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L, Arkadien und angenehme Feinde Die Bildhauerateliers im Prater Werner W端rtinger Herausgeber

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Matthias Boeckl

Generalprobe für die Ringstraße Architektur und urbanistischer Kontext der ehemaligen Pavillons des amateurs im Wiener Prater Die heutigen Bildhauerateliers des Bundes im Wiener Prater sind durchaus eine europäische

Besonderheit. Keine andere Metropole verfügt über die glückliche Konstellation der kontinuierlichen Nutzung historischer Ausstellungsgebäude vergleichbaren architektonischen Ranges durch ähnlich einflussreiche zeitgenössische Künstler seit mittlerweile rund l30Jahren. Teil dieser Einzigartigkeit ist auch der vielfältige städtebauliche Kontext der Anlage am Nordrand eines großen innerstädtischen Erholungsgebietes, an

einer Hauptachse der aktuellen Stadtentwicklung mit U-Bahn und neben zentralen Einrichtungen wie dem größten Fußballstadion des Landes. weiteren architektonisch anspruchsvollen Sportanlagen wie dem Wiener Trabrennverein. dem avancierten neuen Bürohausquartier ,,Viertel Zwei", den ausgedehnten Hallen der Wiener Messe sowie der Wirtschaftsuniversität. Gemeinsam mit zwei weiteren Bauten ähnlicher Nutzung am Südrand des Praters, den Bildhauerschulen der Akademie der

bildenden Künste in der Böcklinstraße und der Universität für angewandte Kunst in der Rustenschacher Allee. bildet sie ein künstlerisches Dreieck im Herzen eines zentralen Stadtquartiers mit synergetischer Mischung

von Freizeit-, Ausstellungs- und Bildungsfunktionen. Dieser spezielle Funktionsmix aus Repräsentation, Entertainment und Kunst entstand keineswegs auf dem Reißbrett moderner Stadtplanungen, sondern in einer langen und organischen EntwickIung. Deren Wurzeln reichen weit zurück bis ins Mittelalter und formulieren so eines der ursprünglichsten Profile der Wiener

Stadtquartiere. Baugeschichte des Wiener Praters bis zur Donauregulie-

rung Im Gegensatz zu anderen ehemaligen Vororten Wiens. die im Zuge des Stadtwachstums des 19. und 20. Jahrhunderts eingemeindet wurden, war die Baugeschichte des ehemaligen Auengebiets zwischen den nordöstlich an der Kernstadt in wechselnden

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bar an die Innenstadt grenzenden und für die gesamte Stadtentwicklung essentiellen Flächen nötig war. Bis dahin verlief die

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Baugeschichte dieser Gebiete langsam und brachte nur punktuelle Projekte, die vor allem Unterhaltungs- und Infrastruktur-

Betten vorfließenden Donauarmen topografiebedingt auf we-

nige Funktionen beschränkt. Boten Vororte wie Ottakring. Döbling oder Simmering von der Landwirtschaft über Wohnhäuser, Handels- und Gewerbebetriebe bis zu Sakralbauten alle Funktionen intakter Stadtstrukturen, so musste die Nutzung der regelmäßig überschwemmten Auen auf dem Gebiet der heutigen Stadtbezirke Brigittenau und Leopoldstadt bis ins l9.Jahrhundert notgedrungen zunächst eine temporäre bleiben. Die Topografie des Gebiets bestand aus mehreren Flussarmen unterschiedlicher Breite und wechselnder Wasserführung, aus stehenden Gewässern und aus den Inseln dazwischen, die als ,,Haufen" oder,,Werd" bezeichnet wurden. Erst die Regulierung der Donau I 870 bis I 875 -jene Periode, in der auch die Weltausstellung mit ihren Pavillons des amatettrs gebaut wurde brachte jene Hochwasser-Sicherheit. die für die dauerhafte Bebauung dieser großen, unmittel-

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zwecken dienten.

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renden Nutzungsformen der Jagd und Fischerei sowie der Freizeitgestaltung erforderten keine massiven Gebäude und sind daher auch architekturhistorisch anfangs nur in Ausnahmefällen fassbar. Aus der Römerzeit. als die Limes-Befestigungen am Südufer der Donau enichtet wurden. sind noch keine Bebauungen dokumentierbar. Erst mit der Konsolidierung der Sicherheitslage der Gebiete östlich der Wiener Pforte und der darauf folgenden Verlegung des Herrschersitzes der Babenberger von Klosterneuburg nach Wien I145 gewannen auch die Donauauen an Interesse - vor allem als Jagdgebiet des Hofes, das erstmals 1403 urkundlich erwähnt wird.r Das erste nachgewiesene Bauprojekt ist eine Holzbrücke über den Wiener Arm der Donau (heute Donaukanal) zum Unteren

Werd aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. 1439 ließ König Albrecht II. weitere Holzbrücken über alle Donauarme errichten


Die nächsten Nachrichten aus dem Auengebiet beziehen sich auf die jagdliche Nutzung durch den Hof. Kaiser Ferdinand L legte 1537-1564 als zentrale Erschließung des Gebiets die Kastanienallee an - diese Achse entspricht heute der Linie Heinestraße - Prater-Hauptallee. I 560 erwarb Kaiser Maximilian II.

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areal erstmals einzäunen und 1569 die Jägerzeile (heutige Praterstraße) errichten, die direkt von der Stadt zum Jagdgebiet führte undderAnsiedlung der Hofjäger gewidmet war. Entscheidende Entwicklungen brachte dann das 17. Jahrhundert. da 1624 unter Kaiser Ferdinand II. im Unteren Werd nördlich des Karmeliterklosters ein .l Lr.['l

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und verband damit die Stadt mit den Gebieten am nördlichen Donauufer dauerhaft. 1486 wird eine Glashütte des Nikolaus Walch erwähnt, l50l ein verheerendes Hochwasser. Auf die Enichtung von 55 Pflanzgärten in der Venediger Au l52l folgte schon 1529 die Verwüstung dieses Gebiets und auch aller anderen ungeschützten Vorstädte

durch die Türken im Zuge der ersten Belagerung Wiens. Die Türkengefahr gab allerdings auch den Startschuss für den massiven Ausbau der Stadtbel'estigungen jenseits des heutigen Donaukanals und damit auch für jene umfangreichen Dokumentationen. die uns erste Bilddokumente des Unteren Werds liefern. Als Oberen Werd (später als Roßau) bezeichnete man damals noch die nordwestlich der Strdtmauer gelegene Insel zwischen einem kleinen Donauarm in der Linie der heutigen Liechtensteinstraße und jenem größeren. der heute den Donaukanal bildet und die Innenstadt von der Brigittenau und der Leopoldstadt trennt. Der 1547 entstandene Wien-Plan

ron Augustin Hirschvogel zeigt entlang des heutigen Donauka-

Generalprobe f ür die

Ringstraße

nals an der Innenstadtseite die Befestigungen des Roten Turms, des Salztors und des Werdertors sowie die Werdertorbrücke. die zum Oberen Werd hinüberführt. Weiter östlich ist auch die Schlagbrücke zum Unteren Werd erkennbar. die heute als Schwedenbrücke in der Verlängerung des Laurenzerbergs liegt. Da der Planausschnitt jedoch auf die

heutige Innenstadt beschränkt bleibt. erfahren wir noch nichts über Topografie und allfällige Bebauung der Inseln im Auengebiet auf der anderen Seite des Wiener Donauarms. Im gleichen Jahr f'ertigte jedoch auch Bonif'az Wolmuet einen äußerst detaillierten Wien-Plan an. dessen Ausschnitt für unsere Zwecke günstiger gewählt wurde und auch die Uferbebauung entlang der linken Seite des Wiener

Arms der Donau, des heutigen Donaukanals. dokumentiert. Hier ist von der Schlagbrücke fl ussaufwärts bereits eine

Häuserreihe entlang des Uf'ers erkennbar, deren Bezeichnung ,Jm Werdt" lautet. An ihrer Rückseite liegen umzäunte Hausgärten, vome am Wasser wird ge-

fischt. Bei der Werdertorbrücke liegt ein größeres Lagergebäude.

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:lrcltr, eingerichtet wurde, das zweihundert Jahre nach der Vertreibung der Wiener Juden l42l unter Herzog Albrecht V. (Wiener Gesera.) erstmals wieder eine dauernde Präsenz der Juden im Umkreis der Residenzstadt ermöglichte. Seine Umrisse sind überliefert und lagen im Gebiet westlich der heutigen Taborstraße, dem heutigen Karmeliterviertel. Allerdings hatte diese Ansiedlung keine Dauer, da 1670 die Juden von Kaiser Leopold L abermals aus Österreich verwiesen wurden (viele siedelten sich daraufhin in den nahen Judengemeinden Böhmens und Ungarns an) und sich wieder nur kurzfristig in der Stadt aufhalten durften. An der Stelle der Synagoge wurde eine Kirche errichtet, die dem Heiligen Leopold geweiht wurde. Später wurde der ganze Stadtteil nach dessen Namensvetter benannt, dem judenleindlichen Kaiser Leopold. Wie die erste Türkenbelagerung liet'erte auch die zweite als Nebenprodukt der Dokumentation der Stadtbefestigungen auch wichtige Quellen für die Rekonstruktion der Baugeschichte der Leopoldstadt und des Praters. Um 1683 t'ertigten wieder zwei Kartografen detaillierte WienPläne an. nämlich l,;llrt'il r:,n ( )rrile ir .\liiir und Daniel Suttinger. Suttingers Plan vermittelt wegen der AusschnittBeschränkung auf die Innenstadt keine lnformationen über die Leopoldstadt. Aber van OudenAllens Perspektivblick vom Nordwesten auf die Stadt zeigt bereits eine ausgedehnte Bebauung der Leopoldstadt mit erheblicher Verdichtung bei der Schlagbrücke sowie das l6l4

von Kaiser Matthias I. errichtete


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Augarten-Jagdschlößchen. Die Wald- und Wiesengebiete hinter der stadtnahen bebauten Zone

des gesamten Pratergebiets zwischen dem Hauptstrom und dem Donaukanal. Hier kann man ebenfalls zum ersten Mal deutlich den östlichen Endpunkt der Hauptallee erkennen, der von einem Allee-Rondeau gebildet wurde - dahinter durchschnitt ein Donauarrn namens Heustadelwasser die Achse der Hauptallee. An deren Beginn im Westen sind nördlich von ihr, auf dem Gebiet des heutigen

sind noch unberührt.1686 werden

bei Nußdorf Durchstiche zwischen den größeren Donauarmen und dem Wiener Arm durchgeführt, um wegen der zunehmenden Verlandung fiir die Schifffahrt eine höhere Wasserführung des heutigen Donaukanals zu

erreichen. Die bis heute entscheidenden Schritte der Umwandlung des Praters in ein öffentlich zugängliches Erholungs- und Vergnügungsgebiet fanden im l8.Jahrhundert statt. Der 1704 entstandene Stadtplan von I-cuntlrr r\nguissola urrrl Joltann Jacolr l\larinorri zeigt im Gebiet des Praters, derja nach wie vor umzäuntes kaiserliches Jagdgebiet war, außer Wäldern nur die Hauptallee mit einem kleinen Gebäude auf dessen Südseite sowie einer Handvoll weiteren Häusern am Ende der Jägerzeile im Bereich des heutigen Pratersterns. Das änderte sich jedoch mit der Öffnung des Praters für

die Bevölkerung durch Kaiserin Maria Theresias Mitregent Josef am 7. April 1766. Der l77O bis I 773 angefertigte \\'ic'rr-l)larr

