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1.80 Euro Januar 2012 | 90 Cent für den Verkäufer

bodo Das Straßenmagazin

04 | Adolf Winkelmann | Heimat, Theater, fliegende Bilder 08 | »Eva‘s Fahrt ins Paradies« | Historischer Jahrmarkt in der Jahrhunderthalle 14 | »Die Meinungsfreiheit gilt draußen« | Ein Besuch in der Thier-Galerie 21 | 16 Verlosungen | z.B. Geierabend 2012 – »Durch das wilde Ruhrdistan«

1


02 EDITORIAL

Liebe Leserinnen und Leser, willkommen zum ersten Straßenmagazin 2012!

berichten von seiner „Reise ins U“ im Dortmunder Schauspielhaus. Und auch in unserem Interview mit

Während einerseits gerade ein ereignisreiches und für uns durchaus erfolgreiches Jahr zu Ende gegangen ist, beginnt nun schon der nächste Countdown.

den Geierabend-Machern Günter Rückert und Martin Kaysh geht es u.a. um den Turm.

In den nächsten Winterwochen gibt es eine Menge

Dass wir Schwierigkeiten mit dem ECE-Einkaufszen-

zu tun, denn zum Frühlingsanfang möchten wir

trum Thier Galerie in Dortmund, der Platzhirsch-

schon einen weiteren Neubeginn hinter uns haben.

mentalität seiner Betreiber und der Unterwürfigkeit

Wenn Sie es noch nicht wissen: bodo zieht um!

von Stadt und Lokalpresse haben, hat sich vielleicht

Mehr als 30 Arbeitsplätze wandern vom Dortmunder Hafen zum Schwanenwall. Nicht jedeR bekommt

schon herumgesprochen. Seit dem Nikolaustag haben wir einen weiteren Grund dafür. Mein Text über den „scheinöffentlichen Raum“ Thier Galerie

einen eigenen Schreibtisch, aber allein der Umzug

(S.14) erschien zuerst bei den Ruhrbaronen und stieß

von Verwaltung, Teamleitungen und Redaktion ist kein Pappenstiel. Kein Vergleich jedoch zum Umzug unseres Buchladens und der Online-Buchbestände.

deutschlandweit auf große Resonanz. Den Dialog über öffentliche Räume und die Freiheit von Kunst und Presse möchten wir in diesem Jahr weiterführen.

Auch wenn viel auf uns zukommt: Wir freuen uns riesig auf die neuen Räume, den zentralen Standort

Neu in diesem Jahr sind zwei Kolumnen. Auf dem

und Möglichkeiten, die er bietet.

Platz, auf dem Perik Hillenbach zuletzt die Metropole Ruhr „buchstabierte“, präsentieren wir nun unter

Unsere Spendenaktion „Ein Dach, unter dem Platz für alle ist“ hat nun ein konkretes Ziel: Ihre Spenden ermöglichen uns, Renovierung, Neueinrichtung und Umzug zu finanzieren, Kosten, die wir im laufenden Betrieb einfach nicht aufbringen könnten.

dem Titel „Lesebühne“ Texte der lebendigen PoetrySlam- und Lesebühnenszene der Region. Den Anfang macht bodo-Langzeitkolumnistin Nina Mühlmann, u.a. Mitglied der Lesebühne „Guten Tacheles“. In der zweiten Kolumne gibt Rechtsanwalt René Boyke

Herzlich bedanken möchten wir uns bei allen, die

Tipps für den Umgang mit juristischen Fragen.

mit ihrer kleinen oder größeren Geldspende schon zum Gelingen dieses Projekts beigetragen haben. Ein schöner, vierstelliger Betrag ist bereits eingegangen und lässt uns zuversichtlich nach vorn schauen.

Wir freuen uns über Ihre Fragen, Ihr Lob und Ihre Kritik. Schreiben Sie uns oder besuchen Sie uns in uns in Bochum oder Dortmund. Und empfehlen Sie uns weiter: Je mehr LeserInnen bodo findet, desto

Vielen Dank!

mehr Menschen in Not kann unser Projekt helfen.

In diesem Heft liegt ein Schwerpunkt ungewöhnlicherweise beim Thema Kultur, genauer beim Leuchtturm und Finanzierungs-GAU Dortmunder U. Wir porträtieren den Mann hinter den lebenden

Ich wünsche Ihnen ein gutes 2012. Viele Grüße von bodo, Bastian Pütter – redaktion@bodoev.de

Bildern, den Filmemacher Adolf Winkelmann und

IMPRESSUM

2

BODO E.V. – SO ERREICHEN SIE UNS

Herausgeber und Verleger:

Autoren:

Redaktions- und Anzeigenschluss:

Vereinssitz:

bodo e.V.

René Boyke (rb), Wolfgang Kienast (wk),

für die Februar-Ausgabe 10.11.2012

Mallinckrodtstraße 270 | 44147 Dortmund

Mallinckrodtstraße 270 | 44147 Dortmund

Maike, Nina Mühlmann (nm), Marcus Preis

Anzeigen:

Post: Postfach 10 05 43 | 44005 Dortmund

Postanschrift:

(mp), Bastian Pütter (bp), Benedikt von

Es gilt die Anzeigenpreisliste Nr. 7

Internet:

Postfach 100543 | 44005 Dortmund

Randow (bvr), Rosi, Dr. Birgit Rumpel (biru),

gültig ab 01.03.2009

www.bodoev.de | www.facebook.com/bodoev

Redaktionsleitung und V.i.S.d.P.:

Sebastian Sellhorst (sese)

Vertriebe:

Vorstand:

Bastian Pütter | redaktion@bodoev.de

Fotos: Claudia Siekarski (S.2,3,4,5,7,10,11,

Mallinckrodtstraße 274 | 44135 Dortmund

Nicole Hölter | Brunhilde Dörscheln |

0231 – 98 22 98 18 | Fax 88 22 527

17,20,29,32,33,34,38), Rudi Schleifer (S.9),

0231 – 98 22 97 96

Andre Noll | vorstand@bodoev.de

Redaktionsanschrift:

Jahrhunderthalle Bochum (S.8), Schauspiel

Stühmeyerstraße 33 | 44787 Bochum

Geschäftsleitung | Verwaltung:

Mallinckrodtstraße 270 | 44147 Dortmund

Dortmund (S.12), pixelio.de (S.18), Rita Ka-

Veranstaltungskalender:

estner (S.3,14), Svenja Meyer (S.15), Sebas-

Der Abdruck von Veranstaltungshinweisen ist kos-

0231 – 98 22 97 96 | Fax 88 22 527

Benedikt von Randow (bvr) | info@bodoev.de

tian Sellhorst (S.39)

tenfrei, aber ohne Gewähr. Für unaufgefordert ein-

Redaktion | Öffentlichkeitsarbeit:

engel und agenten | info@bodoev.de

Titelbild: Claudia Siekarski

gesandte Fotos oder Manuskripte wird keine Haftung

Bastian Pütter | redaktion@bodoev.de

Layout und Produktion:

Zeichnungen + Cartoons: Volker Dornemann

übernommen. Das Recht auf Kürzung bleibt vorbehal-

0231 – 98 22 98 18 | Fax 88 22 527

Andre Noll | Büro für Kommunikationsdesign

Druck: Gebr. Lensing GmbH & Co. KG.

ten. Abdruck und Vervielfältigung von redaktionellen

Transporte | Haushaltsauflösungen:

0231 – 106 38 31 | info@lookatnoll.de

Auflage | Erscheinungsweise:

Beiträgen und Anzeigen bedürfen der ausdrückli-

Michael Tipp | transport@bodoev.de

Anzeigenleitung:

11.000 Exemplare

chen Genehmigung der Redaktion. Leserbriefe und

0231 – 88 22 825 | Fax 88 22 527

Bastian Pütter | redaktion@bodoev.de

Bochum, Dortmund und Umgebung

namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht

bodos Bücher online:

unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Gordon Smith | 0231 – 88 22 833

0231 – 98 22 98 18 | Fax 88 22 527

Tanja Walter | verein@bodoev.de

bodos Bücher | Modernes Antiquariat: Mallinckrodtstraße 270 | 44147 Dortmund Mo. – Fr. 11 – 18 Uhr Second-Hand-Laden Dortmund: Brunhilde Dörscheln | troedel@bodoev.de 0231 – 98 22 97 96 Mallinckrodtstraße 274 | 44147 Dortmund Di. – Do. 10 – 17 Uhr Verkäufercafé Dortmund: Mallinckrodtstraße 274 | 44147 Dortmund Mo. u. Fr. 10 – 13 Uhr | Di. – Do. 11 – 18 Uhr Anlaufstelle Bochum: Stühmeyerstraße 33 | 44787 Bochum Mo., Mi. und Fr. von 14 – 17 Uhr Di. und Do. von 10 – 13 Uhr Spendenkonten: Stadtsparkasse Dortmund BLZ: 440 501 99, Kto. 104 83 76 Sparkasse Bochum BLZ: 430 500 01, Kto. 10 406 254


03

INHALT

02 Editorial | Impressum 04 Menschen Adolf

Winkelmann von Dr. Birgit Rumpel

Der Dortmunder Filmregisseur Adolf Winkelmann ist einer der wenigen

Unser Titelbild der Januar-Ausgabe:

erfolgreichen Medienschaffenden, die dem Ruhrgebiet treu geblieben

Adolf Winkelmann (siehe S.4 und 12).

sind. Wir sprachen mit ihm über Heimatgefühle, Experimentierfreude und

Foto: Claudia Siekarski

fliegende Bilder. 06 Neues von bodo 07 Maikes Verkäufertagebuch 08 Straßenleben Historischer

Jahrmarkt von Marcus Preis

Bereits zum fünften Mal findet in Bochum der größte historische Jahrmarkt unter einem Dach in Europa statt. Die prachtvolle Jahrhunderthalle als Zeugnis vergangener Industriekultur liefert das perfekte Ambiente dieser

18 Der Kommentar Hilfe

für Neuzuwanderer von Bastian Pütter

Sie wurde bekämpft, kriminalisiert und für beendet erklärt, die Zuwanderung von EU-BürgerInnen aus Bulgarien und Rumänien. Nun nimmt sich Dortmund zaghaft der Neuzuwanderer an.

Sammlung alter Volksfestrelikte. Eines der Highlights ist eine Berg- und

18 News | Skotts Seitenhieb

Talbahn von 1939, die noch zu hundert Prozent aus Originalteilen besteht.

20 Lesebühne Schwarzfahren

10 Neues von Rosi | von bodo-Verkäuferin Rosi

in Herne von Nina Mühlmann

Vom Papier vor‘s Mikrofon auf‘s Papier. In unserer neuen Kolumne stellen wir Texte der lebendigen Poetry-Slam- und Lesebühnenszene der Region

11 Verkäufergeschichten Resi von Sebastian Sellhorst Die unterschiedlichsten Biografien führen zu bodo. Keine ist wie die andere, jede auf ihre Art und Weise außergewöhnlich. Unsere Wattenscheider Verkäuferin Resi hat sich die Zeit genommen, um uns ihre Geschichte zu erzählen.

vor. Den Anfang macht bodo-Langzeitkolumnistin Nina Mühlmann. 20 Kinotipp

Ich reise allein im endstation.kino

21 Veranstaltungskalender | Verlosungen | von Benedikt von Randow 28 Interview Die Kunst, das Ruhrgebiet und der Rest von Bastian Pütter

12 Recht Abmahnung von René Boyke Rechtsanwalt René Boyke gibt in dieser neuen Kolumne Rechtstipps. Erstes Thema: Was tun, wenn nach einem illegalen Download eine Abmahnung ins Haus flattert.

Günter Rückert ist bildender Künstler und Pionier der alternativen Theaterszene in Dortmund, Martin Kaysh ist Journalist, Autor und Kabarettist. – Und sie sind Regisseur und „Steiger“ beim Geierabend, der jährlich 17.000 Besucher nach Dortmund-Bövinghausen „auf Zeche“ lockt.

12 Kultur Winkelmanns

Reise ins U von Bastian Pütter

Mit 65 Jahren feiert der Regisseur sein Theaterdebüt, ein beeindruckendes, um es vorweg zu nehmen.

bodo ist zu Gast bei einer Steinstunde und lässt sich über die heilende Wirkung der unterschiedlichen Steinsorten aufklären. Allen Ernstes.

13 Wilde Kräuter Hagebutte_3 von Wolfgang Kienast Regionale Lebensmittel, die Untätigkeit der Verbraucherministerin, Milchprodukte von „Mark Brandenburg“ und ein Hagebuttengelee-Rezept. 14 Reportage Meinungsfreiheit von Bastian Pütter

36 Literatur Persilschein | Armut – Was ist das? gelesen von Bastian Pütter Ein großartiger historischer Kriminalroman aus dem Ruhrgebiet und ein kontroverses Sachbuch zur Armut in Deutschland, faktenreich und polemisch.

Wie der Sprechchor des Schauspiels Dortmund in die Thier-Galerie ging und versuchte, einen Text aufzusagen. Ein nicht nur unerfreulicher Besuch in

37 Rätsel | von Volker Dornemann 38 bodo geht aus Hardys von Wolfgang Kienast

Dortmunds größtem scheinöffentlichen Raum. 17 Soziale Initiativen „Her mit dem Sozialticket!“ von Sebastian Sellhorst Mit einem roten Button, der signalisieren soll, dass man bereit ist, mit dem eigenen Ticket innerhalb der rechtlichen Möglichkeiten eine weitere Person mitzunehmen, wirbt die Initiative „Her mit dem Sozialticket!“ für

Mit einem neuen Betreiber erwacht das Hardys aus dem Dornröschenschlaf. Endlich wieder eine funktionierende Studentenkneipe auf dem Bochumer Uni-Campus – mit viel Kultur und einer breit aufgestellten Gastronomie. Wolfgang Kienast war für uns da. 39 Leserbriefe | Cartoon

ein Sozialticket zum Preis von 15 Euro.

14

32 Reportage Bergkristall, Amethyst, Rosenquarz von Wolfgang Kienast

28

11

32

04

3


04 MENSCHEN | von Dr. Birgit Rumpel | Fotos: Claudia Siekarski

Adolf Winkelmann Vom Experimentalfilmer zum Eulenspiegel Der Dortmunder Filmregisseur Adolf Winkelmann ist einer der wenigen erfolgreichen Medienschaffenden, die dem Ruhrgebiet treu geblieben sind. Wir sprachen mit ihm über Heimatgefühle, Experimentierfreude und fliegende Bilder. Eine Woche vor der Premiere seines ersten Theaterstücks, die Pressetermine häufen sich. Wir treffen Adolf Winkelmann im Bistro des Schauspielhauses. Man merkt, dass er gerade aus der Theaterprobe kommt: Auch die Bühne für unser Interview wird wie nebenbei inszeniert: Hier der Sessel, den kleinen Beistelltisch bitte daneben, darauf den Kaffee – ohne Zucker, aber mit Milch. Dann kann es losgehen. „Ich habe mich schon immer danach gesehnt, Theater zu machen“, gibt er zu. Dass er damit im Rentenalter anfängt, passt zu ihm, der ständig Neues lernen will und die Abwechslung sucht. „Die Regiearbeit ist deutlich anders als beim Film. Da habe ich am Ende des Tages ein Ergebnis, das mir keiner mehr wegnehmen kann. Hier im Theater muss alles immer wieder neu entstehen, die Schauspieler müssen sich jeden Tag in die Rolle einfinden.“ Das erfordert Umdenken beim Inszenieren, denn man startet immer wieder bei Null. „Mit 13 Jahren habe ich zum ersten Mal den Auslöser einer Filmkamera gedrückt. Seitdem habe ich Filme gemacht“, fasst der 65jährige sein Filmschaffen zusammen. Doch dabei wird noch nicht deutlich, wie vielfältig seine Arbeiten sind. Die experimentellen Filme der Anfangsjahre waren nicht allein dem jugendlichen Revoluzzertum geschuldet. „Ich wollte einfach das Medium kennenlernen; lernen, wie es geht, vieles ausprobieren und besser machen als das, was es schon gab.“ Es folgten Dokumentarfilme, (Ruhrgebiets-)Komödien, Agententhriller und schließlich der TV-Zweiteiler Contergan, mit dem 2007 die Diskussion um die unzureichenden Entschädigungszahlungen an die Opfer des Pharmaskandals der 1960er Jahre neu belebt wurde. Nahezu jeder Winkelmann-Film wurde mit einem oder mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter mehrere Deutsche Filmpreise und zweimal der Adolf-Grimme-Preis. Macht ihn das erfolgsverwöhnt? „Das ist keine einfache Sache. Wenn man erstmal den Grimme-Preis hat, ruft keiner mehr an. Man bekommt keine Aufträge, die Leu4


05

te trauen sich nicht mehr.“ Die Kehrseite der

Als er während des U-Turm-Umbaus gefragt wurde,

Mit weiteren Installationen im Inneren des Ge-

Medaille. Hinzu kommt das breite Spektrum sei-

ob ihm dazu etwas einfalle, dauerte es nicht lan-

bäudes hat Winkelmann seinen Beitrag zur künst-

ner Filme, die es schwer machen, ihn in eine

ge. Winkelmann, der im Schatten des ehemaligen

lerischen Gestaltung geleistet. „Das Ganze war in

Schublade zu stecken. „Mein Problem war im-

Brauerei-Kühlturms aufwuchs, reflektierte seine

etwa mit dem Aufwand für eine Filmproduktion

mer, dass ich mich schnell gelangweilt habe“,

jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Medium

vergleichbar“, schätzt er. Dabei scheint ihn nicht

gibt er zu. Sobald ein Genre ausgekundschaftet

Film und dessen Entwicklung. „Heute springen ei-

nur die künstlerische Arbeit beschäftigt zu haben,

und abgearbeitet ist, muss etwas Neues her –

nem doch überall Bilder entgegen: auf der Straße,

sondern auch die Absurditäten, die eine kommuna-

immer mit der Maßgabe, der nächste Film muss

in der U-Bahn, selbst aus dem Handy“, beklagt er.

le Verwaltung und sogenannte Kulturmanager bei

besser werden als der letzte.

„Aber immer wollen die etwas von einem, man ist

einem solchen Mammutprojekt produziert. „Stoff

genervt und entwickelt Strategien, dem zu ent-

für einen Heimatfilm“ nannte Winkelmann seine Er-

Erstaunlich, dass er die ganze Zeit seiner Heimat

gehen.“ Mit seinen fliegenden Bildern will er den

lebnisse in einem früheren Interview. Gemeinsam

treu geblieben ist und nicht in eine der Medienme-

Spieß umdrehen: bewegte Bilder so in den öffent-

mit seinem Jugendfreund, dem Autor und Drama-

tropolen gezogen ist. „Eigentlich fragt man sich

lichen Raum setzen, dass die Menschen nicht weg-

turg Jost Krüger hat er sie zu einem Buch verarbei-

doch jeden Tag, warum man noch hier ist“, grü-

sondern hinschauen. „Es sollte groß und von vielen

tet, das er nun auch für das Theater umgesetzt hat:

belt er (und denkt dabei vielleicht an „Die Abfah-

Stellen aus sichtbar sein. Die Menschen sollen zum

„Winkelmanns Reise ins U“.

rer“). „Aber wenn man morgens aus der Haustür

Hinschauen angeregt werden, sich mit den Bildern

kommt, dann weiß man, warum man noch da ist:

auseinandersetzen, darüber reden. Sie sollen nach

Als Abrechnung mit den Verantwortlichen ist seine

Weil sich das wirkliche Leben hier abspielt.“ Ihm

der Realität hinter den Bildern suchen“, beschreibt

Mischung aus Fiktion und Erlebtem aber wohl nicht

geht es um die Menschen, die hier leben, in einer

er die Idee der fliegenden Bilder am U-Turm.

zu verstehen. „Ich mache ja eigentlich nichts, ich

Gegend mit einzigartiger Migrationsgeschichte.

halte nur den Spiegel hin. Das ist auch eine ernste

Es folgt ein Exkurs über die Industriegeschichte

Das Konzept scheint aufzugehen, wie man regelm��-

Sache“, beteuert er. Schließlich bekommt nicht nur

an der Ruhr, der erkennen lässt, dass Winkelmann

ßig an den zahlreichen Schaulustigen in der Umge-

die Stadt den Spiegel hingehalten, sondern auch

sich eher als Ruhrgebietsmensch fühlt denn als

bung der Dauerbaustelle sieht. Dass sich bereits ein

die Künstler und nicht zuletzt auch ein gewisser

Dortmunder. Heimatgefühle will er nicht so direkt

„Verein der Freunde der U-Turm-Bilderuhr“ gegründet

Winkelmann. (biru)

zugeben, „aber irgendwie hat es schon etwas mit

hat, amüsiert Winkelmann. „Ja, ich habe davon ge-

Liebe zu tun.“ Sonst wären Filme wie „Nordkurve“

hört, und ich bin mal gespannt, wie der Turm dar-

nicht möglich gewesen, das hätte keiner von au-

auf reagiert“, deutet er verschmitzt an. Denn er (der

ßerhalb machen können. „So wirklich die Wahrheit

Turm) führt mittlerweile ein Eigenleben, er bestimmt

darf man nur dem sagen, den man liebt.“

selbst, wann was zu sehen ist. Sagt Winkelmann. 5


06

NEUES VON BODO | www.bodoev.de | www.facebook.com/bodoev

Bücher in Bochum

Herne, Witten, Unna

Mit der Annahme, Sortierung, Bewertung und

Arme und wohnungslose Menschen sind in ihrer

dem Verkauf von Buchspenden schaffen wir Stel-

Mobilität besonders eingeschränkt. Der Regel-

len, qualifizieren und bilden aus. Neben dem

satz sieht maximal vier Fahrten in der Preisstufe

Verwaltung

Dortmunder Buchladen finden unsere Bücher auf

A hin und zurück vor. Das Überfahren von Stadt-

Brigitte Cordes

den großen Internetportalen und auf Buchmärk-

und Tarifgrenzen verursacht hingegen kaum auf-

info@bodoev.de

ten neue Besitzer.

zubringende Kosten.

