netzwerkdaten sind besonders erfreulich, weil sie sich nicht nur von den italienweiten Zahlen, sondern auch vom Südtiroler Durchschnitt (13,7%) derselben ISTAT-Studie positiv abheben (es ei darauf hingewiesen, dass Südtirol bereits damals die „beste“ unter den italienischen Regionen war). Da die Mehrzahl der gerichtlichen Verfahren noch läuft, ist es frühzeitig, Schlüsse über das Ergebnis der Anzeigen zu ziehen. Tabelle 7: Gerichtliche Schritte der Frauen, die von den Netzwerkdiensten betreut werden absolute Daten und Prozentsätze Ja

Nein

Sum me

Absolute Daten Strafanzeige/Strafantrag/Klage (Gerichtsbehörde) Anzeige (Staatsanwaltschaft bei Jugendgericht)

%

41

96

137

43

99

142

29, 9 30, 3

70, 1 69, 7


Tabelle 8 : Ergebnis der Gerichtsverfahren – Prozentsätze 1 – Rücknahme der Anzeige

18,6

2 – hängiges Verfahren

65,1

3 – Verurteilung der gewalttätigen Person / Strafzumessung auf Antrag der Parteien

7,0

4 – Freispruch

9,3

Summe

100,0

Schlussbemerkungen Aus dem vorliegenden Bericht können nur provisorische Schlussfolgerungen gezogen werden, da die verarbeiteten Daten bislang ein einziges Arbeitsjahr (das Startjahr!) umfassen. Trotzdem können wir uns davon ausgehend ein Bild vom Netzwerk, von den Dienstnutzerinnen, von den Bedürfnissen der Frauen und von der Art der jeweils erlittenen Gewalt machen. Die Anzahl der Fälle ist jedoch noch zu gering, um die Beziehungen zwischen Opfer und Täter, die Dynamik der verschiedenen Gewaltformen und die Reaktion der Dienststellen im Detail zu analysieren und daraus Indikatoren in Bezug auf die Wirksamkeit des Netzwerks oder das Auftreten der verschiedenen Gewaltformen auf dem Territorium oder auch nur in Bezug auf eventuelle Probleme der Netzwerkdienste zu erarbeiten. Um die mühsame und verdienstvolle Arbeit zu ehren, die das Personal bei der Datenerhebung geleistet hat, werden wir nachfolgend eine Übersicht der wichtigsten Elemente liefern, die aus der Datenanalyse hervorgehen. Wir fangen dabei von der Beschreibung der Frauen an, die sich an die Netzwerkstellen gewandt haben. Es handelt sich mehrheitlich um Frauen italienischer Nationalität zwischen 30 und 45 Jahren. Zirka ein Drittel ist jünger als 30, ein Fünftel über 46. Die Mehrheit der Frauen leben im Paar (verheiratet oder Wohngemeinschaft) und haben eine Arbeit oder eine Rente und verfügen somit über eine eigene Einnahmequelle (59,7%). Die meisten besitzen ein höheres Ausbildungsniveau als der Durchschnitt der in der Gemeinde und in der Provinz ansässigen Frauen. Es gibt aber auch einen Anteil der Opfer, die arbeitslos sind und sich in einer präkären ökonomischen Lage befinden. Zirka 55% der betreuten Frauen gibt an, Schwierigkeiten zu haben, den Unterhalt für sich selbst und die (eventuellen) Kinder zu zahlen. Dieser Umstand versetzt sie in eine Situation objektiver “Schwäche”, die vermehrt Männergewalt zur Folge haben kann. Es sei dabei darauf hingewiesen, dass ein (wenn auch kleiner) Anteil der Frauen eine der beiden Landessprachen nicht oder nur unzulänglich kennt und sich nicht frei bewegen kann/darf. Es handelt sich oft um ausländische Frauen (45,4%), die zum Großteil aus Osteuropa oder Afrika stammen. Hilfesuchende Frauen leben meist mit ihren Kindern und dem Partner zusammen. Es ist erschreckend zu wissen, dass die Hälfte von ihnen mit dem Mann zusammenlebt, der Gewalt gegen


sie ausübt. Ein signifikanter Teil der Frauen, die von den Netzwerkdiensten aufgenommen wird, lebt demgemäß in geschützten Einrichtungen und in Frauenhäusern. Wie überall wird auch in Bozen die Gewalt in der übergroßen Mehrzahl der Fälle (82%) innerhalb der Familie ausgeübt (häusliche Gewalt), während Gelegenheitsangriffe, Mobbing am Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung eher selten sind. Was die Art der erlittenen Gewalt anbelangt, so überschneiden sich meist verschiedene Modalitäten. Erstellt man eine Rangordnung anhand ihres relativen Gewichts, so steht psychologische Gewalt an erster Stelle, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit größerem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking haben eine geringere Inzidenz, sexuelle Belästigungen sind selten. Diese Daten bestätigen die Ergebnisse anderer Erhebungen und belegen den Umstand, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, ein Kontinuum darstellen, sich überschneiden und ständig interagieren. Das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Gewaltformen zeichnet stets besonders gefährliche Situationen aus. Das eigene Zuhause ist für Frauen der gefährlichste Ort, und dies gilt für alle Formen der Gewalt (mit der Ausnahme von Belästigungen und Stalking). Daheim ist auch die Intensität der Gewalt stärker als anderswo, angefangen von der ökonomischen Gewalt, die fast ausschließlich innerhalb der eigenen vier Wände und der eigenen Familie ausgeübt wird. Körperliche, psychologische und sexuelle Gewalt finden auch fast immer in der gemeinsamen Wohnung statt. Sogar Stalking und Verfolgung finden ein Drittel der Male zu Hause statt. Auch die öffentlichen Räume (Straßen, Parkplätze, Parks und Gaststätten) sind für Frauen gefährlich: Es finden dort Stalking sowie sexuelle und psychologische Gewalt statt. Die am Arbeitsplatz meistverbreitete Form der Gewalt ist das Stalking, gefolgt von der sexuellen, der ökonomischen und der psychologischen Gewalt. Schulen und Freizeiträume sind besonders oft Schauplatz von Stalking. Die Gewalt wird von den meisten Frauen als eine Art Kontinuum erlebt, als ein Element, das sich ohne Unterbechung von der Vergangenheit bis zur Gegenwart erstreckt und den konkreten, tagtäglichen Lebensablauf charakterisiert. Aus der Erhebung geht hervor, dass oft wichtige Ereignisse und Lebensetappen innerhalb des Paars oder der Familie - wie zum Beispiel Schwangerschaft, Ehe und Trennung - zum Ausbruch der Gewalt beitragen. Dies bestätigt zum wiederholten Male, dass die häusliche Sphäre und die Familie die Hauptbühne für Gewalttaten darstellen. Im Falle von ausländischen Frauen stellen zusätzlich dazu die Einwanderung selbst (mit der manchmal die sexuelle Ausbeutung beginnt) sowie die Zusammenführung mit anderen Familienmitgliedern besonders heikle Momente dar. Bei den Tätern handelt es sich zum Großteil (66%) um italienische Staatsbürger und es sind vergleichmäßig mehr als die italienischen Gewaltopfer, während bei Tätern aus Osteuropa und Afrika der Prozentsatz geringer ist als jener der Opfer mit gleicher Herkunft. Dieser Umstand weist darauf hin, dass die stereotypische Annahme, bei den Tätern handle es sich vorwiegend um Ausländer, irreführend ist. Männer italienischer Abstammung üben häufiger als Ausländer Gewalt sowohl gegen italienische als auch gegen ausländische und junge Frauen aus.