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Vergnügungsparks, bereits vereinzelte Kleinbauten erkennbar. Die heutigen Strahlenachsen des Pratersterns (Ausstellungsstraße, Lassallestraße, Nordbahnstraße, Heinestraße) sind bereits angelegt, aber noch nicht bebaut. 1775 wurde dann die Gitterumzäunung des Praters Isidolo ('urtcrlrlc. I-ttstllrttr irrr Platcr. lTliI -l7äJ. Stich rol Zicglcr'

abgerissen und erste Vergnü-

gungslokale entstanden im Bereich des Wurstelpraters. Um das Gebiet vor Überschwemmungen zu schützen, wurden 1780 - I 785 große Dämme am rechten (Kaiserwasser) und linken (Hubertusdamm) Ufer des Hauptstroms im Norden gebaut. Der \cubaLr des l-Lrslharrscs, das vorher am Wiener Donau-

arm lag, durch lsickrnr ('urtcralc l78l-1784 brachte die erste architekturhistorisch relevante Aktivität im Prater. Der bedeutende klassizistische Bau wurde am östlichen Ende der - nunmehr über die doppelte Überschneidung der Hauptallee durch eine Schleife des Heustadelwassers weitergeführten

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Hauptal-

lee errichtet und dient noch heute als markanter Endpunkt der Zentralachse des Praters. Auf einem Au:sthnitt tlcr'.josc-

phini:ehcn .\ulnahrrrc um I790 ist das Lusthaus samt einem Nebengeäude bereits ebenso deutlich erkennbar wie ein umzäunter Gartenbereich nördlich der Hauptallee im Bereich des späteren Weltausstellungsgeländes. Weitere markante Ereignisse des 18. Jahrhunderts im Prater waren die Zählung von bereits 47 Objekten im Wurstelprater am Stadtplan von Mauer l'782,die Errichtung des Ersten,

Zweiten und Dritten Kaffeehauses an der Hauptallee 1782 - l79O und die Zerstörung des zu niedrigen Hubertusdamms durch das AllerheiligenHochwasser 1787 samt nachfolgender Überschwemmung des Marchfeldes.


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Generalprobe für die

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Inr l(). .lrrlrr lrLntlcrt bilden aus architekturhistorischer Sicht für das Gebiet des Praters natürlich die Großpro.jekte der Nordbahn, der Donauregulierung und der Errichtung des Weltausstellungsareals die Höhepunkte. Aber auch kleinere Projekte wie €twa .lo.gpll l.,ot rlllttt:cl. /it l.tt. ItrLe lr südlich der Hauptallee 1808 ( 1852 demoliert) wären in einer exakten Chronologie des Quartiers zu nennen. Der Cründung der Nordbahn durch Anselm Salomon Rothschild und der Bau des Nordbahnhofs ab I 837 brachte jedoch den tietgreifendsten Einschnitt dieser Ara, weil damit nicht nur eine neue Identität und neue Beschäftigung für die Leopoldstadt geschaffen wurde. sondern auch das bedeutendste Eingangsportal für die innere Migration im Reich von den armen Ostprovinzen der Slowakei und Galliziens nach Wien. Für die folgenden 100 Jahre der Stadtgeschichte prägte diese (zu einem Gutteil jüdische) Einwanderung die Leopoldstadt profund. Die Bahnstrecke wurde vom Praterstern in Hochlage auf aufgeschütteten Dämmen ziemlich genau Richtung Norden geführt und


überschritt zwei Donauarme auf Brücken (Kaiserwasser und Hauptstrom). Das monumentale Bahnholsgebäude im ..maurischen" Stil (Entwurf: J. Stummer und Theodor Hoffmann) entstand I 859 bis I 865 und prägte bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg das Stadtbild der Leopoldstadt nachhaltig. I 859 wurde die Nordbahn über die neu errichtete Verbindungsbahn über den Praterstern hinweg Richtung Süden verlängert, um über den Wiener Neustädter Kanal und einen Bogen entlang des 1703 errichteten Linienwalls den Ost- und Südbahnhof zu erreichen. Diese Trassenführung wird bis zum heutigen Tag

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unverändert genutzt. Das letzte Kapitel der Baugeschichte des Wiener Praters vor der Weltausstellung des Jahres I 873 ist die I 870 bis I 875 durch-

geführte I )r'rr,i111 1'.111 iq ; 1;11". Schon 1848 war erstmals eine Donauregulierungs- Kommission eingesetzt worden, aber erst die Überschwernmungen des Jahres I 862 gaben den Anstoß für die tatsächliche Ausführung des Jahrzehnte lang geplanten Projekts. Vor allem das französische Unternehmen Castor. Hersent und Courveux führte die enormen Grabungsarbeiten mit Maschinen durch. die sich bereits heim Bau des Suezkanals bewährt hatten. Das neue Flussbett wurde als nahezu gerade. mittige Durchschneidung des Donauauengebiets konzipiert. mit dem Aushub schüttete man die meisten der nunmehr vom Strom abgeschnittenen Donauarme zu. Der alte Hauptarm im Norden wurde durch Dämme vom neuen Bett getrennt und als stehendes Gewässer mit der heutigen Bezeichnung als Alte Donau belassen. Am Südufer des neuen Stroms blieb beim Areal der Weltausstellung ein kurzes Stück des Heustadelwassers erhalten. Der neue, 284.5 m breite Hauptstrom wurde nordseitig von

einem 474.5 m breiten Überschwemmungsgebiet begleitet, beidseitig von neuen Dämmen gefasst und am 30. Mai 1875 von Kaiser Franz Josef I. für die Schifffahrt eröflhet. Mit den neuen, sicheren Verkehrswegen der Nordbahn und der DonaudampfschiffTahn hatte für Österreichs Wirtschalt eine neue Ara begonnen.

Die Weltausstellung Obwohl dies im heutigen Stadtbild nicht mehr sichtbar ist.

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Baugeschichte des Wiener Praters und weit darüber hinaus einen absoluten Höhepunkt.

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Mit ihren zahlreichen, großteils leider nur temporär existierenden Gebäuden stellte sie eine Reihe entscheidender Weichen für die gesamte österreichische

Architekturentwicklung des späten 19. Jahrhunderts, für viele städtebauliche Schlüsselprojekte Wiens (Donauregulierung, Krankenhiiuser, Hotels, Verkehrslinien u.v.a.m.) und nicht zuletzt auch für den plötzlich .,globalisierten" Kunstbetrieb der Stadt. Denn die Weltausstellung war auch Ausdruck der politischen Ambition. Östeneich als führende Industrie- und Kulturnation mit dem gleichen hohen Entwicklungsstand wie England und Frankreich zu präsentieren. wo seit der ersten Veranstaltung dieser Art 185 I auch alle weiteren stattgefunden hatten. Die

Wiener Weltausstellung war nicht nur die erste östlich von London und Paris. sondern überbot die vorangegangenen englischen und französischen Veranstaltungen in Inhalt und Größe erheblich, alleine schon in Anzahl und Prominenz der 35 Teilnehmerländer. aber auch in der

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Vielfalt der übrigen Bauten und Beiträge zahlreicher Unternehmen und Einzelpersonen. So übertraf das Flächenausmaß der Wiener Ausstellung jenes ihrer Vorgängerin in Paris 1867 gleich um das Fünffache und jenes der Londoner Schau von 1862 sogar um das Zwölffache.3 Keine andere Weltausstellung bot eine vergleichbar große Kunstabteilung, die in Wien gleich drei Gebäude umfasste und damit das bis dahin übliche Programm fast ausschließlicher Industrieschauen konsequent in eine kulturelle Dimension öffnete. Obwohl sie mit verschiedensten Problemena konfrontiert war und sich vielleicht deshalb im kollektiven kulturellen Gedächtnis Österreichs kaum verankern konnte, muss die Wiener Welt-

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ausstellung heute als Erfolg betrachtet werden, der sich nach-

haltig positiv auf Industrie, Handel, Kultur und Technik des Landes auswirkte.5 Ein wichtiger Teil dieses Erfolgs war die innovative Architektur, die sich jedoch - mangels überlebender Bauten - in der Architekturhistoriografi e Österreichs nur ebenso unzureichend etablieren konnte wie die gesamte Weltausstellung in der allgemeinen Geschichtsschreibung.6 Die Schau war ein einmaliges Versuchslabor für eine Reihe von Bautypen, die man in Wien bislang noch nie im Original gesehen hatte und die für die wirtschaftlich-kulturelle Entwicklung der gesamten Monarchie von großer Bedeutung waren. Zu den innovativen Leistungen zählen neben der spektakulären Konstruktion der 34Meter hohen Kuppel der zentralen Rotunde nach Grundentwurf des schottischen Ingenieurs John Scott Russell vor allem die zentralen Ausstellungsbauten und ihr Grundlayout im Fischgrätsystem, aber auch die ..tttrrtirtttlislischc" Nluschincnhrrlle, die Pavillons von Staaten des Nahen und Fernen Ostens mit ihrer fremdartigen, für die frühe Moderne durchaus inspirierenden Formensprache sowie die erfolgreiche Erprobung eines fiir Östeneich neuen Kunstausstellungs- und Museumstyps mit zentralen Deckenlicht- und flankierenden Seitenlichtsälen. Die komplexe und in extrem kurzer Zeit bewältigte Planung und Errichtung der großen Menge monumentaler und kleinerer Bauten wurde bislang noch nicht im Detail rekonstruiert, obwohl dieser Prozess zweifellos eine Höchstleistung

Generalprobe für die

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der Architektur- und Technikgeschichte Österreichs darstellt und zudem auch dokumentarisch gut fassbar ist.7 Zwar ist der organisatorische Ablauf des Projekts im Großen und Ganzen alleine schon wegen der umfang-

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Untemehmen bekannt. gering ist jedoch das Wissen über die inneren Arbeitsabläufe im Planungsbüro um Carl von Hasenauer (1 833 - 1 894), der von Wilhelm von Schwarz-Senborn, dem Generaldirektor der Weltausstellung, wohl nicht nur wegen seiner früheren Entwürfe für Weltausstellungen als ,,Leitender Architekt" beauftragt wurde.s Hasenauer war auch einer der maßgebenden Architekten der Wiener Ringstraße, vertrat eine barocke Stilauffassung und wurde schon vom Künstler-B iografen Hans Vollmer in Anspielung auf den bekannt opulenten Maler als ,,Makart der Baukunst" bezeichnet.s Als Planer des Kaiserforums (ge-

graf sch-arch tekturhistolsche

Dokunren|on präzise ausge f

r-rhrt, vg . Kurdrovsky 2008,

S 100, 266 und 270

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Derr

Teanr von Hasenauer gelrö'tert

auch die Archrtekten

GLrg 12.

