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Trend: Sehnsucht nach Tante Emma Der Tante-Emma-Laden kehrt zurück. In den USA feiert das Marketing die sogenannten „Third Places“ als Handelsoasen wider den Massenkonsum.

Konservatives Erfolgsmodell Die Münchener Merkur Bank unterstützt mobile Leasing-Refinanzierer im Mittelstand sowie wohnwirtschaftliche Bauträger bei der Finanzierung.

Das E-Magazin der Börse München März 2009

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bew ege n.

jährlich!

Be im

Ein Selbstverteidigungskurs


Willkommen

A n d r e a s S c h m i d t führt mit Christine Bortenlänger die Geschäfte der Börse München. a.schmidt@boerse-muenchen.de

Rama dama (Bayerisch: „Wir räumen auf!“) „Bob, der Baumeister“ ist für Kinder wie Barack Obama für manch Erwachsenen: „Ja, wir schaffen das!“ oder „Yes, we can!“. Das Lied wie der Wahlkampf-Slogan machen Mut, bauen auf. Mut machen und wieder aufbauen ist dieses Jahr angesagt. Davor ist allerdings das Großreinemachen nötig. Rama dama – wir räumen auf. Wirtschaftsprüfer räumen aktuell in den Bilanzen für das Jahr 2008 auf. Private und institutionelle Investoren haben schon vielfach ihre Depots bereinigt. Selbst Sperrmüll ist heute nur noch gegen Gebühr zu entsorgen. Kein Wunder, dass verseuchte Kapitalanlagen die Steuerzahler im „Endlager Staat“ teuer zu stehen kommen. Das Aufräumen ist dabei nur von Zimmer zu Zimmer möglich. Daher dauert es noch länger.

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Danach aber ist wieder Raum für Neues, Aufbauendes. Jeder von uns ist daher schon beim Aufräumen gefordert, neue Pläne und Ideen zu entwickeln. Jeder kann sein Zimmer so einrichten, dass nicht gleich wieder Chaos entsteht. Jeder kann den Kapitalmarkt neu gestalten, so dass Werte geschaffen werden, statt dass Schrott produziert wird. „Ja, wir schaffen das.“ Wenn der ehrbare Kaufmann keine Worthülse ist. Wenn langfristige Projekte nicht kurzfristigem Sofortgewinn zum Opfer fallen. Wenn Loyalität zum Unternehmen mehr zählt als modernes Söldnertum. „Rama dama“ ist eine gemeinschaftliche Räumungsaktion. Jeder packt mit an, schafft Abfall weg und kommt ins Schwitzen. Bewegung ist angesagt. Viel Freude bei der Lektüre dieser Ausgabe von „Südseiten“.


News

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Nutzen Spekulationsblasen der Wirtschaft? Wenn Spekulationsblasen platzen, ist das für viele Investoren eine schmerzhafte Angelegenheit. Jüngstes Beispiel war der Kursrutsch an den Rohstoff- und Aktienmärkten, der auf einen Höhenflug und eine fast grenzenlose Euphorie gefolgt war. Kein Wunder, dass Spekulationsblasen als ein Phänomen gelten, das man nach Möglichkeit verhindern sollte. Genau das stellt der US-Wirtschaftshistoriker Daniel Gross in seinem neuen Buch „Finanzblasen“ infrage. Spekulationsblasen hätten einen direkten Nutzen für die Wirtschaft. Seine Argumentation lautet: In der Vergangenheit hat sich ihr Nutzen langfristig als neue „materielle und mentale Infrastruktur“ gezeigt. So habe zum Beispiel die Internet-Euphorie dazu beigetragen, neue Ideen voranzubringen und viele Menschen für das neue Medium zu begeistern. Zwar sei die New-Economy-Blase geplatzt, aber die tragfähigen Neuerungen hätten überlebt.

Rechtzeitig mit einer Vollmacht vorsorgen Hat ein Bankkunde einen Unfall oder eine schwere Krankheit und kann sich nicht selbst um seine Bankgeschäfte kümmern, dürfen ihn Verwandte nicht ohne Weiteres vertreten. Nur wer im Besitz einer Vorsorgevollmacht ist, kann die Geschäfte tätigen. Doch viele Bankkunden wissen davon nichts, warnt der Bundesverband deutscher Banken. So können sie im Fall der eigenen Handlungsunfähigkeit die gerichtliche Bestellung eines Betreuers nur vermeiden, indem sie rechtzeitig einen Bevollmächtigten bestimmen. Banken halten entsprechende Vordrucke bereit. Ändert sich die Lebenssituation, können Kontoinhaber die Vollmacht jederzeit widerrufen.

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Betrug am Grauen Kapitalmarkt

Der Fall Phoenix beschäftigt schon seit Jahren die Gerichte: Gutgläubige Anleger hatten dem Unternehmen rund 600 Millionen Euro anvertraut, gelockt von dem Versprechen einer zweistelligen Rendite. Doch Phoenix betrieb Scheingeschäfte im Schneeballsystem. Im März 2005 meldete das Unternehmen Insolvenz an – zum Erschrecken der Geldgeber. Phoenix steht für einen besonders spektakulären Fall von Anlagebetrug am Grauen Kapitalmarkt. Die Finanzaufsicht übt hier keine Kontrolle aus – und die Zahl der Geschädigten ist hoch. Allein 2006 wurden rund 500 000 deutsche Anleger Opfer von Betrügern, belegt eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Anlegerschutz. Besonders populär war die Abzocke mit stillen Beteiligungen und Inhaberschuldverschreibungen. Insgesamt beträgt der Schaden pro Jahr rund 500 Millionen Euro, schätzt das Bundeskriminalamt. Verlässliche Zahlen gibt es aber nicht, denn viele Opfer melden sich nicht, weil sie Schwarzgeld angelegt haben. Immer öfter fallen nicht mehr nur die Besitzer großer Vermögen herein, sondern auch Kleinsparer. Denn die Gauner sprechen nun auch große Zielgruppen an. In Hochglanzbroschüren

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oder am Telefon versprechen sie dann Traumrenditen mit Investments in Wertpapiere oder Immobilien. Häufig werben sie noch mit einer Steuerersparnis. Für die Geschädigten wird es immer schwieriger, ihr Geld zurückzuerhalten. Denn die Standorte der Betrüger sind zunehmend im Ausland. Besonders beliebt sind die USA, die Schweiz und Liechtenstein.