Das bisher skizzierte Bild zeigt eindeutig, dass die Spuren der Gewalt gegen Frauen immer zur Familie führen: Hauptübeltäter sind die gegenwärtigen oder ehemaligen Ehemänner, Verlobten und Partner. Erstere greifen öfter zur ökonomischen, psychologischen und körperlichen Gewalt, während ehemalige Partner dazu neigen, Frauen durch Stalking, Verfolgung und körperliche Misshandlung zu verletzen. Wie bereits gesagt, ist die Trennungsphase der Moment im Leben einer Frau, der unter dem Sicherheitsprofil zu den schwierigsten und gefährlichsten zählt. Nicht nur Partner und ex-Partner, sondern auch Eltern, Verwandte und Freunde üben Gewalt gegen Frauen aus, während nur sehr selten unbekannte Männer zu Tätern werden (meist in Fällen von sexueller Ausbeutung und Menschenhandel sowie Zuhälterei). Erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, der Frauen dazu bewegt, sich an die Dienststellen zu wenden. Es ist jedoch wichtig, dass auch versteckte oder getarnte Gewaltfälle zur Sprache kommen. Dies kann erfolgen, wenn das Fachpersonal die Lage erkennt und direkte Fragen an die betreffende Frau stellt, oder wenn die betreffende Frau das Thema indirekt oder als “Nebensache” aufwirft. Die Aufdeckung der versteckten Gewaltfälle ist besonders wichtig und es ist von wesentlicher Bedeutung, über spezialisiertes Kontaktpersonal zu verfügen, das imstande ist, implizite Gewalt im Erlebten zu erkennen und zur Sprache zu bringen. Im Einklang mit dem bisherigen Bild ist die Tatsache, dass die absolute Mehrheit der Frauen, die Kontakt zu den Netzwerkdienststellen aufgenommen haben, von den Kontaktstellen gegen Gewalt und den Frauenhäusern betreut werden bzw. in geschützten Wohnungen leben, während ein kleinerer Anteil von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen unterstützt werden. Das Wissen um die Unterstützungsmöglichkeiten, die das Netzwerk gegen die Gewalt an Frauen anbietet, stellt ein strategisches Element im Rahmen der politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Gewalt und zur Unterstützung der hilfesuchenden Frauen dar. Die Ergebnisse der Beobachtungsstelle zeigen, dass die Netzwerksynergie diesbezüglich sehr groß ist: 50% der Frauen haben die Netzwerkdienste durch das Netzwerk selbst kennengelernt. In der ersten Kontaktphase spielen zudem FreundInnen und Familienmitglieder eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, sich an die vorhandenen Dienststellen zu wenden. Freundinnen und Bekannte sind und bleiben in den meisten Fällen die ersten Ansprechpartnerinnen hilfesuchender Frauen. Was die Netzwerkdienste anbelangt, so stellen meist die Sozialdienste den ersten Anlaufpunkt dar, der den Frauen Informationen liefert und sie an andere Stellen weiterleitet. Gleich nach den Sozialdiensten befinden sich in dieser Rangordnung die Sicherheitskräfte und die Fachdienste (Beratungsstellen, geschützte Wohnungen, Kontaktstellen gegen Gewalt). Zusätzlich zur Soforthilfe durch die geschützten Wohnstrukturen für gefährdete Frauen und Kinder liefern die Netzwerkdienste den Frauen Unterstützung auf ihrem Weg aus der Gewalt, das eines der wesentlichen Ziele der entsprechenden Maßnahmen darstellt. Zu den möglichen Maßnahmen, die diesen Weg erleichtern, gehört auch der Zugriff auf gesetzlich vorgesehene Instrumente wie Anträge auf Wegweiseanordnungen oder Annäherungsverbote, straf- und zivilrechtliche Klagen oder Meldungen beim Jugendgericht. Bereits in der ISTAT-Erhebung aus dem Jahr 2006 stach die Stadt Bozen im Vergleich zu den anderen italienischen Städten wegen der hohen Anzahl an Anzeigen hervor. Die vorliegende Datenerhebung bestätigt diesen Trend: 30% der von den Netzwerkdiensten betreuten Frauen hat den Täter bei den Behörden angezeigt, ein gleich hoher Prozentsatz hat beim Jugendamt Fälle von Gewalt gegen Minderjährigen gemeldet. Es handelt sich


um ein hervorragendes Ergebnis, das nach Ende der noch laufenden Verfahren auch hinsichtlich der gerichtlichen Ergebnisse 端berpr端ft werden muss.


Das Bozner Netzwerk der Dienste für Frauen in Gewaltsituationen – Erstes Tätigkeitsjahr1 von Maura Misiti, statistische Datenbearbeitung von Marcella Prosperi* Einführung Die Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das weltweit eine zunehmende Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Vereine, Bewegungen, internationale Behörden und nicht zuletzt die internationale Öffentlichkeit sind sich immer stärker bewusst, dass es sich um eine globales Problem handelt und üben dementsprechend Druck aus. Auch die Medien tragen dazu bei, die dramatische Eskalation von Gewalttaten gegen Frauen sichtbar zu machen und zu dokumentieren. Im neuesten Sonderbericht von Rachida Manjoo (UNO-Berichterstatterin) über die genderbasierten Tötungen, der im Juni 2012 veröffentlicht wurde (CHR, 2012), wird der Frauenmord als Extremausdruck der vielen, verschiedenen Formen von Gewalt, die gegen Frauen ausgeübt wird, definiert, als letzte, tödliche Folge eines tragischen Kontinuums. Im Bericht wird unterstrichen, dass dieses Phänomen alarmierende Ausmaße erreicht hat und die Gewalt gegen Frauen immer noch akzeptiert, toleriert und gerechtfertigt wird, weil sie kulturell und sozial stark verwurzelt ist. Der Bericht endet mit einer Reihe von Empfehlungen an die UNO-Mitgliedsstaaten, damit sie ihrer Pflicht, das Phänomen zu bekämpfen, sorgfältig nachkommen. Im Vorjahr (2011) hatte die Berichterstatterin bereits einen Spezialbericht über die Gewalt gegen Mädchen und Frauen erstellt, worin sie den komplexen Rahmenkontext beschreibt, in dem sich verschiedene Formen von Diskriminierung überschneiden, gegenseitig verstärken und so zu einer stetigen Zuspitzung des Phänomens der Gewalt gegen Frauen führen. Der Bericht endete mit der Empfehlung, einen ganzheitlichen Ansatz gegen die genderbasierte Gewalt anzuwenden, um gleichzeitig sowohl die strukturellen Elemente als auch die jeweiligen Diskriminierungsfaktoren zu berücksichtigen. Wenn das Thema der Gewalt gegen Frauen als übergreifendes Phänomen dargestellt wird, das die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte sowie sämtliche Zivilrechte betrifft, fällt es den Policy Makers leichter, die Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Diskriminierungsformen und die Vielfalt der tatsächlichen Gewaltformen zu begreifen. Dieser mehrdimensionale Ansatz erfordert den Einsatz von Personal- und Materialressourcen für die Bewertung und Überprüfung der Auswirkung der im Bereich Gewalt und Diskriminierung getroffenen Maßnahmen, verabschiedeten Gesetze und geleisteten Dienste, einschließlich der Unterstützung der Opfer und des Schadenersatzes. Zu den Aktionen, die die Berichterstatterin vorschlägt, gehören auch öffentliche Maßnahmen im Bereich der Erziehung, um stereotypische Wertvorstellungen und Vorurteile abzubauen, von denen sich die Gewalt gegen Frauen ernährt. In lokaler Hinsicht ist es hier wichtig, auf die Mission zu verweisen, die die Berichterstatterin 2011 in Italien durchführte. In ihrem Bericht über die italienische Situation unterstrich sie, dass die häusliche Gewalt das am meisten verbreitete Gewaltphänomen ist. Weniger als ein Fünftel der * IRPPS-CNR