Mitte Dezember probierten wir einen neuen Weg

Aus diesem Grund bemühen wir uns verstärkt um zu-

aus, LeserInnen und Bücher zueinander zu bringen.

sätzliche Ausgabestellen für das Straßenmagazin, die

In Kooperation mit dem Verein University meets

den Zugang zu unserem Angebot erleichtern. Wir freu-

Queerenburg (UmQ) eröffneten wir im Bochumer

en uns, dass wir nun auch Ausgabestellen in Herne und

Unicenter einen „temporären Buchladen“.

in Witten haben. In Witten kooperieren wir mit der Ta-

bodo ist für Sie da montags bis freitags von 9 bis 16 Uhr unter dieser zentralen Rufnummer: 0231 – 98 22 97 96 Mail: info@bodoev.de | Fax: 0231 – 88 22 527

Geschäftsleitung Tanja Walter verein@bodoev.de

Redaktion und Öffentlichkeitsarbeit Bastian Pütter redaktion@bodoev.de

Zwei Tage lang konnten die BesucherInnen in 5.000 erstklassigen gebrauchten Büchern stöbern. Und weil es Weihnachten war, bestimmten den Preis für ihre

fel. In der Herbeder Strasse 22 können bodo-Verkäuferinnen und -Verkäufern Zeitungen holen, Interessierte können sich informieren und Termine zum Ausstellen eines Verkaufsausweises machen, wenn der Weg nach

Vertrieb

Bücher unsere KundInnen selbst. Heraus kam eine er-

Oliver Philipp

freulich gut gefüllte (Spenden-)Kasse, viel Nachschub

vertrieb@bodoev.de

in Querenburger Bücherregalen und ein Modell für die

In Herne hat sich durch die Vermittlung unseres Eu-

Zukunft. Auch für 2012 können wir uns Kurzzeitnut-

ropaabgeordneten Jürgen Klute das Büro der Partei

zungen von Ladenlokalen vorstellen. Wir freuen uns

die Linke in der Hauptstraße 181 bereiterklärt, Zei-

auf Ihre Ideen – und bis dahin auf Ihren Besuch in

tungen an unsere Herner Verkäuferinnen und Ver-

unserem Buchladen und in unseren Online-Shops.

käufer auszugeben. Vielen Dank dafür!

Von montags bis freitags sind wir von 11 bis 18 Uhr

Mit der Tagesstätte für Wohnungslose der Caritas in

an der Mallinckrodtstraße für Sie da, Buch- und Sach-

der Hansastraße 6 in Unna haben wir darüber hinaus

spenden nehmen wir auch gerne in der Stühmeyer-

weiterhin eine Ausgabestelle östlich von Dortmund.

straße 33 in Bochum entgegen. Vielen Dank!

Wir freuen uns, wenn Sie Menschen auf der Straße

Projekt Buch Suzanne Präkelt buch@bodoev.de

auch von diesen Angeboten erzählen.

Buch Online Gordon Smith

Bochum oder Dortmund zu weit ist.

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basar@bodoev.de

Projekt Transport

bodo schafft Chancen

Michael Tipp transport@bodoev.de

Second Hand Brunhilde Dörscheln info@bodoev.de Oder Sie besuchen uns: Mallinckrodtstraße 270 | 44147 Dortmund

Haushaltsauflösungen Transporte und Umzugshilfen

Mo. bis Fr. 11 – 18 Uhr Stühmeyerstraße 33 | 44787 Bochum Mo., Mi. u. Fr. 14 – 17 Uhr

6 Di. u. Do. 10 – 13 Uhr

transport@bodoev.de | 0231 – 88 22 825


MAIKES VERKÄUFERTAGEBUCH

07

Das werden sie, unsere neuen Räume

Hallo liebe bodo Leser, wenn Ihr diese Ausgabe der bodo in den Händen haltet, ist es schon der Monat Januar und das Jahr 2012. Wie die Zeit vergeht. Manches wäre gestern, wo Jahre entlang eilen. Was soll‘s. Nun zum bodoTagebuch.

5. November Bin eben nach Hause gekommen und such-

bodo ab März am Schwanenwall 36 – 38

te Haus- und Wohnungsschlüssel raus. Auf

Im Dezember hatten wir mit der Aktion „Ein Dach, unter dem Platz für alle ist“ zu Spenden aufgerufen,

erst es käme vom Feld, stattdessen kam es

einmal: „Schnatter, Schnatter.“ Dachte

die helfen sollen, einen Umzug unseres Vereinssitzes zu finanzieren – im Sinne unserer Zeitungsverkäu-

aus der Luft, gut 500m lang in mehreren

fer, unserer Mitarbeiter und im Sinne des nachhaltigen Erfolges unserer Beschäftigungsprojekte. Wir

Bögen. Ein Vogelschwarm von Reihern, die

danken allen, die uns bisher und zukünftig unterstützen und können Ihnen nun zeigen, wohin es gehen

gen Süden flogen.

wird: bodo zieht zum Schwanenwall 36 – 38, nur wenige Fußminuten von der Reinoldikirche entfernt.

12. November Auch heute war wieder ein Vogelschwarm zu

Am Ende ging es ganz schnell. Die Entscheidung,

Unsere Verkäuferinnen und Verkäufer werden den

unser altes Domizil an der Mallinckrodtstraße ge-

beschwerlichen Fußmarsch zum Hafen nicht mehr

gen eine zentralere Lage einzutauschen, hatte der

auf sich nehmen müssen. Große Freude löst die

13. November

Verein schon vor einiger Zeit getroffen – wir pass-

neue Adresse aber auch bei unserem Buch-Team

War heute den ganzen Tag nebelig. Gott

ten einfach nicht mehr hinein, in die vor zehn Jah-

und vor allem unseren Auszubildenden aus. Der

sei Dank ist heute mein Erholungstag und

ren angemieteten Räume.

neue Buchladen wird hoffentlich auf der Route so

brauchte nicht raus.

manchen Citybummels liegen. Dutzende ParkplätAußer auf mehr Platz hofften wir auf eine bessere

ze erleichtern das Anliefern von Buchspenden. Wir

Erreichbarkeit, Parkplätze vor der Tür, Barrierefrei-

glauben, dass allein diese Umstände das Projekt

heit und trotz allem eine vertretbare Miete. Meh-

auf finanziell sicherere Füße stellen.

rere Immobilien vor allem im Brückstraßenviertel

beobachten. War und sah sehr schön aus.

15. November Heute war mein Augenarzttermin. Den musste ich sausen lassen, weil ich auf einmal in den Mittagsstunden gebrochen habe. Da hieß es sofort ab nach Hause.

haben wir uns angesehen, bei der Adresse Schwa-

Dazu kommt, dass wir uns freuen, einfach näher

nenwall 36 – 38 passte (fast) alles: In das große

dran zu sein, näher am Geschehen in der City, bei

17. November

Ladenlokal gegenüber des Fritz-Henßler-Hauses

Politik, Verwaltung, Hilfseinrichtungen und Part-

Schon wieder die Zeit zwischen zwei Ter-

auf der inneren Wallseite wird unser Buchladen

nern und trotzdem nur eine Straßenüberquerung

minen vorbei. Wie die Zeit vergeht. Wie?

einziehen. Ebenfalls im Erdgeschoss: das gesamte

von der Nordstadt entfernt, an der wir hängen und

Was? Ach ja. Heute ist Fußpflegetermin.

Buch-Projekt mit Sortierplätzen, antiquarischen

mit der und für die wir uns weiter engagieren.

Büchern, dem Onlinebereich und natürlich die Zei-

27. November Bin heute zum Ersten Advent in der Kirche

tungsausgabe. Über eine Wendeltreppe im Laden

Bis dahin ist jedoch noch viel zu tun. Der Umzug

und über das Treppenhaus mit Aufzug erreicht man

von 15.000 katalogisierten Büchern und einer gan-

die Büroetage mit Verwaltung, unserer Redaktion,

zen Verwaltungsetage ist ein logistischer Kraftakt

der jeweiligen Projektkoordination und dem Auf-

– und ein teurer Spaß. Wir werden renovieren, eine

30. November

enthaltsraum für Verkäufer und unser Transport-

neue Ladeneinrichtung benötigen und eine ganze

Wieder ein Monat vorbei und Weihnach-

Team. Alles unter einem Dach. Auf unserer Inter-

Büroetage einrichten müssen. Unser Transport-

ten steht vor der Tür. Und heute ist Ver-

netseite finden Sie einen kleinen Film.

Team wird über einen ganzen Zeitraum keine exter-

käuferversammlung. Nun werden wir ja

nen Aufträge annehmen können und der Buchbe-

sehen, was es alles so an Themen zu dis-

reich eine Umstellungspause brauchen.

kutieren gibt.

Endlich werden wir Platz für genügend Schreibtische haben, und sogar Bürotüren, die wir hinter uns schließen können – bisher herrscht bei uns ein

Doch mit Ihrer Hilfe haben wir bald „Ein Dach, un-

einziger Durchgangsverkehr und meist finden wir

ter dem Platz für alle ist“. Vielen Dank!

nur sehr früh morgens oder abends konzentrationsfördernde Ruhe.

Sparkasse Dortmund

gewesen. Mit Adventsfeier und gemütlichem Beisammensein.

Nun wünsche ich euch allen ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest sowie ein frohes neues Jahr 2012. Eure bodo-Verkäuferin Maike

BLZ 440 501 99 | Konto-Nr. 104 83 76 7


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STRASSENLEBEN | von Marcus Preis | Fotos: Jahrhunderthalle Bochum · Rudi Schleifer

»Eva´s Fahrt ins Paradies«

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Ein Karussell erwacht aus dem Dornröschenschlaf Bereits zum fünften Mal findet in Bochum der größte historische Jahrmarkt unter einem Dach in Europa statt. Die prachtvolle Jahrhunderthalle als Zeugnis vergangener Industriekultur liefert das perfekte Ambiente dieser Sammlung alter Volksfestrelikte. Eines der Highlights ist eine Berg- und Talbahn von 1939, die noch zu hundert Prozent aus Originalteilen besteht.

Höher, schneller, weiter. Während die großen Frei-

Einst war Neustadt an der Orla in Thüringen be-

zeitparks um immer gigantischere Achterbahnen

kannt für seine Karussellindustrie. Bei den Re-

wetteifern, versuchen auch die Schausteller, die

cherchen für ein Buch darüber stieß die Autorin

Kirmesbesucher mit immer atemberaubenderen

Susanne Fredebeul auf eine Berg- und Talbahn

Fahrgeschäften auf die Festplätze zu locken. Bei

aus dem Jahr 1939, die seit fünf Jahrzehnten in

stetig steigenden Energie- und Benzinkosten be-

einem Schuppen eingemottet war. Schausteller

dient sich die Karussellbauindustrie modernster

Rudi Schleifer erfuhr durch Zufall davon: „Bei

Technik, um spektakuläre Fahrgeschäfte in kom-

einem Besuch bei Susanne sah ich die Fotos der

pakter Bauweise mit möglichst wenig Transport-

Bahn, die mich sofort faszinierten.“ Schleifer

anhängern bauen zu können. Bei den erzielten

nahm umgehend den Kontakt zum Besitzer auf,

Fahrabläufen werden die Gäste mit dem Mehrfachen ihres eigenen Körpergewichtes belastet. Optimal für echte Adrenalinjunkies, aber nichts für schwache Nerven. Dem gegenüber steht die steigende Zahl an mittelalterlichen Festen und Bauernmärkten. In unserer von Neonreklame und LED-Lichttechnik übersättigten Welt sehnen sich die Menschen zurück nach den Ursprüngen der Volksfeste. Die Schausteller haben den Nostalgietrend erkannt. Mit vollem Engagement kümmert sich die von ihnen gegründete „Historische Gesellschaft“ um die Rettung und den Erhalt alter Karussellanlagen und Holzbuden, um sie auf historischen Jahrmärkten wieder zu präsentieren. Die Renaissance von „Eva´s Fahrt ins Paradies“ bildet die spektakulärste Wiederinbetriebnahme eines Fahrge-

dessen Vater das Karussell Anfang der 50er Jah-

schäftes der letzten Jahre. Der Schaustellerfami-

re fein säuberlich eingelagert hatte. Damals zog

lie Schleifer ist es gelungen, ein über 50 Jahre

er es vor, anstelle der Berg- und Talbahn lieber

eingelagertes Karussell aus dem Dornröschen-

mit einem neu erworbenen Autoskooter und ei-

schlaf zu erwecken. Familie Schleifer verfügt über

nem Kettenkarussell zu reisen. Jüngst hatte der

jahrzehntelange Erfahrung mit historischen Fahr-

Besitzer das Karussell bereits der Stadt Neu-

geschäften. In ihrem Besitz befinden sich zwei

stadt angeboten, um es dem dortigen Heimat-

sogenannte Bodenmühlen, alte Pferdekarussells,

museum zukommen zu lassen. Doch dort zeigte

beide weit über 100 Jahre alt. Bei einer Boden-

man sich nicht interessiert.

mühle ist das Karussell auf einem Mittelmast aufgelegt, früher wurden sie entweder mit Pferdekraft oder mit Dampfmaschinen angetrieben.

9


10

NEUES VON ROSI | von bodo-Verkäuferin Rosi

„Mir war sofort klar, dass die ,Fahrt ins Para-

Nach einer Restaurierungszeit von sieben Jah-

dies‘ unbedingt erhalten werden musste, da sich

ren konnte Familie Schleifer im Sommer 2010

alles in einem hervorragenden Originalzustand

auf der Anna-Kirmes in Düren die Wiedergeburt

befand und ich überzeugt war, dass kein ver-

feiern und der Öffentlichkeit ihr Schmuckstück

gleichbares Karussell die Zeit überdauert hat“,

präsentieren. Schaustellerkollegen und Besucher

berichtet Schleifer. In der Not der beiden Welt-

waren begeistert. Man bekam sogar eine Zusage

kriege dienten zahlreiche Karussells als Brenn-

für das Oktoberfest in München, was normaler-

holzreservoirs und wurden von den Schaustel-

weise überwiegend einheimischen Schaustellern

lern verbrannt, um die Winter zu durchstehen.

vorbehalten ist.

Auch die gesamte Konstruktion von „Eva´s Fahrt

Liebe Leserinnen und Leser, jetzt sind alle Fenster geschmückt. Überall funkelt es in allen Farben in den Fenstern. Es ist so romantisch, wenn man abends spazieren geht, wie die Häuser geschmückt sind. Sie sehen

ins Paradies“ besteht aus Holz, sowohl die Fahr-

Im Sommer letzten Jahres wurde Familie Schlei-

bahn als auch der Antrieb. Alle Teile wurden aus

fer mit dem FKF-Award ausgezeichnet, ein Preis

dem Schuppen geborgen und in die Firmenhalle

europäischer Kirmesfans. „Eine Fahrt in ,Eva´s

Waren Sie schon zum Winterleuchten

nach Zülpich bei Düren gebracht. Dabei konnte

Fahrt ins Paradies‘ entspricht einer Zeitreise

im Westfalenpark? Es ist wieder mal

zur Freude festgestellt werden, dass alle Teile

zurück in die Anfänge der Karussellfahrt“, so

ein tolles Erlebnis. Wir sind mit der

vorhanden waren. Vor Beginn der umfangrei-

hieß es in der Laudatio. Zum Karussell erwarb

Kleinbahn gefahren. Man kommt sich

chen Restaurierungsarbeiten holte sich Fami-

Schleifer noch eine umfangreiche Sammlung al-

vor wie im Märchen.

lie Schleifer zunächst den fachlichen Rat des

ter Schellackplatten sowie einen ganzen Schuh-

TÜV Rheinland hinzu. „Der zuständige Ingeni-

karton voller alter Fahrkarten. Im Kleidungsstil

eur staunte und beteuerte, noch nie in seinem

der 30er Jahre betreiben die Schleifers nun ihr

Leben ein vergleichbares Karussell gesehen zu

Geschäft. Über ein altes Bakelit-Mikrofon schallt

haben.“ Er bescheinigte, dass der Restaurierung

es: „Eine humoristische Tempofahrt.“ Einst wie

mit der späteren Wiederinbetriebnahme nichts

heute. Und Achtung, Achtung: Abends mit Be-

im Wege stehen würde.

leuchtung!

Unter Anleitung eines professionellen Restaura-

INFO

das Christkind vor der Tür. Dann ist

tors wurden in mühevoller Kleinarbeit alle Bautei-

5. Historischer Jahrmarkt

Weihnachten vorbei und es geht das

le von alten Lackschichten gereinigt, schadhaftes

in der Jahrhunderthalle Bochum

Jahr dem Ende zu und Silvester eilt

Holz wurde ersetzt, alles neu verleimt und la-

28. + 29.1. und 4. + 5.2. 2012

herbei. Dann haben wir das Jahr 2012.

ckiert. Besonders auffallend an dem Geschäft sind

Einlass jeweils ab 11 Uhr

Wir wird das neue Jahr beginnen und

aus wie im Märchen.

Die Einkäufe habe ich nun auch hinter mir. Für jeden eine Kleinigkeit. Wichtig ist doch, dass die Familie zusammenhält und alle gesund sind. So sehe ich das. Am Sonntag ist schon der zweite Advent, dann drei, dann vier, dann steht

die schmuckvollen Figuren und Malereien, die an den Jugendstil erinnern. Mit viel Liebe zum Detail wurden sie aufwendig gereinigt und ausgebessert. Sämtliche Kabel wurden erneuert und die Elektrik nach heutigen Bestimmungen neu installiert.

ANZEIGEN

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was wird sich verändern? bodo verlost 3 x 2 Eintrittskarten (s.S.21)

Wir wünschen uns ein friedliches und gesundes neues Jahr. Ihre Rosi


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VERKÄUFERPORTRÄT | von Sebastian Sellhorst | Foto: Claudia Siekarski

Mit Resi und Lizzy in Bochum-Wattenscheid

»Ich lass‘ mich nicht unterkriegen.« Die unterschiedlichsten Biografien führen zu

vorgestellt habe. Wahrscheinlich suchten die meisten

Nach zwölf Jahren als Jockey zwingen sie gesund-

bodo. Keine ist wie die andere, jede auf ihre

Tierärzte damals jemanden, der etwas kräftiger ist, und

heitliche Probleme dazu, beruflich kürzer zu treten.

Art und Weise außergewöhnlich. Unsere Watten-

mit meinen 1,51 bin ich ja eher schmächtig“, erzählt

„Mein Arzt sagte mir, ich müsse meinen Beruf an

scheider Verkäuferin Resi hat sich die Zeit ge-

die 58jährige. Da sie sich aber nicht von ihrem Vor-

den Nagel hängen. Und einen normalen Beruf, ganz

nommen, um uns ihre Geschichte zu erzählen.

haben, mit Tieren zu arbeiten, abbringen lassen will,

ohne Tiere, konnte ich mir damals gar nicht vorstel-

schlägt sie einen recht ungewöhnlichen Berufsweg ein.

len. So habe ich 1985 dann doch noch eine Umschu-

Wir treffen Resi an ihrem Verkaufsplatz vor einem

„Als das mit den Tierärzten nicht klappte, habe ich eine

lung zur Tierarzthelferin begonnen“, erinnert sich

Supermarkt in Wattenscheids Innenstadt. Doch sie

Ausbildung zum Jockey begonnen. Da war meine Größe

Resi. Es folgt eine Zeit mit unterschiedlichen Jobs.

kommt nicht allein. Nicht von ihrer Seite weicht

dann kein Hindernis mehr, sondern Voraussetzung“, er-

In einer Wäscherei, im Getränkemarkt, in der Fabrik.

Mischlingshündin Lizzy. Gemeinsam verkaufen sie

zählt sie mit einem Lächeln auf den Lippen.

Sie habe so einiges gemacht in der Zeit.

magazin. In einem nahegelegenen Café fängt Resi,

In den kommenden Jahren arbeitet und lebt sie als

Durch ihre gesundheitlichen Probleme wird sie 1994

die eigentlich Theresia heißt, an zu erzählen.

Trainingsjockey. Sie trainiert, betreut und pflegt

arbeitslos. „Einige Zeit später wurde ich alkoholkrank.

Rennpferde. „Das war kein einfacher Beruf. Meist ist

2007 habe ich dann eine zehnmonatige Therapie ge-

„Ich bin gebürtige Dortmunderin. Nach der Schule

man den ganzen Tag im Einsatz, oft auch an den Wo-

macht. Seitdem bin ich trocken. Das war eine furcht-

wollte ich eigentlich Tierpflegerin werden, aber das

chenenden. Aber mir hat es immer Spaß gemacht“,

bare Zeit. Aber, seit ich hier bin, habe ich ein neues

hat damals leider nicht so geklappt, wie ich mir das

berichtet sie wehmütig.

Leben angefangen und packe den Stoff nicht mehr an.“

hier fast täglich für ein paar Stunden das Straßen-

Zu bodo stößt sie 2008. Ihr damaliger Freund habe sie auf das Angebot aufmerksam gemacht. Am Anfang sei es noch etwas schwierig gewesen. „Viele Leute haben einen totalen Tunnelblick und bemerken einen gar nicht“, klagt sie. Aber es gäbe auch viele nette Stammkunden. „Mit dem bodo-Geld kann ich mir auch ab und zu mal was leisten. Letztes Jahr habe ich mir eine Nähmaschine gekauft. Damit mache ich ein bisschen Änderungsschneiderei für mich und meine Freunde und für den Hund habe ich mal eine Decke genäht, mit bodo-Schriftzug natürlich.“ Ihre Hündin Lizzy spielt eine wichtige Rolle und ist immer mit dabei, wenn Rosi an ihrem Verkaufsplatz auf Kunden wartet. „Oft wird mir vorgeworfen, ich hätte den Hund nur, um Mitleid zu erregen, aber das ist Quatsch. Ich fühl‘ mich einfach nur viel wohler, wenn die Lizzy mit dabei ist.“ Auf die Frage, was sie sich für die Zukunft wünsche, antwortet sie nüchtern: „Gesundheit. Und dass ich vielleicht mal wieder einen netten Partner finde, mit dem ich zusammen das Leben genießen kann. Aber das klappt schon. Ich lass‘ mich nicht unterkriegen.“ (sese)

Resi, Bochum-Wattenscheid Seit 16 Jahren gehören das Straßenmagazin und seine Verkäufer zum Straßenbild in Bochum, Dortmund und Umgebung. Viele haben feste Verkaufsplätze und einen eigenen Kundenstamm. Manche sind schon seit Jahren bei uns, andere nur auf der Durchreise. Für alle jedoch ist der Verkauf des Straßenmagazins eine Arbeit, die Halt gibt und Selbstbewusstsein schafft. bodo stellt regelmäßig einen Verkäufer vor.