Zuversicht trotz HAFix-Schwäche Dem Abwärtssog an den Aktienmärkten konnte sich auch der Index HAFix Europa nicht entziehen. Im Laufe des vergangenen Jahres halbierte sich sein Stand, denn im Zuge der Finanzkrise brachen auch die Aktienkurse vieler Familienunternehmen ein. Mitglieder im HAFix werden Firmen, bei denen eine Eigentümerfamilie mindestens 25 Prozent der Stimmrechte hält. Trotz des jüngsten Absturzes können Anleger zuversichtlich sein, dass sich der HAFix bald wieder besser schlägt als andere Indizes. Schließlich sind Familienunternehmen dafür bekannt, dass sie ihre Strategie langfristig ausrichten und sich stärker als andere Firmen auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren.


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Wirtschaftspreis für Jugendbuch Die Deutschen wissen zu wenig über die Wirtschaft und den Umgang mit Geld. Das beklagen Banker, Politiker und Wissenschaftler immer wieder. Schon Kinder und Jugendliche beschäftigen sich nur selten mit diesen Themen. Abhilfe soll das Jugendbuch „Das Geld reicht nie“ des Journalisten Winand von Petersdorff schaffen. In einfachen Worten erklärt der Autor zum Beispiel die Wirkung von Angebot und Nachfrage. Das Buch wurde mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis ausgezeichnet. Mitglied der Jury war auch Christine Bortenlänger aus der Geschäftsführung der Börse München.

Zweitmarkt-Handel zu geringen Kosten

Von geschlossenen Fonds versprechen sich Anleger eine möglichst hohe und konstante Rendite. Doch die Produkte haben auch lange Laufzeiten, die nicht selten 20 Jahre betragen. Wollen Anleger ihre Anteile vor Ablauf dieser Frist verkaufen, müssen sie sich des Zweitmarkts bedienen. Unter der Adresse www.zweitmarkt.de bedient sich die Börse München jetzt einer Plattform, auf der geschlossene Beteiligungen gehandelt werden können. Beim Handel fallen nur geringe Kosten an: Solange kein Verkauf zustande kommt, entstehen keine Gebühren. Bei erfolgreicher Vermittlung zahlen Käufer und Verkäufer jeweils eine Vermittlungsprovision in Höhe von 2,5 Prozent, mindestens 250 Euro.

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Titel

In sieben Schritten fit f端r die Selbstverteidigung So nehmen Sie den Kampf* gegen die Rezession auf:

1. Blocken Sie notorische Jammerer mit ganzem Einsatz ab.

*Achtung: Damit 06

diese


titel

2.

3. Setzen Sie düsteren Prophezeiungen Optimismus und Engagement entgegen.

Warten Sie nicht auf bessere Zeiten – wehren Sie sich.

5. 4. Stürzen Sie sich auf die Möglichkeiten, die die Demokratie ihren Bürgern bietet. Drängen Sie auf seriöse, verlässliche Information.

6.

Bewegen Sie sich aktiv in der Gemeinschaft.

7.

Entdecken Sie Ihre verborgene Kraft als Wähler und Konsument.

Regeln zum Erfolg führen, müssen sie ständig trainiert werden. 07


Titel

Um unsere Wirtschaft gegen feindliche Einflüsse zu verteidigen, muss das gesamte Volk den Kampf aufnehmen. Nicht nur die Eliten sind gefordert, auch jene Bürger, die bisher bequem die Verantwortung bei anderen gesucht haben.

K ollegenschelte kann verdienstvoll sein und Erbsenzählerei erhellend. Der Berliner Journalist Oliver Gehrs, Erfinder des Magazins „Dummy“, hat sich den Spaß gemacht, in Deutschlands Intelligenzblättern die Referenzen auf den bevorstehenden wirtschaftlichen Untergang zu zählen. „Von Mitte Juli bis Mitte November“, zog er im Medium-Magazin Zwischenbilanz, „erschien das Wort Rezession allein in der Süddeutschen Zeitung in 399 (verschiedenen!) Artikeln, bei der Welt sah es mit rund 300maliger Nennung des Wortes Rezession ähnlich schlimm aus, den Vogel schoss die FAZ mit über 500 Rezessionen ab.“ Des Nestbeschmutzers Diagnose lässt sich zu einem Satz komprimieren: Im Glauben, beim Löschen zu helfen, gossen Kollegen aller Ressorts barrelweise Öl ins Feuer. Das Bild des schockstarren Gaffers, der sich statt des Feuerlöschers den Dieselkanister gegriffen hat, drängt sich nicht nur bei den Redaktionen auf. Auch deren Zitat-Zulieferer aus der Politik waren fleißig beim Formulieren immer düstererer Prophezeiungen von ansehnlichem Selbsterfüllungspotenzial – ganz so, als würden ihnen unter Gewaltandrohung hellseherische Fähigkeiten abverlangt. Wie weggeblasen schien selbst banalstes Allgemeinwissen über psychologische Grundmuster, die unser Handeln prägen.