Opfer erachtet die erlittene Gewalt als Straftat, ein Drittel betrachtet sie als „normal“, nur ein Viertel hält eine Vergewaltigung oder eine versuchte Vergewaltigung für strafbar. Die Verdeckung dieses Phänomens hat sowohl mit seiner geringen Sichtbarkeit als auch mit der Tatsache zu tun, dass die Frauen eher selten Anzeige erstatten, da sie meist wirtschaftlich von den Tätern abhängen und zudem der Ansicht sind, dass der Staat nur wenig oder gar nichts unternehmen wird. Die ununterbrochene häusliche Gewalt spiegelt sich in der steigenden Anzahl von Frauen wider, die vom (oft ehemaligen) Partner, Ehemann oder Lebensgefährten ermordet werden2. Um das Thema der Gewalt in Italien wirklich zu verstehen, müssten viele Fragen ausgehend von den großen Schwierigkeiten aufgeworfen werden, gegen die die Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt täglich kämpfen müssen. Da sie nur mangelnd finanziert werden, können sie den Frauen, die Opfer von Gewaltsituationen sind, immer seltener angemessenen Beistand anbieten. Dies hat negative Auswirkungen auf die Anerkennung der Gewaltsituationen selbst, auf die Unterstützung der Frauen und ihrer Kinder, auf die Eingliederung der wirtschaftlich Schwächeren in die Arbeitswelt. Zu den wichtigsten Bemerkungen der Berichterstatterin gehört mit Sicherheit die Vorhaltung, dass die Institutionen, die Regierung und die Zivilgesellschaft im Falle der Gewalt gegen Frauen noch viel zu wenig auf getrennte statistische Daten zurückgreifen. Die „jüngste“ offizielle Datenerhebung (ISTAT-Bericht “Gewalt gegen Frauen in und außerhalb der Familie”) stammt aus dem Jahr 2006 (!). Geschlechtsspezifische, aktualisierte Daten und Statistiken sind von äußerster Wichtigkeit, um angemessene Gesetze, Maßnahmen und Programme zu entwerfen und umzusetzen und sie auf ihre Wirksamkeit hin zu evaluieren. Der Datenaustausch zwischen allen beteiligten Stellen – d.h. auch den zuständigen Ministerien, den Sicherheitskräften, den Gerichtsbehördern und den Fachorganisationen – stellt dazu eine notwendige Voraussetzung dar. Auch die CM-Rec 2002(5) empfohl u.a. die Durchführung spezifischer Untersuchungen und die Einholung von speziellen Daten zur Bemessung des Phänomens sowie zur Kontrolle der Wirksamkeit der angewandten Maßnahmen. All dies wurde, wie gesagt, von der Berichterstatterin bestätigt und steht im erst kürzlich unterzeichneten Abkommen von Istanbul Schwarz auf Weiß geschrieben. Das Abkommen muss durch entsprechende Anpassungsmaßnahmen ratifiziert werden. Zum ersten Mal ist im Dokument zudem ausdrücklich von Zwangsheirat die Rede und es werden detaillierte Vorgaben in Bezug auf die vorgesehenen Untersuchungen und Datenerhebungen aufgelistet. Die Erfahrung der Bozner Beobachtungsstelle Vor diesem Hintergrund ist vor einem Jahr das Bozner Netzwerk der Dienste entstanden, die den Gewaltopfern Unterstützung anbieten. Nachfolgend werden die Ergebnisse der bisherigen Arbeit dieses Netzwerks vorgestellt, das Fachstellen wie das Zentrum gegen Gewalt, öffentliche Sicherheitsbehörden und Vereine, die auf spezifische Bedürfnisse eingehen, untereinander verbindet. Im Gründungsjahr 2012 befassten sich die Netzwerkdienste mit insgesamt 145 Gewaltfällen und verhalfen den betroffenen Personen, sich teilweise oder gänzlich von der jeweiligen Gewaltsituation zu befreien. Die Fragebögen wurden zwar aufmerksam ausgefüllt, doch bei einer solch begrenzten statistischen Anzahl kann der Ausfall von auch nur wenigen Daten bereits Probleme verursachen. Es kann 2

(CEDAW/C/ITA/Q/6/Add.1)


durchaus sein, dass es beim Ausfüllen der Bögen einfach objektive Schwierigkeiten gab, die erwünschte Information einzuholen: Es handelt sich dabei insbesondere um die Angaben über den Täter, Lücken gibt es aber auch in Bezug auf die Arbeitssituation der Frauen und über die Elemente, die den ersten Gewaltausbruch verursacht und zur eventuellen Anzeige geführt haben. Auch die Zusatzfragen, die die Interaktion zwischen den verschiedenen Netzwerkdiensten betreffen, wurden nur teilweise beantwortet: Es muss untersucht werden, wieso es diesbezüglich Schwierigkeiten gab. In anderen Fällen (Nichtangabe des Berufsprofils und des Geschlechts der Fachperson aus dem Netzwerk) könnte es sich lediglich um Flüchtigkeitsfehler handeln. Die nachfolgende Tabelle gibt Aufschluss über die Dienste, die an der Datenerhebung mittels Fragebögen teilgenommen haben, deren Daten in die Datenbank der Beobachtungsstelle einfließen. Für jeden Fall, der von einer Netzwerkdienststelle behandelt wird, wird ein entsprechendes Datenblatt ausgefüllt.

Tabelle 1: Die Netzwerkdienste, die an der Erhebung teilgenommen haben prozentuelle Daten Dienststelle, die den Erhebungsbogen ausgefüllt hat

Dienstnutzerinnen

- absolute und

Prozentsatz

Haus der geschützten Wohnungen

14

9,7

Kontaktstelle gegen Gewalt – Frauenhaus GEA

81

55,9

CSM

8

5,5

Polizeidirektion (Quästur) Bozen

4

2,8

BSB Sozialsprengel Europa Neustift

6

4,1

Verein LA STRADA/DER WEG Bereich Frau

5

3,4

Verein Volontarius – Straßenprojekt

1

,7

Vereinigung Frauen-NISSA'

2

1,4

BSB Sozialsprengel GRIES

4

2,8

12

8,3

Stadtpolizei

1

,7

BSB Sozialsprengel Don Bosco

1

,7

Haus Margaret Caritas

5

3,4

Familienberatungsstelle AIED

1

,7

Familienberatungsstelle l'ARCA


Insgesamt

145

100,0

Wie aus der Grafik 1 ersichtlich, wurden Frauen, die sich an eine Netzwerkstelle gewandt haben, vorwiegend in Obhut des Fachpersonals der Kontaktstellen gegen Gewalt oder des Personals der Sozialdienste genommen. In geringerem Ausmaß nahmen sich ihrer von Psychologinnen und Mediatorinnen an, der Beitrag der Polizeikräfte war fast unerheblich.

Grafik 1: Fachpersonal, das den Erhebungsbogen ausgefüllt hat – absolute Daten

SozialassistentIn SozialbetreuerIn

Betreuerin Koordinatorin KrankenpflegerIn

Psychologin

Erzieherin Mediatorin

Polizei

Die absolute Mehrheit der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt hat, wohnt in Bozen, nur ein kleiner Anteil ist anderswo ansässig. Die Hälfte der Frauen hat ein Alter zwischen 30 und 45 Jahren, ein Drittel ist jünger als 30 Jahre und ein Fünftel älter als 46. Mehr als die Hälfte der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind italienischer Staatsbügerschaft, 21% stammen aus Osteuropa, 10% aus Afrika. Der Anteil an ausländischen Frauen unter den Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, ist größer als der Anteil an ausländischen Frauen, die Anfang 2011 in der Stadt Bozen ansässig waren (13% nach ISTAT-Daten)3. Frauen, die in einer Paarbeziehung leben (Ehemann oder Lebensgefährte), machen 55% der Opfer aus. Es folgen alleinstehende Frauen (27%) und Witwen oder geschiedene Frauen.

3

Istat, Geo Demo, Popolazione straniera residente al 1° gennaio 2011 per età e sesso,


Grafik 2 :Soziodemografische Merkmale der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Familienstand, Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter getrennt oder verwitwet verheiratet oder zusammenlebend ledig Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Die soziodemografische Struktur der Gewaltopfer auf lokaler Ebene weicht von jener, die aus den ISTAT-Daten über die Arbeitskräfte hervorgeht, ab. Beruf und Studientitel der Frauen mit mehr als 15 Jahren, die Anfang 2012 die in der Provinz Bozen wohnten und sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind relativ hoch. Dies hängt sowohl vom beträchtlichen Anteil an Frauen mit höheren Studientiteln als auch vom geringen Anteil an Frauen ohne Studientitel ab. Beim Vergleich


mit den italienweiten Daten muss jedoch berücksichtigt werden, dass die ISTAT-Bevölkerung altersmäßig umfassender ist und Ausbildungsunterschiede somit wahrscheinlicher sind.

