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Dieses Buch wurde anläßlich der Wiederentdeckung von Büchern und Karten erstellt, die ursprünglich der BNU gehörten, während des Zweiten Weltkriegs von Straßburg nach Göttingen verlagert, seitdem vergessen und zufällig im Jahr 2008 wiederentdeckt worden waren. Es ist ein Teil der Veranstaltung am 23. Mai 2013, während der diese Medien offiziell der Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg zurückgegeben werden. Redaktionelle Konzeption: Christophe Didier, stellvertretender Direktor der BNU Texte: Daniel Bornemann, Leiter der « Réserve de la BNU » Gwénaël Citérin, Leiter der graphischen Sammlungen und der Kartenabteilung der BNU Wilfried Enderle, Leiter des Fachreferats Geschichte der SUB Göttingen Francis Fischer, Kartograph, ehrenamtlicher Mitarbeiter der BNU Dominique Grentzinger, Direktor der Erwerbungsabteilung der BNU Übersetzungen: Wilfried Enderle Fachliche Betreuung: Virginie Larrondo Graphische Gestaltung: Pauline Steib Fotografien: BNU (S. 10 unten, 21, 26, 29), BNU - Jean-Pierre Rosenkranz (S. 25 unten, 38-42, 47-50, 55-59), SUB Göttingen (S. 10 oben, 15, 19, 23), Ronald Schmidt (S. 25 oben) ISBN : 9782859230425 Kostenloses Heft ; kein Verkauf

© BNU - Mai 2013


Vorworte

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ie Vorgehensweisen beim Aufbau von Bibliotheksbeständen sind ebenso vielfältig wie die Bibliotheken selbst: Nationalstaatliche, königliche oder kaiserliche Erlasse, Beschlagnahmungen in Revolutionszeiten, Erwerbungen, Geschenke und Legate, Pflichtabgaben, Spendenaufrufe, Verlagerungen, Zusammenlegungen … Die Geschichte der Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg zeugt von dieser Vielfalt – bis hin zu den jüngsten Deposita (wie zum Beispiel der Bibliothek des Europarats). Den Gegenstand der vorliegenden Publikation bildet jedoch eine Form der (Wieder)aneignung, die diese Einrichtung bislang noch nicht erlebt hat: Die der Restitution, ein Thema, welches, nebenbei bemerkt, durch ein Kolloquium behandelt wurde, das im Jahr 2010 an der Université de Strasbourg gehalten worden war und von dem auf den folgenden Seiten noch die Rede sein wird. Es ist weithin bekannt, dass die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg durch mannigfache problematische Bereiche gekennzeichnet war, von denen der des Raubs einer der Signifikantesten war. Insbesondere das Thema der bewussten und wohlüberlegten Aneignung jüdischen Besitzes war lange Zeit unter der Decke gehalten worden, ehe die Öffnung der Archive und die Arbeiten von Forschern einen Ansatzpunkt boten, um zu verstehen, welche Konsequenzen die Naziherrschaft in den besetzten Gebieten gehabt hatte. Selbst wenn es, wie im Fall der an die BNU restituierten Bestände, keine vergleichbar tragischen Ereignisse gab, ist es doch eine beachtliche Forschungsarbeit in den Archiven und Beständen gewesen, die es möglich machte, zu entdecken, dass bestimmte in Göttingen liegende Bestände in Wirklichkeit der BNU gehören. Dank den Arbeiten der Wissenschaftler an der Niedersächsischen Staatsund Universitätsbibliothek Göttingen mit der Unterstützung des Instituts für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz konnte der Schleier zuerst ein wenig -3-


gelüftet werden. Die enge und fruchtbare Zusammenarbeit, die sich anschließend zwischen der Göttinger Universitätsbibliothek und der BNU entwickelte, hat es nicht nur erlaubt, die entwendeten Bestände zu identifizieren, sondern auch ihre Restitution vorzubereiten. Ich sehe in diesem Vorhaben ein Zeichen einer französisch-deutschen Kooperation, die in Europa heute mehr denn je vonnöten ist; und bei der die BNU in Frankreich ein im wissenschaftlichen und kulturellen Bereich anerkannter Akteur ist. Ich sehe ebenso die Gelegenheit, unserer Partnerschaft mit einer der führenden Bibliotheken jenseits des Rheins zu stärken. Die vorliegende Publikation führt dies anschaulich vor Augen. In diesem Sinne soll der heutige Austausch ein festliches Zeichen setzen und der Rückkehr der verschleppten Bestände an die BNU Gestalt geben. Darüber hinaus ist zu hoffen, dass er dazu beiträgt, die Weichen zu stellen für eine noch gründlichere Erforschung der gemeinsamen Geschichte der beiden Bibliotheken, und ganz allgemein für die Verfolgung eines gemeinsamen wissenschaftlichen Ziels. Den Kollegen aus Göttingen ebenso wie den Mitarbeitern der BNU, die an der Organisation dieser Restitution und der Erstellung der vorliegenden Publikation mitgewirkt haben, sei hier nachdrücklich gedankt für ihre Beiträge bei der langen Arbeit an der Wiedergutmachung der Folgeschäden des Krieges und am Aufbau eines Europas der Verständigung, gegründet auf ein wechselseitiges und brüderliches Vertrauen und auf eine gemeinsam verantwortete Geschichte. Albert Poirot Administrateur der Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg

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S-Raubgut in Museen ist ein Thema, das seit einigen Jahren auch von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wird, was nicht zuletzt darin begründet liegt, dass es – nicht nur, aber doch oft auch – um weithin bekannte Kunstwerke von herausragendem Wert geht. Dass auch Bibliotheken in den Raub von Kulturgütern durch das nationalsozialistische Deutschland involviert waren, wird dabei häufig übersehen. Doch auch die Fachleute, die Bibliothekare, haben dieses Thema lange ignoriert. In Deutschland waren es die Staatsund Universitätsbibliothek in Bremen und die Universitätsbibliothek Marburg, die in den 1990er Jahren Pionierarbeit geleistet haben. Erst nachdem zwei Generationen von Bibliothekaren in den Ruhestand getreten waren, diejenigen, die noch in die Ereignisse selbst verstrickt gewesen waren, und diejenigen, die noch von der ersten Generation ausgebildet worden waren, nahmen sich die Bibliothekare verstärkt dieses Themas an. Dass dieser Aufarbeitungsprozess zunächst eher schleppend verlief, lag aber auch an ganz praktischen Umständen, war es doch schwierig, für diese zeitaufwändigen und Fachkenntnisse voraussetzenden Recherchen Mitarbeiter freizustellen. Umso begrüßenswerter ist es, dass die Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/forschung am Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz vor einigen Jahren damit begonnen hat, Bibliotheken bei der Recherche nach NS-Raubgut in ihren Beständen zu unterstützen. So wurde auch das Projekt zur Recherche nach NS-Raubgut, das die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen 2008 begann, von der Berliner Arbeitsstelle und darüber hinaus von der Universität Göttingen finanziell gefördert. Dieses Projekt hat es ermöglicht, systematisch nach unrechtmäßig erworbenen Büchern – und auch Karten – zu recherchieren, diese im Katalog der Bibliothek wie der Lost-Art-Datenbank zu dokumentieren und Restitutionen einzuleiten und durchzuführen. Dabei wurde auch eine fast vergessene Geschichte wieder entdeckt: die der Verlagerung von Beständen der Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg an die Universitätsbibliothek Göttingen im Herbst 1944, vor allem aber die Tatsache, dass nicht alle dieser Bestände im Jahr 1946 wieder nach Straßburg zurückgesandt worden waren. Ich freue mich sehr, dass ein -5-


Ergebnis unseres Projektes die Rückführung eines umfangreichen Kartenwerkes und dreier Großfoliobände an die BNU Strasbourg, die rechtmäßige Eigentümerin, ist. Und vielleicht vermag diese Restitution auch dazu beizutragen, dass das durch den Raub von Kulturgütern begangene Unrecht des NS-Regimes nicht wieder, wie in den ersten Jahrzehnten nach 1945, in Vergessenheit gerät, sondern im historischen Gedächtnis der Bibliothekare wie der interessierten Öffentlichkeit erhalten bleibt. Den Kolleginnen und Kollegen der BNU Strasbourg möchte ich herzlich danken für die kollegiale Zusammenarbeit bei der Vorbereitung der Restitution sowie der Veranstaltung zur offiziellen Übergabe, insbesondere auch bei der Erstellung einer ausführlichen begleitenden Broschüre. In Göttingen bin ich vor allem den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kartensammlung, des Projektes zur Ermittlung und Restitution von NS-Raubgut sowie der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit für ihr Engagement dankbar. Prof. Dr. Norbert Lossau Direktor der Niedersächsischen Staatsund Universitätsbibliothek Göttingen und Vizepräsident der Georg-August-Universität Göttingen

