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1.80 Euro Januar 2013 | 90 Cent für den Verkäufer

bodo Das Straßenmagazin

08 | Weltraum, Werbung, Witten | Ein Besuch im »Charles Wilp Space« 14 | Srebrenica, vergessene Stadt | Ein Dortmunder hilft in Bosnien 11 | Das andere Bochum | Eine Stadtführung mit bodo-Verkäufern 21 | 16 Verlosungen | z.B. Jazzfestival Dortmund im Fritz-Henßler-Haus

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02 EDITORIAL

Liebe Leserinnen und Leser, wir alle bei bodo wünschen Ihnen ein gutes und

Deshalb eine Bitte: Kaufen Sie nur bei Verkäufer-

gesundes 2013!

innen und Verkäufern, die ihren Ausweis sichtbar tragen. Um es für unsere VerkäuferInnen und ihre

Und wir möchten uns bedanken: Danke für Ihre

Kundinnen und Kunden noch einfacher zu machen,

großzügige Unterstützung unserer Spendenak-

werden ab Januar neue Ausweise ausgegeben. Auf

tion „Gute Geschichten“. Mit Ihrer Hilfe werden

farbig bedruckten, wetterfesten Kunststoffkarten

wir unser Beratungsangebot ausbauen, denn das

ähnlich einer Scheckkarte finden sich Foto, Name

ist dringend nötig. Immer mehr Menschen in Not kommen zu uns. Erstberatung, Begleitung und die Vermittlung zu Fachstellen haben deutlich zuge-

und Nummer des Verkäufers oder der Verkäuferin und unsere Kontaktdaten.

nommen und sind in den bestehenden Strukturen

Nach einer Vielzahl von Veranstaltungen im Dezem-

kaum zu leisten.

ber haben wir für das neue Jahr einen regelmäßigen Termin für unsere Kulturabende gefunden. „Zweiter

Wenn Sie uns mit Ihrem persönlichen Einsatz unter-

Freitag“ heißt unsere Reihe, und dementsprechend

stützen möchten – wir freuen uns auf Sie! Unser

wird an jedem zweiten Freitag im Monat um 19.30

Projekt Ehrenamt freut sich auf UnterstützerInnen,

Uhr unser Dortmunder Buchladen öffnen für Klein-

z.B. bei der Betreuung unserer Verkäuferinnen und Verkäufer oder bei der Durchführung von Infoständen.

kunst, Kabarett und Musik. In den nächsten Monaten kommen zum Beispiel Jürgen und Rocco Wiersch mit

Vielen Dank auch für den Erfolg unserer Weih-

einer Blues-Auffrischung, Markus Veith mit einer

nachtsausgabe. Mit acht Seiten mehr als sonst

echten Premiere, Fräulein Nina zum „Internationalen

und einer von Weltbestseller-Autor Paulo Coelho

Fräulein-Tag“ und „Ghostwriter“ Thomas Koch. Also

den Straßenzeitungen geschenkten Weihnachtsge-

bitte vormerken: „Zweiter Freitag“ bei bodo.

schichte konnten wir so viele Leserinnen und Leser erreichen wie noch in keinem Monat in den letzten Jahren. Schreiben Sie uns, was Sie gerne lesen würden in bodo, was Ihnen gefällt oder nicht zusagt.

Zurück zur Straße: Wir freuen uns, wenn Sie auch in diesem Jahr – und gerade in der kalten Jahreszeit – unsere Verkäuferinnen und Verkäufer „von der Straße lesen“ und uns weiterempfehlen. Erzählen Sie

Und schreiben Sie uns, wie Ihre Erfahrungen mit

Menschen in Armut von unseren Angeboten, und

unseren Verkäuferinnen und Verkäufern sind.

wenn Sie Winter- und Kinderkleidung abzugeben

Gerade in der Weihnachtszeit haben wir hin und

haben und im Bücherregal Platz schaffen möchten:

wieder Menschen angetroffen, die ohne Verkäu-

Wir freuen uns auf Ihre Sachspenden!

ferausweis das Straßenmagazin angeboten haben. Das ist für uns ein Problem, denn unsere regulären VerkäuferInnen unterschreiben Vereinbarungen, mit denen sie das Einhalten unserer Regeln zusichern, und sie erhalten feste Verkaufsplätze. Das Wei-

In diesem Monat vermissen Sie vielleicht unsere beiden schreibenden Verkäuferinnen Rosi und Maike. Die gute Nachricht: Beide sind wieder gesund, waren bei unserer großen Weihnachtsfeier schon wieder dabei und senden Ihnen wie wir alle

tergeben von Zeitungen zwecks Weiterverkauf ist

herzliche Neujahrsgrüße von bodo.

ausdrücklich untersagt.

Bastian Pütter – redaktion@bodoev.de

IMPRESSUM

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BODO E.V. – SO ERREICHEN SIE UNS

Herausgeber | Verleger | Redaktion

Autoren dieser Ausgabe:

Redaktions- und Anzeigenschluss:

Verein:

bodos Bücher | Modernes Antiquariat:

bodo e.V.

Bianka Boyke (bb), René Boyke (rb), Guido

für die Februar-Ausgabe 10.01.2013

bodo e.V. | als gemeinnützig eingetragen

Schwanenwall 36 – 38 | 44135 Dortmund

Schwanenwall 36 – 38 | 44135 Dortmund

Fahrendholz, Sandro Giuri (sg), Wolfgang

Anzeigen:

im Vereinsregister Dortmund Nr. 4514

0231 – 950 978 0 | Fax 950 978 20

0231 – 950 978 0 | Fax 950 978 20

Kienast (wk), Jens Mayer (jm), Bastian Pütter

Es gilt Anzeigenpreisliste Nr. 8, Juli 2012

Schwanenwall 36 – 38 | 44135 Dortmund

Mo. – Fr. 10 – 18 Uhr | Sa. 10 – 14 Uhr

Redaktionsleitung und V.i.S.d.P.:

(bp), Benedikt von Randow (bvr), Dr. Birgit

Vertriebe:

0231 – 950 978 0 | Fax 950 978 20

Anlaufstelle Dortmund:

Bastian Pütter | redaktion@bodoev.de

Rumpel (biru), Sebastian Sellhorst (sese)

Schwanenwall 36 – 38 | 44135 Dortmund

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Fotos: Bianka Boyke (12, 32, 33), Andre Noll

Stühmeyerstraße 33 | 44787 Bochum

Vorstand:

Mo. – Fr. 10 – 18 Uhr | Sa. 10 – 14 Uhr

Layout und Produktion:

(3, 4, 5, 8, 9, 10, 11), Dirk Planert (3, 14,

Nicole Hölter | Brunhilde Dörscheln |

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Andre Noll | Büro für Kommunikationsdesign

15, 16), Daniel Sadrowski (3, 28, 29, 30, 38),

Andre Noll | vorstand@bodoev.de

Stühmeyerstraße 33 | 44787 Bochum

0231 – 106 38 31 | info@lookatnoll.de

Sebastian Sellhorst (6, 7, 31, 39), Claudia

Geschäftsleitung | Verwaltung:

Mo., Mi. und Fr. von 14 – 17 Uhr

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Siekarski (2, 6, 18)

Tanja Walter | verein@bodoev.de

Di. und Do. von 10 – 13 Uhr

Benedikt von Randow | redaktion@bodoev.de

Titelbild: Andre Noll

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Zeichnungen + Cartoons: Volker Dornemann

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Stadtsparkasse Dortmund

Bastian Pütter | anzeigen@bodoev.de

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Sparkasse Bochum

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BLZ 430 500 01 | Kto. 104 062 54

Oliver Philipp | vertrieb@bodoev.de

Brunhilde Dörscheln | transport@bodoev.de

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Der Abdruck von Veranstaltungshinweisen ist kostenfrei, aber ohne Gewähr. Für unaufgefordert eingesandte Fotos oder Manuskripte wird keine Haftung übernommen. Das Recht auf Kürzung bleibt vorbehalten. Abdruck und Vervielfältigung von redaktionellen Beiträgen und Anzeigen bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung der Redaktion. Leserbriefe und namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.


03

INHALT

02 Editorial | Impressum 04 Menschen Stefan

Keim von Dr. Birgit Rumpel

Seine Stimme kennen Hörer der einschlägigen Kultursender, regelmäßig berichtet er über kulturelle Ereignisse und liefert sehr unterhaltsame Thea-

Unser Titelbild der Januar-Ausgabe:

terkritiken ab. Wir sprachen mit dem Kulturjournalisten, Kritiker, Entertai-

Ingrid Schmidt-Winkeler im Charles Wilp Space (S. 8)

ner, Autor und Familienvater Stefan Keim.

Foto: Andre Noll

06 Neues von bodo 08 Reportage Charles

Wilp Space von Jens Mayer

Weltraum, Werbung, Wirkung: Wilp. Er ist eine deutsche Werbeikone und der erste Künstler, dessen Werke das Prädikat „außerirdisch“ wirklich verdienten. Seine Geburtsstadt Witten präsentiert die Welten von Charles Wilp in einer ungewöhnlichen Umgebung. 11 Neues von bodo bodos

Über 80 Kilo Lebensmittel wirft jeder Deutsche durchschnittlich pro Jahr in den Müll. Mehr als die Hälfte davon wäre noch verwertbar gewesen.

soziale Stadtführungen von Bastian Pütter

Wie verbringen eigentlich Menschen auf der Straße ihren Tag? Wo halten sie sich auf, welche Angebote und Hilfen gibt es? Wie sieht die Stadt aus der Sicht der „Menschen am Rand“ aus? Bei bodos sozialer Stadtführung zeigen Verkäufer des Straßenmagazins „ihr“ Bochum. 12 Recht Am

20 Netzwelt foodsharing.de von Sebastian Sellhorst

Diesem Trend möchte das Projekt foodsharing.de entgegenwirken. 20 Kinotipp Dokumentarfilmfest: Stranger than Fiction im endstation.kino 21 Veranstaltungskalender | Verlosungen | von Benedikt von Randow 28 Porträt Johannes

Abmahn-Pranger von René Boyke

Klais von Wolfgang Kienast

Johannes Klais ist Kameramann. Um zu entspannen hat er einen eher un-

Warum das Veröffentlichen von Namen im Internet durch Rechtsanwalts-

gewöhnlichen Ort und dort eine nicht weniger seltsame Tätigkeit für sich

kanzleien im Rahmen von Abmahnverfahren gegen das Persönlichkeitsrecht

entdeckt. Wir trafen ihn im Dortmunder Stadtarchiv, wo er aktuell eine

verstößt, erklärt Rechtsanwalt René Boyke.

Unzahl bislang nicht ausgewerteter Filmdokumente sichtet.

12 Kultur Schöne

fiese Apple-Welt von Dr. Birgit Rumpel

31 Verkäufergeschichten Sefa protokolliert von Sebastian Sellhorst

Mike Daisey denkt über die Herstellung von Mobiltelefonen nach. Die

Als Kleinkind kommt Sefa mit seiner Mutter nach Dortmund, geht zur

Ergebnisse seiner Recherchen und die Reflektion über das eigene Konsum-

Schule, macht eine Lehre. Seit er vor einigen Jahren schwer erkrankt ist,

verhalten schrieb er in einem Monolog auf, der im Schauspiel Dortmund

bekommt er eine kleine Rente. Mitte letzten Jahres kommt er über einen

gerade Deutschlandpremiere feiert.

Freund zu bodo. Seitdem verkauft er in Dortmund das Straßenmagazin.

13 Wilde Kräuter Hagebutte.4 von Wolfgang Kienast

32 Reportage Ein

Zur Konservierung von Lebensmitteln sind zahlreiche Geschichten überliefert, darunter Komisches, Tragisches oder Skurriles. Wer sich selbst an der Haltbarmachung von Lebensmitteln versuchen will, bekommt diesmal ein leckeres Rezept für kandierte Hagebutten. 14 Reportage Srebrenica,

34 Interview Der

geschönte Armutsbericht von Guido Fahrendholz

Die wachsende Armut in Deutschland ist keine Meinung – sondern eine Tatsache. Ein Interview mit Thomas Öchsner von der Süddeutschen Zeitung

vergessene Stadt von Bastian Pütter

Der Journalist Dirk Planert war 14 Jahre lang eine der Nachrichtenstimmen von Radio 91.2. Von 1992 bis 1994 riskierte er als humanitärer Helfer in den Balkankriegen sein Leben und fuhr Medikamente und Lebensmittel durch die Kampflinien. Nun ging er zurück nach Bosnien, wieder um zu helfen. 18 Kommentar Wie

vergessener Ort von Bianka Boyke

Das ehemalige KZ-Außenlager Buchenwald in Dortmund-Huckarde.

arm ist das denn? von Bastian Pütter

und Christian Woltering vom Paritätischen. 36 Literatur | gelesen von Sandro Giuri 37 Rätsel | von Volker Dornemann 38 bodo geht aus Kugelpudel von Sebastian Sellhorst Mitte Dezember eröffneten Julia Bernecker und Kevin Kuhn ihre Szene-

Armut ist Thema. Über eine mangelnde Präsenz in den Medien kann sich

Eisdiele „Kugelpudel“ in Bochum-Ehrenfeld. Vom Eis-Cocktail bis zur

niemand beschweren, die Daten sind gut aufbereitet, „nachrichtenfähig“

Rohkost-Torte wird dort alles ohne Farb- und Zusatzstoffe und in eigener

und geben gute Schlagzeilen ab. Und dann?

Produktion zubereitet.

18 News | Skotts Seitenhieb

14

39 Leserseite | Cartoon

11

08

28

04

3


04 MENSCHEN | von Dr. Birgit Rumpel | Fotos: Andre Noll

Stefan Keim Ein Tausendsassa in Kultur Wir treffen ihn in einem Café im Dortmunder Kreuzviertel, das regelmäßig für ihn auch zur Bühne wird: Kulturjournalist, Kritiker, Entertainer und Autor Stefan Keim. Gut gelaunt freut er sich auf einen Kaffee und eine Extraportion Kalte Schnauze. „Ich bin ein Süßigkeitenfanatiker – man sieht’s ja auch.“ Seine Stimme kennen Hörer der einschlägigen Kultursender, regelmäßig berichtet er über kulturelle Ereignisse und liefert sehr unterhaltsame Theaterkritiken ab. Die Frage nach seinem Beruf kann selbst der eloquente und stimmgewaltige Keim nicht mit einem Satz beantworten: „Ich habe mich selbst mal Worthure genannt, weil ich ja alles mache, was mit Sprache zu tun hat, und in fast jeder Hinsicht käuflich bin.“ Denn neben seinem Haupterwerb als Kulturjournalist ist er mit eigenen Programmen auf Kleinkunstbühnen und in Literaturcafés landesweit unterwegs, moderiert Veranstaltungen, schreibt Reden und Kabarettprogramme für Kollegen und unterrichtet Nachwuchsjournalisten. „Ich habe einen seltsamen Crossover-Beruf, eine Mischung aus Kulturjournalismus, Schauspielerei und Arbeit als Künstler.“ Den typischen „Nine-to-five-Arbeitstag“ gibt es bei ihm nicht. Einen idealen Tag beschreibt er so: Morgens zu Pressevorführungen ins Kino in Köln oder Düsseldorf, nachmittags recherchieren und schreiben oder Probe mit Kollegen, abends ins Theater gehen oder selber spielen. „Ich habe ein tolles Leben. Ich beschäftige mich ja nur mit Sachen, die mir einen Riesenspaß machen, habe mein Hobby zum Beruf gemacht und kann meine Familie damit ernähren.“ Also gibt es für den 45Jährigen doch noch ein Leben jenseits der Radiosender, Theater und Kleinkunstbühnen. Mit Ehefrau, drei Kindern und einem alten Mops lebt er in Wetter, wo er auch aufgewachsen ist. „Ich musste erst lernen, dass Kinder und Familie ein Recht auf Zeit und Aufmerksamkeit haben, meine Frau hat es mir beigebracht“, gesteht er ein. „Manchmal bin ich auch nachmittags zu Hause, das entschädigt die Kinder für die viele Zeit, die ich unterwegs bin.“ Die Kultur hat ihn schon in jungen Jahren begeistert. In der Schule spielte er in der Theater4


05

AG, besuchte mit Freunden Sinfoniekonzerte in

ser als Orte für Literatur und Kleinkunst nutzt.

vergisst man nicht.“ In dieser Zeit hat er mehre-

Witten. „Damals waren dort absolute Superstars

Verschiedene Programme hat er geschrieben und

re Menschen in den Tod begleitet, sodass er die

zu sehen, mit meinem Schüler-Abo war das er-

trägt sie allein oder im kleinen Ensemble vor.

Scheu vor dem Tod ablegen konnte. „Tod ist etwas

schwinglich.“ Später ging es regelmäßig nach

Gern verarbeitet er dabei aktuelles Tagesgesche-

Menschliches, es endet doch für uns alle.“

Bochum. „Als Peymann dort Intendant war, habe

hen zu Persiflagen auf einschlägige Genrelitera-

ich meine Freizeit fast komplett im Bochumer

tur wie Krimis, Western oder Thriller. Da kämpft

Stefan Keim kann den Tod als Teil des Lebens

Schauspielhaus verbracht.“ Die 5 DM für eine

schon mal die Mafia auf dem Hühnerhof und es

betrachten, ihm positive Seiten abgewinnen. Als

Schülerkarte verdiente er sich mit Nachhilfeun-

kommt zum Angriff der Killerküken. „Das sind

Kulturexperte ist er in ständiger Rufbereitschaft

terricht und ersten Artikeln für die lokale Pres-

unterhaltende Sachen – nicht zu anspruchsvoll,

bei Todesfällen prominenter Künstler, so war es

se. „Ohne Subventionen wäre mein Zugang zur

aber auch nicht zu blöde.“

etwa bei Peter Zadek und Christoph Schlingensief. Wie schwer fällt so ein Nachruf, wenn man

Kultur so gar nicht möglich gewesen, deswegen rege ich mich auch immer über die ständigen

Wie kommt man mit zwei konträren Rollen klar –

selbst trauert? „Ich kann die Trauer gut ver-

Kürzungen im Kulturbereich auf.“

einmal Kritiker zu sein, und dann wieder selbst

schieben. Erst ist da ein kurzer Schockmoment,

Darsteller? „Mit Schauspielern fühle ich mich schon

dann geht es professionell los.“ Seine Spezialität

Die Idee, Schauspieler zu werden, redete der

eher solidarisch, da werde ich nur böse, wenn ich

sind Nachrufe, bei denen man lachen kann. „Dar-

Vater ihm aus. Also studierte Stefan Keim in

merke, dass sich jemand nicht genug Mühe gibt.

an habe ich tatsächlich Freude. Ich will klar-

Dortmund Journalistik und parallel in Bochum

Viel mehr schlage ich auf Regisseure ein.“ Seine

machen, was uns diese Leute gebracht haben,

Theater, Film- und Fernsehwissenschaften, ohne

durchweg positive Grundstimmung kommt auch

warum sie so toll waren.“ Auch kürzlich hatte

jedoch einen Abschluss zu machen. „Ich habe

den Kritiken zugute. Häme und Gehässigkeit fin-

er dazu wieder Gelegenheit, als er für Deutsch-

studiert, weil mich das alles so interessierte,

det man darin nicht, sondern fundierte Argumen-

landRadio Berlin die verstorbenen Künstler des

die Abschlüsse waren mir wurscht.“ Stattdessen

te, die zeigen, dass er sich mit einer Inszenierung

Jahres 2012 Revue passieren ließ. (biru)

nutzte er die Gelegenheit, sich nach dem Vordi-

beschäftigt hat. „Die Theaterleute unter sich ge-

plom während der praktischen Ausbildung in der

hen viel härter miteinander um.“

Kultursparte des WDR-Hörfunks zu etablieren. Die scheinbar permanent gute Laune bringt ihm

INFO

Doch der Hang zur Rampe ist geblieben. Wenn er

manchmal den Vorwurf ein, er lebe in einer Son-

Am 8.2.2013 im Fletch Bizzel, Dortmund:

nicht andere auf der Bühne beobachtet, steht er

nenscheinwelt. Dabei ist er ganz gut geerdet, seit

Stefan Keim & Winfried Fechner

selbst vor Publikum, u.a. als Ensemblemitglied

er seinen Zivildienst in der Altenpflege leistete.

Schmand des Lächelns – Eine Reise durch

von Melange e.V., einem Verein, der Kaffeehäu-

„Ein alter Herr fiel mir tot in die Arme, so etwas

das Leben auf den Flügeln der Operette 5


06

NEUES VON BODO | www.bodoev.de | www.facebook.com/bodoev

bodo zum Umhängen

Gute Geschichten

Unsere – und Ihre – Taschen sind da! Dank einer

Im Januar läuft sie noch, unsere Spendenaktion

Firmenspende und der großartigen Kooperation

„Gute Geschichten“: Menschen auf den Weg zu

mit Jens Christof Micheel von RuhrGepäck be-

bringen, ihnen die Gelegenheit zu geben, neues Zu-

kommen unsere Verkäufer nun wetterfeste und

trauen in die eigenen Kräfte zu gewinnen – das ist

unverwüstliche Umhängetaschen!

unsere Arbeit, und sie schreibt „gute Geschichten“.

Brigitte Cordes

Noch besser: Weil uns Taschen und Design (das

Mehr als 100 Frauen und Männer, die das Straßenma-

info@bodoev.de

stammt von unserem Grafiker Andre Noll) so gut ge-

gazin verkaufen, betreuen wir zurzeit. Inzwischen

fallen, haben wir weitere Taschen in Auftrag gege-

kommen immer mehr Menschen in Not zu uns. Viele

ben, die wir ab sofort im Dortmunder Buchladen und

sind verzweifelt, doch alle haben den Wunsch, ihr

in der Bochumer Anlaufstelle anbieten.

Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Öffentlichkeitsarbeit

Die Taschen gibt es in zwei Größen mit mehreren

Sie können dabei helfen: Ermöglichen Sie uns, unsere

Bastian Pütter

ähnlichen Motiven zur Auswahl. Sie sind aus ech-

Beratungsangebote auszubauen und die Kontinuität

redaktion@bodoev.de

ter LKW-Plane, haben ein Innenfach mit Reißver-

unserer Hilfen sicherzustellen. Denn Obdachlosigkeit

schluss und einen Schultergurt aus original Auto-

und Armut sind kein Schicksal. Der Weg aus der Krise

sicherheitsgurt. Mit den Taschen lassen sich nicht

kann lang sein, aber wir helfen dabei, ihn zu gehen.

bodo ist für Sie da montags bis freitags von 9 bis 16 Uhr unter dieser zentralen Rufnummer: 0231 – 950 978 0 Mail: info@bodoev.de | Fax: 0231 – 950 978 20

Geschäftsleitung Tanja Walter verein@bodoev.de

Verwaltung

Redaktion und

nur Straßenzeitungen knick- und regensicher transportieren: Das Modell „Leisure“ ist groß genug für Vertrieb

DinA-4-Blöcke, „Cargo“ hat Platz genug für große

Oliver Philipp

Ordner, Ihre Einkäufe, usw.

vertrieb@bodoev.de

und Sachspenden. Vor allem Herren-Winterkleidung

unseren Info- und Buchständen – günstiger im

und Kinderkleidung brauchen wir zurzeit dringend.

Taschen!

ANZEIGEN

basar@bodoev.de

Transporte und Sachspenden Brunhilde Dörscheln transport@bodoev.de

Oder Sie besuchen uns: Schwanenwall 36 – 38 | 44135 Dortmund Mo. bis Fr. 10 – 18 Uhr | Sa. 10 – 14 Uhr Stühmeyerstraße 33 | 44787 Bochum Mo., Mi. u. Fr. 14 – 17 Uhr

6 Di. u. Do. 10 – 13 Uhr

zum Beispiel bei der Betreuung unserer VerkäuferCafés. Und natürlich sind wir dankbar über Ihre Buch-

buch@bodoev.de

Gordon Smith

Unser Projekt Ehrenamt freut sich auf Ihre Mitarbeit,

Buchladen und der Bochumer Anlaufstelle und bei

Suzanne Präkelt

bodos Bücher Online

Spenden helfen. Wenn Sie lieber selbst Hand anlegen:

Sie erhalten die Taschen in unserem Dortmunder

Vergleich zu identisch ausgestatteten RuhrGepäckbodos Bücher

Wir freuen uns über jede Unterstützung, auch kleine

Mit Ihrer Spende schreiben Sie mit an diesen guten Geschichten. Herzlichen Dank!


07

„Zweiter Freitag“ bei bodo

Weihnachten bei bodo

Lesung, Werkstatt, Diskussion

In unserem Buchladen startet am 11. Januar eine

Am 14.12. wurde groß gefeiert bei bodo. Unse-

So viele Veranstaltungen wie im Dezember haben

neue Veranstaltungsreihe. An jedem zweiten

re Verkäuferinnen und Verkäufer trafen sich mit

wir noch nie in einem Monat gestemmt, aber un-

Freitag im Monat jeweils um 19.30 Uhr laden wir

den MitarbeiterInnen aus den anderen Arbeits-

sere schönen Räume am Dortmunder Schwanen-

ein zu Musik, Lesungen, Kleinkunst und Kabarett

bereichen zu einer Weihnachtsfeier in unseren

wall wollen ja auch genutzt sein.

zwischen Büchern.

Dortmunder Räumen.

Den Anfang machen Jürgen und Rocco Wiersch mit

Ein beeindruckendes Buffet (vielen Dank auch aus

Hoffnung auf ein besseres Leben“, die der Euro-

einer Akustik-Variante ihres Programms „Blues-

der immer noch satten Redaktion an Buch-Chefin

mayday Ruhr bei uns ausrichtete. Gut 50 Gäste

Auffrischung“. Jürgen Wiersch lebt in Dortmund

Suzanne Präkelt), stimmungsvolle Live-Musik durch

diskutierten mit bodo und dem Madonna e.V. über

und schnuppert und genießt seit 1979 Bühnenluft

unseren Verkäufer Otto, der ganz großartig Trompe-

die Situation der ArbeitsmigrantInnen aus Bulga-

als Dichter, Schauspieler und Performer. Er ist als

te spielt, und dick gefüllte Geschenktüten für alle

rien und Rumänien.

Schriftsteller mehrfach ausgezeichnet und einer

– das war ein wirklich schöner Abend.

der Pioniere des Poetry-Slam in Deutschland. Sein Sohn Rocco, Ausnahmegitarrist und regelmäßiger Bühnenpartner seines Vaters, überrascht mit höchst beeindruckendem Gitarrenspiel und seiner Reibeisenstimme.

Bei uns wurde gelesen, wir waren auf drei Weih-

Für unsere Bochumer VerkäuferInnen hatten wir am

nachtsmärkten und Partner bei der Migrantenpop

Tag vorher schon einen Weihnachtsbrunch ausgerich-

Kinder- und Jugendwerkstatt, einem Projekt des

tet, denn einige scheuten die Anreise nach Dortmund

„Kulturrucksack Dortmund“. An zwei Wochenen-

und sollten doch nicht leer ausgehen. So erfuhren die

den waren Kinder zwischen 10 und 12 bei uns, um

Bochumer auch als erste von der Weihnachtsüberra-

sich anzusehen, wie eine Zeitung gemacht wird.

Nächster Gast bei „Zweiter Freitag“ wird am 8. Fe-

schung, bei der uns viele, viele SpenderInnen über

bruar der Schauspieler, Regisseur und Autor Markus

die Plattform „Betterplace“ unterstützt hatten.

Veith sein mit einer Premieren-Werkstattlesung

Am vollsten war es bei der Diskussion „In der

Sogar richtige Interviews haben die Kinder geführt: „Wir waren an vielen Stellen: Museum, Bäckerei, Ki-

In den Weihnachtstüten war neben Süßem und

osk, Café, Gemüseladen. Die Leute kamen aus Mazedo-

Gesundem auch ein warmer Kapuzenpullover in

nien, Balve im Sauerland, Nordstadt, Türkei, Italien.

leuchtendem bodo-rot. Ideal für die kalte Jah-

Wir haben einige Migranten interviewt. Die meisten

reszeit und doch ein „Ganzjahresgeschenk“. Dass

Leute wussten, was Migranten sind, aber es gab auch

dann am gleichen Tag auch noch unsere neuen

Leute, die es nicht wussten. Die meisten haben ganz

Die Höhe des Eintrittsgeldes bestimmen die Gäste in

Verkäufertaschen ankamen, war ein wirklich schö-

verschiedene Hobbys und Lieblingsgetränke.“ – Viele

Form einer kleinen Spende selbst, warme und kalte

ner Zufall. Wir bedanken uns herzlich bei allen

Grüße an unsere Nachwuchsreporter!

Getränke gibt es gegen Spende.

UnterstützerInnen.

seines neuen Stücks „Eulenspiegels Enkel“. Der Aufstieg und Fall eines modernen Eulenspiegel, der nicht anders kann, als in Reimen zu sprechen, wird zuallererst bei uns zu erleben sein.

ANZEIGEN

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08

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09

Reportage | von Jens Mayer | Fotos: Andre Noll

Afri-Cola und die Tränen der Ariane

Charles Wilp Space Weltraum, Werbung, Wirkung: Wilp. Er ist eine

chen Atmosphäre in dem Bau überzeugen, in dem

deutsche Werbeikone und der erste Künstler,

der „Werbe-Guru der 60er“ seine Ideen entwickel-

dessen Werke das Prädikat „außerirdisch“

te. Am 15. September 2012 eröffnete der Charles

wirklich verdienten. Seine Geburtstadt Witten

Wilp Space zum achtzigsten Geburtstag des 2005

präsentiert die Welten von Charles Wilp in ei-

verstorbenen Künstlers. Das ist vor allem W. Erik

ner ungewöhnlichen Umgebung.

Böhmer zu verdanken. Der Geschäftsführer der Ei-

senwerke Böhmer und Vorsitzender des Förderver-

Schon aus einiger Entfernung kann Ingrid

eins Charles Wilp Modul hat sich dafür eingesetzt,

Schmidt-Winkeler erkennen, dass etwas schief gegangen sein muss. Neben dem Parkplatz, auf dem der Schwertransport mit dem Futuro-Haus Halt machen musste, um auf die nächtliche Weiterfahrt über die gesperrte Autobahn nach Witten zu warten, kann sie Kräne, Polizei- und ADACEinsatzfahrzeuge sehen. Es ist früher Abend, die Verkehrsnachrichten raten dazu, das Kreuz Dortmund-Witten weiträumig zu umfahren. Der Witwe von Charles Wilp schwant Böses. Das vom finnischen Architekten Matti Suuronen entworfene Gebäude mit acht Metern Durchmesser sollte in zwei Fahrten aus dem ostwestfälischen Vlotho in die Geburtstadt Wilps transportiert werden. Schmidt-Winkeler selbst begleitet den spektakulären Umzug im Schneckentempo mit einem Kamerateam: „Es war ein sehr aufregender Anblick, wie es auf den Tieflader kam. Die Fenster mussten herausgenommen werden, das Standgerüst musste abgeschweißt werden.“ In den frühen Morgenstunden hatte sie den Transporter mit der auffälligen Ladung verlassen, der sicher auf dem Rastplatz ab-

den Nachlass des „ersten ARTronauten“ in Witten

Ω Gut gelandet: Das Futuro-Haus vor der ehemaligen

gestellt werden konnte. Vor Ort wird sie aufgeklärt:

präsentieren zu können. Der ungenutzte Teil des

Pumpenstation. Ingrid Schmidt-Winkeler begleitet

„Wie sich herausstellte, hatte der Fahrer eines spa-

Wasserwerks habe geradezu nach Wilp geschrien,

unseren Redakteur Jens Mayer in die Ausstellung.

nischen Transporters bei der Auffahrt auf die Auto-

bestätigt Schmidt-Winkeler: „Mein Mann hat im-

bahn gedacht, es sei ein Ufo gelandet, das Lenkrad

mer schon gesagt, dass die Kunst zum Menschen

∆ „Orbital Elements“ erwarten den Besucher auf zwei

herumgerissen und war umgekippt.“ Glücklicher-

kommen muss, Museen waren für ihn nie der Sinn.

Etagen. Im Hintergrund das Porträt des 2005 verstor-

weise gibt es keine Verletzten, auch der Fahrer aus

Und dann jetzt hin zu den Menschen im Ruhrge-

benen Multi-Künstlers Charles Wilp.

Madrid kommt mit dem Schrecken davon. Die Pres-

biet und seiner Geburtstadt – das fand ich eine

se nimmt den Vorfall dankend auf: „Carambo, Cara-

schlüssige Sache.“ Während das Märkische Mu-

cho, ein UFO!“ kommentiert der Express am 29. Mai

seum die Fotografien „Sozialliberales Kabinett“

2010 begeistert. Frau Schmidt-Winkeler muss lä-

zeigte, startete zeitgleich die Ausstellung „Or-

cheln. Das passt zu ihrem Mann, dem Werbe-Profi:

bital Elements“ in der eigenartigen Umgebung:

„Das hat bestimmt Charles wieder mit beeinflusst,

„Es hat diesen klassischen Kubus-Schnitt des

damit was in die Medien kommt.“

Bauhauses“, findet Wilps Witwe. „Ein spannendes Gebäude, das in sich schon wirkt.“

Heute steht das einem afrikanischen „Roundhouse“ nachempfundene Gebäude aus Plastik vor

Fotograf, Werbefachmann, Regisseur, Dirigent

einem alten Pumpengebäude. Die Besucher kön-

und „Prince of Space“ (Yves Klein) – der 1932 als

nen es besichtigen und sich von der eigentümli-

Sohn eines Dachdeckermeisters und einer Bau-

9


10

Ingrid Schmidt-Winkeler vor der großen Fotogalerie. Das Porträt des französischen Malers, Bildhauers und Performance-Künstlers Yves Klein hat ihr Ehemann 1959 fotografiert.

erntochter geborene Charles Paul Wilp hatte viele

den Mars-Sand malen will. Zudem stellt ihm die

zeiten an, denn momentan ist ein Besuch nur

Professionen. In den 1960er Jahren sorgt er mit

ESA für seine Arbeit Trümmer der abgestürzten

nach Voranmeldung möglich. „Bislang haben wir

dem Konzept eines Werbeklassikers für Aufsehen,

Ariane 5 zur Verfügung. Auf deren Basis entstehen

als Verein alles alleine gestemmt, ohne öffentli-

der den Zeitgeist auf den Punkt bringt: „Super-

einige seiner imposantesten Kunstwerke.

che Mittel, darauf sind wir sehr stolz. Aber wenn

sexy-mini-flower-pop-op-cola – alles ist in Afri-

es weitergehen soll und wir uns öffnen wollen,

Cola“. Sinnlich dreinblickende Nonnen hinter ei-

Bis zum April widmet sich Orbital Elements dieser

ner eisigen Scheibe sorgten erwartungsgemäß für

letzten großen Phase in Wilps Schaffen. „Dann

Kontroversen, doch darüber hinaus ist das audio-

wird im Pumpengebäude weiter restauriert und

Zum Abschied gibt sie den Besuchern selbstver-

visuelle Konzept Wilps programmatisch. Es folgen

renoviert“, erklärt Schmidt-Winkeler. Vielleicht

ständlich eine Flasche Afri-Cola mit auf den Weg.

weitere Klassiker-Kampagnen für Puschkin Vodka

werde man „einen richtigen Werbe-Rausch“ er-

Dann erzählt sie noch von ihrem Traum, irgendwann

(„Für harte Männer“) und VW („Er läuft und läuft

sinnen oder die Arbeiten der zahlreichen Weg-

auch einmal das Artmodul Michelangelo: WXLP auf

und läuft...“). 1970 fotografiert er das erste sozi-

gefährten ihres Mannes präsentieren. Sie könne

dem Gelände zu installieren. Die sieben Meter lan-

alliberale Kabinett unter Willy Brandt erstmals in

sich aber auch eine ganz andere Nutzung des

ge und zwei Meter hohe Röhre, die während der

persönlicher Pose. „Human Image“ nennt das Wilp

Gebäudes vorstellen, für Konzerte zum Beispiel.

Millennium-Ausstellung im Berliner Gropius-Bau zu

und fordert damit Politgrößen wie Hans-Dietrich

„Wir wollen kein Wilp-Mausoleum sein. Wir wol-

besichtigen war, als Wilp die Sektion „Weltraum“

Genscher und Walter Scheel heraus. Zwei Jahre

len Dinge entwickeln, und eine Denkfabrik haben,

verantwortete, sollte als erste Kunstakademie im

später wird Wilps Werbekunst Teil der documenta

in der verschiedenste Bereiche des menschlichen

Weltraum an die ISS angedockt werden. „Darin gibt

5 in Kassel.

Wissens aufeinandertreffen. Am liebsten natür-

es diese rotierenden Röhren, in denen Spacy Lucy,

lich in unserem Futuro-Roundhouse“, erläutert

die schwerelose Bordärztin abgebildet ist. Wenn

In den 80er Jahren heben seine Werke endgültig

sie. „Ich möchte gerne diese Wittener Runde,

man auf diesem schmalen Steg durch die Röhre

ab. Nicht nur, dass seine Arbeiten auf der Raum-

die schon angedacht ist, nach vorne treiben und

geht, verliert man wirklich die Verbindung zur Re-

station MIR den Globus umkreisen, neben Wissen-

regelmäßige Gesprächskreise veranstalten: Kunst

alität. Der Körper weiß nicht mehr wo links, wo

schaftlern und Astronauten steht Wilp selbst auf

trifft Wirtschaft, Wissenschaft, Weltraumfahrt,

rechts, oben oder unten ist. In Berlin sind die Men-

einer Liste, die ihm die Chance in Aussicht stellt,

Religion und Philosophie.“

schen reihenweise umgekippt. Deswegen mussten

selbst mit ins All zu fliegen. Doch auch auf der Erde

10

geht es nicht mehr ohne.“

wir ein Geländer anbringen.“ (jm)

bleibt er nicht untätig: Er konstruiert einen „Mars-

Im zweiten Jahr strebe man zudem endlich eine

Penetrator“, mit dem er durch Fernsteuerung in

Öffnung des Gebäudes zu den üblichen Museums-

INFO www.charleswilp.org


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NEUES VON BODO | von Sandro Giuri | Foto: Andre Noll

Soziale Stadtführung ab dem 19. Januar:

bodo-Verkäufer zeigen das andere Bochum Wie verbringen eigentlich Menschen auf der Stra-

lose Männer. Marcus erzählt mir von den Problemen,

lauf eines Obdachlosen“, erklärt mir Markus. Morgens

ße ihren Tag? Wo halten sie sich auf, welche An-

mit denen Menschen auf der Straße konfrontiert sind,

bodo-Zeitungen holen, dann bei der Wohnungslo-

gebote und Hilfen gibt es? Wie sieht die Stadt aus

davon, dass die Beratungsstelle die postalische Anmel-

senhilfe ins Postfach schauen, mittags zum Essen in

der Sicht der „Menschen am Rand“ aus? Bei bodos

dung ermöglicht und vieles mehr.

die Suppenküche, danach auf einen Kaffee zur Bahn-

sozialer Stadtführung zeigen Verkäufer des Straßenmagazins „ihr“ Bochum.

hofsmission und im Anschluss die Suche nach einem Unser nächstes Ziel ist die Suppenküche – „zum Mit-

Schlafplatz. Hört sich romantischer an, als es ist.”

tagessen“, sagt Markus grinsend. Doch aus Respekt Bei einem zweistündigen Rundgang gibt es neue

enthält die Stadtführung keinen direkten Besuch.

Das letzte Ziel unserer Stadtführung und direkter

An- und Einsichten zu gewinnen. Entlang des Tages-

Verständlich – wer möchte schon beim Mittagessen

Nachbar der Bochumer Ausgabestelle von bodo ist der

ablaufs eines Menschen ohne Wohnung besuchen die

gestört werden. Markus versorgt mich auch hier mit

Tagesaufenthalt der Diakonie, auch hier treffen wir

Stadtführer Orte und Einrichtungen, beschreiben ei-

den nötigen Infos. Zirka 35.000 Besuche zählt die

freundliche Menschen, und ich erfahre viel Neues zum

gene Erfahrungen und liefern Informationen zu den

Suppenküche im Jahr. Eine Zahl, die hängen bleibt.

Alltag auf der Straße. Zum Abschluss gibt es ein Getränk bei bodo und Zeit, über die Fülle von Eindrücken

Hilfe- und Selbsthilfenetzen in der Stadt. Sandro Giuri hat sich die Tour vorab einmal zeigen lassen.

Von der Suppenküche geht es weiter zur Bahnhofsmis-

zu sprechen, die ich auf dieser außergewöhnlichen und

sion. Markus erläutert mir hier bei Kaffee und Speku-

spannenden Tour durch Bochum machen durfte – mit

Morgens halb elf in Deutschland: „Hey, du musst

latius, für wen alles die Einrichtung der erste Anlauf-

einem Tourguide, der weiß, wovon er spricht. (sg)

Sandro sein“, begrüßt mich Markus in der Bochumer

punkt ist. Frisch gestärkt geht es über den Ostring in

Ausgabestelle des bodo e.V., Start und Zielpunkt der

Richtung Stadion. Unterwegs sehe ich links im Fens-

INFO

sozialen Stadtführung. Bevor es losgeht, gibt es noch

tervorsprung eines Restaurants einen Obdachlosen

An jedem 3. Samstag im Monat ist um 11 Uhr Treff-

eine heiße Tasse Kaffee zur Stärkung – bei dem Winter-

schlafen. Vielleicht ist es genau das, was die Stadt-

punkt an der Bochumer Anlaufstelle des Vereins in der

wetter sicher nicht verkehrt. Vor der Tür fängt Markus

führung mit Markus bewirkt: einen sensibleren Blick.

Stühmeyerstraße 33. Erster Termin ist der 19. Januar. „Teilnahmegebühr“ ist der Kauf eines Straßenmaga-

an zu erzählen: Über die Aufgaben des Vereins, das alltägliche Treiben innerhalb der Anlaufstelle, die Vor-

Unsere vierte Station ist die Einrichtung SchlafamZug,

zins bei unserem Stadtführer. Über eine kleine Spen-

aussetzungen, um bodo-Verkäufer zu werden, und auch

die Bochumer Übernachtungsstelle für Jugendliche.

de an den Verein freut sich bodo. Stadtführungen

ein wenig von sich selbst. Dann geht es auch schon zur

Das Haus ist leuchtend orange, aufgefallen ist es mir

können auch von Gruppen gebucht werden. Um tele-

nächsten Station, der Beratungsstelle für wohnungs-

bisher nie. „Bis hierhin ist die Tour wie der Tagesab-

fonische Anmeldung wird gebeten: 0231 – 950 978 0.

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RECHT | von Rechtsanwalt René Boyke

Internet: Am Abmahn-Pranger

KULTUR | von Dr. Birgit Rumpel

Schöne fiese Apple-Welt Auseinandersetzung mit einem Weltveränderer Ein paar unscharfe Fotos auf seinem fabrikneuen iPhone brachten den Autor Mike Daisey

dem Schauspieler Andreas Beck, der den 90minüti-

An dieser Stelle habe ich bereits mehrfach

dazu, über die Herstellung von Mobiltelefonen

gen Monolog so authentisch präsentiert, dass man

über Abmahnungen aufgrund von „Internet-

nachzudenken. Die Ergebnisse seiner Recher-

sich in einer ganz privaten Unterhaltung wähnt.

delikten“ gesprochen. Bekanntlich kann das

chen und die Reflektion über das eigene Kon-

„In meiner Jugend war ich Leistungsschwimmer,

rechtswidrige Herunterladen nur eines ein-

sumverhalten schrieb er in einem Monolog auf,

da habe ich gelernt, die Langstrecke einzuteilen“,

zigen Liedes oder Filmchens aus dem Inter-

der im Schauspiel Dortmund gerade Deutsch-

verrät er nach der Vorstellung.

net bereits einige hundert Euro kosten.

landpremiere feiert.

Um

„I‘m honored to be here today“, tönt es wieder

die Zuhörer mit hinter die Kulissen der modernen

gibt es Anwälte, die sich etwas Besonde-

und wieder aus Lautsprechern, während die letz-

Kommunikationswelt und zeigt ihnen, wo wir heu-

res einfallen lassen. So drohte eine Grup-

ten der ca. 80 Zuschauer ihre Plätze im Studio

te angekommen sind: Besitzer mobiler Endgeräte

pe von Rechtsanwälten regelmäßig damit,

einnehmen, nicht in nummerierten Stuhlreihen,

sind zu reinen Nutzern degradiert, quasi entmün-

bei Nichtzahlung der in der Abmahnung

sondern auf bunt gemischten Sitzgelegenheiten

digt. Mit immer schnelleren Produktzyklen und

geforderten Beträge den Namen der Abge-

aller Art, arrangiert zu lockeren Sitzgruppen.