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Die massenmedial potenzierte Verunsicherung, die die Brieftaschen vieler Bürger zuklappen ließ wie ängstliche Austern, ist nicht nur im notorisch larmoyanzverdächtigen Deutschland ein Problem. Das Extrembeispiel für konjunkturschädliches Krisenmanagement boten Ende letzten Jahres ausgerechnet die sonst so zukunftsfreudigen USA. Konnte irgendwer ernsthaft annehmen, solvent gebliebene Amerikaner ließen sich noch zum Kauf eines Pontiac, Mercury oder Dodge verführen, wenn sie täglich live im TV miterleben durften, wie ratlose, zerknirschte Bosse aus Detroit den Kongress um Hilfe anflehten? Wer Zigtausende Dollars in einen Neuwagen von unwägbarer Qualität und unkalkulierbarem Wiederverkaufswert investiert, möchte bei allem Patriotismus zumindest Gewissheit, dass Hersteller und Vertragswerkstatt die dreijährige Garantiezeit des Autos überleben. Und nicht nur drei Monate Gnadenfrist. Es dauerte eine Weile, bis aus dem Kreis der Akteure andere Töne an die Öffentlichkeit drangen. So regte Siemens-Chef Peter Löscher an, die Dax-30-Konzerne sollten ein Signal setzen, indem sie vorerst auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. Klaus Zimmermann, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, postulierte ein einstweiliges Schweigegelübde für seine eigene, noto-


risch mitteilungssüchtige Zunft: „Konjunkturprognosen haben in Zeiten wie diesen keinen Sinn, sie sind Spekulation und verschärfen die Krise.“ Die pandemische Ausbreitung finanzieller Schieflagen quer durch alle Wirtschaftszweige wird nicht nur die Ökonomen noch lange beschäftigen. Die von Bundespräsident Horst Köhler angemahnte „systematische Ursachenanalyse auf internationaler Ebene“ bietet ein breites Betätigungsfeld für Sozialwissenschaftler aller Fachrichtungen: Politologen, Soziologen, Psychologen, Ethiker und Medienforscher werden versuchen nachzuvollziehen, wie es kommen konnte, dass im Informationszeitalter nicht nur Laien vom Wirtschaftsschrumpftum und seiner Minus-Dynamik überrascht wurden, sondern auch Regierungen und Chefs weltweit tätiger Konzerne, die sich auf große Beraterstäbe und eine Fülle von Datenmaterial stützen können. Ihre Macht, ihr Weitblick und ihr Gestaltungsspielraum, so erweist sich nun, wurden systematisch überschätzt – von ihnen selbst, aber auch von der selbst ernannten Wissensgesellschaft, die in der Finanz- wie auch in der Realwirtschaft schon so manches Blendwerk mit Substanz verwechselte. Noch im Krisenherbst 2008 bestaunte eine arglose Öffentlichkeit potemkinsche Fassaden. Zuerst avancierte der dänische Hochstapler Stein Bagger mit frei erfundenen Umsätzen zum preisgekrönten Entrepreneur, dann stürzte in New York ein imposantes Luftschloss ein: Niemand hatte den Broker und Investor Bernard Lawrence Madoff für einen Gentleman-Gangster gehalten, der 50 Milliarden Dollar einfach so verjuxt. Mündige Konsumenten, mündige Anleger? Laut Meinungsforschung ist dies ein Menschenbild von gestern. Als die Horrormeldungen von den Finanzmärkten hereinbrachen, trafen sie

auf ein Publikum, dessen Neugier auf Nachrichten aus Politik und Wirtschaft seit der Jahrtausendwende konstant talwärts glitt. Bei den Unter-30-Jährigen betrage das Minus jeweils acht Prozentpunkte, warnte das Institut für Demoskopie Allensbach: Nicht einmal die Hälfte der Befragten aus dieser Altersgruppe fühlte sich 2008 noch von politischen Themen angesprochen, kaum mehr als ein Drittel von wirtschaftlichen. Die Quote junger Menschen, die ein „ausgeprägtes“ Interesse an Politik bekundeten, brach binnen zehn Jahren um 24 Prozent ein, bei der Wirtschaft gar um 29 Prozent, dafür schoss der Computer um 72 Prozent in der Gunst nach oben: World of Warcraft sticht Handelsblatt und Heute-Journal. Selbst Interessierten wird es nicht leicht gemacht, Fakten einzuordnen. „Kein Mensch ist in der Lage, ein Unternehmen richtig zu bewerten“, postuliert die Münchener Wirtschaftssoziologin Andrea Maurer. Die zwischengeschalteten „Vermittlungsinstanzen“ seien ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden, kritisiert sie rückblickend. „Die Ratingagenturen hatten ein massives Interesse daran, bestimmte Werte überzubewerten“, so Maurer; das vorherrschende Karrieresystem ermuntere Analysten nicht, eine kritische Haltung zu entwickeln. Bankberater, Finanzjournalisten und Wirtschaftswissenschaftler hätten das „ungeheure Risiko, das für einzelne Anleger im System liegt“ zu wenig thematisiert. Aus Sicht der Soziologin ist die Finanzszene ein „geschlossenes System“, dem eine angemessene Kontrollinstanz fehlt. Darum plädiert Maurer für Mut zum Anecken und für das Schleifen von Strukturen, die das Jasagertum fördern: „Unsere Gesellschaft muss lernen, Kritik zu honorieren.“ Die Entzauberung der wirtschaftlichen Elite, die der Crash nach sich zog, mag viele Krisen-

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geschädigte mit Genugtuung erfüllen. Die Desillusionierung verhilft aber niemandem zu mehr Orientierung: Wem kann man vertrauen, wer ist kompetent und seriös, wer nur ein elender Missmanager? So nutzen Konsumenten und Kleinaktionäre das einzige Machtinstrument, das sie beherrschen, dessen Wirkung aber erst auffällt, wenn viele das Gleiche tun – nichts: Sie treten in den stillen Käufer- und Anlegerstreik. Sie parken ihr Geld auf dem Sparbuch, schimpfen auf den Umgang der bösen Amerikaner von General Motors mit den armen Opelanern und zögern doch, sich den von der Motorpresse in höchsten Tönen gelobten Insignia zuzulegen, ein durch und durch deutsches Auto. Es sind dieselben, die KarlHeinz Zerrle, Direktor des Landes-Caritasverbandes Bayern, milde daran erinnert, dass sie selbst Akteure des Systems sind, das in der Krise steckt: „Die Bürger sind nicht ganz unschuldig mit ihrer Schnäppchenjagd und ihren Versuchen, ein paar Prozent mehr Zinsen zu ergattern.“ Man könnte hinzufügen, dass sie ökologisch vorbildliche Autos wie den Audi A2 oder VWs Dreiliter-Lupo rüde verschmähten und heute empört ihre Automobilaktien abstoßen, weil die Industrie doch den Trend zum Sprit sparenden Motor verschlafen habe. Aber Prälat Zerrle will weniger strafpredigen als vielmehr motivieren, im Geiste der christlichen Soziallehre Verantwortung im Gemeinwesen zu übernehmen: „Schuldzuweisungen helfen nicht weiter.“ Sünder, die Anlass zu Buße und Umkehr hätten, sieht Zerrle vor allem in der Politik: „Man könnte die Parteien fragen, wie sie das C im Namen angesichts der Weltlage definieren oder das S, das man immer ganz klein geschrieben hat. Die Marktwirtschaft funktioniert nur, wenn sie eine soziale ist.“ Als „finanzpolitischer Laie“ habe er sich gefragt, woher die Milliarden