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Einführung

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ie Publikation des Katalogs Orages de papier / In Papiergewittern begleitete die gleichnamige Ausstellung an der Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg im Jahr 2008, und die Wiederentdeckung der „Kriegssammlung“, die diese angestoßen hatte, führte dazu, dass man mehr über die Lage der Bibliotheken und über das oft einzigartige Geschick ihrer Sammlungen im Verlauf des Krieges erfuhr. Das europäische Digitalisierungsprojekt „Europeana 1914-1918“, das 2011 begonnen wurde und 2014 abgeschlossen sein wird, rückte zugleich die Vielfalt der Dokumente, die in jener Zeit gesammelt wurden, stärker ins Licht und macht sie überdies frei zugänglich und für künftige Forschungen verfügbar. Hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, während man hier und da Bestände, die einst gesammelt und seit Jahrzehnten vergessen worden waren, wieder entdeckt (an der BNU war dies während des Jahrs 2000 der Fall), wird zunehmend der Wert der Dokumente dieser Zeit neu gewürdigt. Die deutschen „Kriegssammlungen“, vergessen seit den zwanziger Jahren, erleben eine Renaissance als Forschungsgegenstand mit dem bevorstehenden hundertsten Gedenkjahr. Davon zeugt unter anderem die in Vorbereitung befindliche und diesem Thema gewidmete Sonderausgabe der deutschen Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, deren Erscheinung eben für das Jahr 2014 vorgesehen ist. Für den Zweiten Weltkrieg scheinen vergleichbare Überlegungen nicht so naheliegend zu sein, obwohl dieser in den Bibliotheken im Hinblick auf Verlagerungen, Verluste und … Bereicherungen deutlich mehr Spuren hinterlassen hat.

Im Jahr 2003 hat die Ausstellung Impressions d’Europe begonnen, die Aufmerksamkeit auf jene Epoche an der BNU zu richten, insbesondere -7-


auf deren Erwerbungspolitik. Noch näher liegt das im Jahr 2010 an der Université de Strasbourg gehaltene Kolloquium Saisies, spoliations et restitutions, dessen Vorträge gerade im Erscheinen begriffen sind und das die Thematik des Raubs in Archiven und Bibliotheken in Europa erhellt hat; ein Thema, bei dem die Forschung noch bei weitem nicht so fortgeschritten ist wie bei dem der Kunstwerke, wie Norbert Lossau in seinem Grußwort zurecht betont. Fast zur selben Zeit hat man in Göttingen eine unerwartete Entdeckung gemacht: Das Vorhandensein von Büchern und Karten an der Universitätsbibliothek, die offensichtlich der BNU gehörten, und die beim Transport von Straßburg nach Göttingen im Laufe des Jahres 1945 anscheinend vergessen worden waren. Die beiden Einrichtungen verständigten sich sofort über die Aufgabe der Anerkennung, die der BNU den Besitz des Bestandes bestätigte und dessen Rückgabe vorbereitete. Welch eigenartiger Zufall, dass nach der akademischen Auseinandersetzung mit diesem Thema ganz unerwartet eine Fallstudie folgte! Die Gelegenheit war zu schön, um sie nicht beim Schopfe zu ergreifen und sich näher mit den Umständen dieser „voyage documentaire“, dieser Reise von Beständen zwischen Frankreich und Deutschland zu beschäftigen. Bibliothekare aus Göttingen und Straßburg haben in einer gemeinsamen Anstrengung die Dokumente in ihren jeweiligen Archiven befragt, um in einem kleinen Buch diese „fast vergessene“ Geschichte zu erzählen. Das Thema der Verlagerung, des Raubs und der Restitutionen von Sammlungen ist ein weites Feld, und die abenteuerliche Reise des Bestands der BNU nach Göttingen bildet, woran Wilfried Enderle am Schluss seines Beitrags erinnert, nur ein kleines Kapitel einer größeren und noch weitgehend unerforschten Geschichte. Diese verdient zweifelsohne in größerem Maßstab als nur im Hinblick auf zwei Einrichtungen untersucht zu werden, umso mehr da die Bibliotheken der Region (um nur von denen des Oberrheins zu sprechen) gleichermaßen in diese schwierigen Ereignisse involviert -8-


gewesen waren – um ganz zu schweigen von den Vorgängen der Entnazifizierung, die auf ihre Art Verlagerungen und Zerstörungen zur Folge hatten. Die BNU, deren Bestände selbst zum Teil auf (in diesem Fall friedlich) verlagerten Sammlungen gründen, sieht mit dieser „Rückkehr aus Göttingen“ eine Gelegenheit, den Schleier über einen Teil ihrer jüngeren Geschichte zu heben. Hoffen wir, dass dieser erste Versuch weitere künftige Forschungen anregen möge. Christophe Didier Stellvertretender Direktor der Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg

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Das historische Gebäude der Universitätsbibliothek Göttingen 1927 (Sammlung SUB Göttingen)

Das historische Gebäude der Bibliothèque nationale et universitaire (damals Kaiserliche Universitäts- und Landesbibliothek) von Strasbourg um 1900 (Sammlung BNU Strasbourg)


Die Universitätsbibliothek Göttingen und die Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg von 1941 bis 1946 Eine fast vergessene Geschichte


von Wilfried Enderle


Die Universitätsbibliothek Göttingen und die Bibliothèque Nationale et Universitaire de Strasbourg von 1941 bis 1946 - Eine fast vergessene Geschichte

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m Jahr 1961, 16 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, wurde an der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, wie die Bibliothek seit 1949 bezeichnet wird, ein großes, seit 1874 kontinuierlich in neuen Lieferungen erschienenes Kartenwerk mit topographischen Karten zum Deutschen Reich inventarisiert. Es handelte sich dabei nicht um eine neue Erwerbung, sondern um sogenannten „alten Bestand“, lange liegengebliebene Rückstände, die jetzt aufgearbeitet wurden. Keinem der Bibliothekare scheint damals aufgefallen zu sein, dass die Karten bereits den Stempel einer Bibliothek trugen: den der Universitäts- und Landesbibliothek Straßburg. Oder wurde er bewusst übersehen? Zum ersten Mal nicht übersehen wurde er jedenfalls im Jahr 2008, fast ein halbes Jahrhundert nach der Inventarisierung. Im Mai 2008 wurde zum Anlass des 75jährigen Jahrestags der von den Nationalsozialisten organisierten Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933 im alten Rathaus der Stadt Göttingen eine Ausstellung gezeigt. Im Kontext dieser Ausstellung hatte ein Referendar der Bibliothek, Arno Barnert, begonnen, sich mit den Erwerbungen der Universitätsbibliothek Göttingen während des Dritten Reiches zu beschäftigen. Ihm fiel der Besitzstempel auf, ebenso wie andere verdächtige Erwerbungen der Jahre nach 1933. Diese Entdeckungen gaben den Anstoß, in einem eigenen Projekt nach NS-Raub- und Beutebüchern im Bestand der Göttinger Bibliothek zu suchen. Dieses Projekt wurde von 2008 bis 2011 durchgeführt. Über 100.000 Zugänge von 1933 bis 1950 wurden in den Zugangsbüchern überprüft, über 8.000 als verdächtige Erwerbungen eingestufte Bücher in den Magazinen auf Provenienzeinträge durchgesehen; und am Ende wurden über 1.000 Bücher ermittelt und im Katalog dokumentiert, die eindeutig als NS-Raubgut oder zumindest als Raubgutverdacht eingestuft werden konnten. Einer dieser Fälle war das Kartenwerk mit dem Besitzstempel der Universitäts- und Landesbibliothek Straßburg. Nach Sichtung aller Quellen im Rahmen des Göttinger Projektes - 13 -


informierte der Direktor der SUB Göttingen im März 2011 offiziell den Administrateur der BNU über den Verdacht auf unrechtmäßige Erwerbung des Kartenwerks. Die Recherche nach NS-Raubgut hatte somit einen ersten Hinweis auf eine fast vergessene Geschichte gegeben, die die Universitätsbibliothek Göttingen und die BNU in den Jahren 1941 bis 1946 unfreiwillig miteinander verbunden hatte. Auch wenn es sich hier nur um eine kleine Episode aus der Geschichte beider Bibliotheken in der Zeit des Dritten Reiches handelt, ist es aus Göttinger Perspektive doch symptomatisch, dass diese Geschichte weitgehend aus dem historischen Gedächtnis der Bibliothekare verschwunden war. In den ersten Jahren nach dem Krieg wollte sich anscheinend niemand mehr gerne daran erinnern oder daran erinnert werden. Und als die erste Generation derjenigen, die unmittelbar damit zu tun gehabt hatten, pensioniert worden war, blieben Vermerke in Akten oder eben Besitzstempel in Büchern die einzigen Hinweise darauf, dass auch Bibliotheken und ihre Bücher eine Geschichte und mitunter eine nicht unproblematische haben. Es soll daher ein kurzer Blick auf diese Episode und ihr manifestes Nachwirken in Form der genannten Karten aus der Perspektive der Göttinger Bibliothekare und ihrer Quellen geworfen werden.