Updates sowie unverzichtbaren Apps werden sie

mahnten im Internet zu veröffentlichen.

Das Publikum ist Teil der Bühne, umrahmt von

an ihren Anbieter gekettet, neue Produkte werden

Pikant. Denn die Abmahnungen hatten das

schlichten Kulissen, die verschiedene Szenerien

als Innovationen verkauft, die sich bei näherem

illegale Herunterladen bzw. Anbieten von

andeuten, sowie Requisiten, die an die Anfänge

Hinsehen als Rückschritt entpuppen. Spätestens

Pornofilmen zum Gegenstand. Von einem

des Computerzeitalters erinnern.

jetzt geht ein bestätigendes Nicken durch das Pu-

diese

Forderungen

durchzusetzen,

Abgemahnten forderten die Anwälte für das Herunterladen eines Pornofilms aus, bzw.

„Es ist mir eine Ehre, heute hier zu sein“, mit die-

Mit seiner beeindruckenden Präsenz nimmt Beck

blikum. Das kennt man irgendwie, man weiß es ja.

ser Floskel begann Steve Jobs 2005 seine berühmt

Daisey beschreibt seine Recherchereise ins

gewordene Rede vor Absolventen der Universität

chinesische Shenzhen, den Ort, an dem nahezu

Stanford. Heute ist er, der im Oktober 2011 starb,

die gesamte Weltproduktion an Elektronikgeräten

zwar nicht dabei, aber doch sehr präsent. Denn

angesiedelt ist. Auch der Elektronikhersteller

es geht um seine Geschichte, die untrennbar mit

Foxconn produziert hier – unter anderem für

Der Abgemahnte wehrte sich dagegen, rief –

der Apple-Firmengeschichte verwoben ist. Anders

Apple. Foxconn geriet 2010 in die Schlagzeilen,

peinlich genug – das Landgericht Essen an.

als in Stanford folgen im Studio am Dortmunder

weil das Unternehmen nach einer Reihe von

Dieses sah den Abgemahnten in seinem Recht

Schauspielhaus keine biografischen Erzählungen

Mitarbeiterselbstmorden Fangnetze zwischen

auf Anonymität verletzt und entschied: „Das

des Apple-Gründers, sondern der Monolog „Die

den Gebäuden installieren ließ. Daisey versuchte,

allgemeine Persönlichkeitsrecht umfasst das

Agonie und die Ekstase des Steve Jobs“ des ameri-

mit Arbeitern ins Gespräch zu kommen, was von

Recht einer Person auf Selbstbestimmung.

kanischen Autors Mike Daisey. Verkörpert wird die-

Sicherheitskräften vereitelt wurde.

Hochladen eines solchen in das Internet, 1.286,80 Euro. Bei Nichtzahlung kündigten sie die Veröffentlichung des Namens des Anschluss-inhabers an.

Dazu gehört auch, in gewählter Anonymität zu bleiben und die eigene Person nicht in der Öffentlichkeit dargestellt zu sehen. Durch die Nennung in einer sog. ,Gegnerliste‘ würde die Antragsgegnerin mit ihrem Namen in einer für jedermann zugänglichen Quelle genannt und dadurch in ihrem Recht auf Anonymität verletzt.“ Weiter führte das Gericht aus, was sich jedem aufdrängt: „Dies gilt vorliegend (...) auch deshalb, weil die Antragsstellerin befürchten muss, (...) in ihrem sozialen Ansehen beeinträchtigt zu werden.“ Der Fall zeigt deutlich, dass bei Abmahnungen im Urheberrecht mit harten Bandagen gekämpft wird. Niemand will ernsthaft Urheberrechtsverstöße ignorieren. Allerdings ist es völlig unangemessen, jedem, z.B. im Rahmen einer Google-Suche, bekannt zu machen, dass der Nachbar oder Arbeitskollege angeblich Delinquent einer Urheberrechtsverletzung ist. (rb) www.kanzlei-boyke.de 12

ser in der deutschsprachigen Erstaufführung von


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WILDE KRÄUTER | von Wolfgang Kienast

Schließlich ist Beck beim fragwürdigen Titelhelden angekommen, dem charismatischen, zwischen Ge-

wildkraeuter.bodo/25_hagebutte.4/

nie und Wahnsinn pendelnden Steve Jobs, der mit Apple nicht nur eine Computerfirma, sondern eine

2011 war ein gutes Jahr, Vogelbeeren zu

fürchteten zunächst den Ausbruch eines

Philosophie mit religiösen Zügen begründet hat.

suchen. 2010 gab es enorm viele Schle-

neuen Krieges.

Mit der ihm eigenen Duplizität von Designfreak und

hen. Letztes Jahr lief es mit Weißdorn

knallhartem Geschäftsmann hat er nicht nur Apple

super, Schlehen und Vogelbeeren blie-

seinen Stempel aufgedrückt, sondern später auch

ben rar. Hagebutten gibt es immer. Ab

Unternehmen wie Pixar erfolgreich gemacht. An-

September und weit ins neue Jahr hin-

gesichts der an Kontrollwahn grenzenden Akribie,

ein, wenn an anderen Sträuchern längst

die Jobs nicht nur sich selbst, sondern auch seinen

nichts mehr zu holen ist. Ein Loblied

Mitarbeitern abforderte, stellt Daisey die Frage, ob

also auf den fein schmeckenden Vitamin-

die Apple-Manager wirklich nichts über die Arbeits-

spender und mit der ersten Wildkräuter-

bedingungen in den chinesischen Fabriken wissen,

kolumne 2013 der Vorschlag, die leckere

wenn doch die Herstellung auch Bestandteil des

Scheinfrucht mal kandiert zu versuchen.

Produktdesigns ist.

Kandieren ist eine faszinierende, leider

Apple und Steve Jobs stehen im Fokus, weil sie Vorreiter und konsequenteste Vertreter einer

aus der Mode gekommene Methode, Obst oder Gemüse haltbar zu machen.

Wirklich tragisch endete ein frühes Experiment mit Konservennahrung für die Teilnehmer einer mit modernsten Mitteln der Zeit ausgestatteten Polarexpedition. Bis gegen Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Pökelfleisch auf Schiffen eingelagert. Die neuartigen Dosen für Sir John Franklin und seine Mannen versprachen eine Revolution in Sachen Verpflegung, wurden aber unglücklicherweise mit giftigem Lötblei versiegelt, welches allmählich und unbemerkt das Bordessen kontaminieren sollte. Niemand überlebte die Reise ins Eis.

Produktphilosophie sind, die das moderne Leben

Lebensmittel konservieren zu können

weltweit nachhaltig beeinflusst haben. „Wenn Du

war oft von essentieller Bedeutung. Wie

das Konstrukt beherrschst, mit dem die Menschen

die Verfahren selbst wurden Geschichten

leben, beherrschst Du sie,“ wird Jobs zitiert, und

dazu überliefert, darunter Komisches,

man wird schlagartig an Orwells 1984 erinnert.

Tragisches oder Skurriles.

Ist das nun Theater? Man kann es journalistisches

Von Surströmming beispielsweise, einer

butten jedoch kommt man mit solcher

Theater nennen. Daisey selbst ist Technikfreak und

Art schwedischer C-Waffe. Vergorener

Technik nicht.

traditioneller Apple-Nutzer, der beschreibt, wie er

Fisch. Eine Spezialität, deren unnach-

seine Unschuld verlor. Der Monolog soll nicht als

ahmlicher Geschmack von übelriechenden

Boykottaufruf gegen Apple verstanden werden, der

Milch- und Aminosäuren geprägt ist, wel-

Appell des Autors ist eher ein wirtschaftsethischer:

che selbst in den Konservendosen noch

Wir sollen unsere blinden Flecken erkennen und

unvermindert am ollen Hering arbeiten,

überlegen, warum wir nicht sehen wollen, was doch

weswegen deren Transport aufgrund mög-

offensichtlich ist. (biru)

licher Explosionsgefahr bei einigen Fluggesellschaften strikt verboten ist.

INFO www.theaterdo.de

Download des Monologs: www.mikedaisey.blogspot.de

Natürlich haben sich trotz dieser Fehlschläge Konserven durchsetzen können, und der Einzug von Kühlschränken und -truhen in den Haushalt erspart einiges an lästiger Arbeit. An kandierte Hage-

Aber so: Halbieren und entkernen Sie 500 g harte Hagebutten. Kochen Sie diese mit 300 g Zucker in 250 ml Wasser kurz auf, lassen Sie alles auf kleiner Flamme bei geschlossenem Deckel etwa 5 Minuten köcheln. Warten Sie 24 Stunden und schütten Sie alles in ein Sieb. Nehmen Sie vom entstandenen Sirup 250 ml und

Tatsächlich explodiert sind gegen Ende

kochen ihn mit 125 g Zucker wieder kurz

des 19. Jahrhunderts Bohnendosen von

auf. Geben Sie die Butten zur heißen

Gustav Busch. Der Bruder von Wilhelm

Flüssigkeit. Weitere 24 Stunden warten

Busch hatte in Wolfenbüttel eine Kon-

und am dritten Tag wie am zweiten ver-

servenfabrik eröffnet. Als absehbar war,

fahren. Lassen Sie am vierten Tag die

dass eine frühe Produktionsreihe ver-

wiederum gesiebten Hagebuttenhälften

kaufshemmende Mängel aufwies, vergrub

bei geringer Hitze im Herd oder in einem

er die Büchsen kurzerhand im Garten.

Dörrapparat trocknen. Kandierte Butten

Unter der Grasnabe begann es bald sur-

eignen sich zum Süßen von Tee oder

strömmingartig zu gären und der Über-

Würzen von Gebäck. Waschen, trocknen

druck jagte die Dinger mit Krawumm in

und verwahren Sie die vielseitig nutzba-

die Luft. Rasenspren-

ren Kerne. Und schütten Sie nie den Si-

gen wörtlich genom-

rup weg! Aufgegossen

men; Nachbarn in

mit Sekt schmeckt er

Wolfenbüt tel

phantastisch. (wk)

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INTERVIEW | von Bastian Pütter | Fotos: Dirk Planert

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Srebrenica – vergessene Stadt Ein Dortmunder zurück in Bosnien Dirk Planert ist freier Journalist und war 14 Jahre lang eine der Nachrichtenstimmen des Dortmunder Lokalradios 91.2. Von 1992 bis 1994 riskierte er als humanitärer Helfer in den Balkankriegen sein Leben und fuhr mit seiner eigenen Hilfsorganisation Medikamente und Lebensmittel durch die Kampflinien. Nun ist er zurück nach Bosnien gegangen, wieder um zu helfen. Srebrenica ist eine vergessene Stadt, dabei ist ihr Name den meisten geläufig. Wer über Srebrenica spricht, meint den Friedhof. Im Juli 1995 wurden hier mehr als 8.000 Jungen und Männer unter den Augen der UN-Blauhelmsoldaten ermordet und in Massengräbern verscharrt. Das systematisch geplante Massaker ist das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Leid brachten die Balkankriege schon vorher über die Region. Als der junge Student Dirk Planert 1992 vor dem Hörsaalgebäude ein Flugblatt in die Hand gedrückt bekam, beschloss er kurzerhand: „Es gibt zwei Probleme. Das erste kann ich nicht lösen: Es ist Krieg. Das zweite ist ein logistisches: Dort fehlen Medikamente, Lebensmittel, Kleidung – alles ist hier vorhanden. Man muss es nur eine Brücke bauen.“

»Logistik ist alles« Zwei Wochen später fuhr er einen ersten LKW nach Rijeka. Er gründete einen Verein, und nach drei Monaten gab es in Deutschland 32 Aktionsgruppen mit rund 400 Ehrenamtlichen. In Rijeka kamen ab November 1992 die LKW an und von hier aus fuhr Planert alleine Touren ins Kampfgebiet. „Es hatte sich bald an der Adriaküste herumgesprochen, dass wir helfen können. Ich fuhr gezielt die Städte und Krankenhäuser an mit den Dingen, die dort konkret fehlten. Logistik ist alles.“ Im März 1993 die nächste Eskalation: Kroaten und bosnische Muslime erklärten einander den Krieg. Planert zieht weiter ins kroatische Karlovac. In der dortigen Kaserne waren 2.600 Menschen untergebracht, die das Rote Kreuz aus serbischen Lagern herausgeholt hatte. „Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen versorgte nur die Kriegsgefangenen, aber da waren Frauen und Kinder. Wir brachten Babynahrung, Windeln, Kleidung.“

»Schritt für Schritt an die Hölle herangetastet« Eines Tages hielt auf dem Marktplatz ein ehemaliger Post-LKW und ein Deutscher stieg aus, er kam aus dem bosnischen Bihac, einem der Kessel, in denen serbische Verbände bosnische Verteidiger, Zivilbevölkerung und Flüchtlinge eingeschlossen hatten. Ein Kessel wie später Srebrenica. Die Lage in der eingeschlossenen Stadt war dramatisch, Planert entschied zu helfen. „Ich hab mich Schritt für Schritt an die Hölle herangetastet“, sagt er. Alle acht Wochen lenkte er einen Konvoi nach Bihac, durch die Frontlinien. Ein 25jähriger mit schmalen Schultern auf einem bemitleidenswert alten Hanomag-LKW, bemalt mit Herzen: „An den Checkpoints nahmen die mich nicht für voll und ließen mich passieren. Dazu habe ich zwei Jahre lang konsequent meine Neutralität gewahrt und auch an Krankenhäusern in der serbisch besetzten Kraijina gehalten.“ Als im Februar 1994 die serbische Offensive begann, war Planert für zwei Wochen in der Stadt. „Ich saß mit Flüchtlingen, die nichts zu essen hatten, in Wohnungen und wir

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haben auf die Granaten gehört. Man erkennt am Geräusch, wie nahe die Granate kommt. Irgendwann war es so eng, dass sicher schien, die Serben brechen durch. Alle Männer ab 16 gingen an die Front gingen, ich blieb mit Flüchtlingen, Frauen und Kindern im einzigen dreistöckigen Haus, stand hinter der Tür und wartete auf den ersten Tschetnik. Das war die schlimmste Zeit. Da war ich relativ sicher, dass ich diesmal nicht zurückkommen würde. Wäre Bihac gefallen, es wäre das selbe geschehen wie in Srebrenica.“

»Wunden der Seele verheilen langsamer« Zurück in Deutschland ist er nicht mehr derselbe. „Es ist aus meiner Sicht nicht möglich, sich längere Zeit in einem Kriegsgebiet aufzuhalten, ohne das zu bekommen, was man allgemein ein Kriegstrauma nennt. Wir haben das alle. Egal ob Flüchtling, Soldat oder humanitärer Helfer. Man kann lernen, damit zu leben.“ Bestimmte Gerüche und bestimmte Geräusche und das Gefühl sei da. Feuerwerk zum Beispiel oder das Zuschlagen von Autotüren und der kurze Überdruck dadurch. Das Erlebte schiebt er beiseite. „Schwierig war der Umgang mit meinen Freunden hier“, gibt er zu, er habe mehrere Jahre gebraucht, Probleme, die man hier hat, wieder als solche zu akzeptieren. „Bis heute habe ich Instinkte, die mir damals das Leben gerettet haben. Wenn Granaten kommen, hat man einen Herzschlag lang Zeit, den Kopf einzuziehen. Das bekommt man nicht raus. Ich hab einen Freund, der Soldat in Kroatien war, wir können darüber sehr gut reden – sonst ist man damit natürlich allein.“ Und leiser: „Wunden der Seele verheilen langsamer.“

»Es stimmt nicht, dass man nichts machen kann« Bereuen möchte Planert die Jahre auf dem Balkan nicht. „Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt und bewiesen, dass es nicht stimmt, dass man nichts machen kann“, sagt er ernst. „Wir haben fast eine halbe Million Mark Spenden gesammelt und Medikamente im Wert von mehreren Millionen Mark von Pharmafirmen bekommen, weil wir denen nicht gesagt haben, wir sind eine kleine Studentenorganisation, sondern: Wir sind die einzigen, die reinkommen, und wir brauchen genau für dieses Krankenhaus genau das für genau diese Kinder.“ Erst seit einiger Zeit beschäftigt er sich wieder mit der Region. „Für einen Schulvortrag musste ich Fotos heraussuchen. Die lagen seitdem in meinem Keller. Ich hatte sie nicht mehr angesehen, das konnte ich nicht.“ Einige dieser Bilder postete er bei Facebook, sie wurden Facebook-Freunden aus Bihac geteilt. „Auf einmal meldete sich eine Frau aus Chicago, 35 Jahre alt. Eines der Kinder, die damals hinter meinem LKW gestanden haben. Sie schrieb: ,Du warst unser Engel. Du hast uns gezeigt, dass wir noch ein Teil der guten Welt da draußen sind.‘“ Einer der Gründe für eine erneute Reise, diesmal im Frieden. Im Oktober besuchte Planert Bosnien – als Journalist. Bei den anstehenden Wahlen durften zum ersten Mal die im Ausland lebenden Bosnier nicht wählen. Vor dem Krieg lebten im Bezirk Srebrenica 36.000 Menschen, davon 80 Prozent Bosniaken. Heute sind es ungefähr 11.000, zwei Drittel Serben. „Hätte ein Serbe gewonnen, wären die Geschichtsbücher umgeschrieben worden“, sagt Planert. Die westlichen Medien interessierten sich nicht für die Wahl. Doch Planert hatte noch einen anderen Grund, zurückzukehren. Unter Lebensgefahr hatte er Kinder aus dem Kriegsgebiet geschmuggelt. Alan, den er damals nach Deutschland brachte, wo er drei Jahre bei Planerts Eltern lebte, bis er zurück konnte, erwartete ihn. „Ich landete in Sarajevo, er stand am Flughafen und wir holten gemeinsam seine Tochter vom Kindergarten ab. Alan hat eine Familie, einen guten Job – ich war so glücklich, das zu sehen.“

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∆ Vorherige Seite: Trauernde Frauen in Srebre-

¬ Dirk Planert schmuggelte den damals 14jäh-

nica. Das Vorlesen der Namen der Opfer auf den

rigen Alan aus dem Kriegsgebiet. Heute lebt

Gedenktafeln dauert einen Tag.

Alan mit seiner Familie wieder in Bosnien.


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»Die Lebenden hat man vergessen« In Srebrenica ist Planert zum ersten Mal. Als die bosnische Enklave 1995 fiel, war er in Deutschland: „Ich saß vor dem Fernseher, versteinert, die ganze Nacht.“ Die Hoffnungslosigkeit, auf die er jetzt trifft, schockiert ihn. 80 Prozent der Menschen sind arbeitslos, niemand will in der Stadt des Massakers investieren. Und wer keine Arbeit hat, wird nicht heiraten, es leben auffällig wenige Kinder in Sebrenica. Die Armut hingegen ist sichtbar: „Alte Menschen, die sich verschimmeltes Brot aus Müllcontainern holen, habe ich viele gesehen.“ In der einzigen Kneipe mit jungem Publikum besucht er eine Geburtstagsfeier, freut sich über die ausgelassene Stimmung. „Und nach ein paar Minuten wird mir klar, dass sie alle dabei waren. Alle. Wer in dieser Stadt älter ist als 17 Jahre, war entweder in Potocari bei der Selektion dabei oder ist in Richtung Tuzla über die Berge geflüchtet.“ Oberflächlich funktioniert das Zusammenzuleben. Jeden Tag treffen sich Serben und Bosnier, die wissen, dass sie jeweils Soldaten waren. Über den Krieg wird nicht gesprochen. Srebrenica gehört zur Republica Srbska, die Polizeifahrzeuge tragen serbischkyrillische Schrift. In Potocari bewachen die Täter die Gräber der Opfer – der Polizeichef selbst hingegen ist ein Moslem. „Einmal im Jahr ist Srebrenica voller Menschen“, sagt Planert, „wenn man der Toten gedenkt. Nur die Lebenden hat man vergessen.“

»Dieser Verzweiflung etwas entgegensetzen« Planert lernt Avdo kennen, einen 40jährigen Bosnier, der nach dem Massaker zurückgekehrt war in die entvölkerte Stadt: „Hier sind meine Freunde, hier liegen unsere Toten, natürlich lebe ich hier.“ Nach seinen Träumen gefragt verneint er, man könne nichts machen. Planert ist hartnäckig und Avdo erzählt, dass er Bäcker gewesen sei und dass es in Srebrenica keine Bäckerei gebe. „Diese Hoffnungslosigkeit, gepaart mit dem Schmerz des Krieges hat dazu geführt, dass ich in diesem Moment die Entscheidung getroffen habe“, sagt Planert. Aus dem Journalisten wird wieder der humanitäre Helfer. „Ich wollte dieser Verzweiflung etwas entgegensetzen. Wir werden eine Bäckerei bauen. Die Genehmigung der Gemeinde Srebrenica liegt vor. Ich besorge die Maschinen. Wir brauchen etwas Geld, um den Laden einzurichten und für die ersten Wochen Einkauf und Material.“ Sieben Arbeitsplätze wird das Projekt schaffen. Mit Avdo ist vereinbart, dass er nicht, wie bei vielen Entwicklungsprojekten üblich, einen Mikrokredit zurückzahlt, sondern stattdessen vom ersten Tag an mehr Brote backen wird als verkauft werden können. Jeden Abend sollen die Überschüsse an die Rentner, die sich keine Lebensmittel leisten können, kostenlos abgegeben werden. „Das heißt: Wir machen ein Projekt und erreichen damit viele Menschen. In dieser Situation geht es nicht um Hilfslieferungen, sondern darum, den Menschen, die etwas tun wollen, die Möglichkeit dazu zu geben.“ Gleichzeitig erhält das Krankenhaus von Srebrenica einen Anbau mit einer Kinderstation. Bisher gibt es nur eine Ambulanz, Patienten transportiert das Hospital mit einem Fiat Panda. Ein Bus wird benötigt und ein neues Labor. Planert spricht vom Stein im Wasser, der Kreise zieht. Es geht um Kontakte, Multiplikatoren und wieder ist das Zauberwort Logistik. „Nebenbei“ hat er ein Ultraschallgerät von Duisburg nach Bihac ins Krankenhaus vermittelt. Besonders wichtig ist ihm, dass alle Projekte multiethnisch sind: „Das Haus wird von Serben und Muslimen gemeinsam gebaut, in der Bäckerei werden Serben und Muslime zusammenarbeiten, und ich werde kein Projekt unterstützen, in dem das nicht so ist. Gemeinsam oder gar nicht.“ (bp) INFO Help Srebrenica e.V. | www.facebook.com/helpsrebrenicaev

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DER KOMMENTAR | von Bastian Pütter

Wie arm ist das denn?