Koronrpay, Hrntrager und Weber dr. /gr B. B',crcr De A'rc ste lungsplatz", nt. Dte btldende Kunst. 1813, S.232

9 Christoph Hölz, ,,Senrper und Wien 1869 b s l879", n Winf r ed Nerdrnger und Werner

Oechsl n l1g.), Gottfrted Senrper 603 - 8 t-9. Architektur rind lt/issen-schaft, M rlnchen 1

1

(Preste)2003,S433

zistik über das spektakuläre

meinsam mit Gottfried Semper) genoss Hasenauer zudem das Vertrauen des Hofes - seine Bestellung kann so auch als strategischer Schachzug von

157


Schwarz-Senborn zur Erhaltung seines eigenen politischen Rückhalts interpretiert werden. Für Hasenuuers Innovationsfähigkeit. die er nun in großem Stil ausspielen konnte. sintl seine Erlahrungen bei reprä:entutiven Kulturbauten wie den Hofmuseen und bei neuen urbanen Bautypen mit komplexen Funktionsabläufen wie etwa Spitälern (Leopoldstädter Kinderspital. St. Anna-Kinderspital) von großer Bedeutung. Für eine Baugeschichte der Pavillons des amateurs muss die Betrachtung der Weltausstel lungs-Architektur auf jenen Bereich beschränkt bleiben, derfür die großen Kunstausstellungen errichtet wurde. Dessen Autorenschaft wird - im

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Gegensatz zu anderen Bauten der Weltausstellung - schon seit der zeitgenössischen Beschreibung von Carl von Lützow direkt Carl von Hasenauer zugeschrieben.

Der Kunsthof Der Kunstbezirk lag im Osten des

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r,'.r1. zwischen der zentra-

len Industriehalle und denr .,Bauerndorf''. einer Ausstellung von Modell-Bauernhäusern. Der Bereich sollte der Präsentation der Kunstproduktion der Teilnehmerländer sowie einer zunächst nur unscharf tbrmulierten Ausstellung der,.Kunstliebhaber" (amateurs) dienen. Die urbanistische Idee Hasenauers. einen Bezirk mit rein kultureller Nutzung den dominierenden Industrie-Abteilungen gegenüberzustellen, war ausgesprochen innovutiv und in ihrern geistigen Hinteryrund des Gleichgewichts von Kunst und Gewerbe in der österreichischen Staatsrepräsentation zudem auch durchaus

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Wienerberger Ziegelf abrik im Osten. Der Hof war rundum von einem I .rlrl'. rrr.: :: einget'asst. Die Kunsthalle bildete in diesem Arrangement, das der Kunst zum ersten Mal auf Weltausstellungen einen ei_qenen. großzügigen Bezirk widmete, das größte Volumen. Die langgestreckte, massiv gebaute Struktur war dem Typus nach ein Caleriebuu mit einem plastisch vortretenden Miuelrisalit. an den beidseitig je ein vierschiffi ger Calerietrakt mit basilikalem Querschnitt an-

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schloss. Am Nord- und Südende war der Bau mit Eckrisaliten abgeschlossen, die niedriger wuren als der Mittelrisirlit. Diese

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H-förrrige Crundstruktur mit Ober- und Seitenlichtsrilen sowie repräsentativer Erschließung

durch einen Mittelrisalit entspricht dern damaligen Standardtypus l'ür Cernäldegalerien. wie er seit Leo von Klenzes Mün-

takulären Kopie des Istanbuler Sultan Ahmed-Brunnens in der

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noch erhaltenen Bauten der gesamten Weltaus\tellung. Zwischen der Ostreite des Industriepalastes und der Westfassade der Kunsthalle lug eine großzügige Parkanlage mit einer spek-

Östlich der Kunsthalle hingegen erstreckte sich der in mehreren

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nati onal -typ i sch. Das umfangreiche Bauprogramm bestand aus der langgezogenen

Kunsthalle. die sich in NordSüd-Richtung erstreckte und ein Stück weit östlich des zentralen Industriepalasts stand. sowie aus zwei weiteren Pavillons. die ursprünglich der Präsentation privater Kunstsammlungen dienen sollten. Diese beiden Pavillons sind die einzigen heute

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Er lag zwischen der Kun:thalle im Westen. den bciden kleineren Kun:tpavillon: im Norden und Süden sowie dem ri,

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chener Pinakothek ( I 826- I 836) bekannt war - Hasenauers


Stei-*erung zu cirtcrt.t i'ierschitllg.en T1p isl zueilelkrs cine oli-

ginelle Leistung des Architckten. Seine genaue Kcnntnis der I1337 lU-+7 errichteten Dlestlener Gemiiltlegalelie. clie .ia

Cottfl'ied Senrper. sein damals irr Wien lebentler Pilrtner bci der Plunun-t der Hotiruseen. entworlcn hatte. nruss unbedingt vorausgesetzt werden.

ln den Vrrlhallen tlet Mittcllisirlits untl irr tlert niirdliehctt souic sücllichen Abschluss-Siilen wurde Plastik gezeigt. Innen Ia-sl der ..Centralsaal". der gr(il3te und hiichste Saal der Kunsthalle. in dcnr GroLJfirrmat-Gerniildc nrehre rer Liintler sowie Skulpturen aus-uestellt waren.

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viert auf-genonrrlen. Clrl von L[itzow. einer der wichtigsten Kunstpublizisten jener Zeit. streicht dic Ntichtcrnhcit dcs Entu'urt.s hervor: ..Auf dic Architektur del Kunsthalle hat Hascnauer *ohl mit Absicht anr wenigsten Kunst verwendet. Wiihrend sich die beiden inr lechten Winkel vorgescllrbenen Pavil krns ( der' Anrateurs und der Museen. ihrer ru

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Mauern hin. und weder die Pteilerhalle des Mittelbaues rroch die luhrchl iellenden Quclt llktc rnit den Seitenportalen brin.qen irgend ein bedeutsanres ki,instlerisches E,lcnrent in die etu'as lan-gu eilig dreinschauende Mirsse."

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Generalprobe f ür die

Ringstraße

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Der,,schematische" Zugang zum Entwurf der Kunstbauten kann auch als ,,rationell" bezeichnet werden, der Typus ist klar und effizient. er variiert mit seinen vier Schift'en die vormodeme Standardversion des Museums mit zwei bis drei Schiffen (bei-

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spielsweise Gottfried Sempers Dresdner Gemäldegalerie) und fügt sich mit diesen Eigenschaften vorzüglich in eine lndustriedominierte Großausstel lung ein.

Die Pavillons des amateurs

l)ic hirt['n kli:irtcr.cn KLrrrrl|;1t ll' lorrs. die an der Nord- und Südseite des Kunsthofes lagen, wiederholen und variieren die Struktur der Kunsthalle in reduziertem Maßstab. Die symmetrisch angelegten eingeschossigen Bauten über Sockeln sind ebenfalls in Ober- und Seitenlichtsäle unterteilt. Ihre dreiflügelige Grundstruktur zeigt im Mittelrisalit ein Vestibül und zwei große, 13,5 m hohe Oberlichtsäle. während die beiden seitlichen Trakte sowie der in der Mittelachse der Pavillons an der Rückseite angefügte Trakt rvieder der Länge nach in je zwei 7 .6O m hohe Seitenlichtsäle unterteilt sind. Am Ende der Rücktrakte schließtje ein quer-

gestellter Saal die Raumfolgen ab. Der Grundtypus ist gewissermaßen eine verkleinerte Version der Kunsthalle - deren lang gestreckte, vierschiffi ge Trakte

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WrlT usstlrluro lai! nWtx

Lrrtlcr zrr LIrei I'rt'irzliirntir: lrrt-

t!,1r,1il, r\'il lr;,l.r, rr mit je zwei Schiffen umgedeutet. Auch wenn die Pläne der Pavillons, die im Hasenauer-Nachlass in der Wiener Albertina verwahrt werden. nicht mit letzter Sicherheit diesem Architekten alleine zugeschrieben werden können - sie sind im Gegensatz zu anderen dort vorhandenen Plänen der Weltausstellung nicht

signiert -, dokumentieren sie wohl dennoch seine Konzeption auf repräsentative Weise. I ti.' r:r

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Attikagruppe fungieren darin als monumentale Schauseiten. während die übrigen Elemente und die gesamte Grundstruktur wieder betonte Sachlichkeit demonstrieren. Die allegorischen Figuren der drei Künste auf der

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Attika stammten von Johannes Benk (1844-1914), der an

160

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hauer zahlreiche Großplastiken

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der Wiener Akademie bei Franz Bauer und an der Dresdner Akademie bei Ernst Julius Hähnel gelernt hatte, und als einer der profi liertesten Ringstraßenbild-

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Zeit in Wien ein wahrer Gründungsboom für Museen und Ausstellungshriuser im Cange. in den die Kunstbauten der Weltausstellung - darin lag ihr Inno-

vationspotential -durchaus neue Erfahrungswerte einbringen konnten. Die technische Optimierung der Institution Kunstausstellung stellt sich in diesem Prozess auch als Bildungsoff'en15

sive und demokratisches Emanzipationsprojekt dar - sowohl für Kunstproduzenten als auch für eine stetig wachsende Konsumenten schicht.

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Für Carl von Hasenauer. derja gerneinsam mit Gottfiied Semper die Hofmuseen plante.

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diesen temporären Charakter ver-

meiden. und trotz aller Nüchtemheit doch auch eine Aura von Dauer und Würde verströmen. Semper / Hasenauer und Heinrich von Ferstel. der Architekt des Museums für Kunst und Industrie (Kunstgewerbemuseum),

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für die Votivkirche. das Wafl-enmuseum und die Hofhuseen

schuf.

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Die Schnitte durch die Pavillons zeigen die konsequente Orientierung des Entwurfs an Belichtungskriterien, deren Bedeutung im Museumsbau des vorelek-trischen Zeitalters rangmäßig über den Fragen etwa des räumlichen Layouts stand. Die großflächigen Ötfnungen der Decke tbei den Ol,. r'l:. lri..rl. rr) und der Fenster (bei den \erlinii. lrl .., ., ,1 bestimmen den Ruumeindruck nachhaltig. Dass aber diese trocken-..funktional istischen" lnnenräume auch auf Seh-

gewohnheiten des damaligen Publikums reagieren mussten. beweisen die subtilen. visuell jedoch sehr wirksamen Details wie etwa die Türrahmungen im Renaissance-Stil oder die umlaufenden Gesimse auf der Höhe der Kämpi'erzone. Letztere bezeichnen den Beginn der Wölbung. die auch aus repräsentativen Gründen als Deckenkonstruktion gewählt wurde. Die technisch ohne weiteres verfügbare Alternative etwa eines Satteldaches mit sichtbarem ( oder auch über einer abgehängten flachen Decke verborgenem)

Generalprobe f ür die

Ringstraße

waren die Kunsthalle und die Pavillons des amateurs, gleichsam als ..Generalprobe", ein wertvolles Experiment für den entstehenden dauerhaften Standorl an der Ringstraße auch weil die Lebensdauer der Weltausstel lungsbauten trotz diverser Nachnutzungsideen von vornherein begrenzt schien. Der gegebene repräsentative Anspruch der Nutzung für Kunstzwecke sollte jedoch gerade

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Eisentragwerk kam wegen der repräsentativen Funktion als Kunstausstellungsraum für die Oberlichtsäle nicht in Frage sie wurde nur in explizit industriellen Kontexten wie etwa Hasenauers Maschinenhalle ver-

bedienten sich bei ihren Museumsbauten und bei den Kunstbauten der Weltausstellung jenes international längst bewährten,

wendet.