Karl Julius Hartmann als kommissarischer Direktor der Universitäts- und Landesbibliothek Straßburg

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ie Reichsuniversität Straßburg war ein wichtiges wissenschaftspolitisches Prestigeprojekt der Nationalsozialisten und ihrer Germanisierungspolitik im Elsass. Die ULB Straßburg, wie sie von den Nationalsozialisten seit 1941 in Anknüpfung an ihren bis 1918 geführten Namen wieder genannt wurde, war ein Baustein dieser Politik. Um die Bibliothek für die Zwecke der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik nutzbar zu machen, wurde im Mai 1941 Karl Julius Hartmann, Direktor der UB Göttingen, zu ihrem kommissarischen Direktor berufen. Hartmann war ein fähiger Bibliotheksmanager, dazu seit dem 1.5.1933 Mitglied der NSDAP. Er konnte somit für die nationalsozialistische Wissenschaftsverwaltung - 14 -


Karl Julius Hartmann, kommissarischer Direktor der ULB Strassburg von 1941 bis 1944 (Sammlung SUB Gรถttingen) - 15 -


als zuverlässig gelten, auch wenn er nach außen nicht als überzeugter Nationalsozialist auftrat. Unabhängig von seiner Überzeugung und auch unabhängig davon, dass er von Anfang an stets betonte, die Aufgabe in Straßburg nur kommissarisch bis zum Ende des Krieges zu übernehmen, lassen die im Bundesarchiv in Berlin liegenden Akten zur Reichsuniversität Straßburg erkennen, dass er seine Aufgabe mit großem Engagement und dezidiertem Pflichtbewusstsein in Angriff nahm. Die „Germanisierung“ der ULB Straßburg sollte durch eine Gruppe deutscher Bibliothekare betrieben werden, deren Aufbau Hartmann zielstrebig und energisch betrieb. Deren Aufgabe bestand vor allem in der Ergänzung des vorhandenen Bestandes. Denn nach einer ersten Analyse kamen die deutschen Bibliothekare zu dem Ergebnis, dass der Bibliothek ca. 150.000 Bände an neuerer, seit 1918 nicht erworbener Literatur fehlten. Für deren Beschaffung wurde mit Kosten in Höhe von 2,5 Mio. Reichsmark gerechnet. Bis zum Rechnungsjahr 1943 waren bereits 830.000 Reichsmark ausgegeben – darunter wohl auch für teure Sammelwerke, wie die genannten Karten, die vermutlich direkt in Berlin bei der Verlags-Buchhandlung Eisenschmidt erworben worden waren. Während die Bibliothek vom zuständigen Reichsministerium für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung großzügig mit Sachmitteln ausgestattet wurde, erwies es sich für Hartmann als weitaus schwieriger, ausreichend qualifiziertes, deutsches Personal zu finden. Da die Personallage an den deutschen Bibliotheken aufgrund des Kriegs und der Einberufung von Bibliothekaren zur Wehrmacht angespannt war, musste Hartmann kontinuierlich bei seinen Kollegen für die Abordnung von Mitarbeitern werben. So schrieb er zum Beispiel am 26. Januar 1942 an den Leiter der Deutschen Bücherei in Leipzig Heinrich Uhlendahl: „Wir haben hier ja nicht nur eine rein fachliche örtliche Aufgabe zu leisten, sondern vor allem auch eine stark kulturpolitische, die das Verständnis und die Hilfsbereitschaft bei unserem ganzen Berufsstand voraussetzt. Ohne diese Voraussetzungen ist hier nicht weiter zu kommen.“ Hartmann war sich, wie dieses Zitat zeigt, der „kulturpolitischen“ Implikationen seiner Arbeit bewusst. Auch wenn das Reich seit 1943 - 16 -


aufgrund der Kriegslage die Finanzmittel für die ULB Straßburg drosselte, arbeitete die Gruppe deutscher Bibliothekare kontinuierlich und engagiert bis Herbst 1944. Hartmann wurde dabei von zwei Stellvertretern unterstützt, Hans Grothues, von der UB Kiel abgeordnet und zuständig für die deutsche Gruppe, und Joseph Lefftz, einem Elsässer, der nach der Besetzung und Annexion des Elsass im Oktober 1941 der NSDAP beigetreten war und Hartmann anscheinend loyal bei seiner „kulturpolitischen“ Aufbauarbeit unterstützte. Hartmann hatte beim Reichsministerium auch Wert darauf gelegt, dass die Ernennung beider Vertreter, des deutschen wie des elsässischen, zeitgleich erfolgen sollte. Offensichtlich versuchte er, die elsässischen Bibliothekare möglichst zu integrieren, dürfte doch der alltägliche Benutzungsbetrieb ohne ihre Mitarbeit nur schwer aufrecht zu erhalten gewesen sein.

Die Ausweichstelle Göttingen der Universitäts- und Landesbibliothek Straßburg 1944-1945/1946

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it der Evakuierung der von der deutschen Verwaltung erworbenen Bestände im September 1944 – in der Eile wurden dabei allerdings wohl die aus politischen Gründen separierten Bücher, „L’enfer politico-racial“, vergessen – und des deutschen Personals in den folgenden Wochen war für Hartmann sein Auftrag als kommissarischer Leiter der ULB Straßburg indes noch nicht beendet. Am 21. Oktober 1944 bat Hartmann den Kurator der Reichsuniversität Straßburg in Tübingen, die Gründung einer Ausweichstelle der ULB Straßburg an der Universitätsbibliothek Göttingen zu genehmigen und legte ihm eine Liste derjenigen Straßburger Bibliothekare vor, die in Göttingen weiterbeschäftigt werden sollten, um weiterhin Erwerbungs- und Katalogisierungsarbeiten durchzuführen. Aus dem Reichsministerium in Berlin hatte der für die Bibliotheken zuständige Ministerialrat Rudolf Kummer die Anweisung erteilt, die evakuierten Straßburger Bestände, soweit sie nicht für die Fernleihe benötigt würden, in Göttingen so unterzubringen, dass sie vor Bombenangriffen sicher seien. Dass diese Anweisung nicht unberechtigt war, belegen die Ereignisse des 24. November 1944 in Göttingen. Hartmann war noch am 22. November von Göttingen nach Straßburg aufgebrochen, - 17 -


kehrte aber bereits bei Würzburg wieder um als er vom Einmarsch der Alliierten in Straßburg erfuhr. Am 24. November kam er wieder in Göttingen an. Eine Stunde später wurde das Gebäude der Bibliothek bei einem Bombenangriff durch eine Luftmine schwer getroffen. Bereits am 9. Dezember 1944 konnte er dem Straßburger Kurator in Tübingen berichten, dass an den nach Göttingen überführten Straßburger Beständen kein Schaden entstanden sei. Der größere Teil sei auf dem Land untergebracht, der Rest so geborgen, dass er unbeschädigt geblieben war. Auch das bibliothekarische Personal hatte, mit Ausnahme von zwei Mitarbeiterinnen, Straßburg rechtzeitig verlassen können. Hartmann tat dann das, was er als seine Pflicht ansah: Mit den evakuierten Mitarbeitern baute er in Göttingen die Ausweichstelle der ULB Straßburg auf. Rechnungen an Buchhändler wurden bezahlt – freilich wohl nicht lückenlos, da es vereinzelt noch Mahnungen von Buchhändlern aus dem Jahr 1947 gibt – und die verlorenen Personalakten der Mitarbeiter rekonstruiert, damit diese einen lückenlosen Beschäftigungsnachweis für ihre Rentenansprüche vorlegen konnten. Da die Gehaltszahlungen aus Tübingen ausblieben, kündigte Hartmann den Mitarbeitern zum 31. Juli 1945 – der Krieg war zwar inzwischen beendet, aber noch nicht die Geschichte der Straßburger Ausweichstelle in Göttingen. Denn noch am 17. Juli 1945 schrieb Hartmann an den Kurator der Reichsuniversität Straßburg, Abwicklungsstelle Tübingen, dass er zwar vorsorglich die Straßburger Mitarbeiter gekündigt habe, dass er sie aber noch drei Monate bräuchte, denn: „Es liegt im Interesse des Deutschen Reiches, daß die von den Franzosen zurückgeforderten Bücherbestände und die entsprechenden rechnungsmäßigen Unterlagen in tadelloser Ordnung übergeben werden können. Hierfür ist noch eine Arbeit von 8-12 Wochen erforderlich.“ Diesem Antrag scheint allerdings nicht entsprochen worden zu sein. Denn am 9. Oktober 1945 bat Hartmann den Kurator der Universität Göttingen, den ersten Bibliotheksrat der ULB Straßburg, Dr. Hans Grothues, für drei bis vier Monate aus Mitteln der Universität Göttingen zu finanzieren, da alle übrigen Angestellten und Beamten der ULB Straßburg mittlerweile entlassen seien und Grothues für die abschließenden Arbeiten an der Straßburger Abteilung dringend gebraucht werde. Dieser Antrag wurde nun genehmigt und Grothues - 18 -


schied erst am 15. Februar 1946 aus seiner Dienststelle aus. Damit endete die Geschichte der Ausweichstelle der ULB Straßburg in Göttingen. Bereits am 17. Januar 1946 hatte Hartmann dem Direktor der BNU, Ernest Wickersheimer, gemeldet, dass die Bestände für den Rücktransport vorbereitet seien, der im März 1946 dann auch durchgeführt wurde.