Tabelle 2: Bevölkerung, Frauen über 15 Jahre, Daten getrennt nach Studientiteln – Südtirol und Italien, 2012 Autonome Provinz Bozen

Italien

Grundschulabschluss, kein Studientitel

20,5

25,8

Mittelschulabschluss

32,5

28,3

Berufsschulzeugnis 2-3 Jahre (berufliche Qualifikation)

15,3

5,7

Oberschulzeugnis 4-5 Jahre (Abitur/Staatsprüfung)

21,5

27,8

Hochschulabschluss und Doktorat

10,2

12,4

Summe

100,0

100,0

Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012


Grafik 3: Erwerbsstatus der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - %

Angestellte arbeitslos Hausfrau Rentnerin Schülerin oder Studentin Freiberuflerin

Mehr als die Hälfte der Dienstnutzerinnen (53%) ist berufstätig. Es handelt sich dabei vorwiegend um Angestellte, nur ein kleiner Anteil ist freiberuflich tätig. 7% sind Rentnerinnen und die restlichen 40% sind wirtschaftlich unselbständig, entweder weil arbeitslos (29%) oder weil Hausfrau (7,8%) oder Studentin (3,9%). Vergleicht man diese Daten mit den ISTAT-Erhebungen 2012 und den Daten der Gemeinde Bozen aus dem Jahr 2011, so ist die Beschäftigungsrate der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste wenden (52,7%), niedriger als jene der Autonomen Provinz (64,8% ) und der Gemeinde (65,5%), während die Arbeitslosenquote (28,7%) sehr viel höher ist (Provinz 4,8%, Gemeinde 3,5%). Tabelle 3: Wirtschaftsindikatoren Autonome Provinz Bozen, Verteilung auf Nationalebene Frauenarbeits- FrauenQuote der losigkeitsquote beschäftinichterwerbstätigen gungsquote Frauen 4,8 64,8 18,2

Autonome Provinz Bozen 8,6 Nord 11,0 Zentrum 19,3 Süd 11,9 Italien Quelle: Istat - Arbeitskräfteerhebung 2012

57,0 52,3 31,6 47,1

37,7 41,2 60,7 46,5

Was die berufstätigen Frauen betrifft, so haben mehr als die Hälfte unbefristete Arbeitsverträge, während ca. 40% prekäre Arbeitsstellen besetzen. Dementsprechend verfügen nur 44% der Frauen über Einnahmen, die für sich selbst und die eigenen Kinder ausreichen. Es sei unterstrichen, dass


7% bis 8% der Frauen, die von den Netzwerkdiensten unterstützt werden (d.h. 11 Frauen), erklärt haben, sich nicht frei bewegen zu dürfen und eine oder mehrere Landessprachen nicht zu beherrschen. In Bezug auf die Familienlage erklären die meisten Frauen, die sich an die Dienste wenden, mit Kindern und Partner zusammenzuleben. Ein signifikanter Anteil lebt in Wohngemeinschaften oder geschützten Wohneinrichtungen (inkl. Kinder). Nur ein kleiner Prozentsatz lebt allein oder mit den Eltern, mit Verwandten oder mit FreundInnen. Fast die Hälfte (48,8%) der nicht allein lebenden Frauen hat angegeben, dass sie mit der Person zusammenleben, die Gewalt gegen sie ausübt.

Grafik 4 : Wohnsituation der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben - Multiple Choice-Antworten, Prozentsätze

mit Kindern mit dem Partner in Wohngemeinschaft allein mit den Eltern mit anderen Verwandten mit FreundInnen mit den Schwiegereltern

Art der Gewalt In der übergroßen Mehrheit der Fälle (82%) erfolgt die Gewaltausübung im Rahmen der Familie. Gelegenheitsangriffe, Mobbing auf dem Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung sind hingegen seltener (Grafik 5). Grafik 5: Art der Gewalt, die die Dienstnutzerinnen der Netzwerkdienste erlitten haben Prozentsätze


erlittene Gewalt sexuelle Ausbeutung und/oder Ausbeutung als Arbeitskraft Mobbing (auf dem Arbeitsplatz) Gelegenheitsangriffe Häusliche Gewalt

Was die Großkategorie der häuslichen Gewalt anbelangt, so betrifft diese in erster Linie italienische Frauen, gefolgt von Frauen aus Osteuropa, während Frauen aus anderen Ländern weniger davon betroffen sind. Weitere Risikofaktoren, die die Bozner Frauen für häusliche Gewalt anfällig machen, sind folgende: feste Partnerschaft (Ehe), Alter zwischen 30 und 45 Jahren, hoher Studientitel, arbeitslos, Rentnerin. Italienische Frauen sind auch in Bezug auf Mobbing besonders anfällig (insbesondere, wenn es sich um Angestellte handelt), während afrikanische und osteuropäische Frauen stärker sexuell und beruflich ausgebeutet werden. Gelegenheitsangriffe scheinen hingegen nicht von der geografischen Herkunft der Opfer abzuhängen, sondern von ihrem Alter und dem Familienstand (unverheiratet).

Modalitäten der Gewaltausübung Wie aus Untersuchungen und Studien bereits bekannt, summieren und überschneiden sich laut Angaben der Dienstnutzerinnen verschiedene Gewaltmodalitäten, die eine Art Kontinuum bilden. Geht man von den Daten der ausgefüllten Fragebögen aus, so ist die meistverbreitete Form der Gewalt die psychologische Gewalt, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit weitem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking sind weniger signifikant, sexuelle Belästigung ist selten. Diese Rangordnung entspricht sowohl den Ergebnissen der Bozner Erhebung


als auch den Bezugsdaten (Tabelle 4) des nationalen Vereinsnetzes DiRe4 (DiRe, 2012), das die Zahlen, die die Tätigkeit der Kontakt- und Beratungsstellen gegen Gewalt im Jahr 2011 betreffen, gesammelt hat und somit eine passende Vergleichsbasis liefert. Wie gesagt überschneiden sich die Ergebnisse der beiden Erhebungen. Aus dem DiRe-Bericht geht zudem hervor, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben von Gewaltopfern ein Kontinuum bilden und ständig interagieren. Bei gleichzeitiger Ausübung verschiedener Gewaltmodalitäten steigt natürlich auch die Gefährlichkeit der Situation. Tabelle 4 : Von den Fachkräften gemeldete Art der Gewaltausübung – Multiple-Choice-Antworten, Prozentsätze

Art der Gewalt

körperliche Gewalt

% der Antworten

% der Fälle

absolute Werte (Anzahl der Antworten)

Daten Dire 2011 (% der Fälle)

27,0

67,6

114

47,0

8,5

21,4

36

14,2

psychologische Gewalt

37,1

80,7

157

54,4

ökonomische Gewalt

14,4

37,9

61

24,0

Stalking

9,9

16,6

42

9,3

Belästigung

3,1

7,6

13

-

Antworten insgesamt (Multiple Choice)

100

231,8

423

148,3

sexuelle Gewalt

Orte der Gewalt Das eigene Zuhause ist der Ort, der für Frauen am gefährlichsten ist. Dies gilt für alle Gewaltformen (weniger für sexuelle Belästigungen und Stalking). Die häusliche Gewalt hat zudem einen besonders hohen Intensitätgrad (man denke z.B. daran, dass die ökonomische Gewalt zu 84%, d.h. fast zur Gänze, zu Hause und in der Familie ausgeübt wird). Daheim entfalten sich aber auch alle anderen Gewaltformen mit besonderer Häufigkeit. Das Netzwerkpersonal hat angegeben, dass die meisten Fälle von körperlicher, psychologischer und sexueller Gewalt zu Hause stattfinden; auch Stalking und Verfolgung werden in einem Fall von drei im häuslichen Kontext ausgeübt. (Grafik 6). Öffentlichen Orte (Straßen, Parkplätze, Parks und Gastbetriebe) sind für Frauen auch nicht ungefährlich, insbesondere in Bezug auf Stalking und sexuelle, psychologische und ökonomische Gewalt. Auf dem Arbeitsplatz steht hingegen gerade das Stalking ganz oben auf der Liste, gefolgt von sexueller, ökonomischer und psychologischer Gewalt. In den Freizeiträumen der Schulen werden immer öfter Stalkingfälle verzeichnet.