NEWS | von Sandro Giuri · Sebastian Sellhorst

Armutskonferenz fordert Grundgesetzänderung

Hartz IV nicht nur für Arbeitslose

Stromkosten treffen Geringverdiener

Vor Weihnachten pilgerten Journalisten wie

354.000 Menschen waren im Jahr

Bei der „Grundsicherung für Arbeit-

Haushalte mit geringen Einkommen

jedes Jahr in Suppenküchen und Sozialkauf-

2010 wohnungslos. Zu diesem Er-

suchende“ steht nicht – wie oft

zahlen durch die EEG-Umlage, die zur

häuser und kurz getaktet trudelten die statis-

gebnis kommt eine Schätzung der

angenommen – Arbeitslosigkeit,

Förderung des Ausbaus der erneuer-

tischen Erhebungen und Armutsberichte ein.

BAG Wohnungslosenhilfe. Eine offi-

sondern Hilfebedürftigkeit im Mit-

baren Energien Teil der Stromkosten

zielle Zahl gibt es nicht, da amtliche

telpunkt. Zu den sechs Millionen

ist, besonders viel für die Energie-

Statistiken weiterhin fehlen. An-

Empfängern von Hartz IV gehören

wende. Zu diesem Schluss kommt

lässlich des Internationalen Tages

auch 1,3 Millionen Erwerbstätige.

einer Studie des arbeitgebernahen

der Menschenrechte fordert Thomas

Die übrigen 4,3 Millionen Leis-

Instituts der deutschen Wirtschaft

Beyer, Sprecher der Nationalen Ar-

tungsberechtigten gelten als er-

(IW) in Köln. Das Grund sei, dass sich

mutskonferenz, eine Änderung des

werbsfähig. Weniger als die Hälfte

der Verbrauch von Strom auch bei

Grundgesetzes. „Wir als Nationale

dieser Menschen ist arbeitslos. Die

steigendem Einkommen kaum verän-

Armutskonferenz fordern von der

meisten nehmen an arbeitsmarkt-

dere. Bei den einkommensschwächs-

Es war die Zeit der Armutsberichterstattung.

Die Befunde sind deutlich, auch wenn die Bundesregierung in ihrem Bericht alles versucht, dessen soziale Sprengkraft zu mindern (s.S. 34). Die Entwicklung im Ruhrgebiet hat „dramatische Züge“ angenommen, so der Paritätische. Die Quote der Armutsgefährdung liegt in Dortmund bei über 24 Prozent und hat sich seit 2005 um fast ein Drittel erhöht.

Politik, das Menschenrecht auf eine

politischen Maßnahmen wie Weiter-

ten zehn Prozent würden ab dem Jahr

Armut ist Thema. Über eine mangelnde Prä-

Wohnung durch einen neuen, eige-

bildungen oder Ein-Euro-Jobs teil

2013 gut 1,3 Prozent des Einkommens

senz in den Medien kann sich niemand be-

nen Artikel im Grundgesetz zu ver-

und gelten daher gesetzlich nicht

in die Ökostromförderung fließen, bei

schweren, die Daten sind gut aufbereitet,

ankern.“ Dabei bezieht er sich auf

als Arbeitslose. Andere erwerbs-

den einkommensstärksten zehn Pro-

„nachrichtenfähig“ und geben gute Schlag-

Artikel 25, Absatz 1 der Allgemei-

fähige Leistungsberechtigte sind

zent seien es nur 0,2 Prozent. Der

zeilen ab. Und dann? Wie stets verschwinden

nen Erklärung der Menschenrechte.

Auszubildende oder noch Schüler,

Bundesverband

konkrete Lösungsvorschläge so schnell wie

Dieser beinhaltet das Recht eines

befinden sich in der Erziehungszeit

Energien (BEE) kritisierte die Aussa-

die kurze mediale Aufwallung. Mindestlöhne,

jeden „auf einen Lebensstandard,

oder pflegen Angehörige. Zudem

gen des IW scharf. Sie stelle den ge-

Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze sowie eine

der seine und seiner Familie Gesund-

gehören zu der Gruppe der sechs

zielten Versuch dar, die erneuerbaren

Reform des Wohngeldgesetzes – das schnelle

heit und Wohl gewährleistet, ein-

Millionen

Leistungsempfänger

Energien für soziale Not in Deutsch-

Gegengift zur steigenden Verarmung auch der

schließlich Nahrung, Kleidung und

auch Angehörige, oft Kinder unter

land verantwortlich zu machen.

„arbeitenden Bevölkerung“ steht im Schrank.

Wohnung“. Ein fester Wohnsitz sei

15 Jahren, die auf Grundsicherung

„Was die einkommensschwächsten

essenziell für die Entwicklung und

angewiesen sind. Die Ursachen für

Haushalte betrifft, ist es schlicht

das Wohlbefinden eines Menschen

den Bezug von Hartz IV sind sehr

und ergreifend eine sozialpolitisch

und zudem zwingend erforderlich

verschieden. Mangelnde Arbeitsbe-

gebotene Notwendigkeit, staatliche

bei der Arbeitsplatzsuche oder beim

reitschaft gehört meist nicht dazu.

Transferleistungen den realen Le-

Auf das Verwässern der Lagebeschreibung durch die Rede von der relativen Armut folgt das Sachzwang-Schulterzucken. Natürlich ist Armut relativ. Die Menschen, die hier wirklich hungern, tauchen in den Statistiken gar nicht auf. Bei den anderen geht

Beantragen der Lohnsteuerkarte.

der

benshaltungskosten anzupassen“, so BEE-Präsident Dietmar Schütz.

es um zwei einfache Zusammenhänge. Erstens: Die Armutsentwicklung hat sich von der Wirtschaftsentwicklung abgekoppelt. Wenn es „Deutschland“, „dem Mittelstand“ oder „uns allen“ besser geht, hat das keinen Einfluss auf die Zahl und die Situation der Menschen in Armut mehr. Das Bild von der Schere zwischen arm und reich ist nicht wirklich originell, aber es trifft. Deutschland geht es gut, abzüglich läppischer 12 Millionen. Zweitens: Wer arm ist, bleibt es, ob mit Arbeit oder ohne. Ein immer noch massiv ungerechtes Bildungssystem, das Armutsrisiko „Kind“, Leiharbeit, Niedriglöhne und das Hartz-IV-Regime haben Kreisläufe geschaffen, aus denen Millionen Menschen nicht mehr herauskommen, so sehr sie sich anstrengen. Dagegen hilft Berichterstattung nicht. (bp)

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erneuerbaren

SKOTTS SEITENHIEB


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Martin Kaysh schreibt für die Arbeiterwohlfahrt

In Dortmund spielt man den besten Ball, baut die tollste Tanne und veranstaltet die wildesten Wahlen. Deshalb musste neulich eine Studie tiefste Verzweiflung auslösen. Ein gewerkschaftsnahes Institut hatte festgestellt, dass die ehemals freie Reichsstadt unter Deutschlands Metropolen nur einen zweiten Platz einnimmt. Leipzig schlägt Dortmund knapp in Sachen Armutsgefährdung. Das kann der stolze Westfale nicht auf sich sitzen lassen. Spätestens 2015 will man die Sachsen abhängen. Danach wird es schwierig. Denn wenn alle richtig arm sind, ist niemand mehr armutsgefährdet. Auf das Thema sprang auch ein ARD-Magazin an und schickte mich als fragenden Mikrofonständer durch die Stadt. Ich schlenderte um den Phönixsee und sprach mit vielen Menschen mit wenig Geld. Das missfiel der Onlineausgabe einer Zeitung. Ich hätte nur die halbe Wahrheit gezeigt, und außerdem gebe es doch die schöne Thier-Galerie. An dieser Stelle leiste ich Abbitte. So wie jeder Bericht über den BVB darauf hinweist, dass in Dortmund auch Damenfeldhockey gespielt wird, hätte ich mehr über den Boutiquenbunker in der Innenstadt berichten müssen. Hier wird das Armutsproblem gelöst. Der Eintritt ist frei. Wer sich nicht auffällig benimmt, kann sich gratis aufwärmen. Und wenn das Geld für die Edelarmbanduhr nicht reicht, gibt es immer noch dieses irische Kaufhaus. In dem kann man sich für praktisch kein Geld einkleiden, und die verräterischen natronbraunen Papiertüten kann man diskret vor den Billigläden in der alten Innenstadt entsorgen. Wirtschaftsminister Philipp Rösler ist beim Weglassen klüger als ich. Aus dem Armutsbericht der Bundesregierung ließ er einfach Passagen streichen, die auf die zunehmende Kluft zwischen Reich und Arm hinwiesen, womit das Problem aus der Welt wäre. Vielleicht sollte ich im Gegenzug die FDP konseMartin Kaysh (Geierabend) quent nicht mehr erwähnen. schreibt jeden Monat in Ich fürchte nur, so einfach geht das nicht.

bodo für die AWO.

Je mehr Mitglieder die AWO hat, desto mehr kann sie in der Gesellschaft bewirken. Desto eher kann sie Menschen helfen, die Hilfe brauchen.

Werden auch Sie Mitglied in der AWO! Unterbezirk Dortmund

Unterbezirk Ruhr-Mitte

Unterbezirk Unna

Klosterstraße 8 -10 44135 Dortmund 0231- 99 340

Bleichstr. 8 44787 Bochum 0234 - 96 47 70

Unnaer Straße 29a 59174 Kamen 02307- 91 22 10

www.awo-ww.de

19


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NETZWELT | von Sebastian Sellhorst

KINOTIPP | von endstation.kino

endstation.kino & bodo präsentieren: Stranger than Fiction Dokumentarfilmfest mit Gästen Bereits zum 6. Mal präsentiert das Endstation Kino im Bahnhof Langendreer in der 2. Januarhälfte das Dokumentarfilmfest Stranger than Fiction; auch diesmal ist der Großteil der Regisseure zum Filmgespräch geladen. Auf dem Programm stehen aktuelle Dokumentarfilme vor allem aus deutscher Produktion – ein Spektrum ganz unterschiedlicher Themen und Formen. Zum Beispiel:

Soziales, Kultur, Politik – Jeden Monat stellt bodo ein Online-Projekt vor, das die Welt ein bisschen besser macht:

www.foodsharing.de Über 80 Kilo Lebensmittel wirft jeder Deutsche durchschnittlich pro Jahr in den

Arbeit Heimat Opel von Ulrike Franke und Mi-

Müll. Mehr als die Hälfte davon wäre noch verwertbar gewesen. Diesem Trend

chael Loeken portraitiert sechs Jugendliche, die

möchte das Projekt foodsharing.de entgegenwirken. Auf der seit einem Monat

2009 ihre Ausbildung zum Industriemechaniker

existierenden Online-Platform können angemeldete Nutzer Nahrungsmittel, die

im Bochumer Opelwerk beginnen – gerade im

sie nicht mehr benötigen, anderen Menschen zu Verfügung stellen. So landet

Zuge der Schließung des Werks in 2016 ein wich-

weniger Essen im Müll und gleichgesinnte Menschen kommen über das Thema

tiger Film. Im Anschluss gibt es ein Filmgespräch.

Lebensmittelverschwendung in Kontakt.

Balkan-Melodie portraitiert den mittlerweile

Hat man selbst zu viele Lebensmittel im Haus, sei es, weil man zu viel ein-

86jährigen Marcel Cellier, der seit über 50 Jah-

gekauft hat, der Kühlschrank vor Urlaubsbeginn noch voll ist oder der eigene

ren durch den Osten Europas reist, um musikali-

Obstbaum mehr Früchte trägt, als man selbst verbraucht, kann man diese auf

sche Perlen zu entdecken.

der Onlineplattform einer sinnvollen Verwendung zuführen. Nach einer kurzen

In Heino Jaeger – Look before you kuck be-

Anmeldung mit Name und E-Mail-Adresse kann man auf dem Portal sogenannte

gibt sich Gerd Kroske auf die Spuren des vor 15

„Essenskörbe“ anlegen. Das sind virtuelle Listen, auf denen man die eigenen

Jahren verstorbenen, vielleicht unbekanntesten

überschüssigen Bestände einträgt. Diese „Essenskörbe“ werden auf einer großen

unter den großen deutschen Komikern: Heino

Karte angezeigt und geben einen Überblick über die Angebote in der eigenen

Jaeger. „Wir haben ihn wohl nicht verdient“,

Nachbarschaft. Mit nur wenigen Klicks können diese angefragt werden. Online

schlussfolgerte Loriot.

wird ein Treffen vereinbart, an dem die Lebensmittel an ihren neuen Verbraucher

Thomas Heises Film Gegenwart zeigt den anstren-

übergeben werden.

genden Alltag zwischen Heiligabend und Neujahr

Ins Leben gerufen wurde das Projekt Anfang 2012 von einer Gruppe engagierter

in einem kleinen Krematorium. Geplant ist ein

Bürger. Mittlerweile kümmert sich ein gemeinnütziger Verein, der gegründet

Gespräch mit dem Kameramann Robert Nickolaus.

wurde, als sich immer mehr Unterstützer für die Idee fanden, um das Projekt.

The Iran Job – Die ungewöhnliche Geschichte

Federführend dabei ist der Journalist und Filmemacher Valentin Thurn, der sich

eines US-Profi-Basketballers in der iranischen

bereits mit seinem Dokumentarfilm „Taste the Waste“ mit dem Thema Lebens-

Liga 2008/09 erzählen Till Schauders und Sara

mittelverschwendung auseinandersetzte. Bei dem Projekt geht es ihm aber

Nodjomi. Im Anschluss ein Filmgespräch.

nicht nur um den unmittelbaren Nutzen, der für alle Teilnehmer entsteht, sondern auch darum, eine Veränderung im Umgang mit Lebensmitteln zu bewirken. „Es geht mit nicht darum, den einen Salatkopf zu retten. Ich möchte einen mentalen Wandel in den Köpfen der Leute in Gang setzen“, beschreibt er seine Motivation. „Ich möchte, dass das Teilen von Essen wieder etwas ganz Normales wird.“ (sese) Valentin Thurn

Where‘s the beer & when do we get paid – die beiden Filmemacherinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier spüren der Frage nach, wie Jimmy Carl Black, legendärer Schlagzeuger der „Mothers of Invention“, in ein kleines bayrisches Dorf kommt. Ab 24.01. Genaue Termine und Uhrzeiten standen bei Redaktionschluss noch nicht fest. Endstation Kino im Bahnhof Langendreer Wallbaumweg 108, 44894 Bochum Tel. 0234 – 68 71 620 | www.endstation-kino.de

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VERANSTALTUNGEN JANUAR 2013 | VERLOSUNGEN | zusammengestellt von Benedikt von Randow

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Jazzfestival Dortmund mit Frank Haunschild & Jiggs Whigham & Ack van Rooyen, The Dangerous Kitchen (Zappa Tribute Band), Big Band der Glen Buschmann Jazz Akademie, Freistil, Soulfood Organ Quartett, Messalla, Lu-Künzer-Quartett und Les Jeunes Bohèmes Am Samstag, den 19. Januar 2013 ab 20 Uhr im Fritz-Henßler-Haus, Dortmund bodo verlost 3 x 2 Karten

Auch diesmal gibt es wieder Karten für tolle Veranstaltungen und Bücher zu gewinnen. Senden Sie uns eine Email mit dem Betreff „bodo-Verlosung“ und der Angabe Ihres Wunschgewinns an: redaktion@bodoev.de Oder schicken Sie uns eine frankierte Postkarte mit Ihrem Wunsch, Absender und Telefonnummer an: bodo e.V., Schwanenwall 36 – 38, 44135 Dortmund Unter allen Emails und eingesandten Postkarten entscheidet das Losverfahren. Alle Gewinner werden rechtzeitig telefonisch oder per Email benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Einsendeschluss für Veranstaltungen ist jeweils zwei Werktage vor dem Termin. Einsendeschluss für terminunabhängige Verlosungen ist der 25.01.2013 18.01. | Get Well Soon | FZW, Dortmund | 2 x 2 Karten 19.01. | Jazzfestival Dortmund | Fritz-Henßler-Haus, Dortmund | 3 x 2 Karten 26.01. | Andrea Badey | Bahnhof Langendreer, Bochum | 3 x 2 Karten 29.01. | The 69 Eyes | Zeche, Bochum | 3 x 2 Karten ab 24.01. | Stranger than Fiction – Dokumentarfilmfest mit Gästen | endstation.kino, Bochum | 1 x 2 Karten Schwingungen. Dortmund – Die Musikstadt | Stefan Keim, Didi Stahlschmidt | 3 Exemplare Kugelpudel | Dibergstraße 2 | 44789 Bochum | 2 Überraschungs-Eisbecher Viel Glück, wünscht Ihr bodo-Team!

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22 VERANSTALTUNGEN JANUAR 2013

DO 03 | 01 – DI 12 | 02 | 13 Comedy-Karneval | Geierabend 2013 Zombies auf Zeche! So ein skurriles Szenario können nur die Anarcho-Karnevalisten vom alternativen Ruhrpott-Karneval Geierabend entwerfen.

03 | 01 – 12 | 02 | 13 Geierabend 2013

03 | 01 | 13 Der Kontrabass

FR 04 | 01 | 13

nen 12 Monate. Dieses Mal dabei u.a. Kristian Kokol,

Unter dem Motto „Ein Zombie hing am Förderseil“ versetzen die Geier vom 27. Dezember bis zum 12. Februar an 36 Abenden die Zeche Zollern in Ausnahmezustand. Das brandneue Drei-Stunden-Programm verspricht ein humorgeladenes Spektakel aus Comedy, Kabarett,

Führung | Mit der Taschenlampe durch die DASA

Don Clarke ist ein ‚Natural Born Comedian’. Der in

Musik und kohlenschwarzem Ruhrpott-Humor. „Ein

Angeknipst und mitgemacht bei der DASA-Taschen-

Hamburg beheimatete Engländer verzweifelt nach 30

echter Ruhri, der ist ja nicht kaputtzukriegen. Wenn's

lampenführung. Das Format kombiniert eine „klassi-

Jahren immer noch an den Eigenheiten der deutschen

sein muss, klettert der auch noch als Zombie aus dem

sche“ Führung mit Entdeckerfreude. Ausstellungsob-

Sprache. Deutsch als Fremdsprache ist wiederum ein

Schacht.“ Freuen dürfen sich die Zuschauer auf lieb

jekte erscheinen in anderem Licht, verborgene Ecken

Spezialgebiet von Frank Fischer. Allerdings kennt sich

gewonnene Bühnen-Bekannte: die Kellnerinnen Lilli

stehen plötzlich im Mittelpunkt, und ganz von selbst

der bekennende Hypochonder noch mehr mit Phobi-

und Lotti lassen ebenso Dampf ab wie die AWO-Op-

erschließen sich neue Perspektiven auf die DASA. Eine

en aus. Den musikalischen Schnittchen-Belag liefert

pas oder die Vorstadt-Philosophen Siegfried & Roy.

Anmeldung ist erforderlich.

das Trio Wildes Holz. Ihre Mission: Die Befreiung der

Nicht fehlen dürfen „Die Zwei vonne Südtribüne“, die

DASA, Dortmund, 20 Uhr (auch 19.01.)

Blockflöte vom schäbigen Ruf eines Kinderspielzeugs.

Nordstadt-FDP in Gestalt des Politiker-Pärchens Udo & Moni oder Joachim Schlendersack. Dabei gibt es auch ein Wiedersehen mit dem beliebten Schnöttentroper Männerchor. Neu im Team ist „der Hauer“, zum Leben

Flottmann-Hallen, Herne, 20 Uhr

SA 05 | 01 | 13 Party | Neujahrs-Sause

FR 11 | 01 | 13 Theater | Nach Einlass kein Beginn

erweckt durch den Hertener Kabarettisten Benedikt

Für alle, die zu Silvester nicht feiern konnten, weg wa-

Hahn.

ren, auf Heimaturlaub sind oder einfach das Bedürfnis

Schon bei ihrer ersten Begegnung im Schauspielhaus

Zeche Zollern II/IV, Dortmund, jeweils 19.30 Uhr

haben, weiter zu feiern, startet die Cosmotopia-Crew

Bochum erkannten Marco Massafra und Maximilian

auch 2013 mit einer großen „Neujahrs-Sause“ in das

Strestik, ohne auch nur ein einziges Wort auf der

Jahr. DJ Martini und das Funk Fatal Team versprechen

Bühne getauscht zu haben, das schier unerschöpfli-

einen wilden Teppichtanz in der Dortmunder Groß-

che Potenzial ihrer komödiantischen Symbiose. Und

marktschänke und wollen eine Rakete aus 60ties &

nun – nach Jahren getrennten Theaterschaffens – ist

Geschlossen wird die Ehe der Maria Braun 1943, schon

70ties Funk, Soul, Disco, Swing, Pop Legends und

es endlich soweit: Ein Schweizer Aristokrat (Massa-

am nächsten Tag muss ihr Mann wieder an die Front.

Breakbeats zünden.

fra) und ein Pottprolet (Strestik) wagen sich an di-

Sie währt länger als vermutet, doch zusammen leben

Cosmotopia, Dortmund, 22 Uhr

verse Duoszenen berühmter und weniger berühmter

DO 03 | 01 | 13 Theater | Die Ehe der Maria Braun

werden die beiden Eheleute nie. Hermann Braun kehrt nicht aus dem Krieg zurück. So nimmt Maria ihr Leben selbst in die Hand. Sie fordert ihren Anteil am Wirtschaftswunder, arbeitet dafür mit allen Mitteln,

Komikerpärchen wie Rosenkranz & Güldenstern, Barry

DI 08 | 01 | 13 Kunst und Kultur | Salongeschichten

Derril & Darry Berril (aus O'Caseys „Das Ende vom Anfang"), Abbot & Costello, etc. Rottstr 5 Theater, Bochum, 19.30 Uhr

auch mit den Waffen der Frau. Als Hermann doch

Die Teilnehmer erwartet ein Rundgang durch die Aus-

überraschend zurückkehrt und sie mit einem amerika-

stellung „Altpapier meisterhaft“. 1909 schenkte der

nischen Soldaten im Bett erwischt, erschlägt sie ih-

Stadtrat und „Großkaufmann“ Gustav Wiskott dem

„Ein Bauch ist schon mal ein Ansatz“, so lautet das Mot-

ren Liebhaber. Ins Gefängnis wandert dafür ihr Mann.