Die Universitätsbibliothek Göttingen nach dem Bombenangriff vom 24. November 1944 (Sammlung SUB Göttingen)

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Hartmann und Wickersheimer

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ie Anwesenheit seines Straßburger Kollegen im März 1946 wusste Hartmann auch noch zu einem anderen Zwecke zu nutzen. Denn über ihm schwebte in den Jahren 1945 bis 1948 das Damoklesschwert der Entnazifizierung. Erst am 23. November 1948 wurde Hartmann endgültig als Mitläufer entlastet und konnte damit weiter als Direktor der UB Göttingen im Amt bleiben. Einer, der ihn bei seiner Entnazifizierung mit einem sogenannten „Persilschein“ unterstützt hatte, war Ernest Wickersheimer, wie Hartmann von Hause aus ein Mediziner, der am 14. März 1946 eine Erklärung für Hartmann ausgesprochen hatte. Wickersheimer kam dabei zu dem Resümee: „… je sais par des témoignages divers et concordants que M. Hartmann s’est abstenu de toute action politique, que les fonctionnaires alsaciens de la Bibliothèque qui étaient placés sous ses ordres sont unanimes à reconnaitre non seulement sa parfaite correction, mais aussi sa constante bienveillance à leur égard. En un mot, M. Hartmann n’a laissé à Strasbourg que de bons souvenirs.“ Warum Wickersheimer Hartmann so großzügig unterstützt hat, wissen wir letztlich nicht. Möglicherweise fühlte er sich Hartmann verpflichtet, weil dieser sich 1941 in einer Erklärung gegenüber dem Sicherheitsdienst der NSDAP, der anscheinend Wickersheimer Vermögen konfiszieren wollte, für Wickersheimer eingesetzt hatte. Mit der Rückgabe der Straßburger Bücher und dem Persilschein für Hartmann war die Beziehung der beiden Direktoren schließlich beendet. Verbindungen von Hartmann zu Wickersheimer nach 1946 lassen sich nicht nachweisen, freilich aber zur Familie von Joseph Lefftz, seinem ehemaligen elsässischen Vertreter, die er noch 1950 in Straßburg besucht hatte.

Die vergessenen Karten und Bücher aus Straßburg in Göttingen

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arum im März 1946 doch nicht alle Straßburger Bücher und Materialien in „tadelloser Ordnung“ übergeben worden waren, warum mindestens drei großformatige Bücher und ein umfangreiches - 20 -


Ernest Wickersheimer, Administrateur der BNU von 1920 bis 1941 und von 1944 bis 1950 (Sammlung BNU Strasbourg)

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Kartenwerk in Göttingen zurückblieben und das Kartenwerk dann ohne weiteres Nachdenken 1961 in den Bestand der SUB Göttingen aufgenommen wurden, lässt sich heute wohl nicht mehr endgültig beantworten. Hier schweigen die Quellen. War es Absicht? Das kann man nicht ausschließen. Nachdem es nicht gelungen war, alle Straßburger Bücher in Göttingen zu behalten, hat man vielleicht wenigstens versucht, dieses große Kartenwerk für sich zu retten. Ebenso gut können sie aber auch schlicht und einfach vergessen worden sein. Angesichts der damals schwierigen Situation in Göttingen, dem zerbombten Gebäude und den in den Kellerräumen und im Erdgeschoß gelagerten Beständen, angesichts des Umstands, dass die Mehrzahl der Straßburger Bücher auf dem Land, ein kleiner Teil, und hier könnte es sich um die großformatigen Werke gehandelt haben, aber wohl in der Bibliothek zusammen mit dem eigenen Bestand gelagert worden war, ist auch diese Möglichkeit nicht auszuschließen. Doch was war 1961 geschehen? Warum war bei der Inventarisierung des Kartenwerkes niemand der Straßburger Besitzstempel aufgefallen? War damals schon die Geschichte der Ausweichstelle der ULB Straßburg in Göttingen vergessen? Das ist schwer vorstellbar. Der damalige Direktor, Wilhelm Martin Luther, war in den letzten Kriegsjahren Referendar in Göttingen gewesen und muss die Geschichte der Ausweichstelle der ULB Straßburg aus eigener Anschauung gekannt haben. Und doch hatte niemand daran Anstoß genommen. Ebenso wenig wie an all den anderen Fällen von NS-Raubgut, die sich in den Beständen der Bibliothek befanden. Die in den 1940er Jahren bereits in Göttingen tätigen Bibliothekare müssen davon gewusst haben, dass sich NS-Raubgut in den Beständen der Bibliothek befand, auch wenn sich aus den vorhandenen Quellen nicht erkennen lässt, ob sie diesen Vorgang als Unrecht empfunden und beurteilt haben. Zumindest von Hartmann kann man nachweisen, dass er bewusst versucht hat, die Tatsache, dass die Bibliothek sich NS-Raubgut angeeignet hatte, zu verschleiern und zu verdrängen. Dieser Verdrängung ist auch die unmittelbar zum Thema NS-Raubgut gehörende Geschichte der Ausweichstelle der ULB Straßburg zum Opfer gefallen. Erst im Zuge der 2008 begonnenen Recherchen sind - 22 -


diese Geschehnisse wieder ins historische Bewusstsein gerückt worden. Jetzt erst wurde deutlich, dass mehr als ein Jahr lang, vom Oktober 1944 bis zum Februar 1946, ein von der nationalsozialistischen Wissenschaftsverwaltung aufgebauter, reichsdeutscher Teil der BNU unter dem Namen der ULB Straßburg an der Universitätsbibliothek Göttingen betrieben wurde – mit Folgen, die, wie das Kartenwerk zeigt, bis in die Gegenwart reichen. Es bleiben freilich immer noch mehr Fragen als Antworten. Und so kann und sollte diese kleine, fast vergessene Geschichte des Straßburger Kartenwerks in Göttingen, der Tätigkeit Göttinger und anderer deutscher Bibliothekare in Straßburg ein Ansporn sein, die insgesamt noch kaum erforschte Geschichte der Universitätsbibliothek Göttingen im Dritten Reich wie auch des nationalsozialistischen Bücherraubs in Europa wieder stärker ins historische Bewusstsein der Öffentlichkeit zu heben.

Eine der in Göttingen «vergessenen» Landkarten. Der Stempel erbringt Beweis für das Eigentum der BNU (Sammlung BNU Strasbourg) - 23 -


Quellen und Literatur Die Darstellung basiert im Wesentlichen auf Akten des Bibliotheksarchivs Göttingen (Bibliotheksarchiv D, Sammlung ungeordneter Akten zur ULB Straßburg), des Bundesarchivs (R2 12471-12478), des Hauptstaatsarchivs Hannover (Nds. 171 Hildesheim Nr. 11769) sowie des Archivs der BNU (AL 52), das Daniel Bornemann ebenfalls für seinen Aufsatz benutzt hat. An neuerer Literatur mit Hinweisen zu weiteren Arbeiten seien genannt: Bücher unter Verdacht. NS-Raub- und Beutegut an der SUB Göttingen. Katalog der Ausstellung vom 13. Mai – 10. Juli 2011, bearb. von Nicole Bartels, Juliane Deinert, Wilfried Enderle und Helmut Rohlfing (=Göttinger Bibliotheksschriften, Bd. 38), Göttingen, 2011 Juliane Deinert: „Fremdes Eigentum“ – NS-Raub- und Beutebücher an der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. In: NS-Raubgut in Museen, Bibliotheken und Archiven, hrsg. von Regine Dehnel (=Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderbd. 108), Frankfurt/Main, 2012, S. 259-277 Wilfried Enderle: Karl Julius Hartmann als Direktor der Universitätsbibliothek in Göttingen (1935-1958). In: Bibliothekare im Nationalsozialismus. Handlungsspielräume, Kontinuitäten, Deutungsmuster, hrsg. von Michael Knoche u. Wolfgang Schmitz (=Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens, Bd. 46) Wiesbaden, 2011, S. 193-223.