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RECHT | von Rechtsanwalt René Boyke

KULTUR | von Bastian Pütter | Fotos: Schauspiel Dortmund

Spott und Aura

Täglich grüßt die Abmahnung In der ersten Ausgabe 2012 geht es in unserer neuen Kolumne um das Thema Abmah-

Adolf Winkelmanns Reise ins Dortmunder Schauspielhaus

nung nach einem illegalen Download. Mein Mandant kam mit einem Abmahnschreiben zu mir. Er sollte Lieder eines Künstlers aus dem Internet geladen haben. Die Schuldige war schnell gefunden: seine Tochter. Weil er ihr immer gesagt hatte, dass dies nicht erlaubt sei, sollte sie den Schaden nun auch tragen, immerhin verdiene sie ja gar nicht schlecht und aus Fehlern lerne man schließlich. Zähneknirschend zahlte sie die geforderten 850 Euro und versprach, kein Lied mehr runterzuladen. Ein paar Wochen später flatterte wieder ein

2046. Das Dortmunder U ragt aus einer Sanddü-

ansieht. Pia Maria Mackerts großartiges Bühnen-

ne, die Dortmund verschlungen hat. Lange schon

bild hält Schauspieler und Bühnentechnik in Be-

war es für das Publikum geschlossen und umge-

wegung, Videoprojektionen – natürlich – integrie-

wandelt in das „Amt für Angelegenheiten des

ren sich in das Spiel oder schaffen überwältigende

Dortmunder U“. Viele hundert Meter tiefer, in

Bilder, deren Perfektion auf den akribischen Film-

der U-Stadt, kopieren Angestellte für den Nach-

arbeiter Winkelmann verweist. Mehr als einmal

ruhm der Kommune. Auch wenn alles verschwin-

geht ein Raunen durchs Premierenpublikum.

det, die Akten der Stadtverwaltung bleiben der Nachwelt erhalten. Dortmund wird überleben.

Lauter wird es bei den klaren Bezügen zu Dortmunder Realitäten, das Publikum geht mit. „Das

Adolf Winkelmann ist einer der wenigen, die nicht

Rathaus braucht kein Mensch, und wenn doch,

weggegangen sind. Er weiß das und er sagt das.

mieten wir´s zurück!“ Den absurd-realen Kern sol-

Nach 30 Jahren Film macht er sich auf ins Theater,

cher Sätze verstehen auch Nicht-Dortmunder. Eine

um seinen Dortmundern die Geschichte zu erzäh-

David-Statue für das neue Museum im U überzeugt

len, wie er seiner Stadt und ihrem Wahrzeichen

erst, als gesagt wird sie sei 22 Prozent größer als

fliegende Bilder schenken wollte, und dabei fast

das Original. Wie vom Olymp dröhnt Ex-OB Lange-

Was war passiert? Die Tochter hatte schnell

in den Mühlen von Bürokratie und Provinzialismus

meyer mit verhallter Donnerstimme aus dem Off

und unbedacht den geforderten Betrag gezahlt

zerrieben worden wäre. Wie hätte er damit schei-

und noch der ein oder andere Hinweis auf Protago-

und nicht berücksichtigt, dass auf eine erste

tern können!

nisten der realen U-Posse ist zu finden.

vierte und fünfte folgt. Genau das zeigt sich

Stattdessen gelingt ihm ein wunderbarer Theater-

Doch beim augenzwinkernden Anspielungstheater

aber immer wieder. Zum Beispiel soll der Ab-

abend, der sich zwar abarbeitet an der Realsatire

bleibt es nicht. Stattdessen entspinnt sich auf

gemahnte erst 1.000 Euro für den Songtext be-

Dortmunder U, aber mit den – man möchte sagen:

der Bühne eine immer fantastischere Abenteuer-

zahlen, dann nochmal soviel für die angebliche

allen – Mitteln des Theaters viel mehr auf die Büh-

geschichte um einen Goldschatz, die magischen

Verletzung der Rechte des Komponisten. Die

ne bringt: Ein Märchen, eine Liebeserklärung, ein

Goldfolien von Dortmund, das Eigenleben des Ge-

damit verbundene Kostenexplosion sollte man

selbstironisches Spiel mit Identitäten und eine

bäudes – „Er ist Turm“ heißt es am Ende – und

bereits bei der ersten Abmahnung kennen und

Satire auf kommunale Unzulänglichkeiten.

der Pointe, die dem plakatierten „Dortmund wird

Brief ins Haus. Diesmal wurde mein Mandant zu einer Zahlung von 1.000 Euro aufgefordert. Wütend stellte er seine Tochter zur Rede. „Ich habe nichts mehr gemacht“, sagte sie, und das stimmte sogar.

Abmahnung nicht selten eine zweite, dritte,

überleben“ eine ganz neue Wendung gibt.

berücksichtigen. Mein Tipp: Wer eine Abmahnung wegen Urheberrechtsverletzung erhält – egal, ob er sie für gerechtfertigt hält oder nicht – sollte schnell zu seinem Anwalt gehen. Der kann die Kosten fast immer drücken, und so spart man trotz Honorar oft eine ganze Menge Geld – und vor allem Nerven. Die Fristen in den Abmahnungen sind fast immer extrem kurz – zehn Tage sind üblich. Reagiert man jedoch nicht, dann droht ein einstweiliges Verfügungsverfahren. Und dann wird es teuer und kompliziert. Denn in diesem Verfahren muss der Gegner nicht beweisen, dass der Abgemahnte den Download begangen hat. Er muss es nur glaubhaft behaupten. Für den Laien zu Recht vollkommen unverständlich: Das Gericht darf sogar in Abwesenheit des Abgemahnten entscheiden, muss diesen also gar nicht erst anhören. (rb) In der nächsten bodo: Die eBay-Falle. Verklagt wegen einer schlechten Bewertung. www.kanzlei-boyke.de

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Adolf Winkelmann macht, was Theater leisten kann. Er nutzt die gesamte Theatermaschinerie,

Spott und Mythologisierung, diese Ambivalenz

der man an diesem Abend die Altersschwäche nicht

trägt die „Reise ins U“. Im gleichen Maße wie es


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WILDE KRÄUTER | von Wolfgang Kienast

wildkraeuter.bodo/13_hagebutte_3/ die bürokratischen Peinlichkeiten rund um den Turm bloßstellt, arbeitet das Stück an dessen Aura.

Im Mai 2010, noch vor dem Sommer, den

hin aus NRW. Und der Schmu bezieht sich

„Ich bin eine gespaltene Persönlichkeit“, sagt Adolf

später nur der Deutsche Wetterdienst

keineswegs nur auf die Herkunft. Die ist

Winkelmann vor der Premiere. „Ein Leben lang Fan-

noch einen nennen wollte, gab die „Zeit”

eher Randnotiz. Dumm ist, dass man als

tasiearbeiter, ein Leben lang Bürokrat an der Hoch-

eine Beilage heraus, welche regionale

Verbraucher selbst dann, wenn man hin-

schule.“ Dem Stück ist diese beidseitige Beobach-

Lebensmittel zum Thema hatte. Die The-

schaut, nicht genau weiß, was man kauft.

tung der Sphären Kunst und Politik, Fantasie und

se, dass diese vor den Augen kritischer

In einem Ende Oktober 2010 von Eva

Bürokratie anzusehen. Sie schafft den Schwebezu-

Verbraucher Bioprodukte in der Beliebt-

Quadbeck (Berlin/RP) geführten Inter-

stand, von dem dieser Abend lebt.

heitsskala überrundet hatten, wurde sta-

view antwortete Aigner auf die Frage, ob

tistisch belegt.

sie als Verbraucherschutzministerin nicht

Am Ende verschwindet das U hinter einen riesigen Mauer, die Stein für Stein den Blick auf die Bühne und die fliegenden Bilder versperrt. Im wirklichen Leben sind es die sieben Stockwerke der BIG Krankenkasse („direkt gesund“), die kaum weniger drastisch das U verdecken. Zum langen Schlussapplaus zwängen sich Winkel-

Will man den veröffentlichten Studien Glauben schenken, achten 16% beim Lebensmittelkauf auf ausgewiesene Bioprodukte, 31% auf Qualitäts- sowie Gütesiegel, aber 56% auf eine regionale Herkunft. In der Folge wird gelegentlich oder sogar regelmäßig Regionales von 81% der Haushalte

den Eindruck habe, dem Erfindungsreichtum der Industrie stets hinterher zu regulieren: „Nichts gegen Erfindergeist, davon lebt die Wirtschaft. Aber manchmal wird die Grenze des guten Geschmacks überschritten.” Aus diesem Mund ein Satz, wie in Marmelade gemeißelt.

gekauft, Bioprodukte von 45%. Als Gründe

Die Gewürze, die Sie für folgenden Gelee

werden angeführt, dass sich die Verbrau-

benötigen, wachsen nicht um die Ecke.

cher frischere Ware versprechen, heimische

Der Wein aber muss nicht aus Kalifornien

Arbeitsplätze sichern wollen und hoffen,

stammen und regionaler als die Hagebut-

durch kurze Transportwege zur Reduzierung

ten aus dem Garten oder der Hecke am

von Treibhausgasen beizutragen.

Waldrand geht es kaum.

Solche Zahlen wecken Marktinstinkte,

Hagebutten sind super. Ich hatte sie An-

und es wundert nicht, dass Firmen, die

fang letzten Jahres schon gefeiert. Und

mit regionaler Herkunft für ihre Produkte

weil man sie bis lang hinein ins neue

werben, dabei auch mal mogeln. Verbrau-

Jahr noch draußen finden kann, hier ein

cherschutzministerin Ilse Aigner (CSU),

weiteres Rezept: 350 g Hagebutten mit

bekannt für den konsequent verfolgten

350 ml trockenem Rosé, 350 ml Wasser, 5

Adolf Winkelmann u. Jost Krüger

Kurs, die Interessen der Industrie vor

zerstoßenen Kardamonschoten und eini-

Winkelmanns Reise ins U

den Verbrauchern zu schützen, erklärte,

gen Safranfäden so lange kochen, bis die

Henselowsky + Boschmann 2011 | 320 S.

„den Anbietern ein Regionalsiegel als

Früchte weich sind. Das hängt von der

ISBN-13: 978-3-94209-417-7 | 18,90 Euro

freiwilliges Instrument zur Verfügung zu

Sorte ab und davon, ob sie schon Frost

stellen.” Freiwillig also.

bekommen haben oder nicht. Die Masse

mann (Axel Holst) und Adolf Winkelmann gemeinsam an der Mauer vorbei und verbeugen sich am Bühnenrand. – Dortmund wird überleben. (bp)

INFO Winkelmanns Reise ins U | Schauspiel Dortmund Weitere Termine: Sa, 31. Dezember 2011 | So, 08. Januar 2012 | Mi, 25. Januar 2012 | Do, 02. Februar 2012 | Sa, 11. Februar 2012 | Fr, 24. Februar 2012 | Sa, 03. März 2012 | Mi, 30. Mai 2012

Verbraucherzentralen reagierten mit gebotener Skepsis. Weil Aigner, deren Ministerium auch das Internetportal lebensmittelklarheit.de finanziert, selbst die dort auflaufenden Beschwerden in erster Linie als Vorwand für weiteres Nichtstun nutzt. „Verbraucherforschung” nennt sie das, und die

Molkereiprodukte

anschließend durch ein Sieb streichen und abkühlen lassen. Die gewonnene leicht sämige Flüssigkeit mit 1:1 Gelierzucker im Verhältnis 3 (Flüssigkeit im ml) zu 4 (Zucker in g) unter Rühren stark erhitzen, etwa 4 Minuten wallen lassen und in sterile Gläser füllen. Große Klasse, um beim Frühstück in der

„Mark Brandenburg”

Zeitung zu lesen, was

kommen weiter-

die Aigner wieder nicht macht. (wk)

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DIE REPORTAGE | von Bastian Pütter | Fotos: Rika Kaestner · Svenja Meyer

Der Chor beginnt. Passanten erschrecken, bleiben verwundert stehen, lauschen. Angestellte und Kunden kommen aus den Läden, amüsiert, interessiert.

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»Die Meinungsfreiheit gilt draußen« Wie der Sprechchor des Schauspiels Dortmund in die Thier-Galerie ging und versuchte, einen Text aufzusagen. Ein nicht nur unerfreulicher Besuch in Dortmunds größtem scheinöffentlichen Raum. Der Sprechchor des Dortmunder Schauspiels ist

tarnen, auf der Hut vor Security im Anzug und

aufgeregt. Mehr als 70 Bürgerinnen und Bür-

im Videoüberwachungsraum.

ger sind wie verabredet mit weißen Oberteilen erschienen, die sie auf dem Weg zur Probebühne noch unter dicken Jacken verbergen. Die älteste Teilnehmerin ist 80, die allermeisten Ü40. Alle

»Toll: wie ihr euch auf den Beinen haltet / Toll: wie wir uns auf den Beinen halten«

haben ihren Text gelernt, einstudiert unter der

Und kurz vor 18 Uhr trifft hier in kleinen Grup-

Anleitung von Dramaturg Alexander Kerlin und

pen der Dortmunder Bürgerchor ein. Ein etwas

Schauspieler Christoph Jöde.

aufgeregter Flashmob in spe der gesetzten Art, im Auftrag der Hochkultur sozusagen. Geplant

Vor genau einem Jahr wurde er bereits vor Dort-

sind „Versuche“, kleine harmlose Experimente mit

munds zweitem monumentalen Prachtbau, dem

ungewissem Ausgang.

„Dortmunder U“ zum Vortrag gebracht. Anlass war die nicht minder monumentale Abschluss-

Die Idee ist einfach: Tun wir so, als sei dieser Ort

feier des Kulturhauptstadtjahres, und der Chor

das, was er vorgibt zu sein. Nutzen wir ihn kurz,

sprach: „Wir bauen ein U / Eine: ,Zwingburg des

friedlich und grund-„bürgerlich“, als sei er öf-

Glanzes‘ / … / Für unsere weichen: Standortfak-

fentlicher Raum. Die Hausordnungen sind in der

toren“. Das hatte genau die feine Ironie, die dem

Thier-Galerie fast so unsichtbar wie die Kameras.

Kulturmetropolendings ein Jahr lang gefehlt hat-

Der Sicherheitsdienst wirkt wie Service-Personal.

te. Der WDR übertrug klaglos, und die geladenen

Sein Auftrag: Zu verhindern, dass es drin so wird

Gäste gingen leicht irritiert ins Warme.

wie draußen. Wer nicht passt, fliegt raus oder wird gleich am Eingang aufgehalten.

„Geschäfte! Geschäfte! Geschäfte!“

Bereits wenige Minuten nachdem OB Uli Sierau

Mit diesem Text will sich der Sprechchor nun

am Tag der Eröffnung das rote Band durchschnit-

aufmachen in die Nachbarschaft. „Ums Eck“ hat

ten hatte, begannen die Türsteher mit der Arbeit

der Shopping-Mall-Betreiber ECE schließlich ei-

und lehnten die ersten Besucher ab. Trotzdem

nen „lebendigen Marktplatz“ geschaffen, 33.000

sind die Marketing-Bemühungen erfolgreich. „Das

Quadratmeter Wohlfühlort zum Verweilen, die

ist doch öffentlicher Raum“, werden wir heute

Thier-Galerie.

mehrfach hören. Ist es nicht.

Die Dachkonstruktion stemmt sich gegen das Ge-

Es beginnt ganz still. Ein Bild kaum zu überbie-

wicht des herabhängenden Weihnachtsschmucks,

tender Harmlosigkeit. Menschen jeden Alters

überall blinkt es – und es klingt: Im Souterrain

lehnen sich über eine Brüstung und schauen

hat der Pianist Feierabend, jetzt tut eine einsame

gespannt ins Kellergeschoss. Dort zu sehen:

Sängerin Leonard Cohens „Hallelujah“ Gewalt an.

nichts. Passanten bleiben stehen, lehnen sich

Schauspieler Christoph Jöde hat nun Hausverbot.

auch nach vorn, warten. Nach endlosen Minuten Draußen Mistwetter, die Shopping Mall ist gut

steigen einige Luftballons auf, fliegen lautlos

besucht an diesem Dienstagabend im Advent.

vorbei an den Dutzenden Zuschauern und finden

Schwer bepackte Shopper, schwitzende Familien,

einen Platz unter der Hallendecke. Die Menge

Burger mampfende Halbwüchsige in der „Apolli-

zerstreut sich. Das Sicherheitspersonal, das sich

naris Food Lounge“ – und Flaschensammler, die

in einiger Entfernung an Schaufensterscheiben

sich mit sauberen Jacken und New-Yorker-Tüten

drückt, tuschelt.

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„Hören Sie mich?“ – „Hören Sie“

„Wir ringen um Durchblick / Wir verbergen die Welt“

„Nehmen wir uns, was uns gehört“

gehen die ersten Chormitglieder verloren. Die

Jetzt sind wir dran. Ein Kollege der Ruhr Nach-

verpassen wir Versuch 3: Der Chor fährt Rolltrep-

Unübersichtlichkeit der Thier-Galerie bleibt

richten und wir haben Fotos gemacht. Wachleute,

pe. Jugendliche schalten schnell – „´n Flash-

auch nach mehrmaligem Besuch verblüffend.

bereit, etwaige Fluchtversuche zu verhindern,

mob, oder?“ – und reihen sich ein, wer kann in

Ein Teilnehmer wartet tapfer vor dem Esprit-Bo-

rufen die Polizei und verbringen Zeit bis zu deren

weiß. Der wieder eingesickerte Jöde überredet

dywear-Shop (1. OG) statt vor dem Esprit-Main-

Eintreffen mit Drohungen und Beschimpfungen.

strahlendweiße Mietengel mitzufahren, ein fast

Versuch 2: Auf dem Weg zur zweiten Station

Mit der einigermaßen kühlen Cola in der Hand

Shop (EG). Die Etagenbezeichnungen des am

katholisches Bild. Es weihnachtet.

Hang gebauten Gebäudes helfen übrigens nicht.

Wir weisen auf mindestens fünfzehn Passanten hin, die fotografiert und gefilmt haben, es gab

Zum Abschluss gibt’s noch ein klassisches

Trotzdem finden sich wie zufällig mehr als 60

ja einiges zu sehen. Eine Sicherheitsfachkraft

Flashmob-Motiv. Alle Teilnehmer bleiben stehen

Menschen am verabredeten Ort an einer der

notiert alle Buchstaben und Zahlen meines

und verharren zehn Minuten bewegungslos. Eine

Ecken des Dreiecks ein, das den Gebäudekern

DJU-Presseausweises und kommentiert abfällig:

Frau, deren Job das Wechseln der Mülltüten in

bildet.

„ver.di, ja, die kenn ich.“

den Papierkörben ist, drückt hektisch auf ihrem Funkgerät herum. Nur ein Alarmknopf, gut, dass

Christoph Jöde zückt an einer gegenüberlie-

Uns werden immer noch ruinösere Klagen in Aus-

sie nicht das Problem beschreiben muss. Wir

genden Brüstung einen Dirigentenstock und

sicht gestellt, als die Polizei eintrifft. Die weigert

wischen Assoziationen zu „Dawn of the Dead“

der Chor beginnt: „Dortmund / 76 Meter über

sich zwar, die Anzeige des wütenden Wachmanns

aus dem Gedächtnis und beobachten noch etwas

normal Null“. Passanten erschrecken, bleiben

aufzunehmen, belehrt uns aber langatmig, wenn

die aufgeregte Security. In dieser Videozentrale

verwundert stehen, lauschen. Angestellte und

auch nicht unfreundlich über die Rechtslage.

muss einiges los sein, schade, dass Überwa-

Kunden kommen aus den Läden, amüsiert,

chungskameras keine Kästen mehr sind, die sich

interessiert.

Unsere Personalien werden aufgenommen, die

surrend bewegen.

Beamten bestehen eindringlich auf privaten „Der Himmel hier: / war stumpf und glanzlos

Handynummern, naja, Jäger und Sammler.

/ Aber alles muss etwas sein: / Nichts darf

Zurück auf der Probebühne des Schauspielhauses diskutieren die Chormitglieder. Die Stimmung ist

nichts sein“. An dieser Stelle stürzt ein Wach-

Immer wieder kommen Kundinnen und Kun-

gelöst. Lachen über den Dirigenten-Slapstick.

mann auf Christoph Jöde zu und versucht,

den hinzu und äußern ihr Unverständnis. Auch

Die Teilnehmer berichten von viel Zuspruch und

ihm den Taktstock zu entreißen, dann, seinen

mit besagter Fehlinformation: „Das ist doch

vielen Fragen. Ein älterer Herr sagt nachdenk-

Arm unten zu halten. Eine Slapstick-Nummer.

öffentlicher Raum.“ Nein, wie gesagt. Als jemand

lich in die Runde: „Einkaufen ist eine todernste

Jöde dirigiert noch hinter dem Kopf weiter,

einwendet, wir seien doch Journalisten, sagt

Sache.“ Am Ende der Versuch eines Fazits. Ob

als er abgeführt wird. Der Chor macht tapfer

der Wachmann mit meinem Presseausweis in der

es darum ging, etwas zu beweisen? Eher darum,

weiter: „Was ist hier: / Dort ist: wo?“ Die

Hand: „Die Meinungsfreiheit gilt draußen.“ Das

etwas anzustoßen. Alexander Kerlin: „Dadurch,

Security hat die Damen und Herren einge-

ist so schön gesagt, dass es uns fast zu Tränen

dass wir da waren, hat sich etwas gezeigt.“

kreist, aber es sind einfach zu viele. Und sie

rührt und wir uns freundlich mit Verbeugungen

ähneln einfach nicht den „Zielpersonen“ aus

Richtung Getränkestand verabschieden. Der

Der Chortext endet übrigens mit diesen Versen:

den Schulungen.

Dirigent erhält unmittelbar Hausverbot, die

„Hören Sie / Die Stadt gehört uns / Die Stadt ge-

Journalisten warten auf Post.

hört euch / Nehmen wir uns was uns gehört“ (bp)

Dortmund!

Für alle die hören wollen,

Der Himmel hier:

Der Traum.

76 Meter über normal Null

für alle die sehen sollen!

War stumpf und glanzlos

Ein Stück Land retten

Westfälische Bucht: Südwesten

·

Aber alles muss Etwas sein:

Erinnert Euch

Norddeutsche Tiefebene: Norden

Wir nisten in Nischen,

Nichts darf ein Nichts sein

„Die Zukunft war früher auch besser!“

Ardeygebirge! Emscher! Hellweg!

Geraten ins Getriebe,

·

Weiter weiter weiter weiter

·

drücken Strahlen aus Ritzen.

Wir bauen ein U

weiter weiter weiter!

Geklapper, Gerassel, Gedränge, Getuschel,

Vertonen die Jahre!

Eine: „Zwingburg des Glanzes“

Toll: wie ihr euch auf den Beinen haltet

Gekurve, Geklicke, Gewimmel, Gerempel,

·

Für unsere Stadt

Toll: wie wir uns auf den Beinen halten

Gewetze, Gekritzel, Geschwitze, Geschiebe,

Hören Sie!

Für euren Standort

Diese Straße hält uns aus

Gerede, Gescharre, Gemauschel

·

Für unsere weichen: Standortfaktoren

In unserer: Stadt ohne Geld

·

Wir ringen um Durchblick

·

·

Geschäfte!