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stammten, mit denen die Löcher in den Etats der staatlichen Banken gestopft wurden. „Wenn wir etwas brauchen, gibt es eine große Diskussion um 5000 Euro“, stichelt der katholische Wohlfahrtssachwalter leise, „da stimmt etwas nicht ganz.“ Und er macht auch keinen Hehl aus seinem Wunsch, der Herrgott möge den Regierenden die Weisheit schenken, die Aufsicht über staatliche Geldinstitute künftig Profis zu überlassen. An einer Renaissance der sozialen Marktwirtschaft als Basis des demokratischen Gemeinwesens führt auch für Julian NidaRümelin kein Weg vorbei. „Der Markt braucht Regeln“, forderte der Philosophieprofessor und Kulturstaatsminister a. D. in einem Gastkommentar für die Süddeutsche Zeitung. Als politischer Philosoph kann sich Nida-Rümelin durchaus hineindenken in die Köpfe der Chicago-Boys, der Jünger Milton Friedmans, die lange den Ton angaben in der internationalen Wirtschaftspolitik: „Der Marktradikalismus hat eine Faszination. Es ist die Faszination des Anarchismus.“ Nach dem Scheitern keynesianischer Ausgabenprogramme in den 70erJahren habe diese Ideologie eine Zeit lang „unglaublich attraktiv“ gewirkt, auch auf viele europäische Sozialdemokraten, sagt der Professor, der vor der Agenda 2010 aus der Schröder-Regierung ausschied. Die wirtschaftlichen Verwerfungen der Gegenwart führt er nicht zuletzt auf die Einführung leistungsfähiger IT-Systeme zurück, die die technokratische Weltanschauung perfekt ergänzten, indem sie es den Managern erlaubten, jederzeit alle für den Shareholder Value relevanten Kennzahlen im Blick zu haben. Mit dem Tempo der Datenverarbeitung stieg die Reaktionsgeschwindigkeit der Manager – und parallel die der Börsenmakler: „Die Verzögerungen, die früher durchs Nachdenken bedingt waren,


Entwicklung des Interesses an Wirtschaftsthemen

20 08

Basis: Bundesrepublik Deutschland ab 14 Jahre Quelle: Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalysen, AWA 1997, 2000, 2004 und 2008

20 08

Basis: Bundesrepublik Deutschland ab 14 Jahre Quelle: Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalysen, AWA 1997, 2000, 2004 und 2008

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19 97 19 98 19 99 20 00 20 01 20 02 20 03 20 04 20 05 20 06 20 07

Die Abhängigkeit von kryptischen SoftwareCodes beschränkt sich nicht allein aufs Finanzwesen, in dem „Algo-Trader“ millionenschwere Transaktionen komplexen Algorithmen anvertrauen. Fortschritte der Informationstechnik erlauben der Fertigungsindustrie seit Jahren die Konstruktion „virtueller Unternehmen“: Dem Shareholder Value zuliebe lagerten Konzerne Aktivitäten, die nicht zur „Kernkompetenz“ zählten, an Subunternehmer aus; dank IT-Vernetzung blieb die Wertschöpfungskette dabei unter ihrer Kontrolle. Was begann mit der Just-in-time-Produktion, die die kapitalintensive Lagerhaltung minimierte, endete beim Outsourcing wichtiger Teile der Produktentwicklung. Über Jahrzehnte gewachsene Unternehmenskulturen blieben bei diesem ITgetriebenen Umbau der Arbeitswelt auf der Strecke. Die Portionierung der Aufgaben entlang technikkompatibler Geschäfts- und Produktionsprozesse trieb den Trend zur Spezialisierung auf neue Höhen – und führte zu einer Zersplitterung der Verantwortlichkeiten. Das große Ganze im Blick zu haben wurde zum Job für einige Wenige; das funktionalistische Prinzip machte aus „Führungskräften“, die sich über zwischenmenschliche Beziehungen definierten, abstrakte „Process Owners“.

flechte de facto in Symbiose leben, ist kein Industriekonzern mehr lebensfähig ohne das Netzwerk seiner Partner im In- und Ausland. Wie schnell sich Ausfälle in den modernen industriellen Netzwerken fortpflanzen, zeigte sich im Winter, als die Autofabriken ihre Werksferien um ein paar Wochen verlängerten. Ein stabiles sozioökonomisches Umfeld, wie es der Rheinische Kapitalismus garantierte, könnte das Risiko einer ungeplanten Kettenreaktion

Entwicklung des Interesses an politischen Themen % Bevölkerung ab 14 Jahre

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Unter-30-Jährige

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19 97 19 98 19 99 20 00 20 01 20 02 20 03 20 04 20 05 20 06 20 07

schaltete man aus, indem man gleich die Software entscheiden ließ.“ Dass durch diese Selbstentmündigung eine strukturelle Verantwortungslosigkeit entstand, nahmen die Akteure in Kauf. „Selbst diejenigen, die mit diesen Instrumenten umgehen“, kritisiert Nida-Rümelin, „bekennen ja freimütig, dass sie die mathematischen Details nicht durchschauen.“

Ausgerechnet diese radikale Rationalisierung spielt jetzt den Befürwortern einer Rückbesinnung auf eine sozialere Marktwirtschaft in die Hände. Da die arbeitsteiligen Firmenge-