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Die Zentralbibliothek der SUB Göttingen heute (Sammlung SUB Göttingen)

Das Gebäude der Bibliothèque nationale et universitaire von Strasbourg vor dem Umbau (2009) (Sammlung BNU Strasbourg) - 25 -


Die Evakuierung der Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg in die Auvergne (Sept. 1939 - März 1940). Blick auf die Nordseite des Gebäudes (rue Joffre) (Sammlung BNU Strasbourg)


B체cher im Sturm der Geschichte: Die Best채nde der BNU zwischen 1938 und 1946


von Daniel Bornemann (端bersetzung: Wilfried Enderle)


Bücher im Sturm der Geschichte: Die Bestände der BNU zwischen 1938 und 1946

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ie Rückkehr von Büchern und Landkarten nach Straßburg, die seit fast 70 Jahren unbeachtet in Göttingen gelegen hatten, markiert möglicherweise das Ende einer unsteten Folge enormer Verlagerungen von Beständen, die häufig ihre Spuren in unseren Büchern und Zeitschriften hinterlassen haben. Der Zweite Weltkrieg hatte zahlreiche und vielfältige Auswirkungen auf Straßburg und das Elsass, auf seine Bevölkerung, die Stadt und ihre Gebäude. Die Bestände der Bibliothèque nationale et universitaire haben ein vielschichtiges Schicksal erlitten1, das eine kurze Darstellung verdient. Zwischen 1940 und 1945 kam es in gewisser Hinsicht zu einer Zweiteilung von Bibliothek wie Universität, verschärft durch eine ideologische Spaltung zwischen dem Auslagerungsort in der Auvergne und dem Ort ihrer Wiederansiedlung im Herzen des „Gaus Oberrhein“. Die Bücher waren gleichermaßen Zeugen wie mitunter auch Streiter in diesem Krieg, einem militärischen wie ideologischen, zwischen Frankreich und Deutschland. Nur von diesem Teil des Kriegsgeschehens soll hier die Rede sein.

Die Evakuierung im Jahr 1939

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eit September 1938, kurz vor dem Münchner Abkommen, in einer Phase großer diplomatischer Spannungen zwischen Frankreich und Deutschland wegen der Sudetenkrise, die fast zum Kriegsausbruch geführt hätte, waren erste Vorkehrungen zur Evakuierung von Personal wie Geräten der Universität Straßburg getroffen worden. In der Bibliothek wurden sie nach einem 1936 modifizierten Plan aus dem Jahr 1933 umgesetzt. Konkret wurde mit der Verpackung der wertvollsten Sammlungen in Kisten am 16. September

1. Informationen hierzu geben die Berichte der Direktion der BNU während der Jahre 1938-1945, von der Verlegung in die Auvergne bis zur Rückkehr nach Straßburg, , ebenso wie eine Akte im Archiv, AL 53, 64, welche die Rückkehr der Werke aus Göttingen betrifft, außer jenen, die Inhalt der folgenden Ausführungen sind. Diese ganze Geschichte ist bereits einmal erzählt worden im Feuilleton der Dernières Nouvelles d’Alsace, von Jean Bourgogne, unter dem Titel « Gloire, richesse et détresse de la Bibliothèque nationale et universitaire », erschienen vom 5. bis 20. Juni 1947.

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begonnen. Handschriften, Inkunabeln und Münzen waren die ersten, die für eine Evakuierung bereit standen. Nach zehn Tagen Arbeit waren schon am 26. September 244 Kisten und verschnürte Pakete bereit zum Abtransport. Ebenso wurden Maßnahmen zum Schutz des Gebäudes in Angriff genommen, wobei die Bibliothek jedoch bis zu den Morgenstunden des 24. September geöffnet blieb. Bereits am 6. Oktober 1938 war sie für die Öffentlichkeit wieder zugänglich, weil sich die Krise als falscher Alarm erwiesen hatte. Der Zweite Weltkrieg sollte erst ein Jahr später ausbrechen, am 1. September 1939. Also wurde angeordnet, alle Schätze der Bibliothek wieder auszupacken und an ihre jeweiligen Plätze zurückzustellen. Zehn Tage für das Einpacken der wertvollsten Bestände, das war nach Ansicht der Direktion zu viel Zeit für diesen überschaubaren Teil der Sammlung. Trotzdem kam ein Jahr später derselbe Plan zur Ausführung, als am 25. August 1939 das Einpacken der wertvollsten Sammlungen begann, denen dann die Alsatica folgten, die Akten des Sekretariats, die Bestände der Lesesäle und Büroräume sowie schließlich die Kataloge. Die ersten 264 Kisten nahmen ihren Weg in die Auvergne und erreichten diesmal in Rekordzeit das Schloß von Cordès und andere vorab ausgewählte Auslagerungsorte an verschiedenen Einrichtungen von Clermont-Ferrand. Man konnte sich zu einem Transport gratulieren, der diesmal viel schneller und effizienter ausgeführt worden war als derjenige ein Jahr zuvor. Es folgte eine Atempause, der sogenannte „Sitzkrieg“. Vom 31. August bis 29. Oktober brachten 21 Eisenbahnwaggons einen ersten Teil der Bestände der Bibliothek in das Schloß von Quayres, dasjenige von Theix usw. Man ist mit dieser zeitweisen Pause des Krieges durchaus zufrieden, erlaubte sie doch, alle Bücher der Bibliothek zu verlagern. Dem ersten Konvoi folgten drei weitere, die sich bis in den Dezember 1939 erstreckten. Die letzten Bestandsgruppen und Nebenreihen der Bibliothek zogen im Februar 1940 um. Insgesamt zählte man 15 Güterzüge mit 67 Waggons zu jeweils 20 Tonnen. Diese Zahlen geben eine Anschauung davon, wie umfangreich die Evakuierungsarbeiten gewesen waren: 30 Männer brauchten, so hat man errechnet, einen Tag um zwei Waggons zu beladen. - 30 -


Es sei noch festgehalten, dass die Papyri, die zu fragil waren, um verlagert werden zu können, noch eine Zeitlang vor Ort in der Bibliothek verblieben, in einem Raum, der „die Krypta“ genannt wurde und direkt unter dem großen Hauptlesesaal lag. Und darüber hinaus sei noch festgehalten, dass die Bibliotheksmitarbeiter auch damit beschäftigt waren, wissenschaftliche Materialien der Universität wie Gesteinsproben zu schützen, die für einen Transport ebenfalls zu gefährdet waren. Doch nach dem erfolgreichen Test des Transports einer Kiste mit in Watte verpackten Papyri wurde der Rest der Papyrussammlung ebenfalls per Zug in die Auvergne verschickt. Im Gefühl, ihre Pflicht erfüllt zu haben, konnte für die wieder zusammengeführte Bibliothek der Aufenthalt der Universität in Clermont-Ferrand beginnen. Das Gebäude der Bibliothek in Straßburg ist nun vollständig leer, ein Abbild der Stadt selbst wie auch eines großen Teils der Region.

Die erzwungene Rückkehr der Bücher nach Straßburg

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om August 1940 an, nur kurze Zeit nachdem die Auslagerung abgeschlossen worden war, wurden erst inoffizielle, dann zunehmend offiziellere Vorstöße durch die deutsche Besatzungsmacht unternommen, welche die Rückkehr der Bestände nach Straßburg verlangten. Am 16. November 1940 wurden auf Befehl der französischen Kollaborationsregierung alle Bücher der Bibliothek ausgeliefert. Herbert Kraft, Berater des Ministers, und Albert Schmitt (der sich Schmidt-Leinen oder als Schriftsteller auch Morand Claden nannte), bis 1940 Leiter der Bibliothek in Colmar, die durch die deutsche Besatzungsverwaltung zu Generalinspekteuren der Bibliotheken im Elsass ernannt worden waren, hatten alle Vollmachten, um den Rücktransport zu organisieren. Vom 12. Februar 1941 an wurden die ersten Lastwagen beladen, während zugleich versucht wurde, zu verhandeln, um den einen oder anderen Teil der Bestände vor diesem Schicksal zu bewahren. Doch am 30. September 1941 zogen als letzte - 31 -


die Münzsammlungen ab. Ein herzzerreißender Anblick für die Straßburger in Clermont-Ferrand, da ihnen wohl bewusst war, dass ihre Stadt während des Krieges kein sicherer Aufenthaltsort war; das Trauma von 1870 war im Gedächtnis der Straßburger Bibliothekare leider noch zurecht zutiefst lebendig. Für diesen Umzug wurde das Personal der verlagerten BNU nicht herangezogen. Allein das Personal der in Straßburg wieder auf die Beine gestellten Bibliothek nahm daran teil. In der Zeit, die dieser Trennung folgte, verringerte sich die Zahl der Bibliothekare in Clermont-Ferrand ganz enorm, weil es kaum Bücher zu verwalten gab, und die Bibliothek von Clermont-Ferrand mit ihren eigenen Möglichkeiten im Wesentlichen die Informationsbedürfnisse des Lektorats der Universität befriedigte. Der BNU blieben nur 2.110 Bände von 2.043 Titeln, die seit dem 1. September 1939 erworben worden waren, sowie einige Zeitschriften. Um sich nicht entmutigen zu lassen, begann man dennoch diesen embryonalen Bestand zu entwickeln und zu pflegen. Die Zuschüsse des Staates sowie einige Geschenke, die ihr Ziel erreichten, erlaubten einen jährlichen Zuwachs von ungefähr 3.000 Werken. Dann kamen die dunkelsten Stunden der verlagerten Universität, am 25. November 1943, dem Tag eines Gewaltaktes der Gestapo, an dem das Nichtwiedergutzumachende geschah, die Ermordung eines Papyrologen in den Räumen der Bibliothek: Paul Collomp. Nach Verhaftungen und Deportationen ist die Moral der kleinen Belegschaft auf dem Tiefpunkt angelangt. Allein ein Bibliothekar, ein Wärter und ein Direktor, Ernest Wickersheimer, bleiben noch bei den mageren Beständen in Clermont-Ferrand.