Kontext und Hintergrund: Museumsbaudebatte und Architekturtheorie Das Spannungsf'eld zwischen repräsentativer und ..funktionalistischer" Sichtweise (anders

formuliert: zwischen tradilionalistischer und moderner. feudaler und demokratischer Haltung) bestimmt die gesamte zeitgenössische Fachdebatte über den

Museumsbau in Östeneich. die jedoch im Vergleich zu Paris. München. Berlin und Dresden erst mit der deutlichen Verspätung von einem halben Jahrhundert begann. Mit der Errichtung des Waffenmuseums im Arsenal (,,Wiens erster spezifischer Museumsbau". i I 849 I 877), des Künstlerhauses ( 1865

- l368),

-

des Östeneichi-

schen Museums für Kunst und Industrie (1868-1871) und der beiden Hof museen (ab l87l ) an der Ringstraße war zu dieser

161

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kombinierten Seiten- und Oberlichtbautyps. der in Wien flr die Funktion einer Bilderausstellung erstmals in einer ModellHütte f ür das Kunsthistorische Museum im Sommer 187 I offensichtlich zur Zufriedenheit der Planer und Bauherren erprobt worden war. Für dreidimensionale Objekte hingegen war er hier bereits seit der Eröffnung des Kunstgewerbemuseums l87l in Gebrauch. Oberlichtsäle ohne unmittelbar anschließende Seitenlichtsäle wurden für Kunstausstellungen in Wien erstmals im hrr:r'ii.r lrrri. gebaut. 'Obwohl das 1865 -68 von August Weber errichtete Aus:tellungshaus im Obergeschoß sowohl Säle mit

t. l,;r: I),.1.r'rl:,lll alsauCh solche mit Decken- und Seitenlicht besaß. bot es keine direkte Verfl echtung reiner Oberlichtund reiner Seitenlichtsäle auf einer Ebene, sondern ,.nur" eine lose Aneinanderreihung. Den

integrierten, kombinierten Typ entwickelten erstmals in Öster-


(iotltricd \1)n Scnrper. (icnlildcl:rlcl i.'. I )terrlen. L:irtr.r. htrilt

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reich August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll, die späteren Planer der Hofoper,

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ehisches \lu'crrnt I :rtlrrrtriLr. Scltnill

1844 für Gewerbezwecke. Da sowohl Hasenauer als auch seine Mitarbeiter Gustav Gugitz

und Gustav Korompay Schüler von Sicardsburg und van der Nüll waren, dürfte ihnen das System bekannt gewesen sein.lT

Die Innovation Sempers und

einem modemen Bau der Öffentlichkeit präsentiert werden sollte.

Diese ,,Revolution von oben" war durch den Entschluss Kaiser Franz Josefs 1869 eingeleitet worden, Gottfried Semper als Chefarchitekt der Hofburgerweiterung und der kaiserlichen Museen zu bestellen.rB Semper, Revolutionär des Jahres 1848, hatte ja bereits I 838 - I 847 die

Kiri:crlirrunt- Plilnunt:

Hasenauers bestand demnach in einer Art Nachvollzug: Der

I)rertlncr' (icnlildcgalclrc mit Ober- und Seitenlichtsälen

\ r)nr 1.5. .lurrncr' I l'i7 I . Schnitt clurclr Ohcl untl Seitcrtliclttslilc rlrs KLrnsthistori:chcn \luscLttrs. I)r'oickt

international etablierte, kombinierte Seitenlicht-OberlichrTyp wurde mit ihren Bauten erstmals in Österreich für Kunstaus-

geplant und dabei seinerseits auf den Erf,rndungen Leo von

stellungen in großem Maßstab genutzt. Aus heutiger Sicht

die Pirurkothek (1826-1836)

Ciotlllietl Scrnpel utttl C'rrll ron Hrrscrr;.rtrcr'.

scheint dieser Entwicklungsschritt im Verhältnis zum bereits Vorhandenen (Künstlerhaus,

Kunstgewerbemuseum) kein allzu großer zu sein - für die Kultur des 19. Jahrhunderts und insbesondere für das konserva-

l.er, \r,lt Klr'rrz,. Pirtltk,'tlte k. \liinchcn unr l9(X)

162

tive Östeneich war er jedoch fast ein Wagnis, dessen Erfolg keineswegs garantiert war. Noch dazu handelte es sich bei dem in Bau befindlichen Kunsthistorischen Museum um die kaiserlichen Sammlungen, also um einen Repräsentanten der alten Ordnung. der aber nun in

Klenzes für die N4iinchrrcr' Cill ptothek (l 816- I 830) und aufgebaut.l9 Falls das nach den langjährigen Erfahrungen von München und Dresden überhaupt noch nötig war, schienen nun letztlich auch die Kunstbauten der Wiener Weltausstellung die Wahl dieses Bautyps für die Hofmuseen zu bestätigen. Carl von Lützow Herausgeber der Zeitschrift

,,Die bildende Kunst" und mit Gottfried Semper während dessen Wiener Jahre befreundet,2o

hoffte jedoch auf zusätzliche Impulse: ,,Die Anlage der Räumlichkeiten in Bezug auf Größenverhältnisse und Licht-Dis-


positi()n i:t das Resultat eingehender vergleichender Studien und Experirlentc. Was wir hier vor uns haben. wird beinr Neubau der . . deren Frrndunrenle bereits aus denr Boden hervorsteigen, in allern \\'esentliehen iihereinstinrnrend zur Ausführung gelangen. Der Bau der Kunsthalle hat insof'ern schon als solcher für Wien eine mehr als vorübergehende Bedeutun-1. und es wäre sehr zu wünschen. dass die Erl'ahrungen. die man bei der Generalprobe auf denr Weltaus-

stellungsplatze rnacht. noch :Ausf ührun-g vor . Fest

für die

dern Bur-gthor verwertet werden

könnten." Trotz der damals schon breiten internalionulen Anwendung in Kunstmuseen war das Systern der kornbinierten Seiten- und Oberlichtgalerien in Wien noch immer nicht gänzlich unumstritten. Carl von Lützow stellte in ausgesprochen aufklärerischer Weise vor allenr die damals gängige Nulzungsu eise t.lerartiger Galerien niit Bilderhängun-ten in mehreren Reihen übereinunder in Frage: ..Ohne uns in technische Detailfiagen einlassen zu wollen. darf doch so viel wohl schon jetzt konstatirt werden. tlass des Oberlicht auch in der hier vorliegenden. mit aller Sorgtalt abgewogenen Konstruktion tlern Sertenlicht in jeder Hinsicht nachzustellen ist. Das Seitenlicht bleibt nun einnral das natürliche Licht ftir Innenliume. das Licht. hei dern die rneisten Bilder gemalt. auf das sie gestimmt sind. Also. je nrehr Rliume mit Seitenlicht. desto besser eine Galerie! Oberlichtriiume dagegen nur ausnahnrsweise für Bilder größten Formats und solche. die als Dekoration ,'on Prachlsälen gedacht. mehr aul das Zusammen,qehen rnit der Architektur als auf eine spezielle Bildwirkung berechnet sind! (...) Eine Reihe gro{3er Oberlichtsäle nrit schich(enweise übereinander angeordneten Massen vorwiegend kleinerer. ja zum Theil duodezförrniger Bilder muf.l auch bei der sonst geschmackvollsten Aut,stellung den Sinn eher verwirren als bilden. das Auge ermüden. statt es zu erquicken." Lützows Kritik macht klar. dass sowclhl Hasenauers Planungen liir die Bauten des Kunsthole: der Wiener Weltausstellun,s und die Hofrnuseen. als auch die

Nutzungsgewohnheiten fiir Ausstellungsbauten im allgemeinen nur teilweise den empirischen Erkenntnissen entsprachen. Konsens bestrntl zwur üher tlie gi.ins-

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tige Wirkung des Oberlichts für

Monumentalgemälde und Skulpturen. Trotzdem wurden aber auch weil es vicl weniger qualitlitsvol lc Grrrßlirrmutc als klerne Bilder gab - viele Oberlichtsäle. sowohl auf der Weltausstellung als auch im Kunsthistorischen Museur.n. für die Präsentation kleinerer Gemälde -qenutzt. und zwar in mehreren Reihen übereinander. wie es in alten Kunstkamnrern (allerdin-qs rnrt Seitenlicht) üblich gewesen war. Die Gründe dafür sind komplex: In Wien gab es dauerhafi für Kunstpräsentationen genutzte Deckenlichtsäle ja erst seit dcr Errichtung des Künstlerhauses 1865 1868. im internationalen Diskurs assoziierte man diese Präsentationsform jedoch schon seit der Errichtun-q der I ,

.

.

(liir Mulerei) vor I 8(X) und seit Joseph Paxtons Londoner Kristallpalast von l8-5 I (tür gewerbliche Ausstellungszwecke) durchaus rnit kultureller Größe sowie rnit Modernität. Das Wiener.Deflzit" an derartigen modernen Ausstellungshauten rnag hic'r zuI Motivation mit beigetragen haben. eine weit gröf3ere Anzahl nronumentaler Deckcnlichtsäle zu cr-

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Kunst, den kein Geringerer als der Partner des wichtigsten Architekturtheoretikers des I 9. Jahrhunderts entworfen hat und der im Kontext der damals modernsten,,Bauaufgabe Weltausstellung" stand. darf man mit einigem Recht auch Aussagen über grundlegende Kulturbegriffe erwarten. Da hier der Raum für eine ausführliche Darstellung der architekturtheoretischen Stellung der Pavillons des amateurs fehlt. sei auf diese Dimension zumindest hingewiesen. Sie müsste im reichen Typenspektrum der Wiener Weltausstellung diskutiert werden -von Hasenauers,,industrieller" Maschinenhalle aus Eisen und Glas über die in monumentale

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Steinwände,,eingepackte"

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konstruktion der Rotunde bis zum ..barocken" Repräsentationsbau des Kaiserpavillons und den vielen ,,exotischen" Bauten aus dem Fernen Osten und den nahen Habsburgerländern. In diesem Kontext nehmen die Kunstbauten eine betont nüchterne, fast aufklärerische Stellung ein, die sich durchaus mit der

materialistischen Position Gottfried Sempers in Verbindung bringen lässt. Das Aufkommen industrieller Bautechniken hatte,

richten, als man mit qualitätsvollen Großformaten oder Plastiken überhaupt füllen konnte obwohl schon bei der Planung des Kunsthofes der Weltausstellung 1873 bekannt war, dass die Exponate der Teilnehmer zahlreich und vorwiegend kleinformatig sein würden. Bei der Weltausstellung und im liLrn't lri.lor iselren \lrrseLur nutzte man die großen. von oben belichteten Wandflächen daher für die Präsentation verschiedenster

-

Formate in mehreren Reihen übereinander. Lützows Kritik an der verwinenden Wirkung dieser Hängung -,,auch bei der ge-

-

schmackvollsten Aufstellung" weist weit voraus in die Moderne, die erst viel später in der Wiener Secession die konzentrierte Bilderhängung in einer Reihe zum Standard machen sollte. Ein Auslöser der Secessionsgründung war die traditionalistische Präsentationspolitik in der Mutterorganisation des Künstlerhauses. Denn hier blieb seit der Eröffnung des Ausstellungshauses l 868 die weitgehend beliebige Hängung in mehreren gestapelten Schichten üblich, und verhinderte so die für die Marktchancen der Künstler