1 D.i.Re.,Donne in Rete contro la violenza, Rilevazione dati 2011, 2012


Grafik 6 : Orte der Gewaltausübung aufgeteilt nach Art der Gewalt - Prozentsätze

Stalking Sexuelle Gewalt Psychologische Gewalt Körperliche Gewalt Ökonomische Gewalt Andere Orte

Schule + Freizeitstätten

Öffentliche Orte + Gastbetriebe

Arbeitsplatz

Zuhause


Grafik 7 : Zeitraum der Gewaltausübung, Daten aufgeschlüsselt nach Art der Gewalt

aktuell

Ökonomische Gewalt

in der Vergangenheit

Körperliche Gewalt

sowohl in der Vergangenheit als auch aktuell

Psychologische Gewalt

Stalking

Sexuelle Gewalt

Gewalterfahrungen stellen ein Kontinuum im Leben der meisten Frauen dar, sie sind ein Element, das Vergangenheit und Gegenwart kennzeichnet, eine konkrete Tatsache, mit der sie täglich zu tun haben. Die Gegenwart wird insbesondere bei Stalkingfällen als besonders bedrohlich empfunden, während bei sexueller, körperlicher, psychologischer und ökonomischer Gewalt die Vergangenheit eine besonders schwere Bürde darstellt (Grafik 7). Jede Art von Gewalt scheint zudem ihr eigenes Timing zu haben. Sexuelle Belästigungen sind im Normalfall einmalig, während beim Stalking und der Verfolgung die Standarddauer – wie auch bei der psychologischen Gewalt – zwei bis vier Jahre beträgt. Sexuelle Gewalt hält meist bis zu 10 Jahren an, ökonomische Gewalt sogar noch mehr. Die Mehrheit der Frauen (65%), die von den Dienststellen unterstützt wird, stellt keinen Bezug zwischen der erlittenen Gewalt und spezifischen Ereignissen oder Lebensaspekten her. Der Rest der Dienstnutzerinnen gibt an, dass die Gewalt in einer besonderen oder besonders heiklen Phase begonnen hat: In einem Drittel der Bozner Fälle war die Schwangerschaft oder die Geburt eines Kindes der auslösende Faktor für den Gewaltausbruch, der meist durch verfolgerisches Verhalten und Belästigungen gekennzeichnet ist. Dieses Schema entspricht den internationalen Erkenntnissen5. Aus der Literatur geht hervor, dass die Geburt eines Kindes bei manchen Partnern 5 Brewer J. E., Paulsen D.J. (1999), “A comparison of US and Canadian findings on uxoricide risk for women with children sired by previous partners”, Homicide Studies, 3, 317-332.
Campbell J.C. (2001), “Abuse during pregnancy: A quintessential threat to maternal and child health – so when do we start to act?”, Canadian Medical Association Journal, 164, 1578 - 1579


negative Gefühle wie Eifersucht und Wut erweckt oder den Eindruck erzeugt, einem Zwang ausgesetzt zu sein (insbesondere bei ungeplanten Schwangerschaften). Diese Emotionen sind oft sehr stark und können zu Gewalttaten gegen Mutter und Kind führen. In Italien erleiden nach ISTAT-Daten mehr als 11% der schwangeren Frauen Gewalt durch den Partner. Ganz generell beginnt bei Gewaltopfern der Leidensweg in 13,6% der Fälle gerade während der Schwangerschaft; in 52,5% der Fälle gab es bereits zuvor Gewalt und sie bleibt mit gleicher Intensität auch während der Schwangerschaft bestehen; in 17,2% der Fälle nimmt die Gewalt während der Schwangerschaft zu und nur in 15,9% der Fälle nimmt sie ab. Die Bozner Daten bestätigen diesen Trend und unterstreichen die Gefahren für Mutter und Kind, die daraus entstehen können. Häusliche Gewalt während der Schwangerschaft kann zu ungewollten Schwangerschaftsunterbrechungen, vorzeitigen Geburten und Untergewicht bei der Geburt führen. Die Opfer von häuslicher Gewalt neigen außerdem dazu, gefährliche Gewohnheiten anzunehmen (Rauchen, Alkohol- und Drogenmissbrauch). Körperliche Misshandlungen sind oft auch mit Problemen im Bereich des Fortpflanzungssystems, mit Harnwegentzündungen, Depression und anderen mentalen Krankheiten assoziiert. Gewalt während der Schwangerschaft ist schließlich auch gepaart mit hohen Raten an unerwünschten Schwangerschaften, Schwangerschaften im Jugendalter und Abtreibungen. Grafik 8: Hat die Gewaltausübung zu einem besonderen Zeitpunkt im Leben der Frau stattgefunden bzw. begonnen?

Menschenhandel zwecks Ausbeutung Beginn der Arbeitstätigkeite/ Ende Trennung Eheschließung Schwangerschaft/Geburt der Kinder Schwierigkeiten mit dem Partner

Zu den Ereignissen, die zu einem auslösenden Faktor für die Gewaltausübung in einer Beziehung werden können, gehören auch die Eheschließung, die Zusammenführung von Familien (bei Migrantinnen), Trennung und Scheidung sowie Schwierigkeiten mit dem Partner. Es handelt sich Campbell J.C., Webster D., Koziol McLain J., Block C., Campbell D., Curry M. A., Gary F., Glass N., McFarlane J., Sachs C., Sharps P., Ulrich Y., Wilt S.A., Manganello J., Xu X., Schollenberger J., Frye V., Laughton K., (2003), “Risk factors for femicide in abusive relationships: Results from a multisite case control study”, American Journal of Public Health, 93, 1089-97.


um Anlässe, die sich im Beziehungsleben abspielen und starke Gefühle hervorrufen. Die Schwierigkeit, die eigenen Gefühle unter Kontrolle zu halten, spielt eine ausschlaggebende Rolle beim Entstehen von Gewalt innerhalb einer intimen Beziehung, auch wenn die Kontexte sehr unterschiedlich sind. Bei Trennungen ist Stalking die häufigste Gewaltform, während bei Ehen ökonomische und körperliche Gewalt vorwiegen. Ein Fünftel der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, gibt an, dass die Gewalt mit der sozialen und beruflichen Sphäre verbunden ist (Arbeitstätigkeit, Arbeitswechsel, Migration) und sich vornehmlich in Form von ökonomischer Gewalt und Verfolgung ausdrückt. Ein geringerer aber dennoch bedeutsamer Anteil der Frauen ist Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung. Die für diese Verbrechen typische Gewaltform ist die Vergewaltigung (Grafik 8). In Bozen wurden außerdem auch ein Fall von Genitalverstümmelung und ein Fall von Zwangsheirat verzeichnet.

Wer übt Gewalt gegen Frauen aus? Täter sind insbesondere Ehemänner, Verlobte und Partner (53%) sowie ehemalige Partner (13.6%). Erstere üben vorwiegend ökonomische, psychologische und körperliche Gewalt aus, während ehemalige Partner eine “Vorliebe” für Stalking, Verfolgungsakte und körperliche Misshandlungen haben. Die Daten, die die von ehemaligen Partnern ausgeübte Gewalt betreffen, zeigen, dass die Trennungsphase ein besonders komplexer Übergang ist, bei dem eine eingehende und kompetente Überprüfung einer eventuellen Rückfallgefahr von wesentlicher Bedeutung ist. In 16% der Fälle sind die Täter Familienmitglieder (Eltern und Verwandte), in 11% der Fälle handelt es sich um Freunde und Bekannte. Die Fälle, in denen der Täter eine unbekannte Person ist, sind selten und finden meist im Zusammenhang mit Menschenhandel und mit Zuhälterei statt. Die Daten des Dire-Netzes6 (DiRe, 2011) ermöglichen einen Vergleich zwischen der Bozner Realität und jener auf Nationalebene: Der Fokus liegt in beiden Fällen bei den Intimbeziehungen, da der Partner sowohl in Bozen als in ganz Italien als Hauptverantwortlicher der Gewalttaten hervorgeht. Der von DiRe erhobene Prozentsatz ist jedoch mit 64% bedeutsam höher als jener von Bozen. Dasselbe gilt, in geringerem Ausmaß, für die Daten in Bezug auf die ehemaligen Partner (20% auf Nationalebene). In Bozen ist hingegen die Gewalt gegen Frauen, die von Familienmitgliedern (Eltern und Verwandte) herrührt, häufiger als im Rest Italien (16,2% gegen 8%). Eine ähnliche Abweichung gibt es auch im Falle der von Freunden und Bekannten ausgeübten Gewalt (11% gegen 6%) sowie jener, die von unbekannten Personen ausgeübt wird (3,9% gegen 2%). Grafik 9 : Beziehung zum Gewalttäter - Prozentsätze 6

In diesem Fall beziehen wir uns auf die DIRE-Erhebung 2010, in der die Daten besser aufgeschlüsselt und deswegen

auch besser vergleichbar sind (DiRe, “DATI STATISTICI ANNO 2010: 3° RILEVAZIONE NAZIONALE”).