Die Universitäts- und Landesbibliothek Straßburg: ULBS

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in kurzer, aber genauer Bericht soll veranschaulichen, wie die Bibliothek der Universität Straßburg während der deutschen Besatzungszeit funktioniert hat. Das Dritte Reich hat die Einrichtung großzügig dotiert, sowohl hinsichtlich des Erwerbungsbudgets als auch des Personals. Dieses umfasste 89 - 32 -


Personen, davon 27 Beamte (von denen zwei Frauen waren) und 62 Angestellte (davon 46 Frauen). Zum Leiter war Karl Julius Hartmann ernannt worden, ein hochrangiger Bibliothekar, seit 1933 Mitglied der NSDAP und seit 1935 Direktor der Universitätsbibliothek Göttingen. Er versah das Direktorat beider Einrichtungen und war daher gezwungen, seine Arbeitszeit zwischen beiden aufzuteilen. Während der vier Jahre, die er in der größten Bibliothek des „Gau Oberrhein“ verbrachte, vermochte er seine hohen professionellen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.2 Doch im Laufe der Zeit änderten sich die Verhältnisse: Nach der Bombardierung Straßburgs am 23. November 1944, nach mehr als anderthalb Jahren „totalem Krieg“, waren nur noch 11 Beamte und 25 Angestellte vor Ort. Es war in der Tat eine Mehrheit von Deutschen gewesen, die die Angestellten der Bibliothek ausgemacht hatten, und deren Zahl aufgrund der Bedürfnisse des Krieges nach und nach verkleinert worden war. Was die Geschäftsgänge betraf, so waren diese gegenüber denen der Jahre der Zwischenkriegszeit kaum verändert worden, abgesehen vom Umlauf der bestellten Bücher. Einige Veränderungen im Detail waren eingeführt worden, von denen manche nach Ansicht Ernest Wickersheimers, als er die Leitung der Einrichtung wieder übernahm, gerechtfertigt waren, manche hingegen nicht. Insgesamt scheint alles während der vier Jahre ohne größere Schwierigkeiten funktioniert zu haben. Doch gegen Ende dieser Zeit überstürzten sich die Ereignisse.

Sicherheitsvorkehrungen

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eit September 1943 litt Straßburg unter Bombardierungen. Der Luftangriff der Alliierten vom 25. September 1944 erschütterte das Gebäude am Platz der Republik stark. Die schweren Zerstörungen betrafen den Hauptlesesaal und einen Flügel des Magazins. Die Besatzer hatten zuvor bereits Sicherheitsvorkehrungen getroffen, vornehmlich Ziegelmauern zum Schutz der Magazine. Zudem waren die oberen Geschoße der Magazine geräumt und die Bestände in die unteren Etagen verlagert worden, wobei die Bücher extrem verdichtet

2. Vgl. den Aufsatz von Wilfried Enderle, in Wissenschaftliche Bibliothekare im Nationalsozialismus, Wiesbaden : Harrassowitz, 2011, p. 193-223.

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aufgestellt worden waren. Verlagerungen von Beständen wurden danach in Angriff genommen und durchgeführt. Zwischen der Landung der Alliierten in der Normandie und dem 25. September waren Bestände an verschiedenen Orten in Sicherheit gebracht worden, nicht nur in der Stadt selbst, sondern auch in ihrer Peripherie (zum Beispiel in einem Fort des Festungsgürtels von Straßburg, dem Fort Desaix, das durch die Besatzer in Fort Roon umbenannt worden war), aber auch an verschiedenen Orten der Gemeindeverwaltung von Barr (wo eine große Sammlung medizinischer Bücher nach dem Krieg verbrannte), in den Gerichtsgebäuden von Erstein und Hochfelden, dem Benediktinerkonvent von Rosheim, und schließlich … in Deutschland. 44 Kisten mit Papyri und Ostraka wurden in das Schloß Zwingenberg am Neckar verschickt. Und nach einer Dienstanweisung des Reichsministeriums in Berlin wurden die seit 1940 gemachten Erwerbungen nach Göttingen verbracht. Die Akten im Archiv, die die durch die deutschen Besatzer getroffenen Sicherheitsvorkehrungen betreffen, scheinen keine Informationen über diesen Transport nach Göttingen zu enthalten. Die anderen Maßnahmen sind hingegen gut dokumentiert. Ist dies ein Zeichen dafür, dass dieser Transfer tatsächlich „in extremis“ durchgeführt worden war, wie es Ernest Wickersheimer in einem Bericht für den Verwaltungsrat in Clermont-Ferrand formuliert hatte?

Die Rückverlagerung der Bestände von Göttingen nach Straßburg

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enau am 23. November 1944, während die Panzer der Division Leclerc über den Kochersberg vorstießen, um Straßburg in einem Überraschungsangriff einzunehmen, versammelten sich die Mitglieder des Verwaltungsrats der BNU in ClermontFerrand. Man spürte, dass die Rückkehr ins Elsass bevorstand, da die feindlichen Kräfte bereits Fersengeld gaben und das innere Frankreich ohne Pauken oder Trompeten verließen. Es war die letzte Sitzung im Exil, wie man hoffte. Es gab dann indes am 18. Mai 1945 doch noch eine in der Auvergne. - 34 -


Das primäre Ziel war es nun, von den Auslagerungsorten in Straßburg wieder Besitz zu nehmen, die in den ersten Tagen befreit worden waren. Man überprüfte zunächst ob Zugangsbücher und Kataloge noch vorhanden waren, und man stellte fest, dass diejenigen, welche die zwischen 1940 und 1944 gemachten Erwerbungen betrafen, nach Göttingen gebracht worden waren. Karl Julius Hartmann war, wie bereits erwähnt, zugleich Direktor der Universitätsbibliotheken in Straßburg und in Göttingen. Die Verlagerung war daher unter seiner Ägide durchgeführt worden: Er konnte bei der Abfahrt wie bei der Anreise des Konvois anwesend sein. Die Universität Straßburg wollte nunmehr so schnell wie möglich ihre Arbeit wieder aufnehmen und eine funktionierende Bibliothek war dafür selbstverständlich unabdingbar; und die ersten Ausleihen datierten auch bereits vom 16. August 1945! Die Maßnahmen zur Wiedererlangung der Bestände wurden ebenso zielstrebig in Angriff genommen. Auch aus anderen Gründen stand die BNU im Zentrum der Problematik der Zurückerlangung und Restitution von Raubgut, beherbergte sie doch in ihren Räumen eine Zweigstelle des OBIP (Office des Biens et Intérêts Privés), die mit der Restitution von Büchern beauftragt war und von einer Angehörigen des wissenschaftlichen Dienstes, Frau Bernardin, geleitet wurde. Insgesamt 32 Personen waren es, die im Jahr 1946 dafür sorgten, dass der Betrieb dieser umfangreichen Bibliothek reibungslos ablief; einer Bibliothek, die sich mit Herausforderungen von unerwarteter Komplexität konfrontiert sah. Die Archive der BNU enthalten eine Akte, die sich mit der Restitution der in Göttingen gelagerten Bestände befasste. Dieser Akte fehlt wenigstens ein Brief, der vom Direktor der Universitätsbibliothek Göttingen Hartmann (dem ehemaligen „kommissarischen Leiter“ der Bibliothek der Universität Straßburg) an den „Ex-Kurator“ der „Reichsuniversität Straßburg“, datiert vom 17. Juli 19453, gerichtet worden war, in dem er sagte, dass man die Franzosen von folgendem überzeugen müsste: Dass man die zwischen 1940 und 1944 durch die Deutschen für die „ULBS“ erworbenen Bücher in Deutschland, für das sie schließlich erworben worden waren, belassen sollte, zumal sie bei 3. Dieser Brief ist zitiert in Wissenschaftliche Bibliothekare im Nationalsozialismus : Handlungsspielräume, Kontinuitäten, Deutungsmuster/ , Michael et Schmitz, Wolfgang, éditeurs scientifiques. - Wiesbaden : Harrassowitz, 2011, p. 217. Dieser Aufsatz erwähnt auch die Existenz der noch in Göttingen lagernden Landkarten der Straßburger Bibliothek.