164

essentielle \4/ahrnehmbarkeit der modernen Malerei. Dies führte 1897 zur,,Secession", einer Gruppe der modemsten Künstler,

die alsbald ihr eigenes Ausstellungshaus

-

durchgehend mit

Oberlichtsälen - errichtete.::i Mit solchen Femwirkungen illustriert die auf den ersten Blick fast akademisch wirkende Debatte über Ober- und Seitenlicht in Galeriebauten ihre wahre Komplexität, die weit über den kunstinternen Diskurs hinausgeht: Repräsentationsfragen (Gebäudeschmuck,,,kosmopolitisches Image" monumentaler Oberlichtsäle I spielten dabei eine ebenso große Rolle wie empirische Tatsachen (Oberlicht wirkt nur auf Großformate und Plastiken günstig), fehlende Nutzungsplanungen (real vorhandene Exponate versus ideal geplante Gebäudestruktur) und marktpolitische Erwägungen (akzentuierte oder beliebige Präsentationsformen). Ein weiterer wichtiger Aspekt der Kunstbauten der Wiener Weltausstellung ist der architekturtheoretische, der untrennbar mit Gottfried Sempers ,,Bekleidungsprinzip" verbunden ist.:'r Gerade von einem Bau für die

spätestens seit Joseph Paxtons Londoner Kristallpalast von I 85 l, die klassische Tradition der Architekturtheorie nahezu obsolet werden lassen. Gottfried Semper war jener Theoretiker, der auf Basis eines positivistisch-

wissenschaftlichen Weltbildes diese Umbruchsituation beschrieb.2s Zwar ist bislang nicht bekannt, ob Semper - was während seiner Wiener Jahre ohne weiteres möglich gewesen wäreseinen Partner Carl von Hasenauer bei der Planung der Weltausstellung mit konkreten Hinweisen unterstützte, dennoch kann aber angenommen werden, dass es schon wegen Sempers

gener theoretischer Beschäftigung mit der industriellen Revolution l85l im Londoner Exil:'6 zu einer gewissen Kommunikation über das Projekt gekommen war. Die Vielseitigkeit und Flexibilität Hasenauers ermöglichte es diesem, verschieei

dene Sprachen für verschiedene Bauaufgaben der Weltausstellung zu entweden, wobei er sich in keinen Konflikt mit Sempers Lehre begab. Diese sprachliche Vielfalt war weit reicher als jene der vorangegangenen Weltausstellungen und kann ihrerseits als

,,industrielle" (Architektur-)Produktion nach exakten Vorgaben bezeichnet werden.


27 Ygl. dazu die Beschreibung der Vorgänge durch Karl Lind, Die österreichische kunsthistorische Abtheilung auf der

Wiener Weltausstellung (Expos tion des anrateurs), Wien 1874, S 1 : ,, Die Pariser Weltausstellung des Jabres 1867 hatte re histoire du travail als Ausstellung alter Kunstwerke, die Wiener sollte eine Exposition des amateurs haben. War der Nanre auch verschieden, so war doch n er w e dort gerrernt, dem Publicum einen Überblick zu gewähren, wie die gesamte Cultul wie dre Kunst und jeder ernzelne Zwerg des Gewerbes sich vom Anbeginne bis heute entwickelt haben. Das entsprechende Specialprogramm war

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Dererts zu Anlar-g 1872 a.Lsgearbeitet und bald darauf aus-

Lageplan des Kunsthol'es inr

Olliciellcn Kunstcatalog

Die Nutzung der Pavillons des amateurs während der Weltausstellung Bis zur Eröffnung der Weltausstellung bestand Unklarheit über die tatsächliche Nutzung der beiden Pavillons, in denen - in Anknüpfung an die ,,histoire du travail" der Pariser Weltausstellung von 1867 - ursprünglich eine enzyklopädisch-kulturhisto' rische Ausstellung aus privaten Sammlungsbeständen vorgesehen war.27 Das Programm dieser

,,Exposition des amateurs" war jedoch von Anfang an unklar, wie zeitgenössische Quellen berichten: ,,Logisch könnte man sich unter diesem Titel ungefähr vorstellen, dass es sich darum handeln sollte, die privaten Kunstsammlungen als solche zum Ausstellungsobject zu machen, also etwa die Tendenzen der Samnler in den verschie-

Idee doch das, was man so sehn-

lich suchte, etwas Neues. Aber schon das gedruckte Programm wußte von seiner Aufschrift so wenig, wie die rechte Hand von der linken in der Bibel."28 Da also das ursprüngliche Ausstel-

lungsprojekt mangels konsequenter Organisationsarbeit und Interesses großer Kunstsammler nicht zustande kam, wurde gleichsam in einer,J-ast-MinuteOrganisation" - eine Kommission vorwiegend aus Vertretern

-

des

Ministeriums zusammenge-

stellt, die sich nun aufdie Suche kooperationswilliger Kunstsammlungen begab. Für die allgemeine Kunstausstellung in der Kunsthalle erwies sich diese Panne als glückliche Fügung, da ihr Raumangebot den Einsendungen bei weitem nicht gewachsen war und sich so eine ideale

denen Ländem und die Qualitäten

Erweiterungsmöglichkeit in den benachbarten,,Pavillons des

ihrer Collectionen uns vorzufiihren. Obwohl der Zweck einer solchen Darstellung ein höchst problematischer, und die Durchführung eine enorm schwierige gewesen wdre, so lag doch dem Ganzen eine Idee zu Grunde, und, wenn sie auch gerade keine glückliche war, so wardiese

der ,Exposition des amateurs', von der nur ein kleines Bruchstück zur Ausführung kam, machte Räume disponibel, deren sich die viel zu klein angelegte Kunsthalle für die Aufstapelung der ihr zugewiesenen Schätze mit Vergnügen bemächtigte." 2e

Generalprobe für die

Bingstraße

amateurs" ergab: ,,Das Scheitern

165

23 Zum Ausstellungshaus der Wrener Secession vgl. Franz Sn ola, ,,Der Zert hren Architekten. Joseph Maria Olbrich und die Wiener Secession", in: Ralf Beil und Begtna Stephan, Jaseph Maria Olbrich. 1

897

- 908 Architekt und 1

Gestalter der fruhen Moderne, A-sslellungstata og. Darmstadt-Berlin-Wien (Hatje Cantz) 2010, s.93-113 24 ZLr Sempe's Arcn'tekturtheo'e vg,. We'ne" Oechsl,n, ,,... bei furchtloser Konsequenz (die nicht jedermanns Sache ist)

..."

Prolegomena zu ernem

verbesserten Verständnis des Semper'schen Kosmos, in.

Winfried Nerdinger und Werner Oechslin l1g ), Goxfried Sentper. 803 - 879 Architek1

1

tur und Wissenschalt, München

{Prestel) 2003,

S 53-90

25 Gottfried Semper, Der Stil in den technischen und tektonischen KLjnsten. oder praktr sche Asthetik, Frankfurt 1 860 26 Gottfried Semper, Wissenschaft. lndustrre und Kdnst. Vorscl'tläge zur Artregung nationalen KunstgeftthIs; bei dem Beschlttsse der Londoner n d u str ie-ALt s ste I u n g, Br aunschweig (Vieweg) 1852 I

I

gegeben, dre Comnrission ernannt, die Berathungen waren erngeleitet, endlich das Bureau errichtet, eröffnet und thätig und doch hing es an einen-r Faden, dass die Exposrtion des amateurs nicht zu Stande gekommen wäre, denn inn Beginne des Jahres 1 873 sah sich die Commission aus Ursachen, die dem Referenten unbekannt sir-d, veranlasst, rhre Den.tssion zu geben. Schon während des Jahres 1872 wa'die Thätigkeit zu Gunsten dreser Ausstellung eine sehr geringe (...)" 28 F. Lippnranr', ,,Dre f xpos tion des Amateurs", in: Carl von Lützow (Hg ), Kunst und Kttnstgewerbe auf der Wtener Weltausstellung I 873, Letpztg 1875, S 496


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Dic geplantc Ausstcllung iibcr Kunstsanrrnlungen hingcgcn klnr crst rrrit Velspiitung und stark verkleinclt zustlndc. Nculr

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Lrintlcl nuhnrerr dururr teil. Fiir' clic ..iistcrlcichischc kunsthisto rischc Abthcilung'' clicscr Schau \\ ut Jcll \ ()r'\\ it'ictttl K lorlr't.

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sanrrrrlungen. Regionalrttusccn

souic einige ucnigc Prrratslrnrrrlungen uie ctr.la.jcnc dcs Barons Anselnr von Rothscl.tild llc\\onncn und ihncn soclann zuci Srile tles slidlichcn Pavillon des anratcurs zttgcu iesen. Dct'

Inhalt diescr heidcrr Srile u ircl inr Bcricl.rt dcs zustiincligen Kulators Karl Lincl beschricbcn. clcl das dttrchaLts iltnovutirc. rtktue I lerr kun str.r'i sscnschali I ichen

Kliterierr r cryllrehtetc Plrnzip betont. clic Exponute cler (ister'rc'rchischen Abtcilung ntcht nuch ihrc'r I'rovcnicnz. sonclcrn ttaclr l)criotlerr Lrrrtl Strlcrr ztr llrrPpit'ren: ..Dadurch q urde es nr(iglich. in clcnr cincn Saal in cincnr Kastcn riinrischc' urrtl kcltischc Ccr.:crr:lrintlc. in cinerrr Seltrcirte r ornchnrlich Gegerrstiindc ronranischer KLrnst. in cincrtt anclelen des gothischen St1'lcs. in einenr clrittcn cler Rettaissarrcc. rurrd zu ar nrcistcns Ausstcllcrn ruLts Nicder- trrrrl C)hcr-( ):tcr'rcich. Salzhurg. Kiirnten.'l-vrol uncl Stcicrnrark angch(irig u.s.*.. in clcnr anclelen Saalc Gcgcnstainclc aus Mlihrcn. Biihntcn. Cal izien uncl dr'r' Bukori'itta. uncl zu ar in clcn r crschieclencn Kristcn ubgesonclert. aLr ITustcllcn." Llnter den rrertvollsterr Exponaten hclirnclert sich Rcnaissanccobjcktc aus cler Santtnlung Anselnr ron Rothschild ebenso u ic ctu a de r Vet'duncr Altar aus denr Stifi Klosterneuburg untl der hssilokclch aus dcnr Stiti Krcnrsnrtinstt-r. Neben clcn hcidcn Siilen Östcrrcichs ulrcn rnr Süclpar illott auch zu'ci Slilc rnit Bxp()natcn aus Deutschlund und cin Saal rrrit kLrrtstltislolisr'lrcrt Bcitl litctt LIngat'ns zu schen. [)cr gibt zunrindcst eine ungcliiltre Ar.rskunl't iiber tlic niunrliche Position dieser Bcrtlligc. Denrnrch u'aren dic r ie r Slile der' bcrclen Qucrtraktc unrl der Qucr-

saal des Rticktraktcs des sticllichen Pavilkrns dicsen Priiscnta troncn geu idmet. lvlihlend dic

die Kunsthllle hrittc bcschtinkt blciben sollen - gcnutrt \\ urdc. Inr Nortlpar ilkrn stuntlett r ict'

(l('l ncillt Srile tlcI ktttt.tltirlt't i schen Ausstellung rur Vcrftigtlng \i\' \\ Ut\len rrril Dlilte n[rrk. Schu ctlcrr r.rn(l En,..:lirn(l r rr'lr)ciltslnr irr eirrcnt Saill ) so$'ir' \ on Russlancl. Italiett und dcr' Schil ciz scnutzt. Vicr q'citet e Srile clientcn u ierler clcr zeitge-

niissischcn Kunstausstcllung. Besonderc Aul}terksanrke it r crdient der slidliche Seitcnlichtsaal des We sttraktes cle s Nortlpar illons. für clen cinc neitcre ..Lirrt- M i ttutc"-Aktirttt ot lltttisiert u urrlc. Ceradc liir tlic