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senken: Weil jeder auf jeden angewiesen ist, liegt es im gemeinsamen Interesse, einen Streik oder die Insolvenz eines Partners zu vermeiden. Eine neue Kultur des Zusammenhalts erscheint als beste Chance, die Krise zu überwinden. Während sich die Große Koalition in Berlin mit den Nöten und Begehrlichkeiten von Banken und Autokonzernen plagt, kristallisiert sich abseits von Kanzleramt und Ministerien ein neuer parteiübergreifender Konsens heraus: Viel effektiver als die große Gießkanne oder Programme zur Stützung großer Industriekonglomerate ist es, die Bürger in ihrem unmittelbaren Umfeld zum Anpacken und Investieren zu motivieren – etwa beim Thema Wärmedämmung. 625 Milliarden Kilowattstunden verheizen deutsche Privathaushalte jährlich, es ist der mit Abstand größte Negativposten unserer CO2-Bilanz. Stand der Technik bei Neubauten ist das Passivhaus, das sämtliche Wärme aus der Natur bezieht; bei Altbauten sind bis zu 60 Prozent Energieeinsparung drin. „Das ist eine Win-win-Situation“, wirbt Christine Scheel, stellvertretende Fraktionschefin und Wirtschaftsexpertin der Bundestags-Grünen. „Wenn die Leute in neue Fenster, Wärmedämmung oder ein neues Heizsystem investieren, amortisiert sich das nicht nur sehr schnell, es schafft auch Arbeitsplätze im Handwerk.“ Eine zentrale Rolle komme den Hausbanken zu, deren Berater ihren Kunden die KfW-Kredite für die energetische Gebäudesanierung vermitteln müssten. Da diese Investitionen der Wirtschaft und dem Klimaschutz dienten, sei die Entscheidung völlig richtig, sie steuerlich auch für Privatleute absetzbar zu machen. In dieselbe Kerbe haut der Europaabgeordnete und Bezirkschef der schwäbischen CSU, Markus Ferber: „Wenn eine Exportnation in der Rezession keine Ausweichmärkte

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findet, muss sie den Inlandsmarkt stimulieren. Also müssen wir ein investitionsfreundliches Klima auch für private Haushalte generieren.“ Ginge es nach ihm, würde Handwerkerarbeit sogar mit einem niedrigeren Mehrwertsteuersatz belegt. Die Herausforderung liegt darin, den Menschen vorzurechnen, was sie vom Geldausgeben haben: „Der Privathaushalt denkt nicht unternehmerisch.“ Die Klientel von Scheel ist da schon weiter. Die Grüne schwärmt zum Beispiel vom Erfolg sogenannter Bürgerkraftwerke: Die Gemeinde stellt die Dächer ihrer Gebäude zur Verfügung, eine private Genossenschaft investiert in eine Solaranlage, die sich über die garantierte Einspeisevergütung besser verzinst als so manche heutige Spareinlage. Auch über den Investitionsstau auf kommunaler Ebene macht sich Scheel ihre Gedanken: „Ab einer gewissen Größenordnung muss man Aufträge international ausschreiben, dies führt zu gigantischen Verzögerungen.“ Kreis- und Gemeinderäte könnten prüfen lassen, ob man Projekte nicht stückeln kann. So ließe sich zum Wohle der kommunalen Wirtschaft vielleicht manche Investition vorziehen. Die Bürger stärker einzubinden dürfte eine der größten Herausforderungen werden. Immer mehr wichtige Entscheidungen – gerade in der Industrie- und Umweltpolitik – fallen in Brüssel. Doch ist wenig bekannt über das Zusammenund Gegeneinanderspiel von Kommission, Parlament und Ministerrat. „Ich bin sehr in Sorge über die zunehmende Europa-Skepsis“, sagt die Bonner Europaabgeordnete Ruth Hieronymi. Unermüdlich führt sie Besuchergruppen aus ihrem Wahlkreis durch den Brüsseler Betondschungel und erklärt politische Strukturen. 80 Gruppen pro Jahr sind viel Arbeit für die CDU-Frau und doch nur ein


Tropfen auf den heißen Stein der politischen Basisarbeit. „Allein“, spricht Hieronymi für die 99 deutschen EU-Parlamentarier, „können wir das nicht.“ Was der Partizipation helfen würde, wäre eine Förderung des bürgerschaftlichen Engagements – etwa mit Projekten wie der „Ehrenamtskarte“, die in Hessen, Niedersachsen sowie einigen Städten Nordrhein-Westfalens sehr gut ankam und seit Anfang des Jahres auch in Schleswig-Holstein landesweit angeboten wird. Wer sich engagiert, bekommt damit Vergünstigungen beim Eintritt in Theatern, Museen und Schwimmbädern, aber auch Rabatte bei Frisören, IT-Dienstleistern oder Fitnessclubs. Trotz dieser Anreize haben die nördlichen Länder noch Nachholbedarf gegenüber dem Ehrenamt-Musterländle Baden-Württemberg oder dessen östlichem Nachbarn: Im „Ehrenamtsatlas 2009“, den die Versicherung Generali kürzlich vorgelegt hat, schafften es acht bayerische Raumordnungsregionen unter die Top Ten; jeder zweite Bürger engagiert sich dort für seine Mitmenschen. Dass ausgerechnet die Heimat der Kanzlerin, die Uckermark, die rote Laterne abbekam, hat nicht viel zu bedeuten: Wer in Deutschland ehrenamtlich aktiv ist, ist es zumeist im Sportund Gesangsverein oder im Elternbeirat. Nicht einmal acht Prozent engagieren sich im politischen Bereich oder im Umweltschutz. Vielen Vollzeitbeschäftigten fehlt die Zeit. Die Analyse der Sozialforscher ist bitter für Parteipolitiker wie Hieronymi, doch sie passt zum Trend aus dem Berufsleben, die Arbeit mehr und mehr in Projekte zu zerlegen: „Die Bindungen an Parteien werden immer lockerer. Mit einer zunehmend individualisierten Gesellschaft hat sich auch das Partizipationsverhalten geändert. Das Engagement für Themen und Projekte außerhalb der Parteienlandschaft nimmt zu und ist projektbezogen und damit kurzfristig.“