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ihrem Erwerb für die Zwecke und Bedürfnisse deutscher Studenten erworben worden waren. Es waren mithin politisch begründete und bibliotheksfachliche Überlegungen, die der Direktor anführte, um die Bücher in Göttingen zu behalten. Mit der Sicherung der Bestände verband sich indes noch ein anderes Motiv: deutsche Studenten sollten Nutznießer diese Bücher und Zeitschriften sein und nicht Straßburger Studenten, die nun wiederum Franzosen sein würden. Diesem Vorstoß war bei der mit der Restitution beauftragten französischen Abordnung keinerlei Erfolg beschieden. Die Bücher in Göttingen wurden wieder in Besitz genommen. Der Direktor Ernest Wickersheimer unternahm eine erste Reise in diese Stadt im Oktober 1945, in Begleitung seiner Frau Edith, um das Vorhandensein der Bestände vor Ort zu prüfen und um mehrere wissenschaftliche Institute dieser Universität zu besuchen, wo sich Instrumente von Seismologen und Chemikern befanden, die ebenfalls 1944 durch die Deutschen mitgenommen worden waren. Diese Instrumente waren nicht erst unter der Besatzungsherrschaft erworben worden, sondern waren schon vor 1939 im Gebrauch der Universität gewesen. Die Aufgabe des Direktors wurde durch diese zusätzlichen Rücknahmen deutlich schwieriger, verlangten doch die Wissenschaftler einen Aufschub der Restitution verschiedener Geräte, um einige laufende Messreihen noch in den Laboren der Universität Göttingen zu Ende führen zu können. Am 27. Oktober 1945 schrieb Hartmann an Wickersheimer, um ihm mitzuteilen, dass die Bücher für den Rücktransport bereitstünden, wobei er sich einiger bibliothekarisch eher ungewöhnlicher Maßeinheiten bediente: 55 Kubikmeter, 33 Tonnen, also 10 bis 11 Lastwagen oder zwei Güterwaggons zu je 15 Tonnen. Dieser Brief ist in drei Sprachen verfasst: Deutsch, Englisch und Französisch. Vom 6. bis 21. März 1946 unternahm der Direktor in Begleitung zweier Angestellter, André Scherr und Raymond Baumert, die Reise von Göttingen aus mit drei Lastwagen samt Anhängern der Firma Frédéric Jost aus Schiltigheim, die jeweils eine Tragkraft von 15 Tonnen hatten. Ihre Aufgabe war es, die 33.000 Bände zurückzubringen, aber auch die Gerätschaften der Chemiker und Seismologen, sowie Schreibmaschinen, einen Karteischrank vom Typ „Kardex“ (ein besonders stabiler Karteischrank, der einen raschen und effizienten Zugriff auf Karteikarten für die Verwaltung von - 36 -


Periodika erlaubte) und Zugangsbücher der zwischen 1940 und 1944 getätigten Erwerbungen. Diese sind sehr genau geführt. Die Bücher selbst sind hingegen sehr provisorisch in von Packpapier umhüllten und verschnürten Bündeln verpackt. Es war vereinbart worden, dass die Kosten des Transports mit den Reparationskosten für den Krieg verrechnet werden konnten, wie der französische Oberbefehlshaber in Deutschland am 2. Mai 1946 zusicherte. Bei der Ankunft des Konvois in Straßburg wurde eine genaue Aufstellung der aus Göttingen zurückerhaltenen Werke, geordnet nach Reihen und nach Formaten, durchgeführt. 31.062 Bände und 8.392 Broschuren waren zurückgekommen. Ein Teil der Titel war katalogisiert oder inventarisiert, aber andere, insgesamt 11.251, waren von den deutschen Bibliothekaren noch nicht bearbeitet worden. Es sei darauf hingewiesen, dass nach den vorhandenen Aufstellungen allein die Formate „klein“, „mittel“ und „groß“, also in der Fachsprache der BNU „Oktav“, „Quart“ und „Folio“ zurückgegeben worden waren. „Groß-Folio“ oder „in-plano“ fehlen jedoch bei diesen Aufstellungen. Die zwei restituierten Werke und die Blätter des Landkartenwerkes sind aber gerade „in-plano“-Formate. Hier liegt vielleicht die Ursache, warum sich deren Rückkehr um mehr als 60 Jahre verzögerte. Das Unternehmen schloss mit einem Dankesbrief von Ernest Wickersheimer an Oberst Garnier-Coignet, den Chef der bei der britischen Besatzungsarmee für Restitutionen zuständigen französischen Abordnung. Durch die Rückkehr der in Göttingen vergessenen „in-planos“ scheint also erst 2012 das Hin und Her der Bestände zwischen dem Elsass, Frankreich und Deutschland zu Ende zu sein. Kann man sich dessen jedoch ganz sicher sein? Überraschungen sind nicht ausgeschlossen. Nicht alle zwischen 1940 und 1945 verschwundenen Werke sind bislang wiedergefunden worden. Die Bestände der BNU enthalten bei den Handschriften noch einige traurige Fälle, verzeichnet als „verschwunden, Revision 1947“. Wo befinden sie sich? Werden sie eines Tages an die Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg zurückkehren? - 37 -


Offizielles Schreiben vom 2. Mai 1946, in dem angegeben wurde, dass die Kosten des R端cktransports der B端cher 端ber Reparationen beglichen werden konnten (Sammlung BNU Strasbourg)

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Rechnung vom 3. Mai 1945, die die R端ckkehr der B端cher der Bibliothek mit Lastwagen belegt (Sammlung BNU Strasbourg)

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Franzรถsische Version eines Schreibens von Hartmann an Wickersheimer vom 17. Januar 1946 (Sammlung BNU Strasbourg)

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Deutsche und englische Version desselben Briefes (Sammlung BNU Strasbourg)

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Karte von StraĂ&#x;burg (angefertigt 1883, herausgegeben 1885) (Sammlung BNU Strasbourg)


Eine eindrucksvolle Sammlung von Landkarten:

die Messtischbl채tter


von Gwénaël Citérin und Francis Fischer (übersetzung: Wilfried Enderle)


Eine eindrucksvolle Sammlung von Landkarten: die Messtischblätter

U

nter den restituierten Dokumenten ragt vor allem eine eindrucksvolle Sammlung von Landkarten, sogenannte Messtischblätter, heraus. Es handelt sich um 4.090 Stücke, die ein Sammelwerk komplettieren, das an der BNU bislang nur 2.178 Dokumente umfasste. Das gesamte, wieder zusammengeführte Sammelwerk wird aufgrund seiner Bedeutung (insgesamt 6.268 Blätter) ein Herzstück der deutschen Kartensammlung an der BNU werden, die bereits jetzt mit fast 15.000 Karten sehr umfangreich ist. Im Jahr 1877 begann die Königlich-Preussische Landes-Aufnahme mit der Auslieferung der Messtischblätter, tausender Karten, welche die Topographie des Deutschen Reiches im Maßstab 1:25 000 wiedergeben. Das preußische Projekt, das Reich zu kartographieren vom Hinterland von Dannemarie bis Memel (heute Klaipeda in Litauen), von der dänischen Grenze bis nach Schlesien, schloss anfangs die Königreiche von Sachsen, Bayern, Württemberg (einschließlich der Pfalz) sowie das Großherzogtum Oldenburg aus. Das Territorium ist nach einem regelmäßigen Gitter aufgeteilt, um Karten derselben Größe zu erhalten (44 x 48 cm), deren Grundlinie jeweils 11 Kilometer wiedergibt und die nach dem Hauptort des Gebiets benannt sind. Die sequentielle Nummerierung beginnt am nördlichsten Punkt und geht dann weiter wie bei einem Text, den man liest: von West nach Ost, von Nord nach Süd. Nach der Annexion anderer Staaten durch Preußen (zum Beispiel Kurhessens nach 1867), wurden die von diesen Staaten erhobenen Karten, manchmal erst nach Jahrzehnten, in die Messtischblätter integriert und genau an ihre korrekte Stelle eingefügt, indem die ursprüngliche Zählung geändert wurde. Bei den Bildunterschriften, den Schriften und Piktogrammen weisen die Blätter eine große Homogenität auf. Farben sind selten, allein Blau und Braun finden Verwendung. Die Grenzen der Staaten des Reiches sind sehr sorgfältig ausgewiesen. Das Fehlen jeglicher Darstellung jenseits der Grenzen vermittelt den Eindruck einer Meeresküste oder einer Wüste, die die angrenzenden Länder einer Vorhölle zuweist, wie Polen, - 45 -