Museum der Stadt Dortmund eine 1.640 Blatt um-

to von Volker Diefes in seinem „OneManShowKabarett“.

Rainer Werner Fassbinder gelingt es, die Geschichte

fassende Kupferstichsammlung des Malers Engelbert

Diefes singt und spielt mit Inbrunst und zeigt, dass gro-

der frühen Bundesrepublik und ihren Gründungsmy-

Seibertz (1813–1905). Die Arbeiten aus dem 16. bis

ße Gefühle auch im Kabarett und in der Comedy möglich

thos in einer einzigen Frauenfigur auf den Punkt zu

18. Jahrhundert zeigen vorwiegend Werke der italie-

sind. Er setzt Bierbäuche gegen Abnehmwahn, Rauch-

bringen: Maria Braun ist nicht nur „die Mata Hari des

nischen, niederländischen, deutschen und französi-

verbote gegen Lebensfreude und griffige Wortwitze ge-

Wirtschaftswunders“, wie sie sagt, sie ist das Wirt-

schen Schulen. Diese Sammlung liegt seit über 100

gen mediale Bildersintfluten. Dabei bewegt sich Diefes

schaftswunder selbst.

Jahren geschützt in den Schränken der Graphischen

genau an der Grenze zum Mainstream und schlägt ihn mit

Kammerspiele, Bochum, 19.30 Uhr (auch 20.01.)

Sammlung des Museums und wird zum ersten Mal in

seinen eigenen Waffen. Im Zentrum stehen seine eige-

einer großen Ausstellung gezeigt. Eine Anmeldung

nen Songs mit Ohrwurmcharakter. Ein Abend zwischen

ist erforderlich.

Eckkneipe und Großraum-Comedy, zwischen hustenden

Mit dem furiosen Monolog eines Kontrabassisten

Museum für Kunst und Kulturgeschichte,

Regenwürmern und Barack Obama; sehen Sie Diefes

schrieb Patrick Süskind, der mit „Das Parfüm“ weltbe-

Dortmund, 14.30 Uhr

Schau gegen Abnehmwahn und Diätenerhöhung.

Theater | Der Kontrabass

rühmt wurde, seinen einzigen Theatertext: Allein in seinem Musikzimmer sinniert und flucht der namenlose Orchesterbeamte über sich, seine Arbeit, die Liebe – und vor allem über sein Leben mit dem größten aller

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ein junger Freak, der die Welt mit anderen Augen sieht.

Kleinkunst | Volker Diefes

Zauberkasten, Bochum, 20.30 Uhr

MI 09 | 01 | 13 Kleinkunst | Nachtschnittchen

SA 12 | 01 | 13 Theater | Moby Dick

Streichinstrumente. Ein Soloabend von Ensemblemit-

Alle Jahre wieder lädt Initiator und Moderator Helmut

glied Roland Riebeling.

Sanftenschneider im Januar zum Stelldichein seiner

Ein Meister-Roman, den jeder kennt? Nicht wirklich.

Theater Unten, Bochum, 19.30 Uhr (auch 20.01.)

persönlichen Favoriten aus den Shows der vergange-

Den Titel schon. Die ein oder andere Verfilmung ja.


11 | 01 | 13 Nach Einlass kein Beginn

12 | 01 | 13 La Cantina Adrenalina

16 | 01 | 13 C. Heiland

Den weißen Wal – klar, und Kapitän Ahab, der mit

begleitet wird sie dabei vom duo aciano (Sandra Wil-

wie einer von KISS. Letzendlich war meine Frisur ein

dem Holzbein. Und dann ist da noch dieser Kannibale

helms, Gitarre, und Freya Deiting, Geige). Lavinia Kor-

lausiger Kompromiss aus beidem.“ Moses W. liest

mit einem Schrumpfkopf. Wie bei vielen Klassikern

tes Metier sind Texte, die Suche ausdrücken, „nach der

Auszüge aus seinem Buch „Das rockt! – Bekennt-

stellt sich heraus, dass der eigentliche Roman un-

Welt in mir, nach den Welten in jedem von uns, nach

nisse eines Heavy Metal Fans“. Die Geschichte eines

bekannt ist. Bei Moby Dick gilt dies verstärkt. Die

Begegnung dieser Welten, nach Worten, die Begegnung

Hard Rock Fans auf seiner Odyssee, sich selber, seine

Protagonisten haben das gleiche Problem. Abenteu-

ermöglichen“. Im Jahr 2010 stand sie dabei erstmals

Musik und den Rest der Welt in einen harmonischen

erlustig stürzen sie sich in die Erzählung und erzäh-

mit dem duo aciano auf einer Bühne. Eine Koopera-

Dreiklang zu bringen. Dazu gibt es ein Potpourri aus

len dadurch etwas über das Erzählen. Indem sie Moby

tion, aus der sich bald ein festes Programm ergeben

Kino- und Filmkritiken und akustische Live-Musik.

Dick auf der Bühne durchleben, reißen sie das Publi-

sollte. Geige, Gitarre und Literatur setzten zu einem

Der Eintritt ist frei.

kum mit – mitsamt allen Fragmenten der Geschichte

musikalisch-lyrischen Dialog an und ließen keine Seite

Biercafe, Bochum, 20 Uhr

und den großen Erwartungen.

der menschlichen Emotionen unberührt.

Theater im Depot, Dortmund, 20 Uhr

Sissikingkong, Dortmund, 20 Uhr

Kleinkunst | C. Heiland C. Heiland hat neben brillianten Texten, einer aufre-

Theater | Regenschauer – Wie ich starb Der lebensmüde Ephraim begegnet, als er Selbstmord begehen will, dem mysteriösen Gent. Dieser überre-

MI 16 | 01 | 13 Kleinkunst | Moses W.

genden Stimme, Melancholie und aller Boshaftigkeit den Humor, den das Musikbusiness seit langem braucht. Seine Band, das „Heidelberger Daumenorchester“, be-

det jenen, noch eine letzte Reise zu unternehmen. So

„Meine Mutter wollte immer einen kleinen David Has-

steht aus Sir Toby (Flöten, Tasten, Saxofone), Hörliver

ziehen beide gemeinsam durch das Land und treffen

selhoff haben, ich persönlich wollte lieber aussehen

van der Eem (versucht sich am Bass) und Drumbert Del-

die verschiedensten Menschen mitsamt ihren SchickANZEIGE

salen: Da wären die unnahbare Myri, der von Selbstzweifeln zerfressene Tom, die durch das Leben hetzende Helene und der unscheinbare John. Einem jeden versucht Ephraim zu helfen, und dabei streift er ihre Leben wie ein Schatten, der Spuren hinterlässt. Und so versammeln sich alle Menschen, deren Herzen er berührt hat, um Abschied zu nehmen. MZ der Ruhr-Uni, Bochum, 19.30 Uhr (auch 13.01.) Theater – La Cantina Adrenalina Der alltägliche Wahnsinn zwischen Probe und Premiere, Abgrund und Adrenalin, Bühnen-Euphorie und Garderoben-Einsamkeit, zwischen rauschhaftem Erfolg, der Theatergeschichte schreibt, und Theatergeschichten, die die Welt bedeuten – von diesem alltäglichen Wahnsinn lässt sich nicht sprechen, von ihm muss man singen: Ein Abend mit Musik, der vom Theater handelt – also vom Leben selbst. „Szene und Musik wirken an mehreren Stellen famos zusammen. Ein Höhepunkt: Das Ensemble entwickelt Heinz Erhardts „Wenn ich einmal traurig bin“ zu einer Kernszene des Hamlet. Deutscher Schlager-Humor trifft Dada – es bringt den Mut dieser Musik-Revue auf den Punkt.“ (Ruhrnachrichten) Schauspielhaus, Dortmund, 19.30 Uhr (auch 25.01.)

DI 15 | 01 | 13

re i enf 4 t s 4 ko fo s 5 4 4 0 0 e n I . Alle 0800 w21.d e er unt www.d r ode

Lesung · Musik | Lavinia Korte und duo aciano Poesie trifft Musik, beim musikalisch-literarischen Abend „Schattentango“. Auf dem Programm stehen neue Texte der Dortmunder Autorin Lavinia Korte,

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24 VERANSTALTUNGEN JANUAR 2013

gardo (Schlagzeug). Manchmal versucht auch noch einer, Gitarre zu spielen. Beherrschte C. Heiland nicht auch noch Omnichord, Akkordeon, sprechende Stofftiere und falsche Orgel, würde man von einer absoluten Unverschämtheit sprechen können. Und wenn man sich mal kurz erholen muss vom Gip-

19 | 01 | 13 Schwanensee

19 | 01 | 13 Trovaci feat. Dr. Ring Ding

fel der Unvollkommenheit, beginnt der Heiland, dem Publikum seine Gedichte und Geschichten vorzulesen. Sein aktuelles Programm heißt – nomen est omen –

Theater | Hypergamie – Ich heirate einen Krüppel

Lese-Show | Sträter & Gäste: Ruhrpott meets Hollywood

„Scheiße, ist das schön“.

Andersfähig, besonders, benachteiligt, physisch ge-

Der Dortmunder Autor, Slam-Poet und Bühnenzyniker

Zauberkasten, Bochum, 20.30 Uhr

fordert – schnarch. Es gibt Unworte, die bringen Men-

Torsten Sträter präsentiert seine zweite Ruhrpott-

schen mit Beeinträchtigung auf die sprichwörtliche

Hollywood-Lese-Show. Das Konzept: Bekannte Ruhr-

DO 17 | 01 | 13

Palme. Eine körperlich beeinträchtigte Frau und ein

gebietsgesichter und -stimmen treffen auf promi-

nicht behinderter Mann feiern mit den (Zuschauer-)

nente (Überraschungs-)Künstler des gesprochenen

Musik-Revue | Nachttankstelle

Gästen ihre Hochzeitsfeier mit echtem, interaktivem

Wortes. Vorgetragen werden überwiegend lustige

Die Tankstelle um die Ecke ist der Ort, an dem sich

Hochzeitsbuffet. Die Gäste erhalten Behinderungen

Texte, aus dem Kontext gerissene Kinderbücher und

die Nachtschwärmer treffen. Und es ist ein besonde-

auf Zeit (freiwillige Teilnahme). Mit auffallenden

neue Hollywoodinterpretationen. O-Ton des Künst-

rer Abend, der da allerlei Volk – in diesem Fall die

Prothesen werden sie selbst zu Menschen mit Be-

lers: „Die Sau wird auf hohem Niveau rausgelassen“.

Punkerin, den arbeitslosen Seemann, den Philoso-

einträchtigungen und erfahren die Einschnitte im

Gastgeber Sträter ist Autor, Zyniker, preisgekrönter

phieprofessor, den jungen Rapper, die aus dem Au-

direkten Versuch. Das Brautpaar eröffnet den Tanz,

Slam-Poet. Sein aktuelles Buch „Der David ist dem

gustinum entlaufene Seniorin samt der sie suchenden

Hochzeitsspiele und Brautklau, emotionale wie lusti-

Goliath sein Tod“ wurde bei WDR 2 zum witzigsten

polnischen Altenpflegerin, den Betrunkenen von der

ge Reden über das Paar, der Anschnitt der Torte, das

Buch des Jahres 2011 gekürt.

Weihnachtsmannvermittlung, die Prostituierte, die

Hochzeitsessen und die anschließende Party werden

domicil, Dortmund, 20 Uhr

Investment-Bankerin oder gar einen Eisbär – in ihrer

zu kleinen Herausforderung und fördern Verständnis

Tristesse vereint: der Heilige Abend. Zeit, einzukeh-

durch Selbsterfahrung.

ren, das Jahr Revue passieren zu lassen. Selten sind

Hochschule für Gesundheit, Bochum, 19.30 Uhr

Vier Ex-Jugos, 15 Jahre Exil in Deutschland, kombi-

die Menschen in ihren Gefühlen so ungeschützt wie

(auch 19.01., im Hardys, Bochum)

niert mit treibendem Balkan-Ska-Reggae-Punk er-

in diesen Stunden. Die alten Rituale helfen da über manche Verwirrung hinweg. Fletch Bizzel, Dortmund, 20 Uhr (auch 18. & 19.01., 20 Uhr und 20.01., 18 Uhr)

geben nicht nur eine exzellente Liveband, sondern

SA 19 | 01 | 13 BODO VERLOSUNG | Jazzfestival Dortmund

stehen auch für selbstironische und sympathischschlitzohrige Texte auf serbisch und deutsch. Seit 2003 wirft die Düsseldorfer Combo einen einzigarti-

Auf ein Neues: Das Jazzfestival der Technischen Uni-

gen „balkanisierten“ Blick auf den deutschen Alltag,

versität Dortmund in Kooperation mit dem Fritz-

auf Gastarbeiterklischees und Herzschmerz-Themen.

Henßler-Haus und der Musikschule

„Geballte balkanesische Live-Energie – nicht quat-

Dortmund läuft wieder an: mit sechs

schen – tanzen!“ (Asphalt-Festival) Auf der anschlie-

Im August erschien das dritte Album von Konstantin

bekannteren Jazzbands (Frank Haun-

ßenden

Gropper, besser bekannt als Get Well Soon. Es hört

schild, Jiggs Whigham und Ack van

Band-Frontmann Danko Rabrenovic aka „Der Balkani-

auf den knackigen Namen

Rooyen im Studio, die Zappa Tribu-

zer“ als DJ noch den Anheizer geben. Der Eintritt zur

„The Scarlet Beast O'Seven

te Band The Dangerous Kitchen im

Party ist für Konzertbesucher frei.

Heads – La Bestia Scarlat-

Gartensaal, die Big Band der Glen

Bahnhof Langendreer, Bochum, 21 Uhr

FR 18 | 01 | 13 BODO VERLOSUNG | Get Well Soon

24

Musik | Trovaci feat. Dr. Ring Ding

Globalibre/Afrikanista/Balkan-Party

wird

ta Con Sette Teste“ und ist

Buschmann Jazz Akademie im Studio,

ganz der großen Kunst der

Freistil im Gartensaal, das Soulfood Organ Quartett im

Cinematographie bzw. der

Café und Messalla im Studio), einer Band aus Dortmund

Wie viele Träume von einer Ballettkarriere dieses Werk

italienischen Variante davon gewidmet. Dass Gropper,

(das Lu/Künzer-Quartett,) die ausgelost wurde, und ei-

schon gestiftet, wie viele Karrieren der Tanzkunst

der in den letzten Jahren ein gefühltes Dutzend Filme

ner achten Band (Les Jeunes Bohèmes), bestehend aus

„Schwanensee“ begründet und wie viele Laufbahnen

vertont hat und eine komplette TV-Serie in Frankreich

Dortmunder Musikstudenten. Der Top-Act des Abends

zerstört hat, bleibt für immer ungezählt. Für jeden

mit Musik ausgestattet hat, dass dieser Künstler nun

ist bestimmt der Auftritt des Trios um den Niederlän-

Choreographen stellt er eine faszinierende Heraus-

sein filmischstes Album ever aufgenommen hat, ist also

der Ack van Rooyen mit Jiggs Whigham und dem Köl-

forderung dar und verlangt jedem Tänzer körperliche

nur konsequent. Doch tatsächlich, man ahnt es bereits,

ner Jazzgitarristen Frank Haunschild. Ack van Rooyen

und darstellerische Höchstleistungen ab. Mit seiner

geht es um weitaus mehr. Gropper reibt sich am Welt-

ist bekannt aus dem legendären United Jazz and Rock

Choreographie von Schwanensee (2004) wies Ballett-

untergangs- und Krisengedöns, stürzt sich mit Roland

Ensemble, und Jiggs Wigham begann seine Karriere im

direktor Xin Peng Wang in atmosphärisch dichten Bil-

Emmerich voller Wagemut in den Abgrund, singt sich

Glenn Miller Orchestra und der Stan Kenton Big Band.

dern und durch eine beeindruckende Tanzsprache dem

selber Mut zu, arbeitet sich durch das 13.000 Seiten

Weiterhin nehmen folgende Bands am Jazzfestival teil:

Ballett Dortmund jene künstlerische Richtung, die

Werk von Henry Darger und rechnet im Rundumschlag

Die Frank Zappa-Tribute-Band The dangerous kitchen,

mittlerweile überregional große Beachtung gefunden

mit Esoterik, Selbsthilfe, Lebens-Coaching und Kris-

Freistil, Soulfood, Messalla und die Big Band der Glen

hat. Nun nähert er sich abermals diesem magischen

tallschädeln ab. Da kommt was auf uns zu.

Buschmann-Jazzakademie und der TU Dortmund.

Werk. „Zehn Minuten stehende Ovationen genossen

FZW, Dortmund, 20 Uhr

Fritz-Henßler-Haus, Dortmund, 20 Uhr

die exzellent trainierten Tänzer und Wangs Team nach

bodo verlost 2 x 2 Karten.

bodo verlost 3 x 2 Karten.

zweieinhalb Stunden hoher Danse d’Ecole.“ (WAZ/WR)

Teilnahmebedingungen auf Seite 21.

Teilnahmebedingungen auf Seite 21.

Opernhaus, Dortmund, 19.30 Uhr

Ballett | Schwanensee


20 | 01 | 13 Addys Mercedes

21 | 01 | 13 Vinyl-Café

22 | 01 | 13 Tryo

SO 20 | 01 | 13

DI 22 | 01 | 13

bleibt dann trotz allen möglichen anderen musikali-

Musik | Addys Mercedes

schen Einflüssen die Hauptantriebsfeder. Stets auf der

Musik | Tryo

Suche nach erneuerbarer kreativer Energie wandern

Die aus Kuba stammende Sängerin und Songwriter-

Tryo sind in Frankreich längst eine lebende Legen-

sie wie Globetrotter mit offenen Augen und offenem

in Addys Mercedes, mittlerweile mit Wahl-Wohnsitz

de. Und zwar eine höchst lebendige. Und mit ihrem

Herzen durch die Welt der Musik, während ihre Texte

Ruhrgebiet, steht für kubanische Musik mit traditi-

neuen Album „Ladilafé“ an Bord gehen sie nun auch

gleichzeitig fest verankert in ihrem Glauben an Hinga-

onellen Einflüssen, irgendwo zwischen Pop und Welt-

endlich in Deutschland auf Tour. Dabei steckt hinter

be und soziales Miteinander bleiben.

musik. Addys warme Stimme schlägt die Brücke zwi-

ihren smoothen, meist akustischen Reggae-Songs oft

Bahnhof Langendreer, Bochum, 20 Uhr

schen kubanischer Tradition und Indiepop, sie gilt als

keine simple, leichtverdauliche Message: Es geht um

Europas renommierteste kubanische Stimme. Auftrit-

Politik, um die eigenen Werte, um das Recht, anders

te mit Eric Clapton, Bob Geldorf, Juan Luis und Ringo

zu sein, und vor allem und immer wieder um Umwelt-

Starr, belegen dies.

schutz. Tryo kooperieren u.a. eng mit Greenpeace bei

domicil, Dortmund, 20 Uhr

diversen Projekten, und die Umweltorganisation wird

Die „Vereinigte Umwelt“ will die Weltherrschaft

auch ihre Europatour präsentieren. Aber auch musika-

übernehmen. Zu diesem Zweck stehlen der Joker, der

lisch haben Tryo Sinn für Nachhaltigkeit: Von Anfang

Pinguin, der Rätselknacker und das Katzenweib eine

an konzentrierte die Band sich nicht einzig und allein

Erfindung, mit deren Hilfe sie die gesamte Mensch-

auf den fossilen Brennstoff namens Reggae. Dieser

heit pulverisieren könnten. Nur zwei sind in der

MO 21 | 01 | 13 Vortrag | Warum Hellas der Retter Europas ist

MI 23 | 01 | 13 Theater | Batman hält die Welt in Atem

Krisennachrichten aus Griechenland und kein Ende? Warum Hellas eigentlich der Retter Europas ist, darüber referiert der Europaabgeordnete Jorgo Chatzi-

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markakis. In seinem Vortrag wird Jorgo Chatzimarkakis darstellen, wie die antike Kultur der Hellenen einst Europa erst möglich machte und warum hellenische Werte wie Freiheit, Selbstgenügsamkeit und direkte Demokratie noch immer bei der Lösung der heutigen Probleme helfen könnten. Chatzimarkakis fordert eine Besinnung auf Selbstgenügsamkeit und Nachhaltigkeit in der Politik, um Europa, aber auch Griechenland fit für das 21. Jh. zu machen. Der Eintritt ist frei. Auslandsgesellschaft NRW e.V., Dortmund, 20 Uhr Lesung · Musik · Lounge | Vinyl-Café Live-Magazin mit Menschen, Musik und Geschichten Ab Januar gibt‘s also nun jeden dritten Montag im Monat veranstaltet vom Endstation Kino und dem Bochumer Plattenladen DISCover das Vinyl-Café, ein

Wir sind in jedem Vorort

zu Hause

Live-Magazin mit Musik. Die Gäste sind eingeladen, eigene Platten zum jeweiligen Thema und ihre Ge-

Verbindungen • zahlreiche NachtExpress-Netz • dichtes • zentrale Anschlussmöglichkeiten

schichten dazu mitzubringen. Gespräche und Musik werden ergänzt durch Live-Akustik-Sets, Rezensionen, Musikfilme, Lyrik und alles Denk- und Undenkbare, das mit Musik zu tun hat. Als erster Gast, passend zum Thema „Speisen & Getränke in der Musik“, ist der Bochumer Kulturjournalist und Gastrokritiker Tom Thelen eingeladen. Der Eintritt ist frei. Endstation Kino Café, Bochum, 20 Uhr,

Weitere Infos: www.bus-und-bahn.de Mobiles Internet: bub.mobi

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22.10.12 09:20

25


26 VERANSTALTUNGEN JANUAR 2013

Lage diesen düsteren Plan zu stoppen: Batman und Robin! Doch auch die Gegner wissen, was es heißt, wenn das Rächer-Duo ins Spiel kommt, und so locken sie die beiden heimtückisch in eine Falle. Wird es den beiden Fledermaus-Hel23 | 01 | 13 Jennifer Rostock

23 | 01 | 13 Batman hält die Welt in Atem

aus der Reihe „Dynamische Duos“.

ka, Tango und Gypsy, macht aber vor allem Stücke, die

Rottstr 5 Theater, Bochum, 19.30 Uhr

grooven, mitreißen und ins Blut gehen.