Weil in einer überalternden Gesellschaft viele soziale Aufgaben bald nur noch durch massiven Einsatz von Ehrenamtlichen zu bewältigen sein werden, fordern die Autoren der Studie eine „Anerkennungskultur für Engagement“. Und: „Mehr denn je sind öffentliche und private Institutionen sowie Unternehmen gefordert, die notwendige Infrastruktur des bürgerschaftlichen Engagements aktiv zu unterstützen.“ Hier schließt sich denn auch der Kreis: Je mehr im Etat gar nicht vorhandenes Geld der Staat heute in die Hand nimmt, um die Wirtschaft anzuschieben, umso mehr zwingt die Staatsverschuldung künftig zur Verlagerung von Arbeit auf Freiwillige. Der Staat dürfe sich nicht aus seiner sozialen Verantwortung stehlen, mahnt Prälat Zerrle. Aber dass die Menschen über ihren Anteil nachdenken, könnte das Gute an der Krise sein. „Vielleicht war das ein Schuss vor den Bug ... gerade noch zur rechten Zeit.“

Der Autor Ulf Jochen Froitzheim schreibt für große Wirtschaftsmagazine (Capital, Brand eins); für die Technology Review arbeitet er als Kolumnist und freier Redakteur.

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Sehnsucht nach Tante Emma Der Tante-Emma-Laden kehrt zurück. Weil Menschen eben nicht nur in anonymen Discountern einkaufen wollen. In den USA hat der Trend auch einen feschen Namen. Dort werden die „Third Places“ als Handelsoasen wider den Massenkonsum gefeiert.

Am 12. September 2007, um eine Minute nach Mitternacht, kommt es am Berliner Alexanderplatz zu tumultartigen Szenen. Der größte Media Markt Berlins öffnet seine Pforten. Die Betreiber hatten wochenlang mit Hammer-Schnäppchen-Geil-Eröffnungsangeboten geworben. DVD-Player, Laptops, Mobiltelefone und Bügeleisen zum Bruchteil des üblichen Preises. Die Berliner prügeln sich um den Elektronik- Ramsch. Als ein junger Mann eine Rolltreppe seitlich entern will, geht die erste Glasscheibe zu Bruch. Mitarbeiter des Media Marktes versuchen verzweifelt, die Masse im Zaum zu halten. Am Ende muss die Polizei anrücken. Die Sanitäter zählen die Verletzten. Am frühen Morgen sind es zwölf. Die Geschäfte im Media Markt laufen bis heute hervorragend. Das Verkaufskonzept der Elektronikketten, Discounter und Großmärkte hat ausreichend bewiesen, dass es funktioniert. Doch es ist nur ein Teil globaler Handelsrealität. Auf leiseren Sohlen nähert sich aus den USA ein Gegentrend zu den anonymen Marktschreiern. Kleine Handelsoasen der Ruhe, für die Marketeers den schönen Begriff „Third Places“ wiederentdeckt haben.

„Dritte Orte“ sind ursprünglich eine soziologische Kategorie. Der US-amerikanische Stadtsoziologe Ray Oldenburg hat den Begriff Ende der 1980er-Jahre in seinem Standardwerk „The Great Good Place“ geprägt. Er hatte erkannt, dass mit fortschreitender Individualisierung immer mehr Menschen neben ihrer Wohnung, dem ersten Ort, und der Arbeitsstelle, dem zweiten, aktiv nach „dritten Orten“ suchen. Seine „Third Places“ sind öffentliche Räume in der Nachbarschaft, die zum Verweilen einladen. Am dritten Ort wird zwanglos kommuniziert. Er bietet (einsamen) Menschen die Möglichkeit, sich in Gesellschaft wohlzufühlen. Das kann ein Kiosk in einem Park sein, ein Kaffeehaus mit eher günstigem Angebot oder eine soziale Einrichtung ohne Zugangsbeschränkung. Typisch für dritte Orte ist: Sie werden von Stammgästen frequentiert – man trifft dort immer auf bekannte Gesichter. Den Soziologen interessierte an den Orten der Geselligkeit vor allem ihre Rolle für lokale Interaktion, Meinungsbildung und für ihre gemeinschaftsbildende Funktion in der Demokratie. Das war einmal. Seit ein paar Jahren geht es bei „Third Places“ weniger um ideelle Werte.

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Spätestens seit die Kaffeehaus-Kette Starbucks den Begriff für sich gekapert hat, geht es ums Geld. Oder genauer: um die Möglichkeit, Kunden in einer Third-Place-Umgebung leichter zu Kaufentscheidungen zu verführen. „In Third Places verlässt der Konsument die Rolle des kritischen Kunden, der alles hinterfragt. Im besten Fall nimmt er den Händler nicht als Verkäufer wahr, sondern als Freund, der ihm etwas empfiehlt“, sagt Gerhard F. Riegl, Professor für Marketing an der Hochschule in Augsburg. Ganz neu ist diese Verkaufstechnik freilich nicht. Der italienische Gastronom in der Nachbarschafts-Trattoria beherrscht sie seit Generationen. Neu ist die Systematik, mit der sich sowohl eigentümergeführte Geschäfte als auch börsenkapitalgetriebene Einzelhandelsketten Gedanken darüber machen, wie sie wieder mehr Nähe zum Kunden schaffen können. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Im Preiskampf hat der Einzelhändler um die Ecke gegen den Discounter auf der grünen Wiese keine Chance. Und gegen die Angebotsfülle der Online-Händler schon gar nicht. Will der Nahversorger überleben, muss er seine wichtigste Karte gezielt spielen. Diese heißt laut Gerhard Riegl: „Emotionale Wärme. Und die wiederum ist der Schlüssel zum Erfolg bei den Third Places.“ Das ist die Kernthese einer Studie, die Riegl erstellt hat, basierend auf systematischen Beobachtungen im Mutterland der dritten Orte. Gemeinsam mit 20 Marketing-Studenten ist der Wirtschaftswissenschaftler im letzten Sommer nach New York gereist und hat Bäckereien, Wellness-Studios, Health-FoodStores, Apotheken und Bankfilialen unter die Lupe genommen, die Kunden gezielt ein Zuhause weg von zu Hause anbieten. Zu den