die Niederlande oder Frankreich jenseits der Gebiete von Elsass und Mosel. Der ursprünglich militärische Zweck der Karten verlangt die Geheimhaltung von Festungsanlagen, die in einem weißen Hof verschwinden, wie man am Beispiel Straßburgs sehen kann. Ein im Sommer 2012 angefertigtes Verzeichnis hat bestätigt, dass die 2.178 erhaltenen Karten, die bis heute im Bestand der BNU sind, der vorhandenen Ausgabe von 1896 entsprechen, auch wenn einige Lücken zu beklagen sind, die das alte Herzogtum Nassau betreffen. Das Reich ist damit nicht vollständig kartographiert: Obgleich angekündigt fehlen noch Ost- und Westpreußen, Posen, Brandenburg und ein großer Teil von Mitteldeutschland. Die Sammlung ist seit diesem Datum natürlich weiter gewachsen. Eine alte leider nicht datierte Zählung gibt eine Zwischensumme von 2.919 Karten an, eine Summe, die zweifelsohne vor den Erwerbungen liegt, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts getätigt wurden. Die fast vollständigen nach 1896 erschienenen Kartenblätter, die 4.090 an der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen wiedergefundenen Karten, werden die Sammlungen der BNU komplettieren. Einige Blätter nehmen ältere Ausgaben wieder auf und bezeichnen sie neu, um die Veränderungen der Geschichte zu dokumentieren: städtische Entwicklungen, Germanisierung von Ortsnamen … Das so wieder zusammengeführte Ganze zeugt von der Bedeutung der Sammlung zur deutschen Kultur, die an der BNU aufgebaut worden war und auch die Zeit nach der Rückkehr Elsass-Lothringens an Frankreich im Jahr 1918 umfasst.

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Karte der Kaiser Wilhelm-Koog in Schleswig-Holstein (angefertigt 1878, herausgegeben 1880) (Sammlung BNU Strasbourg)

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Karte von StraĂ&#x;burg (angefertigt 1883, herausgegeben 1885) (Sammlung BNU Strasbourg)

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Karte von Gรถttingen (angefertigt 1876, herausgegeben 1878) (Sammlung BNU Strasbourg)

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Festung in Dehli. Detail gemalter Ornamente LA ROCHE Emanuel. Stalaktiten, Pal채ste und G채rten. M체nchen : Bruckmann, 1921. (Indische Baukunst ; Band 6). Tafel 39. (Sammlung BNU Strasbourg)


Zwei B端cher 端ber orientalische dekorative Kunst (Indien und Siam)


von Dominique Grentzinger (端bersetzung: Wilfried Enderle)


Zwei Bücher über orientalische dekorative Kunst (Indien und Siam)

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ie der BNU restituierten Werke bestehen aus drei großen Bänden. Zweifelsohne ist es ihr außergewöhnliches Ausmaß (63 x 64 cm), das die Rückkehr um einige Jahrzehnte verzögert hat. Die Restitution von 1946 hat viele Werke umfasst (1.137 der Kunstgeschichte), aber es findet sich kein großformatiger Band (GroßFolio oder in-plano) in den einschlägigen Listen. Die zwei Titel waren wahrscheinlich schon seit ihrer Ankunft in Göttingen im Jahr 1944 separat untergebracht (zweifelsohne mit anderen Büchern derselben Größe) und entgingen so der Aufmerksamkeit des Direktors der BNU, Ernest Wickersheimer, bei seiner Recherche nach den Beständen im Herbst 1945. Diese Großfolios der Reihe Bh (Kunstgeschichte) waren im November 1943 in das Zugangsbuch der BNU eingetragen worden. Sie sind, das eine wie das andere, dem Kunsthandwerk in Asien (Königreich Siam und Indien) gewidmet. Das erste der Werke ist der sechste Band der Serie Indische Baukunst des Basler Architekten Emanuel La Roche (1863-1922). Dieser Band bildet zusammen mit dem fünften den dritten und letzten Teil des Werkes. Er trägt den Titel Stalaktiten, Paläste und Gärten (der erste Teil war Tempel, Holzbau und Kunstgewerbe, der zweite Moscheen und Grabmäler). Die Vorgängerbände (1 bis 5) sind in den Beständen der BNU vorhanden. Emanuel La Roche, der nach Studien in Stuttgart einige Zeit in Straßburg arbeitete (um 1885), erlebte einen beachtlichen Erfolg als Planer öffentlicher Gebäude (man vertraute ihm unter anderem an: die Kirche von Appenzell, den Bahnhof von Basel, die Bibliothek der Universität von Basel). Indische Baukunst ist die Frucht langjähriger, über dreier Jahrzehnte hinweg geführter Studien, die 1921 bei Bruckmann in München erschien, nur einige Monate vor dem Tod von La Roche. Man muss zurückkehren zu den Jahren 1889-1890 und - 53 -


Reisen, die er in den Orient zusammen mit seinem Freund Alfred Sarasin (1865-1953) geführt hatte, dem bekannten Schweizer Bankier, um den Ursprung dieses Werkes zu verstehen. Alfred Sarasin, der wissenschaftliche Herausgeber und wichtigste Finanzier dieser Gesamtdarstellung, besessen vom Orient, trug während seines Lebens eine herausragende Bibliothek zur Geschichte der Kunst Indiens zusammen. Diese Bibliothek, heute bekannt unter dem Namen Biblioteca Indica (Alfred Sarasin), wurde 1953 der Universität Basel vermacht. Zu den Arbeiten von La Roche und Sarasin kamen in dem Werk noch ein Beitrag des Schweizer Kunsthistorikers Heinrich Wölfflin (1864-1946) hinzu und eine Bibliographie von Emil Gratzl (1877-1957), Bibliothekar an der Bayerischen Staatsbibliothek in München und ein anerkannter Orientalist. Reich bebildert mit Fotografien und Abzügen, die von der Firma Frobenius in Basel ausgeführt worden waren, erhielt der Band die Nummerierung 187/200. Er weist nur leichte Schäden auf. Das zweite restituierte Werk besteht aus zwei Bänden (einem ersten Textband und einem zweiten mit Bildtafeln). 1925 bei Asia Publishing House in Bangkok unter der der Leitung des deutschen Architekten Karl Siegfried Döring (1879-1941) erschienen, trägt es den Titel Kunst und Kunstgewerbe in Siam: Lackarbeiten in Schwarz und Gold (es erschien gleichzeitig in Englisch unter dem Titel Art and art-industry in Siam: lacquer-works in black and gold). Gedruckt in Berlin bei Gustav Ascher erhielt dieses Exemplar die Nummer 14/500. Die schwarzen und goldenen Abbildungen des Tafelbandes sind bemerkenswert: Aufgeklebt auf sehr dickem Papier hat jede eine in Gold gedruckte Bildunterschrift auf schwarzem Grund. Der gleichermaßen bemerkenswerte Textband hat zahlreiche Abbildungen mit Bildunterschriften, schöne Rahmungen und mehrere Bordüren. Das Zugangsbuch und bibliographische Notizen lassen vermuten, dass ein zweiter Bildtafelband fehlt. Die Erwerbung im Jahr 1943 umfasste anscheinend drei Bände (für eine Summe von 540 Reichsmark). Das Werk war bei der Revision von 1972 aus dem Katalog ausgetragen worden, es ist indes heute schwierig, zu ermitteln, was aus dem dritten Band geworden ist.

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Ornament der Türen eines Möbelstücks der königlichen Bibliothek von Bangkok. DÖRING Karl Siegfried. Kunst und Kunstgewerbe in Siam. Tafelband 1. Bangkok : Asia Publishing House, 1925, Tafel 3. (Sammlung BNU Strasbourg) - 55 -


Schutzgeister (Thévadas), die zusammenströmen, um Buddha zu verehren. Detail eines Altarschmucks. DÖRING Karl Siegfried. Kunst und Kunstgewerbe in Siam. Textband. Bangkok : Asia Publishing House, 1925, S. 45. (Sammlung BNU Strasbourg)

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Festung in Dehli. Detail gemalter Ornamente. LA ROCHE Emanuel. Stalaktiten, Pal채ste und G채rten. M체nchen : Bruckmann, 1921. (Indische Baukunst ; Band 6). Tafel 39. (Sammlung BNU Strasbourg)

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Tor Mihtar Mahal in Bijapur (Bundesstaat Karnataka, Indien). LA ROCHE Emanuel. Stalaktiten, Pal채ste und G채rten. M체nchen : Bruckmann, 1921. (Indische Baukunst ; Band 6). Tafel 32. (Sammlung BNU Strasbourg) - 58 -


Vergleichende Pläne von Jaipur und Amber mit verschiedenen europäischen Städten, darunter Nancy und Mannheim. LA ROCHE Emanuel. Stalaktiten, Paläste und Gärten. München : Bruckmann, 1921. (Indische Baukunst ; Band 6). Tafel 28. (Sammlung BNU Strasbourg) - 59 -


Von Strassburg nach Göttingen: ein fast vergessene Geschichte  

Dieses Buch wurde anläßlich der Wiederentdeckung von Büchern und Karten erstellt, die ursprünglich der BNU gehörten, während des Zweiten Wel...

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