Wir verbergen die Welt

Was ist hier:

Hören Sie

16

Geschäfte!

Wir heben Gedanken

Dort ist: wo?

Die Stadt gehört uns

Geschäfte!

Verheben uns an Träumen

Himmel! Donner! Wetter!

Die Stadt gehört euch

·

für Fetzen von Wahrheit:

Nie blau genug

Nehmen wir uns was uns gehört

Hören Sie mich?

Ein Lachen am Schluss und

·

·

·

das Feiern der Lüge.


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SOZIALE INITIATIVEN | von Sebastian Sellhorst | Foto: Claudia Siekarski

Roter Punkt statt Sozialticket Jeder Mensch hat das Recht auf Mobilität. Diese Aussage steht im Mittelpunkt der Aktion Roter Punkt, mit der sich im ganzen VRR unterschiedliche Initiativen für ein 15-Euro-Sozialticket einsetzen. Nach den Ereignissen um die Einführung eines VRR-Sozialtickets ist dies eine weitere Aktion, um auf die Probleme aufmerksam zu machen, mit denen sich einkommensschwache Menschen konfrontiert sehen, wenn sie den öffentlichen Nahverkehr nutzen wollen. Bereits im Vorfeld der Ratsentscheidungen zum VRR-Sozialticket formierten sich in vielen Städten Initiativen, die sich für ein Sozialticket für 15 Euro einsetzten. Nachdem in Dortmund das vorgeschlagene 30-Euro-Sozialticket des VRR auf kommunaler Ebene abgelehnt wurde, besteht dort die preisgünstigste Chance auf Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs für Menschen mit geringem Einkommen im Kauf eines Tickets für 31,56 Euro,

erlaubt zum Beispiel das Ticket2000 des VRR an

Innen, die in Randgebieten verkaufen, müssen

das nur nach 9 Uhr genutzt werden darf. Der Preis

Werktagen nach 19 Uhr und an Wochenenden und

einen Großteil des Erlöses aus dem Zeitungs-

dieses Tickets als auch der des in Bochum erhält-

Feiertagen ganztägig einen Erwachsenen und drei

verkauf in Tickets investieren. Ein bezahlbares

lichen 30-Euro-VRR-Tickets steht in eklatantem

Kinder bis zu einem Alter von 15 Jahren mitzu-

Sozialticket würde auch hier eine erhebliche Er-

Gegensatz zu dem im Hartz-IV-Regelsatz vorgese-

nehmen.

leichterung darstellen. Gerade in vielen Vororten

henen Betrag für Mobilität bzw. den öffentlichen

und Randbezirken ist das Straßenmagazin oft nur

Nahverkehr, der abhängig davon, ob ein Fahrrad

Die Aktion lehnt sich an den Roten Punkt aus

unregelmäßig oder gar nicht zu bekommen, da

unterhalten werden soll oder einmal im Jahr eine

dem Jahr 1971 an, den Autofahrer in ihren PKW

viele Verkäufer die Fahrtkosten nicht aufbringen

Reise in ein anderes Tarifgebiet finanziert werden

klebten, um zu signalisieren, dass sie bereit sind,

können. (sese)

muss, noch 15 bis 20 Euro beträgt.

andere Menschen mitzunehmen. Wieder wird versucht, ein Selbsthilfenetz zu spannen und gleich-

Mit der Kampagne „Ich nehm dich mit“ bzw. „Ak-

zeitig auf die Probleme aufmerksam zu machen,

INFO

tion Freifahrt“ wird versucht, Fahrgemeinschaften

die Menschen entstehen, die auf Mobilität ange-

Den roten Button bekommen sie kostenlos im

zu organisieren, im Rahmen derer die Besitzer ei-

wiesen sind, um an einer Verbesserung ihrer per-

bodo-Bücherladen in der Mallinckrodtstraße 270

ner VRR-Monatskarte durch einen roten Button an

sönlichen Situation zu arbeiten.

in Dortmund und in der bodo-Anlaufstelle in der

ihrer Kleidung signalisieren, dass sie bereit sind,

Stühmeyerstraße 33 in Bochum.

den Tarifbedingungen entsprechend einen weite-

So ist auch für VerkäuferInnen des Straßenma-

ren Fahrgast auf ihrem Ticket mitzunehmen. So

gazins Mobilität ein wichtiges Thema. Verkäufer-

bodo

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schafft Chancen

das straßenmagazin die besten geschichten auf der straße ein euro achtzig – neunzig cent für den verkäufer www.bodoev.de 17


18

DER KOMMENTAR | von Bastian Pütter

Hilfe für Neuzuwanderer

NEWS | von Sebastian Sellhorst

Einkommensungleichheit nimmt weiter zu

Gutachten: Mindestlöhne schaden nicht

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

aldezernentin Birgit Zoerner hat ein Hand-

Die Einkommensungleichheit zwi-

Ein vom Bundesarbeitsministerium

Am 12.12. stellte das Team um

lungskonzept „Zuwanderung aus Südost-

schen Arm und Reich nimmt laut

veröffentlichtes Gutachten zum

Prof. Dr. Heitmeyer ein vorläufiges

europa“ skizziert. Gleichzeitig finden sich

einer Studie der Organisation für

Mindestlohn, an dem das Institut

Fazit der Langzeitstudie Gruppen-

spät und unter Mühen Akteure, Träger und

wirtschaftliche Entwicklung und

für Arbeit und Qualifikation (IAQ)

bezogene Menschenfeindlichkeit

Einzelpersonen zusammen, um ein Netz-

Zusammenarbeit (OECD) weiter

der

Essen-Duisburg

vor, die seit 2002 das Ausmaß,

werk für die EU-BürgerInnen zu schaffen,

zu. Laut der Studie „Divided we

mitwirkte, zeigt, dass in acht be-

die Entwicklungen und Ursachen

die aus Verfolgung und Armut nach Dort-

stand – Why inequality keeps ri-

obachteten Branchen keine Stellen

von Vorurteilen gegenüber unter-

mund einwandern.

sing“ verdienten 2008 die zehn

aufgrund gestiegener Personal-

schiedlichen

Prozent der Deutschen mit dem

kosten abgebaut wurden. In den

untersucht. Neben Elementen wie

höchsten Einkommen ca. acht

vom IAQ beobachteten Branchen

Antisemitismus, Homophobie und

mal so viel wie die 10 Prozent

der Gebäudereiniger und Wäsche-

Islamfeindlichkeit

mit dem geringsten. In den 90er

reibetriebe seien im Vergleich zu

die Abwertung von Obdachlosen

Jahren lag dieses Verhältnis noch

Branchen ohne Mindestlohn wie

oder Sinti und Roma untersucht.

bei sechs zu eins. Der aktuelle

z.B. der Gastronomie keine nen-

So stimmten z.B. 2011 über ein

Durchschnittswert beträgt neun

nenswerten Unterschiede festzu-

Drittel der Befragten der Aussage

zu eins. Die sich immer weiter

stellen. „Die Betriebe berichteten

zu: „Bettelnde Obdachlose sollten

öffnende Kluft zwischen Arm und

überwiegend von positiven oder

aus den Fußgängerzonen entfernt

Reich gehe laut OECD vor allem

neutralen Wettbewerbswirkungen.

werden“ und befürworten damit

auf die Entwicklung der Löhne

Auch hat sich wohl das Image der

die Ungleichbehandlung und den

und Gehälter zurück. In den ver-

Branche verbessert, was ihnen die

Ausschluss obdachloser Menschen

gangenen 15 Jahren habe sich die

Personalrekrutierung erleichtert“,

aus dem öffentlichen Raum. Über

Schere zwischen den obersten und

so Dr. Claudia Weinkopf, stellver-

40 Prozent der Befragten stimm-

untersten 10 Prozent der Gehälter

tretende IAQ-Leiterin. Branchen-

ten der Aussage zu: „Ich hätte

um ein Fünftel gesteigert. „Zu-

bezogene

allein

Probleme damit, wenn sich Sinti

nehmende Ungleichheit schwächt

seien aber nicht ausreichend, um

und Roma in meiner Gegend auf-

Verschweigen, Diffamieren, Vertreiben, die-

die Wirtschaftskraft eines Landes,

Lohndumping

deutschlandweit

halten.“ Diese und viele weitere

ser bisherige Dortmunder Dreischritt soll

sie gefährdet den sozialen Zusam-

zu verhindern. Notwendig sei ein

Zahlen der Studie zeigen deutlich

nun durch eine Politik abgelöst werden, die

menhalt und schafft politische

gesetzlicher Mindestlohn für alle

eine Verschärfung des sozialen

die Zuwanderung als das betrachtet, was

Instabilität – aber sie ist nicht

Beschäftigten, so das IAQ. Diese

Klimas in Deutschland. Im vorläu-

sie ist: legal, allgemein, unvermeidlich und

unausweichlich“, sagt OECD-Gene-

dürften in keiner Branche unter-

figen Fazit ist von einem „Klassen-

verbunden mit Aufgaben an die Gemeinwe-

ralsekretär Angel Gurría.

schritten werden.

kampf von oben“ die Rede.

Langsam tut sich etwas in Dortmund. Sozi-

Während die Arbeitsmigration von Menschen aus Bulgarien und Rumänien in allen Großstädten ein Thema ist, erweckte die Stadt gezielt der Eindruck, sie sei zufällig durch eine direkte Busverbindung in den Fokus der MigrantInnen gerückt und müsse für sie nur unattraktiv genug werden, um das „Problem“ zu lösen. Mit der Weigerung, sich der Thematik anzunehmen, vor allem aber durch eine zum Teil offen rassistische Anti-Roma-Kampagne Anfang 2011 und die andauernde Repression am Rande der Legalität ist Dortmund sogar über die Grenzen hinaus in den Fokus einer kritischen Öffentlichkeit geraten. Auch hier Stadtmarketing à la Dortmund.

sen. Wir unterstützen diesen Wandel und beteiligen uns gerne mit allem, was in unseren Kräften steht. Gemeinsam mit Mieterverein und Planerladen haben wir an Frau Zoerner appelliert, noch einen wichtigen Bereich in ihr Konzept aufzunehmen: das Wohnen. Die Diffamierung begann mit der Wortschöpfung „Ekelhäuser“ und denunzierte vermeintlich kulturlose „Zigeuner“. Prekäres Wohnen ist jedoch unabhängig von Kultur: Die Diskriminierung bei der Wohnungssuche macht die Zuwanderer obdachlos oder zu Opfern von Spekulanten und Matratzenvermietungen. Die überbelegten Häuser sorgen für Konflikte. Wir fordern die Stadt auf, sich der Wohnungsfrage für Neuzuwanderer anzunehmen, Mietwucher zu verfolgen und angesichts der Wintermonate kurzfristig Übernachtungsangebote für obdachlose Neuzuwanderer zu schaffen. (bp)

18

SKOTTS SEITENHIEB

Universität

Mindestlöhne

Adressatengruppen

wurde

auch


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LESEBUEHNE

20 LESEBÜHNE | von Nina Mühlmann

KINOTIPP | von endstation.kino

Vom Papier vor´s Mikrofon auf´s Papier. In unserer neuen Kolumne präsentieren wir Texte der lebendigen Poetry-Slam- und Lesebühnenszene der Region. Den Anfang macht bodo-Langzeitkolumnistin Nina Mühlmann. Im nächsten Heft veröffentlicht an dieser Stelle die Dortmunder Lesebühne „SchreibGut“ einen gemeinschaftlich verfassten Teamtext.

Schwarzfahren in Herne

endstation.kino & bodo präsentieren: Ich reise allein Jarle, Student, liebt Literaturtheorie und Partys. Eines Morgens flattert ein Brief ins Haus, der ihn zum Vater einer Tochter erklärt

Ja, ich bin schwarzgefahren – ausgerechnet in Herne! Ich bin mit einem

– und das Leben, wie Jarle es kannte, ist vor-

Bahnticket inklusive Cityanschluss-Ticket für Herne in einer U-Bahn gefahren,

bei. Eine Woche und ihren 7. Geburtstag soll

deren Fahrtziel mit „Herne” angegeben war. Die Bahn fuhr aber für vier Stati-

Charlotte Isabel mit ihm verbringen, damit

onen durch Bochum und das ist ja nicht Herne. Die bogestra zeigt sich kulant

ihre Mutter, ein One-Night-Stand aus Teenie-

und erhebt „ausnahmsweise” nur die Hälfte der anfallenden Strafgebühr von 40 Euro. Noch zögere ich. Und immer noch ärgere ich mich, dass der Kontrolleur lächelnd zu mir sagte, ich hätte nun die Gelegenheit dazuzulernen, wie es bei der bogestra und mit den Fahrscheinen so funktioniert. Mit dem Lernen hat er erstmal Recht. Aber er koppelte es an die Zahlung eines Strafgelds und das entspricht als Pädagogin nicht meinem Lernkonzept. Lebhaft erinnere ich mich an ein Interview mit dem PR-Mann der bogestra,

Tagen, ausspannen kann. Beim Anblick ihres

das ich für die bodo führte. Ob ich ihm einen Brief schreibe und im Gegenzug

Papas und der verwüsteten Studentenbude

ein Beratungshonorar über 20 Euro in Rechnung stelle für meinen Vorschlag,

voller Bücher und Kippen ist 'Lotte' wenig

an eine Bahn der Bochumer-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG NICHT Herne

begeistert. Auch Jarle wehrt sich gegen sei-

dran zu schreiben? Ich habe mich lange gefragt, warum das Konzept der Kul-

nen Erziehungsauftrag: sein akademisches

turhauptstadt auf so wackligen Füßen zu stehen schien. Dabei waren es nicht

Ego reagiert allergisch auf Familienidyll.

die Füße, es waren Schienen! Ob ich einfach mal ein bisschen Zeit – zwei Arbeitstage – investieren sollte, für die bogestra meine im letzten Jahr gekauften VRR-Tickets, die ich größtenteils im Gebiet der bogestra verfahren habe, zu kopieren? Ganz im Sinne des Unternehmensslogans: „bogestra. Für Menschen mit Zielen.“ Ich meine, 300 bis 400 Euro hat die bogestra so über meine VRR-Tickets im letzten Jahr verdient. Andererseits machen da 20 Euro Strafe auch nicht mehr viel. Übrigens: Ich bin ein Ticket-Nerd, ich kenn mich aus! Ich achte auf alles und checke es dreifach nach! Ich kenne Abfahrtszeiten in verschiedensten Ruhrgebietsstädten von RE-Zügen, U-Bahnen und Bussen nicht nur auswendig, ich

der Biologie philosophieren, kocht Lotte Jarle weich. „Ich reise allein“ erzählt witzig und wahrhaftig – wie man es von einem guten skandinavischen Film erwartet. Kitsch und Klischees zum Thema „Kind erobert Herz und erzeugt Verantwortung“ werden dabei ausgespart. Leben ist bekanntlich das, was passiert, wenn man gerade was anderes plant. Mit Songs von: Pixies, Pulp, Mathias Rust Band, Bob Hund, Ognatun, The Sundays, Stereo 21.

kenne auch alle Tarife! Ich bin so ein Zugvogel, ich könnte Preise für meine

„Stian Kristiansen füttert das Szenario sei-

Kenntnisse über öffentlichen Nah- und Fernverkehr in und um und ab dem

nes unterhaltsamen Films mit einer Vielzahl

Ruhrgebiet in alle Richtungen gewinnen.

passender allegorischer und popkultureller Anspielungen und Referenzen. Die Musik der

Warum arbeite ich eigentlich nicht längst für die bogestra? Weil ich so ent-

90er Jahre bringt das Lebensgefühl jener Tage

täuscht bin. Ich bin nicht nur enttäuscht, ich bin richtig verletzt. Denn für

auf den Punkt. Die Gedankenwelten von Proust

den Nervenzusammenbruch, den ich, noch dazu IN HERNE, erlitt, kommt doch

sowie des russischen Philosophen Mikhail

auch keiner auf! Im Grunde genommen muss ich Schmerzensgeld einfordern.

Bachtin wiederum stehen als theoretisches

Schmerzensgeld für „Schwarzfahren in Herne“.

Gebilde dem wahren, nicht immer vorherseh-

INFO

20

Doch während seine Freunde über die Macht

baren Leben gegenüber.“ (Thomas Volkmann) Do 12. bis Mi 18.01. um 19.15 Uhr Do 19. bis Di 24.01. um 21.15 Uhr

Nina Mühlmann ist Autorin, Sängerin und Schauspielerin. Sie ist Mitglied

Endstation Kino im Bahnhof Langendreer

der Lesebühne „Guten Tacheles!“ und zur Zeit mit dem Kabarettisten

Wallbaumweg 108, 44894 Bochum

und Musiker Murat Kayi mit dem Programm „Migrantenpop“ unterwegs.

Telefon 0234 – 68 71 620

Sie kommt aus Dortmund, lebt in Hamburg und fährt Bahn in Bochum.

www.endstation-kino.de


VERANSTALTUNGEN JANUAR 2012 | VERLOSUNGEN | zusammengestellt von Benedikt von Randow

21

Geierabend 2012 – der Ruhrpott-Karneval »Durch das wilde Ruhrdistan« 05. Januar bis 21. Februar 2012* Showtime: 19.30 Uhr (sonntags: 18.30 Uhr) LWL Westfälisches Industriemuseum Zeche Zollern II/IV, Dortmund bodo verlost 3 x 2 Karten für den 19.01. 2012

Auch diesmal gibt es wieder Karten für tolle Veranstaltungen zu gewinnen. Senden Sie uns eine Email mit dem Betreff „bodo-Verlosung“ und der Angabe Ihres Wunschgewinns an: redaktion@bodoev.de Oder schicken Sie uns eine frankierte Postkarte mit Ihrem Wunsch, Absender und Telefonnummer an: bodo e.V., Postfach 100 543, 44005 Dortmund Unter allen Emails und eingesandten Postkarten entscheidet das Losverfahren. Alle Gewinner werden rechtzeitig telefonisch oder per Email benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. 19.01. | Geierabend 2012 | Zeche Zollern, Dortmund | 3 x 2 Karten 25.01. | Sebastian Sturm & Exile Airline | Bahnhof Langendreer, Bochum | 3 x 2 Karten 28.01. | Schandmaul | RuhrCongress, Bochum | 3 x 2 Karten 29.01. | Nachtgestalten | Theater im Depot, Dortmund | 3 x 2 Karten 12. – 24.01. | Ich reise allein | endstation.kino, Bochum | 1 x 2 Karten 28. + 29.01. und 04. + 05.02. | 5. Historischer Jahrmarkt | Jahrhunderthalle Bochum | 3 x 2 Karten

Viel Glück, wünscht Ihr bodo-Team!

*Geierabend – Die Veranstaltungsdaten im Detail: Do. – So. 05. – 08. Januar 2012 | Do. – So. 12. – 15. Januar 2012 Mi. – So. 18. – 22. Januar 2012 | Mi. – So. 25. – 29. Januar 2012 Mi. – So. 01. – 05. Februar 2012 | Mi. – So. 08. – 12. Februar 2012 Di. – Di. 14. – 21. Februar 2012

21


22 VERANSTALTUNGEN JANUAR 2012

SO 01 | 12 | 11 – SO 08 | 01 | 12 Zirkus | Circus Flic Flac Für das Programm „Schrille Nacht, eilige Nacht“ reisen 60 Artisten aus China, Russland, aus den USA und Kanada, aus Kolumbien, aber auch aus Ungarn und Italien und sogar aus Köln und Düs01 | 01 | 12 Flic Flac

03 | 01 | 12 Rocky Horror Show

Freestyle Springer von „AirFours“ auf ihren Moto-

leiht der Geierabend den schwersten Karnevalsorden

on im Bereich Kinder-Zauber-Theater. Diesmal geht es

cross-Maschinen, aber auch der Schweizer Balance-

der Welt – gefertigt aus 28,5 Kilo Stahlschrott – an

aufs Land zu Katzen, Kühen, Eseln und Marienkäfern.

Schamane Rigolo, die ungarischen Breakdancer von

eine öffentliche Person oder Institution, die sich um

Robinson wäre ja viel lieber ans Meer gefahren, zu

der „Sick 7 Crew“ und das Trapezduo Rose (USA), das

das Ruhrgebiet besonders „verdient“ gemacht hat.

Sand, Strand und Cocktails. Aber in diesem Kinder-

schon viele internationale Zirkus- und Artistik-Preise

Zeche Zollern, Dortmund, 19.30 Uhr (So. 18.30 Uhr)

programm bleibt es beim Kartoffelsortieren und einer

einheimsen konnte. Schräg, schrill und schnell, aber

bodo verlost 3 x 2 Karten für den 19.01.

wundersamen Milchvermehrung. Angelika dagegen ist

auch festlich, frech und fröhlich – so soll es werden im

Teilnahmebedingungen auf Seite 21.

gerne aufs Land gefahren, kennt sie doch viele Bau-

seldorf an. Viele von ihnen sind so genannte Circus-VIPs; dazu zählen die kolumbianischen Motorradakrobaten im „Globe of Speed“, die todesmutigen

Nach-Weihnachtscircus für das Revier. Mehr Infos und Fotos gibt es unter www.flicflac-dortmund.de. An den Westfalenhallen, Dortmund 20 Uhr

ernregeln und sich mit Marienkäfern aus. Gemeinsam

DO 05 | 01 |12 Musik | Rhaatid

(Sa & So auch 16 Uhr)

„The Best of both worlds“ - so simpel kann man den

DI 03 | 01 – SO 08 | 01 | 12 Musical | Rocky Horror Show

den Hofhund von seinen Alpträumen zu befreien und zu klären, warum die Katze zickig ist. Zauberkasten, Bochum, 16 Uhr

Sound der deutsch-jamaikanischen Formation vielleicht auf den Punkt bringen. Mehr als 333.333 Pro-

Ausstellung | Nelly Sachs – Flucht und Verwandlung

filaufrufe und über 25.000 MySpace-Freunde weltweit

„Flucht und Verwandlung“ ist die erste große Ausstel-

Richard O‘Briens „Rocky Horror Show“ ist wohl eines

sind durchaus ein positives Zeichen. Zudem ist die

lung über die Nobelpreisträgerin für Literatur Nelly

der schillernden Werke des Rocktheaters - ein Vergnü-

Combo bisher erfolgreich auf jamaikanischen und

Sachs. Anhand einer Fülle von bisher unbekannten

gen für die Sinne, eine göttliche Party, ein höllischer

deutschen Festivals aufgetreten und konnte sowohl

Fotos, Texten und Zeugnissen werden die wachsende

Spaß im sittsamen Garten Eden. Mit der international

beim Rock- als auch beim Reggae Publikum mit ihrer

Radikalität und der kulturgeschichtliche Kontext ihrer

bejubelten Neuinszenierung begibt sie sich zurück

besonderen Mischung überzeugen. Im Rhaatid-Sound

Dichtung herausgearbeitet.

zu ihren Wurzeln: hinein in die Faszination und den

finden sich u.a. Anklänge von Rage against the Machi-

MKK, Dortmund, 15 Uhr (auch 22. & 29.01.)

schrillen Charme der B-Movies, der Burlesque und des

ne, Bob Marley oder Sean Paul. Die einzelnen Musiker

Glamrock. „Fetzig, rockig, mitreißend“, schwärmte die

arbeiten eng mit deutschen Größen wie Samy Deluxe,

FAZ, „ein rauschhaftes Rock’n’Roll-Spektakel: schnell,

Peter Fox, Curse, D-Flame, Jan Delay, Max Herre usw.

frech, geil“, jubelte die Berliner Zeitung, während

zusammen. „Roots Rock Reggae“, im wahrsten Sinne.

die Kronen Zeitung aus Wien befand, „eine Auffüh-

FZW, Dortmund, 20 Uhr

rung nach Fan-Geschmack: fetzig, rasant, voll Pepp, frech, anzüglich, bizarr, skurril, ,transsylvanisch-galaktisch‘!“ So let's do the Time Warp again. Konzerthaus, Dortmund, 20 Uhr

DO 05 | 01 – DI 21 | 02 | 12 BODO VERLOSUNG | Geierabend 2012

DI 10 | 01 | 12 Kleinkunst | Esther Münch Die wohltuende Esther Münch lebt im Ruhrgebiet und schloss ihr Studium in Germanistik, Geschichte und

SO 08 | 01 | 12 Theater | Naked Lenz

Pädagogik ab, bevor sie den Weg zur Bühne hauptberuflich einschlug. Sie hat eine Ausbildung in Flöte, Klavier, Gitarre, Gesang und Improvisationstheater.