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Auswahlkriterien gehörte, dass die Räume sozialer Interaktion – mit merkantilem Interesse, versteht sich – für jedermann zugänglich sind, es keiner Terminvereinbarung bedarf und nicht sofort der Eindruck entsteht: Ich muss etwas kaufen, wenn ich mich hier aufhalte. „Im Grunde eignet sich das Third-Place-Konzept für alle Nahversorger, die mit Bequemlichkeit punkten können“, ist Riegl überzeugt. Starbucks hat vorgemacht, wie es funktioniert. Das Produkt muss auch bei netter Atmosphäre stimmen – und die Qualität des Kaffees bei Starbucks ist nach US-amerikanischem Maßstab, dem Land des Free-Refill, deutlich über Marktdurchschnitt. Derweil schaffen die Innendesigner des Unternehmens bewusst Wohnzimmer-Ambiente. Sessel und Sofas laden zum Lümmeln ein. In jeder Filiale gibt es WLAN-Zugang zum Netz, so dass sich auch die digitale Bohème wohlfühlt. Niemand drängt zum Kauf, dafür ist das Personal gut geschult freundlich. Zudem liegen Starbucks-Filialen immer zentral, also fußläufig vom ersten oder zweiten Ort entfernt. Nun zeigt gerade das Beispiel Starbucks, dass auch Großunternehmen dritte Orte schaffen können. Prädestiniert sind aber eigentlich die Protagonisten einer kleinteilig strukturierten Ökonomie. Will heißen: der Kleinunternehmer, der seine Kunden allesamt beim Namen kennt, sich für einen Plausch Zeit nimmt und gern Kontakt zu anderen Kunden herstellt. Auf diesen Typus sind Riegls Studenten in New York dutzendfach gestoßen. „Tante-Emma-Laden 2.0“ nennen sie das Konzept. Nun mag die Kennziffer 2.0 ein wenig abgegriffen sein, doch sie signalisiert immer noch zuverlässig: Hier ist Kommunikation im Spiel. Und Empfehlungsmarketing. Zum Erfolgrezept bei den dritten Orten gehört, dass sich Kunden untereinander Kauftipps geben, die wiederum viel häufiger zu Impuls-


käufen führen als die Empfehlung durch einen professionellen Verkäufer mit finanziellem Eigeninteresse. Ein interessantes Beispiel für Third Places haben die Studenten mit „Nutrition-InfoCenters“ (Ernährungsinformationszentren) entdeckt. Das sind dritte Orte, die Bäckerei, Bistro und Ernährungsberatung miteinander kombinieren. Kunden können Nährwerte und Inhaltsstoffe von Produkten selbstständig an einem Computer-Terminal per Touchscreen abfragen, Diätpläne erstellen und sich umfassend über Lebensmittel-Allergien informieren. Räumlich sind die Informationszentren in der Regel so gestaltet, dass sich an den Terminals Kommunikation kaum vermeiden lässt. Und praktischerweise gibt es die gesunde Nahrung gleich zu Reformhaus-Preisen zu kaufen. Auch Apotheken gehen in den USA bereits in die ThirdPlace-Offensive. Sie schaffen in ihren Verkaufsräumen Zonen, in denen es um Information und Kommunikation geht – nicht um impliziten Kaufzwang. „Besonders auffällig jedoch war der Trend bei den Banken“, sagt Riegl. „The unbanked bank“ nennt die Studie die Bemühungen zahlreicher Filialbanken, die informellen Zugangsbarrieren in den Geschäftsstellen abzubauen. Insgesamt zehn Geldinstitute haben Riegls Studenten besucht und festgestellt: Auch hier dominiert das Wohnzimmer. Schalter und Trennwände sind Vergangenheit. Dafür stehen Couchen und Sitzgruppen in den Filialen, auf denen sich Kunden und Berater zusammensetzen. Oder auch nicht. Fast alle untersuchten Banken bieten kostenloses WLAN an, so dass Kunden sich auch im Netz neutral informieren können. Die meisten „Third-Place-Banken“ haben einen kleinen Coffee-Shop integriert und verkaufen Snacks. Ein erweitertes Angebot von Merchan-

dising-Artikeln rund um das klassische Banksortiment gehört ebenfalls zum Konzept. Riegl hat beobachtet: „In Deutschland neigen wir ja immer noch dazu, weitere Automaten aufzustellen. In den USA ist man gerade dabei, die Automaten wieder abzubauen.“ Wirklich zukunftsweisend findet er die Berliner Laborfiliale der Deutschen Bank, Q110, in der alle Elemente des Third-Place-Prinzips antizipiert wurden. Die Sparkasse im Landkreis Schwandorf hat ein ähnliches Konzept umgesetzt und wurde 2007 gemeinsam mit Q110 vom Fachmagazin „Geldinstitute“ zur Geschäftsstelle des Jahres gewählt. Doch die beiden Filialen sind bislang in Deutschland die avantgardistische Ausnahme. Bei dem Versuch, für Bankkunden eine zwanglose und gerade deshalb Kaufentscheidungen stimulierende Atmosphäre zu schaffen, sind nach Einschätzung der Augsburger Wissenschaftler die amerikanischen Banken den deutschen um rund fünf Jahre voraus. Interessant ist in diesem Kontext, dass deutsche Apotheken ebenfalls daran arbeiten, die Medikamentenausgabe über Automaten zu „rationalisieren“. Der Schuss wird nach Einschätzung Riegls nach hinten losgehen: „Das wird wie bei den Banken laufen. Erst schafft man die teuren Automaten an. Und in ein paar Jahren dann wieder ab.“ Menschen beraten besser als Maschinen. Und unter dem Strich verkaufen sie auch besser. Besonders, wenn die Atmosphäre stimmt.