SO 27 | 01 | 13

den gelingen, das skrupellose Verbrechersyndikat rechtzeitig auszutricksen, um so die Welt vor der drohenden Katastrophe zu retten? Ein Live-Hörspiel

subrosa, Dortmund, 19 Uhr Frank Lüdecke gehört zu jenen politischen Kabarettisten, die „bitterböse und gleichzeitig unendlich charmant beweisen, dass man den Spagat zwischen intel-

SA 26 | 01 | 13 BODO VERLOSUNG | Andrea Badey

Als die Deutschen im März 1944 Ungarn besetzten, floh der 11jährige György Konrád nach Budapest und tauchte unter. Aber auch, wer entkam, ist nicht ent-

lektuellem Witz und bester Unterhaltung glänzend

Andrea Badey, die Kabarett-Lady aus Oberhausen und

kommen: „Wichtigster Orientierungspunkt meines

meistern kann.“ (Internetkabarettpreis Zeck). In sei-

kabarettistische Frauenbeauftragte in Sachen Lebens-

Denkens ist eine polnische Kleinstadt, die das Rei-

nem brandneuen Programm untersucht er die Vorzüge

komik, zerpflückt in ihrem neuen Pro-

seziel meiner Schulkameraden aus der Grundschule

egoistischer Selbstbedienung und die Gegenmodelle:

gramm „Wer mit sich selbst fremd geht,

geworden war.“ schreibt Konrád in seinem jüngsten

Von Jesus Christus über Robin Hood zu Bill Gates und

bleibt sich treu“ mit Charme, Witz und

Werk, 2012 erschienen: „Zufällig bin ich nicht dort-

Hartz IV. Mit wohlkalkulierter Präzision philosophiert

beherzten Liedern die Tiefgründe un-

hin gelangt. Die anderen dagegen entsprechend dem

er sich hinauf zu den Grundsatzfragen menschlichen

seres menschlichen und gesellschaftli-

Lauf der Dinge sehr wohl. In Oswieczim, zu deutsch

Zusammenlebens. Ein Soloprogramm mit aktuellen

chen Daseins. Kabarettistisch, poetisch

Auschwitz, hätte ich vernichtet werden sollen. Das

satirischen Abschweifungen zur Lobbyisten-Demo-

und urkomisch geht Badey mit uns und

Unglück, dass meine Eltern vor der Deportation ver-

kratie, glückselig machenden Bindungshormonen und

mit sich selbst fremd und bleibt sich

haftet worden waren, erwies sich als unser lebensret-

desillusionierten Nasszellendesignern aus Mecklen-

doch immer treu. „Wie Andrea Badey ihre Geschichten

tendes Glück. Sie wurden nach Österreich gebracht,

burg. Und mit Musik.

erzählt, das ist einfach umwerfend. Frech. Dann wieder

entkamen dem Todeslager, kehrten heim. Wir waren

Flottmann-Hallen, Herne, 20 Uhr

in einem Lied, leise zärtlich. Nur, um im gleichen Moment

die einzige intakt gebliebene jüdische Familie der

wieder die ganz großen Saiten anzuschlagen. Wenn böse

Kleinstadt. Du lebst statt der anderen, das sagte mir

Mädchen in den Himmel und gute nirgendwo hinkommen,

in meiner Kleinstadt ein Jude, dessen Frau und zwei

Mit einer Live-DVD hatte die Band Jennifer Rostock

wohin kommt dann eigentlich ,die Badey‘?“ (Westfäli-

Kinder verbrannt worden waren. Im Februar 1945 sag-

gerade erstaunlicherweise ihren höchsten Chart-Ent-

sche Rundschau) „Die Lady aus dem Ruhrpott schleift

te er das, kurz vor meinem zwölften Geburtstag. Diese

ry. Die Quintessenz aus dem Erfolg von „Live in Ber-

Kohle zu Diamanten.“ (Süddeutsche Zeitung)

Feststellung klang wie ein Urteil.“

lin“: Die Band muss wohl dringend wieder auf Tour.

Bahnhof Langendreer, Bochum, 20 Uhr

Christuskirche, Dortmund, 17 Uhr

Bevor man sich ins lärmende Kämmerlein zurück-

bodo verlost 3 x 2 Karten.

zieht, um am Material für die neue Platte zu schrau-

Teilnahmebedingungen auf Seite 21.

Musik | Jennifer Rostock

noch eine abschließende Klassenfahrt mit Pauken,

Theater | FischBAR – Gib mir das Teil FischBAR ist ein völlig ungewisser Theaterabend mit

ben, gibt es zum Abschied in die Frühjahrspause Musik | Compania Bataclan

einem gewissen Herrn Hecht. Alles, was er braucht,

Trompeten, Konfetti, jeder Menge Gäste und ganz

Wer kennt sie mittlerweile nicht, die Compania Bata-

ist ein Objekt, ein Gegenstand, welches das Publikum,

bestimmt ohne Lloret de Mar. Doch abgesehen von

clan aus der Metropole Ruhrgebiet? Über ihr bekanntes

mitbringt. Aus dem „Teil“, welches er vor der Vor-

Klassikern im neuen Gewand und dem standardgemä-

weltmusikalisches Repertoire hinaus wurde ein Hörspiel

stellung erhält, lässt er etwas ganz Neues entstehen

ßen Entertainmentwahnsinn soll die „*_* Tour 2013“

namens „Planeta Autonomia“, welches den Focus auf

und es verwandeln. So wird der Gegenstand der Aus-

alles jemals Dargebotente übertreffen. Mit zusätz-

eine gesellschaftliche Utopie richtet, uraufgeführt.

gangspunkt von plötzlich beginnenden Geschichten,

lich zwei glühenden Newcomerbands (Aufbau West

Tanzeinlagen bei „Sonsonet“, einem afrikanischen,

Situationen und Begegnungen. Niemand weiß, was als

& Heisskalt), die nicht nur das übliche Anheizerpro-

rhythmusbetonten und percussiven Track, fanden

nächstes geschehen wird, wie es enden wird und ob

gramm bestreiten werden, und einem DJ (Amokko-

gleichwohl Zuneigung und Applaus. Die Compania Ba-

es gelingen wird.

ma), der die sonst so tristen Umbaupausen in tanz-

taclan ist eine siebenköpfige Band aus Bochum, Witten,

Theater im Depot, Dortmund, 19 Uhr

beinzermarternde Elektrogewitter verwandelt.

Dortmund, Fröndenberg, Wuppertal. Ihre musikalische

FZW, Dortmund, 20 Uhr

Vielseitigkeit verbindet sich mit politischem Anspruch. Texte aus eigener Feder oder von Brecht/Weill werden

DO 24 | 01 | 13

mit unterschiedlichsten Mixturen unterlegt. Heraus

MO 28 | 01 | 13 Jugendtheater | Lumpenpott

kommt ein spannender Soundclash; ob Balkan-Klezmer,

Herrmann, genannt Lumpenpott, lebt davon, dass er

französische Musette, Reggae oder Ska – die Compania

mit seinem Karren durch´s Ruhrgebiet zieht, Lumpen

Herr Meier singt unter dem hochoffiziellen Siegel „Ruhr-

tanzt auf vielen musikalischen Hochzeiten - frei nach

und Trödel sammelt und verkauft. Manches behält

Rock-Gypsy-Pop“ frisch von der Leber weg über Gott

dem Motto der amerikanischen Anarchistin Emma Gold-

er aber auch, Stücke mit Geschichte. Geschichten

und die Welt: Ruhrpottcowboys, Telefone, Schwarzfah-

man „Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine

von denen, die damals mitgemacht, angezettelt,

rerinnen, Fußballvereine und auch das miese Wetter.

Revolution.“ Special Guest: Leonie.

weggehört, an- und brandgestiftet haben. Aber

Die Dortmunder Band experimentiert gern mal mit Pol-

Maschinchen Buntes, Witten, 20 Uhr

auch von denen, die verschwunden sind, verfolgt

Musik | Herr Meier

26

Vortrag | György Konrád: Zum Tag der Befreiung von Auschwitz

Kabarett | Frank Lüdecke


27 | 01 | 13 FischBAR

30 | 01 | 13 Alex Clare

und verschleppt wurden – damals, als die rote Ruhr

Konzerte von Alex Clare brennen. Im Januar spielt er

kackbraun war. Ausgehend von authentischen Er-

insgesamt fünf Shows hierzulande, im Rahmen derer

Adressen | Bochum (0234)

innerungsstücken werden signifikante und ganz

wird Alex Clare sein Album „The Lateness Of The Hour“

Bahnhof Langendreer, Wallbaumweg 108, 687 16 10

alltägliche Charaktere wieder lebendig, zeigen den

live präsentieren. Der Longplayer beinhaltet eine Mi-

Christuskirche, An der Christuskirche 1, 338 74 62

Nationalsozialismus und seine menschenverachten-

schung aus Blues, Jazz und Soul, gemischt mit Dubs-

den Mechanismen in individuellen Schicksalen. Ein

tep, und wer das Album einmal gehört hat, wird nur

Theaterstück für Menschen ab 14 Jahren.

noch eines wollen: diesen außergewöhnlichen Künst-

KiJuKuMa, Bochum, 10 Uhr (auch 29., 30. & 31.01.)

ler live auf der Bühne zu erleben.

Jahrhunderthalle, Gahlensche Str. 15, 369 31 00

FZW, Dortmund, 20 Uhr

Kulturhaus Oskar, Oskar-Hoffmann-Straße 25

31 | 01 | 13 Gefilte Fish

Endstation Kino, Wallbaumweg 108, 687 16 20 Eve Bar, Königsallee 15, 333 354 45 Freilichtbühne Wattenscheid, Parkstraße, 61 03-0 HalloDu-Theater, Lothringer Str. 36c, 87 65 6

Kulturrat Bochum, Lothringer Straße 36, 862 012

DI 29 | 01 | 13

Theater | Spiel des Lebens

BODO VERLOSUNG | The 69 Eyes

Eine Uhr tickt und begrenzt die Zeit, die sie gemein-

Museum Bochum, Kortumstraße 147, 910 42 30 Mus. Zentrum der RUB, Universitätsstr. 150, 322 28 36 Prinz-Regent-Theater, Prinz-Regent-Str. 50 – 60, 77 11 17

The 69 Eyes, „die dunklen Gesellen aus Helsin-

sam im Theater verbringen: Publikum und Schauspie-

ki“, feiern Jubiläum: Vor 20 Jahren erschien mit

ler. Auf der einen Seite die, die etwas sehen wollen für

„Bump’n’Grind“ das erste

ihr Geld, auf der anderen die, die auf der Bühne stehen

Album der Finnen, nun er-

und eine Mission haben, jung, voller Enthusiasmus.

Stadthalle Wattenscheid, Saarlandstraße 40, 610 30

scheint das zehnte Studio-

Sie wollen die geballte Lebenszeit der Zuschauer nicht

Thealozzi, Pestalozzistraße 21, 175 90

album und trägt mit dem

vergeuden. Aber was ist eigentlich ein guter Theater-

Varieté et Cetera, Herner Straße 299, 130 03

römischen Zahlzeichen den

abend? Die perfekte Show? Katharsis, Erschütterung,

Zauberkasten, Lothringer Straße 36c, 86 62 35

standesgemäßen Titel „X“.

Läuterung? Große Gefühle? Intelligente Analyse? Was

Wieder ist es klassischer Goth’n’Roll, den die Helsin-

passiert, wenn Realität und Fiktion, Spiel und Ernst

ki Vampires auf Scheibe gebrannt haben, zehn Stücke

beginnen zu verschwimmen? Autor Lutz Hübner und

Vollgasrock zwischen Dancefloor, düsteren und lang-

Regisseurin Martina van Boxen entwickeln mit zehn

Adressen | Dortmund (0231)

samen Phrasen und wunderbaren Refrains. Wie schon

Schauspiel-Studierenden einen Abend, bei dem das

Auslandsgesellschaft, Steinstraße 48, 838 00 00

beim Vorgänger-Album „Back In Blood“ kommen 69

Publikum sich vielleicht bis zum Ende fragt, was

Cabaret Queue, Hermannstraße 74, 41 31 46

Eyes allerdings deutlich rockiger daher als schon ein-

„echt“ ist, und ob die da oben nicht doch nur ver-

DASA, Friedrich-Henkel-Weg 1 – 25, 90 71 24 79

mal und gehen damit einen Schritt zurück in ihre ei-

dammt gut etwas vorspielen.

Dietrich-Keuning-Haus, Leopoldstr. 50 – 58, 502 51 45

gene Vergangenheit. Ein Jubiläum muss man als Band

Kammerspiele, Bochum, 19.30 Uhr

aber auch auf der Bühne feiern, und so kommen 69 Eyes nun auch ins Ruhrgebiet, um das neue Album und ihre alten Hits live zu präsentieren. Special Guest an diesem Abend: die Thüringer Band The Fright, die ih-

DO 31 | 01 | 13

Riff, Konrad-Adenauer-Platz 3, 150 01 RuhrCongress, Stadionring 20, 610 30 Schauspielhaus, Königsallee 15, 333 30

Zeche, Prinz-Regent-Straße 50-60, 977 23 17 Zeche Lothringen, Lothringer Straße 36c, 876 56 Zwischenfall, Alte Bahnhofstraße 214, 28 76 50

domicil, Hansastraße 7 – 11, 862 90 30 Fletch Bizzel, Humboldtstraße 45, 14 25 25 F.-Henßler-Haus, Geschw.-Scholl-Str. 33 – 37, 502 34 72 FZW, Ritterstraße 20, 17 78 20 Galerie Torhaus, Haupteingang Rombergpark, 50 23 194

Musik | Gefilte Fish

Konzerthaus, Brückstraße 21, 22 69 62 00

ren Sound als „Horrock‘n‘Roll“ betiteln.

Liebe geht ja bekanntermaßen durch den Magen,

Museum f. Kunst u. Kulturgesch., Hansastr. 3, 502 55 22

Zeche, Bochum, 20 Uhr

aber manchmal auch durch die Ohren. Und so ist Ge-

Piano Musiktheater, Lütgendortmunder Str. 43, 604 206

bodo verlost 3 x 2 Karten.

filte Fish nicht nur eines der beliebtesten jüdischen

Teilnahmebedingungen auf Seite 21.

Festtagsgerichte, sondern auch eine internationale Gruppe von engagierten Musikern, die sich den

Rasthaus Fink, Nordmarkt 8, 999 876 25 Reinoldikirche, Ostenhellweg 1, 52 37 33 Schauspielhaus, Hiltropwall, 502 55 47 Sissikingkong, Landwehrstraße 17, 728 25 78

Liedern und Melodien der europäischen Juden ver-

Strobels, Strobelallee 50, 999 50 60

schrieben haben. Ihr Repertoire erstreckt sich von

Subrosa, Gneisenaustraße 56, 82 08 07

alten osteuropäischen Klezmermelodien und Volks-

SweetSixteen Kino im Depot, Immermannstr. 29, 910 66 23

Alex Clare ist der Mann, der mit dem Dubstep-Soul-

liedern über sephardische Lieder und chassidische

Theater im Depot, Immermannstraße 29, 98 21 20

Track „Too Close“ in diesem Jahr einen absoluten

sowie israelische Songs bis zu Theaterliedern der Off

U, Leonie–Reygers-Terrasse, 50 247 23

Überraschungs-Hit geliefert und mit „Treading Water“

Broadway Szene der 20er bis 40er Jahre des letzten

gleich noch einen fetten zweiten hintergeschoben

Jahrhunderts in New York.

hat. Und kein Wunder, dass die Fans nun auch auf

Dietrich-Keuning-Haus, Dortmund, 20 Uhr

MI 30 | 01 | 13 Musik | Alex Clare

Westfallenhallen, Rheinlanddamm 200, 120 40 Westfalenpark, An der Buschmühle 3, 35 02 61 00 Zeche Zollern, Grubenweg 5, 696 12 11

Adressen | Herne (02323) Flottmann-Hallen, Flottmannstr. 94, 16 29 52 Mondpalast, Wilhelmstraße 26, 58 89 99

Adressen | Witten (02302) Saalbau, Bergerstraße 25, 581 24 24 Werkstadt, Mannesmannstraße 2, 94 89 40

Der Druck dieser Seite wurde ermöglicht durch Spenden der Besucher des Geierabend 2012.

27


28 PORTRÄT | von Wolfgang Kienast | Fotos: Daniel Sadrowski

Gewissermaßen Heimatfilme Wilms, Gorbatschow und Oh Fortuna Johannes Klais ist Kameramann, er ist selbst-

Parallel drehte er mit einigen Freunden eigene

Gern würde Johannes Klais einen dritten

ständig und verdient seinen Lebensunterhalt

Filme. Zunächst „Großes Tennis” (2003) und dann

abendfüllenden Spielfilm drehen, doch nach

hauptsächlich mit der Produktion von Image-

„Oh Fortuna”, der am 29. Mai 2010 im Westfa-

dem Studium, gefordert von Familie und

filmen für mittelständische Unternehmen.

lenstadion Premiere hatte. Fußball, Feinripp und

Beruf, mangelt es ihm und seinen Freunden an

Um zu entspannen – nach oft anstrengenden

Flaschenbier: der schnell zum Kultfilm avancierte

Freiraum, sich solch einem aufwändigen, rein

Dreharbeiten, welche sich über mehrere Tage

Streifen spielt liebevoll mit Revier-Klischees.

idealistisch betriebenen Projekt zu widmen.

erstrecken können – hat er einen eher unge-

Beim alljährlich im Stadion stattfindenden Open-

„Dem extrem kreativen Pool fehlt gerade die

wöhnlichen Ort und dort eine nicht weniger

Air-Kino wird „Oh Fortuna” seither regelmäßig

Zeit. Das ist aber kein Problem, das ist das

seltsame Tätigkeit für sich entdeckt. Wir

gezeigt. Ein Heimatfilm? „In gewisser Weise trifft

Leben”, beschreibt er die Situation. Einfacher

trafen ihn im Dortmunder Stadtarchiv, wo er

das wohl zu”, meint Klais. „Mit gefällt in diesem

schien es dem filmbegeisterten Team, ein

aktuell eine Unzahl bislang nicht ausgewer-

Zusammenhang nur nicht, dass der Begriff Hei-

kleines Festival auf die Beine zu stellen. Basis

teter Videos der Stadtwerke (DSW) sichtet.

mat, mit irgendetwas drangehängt, inzwischen

war die Beliebtheit von „Oh Fortuna”. Der

Ungeöffnete Kartons türmen sich in den Rega-

inflationär oft gebraucht wird.”

Streifen flimmert nämlich nicht nur im Stadion

len, über den Bildschirm flimmert gerade ein

über die Leinwand, er wurde auch mehrmals in

BTX-Lehrfilm aus den 80ern. Wir sind neugie-

Dass „Oh Fortuna” gut funktioniert, liegt unter an-

Klais‘ Stammkneipe gezeigt, dem „Balke“ an

rig und fragen nach, warum er sich das antut.

derem an der Sprache der Protagonisten. Die Dia-

der Hohen Straße. Wie nahezu jede ernstzunehmende Revierkneipe ist das Balke aus fußballerischen Gründen mit Leinwand und Beamer ausgestattet. Als Cineast sieht Klais in jedem dieser Lokale ein Kleinkino, das außerhalb der Bundesliga Hin- und Rückrunden praktisch brach liegt. Als Alternative zur x-ten „Oh Fortuna”-Aufführung konnte er vor zwei Jahren seinen Stammkneipenwirt für ein Kurzfilmprogramm gewinnen. Ebenso hochtrabend wie ironisch gebrochen wurde die Veranstaltung als „1. Dortmunder Tresen-Filmfestival” angekündigt. Zum bemerkenswerten Niveau trug bei, dass Klais bestehende Kontakte zur FH nutzen konnte, wo in jedem Semester Kurzfilme gedreht werden, die selten oder nie außerhalb der Lehranstalt gezeigt werden. Nach der vielversprechenden Premiere wurde eine zweite Ausgabe im vergangenen Jahr um mehrere Tage und auf weitere Aufführungsorte ausgedehnt.