Architcktur clcr Wcltausstcllung ist clcr Kontcrt r0n Bedcutung. in dcm ihre Planung sich cntu ickcllc'. urrd cs scheint auch dcr Lcitung der Schau ein Anlicgcn gc\\'esen ru scin. diescn Zusatrrmenhang rlrt der in vollcnt Currg hclinrllieltett Sl:rtltctueitclung Wicns zu dokunrentict'cn. So u urdc in aller Eile eine

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Arrsstcllrrn. irktLr('llcr ii.tctrri chischcr BaLtpro.icktc rolu ie,ucntl aus Wicn zusatutrtcnqestel lt. die nrit Pllinerr uncl Modellen plliscntiert uulclen - l7 Architekturbtiros beteiligtcn srch

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Da clie ALrsstclluns der ..Atttateure'' crst cincn Monat naclr det' Bcginn der \Ä'eltausste lluttg er(itlhct u crclen konntc. u urclcn die lnncnriiutne der Pai illons tles anratcurs nicht irt die erstc I )rrkrrrtterttrrtiottrklrrttIa:ttte zcillcrtiissi:r'ltr't- Frttost ;tlett r'ittbezogen. Dic nrcistcn crhilltenen Fotos dcr Weltuusstcllung entstanden bcrcits kurz i or otler nrre lr tle l Eliilllttrtt-:: lrttt L Mlri. u eshalb ctn u die Innenniutne clcr Kunsthallc lirtografisclt gut tlokunrenticrt sincl. nicht.icdoch .jerre dcr Pavillons clcs lttttittcrtrs. Zusiitzlich cr-nibt sich fiir die Rekonstrtrktiorr clcs ..Urzustande s" tlet' Par illons das Pl'oblt'nt. duss die crlraltcnen Fotos clc'r Kunstausstcllung ntcht intntet' cintleutig bcstinrnrten Siilcn zuzuordnen sincl und souohl Rriurne

nit

zettgeniissischer

Kunst in dcr Kunsthallc. als auch solchc rn den Par illons dcs anrateufs zeigcn künnten. Nttr rli(' uclliSt'tt Ftrlos Jcr iirlctlcichischen Architckturausstcl lttng kiinncn in dcr Zusanttlettschltt mit clcnr Plarr tles ..Ol'llciellcn Kiltr.l-Kirtill('S\" cirteril hcrtitttnrten Saal clcs Nordpavillons ztr georcinct u c'rden. Dcnnoch gcu inrrt rnun artch aus clicser


Quelle keinen vollständisen E,indruck des Originalzustandes dieses Raumes. weil die Bildausschnitte zu eng gewählt und zudem die Wiinde des Raums dunkel -eestrichen waren. Eine

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geniluere Untersuchun-e der äußerst umf angreichen erhaltenen Fotobestände der Weltausstellung könnte hier noch präzisere Resultate erbrin-ten.

Nachnutzung und erste Umbauten der Pavillons des amateurs Ein Großteil der Bauten der Weltiru\\lel lunS \\ ur' \ or'r vornhelein nur als temporäre Struktur konzipiett und sollte bald nach Ausstel Iungsendc abgerissen werden. Die mit grrißerem Aufwand und Volunren errichteten

Ohjekte s,'l llen.ietl,reh zttntindest einige Jahre lang weiter,genutzt werden. Am 22. Juli lU7-5 genehnrigte Kaiser Franz Joseph in einer Note diesen Plan:..LEs sollen die Rotunde (... ) und die Maschinenhalle auf die Dauer vorr 5 Jahren. die beiden Amateur-Pavillons auf die Dauer von I 0 Jahren fortbestchen bleiben. die erstgenannten berden (irn) Gebrauch für die Zwecke des Finanz- und Handels-Mini:teritunrs rerwandt. die Arnlltcr.rPavillons aber vorzti-srlich zu B ildhauer-Ateliers benutzt werden untl fiir die Zeit des Bestandes der Gebäude zur Wahrung des Eigenthunrsrechtes an dern

tlurch dieselben occupirten Gründe ein Reco,snitionszins von zLrsammen 150 Gulden jährlich an die Grundei_qenthi.inrer ge-

zahlt

werden.

2. Särntliche

sentatiVer Ausstel lun-usbau und zueilello: ehenlirlls lür' Bildhaueratelrers geeignet war. irn Gegensatz zu den Pavillons des anateurs nicht erhalten werden

solltc.

Gut

l-5 Jahre nach Baubeginn

lanilbrik

vor geschlagen wurde.

Schlielllich wurden in einer ersten ..Zuweisungsaktion" den Bildhauern Anton Schmidgruber. der an einenr großen Kriegerdenkmal arbeitete. und Anton Wa-srner. der die Bauplastik für

der RingstraLle und rnit der stiin-

Handelsministerium die Demolierung. sowie die Entf'ernung der Baunraterialien aus denr Ausstellungsraunre innerhalb des. irn Ertbrdernisfalle zu verliingernden Ternrins bis Ende des Jahres I [i76 ausführen zu lassen." Diese Verfügung beweist. dass otl'ensichtlich bald nach Ausstellungsende der Plan gefirsst wurde. die Pavillons des arrateurs jenen zahlreichen Bildhauern zur Verfügung zu stellen. die schon seit langenr auf der Suche nach großen Objekten liir ihre Monumentalarbeiten fiir die Rin-qstraßenbauten warcn. Ein Beisprel dal'til rst der hereit: genannte Johannes Benk. der die Attikagruppen ttir den Kunsthof -seschaf'fen hatte und an Großplastiken für die Votivkirche. das Wal'l'ennruseurl urrd dic Hollnu\ecn ürheilelc. Aul'lallend ist jedoch. dass die Kunsthalle. die zucil'ello: ein glolSer urrd repra-

monumentaler Bauplastik war nun dieses Detlzit an Bildhauerateliers bereits vrrulent geworden. Schon I 866 berichtete das Unterrichtsnrinisterium: ..Ein derartiger Mangel an Raurn zur Entlultung kiirrstlerischel Tiitigkeit auf denr Gebrete der Skulptur. welcher ihrer Natur nach geräumiger Lokal itiiten bedarf. rnuss ftir junge. talentvolle Künstler. denen es an becleutenden Mitteln l'ehlt. als eine wahre Calamität bezeichnet werden. Nicht selten werdcn dieselben dadurch geniithigt. sieh ztr eirrcr

Lrisung war es. den Bildhauern

amateurs

geeignete ärarische ( staatliche ) Gebriude zur Verfü-srung zu stellen. wofiir zunächst et*'a die danrals leer stehende k.k. Porzel-

Rhythnrus wurde bis ueit ins 20. Jahrhundert hrnein beibehal-

Generalprobe für dre Ringstraße

161

dig steigenden Nachf}a-ge nach

untergeordneten Tätigkeit herzugeben und es verkonrmt so manche zu den schönsten Hofl nungen herechtrgerrdc kün:t l.'rische Krafi." Die nahelie_lende

,12

Akadenrische Cyrrnasium schul. dic Magazine Nr.39 und .10 inr Eiscnbahnviadukt WeifSgiirher unerttgeltlich üherllsscn - eine Tradition. die sich bis in dic I 930cr Jahre fi)rtsetzte. als etua der große Bildhauer Fritz Wotrubil seine Wcrk\tutt in cinettt Stirtltbirhnbtr:ren irt WierrAlsergrund betrieb. Dre Unterbringung tler Bildhauer

i.ibrigen Ausstellungsgebäude seien abzutragen und habe das

clas

irt tlerr Eisenbuhnbiigerr r.r'al jedoch nur eine tenrporiire Lösung. da die Ktinstler durch Eigentürnelu ech:el del Velbindung:bahn ihre Ateliers bereits 1870 wieder verlassen nrussten. Fünf Jahre spaiter ergab sich durch die oben zitierte kaiserliche Entscheidung d:rnrt tlie Perspektir c etner zuniichst auf zehn Jahre bcf'risteten. aber verliingerbaren

Nutzung der Pavilkrns des

-

dieser Zehn-Jahres-

ten. Alfbns E-tger beschrieb 195 I den weiteren Verlauf der

):l


Becher, Karl Costenoble und Johann Silbernagel die Verträge

unterzeichnet. Mit Anton Schmidgruber wurde am I . November 1876 ein Mietvertrag abgeschlossen, sodass in diesem Jahre sechs geräumige Ateliers der Benützung übergeben werden

konnten. Die Miete pro Atelier und Jahr betrug 220 Gulden. . .,) Die erste Nachricht über ein

i

Atelier im südlichen Pavillon stammt aus dem Jahre 1883. In diesem Jahre wurde nämlich für

€t]UPtil6e 0tuine. Gtifotrct!,!lucrrue.

Riinftlrr ?(tclir'rO 1l'tvillon rlcs Anr:rtcurs).

lluinrn

Donr

lltinrff

lUrttousflcllun6o-il10q?.

!lod; brr llotur gt'3ridlrtt uol S. S. S i r d; n c r. (9itl;e

9tih

155.) lrcLrc lllLrstricrlc Zcitung. I S7S

Ereignisse: Am 2l . September 1875 wurde in einer Sitzung unter dem Vorsitz des Sektionschefs Fidler, an der auch Rudolf

von Eitelberger, Ministerialrat von Krumhaar, Sektionsrat von Straznitzky, Oberbaurat Schmidt, der WeltausstellungsArchitekt Carl von Hasenauer, sein Mitarbeiter Gugitz und der Bildhauer Johann Silbernagel teilnahmen,,,beschlossen, zuerst den nördlichen Pavillon zu adaptieren. Der Kostenvoranschlag wurde mit 9.060 Gulden festgelegt. Architekt Gugitz erklärte sich bereit, die Umbauarbeiten durchzuführen und glaubte. dass die Beziehbarkeit der Ateliers vom November desselben Jahres an in Aussicht genommen werden könne. Der zweite Pavillon sollte erst im nächsten Jahr ( I 876) in Angriff genommen werden. Der Termin der Fertigstellung der Ateliers im nördlichen Pavillon konnte allerdings nicht eingehalten werden (...). Nach den Mietverträgen,

die im Unterrichtsministerium abgefasst wurden, konnten die Ateliers erst am L Mai 1876 bezogen werden. Mit diesem

Datum wurden mit Franz Koch, Anton Wagner, Franz Karl

168

Edmund Hellmer dort ein solches eingerichtet, da er die für das Parlament bestimmte Giebelgruppe in Marmor auszuführen hatte. Ein weiteres Atelier in diesem Pavillon wurde (...) im Jahre I 884 für den akademischen Bildhauer Edmund von Holmann hergerichtet." 36 Zwei Jahre nach dem Einzug der ersten Bildhauer in den nördlichen Pavillon standen noch immer zahlreiche Bauten der Weltausstellung und boten mittlerweile einen verwahrlosten Anblick. was die ..\cuc lllLrstrrr'rt\' ./\'i(uilr" zu einem ironischen Bericht über die Stimmung am Gelände veranlasste. In diesem Bericht wurden die Bildhauer als wahre Kunst-Helden bezeichnet: ,,Es gehört kein geringer Opfermut dazu, in dieser Einöde zu arbeiten." 37 Abgesehen von den Pavillons des amateurs hatte sich also zu diesem Zeitpunkt noch keine lebendige Nachnutzung der Weltausstellungsbauten ergeben. Die meisten Objekte - vor allem der Industriepalast um die Rotunde dienten nun bereits vorwiegend Depotzwecken diverser Ministerien.