Zuhälter/Zuhälterin Unbekannte/r Elternteil/Verwandte/r Ehem. Ehemann (ehem. Freund/ehem. Partner) Freund/Bekannter/Arbeitskollege

Profil der gewaltausübenden Personen Zirka die Hälfte der Täter ist zwischen 30 und 45 Jahre alt (51%) und somit ungefähr gleich alt wie die Hälfte der Frauen, die Opfer von Gewalt sind. Mehr als ein Drittel ist über 46 Jahre alt und nur eine Minderheit ist jünger als dreißig: Dieses Verhältnis ist bei Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wurde, umgekehrt (es wiegen jüngere Frauen vor). Die Täter sind vornehmlich - und in stärkerem Ausmaß als ihre Opfer - italienischer Nationalität (66%), während die Täter aus Osteuropa oder Afrika einen geringeren Prozentsatz als die Gewaltopfer aus diesen Weltteilen ausmachen. Diese Daten belegen, dass italienische Männer häufiger sowohl gegen Italienerinnen als auch gegen Ausländerinnen und jüngere Frauen gewalttätig sind. Die Frauen, gegen die Gewalt ausgeübt wird, haben einen signifikant höheren Ausbildungsgrad als die gewaltausübenden Männer: Der Anteil an Frauen mit akademischem Abschluss ist fast doppelt so große wie jener der Männer; auch der Besitz eines Reifediploms ist bei Frauen häufiger, während Berufsschuldiplome und Mittelschuldiplome bei den Tätern stärker vertreten sind als bei den Opfern. Dieser Umstand müsste näher untersucht werden, um zu verstehen, ob diese kulturelle Differenz einen Zusammenhang mit der ausgeübten Gewalt hat, auch wenn auf Nationalebene keine Verknüpfung dieser Art festgestellt wurde (Istat, 2007). Unter dem Gesichtspunkt der Beziehungen zwischen Gewalttäter (Männer) und Gewaltopfer (Frauen) zeigen die erhobenen Daten, dass für verheiratete Frauen das größte Risiko von ihren Ehemännern ausgeht, während es bei unverheirateten Frauen der ehemalige Partner, ein Freund, ein Bekannter oder ein Kollege sind. Junge, unverheiratete Frauen sind oft Opfer von Eltern und Verwandten. Frauen, die mit ihren Partnern (Ehemann oder Lebenspartner) und/oder ihren Kindern zusammenleben, sind bzw. waren vornehmlich Opfer ihres Partners. Dies gilt auch für die Mehrheit


der Frauen, die derzeit in Frauenhäusern oder in Gemeinschaften leben. Alleinlebende Frauen sind meist Opfer ehemaliger Partner oder von Freunden und Bekannten. In Wohngemeinschaften leben auch auch Frauen, die Opfer von Verwandten oder von Menschhandel waren. In den meisten Fällen handelt es sich bei den Tätern um “normale” Männer, die keine spezifischen Probleme haben, welche ein gewalttätiges Verhalten “hervorrufen” oder verstärken können (wie z.B. Alkohol- oder Drogenmissbrauch, wirtschaftliche oder psychiatrische Probleme usw.). Im Rest der Fälle sind Probleme verschiedener Art vorhanden, es wiegen jedoch Alkoholabhängigkeit und soziale Probleme vor (16% bis 17%), während Drogenmissbrauch und psychiatrische Probleme seltener sind (Tabelle 5). Zum Vergleich sei auf die Istat-Daten 2006 hingewiesen, die bezüglich der gewaltausübenden Männer, die unter der Wirkung von Alkohol oder Drogen stehen, einen etwas geringeren Prozentsatz angeben (13,3%).

Grafik 10: Soziodemografische Merkmale der Gewalttäter und der Gewaltopfer - Prozentsätze

Gewaltopfer


Gewalttäter Studientitel, Staatsbürgerschaft, Alter Hochschulasubildung Abitur Mittelschulabschluss und Zeugnis Berufsschule Grundschulabschluss Andere Länder Italien Ostländer EU Afrika Ab 46 Jahre Zwischen 31 und 45 Jahren Bis 30 Jahre

Tabelle 5: Eventuelle Probleme der gewalttätigen Person (Multiple Choice), Prozentsätze Person ohne offensichtliche Abhängigkeitsprobleme und/oder soziale bzw. psychische Probleme Alkoholiker/Alkoholikerin Drogensüchtige/r Person mit psychiatrischer Störung

46,5% 17,4% 4,9% 1,4%

Person mit sozialen Problemen

16,7%

Keine Erkenntnisse

13,2%

Anwesenheit von Kindern In 60% der Fälle leben mit den Gewaltopfern auch Kinder zusammen; es handelt sich dabei fast immer um Töchter und Söhne der Opfer, nur selten besteht eine andere Art von Verwandtschaft. In der Mehrheit der Fälle erleben die Kinder die Gewalt direkt oder indirekt mit. Fast die Hälfte (44%) erlebt Gewalttaten direkt mit, ein Viertel ist während der Vorfälle nicht direkt anwesend, weiß aber, dass Gewalt ausgeübt wird (24%). Beträchtlich ist auch der Anteil an Kindern, die direkte Gewalt erleiden, während der Prozentsatz an Kindern, die weder direkt noch indirekt der Gewalt beiwohnen oder Opfer davon sind, sehr geringfügig ist. Die Art der miterlebten oder erlittenen Gewalt stimmt fast immer mit der der Mutter zusammen. Aus den erhobenen Daten geht eine starke direkte Einbindung der Minderjährigen in die Gewalt und eine sowohl körperliche als auch psychologische Gefährdung hervor. Das Verhaltensmuster der Täter ist typischerweise stets dasselbe. Laut der zitierten ISTAT-Studie gaben 62,4% der Frauen, die Opfer von Männergewalt sind, an, dass ihre Kinder einem oder mehreren Gewaltszenen beigewohnt haben (davon 19,6% nur in seltenen Fällen, 20,2% manchmal und 22,6% oft). Tabelle 6: von Minderjährigen erlittene Gewalt (Multiple Choice), Prozentsätze


Körperliche Gewalt in direkter Form

11,4%

Psychologische Gewalt in direkter Form

15,2%

Ökonomische Gewalt in direkter Form

3,0%

Miterlebte Gewalt in direkter Form

43,9%

Miterlebte Gewalt in indirekter Form

23,5%

Nein

3,0%

Die Dienststellen und das Netzwerk Der Fragebogen sah eine offene Frage in Bezug auf die Kenntnis der Dienste vor, die vom Netzwerk angeboten werden. Die Art und Weise, wie Dienstnutzerinnen von den Diensten erfahren, ist eine extrem wichtige Information: Sie gibt Aufschluss darüber, inwieweit das Wissen über die bestehenden Dienste gegen Gewalt an Frauen unter hilfsbedürftigen Opfern verbreitet ist. In 50% der Fälle haben die Frauen von den Netzwerkdiensten durch das Netzwerk selbst erfahren. Dies ist ein gutes Ergebnis, das auf eine gelungene synergetische Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Knoten des Netzwerks hinweist. In der ersten Phase der Kontaktaufnahme bleibt jedoch die Rolle der FreundInnen und der Familie ausschlaggebend: Freundinnen und Bekannte sind oft die ersten AnsprechpartnerInnen der hilfesuchenden Gewaltopfer und raten ihnen, sich an Dienststellen des Netzwerks zu wenden. Was das Netzwerk selbst betrifft, sind die Sozialdienste – durch die SozialassistentInnen – die Knotenpunkte, die die Fälle zuerst filtrieren und den betroffenen Frauen weiterhelfen, gefolgt von den Sicherheitskräften und den Fachdiensten (Beratungsstellen, Frauenhäuser, Kontaktstellen gegen Gewalt). Weniger aktiv sind diesbezüglich die Fachleute der Gesundheitsdienste (FamilienärztInnen, PsychologInnen, Krankenhäuser). Bedeutsam ist hingegen der Zugriff auf die grünen Telefonnummern und auf Internet, die ein relativ neues Instrument sind, aber dennoch ziemlich bekannt und zuverlässig zu sein scheinen.