In „Naked Lenz“ nimmt Regisseur Martin Laberenz die

Seit 1980 ist sie erfolgreich tätig als Kabarettistin,

Auseinandersetzung mit Georg Büchners Fragment

Moderatorin, Sängerin und Sprecherin und seit 1996

„Lenz“ und David Cronenbergs Filmadaption von Wil-

als Ein-Frau-Kabarett-„Kanone“ Waltraud Ehlert un-

liam S. Burroughs‘ „Naked Lunch“ zum Ausgangspunkt,

terwegs. 1999 erhielt sie den Landeshörfunkpreis NRW

Erstklassige Comedy, bissiges Kabarett und schräge

um über das Verhältnis von Wirklichkeit und Illusion

für besonders kreative Leistungen. Ihre bekannteste

Ruhrpott-Komik statt Büttenreden, Pappnasen und

im Theater nachzudenken. Daraus leitet er Fragen an

Figur, die Reinigungsfachkraft Waltraud Ehlert ist eine

Tanzmariechen, so feiert

unsere gegenwärtige Gesellschaft und ihre spezifischen

extrovertierte Persönlichkeit, verheiratet, ein Sohn

der Geierabend seit 20 Jah-

Wahnvorstellungen ab. In beiden Werken steht ein

und hat einen sabbernden Boxer. Durch ihre langjäh-

ren die fünfte Jahreszeit

Schriftsteller im Mittelpunkt, dessen Ich sich zwischen

rige Tätigkeit mit Klipperdiplom, Sicherheits-Check

auf seine ganz eigene Art

Wirklichkeit und Illusion aufzulösen beginnt: Büchners

und silberner Putznadel hat sie viele Erfahrungen ge-

und sorgt dabei für jedem

Lenz hört die Stimmen der Felsen, und in der Sonne

sammelt. Das hervorstechendste Charakteristikum ist

Menge Spaß. Die aktuelle

sieht er ein „blitzendes Schwert“, das durch die Land-

ihre schnoddrige Ruhrpottart, mit der sie ständig die

Session verspricht einen humorgeladenen Ritt „Durch

schaft schneidet – es ist, „als jage der Wahnsinn auf

verschiedensten Anlässe stört. Das aktuelle Programm

das wilde Ruhrdistan“. Bei dem neuen Drei-Stunden-

Rossen hinter ihm“. Und der Dichter William Lee aus

heißt: „Walli inne Pollitik – jau sie kann“.

Spektakel scheint vor den Geiern wieder einmal nichts

Naked Lunch wird in einer Serie von Rauschzuständen

Zauberkasten, Bochum, 18.30 Uhr

und niemand sicher: Bissig, schrill, äußerst trocken

in die Welten gesogen, die er selbst aufschreibt.

und mit vielen satirischen Seitenhieben blicken sie

Schauspielhaus, Dortmund, 18.30 Uhr

auf das aktuelle Zeitgeschehen in NRW und anderswo und zeigen wie der „Ruhri“ auf sich und auf die

22

versuchen die beiden, einen Lastenesel zu bepacken,

Zauberei | Robinson & Angelika auf dem Land

MI 11 | 01 | 12 Kleinkunst | Best Of Nachtschnittchen 2011

Welt schaut. Ein kleines Jubiläum feiert wiederum der

Nach dem „Küchenkrimi“ und der „Weltreise“ präsen-

Alle Jahre wieder im Januar präsentiert Initiator und

„Pannekopp des Jahres“. Bereits zum zehnten Mal ver-

tieren Robinson & Angelika nun ihre dritte Produkti-

Entertainer Helmut Sanftenschneider ein Potpourri


10 | 01 | 12 Esther Münch

14 | 01 | 12 Das hässliche Entlein

14 | 01 | 12 Mêm Nahadr

seiner persönlichen Favoriten aus den Shows des ver-

Die Rolle des pausierenden Arne Nobels (Tyler Durden)

Der Name Compania Bataclan erinnert an eine Gruppe

gangenen Jahres. Nominiert für das „Best of 2011“

übernimmt dabei Felix Lampert.

freiheitlicher Menschen im Umfeld einer Bar in Madrid

sind zwei Stand-up-Solisten, ein Varieté-Künstler und

Rottstr5-Theater, Bochum, 19.30 Uhr (auch 26.01.)

während der Diktatur von Primo de Rivera namens „Ba-

eine etwas durchgeknallte Instrumenten-Combo: Heino Trusheim, der Mann mit dem goldenen Mikro. John

taclan“. Mit dem Namen will die Band an diese mutigen Theaterworkshop | Mein Leben im Internet

Menschen erinnern, die in der aktuellen Geschichts-

Doyle, der StandUp-Comedian aus New Jersey, der

„Die Realität hat eine verdammt gute Grafikkarte. Kann

schreibung (fast) keinen Platz gefunden haben.

dem Publikum sein Leben in Deutschland näher brin-

ich mein Leben mal kurz speichern und was ausprobie-

Maschinchen Buntes, Witten, 20 Uhr

gen will mit all ihren alltäglichen Stolperfallen und

ren?“ Facebook hat nach eigenen Angaben über 500

Fettnäpfchen. Dann Matthias Rauch, ein Entertainer,

Millionen aktive Nutzer weltweit. Second Life ist eine

der mit frechem Wortwitz und verblüffenden Zauber-

virtuelle Online-3D-Welt, in der Menschen durch Avata-

Die Sängerin Mêm Nahadr aus New York fesselt durch

tricks das Publikum zu faszinieren weiß. Und für den

re interagieren, spielen und Handel betreiben können.

ihre Bühnenpräsenz und einer sechs Oktaven umfas-

musikalischen Part des Abends das Daltons Orckestrar,

Rund um die Uhr sind rund 60.000 Nutzer gleichzeitig

senden Stimme (vergleiche Yma Sumac oder Minnie

die vier verrückten Multi-Instrumentalisten.

in das System eingeloggt. Was macht die virtuelle Welt

Ripperton), dazu einem Mix aus Soul und Jazz, Elec-

Flottmann-Hallen, Herne, 20 Uhr

so interessant? Vielleicht sogar interessanter als die

tronica und Weltmusik und poetischen Texten. Sie hat

Realität? Im Rahmen einer Stückentwicklung entsteht

mit Maxwell, Living Colour, Salif Keita, Liza Minelli,

DO 12 | 01 | 12

eine Szenencollage, in die choreografische Elemente

Aretha Franklin, Simply Red, Eric Benett und vielen

und assoziative Bilder mit einfließen. Auch anhand der

mehr gearbeitet und schrieb die Multimedia-Oper

Kleinkunst | Sebastian Krämer

Musik | Mêm Nahadr

ganz persönlichen Erfahrungen der Teilnehmer (junge

„Madwoman: a contemporary opera“ mit den Gram-

Sebastian Krämer gilt als „einer der pointiert bissig-

Menschen ab 14 Jahren) wird sich mit dem Thema „vir-

my-dekorierten Produzenten Claude E. Sloan Jr. Und

sten Liedermacher“ (Melodie & Rhythmus), außerdem

tuelle Welt“ auseinandergesetzt.

James P. Nichols.

ist er doppelter Deutscher Poetry-Slammeister und

Ki-&Ju-Theater, DO, 18 Uhr (auch 15., 20., 22.01.)

domicil, Dortmund, 20 Uhr

Gewinner mehrerer bundesweiter Chansonpreise. In einer Zeit, wo „Chanson“ nur ein anderes Wort ist für Popmusik unter schlechten Produktionsbedingungen und „Kabarett“ mehr und mehr zur Selbsthilfegruppe

SA 14 | 01 | 12 Theater | Drei Männer im Schnee

Kindertheater | Das hässliche junge Entlein Eine Entenmutter brütet ahnungslos ein Schwanenei mit aus. Das Küken wird wegen seines andersartigen

für anonyme SPD-Mitglieder wird, lässt einer beides

Wenn ein Millionär sich in den Kopf setzt, als „ar-

Federkleides vom Entenhof verstoßen. In einem Wald-

hinter sich und packt uns bei allem, was uns jetzt

mer Mann“ verkleidet die Menschen kennen zu lernen,

häuschen findet es Schutz, flüchtet jedoch bald die

noch bleibt: Unseren Sehnsüchten. An neuem verton-

wie sie wirklich sind, kann er einige Überraschungen

geistige Enge dieses Ortes, an dem ein eifersüchti-

tem Gedankengut fehlt es Krämer selten, und so gibt

erleben: Da wimmelt es plötzlich von falschen Iden-

ges, dummes Huhn herrscht. Ein freundlicher Bauer

es in seiner „Akademie der Sehnsucht“ neben verein-

titäten und Namen. Und die Missverständnisse über-

rettet es vor der eisigen Winterkälte. Eine missver-

zelten Passagen vollmundiger Prosa vor allem neue

kugeln sich geradezu. Erst nach vielen turbulenten

standene Ungeschicklichkeit des Mannes treibt das

Lieder zu hören. Lieder vom Sehnen und Vermissen.

Ereignissen finden alle Beteiligten sich und ihre Iden-

empfindsam gewordene Entlein zur erneuten Flucht.

Der neue Krämer ist noch musikalischer, dabei bizarr

tität wieder und haben allen Grund, Verschiedenes zu

Es überlebt den Winter. In den warmen Strahlen der

sentimental, unvermittelt garstig und schonungslos

feiern. Nur zwei Leute machen eine bitterböse Erfah-

Frühlingssonne, mit Hilfe einer fröhlichen Schwanen-

philosophisch.

rung: die arrogante und selbstsichere Hoteldirektor

frau und der Überzeugungskraft der Kinder, erkennt

Werkstadt, Witten, 20 Uhr

Kühne und sein Portier Polter, weil sie sich durch den

das „Entlein“ zu seiner großen Freude, dass es zu ei-

äußeren Schein trügen ließen. Nach dem Roman von

nem schönen, jungen Schwan herangereift ist. Eine

Erich Kästner.

heitere, wie anrührende Inszenierung frei nach Hans

Fletch Bizzel, Dortmund, 20 Uhr (auch 20. & 21.01.)

Christian Andersen die Platz lässt für Gefühle, Träume

FR 13 | 01 | 12 Theater | Fight Club „Packend und intensiv spielte sich ,Fight Club‘ in die

und Phantasie. Musik | Compania Bataclan

HalloDu-Theater, Bochum, 16 Uhr (auch 15.01. 11 Uhr)

Köpfe der Zuschauer. Regisseur Oliver Paolo Thomas

Die Compania Bataclan ist eine siebenköpfige Band aus

bewies bei seinem Debüt ein gutes Händchen: Schau-

dem Ruhrgebiet. Ihre musikalische Vielseitigkeit ver-

spieler, Dramaturgie und Musik hätten kaum besser

bindet sich mit politischem Anspruch. Texte aus eigener

sein können. (Ruhr Nachrichten) „Theater, das in den

Feder oder von Brecht/Weill werden mit unterschied-

Bauch tritt und eine Diagnose über die Gegenwart ins

lichsten Mixturen unterlegt. Heraus kommt ein span-

Ronja ist die Tochter des Räuberhauptmanns Mattis

Unterbewusstsein verlegt. So sehen wir am Ende in

nender Soundclash: ob Balkan-Klezmer, französische

und seiner Frau Lovis. Sie leben gemeinsam, mit den

die fasziniert in den Schrecken starrenden Gesichter,

Musette, Reggae oder Ska – die Compania tanzt auf

anderen Räubern der Mattis-Sippe, in der Mattisburg

wenn die Welt vor Terror erbebt. Frenetischer Applaus

vielen musikalischen Hochzeiten – frei nach dem Motto

im Mattiswald. Lange glaubt Ronja, das einzige Kind

für abgebrüht clevere Kunst.“ (WAZ) Wiederaufnahme

der amerikanischen Anarchistin Emma Goldman „Wenn

weit und breit zu sein. Doch als sie eines Tages aus-

der Inszenierung nach Chuck Palahniuk und Jim Uhls.

ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution.“

zieht, um zu sehen, wie groß die Welt ist und lernen

SO 15 | 01 | 12 Kindertheater | Ronja Räubertochter

23


24 VERANSTALTUNGEN JANUAR 2012

möchte, sich nicht zu fürchten, lernt Ronja Birk kennen, der mit der Borka-Sippe in den Nordteil der Burg gezogen ist. Mattis wird darüber fuchsteufelswild und wünscht die gesamte Borkasippe mit einem Furz zum Donnerdrummel. Die beiden Kinder werden allerdings schon bald Freunde und beginnen, sich heimlich zu treffen. Dabei haben sie so manches Abenteuer zu bestehen. Ein

15 | 01 | 12 Talking Horns

17 | 01 | 12 Tommy Finke

bisschen „Romeo und Julia“ für Kinder: Es geht um Freundschaft, Liebe, Toleranz und das Sich-Vertragen. Ein Theaterspiel der „Truffaldinos“ nach Astrid Lind-

passen wollten. Live trat er regelmäßig bei Bochum

Telök, ist eine neue Runde der Mission orgiasti-

gren für Kinder ab vier Jahren.

Total auf und spielte Support-Gigs für Toni Kater, Tele,

sche Publikumsbeglückung. Martin Fromme und

Rottstr5-Theater, Bochum, 16 Uhr (auch 22. & 29.01.)

Lee Buddah und weitere Indie-Bands. Seine Platten

Dirk Sollonsch machen keine Stand-up Comedy,

„Repariert, was Euch kaputt macht!“ (2007) und „Poet

sondern szenische Komik, mal frei aus der Hand,

der Affen / Poet of the Apes“ (2010) machten ihn end-

mal garniert mit herrlich sonderbaren Kostümen

Der Name ist Programm. Denn die Talking Horns er-

gültig bekannt. Der Eintritt zu diesem Konzert ist frei.

und Requisiten. Sie tragen nicht vor, sondern agie-

zählen tatsächlich Geschichten. Und das tun sie so

Sissikingkong, Dortmund, 20 Uhr

ren mit ganzem Körpereinsatz, flüstern, fuchteln

Musik | Talking Horns

abwechslungsreich und so begeistert und begeisternd, dass es die reine Freude ist. Ob mongolische

und toben sich durch die Pointen. Blitzschnell und Musik | The Computers

mimisch exakt. Eine skurrile Mixtur irgendwo zwi-

Steppensounds, jamaikanischer Tuba-Reggae, der hei-

The Computers gehen zurück auf die Wurzeln des

schen Monty Python und Loriot, gepaart mit einer

mische Schweinestall, klassische Bach-Adaptionen,

Rock. Sie tun das ikonografisch gebrochen mit ihren

diebischen Freude am gehobenen Schwach- und

deutsches Liedgut, Melodien from outer space, ein

Tollen, mit ihren Anzügen, ihren Plattencovern, ihren

Nichtsinn, ohne sich dabei im bloßen Klamauk zu

Eichhörnchenballett, Arme-Leute-Funk oder Balkan-

Schriftzügen und ihren Videos, wobei das Entschei-

verlieren. Aber auch ohne die Freude am erdigen

Horas – dieses Bläserquartett nutzt eindrucksvoll sei-

dende ist, dass stets etwas Neues aufscheint im Alten.

Spaß zu verlieren.

ne kompositorischen und improvisatorischen Möglich-

Sie tun es in ihrer Besetzung mit zwei Gitarren, Bass

Werkstadt, Witten, 20 Uhr

keiten. Und all das ohne Fremdbegleitung. Blechernes

und Schlagzeug. Und sie tun das mit ihrer Musik. Kein

a capella also. Dabei schaffen die Talking Horns bis-

Song ihres Debüts „This is The Computers“ kommt an

weilen den Eindruck, als würde eine ganze Big Band

drei Minuten ran, die ganze Platte durchrauscht man

am Werk sein. Motto des Abends: „The show must blow

in 25 Minuten. Und diese kurze Zeit wird von The Com-

on“ oder auch „born to be horn“.

puters derartig laut, rotzig und geradeheraus gefüllt,

Zu allen Zeiten haben Menschen ihre Heimat ver-

Flottmann-Hallen, Herne, 19 Uhr

dass es keine Art hat. Die Basis ist das zwölftaktige

lassen, um in der Fremde ihr Glück zu suchen, um

Bluesschema. Darüber legt sich Rock’n’Roll. Darüber

zu erobern, Unentdecktes zu erforschen oder zu

kommt aus jedem folgenden Jahrzehnt eine Lage: Ga-

handeln, getrieben von Sehnsucht oder vertrieben

rage, Punk, Hardcore, Grunge, Post-Irgendwas. Und

durch Diktatoren oder die reine Not. Ob auf Reisen,

noch mal Hardcore und Rock’n’Roll und Hardcore. Der

auf der Flucht oder im Exil, nirgendwo wird einem

„Ich wollte mich nach zwanzig Jahren mit Pili Pili

Gutturalgesang tut ein Übriges, die spezielle Haltung

so bewusst, was Heimat bedeutet, wie in der Frem-

nicht wiederholen. Pili Pili ist ja ein Konzept mit afri-

der Engländer zu unterstreichen. Ihre Eigencharakte-

de – und immer wurde darüber gedichtet, gespielt

kanischer Musik und afrikanischen Musikern gewesen,

risierung besteht nur aus einem Satz: „Destroy eve-

und gesungen. In seinem neuen Programm begibt

bei dem das Afrikanische auch der Ausgangspunkt

rything.“ Am liebsten live, auf der Bühne.

sich Thomas Anzenhofer mit Maja Beckmann, Micha-

war. Das wollte ich jetzt einmal umdrehen. Ich wollte

FZW, Dortmund, 20 Uhr

el Schütz und fünf Musikern auf eine musikalische

DI 17 | 01 | 12 Musik | Jasper van‘t Hofs Pili Pili

mal von einem europäischen musikalischen Gedanken ausgehen. Ich habe jetzt als Europäer komponiert, und an der Umsetzung haben nun auch Afrikaner mitgewirkt, aber eben auch Streicher vom Balkan, ein

Musik | Heimat ist auch keine Lösung

Expedition. Unter seiner und Torsten Kindermanns

DO 19 | 01 | 12

Leitung entsteht ein Abend über Stillstand und Be-

Musik | Irène feat. Marc Ducret

in ihrer Musik die unstillbare Sehnsucht nach Hei-

wegung und eine Hommage an all die Menschen, die

niederländischer Kontrabassist und eine Saxofonistin

Das Quartett Irène hat auf dem letzten „Concours

mat und Fremde besingen.

aus Amsterdam.“ (Jasper van't Hof) Die Ethno-Jazzer

National de Jazz in La Défense Paris“ die Preise ab-

Kammerspiele, Bochum, 19.30 Uhr

kommen live mit ihrer neuen Platte „Ukuba Noma Un-

geräumt. Artikulierte Ostinatos und Tonführungen,

kungabi“ im Gepäck.

Kollektivklänge,

Bahnhof Langendreer, Bochum, 20 Uhr

und satt ausgespielte Gitarrenlinien. Hohe Dynamik

„Rebellion in Zimmerlautstärke“ ist ein humorvol-

und präzises Vorgehen sind keine Gegensätze mehr.

ler Abend über das Erwachsenwerden, und wie man

Musik | Tommy Finke

gehämmerte

Schlagzeug-Grooves

Musikkabarett | Achim Knorr

Spezial-Gast im domicil ist der Gitarrist Marc Du-

versuchen kann, es zu verhindern. Achim Knorr ist

Erstmals gastiert Tommy Finke, Songwriter und Indie-

cret, der als einer der profilierten Gitarristen Europas

aufgewachsen im tiefsten Ostwestfalen. Die besten

Held aus Bochum auf dem legendären Teppich im Dort-

zwischen Avantgarde, Jazz und Rock gilt. Jazzmag

Freunde in seiner Kindheit waren die Bravo-Star-

munder Sissikingkong und er bringt seine Band gleich

schreibt: „Ein Cocktail aus modern-experimentellem

schnitte von T. Rex, Slade und den Beatles. Und ei-

mit. Von Oasis, The Beatles, Rio Reiser und Tocotronic

Jazz, in dem Indie-Rock, aktuelle und elektronische

gentlich war für ihn sonnenklar, dass er selbst auch

sei er beeinflusst worden, sagt Finke über sich selbst.