28

Zu den bewegten Bildern ist Johannes Klais auf

loge leben von ruhrgebietstypischen Redewendun-

„Wir hatten schon beim ersten Mal gemerkt,

Umwegen über den Ton gekommen. Denn obwohl

gen, sie wirken nie bemüht oder aufgesetzt. „Die

dass in dem Rahmen nicht nur die ,auf lustig‘

sich der gebürtige Dortmunder bereits früh fürs

beiden Drehbücher haben wir im Team geschrieben,

gemachten Filme funktionieren. Wir waren

Fotografieren begeistern konnte, galt sein Inter-

ich selbst bin nämlich gar nicht so aufgewachsen”,

selber überrascht, wie konzentriert sich das

esse in erster Linie den Spielarten akustischer

sagt Klais dazu. „Zwar bin ich hier geboren worden,

Publikum auf schwerere Stoffe einließ. Und

Techniken. Nach Abitur und Zivildienst absol-

,datt‘ und ,watt‘ war bei uns zu Hause aber ver-

dann hatte ich die Idee, neben aktuellen stu-

vierte er deswegen in Köln eine Ausbildung zum

pönt. Meine Mutter ist Deutschlehrerin, die hat da

dentischen Produktionen auch Archivmaterial

Audio-Engineer. Es folgten drei Jahre Berufstä-

sehr drauf geachtet. Meine Freunde dagegen sind

zu zeigen, Imagefilme der Stadt oder ansässiger

tigkeit in einem Studio für Film-Postproduktion,

auf dem Terrain zum Teil sehr bewandert. Moritz

Unternehmen und privat Gefilmtes”, erklärt

Synchronisation und Ton-Nachbearbeitung. Wäh-

Bergmann zum Beispiel. Der lebt inzwischen in

Klais das im Vergleich zu anderen Festivals

rend dieser Arbeit fand er zunehmend Gefallen

Hamburg und betreibt sehr erfolgreich das Projekt

sehr heterogene Programm. Dabei wollte er

am Film an sich, er kehrte nach Dortmund zurück

,dortmunderisch.de‘. Auf dieser Internet-Seite geht

unter keinen Umständen auf die Arbeiten einer

und begann ein FH-Studium als Kameramann.

es um Sprache, Bilder und Geschichten der Stadt.”

ganz bestimmten Filmemacherin verzichten:


29

29


30

Elisabeth Wilms. Erste Filme drehte die Tochter

in irgendwelchen Schubladen zu lagern. Die

mit Büchern, Filmen oder Fotos stoßen, die zu

eines münsterländischen Wurstfabrikanten

müssen gezeigt werden. Die Archive werden

schade zum Wegwerfen scheinen, für sie selbst

während des Zweiten Weltkriegs, ihre mit dem

aus Steuermitteln finanziert, und was dort

jedoch keinen Wert zum Behalten besitzen,

Bundesfilmpreis ausgezeichneten Dokumentati-

liegt, gehört der Bevölkerung. Aber leider ist

werden solche Funde nicht selten dem Stadtar-

onen „Dortmund 1947” und „Schaffende in Not”

es manchmal schwierig, die Verantwortlichen

chiv überlassen. Ähnliches gilt, wenn Betriebe

gelten heute als wertvolle historische Quellen.

davon zu überzeugen.”

ihre firmenhistorischen Sammlungen entrümpeln. So gelangten unter anderem die eingangs

Im Handel ist eine DVD mit fünf ihrer insgesamt etwa zweihundert Werke erhältlich. Klais wollte

Als zum Glück ausgesprochen unkompliziert er-

erwähnten DSW-Filme in Zupancic´ Obhut. In

Unbekanntes von ihr zeigen und wandte sich an

wies sich die Kooperation mit dem Dortmunder

diesem konkreten Fall fehlte es nicht nur an

entsprechende Archive.

Stadtarchiv. Bei Frau Dr. Andrea Zupancic, der

Personal und Zeit, sondern an der entspre-

Leiterin des angeschlossenen Bild-, Film- und

chenden Technik, das Geschenk in Augenschein

„An ihre Arbeiten zu kommen war viel anstren-

Tonarchivs, fand er offene Ohren, offene Türen

zu nehmen. Sämtliche Aufnahmen waren auf

gender als ich dachte”, erzählt er. „Dabei haben

und es ergab sich eine klassische Win-Win-

U-matic gespeichert, einem Videoformat, das

wir nicht um die Originale gebeten, sondern

Situation. Im Stadtarchiv nämlich wartet jede

Ende der 1980er Jahre vom Markt verschwand.

um vorhandene, digitalisierte Kopien. Und

Menge ungesichtetes Material auf Auswertung.

Über seine FH-Verbindungen konnte Klais ein

die Filme wurden ja nicht gemacht, um jetzt

Wenn Erben nach einem Todesfall auf Kisten

Abspielgerät besorgen. „Ich bin kein gelernter Archivar”, sagt er. „Aber Frau Zupancic hat mir erklärt, worauf aus ihrer Sicht zu achten wäre. Außerdem bin ich hier aufgewachsen und kann mir schon vorstellen, was für ein Stadtarchiv von Bedeutung sein könnte. Auf Einladung des Hoesch-Betriebsrates kam zum Beispiel Michail Gorbatschow kurz vor dem Fall der Berliner Mauer nach Dortmund. Auf den DSW-Bändern gibt es umfangreiche LiveAufnahmen seines Besuches.” Für ihn selbst, sagt er, für ein drittes „Dortmunder Tresen-Filmfestival”, wären freilich andere Sachen interessanter. Begeistert erzählt er von einem Versuch des Dortmunder Kabelpilotprojektes, unterm Pylon am Stadthaus eine Fernsehshow im „Wetten, dass...?“-Format zu präsentieren. „Total schräge Nummer! Das kannst du 60 Minuten lang ungeschnitten zeigen! Sehr skurril sind auch die Lehrfilme. Ich habe kürzlich ein ernst gemeintes Original zum Trashfilmfestivalhit „Staplerfahrer Klaus” entdeckt. Ich muss mir natürlich viel Mist anschauen. Mindestens 80% kann weg. Doch bislang war an jedem Tag etwas dabei, was mich entschädigt hat. Wenn ich mit den DSW-Kisten durch bin, mache ich an einer anderen Ecke weiter. Hier lagern noch viele unentdeckte Perlen.” Für das „3. Dortmunder Tresen-Filmfestival”, es soll im Frühjahr 2013 stattfinden, sucht das Team Lustiges, Ehrliches, Herzzerreißendes, Existenzielles, Erfundenes, Übertriebenes und wahre Geschichten. Aktuelles oder Historisches aus dem echten Leben, wobei die einzelnen Filme nicht länger als 30 Minuten sein sollten. Das Team freut sich auf Filmvorschläge. (wk) INFO

info@gratis-film.com www.dtff.de

30


31

VERKÄUFERGESCHICHTEN | protokolliert von Sebastian Sellhorst | Foto: Sebastian Sellhorst

Sefa aus Dortmund:

»Nichts ist schlimmer, als nur zu Hause zu sitzen« Als Kleinkind kommt Sefa mit seiner Mutter

Seit 2005 bekomme ich eine Erwerbsminderungs-

nach Dortmund, geht zur Schule, macht eine

rente. Einmal im Jahr muss ich ein gesundheitli-

Lehre. Seit er vor einigen Jahren schwer er-

ches Gutachten machen lassen, dann wird diese

krankt ist, bekommt er eine kleine Rente. Mitte

Rente wieder für ein Jahr verlängert. Eine ziemlich

letzten Jahres kommt er über einen Freund zu

unerträgliche Situation, da ich nicht wirklich viel

bodo. Seitdem verkauft er an der Saarlandstra-

mit mir anfangen kann. Das Schlimmste im Moment

ße in Dortmund das Straßenmagazin. Immer nur

sind die Magenprobleme, die ich von den vielen

für ein paar Stunden in der Woche, so wie es sei-

Medikamenten bekommen habe, die ich für mein

ne Gesundheit gerade zulässt. Uns hat er seine

Herz nehmen muss. Meine Magenschleimhaut ist

Geschichte erzählt.

angegriffen und ich habe fast täglich Schmerzen. Dadurch habe ich fast 30 Kilo abgenommen.

„Geboren bin ich in Bartin. Das ist eine kleine Stadt am Schwarzen Meer in der Türkei. Dort habe

Bei bodo bin ich jetzt seit einem halben Jahr. Me-

ich aber nur gelebt, bis ich circa sechs Monate alt

tin, ein bodo-Verkäufer, mit dem ich zusammen

war. Dann bin ich mit meiner Mutter nach Deutsch-

bei ,Crashtest Nordstadt‘ mitgemacht habe, hat

land gegangen. Mein Vater lebte bereits seit ei-

mich auf die Idee gebracht. Jetzt bin ich seit Au-

nigen Jahren im Ruhrgebiet, da er hier Arbeit im

gust dabei und verkaufe am Rewe in der Saarland-

Bergbau gefunden hatte.

straße die Zeitung. Am Anfang war es noch etwas ungewohnt, aber mittlerweile macht es mir richtig

Hier angekommen bin ich in Lünen zur Grundschule

Spaß. Natürlich kann ich immer nur ein für kurze

gegangen. Das lief noch ganz gut. Später auf der

Zeit an meinem Verkaufsplatz stehen. Mehrere

Gesamtschule hatte ich oft Stress mit meinen Leh-

Stunden am Stück gehen im Moment noch nicht,

rern, weil ich viel geschwänzt habe. Dort bin ich

aber wenigstens komme ich ab und zu mal raus,

dann irgendwann von der Schule geflogen. Danach

treffe Leute und komme mit Kunden ins Gespräch.

habe ich eine Lehre als Informatiker angefangen.

Das hilft mir zurzeit sehr. Nichts ist schlimmer,

Das hat mir sehr gut gefallen, aber leider habe ich

als zu Hause zu sitzen und sich zu langweilen.

die Lehre nicht beenden können, weil ich auch dort

und ging zum Arzt. Der schickte mich sofort ins

Und vielleicht bin ich ja bald wieder fit genug für

zu viele Fehlzeiten hatte. Von da an habe ich mich

Krankenhaus, wo ich wegen einer Herzklappen-

einen Job.“ (sese)

mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen. Jobbte im

entzündung operiert wurde. Während der Opera-

Bereich Landschaftsbau, Autoverwertung und als

tion ist einiges schief gelaufen und ich lag für

bodo-VerkäuferInnen

Hausmeister. Mit 19 habe ich geheiratet. 1992 kam

drei Tage wegen eines Hirninfarktes im Koma. Da-

Seit 18 Jahren gehören das Straßenmagazin und seine

mein Sohn zur Welt, vier Jahre später meine Toch-

nach folgte natürlich noch ein sehr langer Kran-

Verkäufer zum Straßenbild in Bochum, Dortmund und

ter. Mittlerweile lebe ich von meiner Frau getrennt

kenhausaufenthalt mit anschließender Kur. Seit

Umgebung. Viele haben feste Verkaufsplätze und einen

und unsere Kinder leben bei ihr, aber ich bekomme

dem habe ich mit erheblichen gesundheitlichen

eigenen Kundenstamm. Manche sind schon seit Jahren

regelmäßig Besuch von den beiden.

Problemen zu kämpfen. Anfangs litt ich unter

bei uns, andere nur auf der Durchreise. Für alle jedoch

Gedächtnisverlust, musste mich körperlich sehr

ist der Verkauf des Straßenmagazins eine Arbeit, die

2004 bekam ich starke gesundheitliche Probleme.

ruhig halten und darf seitdem auch keinen Sport

Halt gibt und Selbstbewusstsein schafft. bodo stellt

Eines Morgens konnte ich kaum noch aufstehen

mehr machen.

regelmäßig einen Verkäufer vor. ANZEIGE

31


32

GESCHICHTE | von Bianka Boyke | Fotos: Bianka Boyke

Auf den Spuren eines vergessenen Ortes Das ehemalige KZ-Außenlager Buchenwald in Dortmund-Huckarde

Die Stadt Dortmund versucht nicht, die Gräueltaten der NS-Zeit zu

zusammen mit meiner 13jährigen Cousine gebracht. Ohne sie hätte ich nicht

verheimlichen. So gibt es in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache

überlebt.“ Die Häftlingsfrauen erinnerten sich auch an ihre Unterbringung:

eine ständige Ausstellung, die auch die Verfolgung ausländischer

„Wir wohnten in den früheren Baderäumen, hatten vierstöckige Betten. Es

Zwangsarbeiter, der polnischen Minderheit, von Sinti und Roma sowie

gab ein mit Gras ausgestopftes Kopfkissen und eine dünne Decke. „Aus den

von Wehrdienstverweigerern und Deserteuren zeigt.

vergitterten Fenstern konnten wir die Wohnhäuser gegenüber sehen. Wir konnten jeden Tag die Familien beim Essen und Spielen mit ihren Kindern

Das ehemalige KZ-Außenlager Buchenwald an der Huckarder Straße 111 in

sehen und wir haben sie um ihr Glück beneidet“, so Maria Lekawska bei ihrem

Dortmund taucht dort allerdings nicht auf – zum Zeitpunkt, als die Ausstellung

Besuch in Dortmund. „Daran erinnere ich mich noch gut“, sagt Andreas Müller.

konzipiert wurde, war von einem Außenlager nicht mehr viel bekannt. Es war

„Zeitzeugen haben wir immer befragt, aber in diesem Fall war das eine ganz

einfach „vergessen“ worden. Eine öffentliche Erinnerung steht bis heute aus.

andere Nummer. Ich hätte nicht gedacht, dass mich der Besuch so mitnimmt.“

Das Außenlager gehörte zum Betrieb der Dortmund-Hörder Hüttenunion –

Der Arbeitstag der Häftlingsfrauen

heute befindet sich dort die Außerbetriebliche Ausbildungsstätte der Handwerkskammer Dortmund. Von Anfang Oktober 1944 bis Mitte März 1945

Die Frauen mussten um 5.30 Uhr aufstehen. Dann ging es durch die unterirdi-

mussten hier 650 inhaftierte Frauen unter unmenschlichen Bedingungen

schen Gänge zur Fabrik. Bis 10 wurde gearbeitet, dann konnten die Frauen ihr

arbeiten. Angemessene Entschädigungen gab es nie, über die Existenz wur-

zurückgelegtes Brot vom Abend – pro Tag gab es einen Viertellaib Brot und ein

de lange geschwiegen. Bis sich der Dortmunder Geschichtsverein 1992 der

kleines Stück Margarine, manchmal eine Pellkartoffel – essen. Gegen 19 Uhr

Aufarbeitung annahm. Andreas Müller, Gründungsmitglied der Geschichts-

ging es zurück. Ähnlich war es in der Nachtschicht. Vor und nach der Arbeit

werkstatt Dortmund, erinnert sich: „Auch wir hatten schon mal von dem

gab es Appelle – sieben Tage die Woche. Überwacht wurden die Frauen von

KZ-Außenlager gehört, haben uns aber zuerst mit den Themen beschäftigt,

männlichen SS-Angehörigen und in Dortmund angeworbenen Aufseherinnen.

denen wir näher standen, bei denen das Recherchieren leichter war. Seit unserer Gründung 1982 gab es so viel, was es aufzuarbeiten galt.“ Die Staatsanwaltschaft hatte bereits 1966 sieben Jahre lang ermittelt, dann wurde das Verfahren eingestellt. An die Öffentlichkeit kam nichts. 1992 überließ die Staatsanwaltschaft ihre Unterlagen schließlich den Mitarbeitern der Geschichtswerkstatt. Auch beim Werksarchiv Hoesch fragte der Geschichtsverein nach. „Es gibt keine Unterlagen mehr“, hieß es von dort. Trotzdem bekamen die Mitarbeiter von verschiedenen Stellen genug Material, um ehemalige Inhaftierte ausfindig zu machen. „Wir schrieben viele Frauen an, vier antworteten uns“, erzählt Andreas Müller. Alle vier Frauen wollten der Einladung nach Dortmund folgen, aus gesundheitlichen Gründen kamen nur zwei – Antonia Musial und Maria Lekawska. „Die Kinder der beiden Frauen haben ihnen davon abgeraten, aber sie wollten unbedingt kommen“, sagt Müller. „So komisch es klingt: Sie haben sich gefreut, von uns zu hören.“ Sie hatten jahrzehntelang darauf gewartet.

Das Leben im Lager Im Oktober 1944 wurden mehrere hundert Häftlingsfrauen zwischen 13 und 20 Jahren aus Ravensbrück nach Dortmund verlegt. Mit ihnen trafen auch die SS-Aufseherinnen ein, die zuvor in Dortmund für diese Tätigkeit geworben und in Ravensbrück ausgebildet worden waren. Das Lager bestand aus einem mehrgeschossigen Steingebäude, das durch einen unterirdischen Gang mit der Fabrik verbunden war. Ein Teil der Gänge existiert auch heute noch unverändert und wird als Lager genutzt. Elektrischen Draht oder Wachtürme gab es nicht. Das Gebäude war unauffällig, so sollte es sein. Die Frauen durften nie nach draußen, sollten von der Bevölkerung nicht wahrgenommen werden. Bei ihrem Besuch in Dortmund 1993 erinnerte sich die damals 14jährige Maria Lekawska: „Wir waren damals sehr jung und wir hatten furchtbare Angst. Wir haben einfach die Arbeit gemacht, die gemacht werden musste. Ich wurde 32


33

In der Fabrik produzierten die Frauen Bomben und Granaten am laufen-

In der „Festschrift zur Hundertjahrfeier der Dortmund-Hörder Hüt-

den Band – jeweils 10 bis 13 Kilo schwer. Schutzkleidung gab es nicht.

tenunion AG 1852 bis 1952“ heißt es: „Die Zahl der Werksangehörigen

Bei Antonia Musial führte ein Unfall mit einem Granatsplitter dazu, dass

erfuhr eine dauernde Zunahme. (…) Die Kriegsjahre brachten eine Menge

sie auf dem rechten Auge beinahe erblindete. Ein anderes Mädchen wurde

Schwierigkeiten mit sich (Verdunkelungsübungen, Einberufungen, Einstel-

von einer Maschine mit den Haaren ergriffen und starb an den schweren

lung weiblicher Arbeitskräfte und Fremdarbeiter, Material- und Versor-

Verletzungen, so Musial. Schwerkranke kamen zurück nach Ravensbrück.

gungsschwierigkeiten). (…) Dann kam das Furioso furchtbarer Luftangrif-

Die Inhaftierten ahnten, welches Schicksal ihnen drohte. „Und davor

fe auf das Werk.“ Die Frauen aus dem KZ werden nicht erwähnt.

hatten wir natürlich alle Angst und haben uns trotzdem zur Arbeit geschleppt“, so Antonia Musial.

Wiedergutmachung

Es fehlte an Allem

Selbst 1993 geschah nichts. „Auf unsere Einladung hin kam von den

„Wir hatten keine Seife, Zahnbürsten oder Hygieneartikel für die Frau“,

Besucherinnen geschämt – geschämt für meine Landsleute. Es war richtig

erinnerte sich Maria Lekawska. Noch schlimmer: Es fehlte jegliche warme

peinlich.“ Eine Entschuldigung haben Antonia Musial und Maria Lekawska –

Kleidung. So trugen die Frauen im Winter Holzschuhe mit freier Ferse.

die inzwischen beide verstorben sind – nie erwartet. Eine Hand hätte ihnen

Dazu Hosen aus feinem Drillich mit rotem Seitenstreifen und gelbem X

gereicht. „Auch wenn ich es nicht nachvollziehen kann, sie hatten ihren

auf dem Rücken. Lekawska: „Unsere eigenen Kleidungsstücke wurden uns

Frieden gemacht und verziehen“, so Andreas Müller.

Firmen niemand“, sagt Andreas Müller. „Ich habe mich damals vor unseren

abgenommen. Wenn man Glück hatte und die neue Kleidung zu groß war, konnte man sich daraus Wäsche oder Socken machen. Im Winter haben

Eine kleine Ausstellung des Geschichtsvereins und ein von der Castro-

wir unsere Hände in der Fabrik gewärmt, an den Geschossen, die aus der

per Künstlerin Annette Seiler gestaltetes Denkmal (Foto links) erinnert

Maschine herauskamen.“

an das Leid der Zwangsarbeiterinnen. Aus Sicherheitsgründen steht das Denkmal im Inneren des alten Backsteinbaus. Der liegt genau zwischen

Ostern 1945 – es war der 1. April – ging es für alle übrig gebliebenen

der „R135“, dem ehemaligen Stützpunkt des Ende August verbotenen

Häftlinge nach Bergen-Belsen und von dort weiter nach Buchenwald.

„Nationalen Widerstands“ Dortmund, Rheinische Straße 135, und der zu-

Grund: Die zunehmenden Bombenangriffe führten schließlich zur Produk-

künftigen Geschäftsstelle der Partei (und Nachfolgeorganisation) „Die

tionsstilllegung.

Rechte“ an der Huckarder Straße 336. (bb)

33


34

Interview | von Guido Fahrendholz

Armut in Deutschland ist keine Meinung – sondern eine Tatsache Der geschönte Armutsbericht der Bundesregierung Als Ende November die endgültige Fassung

daher nicht der Meinung der Bundesregierung.

bodo Wie haben Sie reagiert, als Sie erlebt haben,

des 4. Armuts- und Reichtumsberichts vorge-

Nun liegt die von den Fachministerien überarbei-

dass innerhalb weniger Wochen dieselben sozia-

stellt wurde, geriet dies zu einer Blamage der

tete, zweite Fassung vor.

len Lebensumstände in der BRD von der Bundes-

Bundesregierung und zu einem politischen Skandal.

Thomas Öchsner, Redakteur der SZ, der schon an der Vorabveröffentlichung der ersten Fassung

regierung auf so unterschiedliche Art und Weise beschrieben wurden?

Die erste Fassung war den Ministerien im zurück-

beteiligt war, hat erhebliche Veränderungen im

Thomas Öchsner Mit Erstaunen. Der große Auf-

liegenden September zur Abstimmung vorgelegt

neuen Text entdeckt. In seinem Artikel „Bundes-

wand bei meiner Arbeit ist, die erste Fassung mit

worden. Auszüge daraus wurden in der Süddeut-

regierung schönt den Armutsbericht“ vom 28.

der zweiten Fassung verglichen zu haben, das

schen Zeitung (SZ) veröffentlicht und kommen-

November 2012 informierte er in der SZ darüber.

sind jeweils rund 500 Seiten. Wenn man genau

tiert. Wirtschaftsminister Phillipp Rösler (FDP)

Gewerkschaften und Sozialverbände reagieren zu

hinschaut, stößt man auf geänderte Passagen.

fuhr Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der

Recht empört. Ein Gespräch mit Thomas Öchsner

Die Aussage „Die Privatvermögen in Deutschland

Leyen (CDU), deren Ressort den Bericht erstellt

und Christian Woltering, Referent für Fachpoliti-

sind sehr ungleich verteilt“, wurde beispielsweise

hatte, mit den Worten in die Parade, dieser Ent-

sche Grundsatzfragen beim Paritätischen Wohl-

vollständig gestrichen, obwohl kein Mensch dar-

wurf sei nicht ressortabgestimmt und entspreche

fahrtsgesamtverband.

an zweifelt, dass es so ist. bodo Wie reagierten die Regierungsparteien auf Ihre Veröffentlichung? T.Ö. Es gab einige Verärgerung darüber, vor allem auch in der FDP, zum Beispiel von Rainer Brüderle, der sich wünschte, der Artikel wäre nicht erschienen. Auch deshalb bleibt es wichtig, Politiker zu hinterfragen. Das haben wir mit diesem Artikel gemacht. Direkt bei mir hat sich aber niemand gemeldet, das wäre auch unprofessionell. bodo Müssen sie befürchten, nicht mehr an der Bundespressekonferenz teilnehmen zu dürfen? T.Ö. Wenn ja, würden wir ja in einer Bananenrepublik leben. Das ist sicherlich nicht der Fall. bodo Herr Woltering, wie ist die Aussage von Herrn Rösler zu bewerten, der Armutsbericht in seiner Erstfassung gebe nicht die Meinung der Bundesregierung wieder? Ist ein Bericht nicht eigentlich an Fakten orientiert und weniger an Meinungen? Christian Woltering Interessante Frage. Ursula von der Leyen ist ja ebenfalls Mitglied dieser Bundesregierung, was die Aussage noch unverständlicher macht. Aber es beweist auch, dass die neue Fassung kein objektiver Bericht ist, sondern Opfer politischer Spiele wurde. Es zeigt, dass wir einen unabhängig erstellten und objektiven Armutsund Reichtumsbericht brauchen. bodo Wie sieht die Situation in Deutschland tatsächlich aus?