Grafik 11 :Wie hat die Frau von der Dienststelle erfahren? (Prozentsätze)

durch eine Freundin, eine Bekannte Sozialdienste, Sozialassistentin Polizei, Ordnungskräfte, Polizeidirektion (Quästur) Familienhaus, Familienberatungsstelle, Gea, Dienststellen Grüne Nummer, Zufall, Internet Verwandte Familienarzt/Familienärztin, Psychologe/Psychologin, Krankenhaus Rechtsanwalt/Rechtsanwältin bereits bekannt keine Angabe

Die erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, weshalb sich Frauen an die verschiedenen Dienste wenden (77%). Es ist extrem wichtig, dass bei den Gesprächen mit dem Personal der Dienste auch die versteckte und verneinte Gewalt belichtet und anerkannt werden. Dies kann entweder durch direkte Fragen erwirkt werden oder als Nebeninformation oder indirekte Auskunft in die Erzählung der betroffenen Frau einfließen. Es handelt sich um ein wichtiges Ergebnis, das von der fachlichen Vorbereitung des Personals der Anlaufstellen zeugt, die so zeigen, dass sie imstande sind, die erlebte Gewalt auch in solchen Fällen zu erkennen und sie aufzudecken. Grafik 12: Wenn das Thema Gewalt von der Frau nicht als Hauptgrund genannt wurde, wer hat dieses Thema zur Sprache gebracht? (Prozentsätze)


Die Frau selbst, als sekundäres Problem Die Frau selbst, jedoch indirekt im Rahmen anderweitiger Erzählungen Die Fachperson durch direktes Fragen

Eine grundsätzliche Bestätigung der Rangordnung der Anlaufstellen für die hilfesuchenden Frauen geht auch aus den Antworten auf die Frage hervor, ob sich die betroffene Frau mit der Bitte um Hilfe auch “an andere” gewandt hat. In diesem Fall waren – anders als bei der vorhergehenden Frage - mehrere Antworten möglich: Die Antworten zeigen, dass die Sicherheitskräfte, die Sozialdienste und die Kontaktstellen gegen Gewalt sowie die FreundInnen der erste Anlaufpunkt sind und den ersten Schritt auf dem Weg aus den Gewalt heraus darstellen (Grafik 13). Es folgen die Familie und andere Dienststellen. Bei 24% der Antworten steht, dass sich die betroffene Frau zuvor an niemand anderen gewandt hat und somit direkt den Dienst als erste Anlaufstelle gewählt hat. Grafik 13: Hat sich die Frau bereits an andere Personen/Anlaufstellen gewandt? (Multiple Choice), Prozentsätze


Ordnungskräfte Nein Freunde/Freundinnen Sozialdienste Frauenhaus/geschützte Wohnungen Verwandte Rechtsanwalt/Rechtsanwältin Eltern Familienberatungsstelle Krankenhaus Psychologischer Dienst Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin) NachbarInnen

Wie gut das Netzwerk funktioniert kann zum Teil anhand der Antworten auf die Frage bezüglich der Interaktion mit anderen Diensten bewertet werden, d.h. ob die Fachperson, die den Fragebogen beantwortet, die betreffende Dienstnutzerin an andere Dienststellen “weitergeleitet” hat. Leider hat fast die Hälfte davon (44%) auf diese Frage nicht geantwortet, was zu einer geringen Gesamtsignifikanz der entsprechenden Daten führt. Die Mehrheit (72%) von jenen, die die Frage beantwortet haben, hat keine Frau an andere Dienste weitergeleitet. Vorwiegendes Ziel der weitergeleiteten Frauen waren die Kontaktstelle gegen Gewalt, die geschützten Wohnungen und das Frauenhaus. Die Situation der von den Netzwerkdiensten Ende 2012 betreuten Frauen ist in der Abbildung 14 beschrieben: Sieht man von den Frauen (13%, d.h. 17 Frauen) ab, die von keiner Dienststelle betreut werden, so wird die absolute Mehrheit der Gewaltopfer von Kontaktstellen und Frauenhäusern unterstützt oder lebt in geschützten Wohnungen, während der Rest von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen betreut wird.

Grafik 14: Wer betraut die Frau mit Blick auf die Gewaltsituation?(Multiple Choice), Prozentsätze


Frauenhaus/geschützte Wohnungen Niemand Sozialdienste Familienberatungsstelle PsychiaterIn/NeuropsychiaterIn Psychologischer Dienst Sozialpädagogische Einrichtung Private Einrichtung (Psychologe/Psychologin)

Anzeigen bei Gericht Zirka ein Drittel der vom Bozner Netzwerk betreuten Frauen hat eine strafrechtliche Anzeige erstattet oder (im Falle von Minderjährigen) das Jugendgericht benachrichtigt. Es handelt sich um einen sehr hohen Prozentsatz, insbesondere im Vergleich zum italienischen Durchschnittswert, der aus den ISTAT-Erhebungen 2006 hervorgeht (7,3% der Frauen, die Opfer vom Männergewalt sind, erstatteten Anzeige wegen vom Partner ausgeübter körperlicher oder sexueller Gewalt). Die Netzwerkdaten sind besonders erfreulich, weil sie sich nicht nur von den italienweiten Zahlen, sondern auch vom Südtiroler Durchschnitt (13,7%) derselben ISTAT-Studie positiv abheben (es ei darauf hingewiesen, dass Südtirol bereits damals die „beste“ unter den italienischen Regionen war). Da die Mehrzahl der gerichtlichen Verfahren noch läuft, ist es frühzeitig, Schlüsse über das Ergebnis der Anzeigen zu ziehen. Tabelle 7: Gerichtliche Schritte der Frauen, die von den Netzwerkdiensten betreut werden absolute Daten und Prozentsätze Ja

Nein

Sum me

Absolute Daten Strafanzeige/Strafantrag/Klage (Gerichtsbehörde) Anzeige (Staatsanwaltschaft bei Jugendgericht)

%

41

96

137

43

99

142

29, 9 30, 3

70, 1 69, 7


Tabelle 8 : Ergebnis der Gerichtsverfahren – Prozentsätze 1 – Rücknahme der Anzeige

18,6

2 – hängiges Verfahren

65,1

3 – Verurteilung der gewalttätigen Person / Strafzumessung auf Antrag der Parteien

7,0

4 – Freispruch

9,3

Summe

100,0

Schlussbemerkungen Aus dem vorliegenden Bericht können nur provisorische Schlussfolgerungen gezogen werden, da die verarbeiteten Daten bislang ein einziges Arbeitsjahr (das Startjahr!) umfassen. Trotzdem können wir uns davon ausgehend ein Bild vom Netzwerk, von den Dienstnutzerinnen, von den Bedürfnissen der Frauen und von der Art der jeweils erlittenen Gewalt machen. Die Anzahl der Fälle ist jedoch noch zu gering, um die Beziehungen zwischen Opfer und Täter, die Dynamik der verschiedenen Gewaltformen und die Reaktion der Dienststellen im Detail zu analysieren und daraus Indikatoren in Bezug auf die Wirksamkeit des Netzwerks oder das Auftreten der verschiedenen Gewaltformen auf dem Territorium oder auch nur in Bezug auf eventuelle Probleme der Netzwerkdienste zu erarbeiten. Um die mühsame und verdienstvolle Arbeit zu ehren, die das Personal bei der Datenerhebung geleistet hat, werden wir nachfolgend eine Übersicht der wichtigsten Elemente liefern, die aus der Datenanalyse hervorgehen. Wir fangen dabei von der Beschreibung der Frauen an, die sich an die Netzwerkstellen gewandt haben. Es handelt sich mehrheitlich um Frauen italienischer Nationalität zwischen 30 und 45 Jahren. Zirka ein Drittel ist jünger als 30, ein Fünftel über 46. Die Mehrheit der Frauen leben im Paar (verheiratet oder Wohngemeinschaft) und haben eine Arbeit oder eine Rente und verfügen somit über eine eigene Einnahmequelle (59,7%). Die meisten besitzen ein höheres Ausbildungsniveau als der Durchschnitt der in der Gemeinde und in der Provinz ansässigen Frauen. Es gibt aber auch einen Anteil der Opfer, die arbeitslos sind und sich in einer präkären ökonomischen Lage befinden. Zirka 55% der betreuten Frauen gibt an, Schwierigkeiten zu haben, den Unterhalt für sich selbst und die (eventuellen) Kinder zu zahlen. Dieser Umstand versetzt sie in eine Situation objektiver “Schwäche”, die vermehrt Männergewalt zur Folge haben kann. Es sei dabei darauf hingewiesen, dass ein (wenn auch kleiner) Anteil der Frauen eine der beiden Landessprachen nicht oder nur unzulänglich kennt und sich nicht frei bewegen kann/darf. Es handelt sich oft um ausländische Frauen (45,4%), die zum Großteil aus Osteuropa oder Afrika stammen. Hilfesuchende Frauen leben meist mit ihren Kindern und dem Partner zusammen. Es ist erschreckend zu wissen, dass die Hälfte von ihnen mit dem Mann zusammenlebt, der Gewalt gegen