Musik aufs Beste verschmelzen.“

Rockstar werden würde. Oder Rebell. Oder irgendwas

Eigenständig ist er immer geblieben wissen die, die

domicil, Dortmund, 20 Uhr

anderes mit R. - Raucher vielleicht. In seinem neu-

ihn kennen und schätzen. Begonnen hat seine musikalische Karriere im Jahr 1998 bei der Spaß-Punk Band

24

SA 21 | 01 | 12

en Programm entführt der Prix Pantheon-Preisträger Comedy | Der Telök

den Zuschauer in seine wirre Welt aus Gedanken-

„Hummelgesicht“, gefolgt von „Stromgitarre“, weil

Das 15. Programm „From Wanne-Eickel with laugh“

sprüngen, verrückten Assoziationen und genialen

ein paar seiner Songs nicht so recht ins alte Konzept

der deutschen Antwort auf Monty Python, dem

Wortspielen. Zwischendurch greift er zur elektri-


17 | 01 | 12 The Computers

19 | 01 | 12 Irène feat. Marc Ducret

21 | 01 | 12 Club der toten Dichter

schen Gitarre, gibt musikalische Schnapsideen

von Post und Besuchen, trotz aller zermürbenden

präsentieren die Dias simultan auf mehreren Lein-

zum Besten und schüttelt eingängige Melodien

Schikanen, es zur Zeit der deutschen Terroristen-

wänden und lassen sie so in Beziehung treten.

aus dem Ärmel.

hatz aus dem Knast heraus geschafft hat, sich als

Es entwickelt sich ein Dialog, der oft mehr über

Zauberkasten, Bochum, 20.30 Uhr

Dichter und Denker bei einem großen Publikum

eine abgebildeten Personen und Objekte verrät,

Gehör zu verschaffen.

als eine einzelne Fotografie jemals zu sagen in der

Theater im Depot, Dortmund, 19 Uhr

Lage wäre. Akustisch begleitet wird die Diashow

Musik | Club der toten Dichter: Rilke neu vertont Nach den beiden bejubelten und gelobten CDs und Live-Programmen folgt nun das dritte Pro-

von einem DJ, der mit dem passenden Soundtrack Theater | Shakespeare am Tisch

für teils erhellende, teils ironische Kommentare

gramm „Eines Wunders Melodie“ vom Club der to-

Letzten Winter feierte die Studiobühne große

sorgt. Dunix-Lichtbilder verstehen sich als Kultur-

ten Dichter. Wie kaum ein anderer Dichter vermag

Erfolge mit „TischTheater". An maximal 25 Ti-

archäologen auf den Spuren populärer Strömun-

Rilke seine Leser in eine Gefühlswelt zu entfüh-

schen mit jeweils fünf Zuschauern im Theater-

gen der deutschen Alltagskultur.

ren, die vertraut und gleichsam neu erscheint.

saal wurden gleichzeitig 25 Monologe gespielt.

Sissikingkong, Dortmund, 20 Uhr

Seine Worte sind im Leben verhaftet und doch

Diesen Winter will die Studentenbühne an dieses

Poesie. Dieses Gefühl steht im Mittelpunkt der

Spielmodell anknüpfen und verschiedene Mo-

Neuvertonungen des Club der toten Dichter. Es

nologe aus Shakespeares Feder darbieten. Die

geht nicht um eine rezitative Überhöhung, viel-

Spielsituation erinnert an Speed-Dating. Die

mehr fühlt sich die musikalische Umsetzung der

Zuschauer bleiben sitzen, während die Schau-

Mit seinem Debütalbum überraschte Sebastian

Melodie in den Gedichten verpflichtet. Die Texte

spieler von Tisch zu Tisch wechseln und ihre Ge-

Sturm 2006 neben dem Fachpublikum auch die

werden gesungen, schwingen sich frei und las-

schichte erzählen. Der Eintritt ist frei.

Liebhaber des klassischen Roots

sen dem Publikum Raum für die eigenen Gefühle.

MZ der Ruhr-Uni, Bochum, 19.30 Uhr

Rock Reggae. Die von dem ge-

Mit Katharina Franck, solistisch bekannt als rein

(auch 26. – 28.01.)

bürtigen Aachener mit deutsch-

malig seit Bestehen des CdtD eine Frau an Reinhardt Repkes Seite Platz und teilt sich mit ihm die

BODO VERLOSUNG | Sebastian Sturm & Exile Airline

indonesischen Wurzeln interpre-

englischsprachige Singer/Songwriterin sowie als Stimme und Kopf der Band Rainbirds, nimmt erst-

MI 25 | 01 | 12

MO 23 | 01 | 12 Theater | Kanalhelden

tierte Version des Off-Beats der 70er Jahre fand Anklang in ganz Europa. Konträr zum entspann-

Gesangs- und Gitarrenparts. Außerdem noch am

Für diesen Theaterkrimi über Familienfrust und

ten Tempo seines Rootssounds

Start: Tim Lorenz am Schlagzeug, Andreas „Spatz“

Geschwisterliebe, Heimat und Fremde, Schuld und

und der sich auf ihrem Höhepunkt befindenden

Sperling an den Tasteninstrumenten und Markus

Treue hat sich das Theater Kohlenpott Herne auf

Dancehall-Szene, entwickelt sich Sturm zum

Runzheimer am Bass.

die Spuren seines Publikums begeben. Wie leben

Senkrechtstarter in der Welt der karibischen

Theater im Depot, Dortmund, 20 Uhr

junge Menschen heute im Ruhrgebiet? Wovon

Klänge. Mit der neuen Band Exile Airline nahm er

träumen sie? Was ist ihnen wichtig? Wovor haben

nun sein drittes Album „Get Up & Get Going“ auf.

SO 22 | 01 | 12

sie Angst? In Workshops mit Schülern der Erich-

Bahnhof Langendreer, Bochum, 20 Uhr

Fried-Gesamtschule und der Realschule Sodingen

bodo verlost 3 x 2 Karten.

Musik | The Wierschbande

wurde diesen Fragen nachgegangen. Der Stutt-

Teilnahmebedingungen auf Seite 21.

The Wierschbande, alias Jürgen und Rocco

garter Autor und Dramaturg Christian Schönfelder

Wiersch, betreiben mit laut- und leisestarkem

hat gemeinsam mit Regisseur Frank Hörner und

Einsatz von Stimme und Gitarre Autorwerbung für

dem Ensemble das Theaterstück „Kanalhelden“

„Der Papst des schlechten Geschmacks“ und „ein

den am 24. Januar 2011 gestorbenen, germaicani-

entwickelt – nach Geschichten, die sie von den

Kuhn-Konzert ist wie der letzte Kindergeburts-

schen Exil-Literaten und Knast-Lyriker Peter Paul

Herner Schülern erfahren haben.

tag“: Zwei Beschreibungen des schrillen Entertai-

Zahl, dessen Werke sang- und klanglos aus den

Flottmann-Hallen, Herne, 10 & 12 Uhr Uhr

ners Dieter Thomas Kuhn, der seit über 15 Jahren

Regalen der Buchhändler und Grossisten sowie

(auch 24.01.)

den Schlager in einer Form belebt hat wie er es

aus den Backlists der Verlage zu verschwinden drohen. Wiersche Anverwandlungen von Dichterstoffen sind poetische Zwiesprachen, Lebens-, Werks- und Rezeptionskollagen, und dabei immer

Musik | Dieter Thomas Kuhn & Band

sich nicht im Traum vorgestellt hat. „Die singende

DI 24 | 01 | 12 Dia-Performance | Dunix Lichtbilder

Discokugel“ wird er in Wien genannt. Immer wieder und noch ist Kuhns fetzige Interpretation von „Über den Wolken“ ein Tanzflächengarant auf den

Autorwerbungen: hemmungslos subjektiv, per-

Das Arbeitsmaterial der Bochumer Künstlergrup-

verschiedensten Partys. Warum macht die Zeit nur

formt als Kleinstkammerspiele der Poesien. Die

pe Dunix Lichtbilder besteht aus schätzungsweise

vor dem Teufel halt, aber nicht vor Dieter Thomas

Wierschs gehen also nicht auf Distanz – sie lei-

50.000 Amateurdias, gesammelt auf Flohmärkten,

Kuhn & Band? Warum leiden die Fans ab dem letz-

den, lieben, lachen und flippen aus mit Peter Paul

beim Trödler um die Ecke und in Haushaltsauflö-

ten Konzert einer abgeschlossenen Tournee unter

Zahl, der, als politischer Gefangener, trotz Einzel-

sungsgeschäften. Dunix Lichtbilder sortieren das

solchen Entzugserscheinungen und halten sich

haft, Isolation, Behinderung und Verhinderung

gefundene Material, gruppieren die Lichtbilder,

nur mit der Hoffnung auf die ersten Konzerte der

25


26 VERANSTALTUNGEN JANUAR 2012

nächsten Tournee über Wasser? - Nirgendwo sieht man buntere Outfits, knallbuntere Farben. KuhnKonzerte sind Happenings. Hier geht es um die schönsten Schlager (auch) für ein Publikum, das sonst nichts mit Schlager am Hut hat. FZW, Dortmund, 20 Uhr

DO 26 | 01 | 12

24 | 01 | 12 Dunix Lichtbilder

27 | 01 | 12 Georg Ringsgwandl

Musik | The Rival Bid Es mag die Tristesse des Alltags sein oder auch ganz

ein Valentin des Rock‘n‘Roll, ein bayerisches Genie.

einfach das nahende Ende des Jahres 2011, welches

Ein Mann wie ein Leuchtturm, Geheimtipp der Verirr-

„Die da!“ beklagt nicht, sondern „feiert das No-

den TheMakingOf-Sänger und Gitarristen Maurice

ten. Der Oberarzt als Punk, verhauter Rock‘n‘Roller

madentum, verspottet unser aller Ängste“, urteilt

Margraf dazu bewogen haben, eine Soloplatte („Back-

und intellektueller Robin Hood.“ (Die Zeit)

die WR und lobt den Abend als „erschreckend gut“.

lights“) aufzunehmen. Musik die zu solch einer Jah-

Schauspielhaus, Bochum, 20 Uhr

„Eindringlich und unsentimental“ sei diese Insze-

reszeit passt: Dunkel, trist und bittersüß setzen sich die Songs im Gehörgang fest und wecken Erinnerun-

nierung, lobte die Presse den Monolog einer obMusik | The Busters

dachlosen Frau, in dem Bettina Stöbe genau den

gen an vergangene Tage. Variabel und dynamisch im

Die Busters haben die Schwelle zum 21sten Jahr-

Ton findet, „der diesen Bericht so eindringlich

Klang lässt sich die Musik von The Rival Bid im Bereich

hundert erfolgreich hinter sich gelassen. Wer hätte

macht.“ (WAZ) Sie heißt einfach „Die da!“ und

im Indie-Pop & NewWave einordnen, ohne jedoch zu

sich das vor mehr als zwanzig Jahren vorstellen mö-

lebt auf der Straße. Zwischen Blütenträumen vom

stark in eine Richtung zu tendieren. Live erhält The

gen? Damals wurde den guten, alten Spektakeln wie

bürgerlichen Leben und der bitteren Realität der

Rival Bid aka Maurice Margraf, der übrigens im Ruhr-

Sonnenauf- und -untergang, dem Spiel der Gezeiten

Bahnhofsvorplätze erzählt sie von der ausweglosen

gebiet beheimatet ist, Unterstützung durch Tillmann

und Bayerns Meistertitel ein weiterer Fixpunkt auf

Odyssee zwischen Vollräuschen und Ernüchterung.

Knie an der E-Gitarre.

der Agenda des Universums hinzugefügt: Die all-

Sensibel, mit klarem Blick für das Schicksal dieser

Subrosa, Dortmund, 19 Uhr

jährliche Busters-Winter-Tour. Derzeit ist die Ska-

Abgerutschten, die nie wirklich zu einer Pennerin

Band fleißig im Studio zu Gange und köchelt am

wird, sowie mit Witz und absurder Komik hat Hans-

zukünftigen Album. Aber nun ist „das Perpetuum

Peter Krüger dieses Drama inszeniert.

Deutschland im Jahr 2012. Die Nachwirkungen der

Mobile des Ska“ erst einmal wieder live on Stage

Fletch Bizzel, Dortmund, 20 Uhr

Revolution versauen uns den Tunesien-Urlaub und

unter dem Motto: „Brutales 1-2-3“.

ernüchternd stellt nicht nur der Otto Normalver-

Bahnhof Langendreer, Bochum, 20 Uhr

Comedy | Atze Schröder

braucher fest: Das Leben ist wie ein Ikea-Regal. Irgendwas fehlt immer. Und der Herdentrieb geht weiter. Vom alten Hartz-IV Adel bis zum prominenten Pleitegeier – Luxusautos fährt jeder. Designermode

Musik | Beatrevolver Wenn die Jungs von Beatrevolver loslegen, kracht’s

SA 28 | 01 | 12

gewaltig. Ihre wilde, raue Mischung aus US-Garage und UK-Beat der Sechziger geht ins Blut und lässt die

BODO VERLOSUNG | Schandmaul

Füße kaum mehr stillstehen. Seit knapp zehn Jahren

gibt's längst bei H&M auf dem Grabbeltisch und die

„Wir sind eine Band, die sich mehr oder weniger über

spielt das Kölner Quartett seinen energiegeladenen

Jugend fragt sich nur noch ängstlich: Wie kriege ich

ihre Liveauftritte definiert. Daher wollten wir das

Sound. In klassischer Besetzung mit Gitarre, Bass,

die Zeit bis zum ersten Burn-Out halbwegs anstän-

neue Album möglichst di-

Orgel und Drums spielen Beatrevolver hauptsächlich

dig ohne iPhone rum? Und was kommt danach? Nach

rekt und erdig aufnehmen“,

eigene Stücke, aber auch die ausgesuchten Cover-Ver-

über zehn Jahren auf dem Olymp der Comedy-Götter

meint Sänger Thomas. Und

sionen haben es in sich. Wilde Gitarrenriffs, melodiö-

schaltet Atze Schröder gnadenlos noch einen Gang

Birgit, die Frau mit den Du-

se Bassläufe, treibende Schlagzeugrhythmen, beatige

höher. Er knallt das Gaspedal auf der langen Geraden

delsäcken und den Flöten,

Hammondgrooves und einprägsame Gesangsmelodien

des zweiten Lebensabschnitts volle Lotte auf das Bo-

benutzt sogar das Wort

sind das Markenzeichen von Beatrevolver.

denblech. Warum? Weil er es kann. Atze Schröder ist

„rotzig“, wenn sie vom Klang der neuen Songs spricht.

„schmerzfrei“.

Dass dieses Attribut zutrifft, mag man nicht glau-

RuhrCongress, Bochum, 20 Uhr

ben, wenn man im Player den Titelsong der neuesten

(auch 11.02. in Dortmund)

Platte „Traumtänzer“ startet: Es knistert verdächtig

Der schwedische Pianist Martin Tingvall lernte sein

nach Vinyl und die Band, die dann einsetzt, hört sich

Handwerk von Bobo Stenson und nennt Miles Da-

eher an wie eine Irish-Folk-Truppe, die sich in einem

vis wie AC/DC als Vorbilder. Jürgen Spiegel saß als

verräucherten Pub ein paar Gläser Guinness verdient.

Rockdrummer bereits auf Festivalbühnen wie „Rock

Auf diese falsche Fährte wird der Hörer allerdings nur

am Ring“. Zusammen mit Bassist Omar Rodriguez

Dr. Georg Ringsgwandl, Jahrgang 1948, hängte mit 45

wenige Sekunden geführt, denn danach geht’s richtig

Calvo, der u.a. mit Ramon Valle und Roy Hargrove

Jahren seinen Beruf als kardiologischer Oberarzt an

los. Mit einer gehörigen Portion Energie werden Er-

musizierte, fabrizieren sie einen zeitgemäßen, me-

den Nagel und widmete sich ganz dem Musikkabarett.

innerungen an selige Punkzeiten geweckt. Die Flöte

lodischen, fast popmusikalisch leichten Trio-Sound

In seinem aktuellen Programm „Das Leben und Schlim-

tritt in einen Geschwindigkeitswettstreit mit dem

in einer schillernden Mischung: Skandinavischer

meres“ stellt er Anekdoten „aus dem Leben gegriffen“

Schlagzeug, Anna fliegt virtuos über die Saiten ihrer

Jazz mit kubanischen Anklängen und einer leichten

vor und präsentiert mit voller Würze seine Beobach-

Geige, die E-Gitarre fabriziert ein mitreißendes Solo

Rock‘n‘Roll Attitüde.

tungen aus der bayrischen Provinz. In seinen hilf-

und Thomas träumt in seinem Text vom Glück. Die

domicil, Dortmund, 20 Uhr

reichen Geschichten über Neurosen, Modetrends und

Münchner Special-Rock-Band Schandmaul ist zurück

andere Peinlichkeiten, verwandelt er – gespickt mit

und auf „Traumtänzer“-Tournee.

bayerisch-trockenem Humor – gesellschaftliche Är-

RuhrCongress, Bochum, 20 Uhr

Nuran David Calis ist Regisseur, Autor und Filmema-

gernisse in selbstironische, groteske Geschichten und

bodo verlost 3 x 2 Karten.

cher. Neben der Entwicklung von Stücken mit Ju-

Belehrungen über den Alltag. „Ein Punk-Qualtinger,

Teilnahmebedingungen auf Seite 21.

gendlichen, deren Geschichten im Zentrum stehen

FR 27 | 01 | 12 Musikkabarett | Georg Ringsgwandl

26

Theater | Die da!

Subrosa, Dortmund, 20 Uhr Musik | Tingvall Trio

Theater | Zoff in Chioggia


28 | 01 | 12 Die da!

28 | 01 | 12 Tingvall Trio

(„Homestories“, „Next Generation“), ist die Neube-

meinsamen Plausch am virtuellen Lagerfeuer. Das

arbeitung literarischer Stoffe ein Schwerpunkt seiner

Motto von Anka Zinks Beziehungskabarett: „Fum-

Adressen | Bochum (0234)

Regiearbeit. Nun bearbeitet er Carlo Goldonis „Zoff

meln war früher, heute ist twittern!“

Bahnhof Langendreer, Wallbaumweg 108, 687 16 10

in Chioggia“. Goldoni schrieb seine Komödie über ein

Bahnhof Langendreer, Bochum, 19 Uhr

Christuskirche, An der Christuskirche 1, 338 74 62

italienisches Fischerdorf im Jahr 1761. Das Chioggia von Nuran David Calis liegt immer noch am Meer,

BODO VERLOSUNG | Nachtgestalten

29 | 01 | 12 Anka Zink

Endstation Kino, Wallbaumweg 108, 687 16 20 Eve Bar, Königsallee 15, 333 354 45 Freilichtbühne Wattenscheid, Parkstraße, 61 03-0

vielleicht aber auch mitten im Ruhrgebiet. Es spielen

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da und Träume

Schauspieler des Bochumer Ensembles sowie Jugend-

sind Schäume. Sind Nachtmenschen

Jahrhunderthalle, Gahlensche Str. 15, 369 31 00

liche und Street-Art-Tänzer aus der Region.

eigentlich blasser oder auch einsa-

Kulturhaus Oskar, Oskar-Hoffmann-Straße 25

Schauspielhaus, Bochum, 19.30 Uhr

mer? 16 Akteure zeigen mit Tanz und

Kulturrat Bochum, Lothringer Straße 36, 862 012

Schauspiel, wer zu dunkler Stunde

Museum, Kortumstraße 147, 51 60 00

noch auf den Beinen ist. Wer wacht

Mus. Zentrum der RUB, Universitätsstr. 150, 322 28 36

28 – 29 | 01 + 04 – 05 | 02 | 12

über unsere nächtliche Ruhe oder BODO VERLOSUNG | 5. Historischer Jahrmarkt

zieht schlaflos um die Häuser? Party-

HalloDu-Theater, Lothringer Str. 36c, 87 65 6

Prinz-Regent-Theater, Prinz-Regent-Str. 50 – 60, 77 11 17 Riff, Konrad-Adenauer-Platz 3, 150 01 RuhrCongress, Stadionring 20, 610 30

Eine Achterbahn mit Dreifach-Looping und Turbo-

schwärmer, Nachtwächter, Putzfrau-

Beschleunigung sucht man hier vergebens. Keine

en, Prostituierte und Schlafwandler werden mit ihren

Stadthalle Wattenscheid, Saarlandstraße 40, 610 30

Teenie-Horden, die zu Dis-

nächtlichen Geschichten dargestellt und ihr Leben,

Thealozzi, Pestalozzistraße 21, 175 90

co-Gestampfe ihre Cool-

das sich neben dem Rhythmus der Gesellschaft be-

Varieté et Cetera, Herner Straße 299, 130 03

ness im Autoscooter und

wegt, wird mit Tanz und Schauspiel in Szenen gesetzt.

Zauberkasten, Lothringer Straße 36c, 86 62 35

vor allem lässig an deren

Mit einer Mischung aus Sinnlichkeit und Witz wird er-

Banden lehnend unter Be-

forscht, wo die Grenze zwischen Wollen und Müssen

weis stellen müssen. Beim

beim nächtlichen Wachsein liegt. In den Nischen der

Historischen Jahrmarkt ist Retro-Feeling angesagt.

Nacht suchen wir nach den verborgenen Sehnsüchten,

Adressen | Dortmund (0231)

Jahrhundertealte Karusselle, historische Kirmes-

die Menschen vom Schlafen abhalten.

Auslandsgesellschaft, Steinstraße 48, 838 00 00

orgeln und schummrige Wahrsagerstübchen führen

Theater im Depot, DO, 19 Uhr (auch 28.01. 20 Uhr)

Cabaret Queue, Hermannstraße 74, 41 31 46

auch 2012 mal wieder in die Zeit, als man noch feste

bodo verlost 3 x 2 Karten.

DASA, Friedrich-Henkel-Weg 1 – 25, 90 71 24 79

auf den Lukas hauen und für ein paar Pfennig Frauen

Teilnahmebedingungen auf Seite 21.

Dietrich-Keuning-Haus, Leopoldstr. 50 – 58, 502 51 45

mit Damenbart angucken durfte. Auch wenn letzteres wohl nicht geboten wird, findet das Ganze doch in einem würdigen Rahmen, nämlich der ebenfalls geschichtsträchtigen Jahrhunderthalle statt. An den

DI 31 | 01 | 12

Schauspielhaus, Königsallee 15, 333 30

Zeche, Prinz-Regent-Straße 50-60, 977 23 17 Zeche Lothringen, Lothringer Straße 36c, 876 56 Zwischenfall, Alte Bahnhofstraße 214, 28 76 50

domicil, Hansastraße 7 – 11, 862 90 30 Fletch Bizzel, Humboldtstraße 45, 14 25 25 F.-Henßler-Haus, Geschw.-Scholl-Str. 33 – 37, 502 34 72 FZW, Ritterstraße 20, 17 78 20

Lesung | Griechenland – eine EUROpäische Tragödie

Galerie Torhaus, Haupteingang Rombergpark, 50 23 194

Wochenenden öffnet der Rummel familienfreundlich

Für Menschen, die Griechenland nur als Tourismus-

Konzerthaus, Brückstraße 21, 22 69 62 00

bereits um 11 Uhr.

ziel, aus dem Geschichtsunterricht oder durch „den

Museum f. Kunst u. Kulturgesch., Hansastr. 3, 502 55 22

Jahrhunderthalle, Bochum, 11 Uhr

Griechen um die Ecke“ kannten, kam der Eurokri-

Piano Musiktheater, Lütgendortmunder Str. 43, 604 206

bodo verlost 3 x 2 Karten.

senschock aus heiterem Himmel. Ausgewiesene

Teilnahmebedingungen auf Seite 21.