-

Umbauten und Nutzungen von 1887 bis heute Elf Jahre nach dem Einzug der ersten Bildhauer setzt sich die Baugeschichte der Pavillons mit dem ersten dokumentarisch exakt fassbaren Umbau fort. Während die Adaptierungen, die vom Hasenauer-Mitarbeiter Gugitz ab 1875 durchgeführt wurden, offensichtlich wenig an der Originalgestalt der Pavillons änderten, zeigen nun die vom Architekten A. Bügler geplanten Einbauten des Jahres 1887 eine Reihe technischer Nachrüstungen, die für den Betrieb der Ateliers notwendig waren. Die wichtigsten Maßnahmen betrafen die Aufrichtung ncucl '[l'r'nr]\\ ii!r(lc zwischen der ersten und der zweiten Fensterachse in den Quertrakten der Pavillons,

die Schließung bzw. \rer\clruns -l-ilr r on iilllrrrrrgrrl zwischen den


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A. Bii-gler. r.rcue Trennwiirtclc in den Pn'illorts dc's anrateuts. Itttt-s

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A. Biigler'. neue Trcnnwlintltdcn Pavillons clcs arrlteurs.

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36 Alfons Egger, Die staatl che Kunstf örderung n der 2. Hälfte des | 9. Jahrhtrnderrs, phil. D ss. Universität Wien 1951, S 88 -89 37 Neue lllustnerte Zeitung, Nr 10,1878, S 155 156 38 Einrerchpläne vonr 4.2 1887 irn Bauakt der Pavillons rr-n Magrstrat der Stadt Wien, MA 37. Der Bauakt dokurrentiert erst ab den 1 960er Jahren dre UnrbaLrten einigernraßen lücLenlos - es 'eh'en arle f ..heren Umbauten b s auf lenen von 1887, insbesondere auch der Wrederauf bau nach den'r Bonrbenschaden des Zweiten

zentralen Oberlicht- und den seitlichen Seitenlichtsälen, den Einbau von Emporen in den

Oberlichtsälen sowie die Installation neuer Kaminstränge und Abortanlagen. Von großer Bedeutung für die Produktion von Monumentalplastiken war die VcrstiirkLurg rler Iliiden durch dutzende Mauerpfeiler, die zusätzlich zu den bereits existierenden Stützen im Untergeschoß aufgerichtet wurden und den Böden der Ateliers damit mehr Tragfähigkeit verschafften.3s Dieser Umbau, der die originalen Raumfolgen erstmals gravierend durch neue Wände, neue Öff-

Weltkriegs

nungen und den Einbau von Emporen in den zentralen Oberlichtsälen veränderte, ist als eine Art Dammbruch für die spätere Entwicklung zu bezeichnen.

Ab nun trat die Bedeutung der Originalgestalt der Pavillons gegenüber funktionalen Nutzungsanforderungen der Bildhauer zusehends in den Hintergrund. Die meisten dieser Arbeiten wurden auf Antrag der Nutzer vom Eigentümer selbst durchgeführt - bis auf eine kurze Unterbrechung in jüngster Vergangenheit, in der die Bundesimmobiliengesellschaft die Liegenschaft

Generalprobe für die

Ringstraße

A. Büglcr. Fulibotlcnr cr'trilkung in tlc'n Pur ilhrrt' J.'. .\nttte tt|s.

ilts7

169


verwaltete. war dies stets das Unterrichtsministerium. Kaum einer dieser Umbauten ist jedoch architekturhistorisch erwähnenswert - weder im Sinne einer gravierenden Beschädigung des Bestands, noch im Sinne originärer neuer Formen und Funktionen. Die tiefste Zäsur in die Baugeschichte der Pavillons schnitt der Zweite Weltkrieg, der dem

Nordpavillon einen schweren Bombenschaden zufügte.3e Die bislang noch nicht dokumentierte Reparatur dieses Schadens in der Wiederaufbauzeit fiel ausgesprochen nüchtem aus. Besonders die ubstrirhiclcrrilc I ntürplctirti()n tlcl cltcrtlLli,-.lctt \irrh:rllc ntit thlctr koli nlhischt'n

SriLrlcn. Rundbögen, Gesims und Attikafiguren als simpler

offener Quader mit zwei Pfeilern ist so radikal reduktionistisch, dass man dahinter eine gestalterische Absicht vermuten kann. Das gleiche gilt für die Seitentrakte, die jedes plastischen Baudekors beraubt und zudem mit zusätzlichen Öffnungen über den alten Fenstem versehen wurden. Der Südpavillon

blieb in den Nachkriegsjahrzehnten von derartig radikalen Umbaumaßnahmen verschont, da er kaum Kriegsschäden er-

Niirdlie ltcr I)ur illort tles lullirtcLrr\. t rlbaLt ttaeh Klicgs bcschrirlirung I()J5

litten hatte. Allerdings sind auch hier die Attikaplastiken verloren gegangen und einige Öffnungen verändert worden - so wurde das Fenster der dritten Achse der Nordseite des östlichen Quertraktes auf wenig sensible Weise durch simples Ausschneiden nach oben hin verlängert. Die weitere Nutzung und Adaptierung der Pavillons für künstlerische Zwecke versetzt den Denkmalschutz in eine schwierige Lage, da die gleichberechtigten Anforderungen der Bestandskonservierung einerseits und der zeitgenössischen künstlerischen Nutzung anderer-

lons die grundsätzlich dynamrsche Natur des Denkmalschutzes, der sich als kulturelle Disziplin ebenso kontinuierlich verändert

mögliche Rückbauten früherer

wie die Künste selbst, die hier wirken. Daher könnten die Bildhauerpavillons mit ihrer singulären Nutzung heute als Labor eines keativen Umgangs mit bedeutenden Baudenkmälem dienen, bei dem vom Wohnen über die Studioarbeit bis zu gewerblichen Funktionen, Zubauten und exemplarischen Teil-Rekonstruktionen weiterer Weltausstellungs-Objekte nichts a priori ausgeschlossen werden sollte. Der derzeit im Gang befindliche Generationenwechsel der Nutzer

Adaptierungen ein Bekenntnis zu

ist eine ausgesprochen günstige

einem bestimmten wiederherzustellenden Zielzustand voraus, der entwederjenem der Erstnutzung oder dem eines beliebigen späteren Zeitpunkts der mittlerweile fast einhundenvierzigiährigen Baugeschichte des Objekts entspricht. Und diese Entscheidung kann ihrerseits kaum auf Dauer hoffen, da jede

Voraussetzung für diesen Prozess und sollte keinesfalls ungenutzt bleiben - zumindest könnte eines der freiwerdenden

seits gegeneinander abgewogen werden müssen. Zudem setzen

Ara auch ein neues Denkmalverständnis produziert und andere historische Perioden und Zustände bevorzugt. So zeigt sich auch an den Bildhauerpavil-

170

Ateliers für Dokumentationsund Informationszwecke der Anlage und ihrer Geschichte genutzt werden. Urbanistischer Kontext vom 19. bis zum 2 1. Jahrhundert Der städtebauliche Kontext, der sich rund um die Bildhauerateliers entwickelte, ist wegen der Vielfalt der zuletzt hier angesie-

delten Funktionen eine weitere günstige Rahmenbedingung für Umnutzungsüberlegungen. Dieser Prozess ist so alt wie die Bildhauerateliers selbst und zeigt einen sukzessiven Übergang des ursprünglich als Freizeit- und Vergnügungsareal genutzten westlichen Praters zu einem vollwertigen Stadtteil mit dem Schwerpunkt von Erholungs-. Bildungs- und Sportfunktionen, wobei der Sport bis in die jüngste Vergangenheit bei weitem dominierte. Den ersten Schritt setzte der I 874 gegründete Wiener Trabrennverein, der seine Rennen vorher auf der Hauptallee des Praters ausgetragen hatte. Nach dem Abriss der Kunsthalle und des Großteils des Industriepalastes der Weltausstellung - die zentrale Rotunde blieb weiterhin bestehen - wurde an deren Stelle I 878 die ovale neue Rennbahn des Trabrennvereins eröffnet. I 882 wurde der erste Tribünenbau errichtet. der l9l l-1913 durch einen Neubau der Otto Wagner-Schüler

Emil

Hoppe, Marcel Kammerer und Otto Schönthal am Südrand der Bahn ersetzt wurde.ao Die schöne Betonkonstruktion und der Wiener Werkstätte-Dekor


sind heute großteils dem Verfall preisgegeben und harren neuer Nutzungen. Der zugehörige Ziclrichte ltulrn begeistert mit der fi ligranen Erscheinung seiner Stahlskelettkonstruktion schon Hoppr- Karnntclcr Schiirttltal. Trrhrr'n n hlhrr. Zic l ri chtertunn

seit seiner Errichtung das archi-

tekturinteressierte Publ ikum. Die Bauten an der Nordseite der Rennbahn -Verwaltungsgebäude und ausgedehnte Stallungsanlagen - wurden bereits um 1900

nicht im urban-konstruktiven Stil der späteren Wagner-SchülerBauten errichtet. sondern in romantischer Fachwerk- und Landhaus-Manier engli scher Inspiration. Mit diesem neuen Nachbarn wurde zwar die noch I 878 beklagte Einsamkeit der Bildhauer im weitläufigen Weltausstellungsareal beendet, aber auch eine ungewöhnliche funktionale Paarung zwischen Kunst und Sport geschaffen, die für das

Quartier fortan typisch bleiben sollte. Dominierte im Prater in den folgenden Jahrzehnten der Sport bei weiten! so ist es nun dem 2 l. Jahrhundert vorbehalten, die nötige Verbindung und Durchmischung mit den vorhandenen und entstehenden Kultur-

Otto l:rnst Sch* cizcl ct aliu. Plirlclslll(lion- :rb I 9lli

funktionen herzustellen, insbesondere, da einige Sportfunktionen wie der Trabrennverein den Zenit ihrer Popularität und Bedeutung längst überschritten haben und demnächst zur Disposition stehen könnten. Nach der Trabrennbahn im Westen des ehemaligen Kunsthofes der Weltausstellung folgte 1894 die Gründung des Vienna Cricket and Football Club, der gemeinsam mit dem First Vienna Football-Club den Wiener ,,Urfußball" etablierte und auf der

Bauten des Militärs standen. Dieser größte Sportbau Öster-

Kult Koss. LLrdu ig ISindcr. Fclr-r'-l)usi k r-Rldsturlion. t97 I - 197-5

Planungsauftrag nach einem Wettbewerb erhielt, an dem er wegen des Erfolges seines zuvor

errichteten Frankenstadions in Nümberg teilgenommen hatte.