Der Autor Thomas Ramge arbeitet fest für das Wirtschaftsmagazin Brand eins und schreibt regelmäßig für Die Zeit. Er ist Mit-Autor des Buches „Marke Eigenbau“ – der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion“.

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Lexikon

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Was ist eigentlich … ein ETC? Robert Ertl, Leiter der Kundenbetreuung bei der Börse München:

Exchange Traded Commodities (ETCs) sind börsengehandelte Wertpapiere, welche die Preise einzelner Rohstoffe oder Rohstoffindizes abbilden. Die Palette der Basiswerte ist sehr breit: Edelmetalle sind ebenso enthalten wie Industriemetalle, Öl und Gas. Darüber hinaus können Anleger in landwirtschaftliche Grundstoffe wie Zucker, Weizen oder Baumwolle investieren. In rechtlicher Hinsicht handelt es sich um unbefristete, besicherte Schuldverschreibungen. Bei ETCs sind im Gegensatz zu den meisten herkömmlichen Anlagezertifikaten die Basiswerte physisch hinterlegt, so dass das Anlagevolumen besichert ist. ETCs sind für Anleger ein transparentes und kostengünstiges Instrument, um Rohstoffe in den Vermögensmix zu integrieren. Zudem können beim Handel mit ETCs Market-, Limit- und Stop-Loss-Orders eingesetzt werden. An der Börse München sind rund 90 dieser Wertpapiere gelistet.

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... ein Leerverkauf? Herbert Schuster, Vorstand der mwb fairtrade AG, Gräfelfing:

Bei einem Leerverkauf veräußert der Verkäufer Wertpapiere, die sich noch nicht in seinem Besitz befinden. Dazu leiht er sich die Papiere und verpflichtet sich gegenüber der ausleihenden Partei, sie zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückzugeben. Der Verkäufer kann die geliehenen Wertpapiere sofort verkaufen, muss sich jedoch am Ende der Leihfrist wieder eindecken. Als Gegenleistung erhält der ausleihende Eigentümer eine Gebühr. Bei fallenden Kursen macht der Leerverkäufer Gewinn, weil er die leerverkauften Wertpapiere später zu einem niedrigeren Kurs wieder zurückkaufen kann. Die Differenz zwischen Verkaufs- und Rückkaufkurs abzüglich der Leihgebühr ist dann der Gewinn. Steigen die Kurse hingegen bis zum Ende der Leihfrist, macht der Leerverkäufer Verluste, weil er die Papiere zu gestiegenen Kursen wieder an der Börse ordern muss. Leerverkäufe sind auch mit Devisen und Waren möglich.


Profil

Markus Lingel, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Merkur Bank KGaA.

Konservatives Erfolgsmodell

Markus Lingel trat 2005 als persönlich haftender Gesellschafter die Nachfolge seines Vaters an. Neben dem Privatkunden- und dem regionalen Firmenkundengeschäft unterstützt die Münchener Merkur Bank mobile LeasingRefinanzierer im Mittelstand sowie wohnwirtschaftliche Bauträger bei der Finanzierung. Die Folgen der Finanzkrise beherrschen die Schlagzeilen. Wie geht es der Merkur Bank? So weit ganz gut. Von den Verlusten der Branche sind wir nicht direkt betroffen, da wir nicht in die verlustreichen zertifizierten oder strukturierten Papiere investiert hatten. Indirekt spüren wir jedoch den gestiegenen Geldmarktzins, der die Refinanzierungskosten in die Höhe treibt. Diese Kosten können wir nicht weitergeben, so dass unsere Margen leiden. Dennoch sehen wir die Zukunft rosig. Warum? Speziell bei der Bauträger-Zwischenfinanzierung spielt uns die Krise in die Hände. Viele Banken beschränken die Kreditvergabe, so dass es gerade für Bauträger schwierig wird, an

Kredite zu kommen. Das bringt uns neue Kunden und erhöht unseren Marktanteil: Bereits jetzt betreuen wir in München zwischen 15 und 20 Prozent der wohnwirtschaftlichen Bauträger. Darüber hinaus wollen wir unser regionales Filialgeschäft ausbauen und verstärkt auf Privat- und Firmenkunden setzen. Dort haben wir einiges umstrukturiert, um profitabler zu werden und unsere Stärken wie Flexibilität, Schnelligkeit und Zuverlässigkeit auch auf die Straße zu bringen. Und wie machen Sie das? In der EDV haben wir Beratungstools integriert, Prozessabläufe verschlankt, eine Vertriebssteuerung initiiert – alles, um bedarfsgerecht beraten zu können. Daneben stecken wir viel Geld in die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiter, denn die Stärke einer Bank liegt nun einmal in der Beratung. Wie gut das läuft, sieht man an unserem Kreditgeschäft. Für jeden unserer Geschäftsbereiche haben wir eine eigene spezialisierte Kreditabteilung, die jede Anfrage ganz individuell prüft. Schließlich gibt es auch in schlecht laufenden Branchen gute Unternehmer. Wie sichern Sie auch in Krisenzeiten den wirtschaftlichen Erfolg? Wir agieren recht konservativ und unterwerfen unser Geschäft nicht dem Konjunkturzyklus. Unser Geschäftsmodell ist langfristig ausgelegt und nicht am kurzfristigen Profit ausgerichtet. Daher sind unsere Renditen in Boom-Zeiten nicht unbedingt die höchsten. Aber so bleiben wir auch für unsere Kunden einschätzbar. M:access ist das Marktsegment der Börse München für den Mittelstand. www.maccess.de

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Kontakt

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Norbert Betz Handelsüberwachung Fragen zum Handel: 0 89/54 90 45-30 > betz@boerse-muenchen.de

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Robert Ertl Kundenbetreuung Fragen zum Service der Börse München: 0 89/54 90 45-17 > ertl@boerse-muenchen.de

Manfred Schmid Marktsteuerung Fragen zum Handelssystem, Orderabwicklung: 0 89/54 90 45-48 > schmid@boerse-muenchen.de

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