Finanzexperten und erst recht Laien können nicht begreifen, warum alle Hilfsmaßnahmen für das Land

Rasthaus Fink, Nordmarkt 8, 999 876 25 Reinoldikirche, Ostenhellweg 1, 52 37 33 Schauspielhaus, Hiltropwall, 502 55 47 Sissikingkong, Landwehrstraße 17, 728 25 78

bisher zum Scheitern verurteilt scheinen. Das Land

Strobels, Strobelallee 50, 999 50 60

hat sich als erstes an einem finanzpolitischen Virus

Subrosa, Gneisenaustraße 56, 82 08 07

angesteckt, der die gesamte Weltwirtschaft bedro-

SweetSixteen Kino im Depot, Immermannstr. 29, 910 66 23

„Sexy ist was anderes“ ist ein unterhaltsamer

hen kann. Wassilis Aswestopoulos, Journalist u.a.

Theater im Depot, Immermannstraße 29, 98 21 20

Exkurs über Fluch und Segen der modernen Kom-

für den Focus und ausgewiesener Griechenlandken-

U, Leonie–Reygers-Terrasse, 50 247 23

munikationsgesellschaft.

Mitmenschlichkeit

ner mit langjähriger Korrespondenten-Erfahrung,

bleibt wenig Zeit, weil uns die elektronische Gerä-

analysiert die Hintergründe und Ursachen der Krise,

tewelt auf Trapp hält: Mit Highspeed geht’s durch

lässt Beteiligte und Betroffene zu Wort kommen. Er

die Kinderzimmer der Generation Spielkonsole. Es

nennt die Verursacher beim Namen und vermittelt

Adressen | Herne (02323)

gibt Freunde zum Downloaden und Partnerleasing.

erstmals eine komplette Analyse der oftmals un-

Flottmann-Hallen, Flottmannstr. 94, 16 29 52

Cyber-Petting mit Twitter-Wesen ist in. Das neue

durchsichtigen Fakten und Hintergründe der „grie-

Mondpalast, Wilhelmstraße 26, 58 89 99

Programm von Anka Zink lädt alle Bewohner der in-

chischen Tragödie“.

ternetten Hausgemeinschaft (lat. familia) zum ge-

Auslandsgesellschaft, Dortmund, 19 Uhr

SO 29 | 01 | 12 Kabarett | Anka Zink

Für

Westfallenhallen, Rheinlanddamm 200, 120 40 Westfalenpark, An der Buschmühle 3, 35 02 61 00 Zeche Zollern, Grubenweg 5, 696 12 11

Adressen | Witten (02302) Saalbau, Bergerstraße 25, 581 24 24 Werkstadt, Mannesmannstraße 2, 94 89 40

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28 DAS INTERVIEW | von Bastian Pütter | Fotos: Claudia Siekarski

Die Kunst, das Ruhrgebiet und der ganze Rest Günter Rückert ist bildender Künstler und Pionier der alternativen Theaterszene in Dortmund, Martin Kaysh ist Journalist, Autor und Kabarettist. – Und sie sind Regisseur und „Steiger“ beim Geierabend, der jährlich 17.000 Besucher nach Dortmund-Bövinghausen „auf Zeche“ lockt. Ein Gespräch.

bodo Bei Adolf Winkelmann (S.12) versinkt das

bodo Jochen Malmsheimer hat mal neidvoll

Dortmunder U in einer Sanddüne. Im Programm-

festgestellt, dass die Kombination Kabarett und

text eures neuen Programms „Durch das wilde

Malerei bei Günter Rückert „die allerhässlichste

Ruhrdistan“ heißt es: „Im Jahr zwei nach der

Frage des Universums“ beantworten hilft: „Was

,Kulturhauptstadt‘, die wie ein Sandsturm über

machen Sie tagsüber?“ Wie ist das Verhältnis

das Revier hinwegzog, herrscht endlich wieder

der beiden Professionen bei dir?

Goldgräberstimmung zwischen den Trümmern der Industriekultur.“ Das Ruhrgebiet eine Wüste?

GR Mein Leben ist in vielen Kurven über verschiedene Baustellen gelaufen. Ich male gerne,

MK Vor ein paar Jahren haben wir durchge-

ich zeichne gerne, ich schreibe gern Texte und

spielt, was passiert, wenn die Emschergenossen-

inszeniere gerne. Ich hab auch 25 Jahre auf der

schaft die Pumpen abstellt. Da haben wir das

Bühne gestanden. Irgendwann hatte ich mich

Ruhrgebiet versinken lassen. Gerettet wurden

ausschließlich für die Malerei entschieden und

die letzten Überlebenden dann von Kölnern – es

15 Jahre ausschließlich davon gelebt. Davor

war fürchterlich.

habe ich viele Theaterprojekte gemacht. Dann rief vor 13 oder 14 Jahren der Geier-

bodo Dann lieber versteppen. Ist das Ruhrge-

abend an, weil die einen Regisseur suchten.

biet kunstfeindlich?

Die fragten, ob ich das machen wollte, das wäre ja nur ein kleiner Job nebenbei für ein

GR Kunstfeindlich will ich nicht sagen, ignorant

paar Wochen.

auf jeden Fall. Es gibt eine total lebendige Künstlerszene in allen Bereichen: Musiker, Male-

MK War´s ja auch.

rei, moderne Medien. Allein in Dortmund gibt es – schätze ich – 400 bildende Künstler. Die leben

GR Beim ersten Mal war´s auch so. Um die Frage

nicht alle davon, das geht ja selten. Aber Kunst

zu beantworten: Im Moment kann ich froh sein,

ist das, was sie antreibt, was sie machen, auch

dass ich den Geierabend und andere Theaterpro-

wenn sie irgendwo kellnern müssen.

jekte wie das Soloprogramm von Fränzi (Mense-

Es gibt in Dortmund keine vernünftige städtische

Moritz) oder die Bullemänner habe. Kunst zu

Galerie, wie es sie in jedem Kaff gibt. Dafür gibt

verkaufen ist schwerer geworden.

es das Museum oben im U, das ein schrecklicher Irrgarten geworden ist, für den man sich als

bodo Malst Du während der Probenzeit?

Stadt eigentlich nur schämen muss.

GR In den drei Monaten Geierabend mache ich bodo Deutschland kennt dieses Museum, weil

nichts anderes. Ich hab‘ zwar immer ein Skiz-

hier ein Kunstwerk Martin Kippenbergers Opfer

zenbuch dabei, egal wo ich bin und wenn ich

eines Putzunfalls wurde. Unter der Häme der

einen Einfall habe, manchmal auch abends beim

Leserbriefschreiber.

Fernsehen oder so, aber richtig Produzieren, das mache ich, wenn das hier fertig ist.

MK Der Kippenberger hat sich auch schon zu Lebzeiten aus dem Staub gemacht. Von innen

MK So hab ich mir das bei Michelangelo auch

kennt das Museum ja kaum einer. Deswegen

immer vorgestellt: Abends vor dem Fernseher

machen wir im neuen Programm einen Vorschlag

auf der Couch den Pinsel schwingen.

zur Umnutzung...

bodo Martin, deine journalistische Laufbahn GR ...und die Pointe wirst du jetzt nicht verraten!

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begann mit zwölf Jahren?


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MK Ich habe für den Kinderfunk des WDR Re-

nicht, dass ich Autogramme schreiben möchte,

GR Ich glaube auch, dass die Leute total froh

portagen gemacht: Müssen Kinder im Bus auf-

sondern dass ich ein Anliegen habe. Und das

sind, dass sie bei uns nicht Karneval feiern

stehen, wenn ältere Leute auch sitzen wollen,

muss man zusammenführen.

müssen, aber trotzdem ihren Spaß haben. Was

das haben wir diskutiert. Mit dem Kassettenrekorder hab ich Umfragen gemacht und zum

es hier an Karneval gibt, ist ein Abklatsch des

bodo Wie funktioniert das?

WDR geschickt, die haben das ausgestrahlt:

rheinischen Karnevals. Beim Geierabend wissen die Leute: Das ist Ruhrpott, das ist unser Ding.

Das gab 25 Mark!

MK Der normale Kabarettist, der von dieser

Ich bin neugierig. Und ich war immer interes-

Kabarett-Vereinbarung ausgeht, er habe ein

MK Karneval bei uns steht für eine andere Art

siert daran, Kommunikation auch auszulösen,

informiertes linksliberales, einigermaßen

der Produktion und auch der Rezeption. Ich lege

Menschen ins Gespräch zu bringen, mit mir oder

informiertes Publikum und bestätige die in

da viel Wert drauf, dass die Leute eingreifen

unter sich. Das sind bei mir die beiden Wurzeln.

ihrer Meinung oder mache diese linke Selbstbe-

können, dazwischenrufen oder sich lauthals

Ich hab jahrelang den relativ engagierten Mitar-

schimpfung – der würde bei uns scheitern. Du

beschweren.

beiter bei einem Ableger der WAZ gegeben und

musst bei uns bei allen Sachen, die du erzählen

Fips (Hans-Peter Krüger) musste mal eine Fahne

hab auch für andere geschrieben...

willst, Bilder finden.

schwenken unter dem Motto „Das Ruhrgebiet

bodo …und hast einige Jahre für die Monitor-

GR Bei uns kommen Figuren auf die Bühne.

wächst zusammen“: S09, blau-gelb – und dann Redaktion des WDR gearbeitet.

konnte er eigentlich nicht mehr weiterspielen. Die Leute haben Gegenstände auf die Bühne ge-

MK Wir brauchen Spielsituationen. Wir spielen

schmissen. Das bringt einen Bühnenschauspieler

MK Ja, der WDR, dieser wunderbare öffentlich-

ein Publikum von 17.000 Zuschauern an, das

eher durcheinander. Aber das ist der Unter-

rechtliche Sender, was ich an dieser Stelle gerne

sind teilweise keine Kabarettbesucher, meist

schied bei uns: Die Leute feiern. Und anders als

mal sage: Ich bin ein großer Anhänger des

keine Theaterbesucher. Klugscheißerei hat

bei Kabarettveranstaltungen kommen sie oft in

öffentlich-rechtlichen Fernsehens – als Idee. So

keinen Sinn.

größeren Gruppen.

Namen hier zu nennen, achte, der, geschult in

GR So blöd einige Figuren sind auf der Bühne,

GR Wir hatten mal 100 Polizisten da.

der BBC, versucht hat, dieses System hier nach

so philosophisch sind sie auch: Die zwei von der

dem Krieg zu installieren. Tolle Idee: staats-

Südtribüne können auch so Sätze sagen wie:

MK Ich weiß auch nicht, was aus denen gewor-

fern, gesellschaftlich relevante Gruppen, nicht

„Das Müssen ist das, was das Wollen am Ende

den ist.

gewinnorientiert. Und ich hab nie mehr Frei-

können soll.“ Alle deutschen Modalwerben in ei-

heiten und mehr Möglichkeiten kennengelernt,

nem Satz. Das kriegen die fertig, und die Leute

bodo Der Geierabend kommt aber aus ganz an-

Dinge zu machen, Ideen zu verbreiten und gut

nehmen das mit.

deren Zusammenhängen als karnevalistischen...

wie ich Hugh Carleton Greene, um auch diesen

recherchierte, auch fiese Stücke umzusetzen als

MK Und dazu kommt: Die Bühnensituation al-

GR 1976 haben wir die erste Dortmunder Kaba-

lein ist mir zu wenig. Diese Grenze aufzuheben,

rettgruppe gegründet. Daraus ist Rocktheater

bodo Und was macht Martin Kaysh auf der Büh-

darum geht’s mir. Einerseits nach dem Programm

Nachtschicht entstanden, 1978 war das ziemlich

ne des Geierabend?

vorne bei den Leuten zu stehen und anderer-

originell. Wir konnten die Instrumente nicht

seits ‘rauszugehen, ob „Expedition Witten An-

richtig bedienen, aber das war egal. Nazis raus,

nen“ oder die Flutung des Phoenixsees vor zwei

gegen AKW, Schluss mit den Berufsverboten,

Jahren. Schon der Weg dahin war so absurd: Die

das waren die Themen. Daraus ist eine Menge

GR Was der Steiger macht, ist viel. Der macht

Stadtspitze war dafür und auf der Arbeitsebene

entstanden, bald gab es sogar ein Festival der

die Moderation, Überleitungen, aber er erzählt

hat man versucht, es zu verhindern. Großartig.

freien Theatergruppen mit zehn bis 15 Dortmun-

im WDR damals.

MK Conférence? Host?

auch viele eigene Geschichten, die vielleicht ein bisschen am Rand liegen.

der Gruppen. Davon übrig geblieben bis heute

bodo Und was hat das Ganze eigentlich mit

sind viele Einzelkünstler – Fritz Eckenga, Lioba

Karneval zu tun?

Albus usw. – und der Geierabend.

MK Roman (der Präsident) hat mal so ein Karne-

bodo Was ist eigentlich so lustig am Ruhrgebiet?

MK Meine Themen liegen in der Mitte! Was ihr macht, das ist am Rand!

valduo durch die Gegend gefahren, Jonas, unser

GR Ich meinte: am Rand des Bühnengeschehens.

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Regieassistent, war mal Kinderprinz in Ahlen,

MK Ich finde, das Ruhrgebiet hat die gleiche

und der Neue, Benedikt, der muss auch über den

Komik wie die SPD. Es ist dieses: Mit beschei-

MK Ach so. Der leider viel zu früh verstorbene

Kinderkarneval zum Schauspiel gekommen sein.

denen Mitteln versuchen, groß zu werden und

Matthias Beltz ist der einzige Kabarettist, von

Ich fand Karneval immer scheiße. Einerseits

dabei immer wieder auf die Schnauze fallen.

dem ich sagen würde, den habe ich verehrt.

fördert das Label Karneval – oder Alternativ-

Beltz hat im Tigerpalast moderiert, Varieté.

Karneval –, andererseits behindert es auch.

GR Das ist das eine. Das andere ist, dass es tat-

Und hat gesagt: Du sorgst dafür, dass es läuft

Ich glaube, dass 70 Prozent der Dortmunder

sächlich einen spezifischen Ruhrgebietshumor

und möchtest dann noch auf eigene Rechnung

im Leben nicht auf die Idee kämen, zu uns zu

gibt. Der hat Geschichte und unmittelbar mit

arbeiten. Und das muss sich die Waage halten.

kommen, weil dieses Etikett da ist. Das wäre mir

dem Bergbau zu tun. Ich bin selber in einer Ze-

Das seh‘ das auch so. Eigene Rechnung heißt

fast auch so gegangen.

chensiedlung groß geworden. Die Männer kamen


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aus ganz Europa und mussten unter Tage und man wusste nie, ob sie wieder ‘rauskamen. Das führte zu einer ganz knappen, lakonischen Form von Humor. Und die ist jetzt, wo es die Zechen nicht mehr gibt, der heimliche Exportschlager dieser Region.

MK Es wird aber zunehmend schwieriger. Thomas Gsella hat mal über bestimmte RuhrgebietsComedians geschrieben, ihr Erfolgsgeheimnis sei, dass sie in ihrem Programm immer zehn IQ-Punkte unter ihrem Publikum blieben. Das Publikum erlebt dabei dann so einen wohligen Schauer: So blöd sind wir ja gar nicht! Mir geht es darum, die Tatsache, dass das Ruhrgebiet mit der Schwerindustrie nur noch wenig zu tun hat, irgendwie auch rüberzubringen und dann die Frage zu stellen: Was bleibt denn Spezifisches? Ist es die Art, Geschichten zu

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erzählen? Ist es nur Haltung? Da habe ich keine Lösung bisher.

GR Eine Lösung ist, dass er „einfach mal macht“. Und das gibt dann auch mal Ärger. Er wollte einmal mit so einem Elektroroller von der Bühne aus auf diese Biertische fahren.

MK Wo sich jetzt Nonnen ausziehen dürfen! bodo Das ging aus ethischen oder aus technischen Gründen nicht?

MK Die haben mich das nicht mal ausprobieren lassen. Ich wollte auch mal mit einem Laubbläser, den ich von meinem privaten Geld gekauft hatte, Konfetti in die Luft ballern. Wir hatten richtige Berge, das sah großartig aus in der Probe. Aber das ging nicht.

bodo Teil deines Jobs ist es dann, Martin in diesen Stellen einzufangen?

MK Und Teil meines Jobs ist es, das dann zu ignorieren. Ich sitze auf der Bühne in einer Lore – korrekt: einem Hunt – und habe damit eine Insel des Bergrechts geschaffen. Da, wo die Lore ist, gilt das Bergrecht, und Bergrecht bricht Bundesrecht. Behaupte ich.

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32 DIE REPORTAGE | von Wolfgang Kienast | Fotos: Claudia Siekarski

Bergkristall, Amethyst und Rosenquarz Als Skeptiker in einer Steinestunde

Claudia Siekarski, unsere Fotografin, hatte das Thema vorgeschlagen. „Ich vermute, das funktioniert so ähnlich wie bei einer TupperParty”, meinte sie. „In privatem Rahmen, mit einer Gastgeberin und einer geladenen Expertin. Nur, dass es hier nicht um Dosen geht, sondern um Heilsteine.” Schweigen in der Runde. Vor gar nicht allzu langer Zeit hatte Astrologie die Redaktion entzweit, und klischeegerecht verlief die Verwerfungslinie passgenau zwischen den Geschlechtern. Doch manchmal schalten die Synapsen seltsam. Ich dachte spontan an Fußball, die magische Kraft der Rituale dabei, und dass ich seit 1995 an jedem Heimspieltag Dosenbier und Bonbons an einer ganz bestimmten Bude kaufe. Das wirkt nicht immer automatisch, während der letzten Saison allerdings hat es hervorragend geklappt. Meisterhaft geradezu. „Ich mache das mit den Steinen”, hörte ich mich also sagen. Ein Rückzieher wäre feige gewesen. Wir hatten bald darauf einen Termin und dann und wie besprochen dreißig Minuten vor der eigentlichen Stunde, klingelten Claudia und ich an verabredeter Adresse in Bochum-Langendreer. Daniela, Gastgeberin des Abends, herzlich lächelnd, ein leichter Anflug von kaum zu verbergendem Gastgeberinnenstress ließ sie nicht weniger sympathisch erscheinen, öffnete und bat uns in eine geschmackvoll eingerichtete Wohnung. Kerzenlicht, warme Farben, viele Decken, Tücher und Kissen sowie ein großer Tisch, beladen mit Schalen und Gläsern, welche ihrerseits unzählige bunte Steine bargen, rund geschliffen die meisten, zu Schmuck gearbeitet andere, schafften eine heimelige Atmosphäre. Anja Wenzig-Lascheck, die Heilsteinexpertin, legte letzte Hand an die Dekoration. „Mögt ihr etwas trinken?” fragte Daniela. „Ein Glas Heilsteinwasser vielleicht?” Sie deutete auf eine gläserne Karaffe. In klarer Flüssigkeit lagen walnussgroße Steine. „Das sind Bergkristall, Amethyst und Rosenquarz”, sagte Anja. „Die Mischung steht für ,Sanfte Harmonie‘. Probiert einfach mal.” Wir tranken. Tatsächlich schmeckte das Gereichte nicht wie normales Leitungs- oder Sprudelwasser. Weich, ein wenig erdig. Muffig, wenn man Negatives formulieren wollte.

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„Sonnige Erholung“ lasen wir auf dem Etikett einer

könnte aber auch daran liegen, dass ich das eine

Sommer 2010, an unser Themenheft „Kiosk“ und

zweiten Karaffe. „Und das schmeckt dann anders?”

Wasser direkt aus der Leitung genommen, das

daran, dass ich damals recherchiert hatte, wie im

fragte ich skeptisch. „Natürlich”, antwortete Anja

andere aber vorher noch gefiltert habe”, gab Da-

Revier die Seltersbude keine Schnitte gegen die

freundlich aber bestimmt, so, als hätte ich nach

niela zu bedenken. „Wir müssten also eigentlich

Trinkhalle bekommen hatte. Was ist hier schon

dem Unterschied zwischen Äpfeln und Birnen

noch mal beide Mischungen mit gleichem Was-

ein Wasser im Vergleich zu echtem Pils?

gefragt. „Die Steine übertragen ihre jeweilige

ser ansetzen.” Ich stimmte zu, vermutlich lie-

Energie ins Wasser. Jeder Stein hat seine eigene

ße sich das Phänomen auf diesem Weg erklären.

Währenddessen untersuchten die Frauen die

Botschaft, eine Information, mit der dein Körper

Doch bevor beide Kannen neu aufgesetzt werden

Mineralien auf dem Tisch, fühlten die Hand-

etwas anfangen kann. Oder gerade nicht. Bei mir

konnten, schellte mehrmals die Haustürglocke.

schmeichler, begutachteten Ketten und Gehän-

ist das manchmal ganz extrem. Wenn es zum Bei-

Pünktlich traf der Teilnehmerkreis der Steinstun-

ge. Erste Fragen. Erste Antworten. Tigereisen

spiel überhaupt nicht das Thema trifft, mit dem ich

de ein. Sechs Frauen Mitte dreißig, ein Mann.

hilft bei Müdigkeit, Chrysoberyll bei Mangel an

mich aktuell beschäftigen muss, kann es passie-

„Möchte jemand ein Bier?” fragte der.

Konzentration. „Gibt es eigentlich einen Stein

ren, dass ich ein bestimmtes Wasser nahezu ekelig

für Waschbrettbauch? Den würde ich gern mei-

finde. Ich kann das dann gar nicht trinken. Aber

Die Einsicht, bei einem Hellen vom gefassten

nem Mann mitbringen.” Kichern, Gelächter.

dazu werde ich gleich noch etwas sagen, wenn die

Vorsatz abzukommen, nüchtern in jeder Hinsicht

„Glaubt mir, wenn ich den gefunden hätte, mei-

übrigen Teilnehmer da sind.”

und möglichst analytisch dem Rätsel der different

ne Existenz wäre gesichert.”

schmeckenden Steinewässer nachzugehen, verzöWir probierten die „Sonnige Erholung“. Tatsäch-

gerte nur kurz. Dankbar nahm ich eine Flasche an.