Ringstraße

6 bs 23. April 1945 in einem der Hauptkei e von Nordosten her aLrf das Stadtzentrunr vorrücl. te. zälrlte der Prater zu den an-r

ohne Stützen, setzte dabei auch international neue technische und kreative Maßstäbe.a2 Unmittelbar südlich des Stadions

reichs wurde vom deutschen Architekten Ono Emst Schweizer ( I 890 - I 965) entworfen, der den

Generalprobe für die

39 Da die Fote Arnree n der

her, die in der 1986 gebauten Überdachung von Erich Frantl gipfelten. hat das Stadion in vie-

len intemationalen Turnieren seine perfekte Funktionstüchtigkeit und beeindruckende Atmosphäre bewiesen. Frantls intelligentes Ingenieurbauwerk der vollständigen Überdachung (im Wettbewerb war nur eine Teilüberdachung gefordert) durch eine leichte Stabwerksschale

nahen Jesuitenwiese spielte.al

Welche historische Bausubstanz in den unscheinbaren, heutigen Anlagen des Clubs südlich der Bildhauerpavillons steckt, ist von der Stadtforschung allerdings erst zu klären. Ztm Zehn-J ahres-Jubi läum der Ersten Republik 1928 erfolgte die Grundsteinlegung eines weiteren Sportbaus. nämlich des l)r'alclstutlions, das 1992 in EmstHappel-Stadion umbenannt wurde. Es liegt östlich der ehemaligen Pavillons des amateurs, wo während der Weltausstellung

Mit zahlreichen Umbauten seit-

eröffnete man l93ldas Stadionbad, das 1956157 von Theodor Schöll, der auch die erste große Erweiterung des Stadions selbst plante, neu errichtet wurde.a3 Die locker gefügte Anlage beeindruckt auch den heutigen Besucher mit ihren vielftiltigen und leichten Baukörpem für Kabinen, Sprungtürme und Tribünen. Als letzte größere Sportanlage des Quartiers wurde 1971-1975 nach Plänen von Kurt Koss und Ludwig Binder nördlich des Praterstadions das sogenannte Hallenstadion errichtet. das 1984 in Ferr')-l )rrrillRirclstutlion umbenannt wurde.44

171

Schlacht unr Wien vorr

heft gsten unrkänrpften Stadtie.ie'r '', t oe r g oßre1 /a StoiLillgen 40 Joharrnes Stoi , ,,Vonr Start zum Ziel" Die W ener Trabrennarriage urrd ihr typengeschicht' 1 cher Hintergrund; m t ernenr Kata og der Enlwurf szerchnungen aus dem Bestand der

Albe't'ra

D

!c',:'beit

U^

vers tät Wien, 2004 41 Felrr Czeike, Hrsforlsches Lexk.on Wren, Wien, Krenrayr & Scheriau, 1992-1997, Bd 1,

s

598

42 Otto Kapfinger, Staoionüberdachung ,, Ernst-Happe Stadion ", ww\i\,.nextroonr at 43 Fe ix Czeike, Hrslolr.sches Lexkon !44en, Wien, Krenrayr & Schenau.1992-1997 Bd 1,S 281


Obwohl die unmittelbare Umgebung der Bildhauerpavillons ausschließlich aus Sportanlagen besteht (im Norden und Westen der Trabrennverein. im Süden der Vienna Cricket and Football Club und im Osten das Praterstadion samt St:rrli,,nhrrl und Hallenstadion), haben sich in der Krieau nach der Weltausstellung auch andere Funktionen angesiedelt. vor allem die Wiener Messe und Wohnbauten im Norden des Areals. Die Messe kann als die legitime Nachfolgerin der Weltausstellung betrachtet werden, da sie mit dieser anfangs durch die Nutzung der gleichen Gebäude für sehr ähnliche

I iterrtLrr

Sritilll. Stlrtliolhlrrl.

l()5() i9il

Zw ecke ( Produktpräsentationen) verbunden ist. Nach einer längeren Zwischennutzung als Lager und für verschiedene Ausstellungen, wurden die noch vorhandenen Hallen (im Wesentlichen die Rotunde und Teile der ehemaligen Industriepalastes) erst ab l92l - gerneinsam mit den ehemaligen Hotitallungen, dem heutigen Museumsquarlier in der Innenstadt - regelmäßig f ür Messeveranstaltungen ge-

nutzt.r!'Nach dem Brand und Abbruch der Rotunde 1937 wurde das Gelände mit immer neuen Hallen und Pavillons verschiedenster Qualität bebaut, die oft nur wenige Jahre existierten. Unter diesen Projekten ragten zweifellos der Felten & Guillaume-Pavillon von Oswald Haerdtl (1953) und die Jubiläumshalle hervor. 2002 bis 2003 wurden die noch vorhandenen Hallen und Pavillons schließlich durch die neuen Messehallen von Gustav Peichl ersetzt. Der Südteil des Messe- und ehemaligen Weltausstel lungsareals wird nun von der \\ irl:t llrltrLrnr\ ('r\il:it genutzt, die mit einem neu erbauten Campus nach dem Entwurf einer Gruppe internationaler Architekten (Zaha Hadid

Architects, Atelier Hitoshi Abe, Estudio Carme Pinos. NO.MAD Arquitectos, CRABstudio Architects, Masterplan von BUSarchitektur) 2013 den Studienbeginn aufnimmt.tü Diese höchstrangige Bildungsfunktion im Quartier könnte auch bei Umnutzungsüberlegungen der Bi ldhauerateliers tür diverse Kooperationen in Betracht kommen und repräsentiert jedenfal ls eine

weitere architektonische Landmark im Wiener Prater. Die städtebauliche Entwicklung nördlich des Weltausstellungsareals kam erst nach dem Ersten Weltkrieg einigermaßen in Fahrt. Das Gebiet war bis zur Donauregulierung nicht bebaut und von

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einem breiten Flussarm durchschnitten. Von Praterstern und Lasallestraße her entwickelte sich die Stadt seit der Zeit um 1900 parallel zur Donau entlang der Ausstellungsstraße und der Engerthstraße mit der klassischen Blockrandbebauung nach Gründerzeitschema sukzessive ostwäfts. Auf der Höhe der Krieau entstanden zunächst vor allem Industrie- und Gewerbe-

objekte wie etwa der l9 I I - I 9l 3 von Friedrich Mahler und Albrecht Michler errichtete Getreidespeicher, der in den l980er Jahren in ein Hotel umgebaut wurde (Handelskai 269), oder das

seits der Donau verbindet, wurde

die Krieau bereits 2008 ans höchstrangi ge öffentl iche Verkehrsnetz angebunden und damit extrem aufgewertet - die frühere Randlage wurde nun zu einem wertvollen. zentrumsnahen

Stadtentwicklungsgebiet. Kon-

Dampfkraftwerk Engerth-

straße 189-197 (in Betrieb 1890-1973. ab 1974 wurde hier ein neuer sozialer Wohnbau von E. Eder, A. Holtermann und H. Potyka enichtet). Ab den l920er Jahren wurden mehrere große, soziale Wohnbauten der Stadt errichtet. ihr östlichster Vorposten war der 1930 von a;'

Josef Hahn errichtete Sturhof. Nach 1945 wurde diese Entwicklungsachse mit weiteren Wohnbauten der Gemeinde Wien entlang der Vorgartenstraße, der Engerthstraße und des Handels-

kais fortgesetzt.

Die jüngste Entwicklungsetappe der Krieau brachte eine Art ,,Vollausbau" mit den hierorts noch fehlenden Funktionen zeitgenössischen Städtebaus wie U-Bahn, Bürohäusern, Schule und Einkaufszentrum. Durch die Trassenführung der U-Bahnlinie 2, die seit 201 0 in Hochlage die Innenstadt mit den großen Stadtentwickl ungsgebieten jen-

sequenterweise wurde dazu 2007 neben der U-Bahn-Station. Stadion 200 Meter östlich des

nördlichen Bildhauerpavillons, das neue Einkaufszentrum Stadioncenter eröffnet - mit 27.000 Quadratmetern vermietbarer Fläche ein Projekt der Mittelklasse seiner Spezies. 400 Meter nordwestlich der Pavillons des amateurs entstand auf einem Teilgebiet des Messeareals bis 2010 das sogenannte ..Viertel Zwei". ein Quartier mit acht Bürohäusern. einem Hotel und einem Wohnbau. das von


Henke Schreieck et alia. Viertel

Zwei

drei namhaften Architekten errichtet wurde: Henke & Schreieck (Bürohaus Hoch Zwei), Tnchner

&Zncbner sowie Martin Kohlbauer.as Neben dem einzigenWohnbau des,,Viertel Zwei",

wurde an seinem Ostrand als ,,Vorleistung" der Stadt bereits 20f,2 - 2W3 die Volksschule und das Kindertagesheim Vorgartenstraße nach Entwurf von Martin Kohlbauer errichtet. Mit diesen neuesten Bauten im Quartier ist die städtebauliche Entwicklung der Krieau vorerst abgeschlossen. Die neue Hardware und die Anderung der Nutzerstruktur werden nun eine profunde Transformation des Gebiets in Gang setzen, die auch vor den alten Pavillons des amat€urs nicht haltmachen wird. Auch wenn deren Status als architekturhistorisches Denkmal nicht in Frage gestellt werden kann, wird die alte Nutzungsform durch Monumentalbildhauer nur mehr von einer Minderheit unter den derzeitigen Mietern wahrgenommen. Nicht wenige Einheiten wurden - zumindest 2OlO I - zudem nur als Lager genutzt. Im Einklang mit der

durchaus experimentell angelegten Kunstausstellungsbauten Wiens, könnte eine aktuelle Anpassung derselben auch andere Nutzungen als die handwerkliche Herstellung von Groß-

objekten zulassen, um einen lebendigeren Mieter-Mix zu erreichen. Die angesprochenen Kooperationsmöglichkeiten mit einzelnen benachbarten Sportanlagen (die ihrerseits für Kunst umgenutzt werden könnten) und Bildungseinrichtungen (Wirtschaft suniversität und Volksschule) wären im Sinne einer zeitgemäßen, flexibleren Stadtentwicklung zumindest denkbar und jedenfalls mit den hier nötigen Denkmalschutzforderungen bestens vereinbar.

ll

einst geradezu avantgardistischen

Funktion als einer der ersten,

Generalprobe für die

Ringstraße 173

44 Friedrich Achleitner, Oster-

1941 nach Shanghai vertrieben

Arch ite ktu r, Band 3/1 , Wien-Salzburg, Besidenz, 1990, S. 105; Felix Czeike, Historisches Lexikon Wien, Wien, Kremayr & Scheriau, 1992-1997,8d.3, S.34 45 Zur Baugeschichte der Wiener Messe vgl.: Markus Kristan, ,, Bauten auf dem Messegelände im Prater. 1873-1970" , in: Markus Peichl, Alfred Stalzer (Red.), Messe

tl8 Matthias Boeckl, ,,Fächer

re i c h i sch e

Wren, Wien-New York, Springer, ?004; Markus Kristan, ,, Pavillonarchitektur der Wiener Messe nach dem Zweiten Weltkrieg", in: Judith Eiblmayr (Hg.l, Moderat Modern: Erich Bolten ste rn, Salzburg, Pustet, 2005; Felix Czeike, Historisches Lexikon Wien, \Nien, Kremayr & Scheriau, 1992-1997 , Bd. 5, S. 636- 637 tt6 lsabella Marboe, ,,Mehrfacher Gewinn", in: architektu r. a ktu e I I 3 I 2009, Sonderheft ,,The Art of Competition"

47 Der Sturhof belegt den Block Engerthstraße 230 / Sturgasse. Josef Hahn (1884-1943) war ein König- und Ferstelschüler der Wiener Technischen Hochschule und wurde wegen seiner jüdischen Abstammung

über der Stadt", in: architektur.aktuell 1212009, S. 120 ff

.


Carl von Hasenauer, Pavillons des amateurs