34


ANZEIGEN

C.W. Inzwischen befinden sich 60 Prozent der Vermögen in Deutschland verteilt auf zehn Prozent der Bevölkerung. Noch bedenklicher ist inzwischen aber, dass die Hälfte der Bevölkerung nur ein Prozent des Vermögens unter sich aufteilt. Zahlen lügen nicht und sie beweisen, dass die Vermögen in Deutschland ungemein ungleich verteilt sind. bodo Es gibt Wortmeldungen, nach denen das Aufweichen des Niedriglohnsektors zu mehr Beschäftigung geführt habe? C.W. Das zeigt nur die Ignoranz einiger Mitglieder der Bundesregierung gegenüber prekär Beschäftigten mit ständig verlängerten Zeitarbeitsverträgen, Löhnen, die deutlich unter den Mindestlöhnen liegen, und der Perspektivlosigkeit in Leiharbeitsfirmen. In Vollzeit zu arbeiten, ohne davon eigentlich menschenwürdig leben zu können, ist mit Sicherheit keine positive Tendenz!

bodo

www.bodoev.de

schafft Chancen

bodo Die Politik diskutiert oft einen Mindestlohn

das straßenmagazin

in Höhe von sieben Euro in der Stunde. Inzwi-

die besten geschichten auf der straße

schen arbeiten aber mehr als vier Millionen Men-

ein euro achtzig – neunzig cent für den verkäufer

schen unterhalb dieser Grenze!? C.W. Innerhalb der Wohlfahrts- und Sozialverbände wurde errechnet, dass mindestens ein Lohn in Höhe von elf Euro notwendig ist, um mit Erreichen des Renteneintrittsalters nicht in die Grundsicherung zu fallen, also eine Rente zu bekommen, die oberhalb des Hartz IV-Niveau liegt. Vor diesem Hintergrund einen Mindestlohn von sieben Euro zu diskutieren, ist unzeitgemäß und ignorant. Umso wichtiger ist eine öffentlich geführte, kritische Berichterstattung über den Armutsbericht der Bundesregierung, wie sie derzeit geführt wird. Schön ist es in diesem Zusammenhang auch, unabhängige Armutsberichte zu haben, wie den Schattenbericht der Nationalen Armutskonferenz, der als Sonderausgabe des Berliner Straßenzeitung „strassenfeger“ veröffentlicht wurde. Er zeigt die Perspektive der Betroffenen.

INFO Das Interview führte Guido Fahrendholz vom Berliner Straßenmagazin „strassenfeger“. Wir danken der Redaktion. Auf www.bodoev.de finden Sie den Armuts- und Reichtumsbericht in seiner Originalfassung vom 17. September 2012 und den Schattenbericht der nationalen Armutskonferenz (nak), der als Sonderausgabe des „strassenfeger“ erschienen ist. www.bundes.blog.de/tags/armut/

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36 LITERATUR | gelesen von Sandro Giuri

Van Bo Le-Mentzel

Stefan Keim, Didi Stahlschmidt

Soziales Design – Konstruieren statt konsumieren?

Dortmunds facettenreiches Musikleben

Wer unter „hartz IV moebel .com“

Stefan Keim und Didi Stahl-

von Van Bo Le-Mentzel einen

schmidt nehmen mit „Schwin-

Ratgeber zum Erwerb oder Bau

gungen” den Leser mit auf

kostengünstiger Möbel für Men-

eine musikalische Reise: An-

schen, die auf Hartz-IV ange-

gefangen im Mittelalter bei

wiesen sind, erwartet, wird nur

der Zunft der Spielleute über

teilweise befriedigt. In erster

die ersten Orchester, die An-

Linie ist es eine Message, die der

fänge der Oper und der Chöre

Autor vermitteln will: Konstruie-

bis hin zu Gegenwart und Zu-

ren statt Konsumieren! Wir sol-

kunft. Dabei geben sie einen

len von passiven Konsumenten zu

tiefen Einblick in die musika-

aktiven Gestaltern werden. Dafür

lischen Facetten der Ruhrgebietsstadt. Aber nicht nur klassische Elemen-

stellt er Baupläne von Möbeln im

te finden sich in diesem Buch wieder. Es greift ebenso Kabarett und Un-

Bauhausstil zum Nachbauen zur

terhaltung, populäre Dortmunder Vertreter verschiedener Musikgenres,

Verfügung: Vom Tisch, über Stuhl

den Jazz, Weltmusik und die Festivals auf.

und Hocker, bis hin zum Sofa und Schrank ist alles dabei.

Eintrag, sodass dem Leser auch die ökonomische Seite und ihr Stellen-

seines Projektes spricht, enthält das Buch Bilder und Geschichten von

wert nahegebracht werden. Zudem enthält das Buch interessante Inter-

den Nutzern seines Konzeptes und am Ende die Erklärung des von ihm

views mit Musikverbundenen, u.a. mit einem Dortmunder Geigenbauer,

geprägten, etwas schrägen Begriffs der „Karma-Economy“.

die das Ganze abrunden.

„Do it yourself“ für heimwerkende Design-Fans statt Hilfe zur Selbsthil-

Schwierig dürfte dabei manchem die Einordnung der verschiedenen ge-

fe: In erster Linie richtet Le-Mentzel sich an den Typus des kritischen,

nannten Komponisten im Kapitel über Orchester fallen. So dürften bei

design-affinen Heimwerkers, der gerne den Wert eines Konsumgutes hin-

den Namen Boris Blacher, Wolfgang Fortner oder Woiciech Kilar nicht

terfragt, indem er es nachbaut.

jedem Leser direkt ein Licht aufgehen. Aber mit etwas Neugierde sollte

So ist es fraglich, ob für diejenigen, die wirklich am Rand des Existenz-

das nicht wirklich einen Mangel darstellen.

minimums leben, das Sofa mit 350 Euro, exklusive Matratze, eine echte

Schön ist, dass die Autoren auf verschiedene Textsorten zurückgreifen,

Alternative darstellt. Ebenso wäre es wünschenswert gewesen, bei den

wie z.B. den Textauszug aus einem Tagebuch eines fiktiven Jazz-Anhän-

Preisangaben die Lieferanten offen zu legen. Zudem lässt der Teil mit

gers sowie auf Interviews und Künstlerportraits. Da, wo es nötig ist,

den Geschichten – jeder, der die Baupläne online anfordert, verpflichtet

wird auch der geschichtliche Hintergrund erläutert, und gut gewählte

sich, als „Bezahlung“ Le-Mentzel seine Geschichte zu erzählen – Bilder

Fotografien gestalten die Texte lebendig. Zitate zur Musikstadt Dort-

von der im Titel angesprochenen Gesellschaftsgruppe vermissen. Diese

mund sind zum Teil durchaus kritisch, wodurch das Buch nicht zu einem

Punkte lassen den Titel irritierend wirken.

reinen Lobgesang verkommt und sich wirklich ein vielfältiges Bild er-

Die Leser, die sich für „soziales Design“ interessieren und dabei gerne einmal ein Designer-Möbelstück in Eigenregie bauen möchten, werden mit dem Buch allerdings ihre Freude haben. (sg) Van Bo Le-Mentzel | hartz IV moebel .com Build More Buy Less! Konstruieren statt konsumieren! Hatje Cantz Verlag | 144 Seiten | 12,99 Euro ISBN: 978-3-7757-3395-3

36

Auch Ausbildungsmöglichkeiten und die Musikwirtschaft finden einen

Neben einem Interview mit Le-Mentzel, in dem er über die Hintergründe

gibt. Alles in allem ein lesenswerter Überblick, der dem Leser das Bild einer pulsierenden, lebendigen Musikstadt Dortmund vermittelt. (sg) Stefan Keim | Didi Stahlschmidt Schwingungen. Dortmund – Die Musikstadt Klartext Verlag | 152 Seiten | 11,95 Euro ISBN: 978-3837506914 bodo verlost drei Exemplare (siehe Seite 21).


37 Fehlersuchbild – Lösung: 1) Statt eines Rufzeichens steht ein Punkt in der Sprechblase, 2) der Bommel an Pauls Mütze ist kleiner, 3) seine Hose ist rot, 4) der Schneemann hat eine kürzere Nase 5) und einen „Knopf“ mehr, 6) die Rauchfahne ist kürzer, 7) an einem Haus ist ein Fenster zu wenig 8) und an einem anderen eins zu viel, 9) an der Tragetasche ist der andere Henkel zu sehen und 10) ein Baguette in der Tasche ist länger.

Finde die 10 Unterschiede im rechten Bild. Viel Erfolg! Rätsel-Lösung: KREISEL

RÄTSEL | von Volker Dornemann

37


38 BODO GEHT AUS | von Sebastian Sellhorst | Fotos: Daniel Sadrowski

Mit Eis rechnet man im Dezember eher auf den Straßen als im Waffelhörnchen, doch Ende letzten Jahres gab es im Bochumer Stadtteil Ehrenfeld gleich beides. Mitte Dezember eröffneten dort Julia Bernecker und Kevin Kuhn ihre Szene-Eisdiele „Kugelpudel“.

Kugelpudel | Bochum Alles ohne Zusätze „Dann muss ich es halt selber machen!“ An der

gnern Raum geboten werden, die eigenen Ex-

Eisfachschule in Werl lernte die Fotografin, die

ponate auszustellen. Das optimale Netzwerk

bereits in Berlin Gastronomieerfahrung gesam-

dazu bringt Inhaber Kevin Kuhn bereits mit. Mit

melt hatte, das Handwerk des Eismachens.

seiner Veranstaltungsagentur „feel vergnuegen“ sorgt er bereits seit geraumer Zeit für spannen-

Seit Mai letzten Jahres haben Julia Berne-

de Events in Bochums Nachtleben.

cker und Kevin Kuhn, die auch privat ein Paar sind, renoviert, um aus den dunklen, niedri-

Auf die Frage, warum man eine Eisdiele im De-

gen Räumen der ehemaligen Gaststätte „Haus

zember eröffnet, habe er zwei Antworten, eine

Ehrenfeld“ ein helles und freundliches Café zu

wahre und eine schöne, so Kevin Kuhn. „Anders

machen. Möbel im „Upcycling“-Design verhel-

als so manch anderer Eisdielenbetreiber wollen

fen der Eisdiele zu ihrem unverwechselbaren

wir im Sommer statt im Winter Urlaub in Ita-

Charme. Egal, ob man es sich auf ehemaligen

lien machen“, erzählt er augenzwinkernd, ver-

Turngeräten gemütlich macht oder man seinen

schweigt aber dann doch nicht, dass es Verzöge-

Eisbecher auf einem Tisch aus alten Ofenble-

rungen bei den Renovierungsarbeiten gegeben

chen abstellt, klassisches Bistro-Mobiliar sucht

habe. Irgendwann sei dann der verrückte Eröff-

man im „Kugelpudel“ vergebens. Sogar eine

nungstermin Mitte Dezember zustandegekom-

„Kuschelecke“ mit Kissen lädt dazu ein, es sich

men. „Rückblickend gar nicht so schlimm“, freut

gemütlich zu machen.

sich Kevin Kuhn über die positive Resonanz der ersten Tage. (sese)

Vom Eis-Cocktail bis zur Rohkost-Torte ist dort alles ohne Farb- und Zusatzstoffe und in eigener

Schon am Tag der Eröffnung ließen sich reich-

Produktion zubereitet. Neben eher ausgefallenen

lich interessierte Kunden die ausgefallenen Eis-

Eissorten erinnert auch die Ausstattung im „Ku-

Kreationen wie Kürbiskern-Öl oder Winterapfel

Kugelpudel

gelpudel“ nicht im geringsten an die einer klas-

schmecken. Mit einem Kugelpreis von einem

Dibergstraße 2 | 44789 Bochum

sischen Eisdiele, sondern überrascht mit vielen

Euro liegt man preislich im oberen Mittelfeld

Mi. bis Do. und So. von 12 bis 22 Uhr

spannenden Design-Experimenten.

der Eisdielen. Viele der Zutaten für das Eis

Fr. bis Sa. von 12 bis 2 Uhr

kommen von einem befreundeten Bio-Hof. Die Das erste Mal auf die Idee, eine eigene Eisdiele

Eistheke ist zwar nicht so bunt, wie man es von

zu eröffnen, kam Julia Bernecker als sie vor zehn

anderen Eisdielen kennt, dafür fehlt aber auch

bodo verlost zwei Überraschungs-Eisbecher

Jahren ein Buch mit Eisrezepten in Händen hielt,

der Aushang mit den kennzeichnungspflichtigen

im Kugelpudel (siehe Seite 21).

aber viele der Sorten, die sie darin fand, in Eis-

Zusatzstoffen.

dielen nicht zu bekommen waren. Den Entschluss,

38

die eigene Eisdiele zu eröffnen, fasste sie, als sie

Doch nicht nur Gaumenfreuden soll es im „Ku-

aus Berlin nach Bochum kam und merkte, dass es

gelpudel“ geben. Bald sollen auch kleinere

in Bochum noch keine „gesunde“ Eisdiele gab.

Veranstaltungen stattfinden und jungen Desi-


39

Foto: Sebastian Sellhorst

LESERSEITE

bodo dankt:

Sparkasse Bochum Rainer Wiggeshoff, Charlotte Steinke, Bert Grollmann, Sabine Raddatz, Jochen Otto Ley, Petra Danielsen-Hardt, Petra Schäckermann, Silke Harborth, N. Vach De Lima Pinheiro, Hildegard Reinitz, Dolf Mehring, Timo Zimmermann, Ute Soth-Dykgers, Doris Buderus, Annette Düe, Elisabeth und Herbert Schwittay, Harald Gering, Melanie Rüting, Brigitte und Walter Reusse, Piratenpartei Deutschland, Ursula Höppner, Jutta Grundmann, Oliver Stiller, Gerta Lindner, Reinhard Hachenberger, Ursula Dierschke, Caritas-Konferenz St. Patrokli, Thomas Renner, Carsten Piel, Esther Hagemann, Marion und Frank Matzdorff, Andreas Happel, Dr. Rinnert Siemssen, Erika Maletz, Volker Schaika, Henrik Kahrmann, Elsemarie Bork, Peter Lasslop, Jutta und Wido Wagner, Hannerlore Thimm-Rasch, Christina Kolivopoulos, Klara Lehmann, Uwe Falke, Ingolf Joachimsmeier, Carila und Georg Schmidt, Susanne Hausdorf, Johannes Artmann, Klaus Heinemann, Triple Crown Gmbh, Horst Werner Wtölzig, Manfred Brehme, Dieter Brinker, Brigitte albach, Martin Iwanetzky, Dietmar Krehl, Armin Rau, Karin Thesing, Heinz-Dieter Höveler, Wouter Willem van Eijden, Annette und Reiner Kraft, Dr. Ilse und Dr. Heinz-Heinrich Sprenger, Ursula Glunz, Kerstom Walger, Ulrike Weinert, Marlies und Holger Firch, Claudia Gröhlich, Heinz Riedl, Liselotte und Gerd Schlitzer, Gertrud Rohrberg, Eva Kutschmann, Christian Ullmann, Claudia Hilt, Gabriele Meschonat, Dipl.-Ing. Eberhard Garburg, Ulrich Schwarz, Angelika Gebel, Margarete Kissing, Waltraud und Elrich Rodegro, Bärbel Pieper, Maria-Anna und Wolfgang Zepezauer, Olaf Jäkel, Erika Todzy, Martin Krug, Helmut Eder, Meike Mischo, Wilfried Haverkamp, Irene Röbrock, Irmela Witte, Kerstin Hilsmann, Heinz Josef Gockel, Irene Pelzer, Dr. Josef Balzer, Alexander Barbian-Steinfort, Michael Buddenberg, Helmut Buscha, Christian Chammings, Angelika Engelberg, Paul Engelen, Fabian Fluhme, Rolf Geers, Matthias Grigo, Grünbau GmbH, Britta Richter, Manfred Kater, Almuth Keller, Jutta Kemper, Helga Koester-Wais, Birgit Kuehn, Nicola Steinstrass, Wulfhild Tank, Felix Zulechner, Ingeborg Schumacher, Brigitte Sonntag, Gabriele Steinbrecher, Gabriela Schaefer, Hermann Schroeder, Christoph Roeper, Susanne Mildner, Barbara Meyer, Ute Michler, Ludwig Seitz, Bärbel Bals, Kerstin Bals, Karl Bongardt, Ralf Finke, Michael Stange, Nicole Goralski, Jörg Gruda, Erika Janssen, Marlis Lange, Arne Malmsheimer, Wolfgang Neuhaus, Ursula Remer, Daniela Schmitz, Nadja Schramm, Rainer Stücker, Thomas Terbeck, Linda Wotzlaw, Heinz Schildheuer, Thomas Schröder, Snezka Barle, Ute Börner, Bernd Ewers, Regina Höbel, Sandra und Friedrich Laker, Frank Siewert, Ilona Zarnowski, Rainer Biel, Udo Bormann, R. Dammer, Anita Diehn-Driessler, Christine Ferreau, Udo Greif, Rüdiger Haag, Elsbeth Heiart, Astrid Kaspar, Annette Krtizler, Ursula Machatschek, Lieselotte Markgraf, Jutta Meklenborg, Marlies und Eberhard Piclum, Sandra Rettemeyer, Inge Schaub, Dorothea Bomnüter, Petra Bloch, Ina und Arno Georg, Edith Link, Annemarie Meiling, Christain Scheer, Roswitha Wolf, Ulrike Bornemann, HansGeorg Schwinn, Isabell Bikowski-Gauchel, Peter Buning, A. und M. Dietz, Klaus-M. Kinzel, Annegret Malessa, Christine Weber, Monika Bender, Petra Bender, Eberhard Garburg, Jutta Haring, Lieselotte Koch, Katrin Lichtenstein, Ulrike Märkel, Gerd Pelzer, Renate Krökel, Klaus Kwetkat, Stefan Meyer, Carsten Klink, Thomas Olschowny, Daniela Gerull, Dieter Schibilski, Martin Scholz, Karl-Heinz Schwieger, Barbara Bokel, Sandra Wortmann, Annabell Preusler, Birgitt Kuhlmann, Dieter Zawodniak, Elisabeth Heymann-Roeder, Friederike Jansen, Dirk Schmiedeskamp, Sebastian Poschadel, Rita Pilenko, Margret und Hansjörg Sellhorst, Elisabeth HeymannRöder, Christian Bösterling, Linda Wotzlaw, Dagmar Drabandt, Christian Müller, Gerd Schlitzer, Johannes Sock

So sehen sie aus, unsere neuen Kapuzenpullover! Dank vieler Einzelspender bekommt jede Verkäuferin und jeder Verkäufer des Straßenmagazins einen warmen Pullover für den Winter. Ein weiterer Vorteil: Das leuchtende bodo-rot ist wohl kaum zu übersehen. Ganz bodo sagt: Danke!

LESERBRIEFE Liebe bodo-Redaktion, ich bin 1. regelmäßige bodoKäuferin und finde euer Projekt wichtig und gut, 2. bin ich Abonnentin der „Jungen Welt“. Für mich ist es

bei meinem nächsten Besuch im Ruhrgebiet ganz sicher nachholen. Bis dahin wünsche ich Ihnen eine besinnliche Weihnachtszeit und einen guten erfolgreichen Start in das Jahr 2013. Mit den besten Grüßen, Ute Schmidt

wichtig, dass es neben der weitgehend gleichgeschalte-

Sehr geehrte Redaktion, Ihr Interview mit dem Hinter-

ten neoliberalen Presse diese linke Tageszeitung gibt.

bliebenen Ibrahim Arslan und dem Dortmunder Künst-

Das muss man ja nicht so sehen, aber dass Ihr in Eurem

ler Murat Kayi zum Jahrestag des Anschlags in Mölln

launig-netten Bericht über die Frankfurter Buchmesse

hat mich sehr beeindruckt. Zu Ihrer Erinnerung: Am 29.

die „Junge Welt“ und die „Junge Freiheit“ gleichsetzt,

Mai 1993 erfolgte der erste Mordanschlag in Nordrhein-

hat mich wirklich geärgert. Und dann so nach dem Mot-

Westfalen, in Solingen, übrigens drei Tag nach der Ein-

to: „Ham‘ wir gelacht über diese Extremisten.“ Ihr zieht

schränkung des Asylrechts. Ich hoffe auch hier auf ein

keinen Trennungsstrich zur rechten faschistischen Szene

mutiges, selbstbestimmtes Gedenken, wie es die Hin-

und Presse. Das finde ich gefährlich und falsch. In dem

terbliebenen in Mölln erreicht haben. Vielleicht ist das

Punkt solltet in der bodo-Redaktion pingelig sein – so-

dann auch noch einmal Thema für Sie.

wieso, aber vielleicht besonders bei uns in Dortmund.

Mit freundlichen Grüßen, Hartmann

Alles Gute Euch, G. Brenner

Guten Abend, liebes bodo-Team! Eure Mädels und Jungs

Hallo bodos, als großer Paulo-Coelho-Fan habe ich mit

sehen gut in den Jacken aus, finde ich. Und warm schei-

Freude Eure Dezemberausgabe gelesen. Was für eine

nen sie auch zu sein ;-)) Christian Kure

schöne Geschichte. Besonders das Interview hat mir sehr gut gefallen. Leider konnte ich als Berlinerin die Zeitung

Schreiben Sie uns Ihre Meinung!

nicht bei einem Verkäufer auf der Straße kaufen, wie

bodo e.V. | Schwanenwall 36 – 38 | 44135 Dortmund

es ja eigentlich Sinn und Zweck ist. Das werde ich aber

oder eMail an: redaktion@bodoev.de

CARTOON | Idee und Zeichnung: Volker Dornemann

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bodo Januar 2013  

Die Januar-Ausgabe des Straßenmagazins

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