Die eigentliche Steinstunde konnte beginnen.

lich: frischer, klarer. Das war verblüffend. „Es

Sicheres Terrain. Ruhrgebiet. Ich dachte an den

Anja stellte sich vor, sagte, dass sie als DiplomPädagogin im Bereich der Erwachsenenbildung gearbeitet und dann eine Ausbildung zur Edelsteintherapeutin gemacht habe. In den Steinen hätte sie eine Möglichkeit gefunden, individuell mit Menschen zu arbeiten. „Ich bin aber weder Ärztin noch Heilpraktikerin. Ich heile nicht, ich behandle nicht, ich stelle keine Diagnose. Aber ich berate euch gern mit meinem Wissen über Steine dahingehend, welcher Stein vielleicht helfen kann, Erfahrungen zu machen, damit es euch anschließend gesundheitlich und emotional besser geht. Steine sind gute Begleiter, da sie spezifische Botschaften in sich tragen, die sie als Schwingung permanent von sich geben. ,Ich bin mutig und entschlossen‘, sagt zum Beispiel der Rote Jaspis. ,Ich gehe meinen Weg in Liebe‘, sagt der Rosenquarz. Das Körpersystem geht bei dem richtigen Thema in Resonanz. Bei Themen, die gerade nicht anliegen, passiert nichts. Deswegen kann man mit Edelsteinen nichts falsch machen.” Eine lebhafte Diskussion setzte ein. Wie kann man oder muss man überhaupt seine Steine pflegen? Kann man gefahrlos Edelsteintherapie mit Homöopathie kombinieren? Wie und wo sollte man welchen Stein am besten tragen? Wie findet man überhaupt seinen persönlichen Stein? Lassen sich Entsprechungen im Bereich der Astrologie nachweisen? Und was sagt überhaupt mein Erzengel dazu? Zugegeben, spätestens bei dem Erzengel schweiften meine Gedanken ein wenig ab und ich musste an Mario Götze (sic!) denken und wie anbetungswürdig der den Ball behandeln kann und dabei wusste ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, dass er die erlösende Bude gegen die Bayern machen würde. Aber sonst hörte ich aufmerksam zu. Anja wusste beeindruckend viel über ihre Steine. Allein, dass

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bodo

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sie alle unterscheiden konnte. Sogar die grünen, Malachit, Aventurin, Variscit oder Smaragd, die in meinen Augen alle gleich und auch gleich hübsch aussahen.

schafft Chancen

„Ihr findet den richtigen Stein eventuell rein intuitiv”, erfuhren wir. „Farbe und Form verraten viel. Bei therapeutischen Einsätzen hilft jedoch der Verstand. Da ist zum Beispiel interessant, wie der Stein entstanden ist. Vulkanisches Gestein hat andere Eigenschaften als solches, das durch Umwelteinflüsse oder chemische Umwandlung entstanden ist. Und es lohnt, einen Blick auf die molekulare Struktur zu werfen. Da finden wir streng quadratische Muster, dreieckige oder amorphe wie bei Bernstein und Opal. Es lassen sich Analogien zwischen Men-

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schentyp und Kristallstruktur finden, die man in der Therapie verstärkend oder ausgleichend nutzen kann.” Erkältungen wurden angesprochen, zur Jahreszeit ein dankbares Thema. Ein schöner Wintertag ist halb so toll mit Schnupfen. Anja riet zu Aquamarin, Aquamarin fördere allgemein die Kondition. Gezielt ließe sich ein Stein namens

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Chalcedon anwenden, der brächte nicht nur die Lymphe zum Fließen, sondern wirke insgesamt positiv auf die Schleimhäute im Hals-Nasen-Ohren-Bereich. Nur sollten wir nie vergessen, dass Steine an die Ursache und nicht an die Symptome gingen. Vor den Teilnehmerinnen wuchsen mittlerweile Mineralienhäufchen. Kristalle, polierte Steine mit und ohne Bohrung, Amulette, Armbänder und andere Kleinodien. Okay. „Mal abgesehen vom Waschbrettbauchstein”, begann ich, und dass der auch mir willkommen wäre, hätte ich noch eine ganz spezielle Frage. Weil ich nur vom Schreiben nämlich noch nicht leben könne und nebenbei auf Parties Geld verdienen würde, als DJ hinter dem Plattenteller. Lange Nächte, viel zu laut, miese Luft und Alkohol. Mein Heilstein ist der Aspirin. „Schlecht”, lachte Anja und brachte Magnesit zur Sprache, ein unauffälliges weißes Mineral mit aparter grauer Maserung. „Dein Stein.” Leider fehlt jetzt der Beweis. Ich habe wie zuvor beim Wassertest auch hier verrissen und nach der letzten Party wieder zur Chemie gegriffen. Weil da die Symptome kamen. „Schlecht”, hätte die Steinfrau vermutlich wiederholt gerügt. Aber eventuell hätte ja eine Massage geholfen, eine, wie sie Anja zum Ende ihrer Steinstunde gab. Das sah entspannend aus. Sehr erholsam. Neu belebend. (wk)

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36 LITERATUR | gelesen von Bastian Pütter

Gerhard Willke

Jan Zweyer

Geht arbeiten!

Braunes weißgewaschen Für jeden, der Spaß hat an Wider-

Es ist ein ambitioniertes Projekt,

sprüchen: dieses Buch ist voll da-

das der Wahl-Herner Jan Zweyer

von. Es mahnt eine Versachlichung

mit „Persilschein“, dem dritten

der Debatte um Armut an – und

Teil seiner Goldstein-Trilogie, ab-

ist eine einzige Polemik. Es lie-

schließt.

Drei

Kriminalromane

fert präzise die Empirie der Armut

begleiten

den

Polizeibeamten

– und ist zutiefst ideologisch. Es

Peter Goldstein durch drei Epo-

droht mit einer drögen Grundsatz-

chen deutscher Geschichte: In der

analyse – und ist hochspannend.

Weimarer Republik wird Goldstein von Berlin nach Herne versetzt

Gerhard Willke ist Professor für

(„Franzosenliebchen“), der zwei-

Wirtschaftspolitik in Nürtingen

te Band „Goldfasan“ spielt 1943

und eigentlich ein neoliberaler

im faschistischen Herne, in dem

Sozialfachmann, wenn es Neo-

aus Goldstein Golsten und ein SS-

liberale denn noch gäbe. Aber

Hauptsturmführer geworden ist.

während der gesamte deutsche Konservatismus wetterwendisch auf Kapitalismuskritik macht, nehmen Wirtschaftsliberale zur Zeit nur sehr zaghaft den Kopf aus der Deckung. Ohne sich zu outen keilt Prof. Willke erst einmal aus. Es gebe vier „Zünfte“ der Armuts-Definierer und -Profiteure: Das Wohlfahrtsgewerbe, allen voran „unser“ Paritätischer mit „Chef“ Wolfgang Schneider, der in Wirklichkeit Ulrich heißt. Zweitens die Armutsforscher (Wir denken an Christoph Butterwegge & Co), drittens die Verfasser der Armutsberichte und viertens das „Sozialamtsgewerbe“ der Wohlfahrtsbürokratie. Für die also Armut erst Existenzberechtigung ist. Wir atmen durch und lesen weiter. Dann kommen die Fakten, Definitionen, Konzepte. Die sind großartig aufbereitet und erklärt. Sein Fazit: Statistik hilft nicht. Dass die Vermögensverteilung eine schreiende Ungerechtigkeit sei und die Ungleichheiten zunähmen, wisse eh jeder. Stimmt.

an – spielt im Nachkriegsruhrgebiet, als aus Tätern durch die Aussagen von echten und vermeintlichen Naziopfern Bundesbürger mit weißer Weste wurden. Auch Peter Goldstein hat, wie die meisten seiner Kollegen, den erneuten Systemwechsel unversehrt überstanden. Der Roman führt die Deals und die Lügen vor, mit denen die alliierte Entnazifizierung umgangen wurde, und er zeigt die dunklen Seiten von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. In diesem Ruhrgebiet, das die „dunklen Jahre“ bald erfolgreich abgeschüttelt haben wird, ereignet sich ein Mord und eröffnet eine wirklich spannende, knallhart und stringent erzählte Krimihandlung. Der Roman vermeidet wie seine Vorgänger erfolgreich alle klassischen Genre-Fehler. Persilschein ist ein Lokalkrimi, in dem Herne der Handlungsort, nicht das Thema ist. Kein plattes Namedropping geläufiger

Dann kommt der Liberale: Armut sei kein Verteilungsproblem. Der Teu-

Orte, sondern eine stimmige Atmosphäre, ein gut getroffener Ton, au-

felskreis sei nur mit Zugang zur Arbeitsgesellschaft zu durchbrechen. Der

thentische Charaktere. Und: Persilschein ist ein historischer Kriminalro-

deutsche Sozialstaat halte Arbeitslose, Alleinerziehende und Zuwande-

man, der in seiner Zeit lebt und sie durchdringt.

rer im Leistungsbezug, statt sie effektiv auf den Arbeitsmarkt zu werfen. Willke will Aus-, Weiter- und Umbildung und Kinderbetreuung. Und ein Ende der sozialen Hängematte. Diese letzten Kapitel sind ebenfalls großartig, nur auf andere Weise: Sie formulieren mal originelle Einsichten, mal hart gefederten Marktradikalismus von der Stange – aber sie zwingen zum Mit-, Gegen- und Weiterdenken. Das macht Spaß. Ein schönes, böses Buch zum sich daran abarbeiten. (bp) Gerhard Willke | Armut – Was ist das? | Eine Grundsatzanalyse Murmann 2011 | 258 S., | 16 Euro ISBN: 978-3-86774-126-2

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„Persilschein“ – der Titel deutet es

Jan Zweyer, geboren 1953, hat lange recherchiert und präsentiert ein glaubwürdiges 1950, nicht einfach eine historische Kulisse. Das Ergebnis sind 319 Seiten spannende Unterhaltung und einige Beklemmung, wenn die knappe Nachbemerkung verrät, wie nah die Roman die Realität streift. Persilschein lässt sich ohne Kenntnis der beiden Vorgänger lesen. Doch wer es tut, wird deren Lektüre bald nachholen. (bp) Jan Zweyer | Persilschein grafit 2011 | 319 S., | 11 Euro ISBN 978-3-89425-615-9


37 Fehlersuchbild – Lösung: 1) Statt eines Rufzeichens steht ein Punkt in der Sprechblase, 2) der Bommel an Pauls Mütze ist kleiner, 3) seine Hose ist rot, 4) der Schneemann hat eine kürzere Nase 5) und einen "Knopf" mehr, 6) die Rauchfahne ist kürzer, 7) an einem Haus ist ein Fenster zu wenig 8) und an einem anderen eins zu viel, 9) an der Tragetasche ist der andere Henkel zu sehen und 10) ein Baguette in der Tasche ist länger.

Da hat Paul den Slogan „Brot statt Böller“ wohl gehörig missverstanden. Und wo Missverständnisse auftauchen, sind andere Fehler nicht weit. 10 davon sind im rechten Bild zu finden! Rätsel-Lösung: KASSIBER

RÄTSEL | von Volker Dornemann

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38 BODO GEHT AUS | von Wolfgang Kienast | Fotos: Claudia Siekarski

Bochum ist nicht Marburg, Dortmund nicht Tübingen. Gern und nicht ohne Grund wird bedauert, den Ruhrgebietsuniversitätsstädten fehle jedes studentische Flair. Aber was will man machen, wenn die Zweckneubauten abseits der Kommunen auf der grünen Wiese stehen, wenn es innerstädtisch keinen Keller gibt, in dem ein junger Goethe seinen Wein getrunken haben könnte. Das Vermisste spielt sich oft nur auf dem Campus selber ab. Wer es erleben will, muss dahin. Zum Beispiel ins wieder eröffnete Bochumer Hardys.

Hardys | Bochum Studentisch geprägt rumscafeteria. Doch muss das nicht unbedingt

(Bochumer Studenten- und Kulturoperative)

ein Nachteil sein. In dem schlicht gestalteten

regelmäßig Lesungen statt. Im Rahmen der

Raum, der rechte Winkel meidet, vor den gro-

[Lit:Lounge] stellen Dozenten im Hardys ihre

ßen Fenstern und den hellen Wänden sehen die

Lieblingstexte vor. Bald soll nicht mehr nur

Sitzelemente aus Leder und die Kugellampen

selbst gekickert, sondern öffentlich Bundesli-

sehr stylisch aus. Die aus welchem Grund auch

ga geguckt werden. In Planung ist neben einer

immer hier vorhandene Empore lässt sich gut

Bluessession auch eine Reihe größerer Livekon-

als Bühne nutzen.

zerte. Der Außenbereich ist bereits konzessioniert, im Sommer wird also niemand die gelieb-

Im freien hinteren Bereich lassen sich einfache

te Biergartenatmospähre vermissen.

Holztische und -stühle ungezwungen gruppieren. Hier kann man auch Kickern und Flippern. Gratis.

Wer die Campuskneipe besucht? Das Publikum im

Überhaupt sind alle Preise an schmalen studen-

Hardys ist jung, Anfang zwanzig bis Ende dreißig

tischen Geldbeuteln ausgerichtet. Zum Beispiel

und natürlich bilden die Studierenden der Ruhru-

gibt es diverse Sandwiches (je 2,50 Euro), Kar-

ni die Mehrheit. „Aber es wird an der Tür nie-

toffelecken mit Mango-Aioli (3 Euro) und Geba-

mand nach seinem Studentenausweis gefragt”,

„Das Hardys erwacht aus einem Dornröschen-

ckenen Schafkäse mit Brot und Salat (mit 4,50

verspricht Dieckmann. (wk)

schlaf”, ließ das Akademische Förderungswerk

Euro das teuerste Gericht auf der zwar kleinen

(AKAFÖ) der Ruhruni Bochum im Oktober 2011

aber abwechslungsreichen Karte). Die Portionen

verlautbaren. Zuvor hatte die einstmals beliebte

sind groß, das Essen lecker. Geradezu verwöhnt

gastronomische Einrichtung über ein Jahr brach-

werden Biertrinker. Regionalbiere wie Hövels

Hardys

gelegen, da ein bewirtschaftender Verein in erster

oder Schwelmer Bernstein und Spezialitäten wie

Laerheidestraße 26 | 44799 Bochum.

Linie in Querelen mit sich selbst gefangen war. Ir-

Pilsner Urquell oder Krusovicer Schwarzbier gibt

täglich von 18 Uhr bis mindestens 1 Uhr

gendwann wurde es dem AKAFÖ als Eigentümer zu

es für 2,90 Euro den halben Liter, im Sortiment

Montag Ruhetag

bunt, man suchte und fand in Christian Dieckmann

auch Szenebiere wie Astra und Tannenzäpfle. Wer

Dienstag Spezialpreise:

einen Kneipier aus der freien Wirtschaft. Dieck-

anderes will, findet Softdrinks, Heißgetränke,

Astra 1,00 Euro, Chilli con Carne 2,50 Euro

mann hatte bislang das „Trödler” im Dortmunder

Spirituosen, Cocktails und mehr.

Westend geführt und darf sich jetzt „Betriebsleiter Gastronomie Hardenberghaus” nennen.

„Wichtig ist, dass für jeden etwas dabei ist”, sagt Dieckmann. „Nur wer sich breit genug auf-

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Das Hardenberghaus ist ein am Campus gelegenes

stellt, kann allen etwas bieten. Das sollte nicht

Studentenwohnheim, das Hardys ein Seitentrakt

bei der Speise- und Getränkekarte enden, das

im Erdgeschoss, der Kneipe und Saal beherbergt.

muss auch für ein ansprechendes Freizeit- und

In 70er-Jahre-Multifunktionsbauweise errichtet,

Kulturprogramm gelten.” Schon jetzt finden in

erinnert es an eine zeittypische Kulturzent-

Kooperation mit dem AKAFÖ-Kulturbüro boSKop


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LESERSEITE

bodo dankt:

Sparkasse Bochum Dr. Josef Balzer, Alexander Barbian-Steinfort, Michael Buddenberg, Helmut Buscha, Christian Chammings, Angelika Engelberg, Paul Engelen, Fabian Fluhme, Rolf Geers, Matthias Grigo, Grünbau GmbH, Britta Richter, Manfred Kater, Almuth Keller, Jutta Kemper, Helga Koester-Wais, Birgit Kuehn, Otfried Ladwig, Nicola Steinstrass, Wulfhild Tank, Felix Zulechner, Ingeborg Schumacher, Brigitte Sonntag, Gabriele Steinbrecher, Gabriela Schaefer, Hermann Schroeder, Christoph Roeper, Susanne Mildner, Barbara Meyer, Ute Michler, Ludwig Seitz, Bärbel Bals, Kerstin Bals, Karl Bonbardt, Das Grafikhaus/O. Schäfer, Ralf Finke, Michael Stange, Nicole Goralski, Jörg Gruda, Erika Janssen, Marlis Lange, Arne Malmsheimer, Wolfgang Neuhaus, Ursula Remer, Daniela Schmitz, Nadja Schramm, Rainer Stücker, Thomas Terbeck, Linda Wotzlaw, Heinz Schildheuer, Thomas Schröder, Snezka Barle, Ute Börner, Bernd Ewers, Regina Höbel, Sandra und Friedrich Laker, Heike Pannitz, Frank Siewert, Ilona Zarnowski, Rainer Biel, Udo Bormann, R. Dammer, Anita Diehn-Driessler, Christine Ferreau, Udo Greif, Rüdiger Haag, Elsbeth Heiart, Astrid Kaspar, Annette Krtizler, Ursula Machatschek, Lieselotte Markgraf, Thorsten Matern, Jutta Meklenborg, Marlies und Eberhard Piclum, Sandra Rettemeyer, Inge Schaub, Dorothea Bomnüter, Petra Bloch, Ina und Arno Georg, Edith Link, Annemarie Meiling, Christain Scheer, Roswitha Wolf, Ulrike Bornemann, Hans-Georg Schwinn, Isabell Bikowski-Gauchel, Peter Buning, A. und M. Dietz, Klaus-M. Kinzel, Annegret Malessa, Else Stockert, Christine Weber, Monika Bender, Petra Bender, Eberhard Garburg, Jutta Haring, Lieselotte Koch, Katrin Lichtenstein, Ulrike Märkel, Gerd Pelzer, Renate Krökel, Klaus Kwetkat, Stefan Meyer, Carsten klink, Thomas Olschowny, Daniela Gerull, Dieter Schibilski, Martin Scholz, Karl-Heinz Schwieger, Barbara Bokel, Sandra Wortmann, Annabell Preusler, Birgitt Kuhlmann, Dieter Zawodniak, Elisabeth Heymann-Roeder, Friederike Jansen, Dirk Schmiedeskamp, Sebastian Poschadel, Gisela Piechotta, Christel Dreyer, Sabine Prass, M. und W. Münster, Doris Doberstein,Gerhard Mueller, Hans W. Wenkebach, Marie-Luise Minarek, Helga und Carl Johannes, Uesula und Hans Gollminski,Dr. Annette Schmitz-Stolbrink, Johannes Syre, BC-Systemtechnik gmbH & Co. KG, Gerta Lindner, Dr. Mathilde Jamin, Felix Steigmeier, Kath. Kirchengemeinde St. Clemens und Koerter, Oliver Stiller, Marion und Frank Matzdorff, Eberhard Garburg, Carsten Piel, Volker Schaika, Elfriede Daub, Erika Maletz, Elsemarie Bork, Peter Lasslop, Christina Kolivopoulos, Jutta und Wido Wagner, Marianne Linnenbank, Klara Lehmann, Elke Eitner, Christel Brockmann, N. Vach de Lima Pinheiro, Dr. Karl-Ulrich Winkler, Sabine Raddatz, Petra Danielsen-Hardt, Petra Schaeckermann, Annette Maletz, Silke Harborth, Timo Zimmermann, Hildegard Reinitz, Dolf Mehring, Ute Soth-Dykgers, Harald Gering, Dorothee Pischke, Annette Duee, Herbert Schwittay

Bei einem gemütlichen Brunch in Bochum (Foto) und einem in Dortmund ließen die bodo-Verkäuferinnen und -Verkäufer mit selbstgemachtem Rührei mit Speck das Jahr ausklingen. Wir bedanken uns bei Elfriede und Günter Mehrens für die Unterstützung und wünschen allen Leserinnen und Lesern ein gutes 2012!

LESERBRIEFE Liebe bodos, eigentlich kaufen mein Mann und ich schon seit ein paar

Von Herzen viel Glück mit Eurem Projekt „Ein Dach, unter

Jahren Euer Straßenmagazin – meist samstags morgens auf

dem Platz für alle ist“!

dem Weg zu irgendeinem Einkaufstempel. Bis vor ein paar

Wir wünschen Euch eine schöne Weihnachtszeit und einen

Monaten wanderten die Zeitungen aber mit dem Auspacken

guten Übergang ins neue Jahr, Claudia und Sven Sarter

des Einkaufs immer ungelesen im Altpapier. Man hatte das Gefühl, „etwas getan“ zu haben und damit gut.

Liebe Frau Cordes,

Im Frühjahr diesen Jahres hat es dann eine bodo bis in meine

wie versprochen, möchte ich Ihnen kurz über das Konzert

Handtasche geschafft. Die Wartezeit beim Arzt musste über-

von Joshua Redman & Brad Mehldau am vergangenen Freitag

brückt werden und so habe ich auf der Suche nach lesbarem

im Konzerthaus berichten.

in den Tiefen meiner Tasche Eure Zeitung wieder gefunden.

Dass ich mich über die Karten wirklich sehr gefreut habe,

Ich habe die Zeitung von der ersten bis zur letzten Seite

konnten sie am Telefon schon hören. Besonders schön war

gelesen und war echt überrascht! Im nachhinein weiß ich

es auch, dass ich mit der zweiten Freikarte einer jungen Be-

nicht mehr, was ich mir hinter der bodo vorgestellt habe,

kannten, die mir seit einem Unfall im Sommer viel geholfen

aber ich bin total begeistert über so viel Mut, Engagement

hat, eine besondere Freude bereiten konnte.

und Mitmenschlichkeit – einfach klasse!

Wir haben beide das Konzert sehr genossen. Die Musiker sind

Sobald wir heute eine bodo-Frau oder einen bodo-Mann sehen,

einfach großartig. Es war ein tolles Erlebnis. (…)

kaufen wir auf der Stelle ein Magazin, egal ob wir die Ausgabe

Nochmals herzlichen Dank! Viele Grüße, Doris Doberstein

schon haben oder nicht. Es gibt auch beim zweiten oder dritten Mal immer wieder Neues zu entdecken. Außerdem trauen wir

Schreiben Sie uns Ihre Meinung!

uns nun auch mal, dahinter zu schauen und vielleicht auch mal

bodo e.V. | Postfach 100543 | 44005 Dortmund

ein paar Worte mit den bodos zu wechseln.

oder eMail an: redaktion@bodoev.de

CARTOON | Idee und Zeichnung: Volker Dornemann

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bodo Januar 2012