sie ausübt. Ein signifikanter Teil der Frauen, die von den Netzwerkdiensten aufgenommen wird, lebt demgemäß in geschützten Einrichtungen und in Frauenhäusern. Wie überall wird auch in Bozen die Gewalt in der übergroßen Mehrzahl der Fälle (82%) innerhalb der Familie ausgeübt (häusliche Gewalt), während Gelegenheitsangriffe, Mobbing am Arbeitsplatz und sexuelle Ausbeutung eher selten sind. Was die Art der erlittenen Gewalt anbelangt, so überschneiden sich meist verschiedene Modalitäten. Erstellt man eine Rangordnung anhand ihres relativen Gewichts, so steht psychologische Gewalt an erster Stelle, gefolgt von der körperlichen Gewalt und – mit größerem Abstand – von der ökonomischen Gewalt. Sexuelle Gewalt und Stalking haben eine geringere Inzidenz, sexuelle Belästigungen sind selten. Diese Daten bestätigen die Ergebnisse anderer Erhebungen und belegen den Umstand, dass psychologische und körperliche Gewalt im Leben der Frauen, die Opfer von Gewalt sind, ein Kontinuum darstellen, sich überschneiden und ständig interagieren. Das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Gewaltformen zeichnet stets besonders gefährliche Situationen aus. Das eigene Zuhause ist für Frauen der gefährlichste Ort, und dies gilt für alle Formen der Gewalt (mit der Ausnahme von Belästigungen und Stalking). Daheim ist auch die Intensität der Gewalt stärker als anderswo, angefangen von der ökonomischen Gewalt, die fast ausschließlich innerhalb der eigenen vier Wände und der eigenen Familie ausgeübt wird. Körperliche, psychologische und sexuelle Gewalt finden auch fast immer in der gemeinsamen Wohnung statt. Sogar Stalking und Verfolgung finden ein Drittel der Male zu Hause statt. Auch die öffentlichen Räume (Straßen, Parkplätze, Parks und Gaststätten) sind für Frauen gefährlich: Es finden dort Stalking sowie sexuelle und psychologische Gewalt statt. Die am Arbeitsplatz meistverbreitete Form der Gewalt ist das Stalking, gefolgt von der sexuellen, der ökonomischen und der psychologischen Gewalt. Schulen und Freizeiträume sind besonders oft Schauplatz von Stalking. Die Gewalt wird von den meisten Frauen als eine Art Kontinuum erlebt, als ein Element, das sich ohne Unterbechung von der Vergangenheit bis zur Gegenwart erstreckt und den konkreten, tagtäglichen Lebensablauf charakterisiert. Aus der Erhebung geht hervor, dass oft wichtige Ereignisse und Lebensetappen innerhalb des Paars oder der Familie - wie zum Beispiel Schwangerschaft, Ehe und Trennung - zum Ausbruch der Gewalt beitragen. Dies bestätigt zum wiederholten Male, dass die häusliche Sphäre und die Familie die Hauptbühne für Gewalttaten darstellen. Im Falle von ausländischen Frauen stellen zusätzlich dazu die Einwanderung selbst (mit der manchmal die sexuelle Ausbeutung beginnt) sowie die Zusammenführung mit anderen Familienmitgliedern besonders heikle Momente dar. Bei den Tätern handelt es sich zum Großteil (66%) um italienische Staatsbürger und es sind vergleichmäßig mehr als die italienischen Gewaltopfer, während bei Tätern aus Osteuropa und Afrika der Prozentsatz geringer ist als jener der Opfer mit gleicher Herkunft. Dieser Umstand weist darauf hin, dass die stereotypische Annahme, bei den Tätern handle es sich vorwiegend um Ausländer, irreführend ist. Männer italienischer Abstammung üben häufiger als Ausländer Gewalt sowohl gegen italienische als auch gegen ausländische und junge Frauen aus.


Das bisher skizzierte Bild zeigt eindeutig, dass die Spuren der Gewalt gegen Frauen immer zur Familie führen: Hauptübeltäter sind die gegenwärtigen oder ehemaligen Ehemänner, Verlobten und Partner. Erstere greifen öfter zur ökonomischen, psychologischen und körperlichen Gewalt, während ehemalige Partner dazu neigen, Frauen durch Stalking, Verfolgung und körperliche Misshandlung zu verletzen. Wie bereits gesagt, ist die Trennungsphase der Moment im Leben einer Frau, der unter dem Sicherheitsprofil zu den schwierigsten und gefährlichsten zählt. Nicht nur Partner und ex-Partner, sondern auch Eltern, Verwandte und Freunde üben Gewalt gegen Frauen aus, während nur sehr selten unbekannte Männer zu Tätern werden (meist in Fällen von sexueller Ausbeutung und Menschenhandel sowie Zuhälterei). Erlittene Gewalt ist der Hauptgrund, der Frauen dazu bewegt, sich an die Dienststellen zu wenden. Es ist jedoch wichtig, dass auch versteckte oder getarnte Gewaltfälle zur Sprache kommen. Dies kann erfolgen, wenn das Fachpersonal die Lage erkennt und direkte Fragen an die betreffende Frau stellt, oder wenn die betreffende Frau das Thema indirekt oder als “Nebensache” aufwirft. Die Aufdeckung der versteckten Gewaltfälle ist besonders wichtig und es ist von wesentlicher Bedeutung, über spezialisiertes Kontaktpersonal zu verfügen, das imstande ist, implizite Gewalt im Erlebten zu erkennen und zur Sprache zu bringen. Im Einklang mit dem bisherigen Bild ist die Tatsache, dass die absolute Mehrheit der Frauen, die Kontakt zu den Netzwerkdienststellen aufgenommen haben, von den Kontaktstellen gegen Gewalt und den Frauenhäusern betreut werden bzw. in geschützten Wohnungen leben, während ein kleinerer Anteil von den Sozialdiensten und den Familienberatungsstellen unterstützt werden. Das Wissen um die Unterstützungsmöglichkeiten, die das Netzwerk gegen die Gewalt an Frauen anbietet, stellt ein strategisches Element im Rahmen der politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Gewalt und zur Unterstützung der hilfesuchenden Frauen dar. Die Ergebnisse der Beobachtungsstelle zeigen, dass die Netzwerksynergie diesbezüglich sehr groß ist: 50% der Frauen haben die Netzwerkdienste durch das Netzwerk selbst kennengelernt. In der ersten Kontaktphase spielen zudem FreundInnen und Familienmitglieder eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, sich an die vorhandenen Dienststellen zu wenden. Freundinnen und Bekannte sind und bleiben in den meisten Fällen die ersten Ansprechpartnerinnen hilfesuchender Frauen. Was die Netzwerkdienste anbelangt, so stellen meist die Sozialdienste den ersten Anlaufpunkt dar, der den Frauen Informationen liefert und sie an andere Stellen weiterleitet. Gleich nach den Sozialdiensten befinden sich in dieser Rangordnung die Sicherheitskräfte und die Fachdienste (Beratungsstellen, geschützte Wohnungen, Kontaktstellen gegen Gewalt). Zusätzlich zur Soforthilfe durch die geschützten Wohnstrukturen für gefährdete Frauen und Kinder liefern die Netzwerkdienste den Frauen Unterstützung auf ihrem Weg aus der Gewalt, das eines der wesentlichen Ziele der entsprechenden Maßnahmen darstellt. Zu den möglichen Maßnahmen, die diesen Weg erleichtern, gehört auch der Zugriff auf gesetzlich vorgesehene Instrumente wie Anträge auf Wegweiseanordnungen oder Annäherungsverbote, straf- und zivilrechtliche Klagen oder Meldungen beim Jugendgericht. Bereits in der ISTAT-Erhebung aus dem Jahr 2006 stach die Stadt Bozen im Vergleich zu den anderen italienischen Städten wegen der hohen Anzahl an Anzeigen hervor. Die vorliegende Datenerhebung bestätigt diesen Trend: 30% der von den Netzwerkdiensten betreuten Frauen hat den Täter bei den Behörden angezeigt, ein gleich hoher Prozentsatz hat beim Jugendamt Fälle von Gewalt gegen Minderjährigen gemeldet. Es handelt sich


um ein hervorragendes Ergebnis, das nach Ende der noch laufenden Verfahren auch hinsichtlich der gerichtlichen Ergebnisse 端berpr端ft werden muss.


Das Bozner Netzwerk der Dienste für Frauen in Gewaltsituationen – Erstes Tätigkeitsjahr  

Die Gewalt gegen Frauen ist ein Thema, das weltweit eine zunehmende Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Vereine, Bewegungen, internationale Behör...

Advertisement
Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you