Page 1

W

S I E R K E D EN

h d ganz na n u it e w lt We

entation WENDEKREIS-Dokum nkt zum Themenschwerpu on Immensee der Bethlehem Missi


inhalt

Dieses Heft ist ein Sonderdruck von Texten, die zwischen Juni 2012 und April 2013 im WENDEKREIS erschienen sind. Es bildet eine Dokumentation zur Arbeit der Bethlehem Mission Immensee im Zusammenhang mit dem Schwerpunkt «Starke Frauen – Fokus Müttergesundheit». ➔ www.bethlehem-mission.ch/starke-frauen

3

Das Recht auf Gesundheit – Basis auch für eine selbstbestimmte Mutterschaft Die Müttersterblichkeit im globalen Süden muss gesenkt werden.

6

«Es sind die Mütter, die wollen, dass sich endlich etwas für sie verbessert» Ein Interview mit Gesundheitswissenschaftlerin Katrin Heeskens über die Lage in Kenia.

11

Jetzt auch Mutter «Wie Frau sein?» ist die Frage, die Kolumnistin Michèle Roten neuerdings beschäftigt.

13

Die Strassenmädchen und ihre Babys brauchen Schutz und Unterstützung Der «Club der jungen Mütter» hilft Strassenmädchen in Simbabwe.

16

Kinder um jeden Preis? Die moderne Reproduktionsmedizin bietet Chancen und Probleme.

19

Abschied von alten und neuen Mutter-Bildern Mutter-Sein lässt sich nicht festschreiben.

20

Dialog auf Augenhöhe statt Opfergeschichten Das Phänomen Genitalverstümmelung ist auch in der Schweiz angekommen.

23

Wenn Familienplanung zum Spielball der Politik wird Verschiedene Staaten versuchen, Geburtenraten anzuheben oder zu senken.

26

«Sterben ist nicht das Schlimmste» Flüchtlingsfrauen und -kinder leiden besonders unter ihrem fragilen Status.

29

Zankapfel Familienplanung Die Kirche auf den Philippinen wehrt sich gegen ein Gesetz zur reproduktiven Gesundheit.

32

Sexuelle Gesundheit – ein Bereich mit vielen Tabus Ein Gespräch mit Ärztin und Nationalrätin Yvonne Gilli.

36

Die Rettung von Mildred und Mapenzi Renate Gisler begleitet für die BMI in Sambia Pflegende für Aidspatientinnen und –patienten.

38

Frauen und sexuelle Gesundheit in der Entwicklungszusammenarbeit Müttergesundheit hat medizinische, kulturelle und politische Dimensionen.

41

Vertrauen als Schlüssen zur Selbstermächtigung Das Gesundheitsnetzwerk medicus mundi lud Fachleute zum Erfahrungsaustausch.

43

«Eine der wunderbarsten Aufgaben, die das Leben bereitstellt» Runa Patel, ehemalige Einsatzleistende der BMI, bildet heute Hebammen in Tansania aus.

45

«Ich will kein Macho mehr sein, wie kann ich das anstellen? » Männer in Kolumbien auf dem Weg zu einem neuen Selbstverständnis.

Gemeinsam für eine bessere Welt Die Bethlehem Mission Immensee (BMI) und ihre Allianzpartner E-CHANGER und Inter-Agire engagieren sich weltweit für Benachteiligte sowie eine ganzheitliche und nachhaltige Entwicklung. Die drei Organisationen entsenden Fachpersonen, die in Projekten von Partnerorganisationen in den Einsatzländern mitarbeiten. Durch Bildungs- und Informationsarbeit in der Schweiz fördern die Bethlehem Mission Immensee und ihre Allianzpartner solidarisches Denken und Handeln. Zu dieser Sensibilisierungsarbeit gehört auch der Schwerpunkt «Starke Frauen – Fokus Müttergesundheit», den die BMI verfolgt. Die BMI ist Trägerin des Bildungszentrums RomeroHaus in Luzern und Herausgeberin der Zeitschrift «WENDEKREIS».

Bethlehem Mission Immensee, Bethlehemweg 10, Postfach 62, CH-6405 Immensee 041 854 11 00, www.bethlehemmission.ch, Post-Konto 60-394-4.

Impressum Redaktion: Sylvie Eigenmann Gestaltung: Thomas Lingg Dieses Heft kann kostenlos bestellt werden: Administration WENDEKREIS Madelaine Dittli, Postfach 62, CH-6405 Immensee, 041 854 13 91 abo-service@bethlehem-mission.ch Sie finden es auch als PDF unter: www.bethlehem-mission.ch/ starke-frauen/publikationen


Das Recht auf Gesundheit – Basis auch für eine selbstbestimmte Mutterschaft Die Gesundheit von Müttern ist ein scharfer Spiegel der Lebensbedingungen von Frauen. Noch gibt es weltweit grosse Unterschiede – die Standards des Südens im Gesundheitsbereich liegen heute noch weit hinter den Standards des Nordens zurück. Text: Helena Zweifel_Foto: Marcel Kaufmann / bethlehem-mission.ch

D

as Recht auf Gesundheit ist ein Menschenrecht. Doch weltweit stirbt jede Minute eine Frau wegen Komplikationen bei Schwangerschaft oder Geburt. 99 Prozent von ihnen leben in den wirtschaftlich ärmeren Ländern und Regionen des globalen Südens. Die häufigsten Todesursachen sind Blutungen, zumeist während oder unmittelbar nach der Entbindung, gefolgt von schweren Komplikationen (Eklampsie), Sepsis, Problemen bei unsachgerechter Abtreibung und indirekten Ursachen wie HIV und Malaria – alles weitgehend vermeidbare Todesfälle. Die hohe Zahl der vermeidbaren Todesfälle empört. Sie sind Ausdruck der schreienden Ungerechtigkeiten zwischen dem Norden und dem Süden und innerhalb der Gesellschaften selbst. Sie sind auch ein Symptom des desolaten Zustands vieler Gesundheitssysteme und der Missachtung des Menschenrechts von Frauen auf Gesundheit und Leben.

Tödliche Geburten – das Beispiel Uganda in Ostafrika_ «Schwangerschaft ist in Uganda ein Gesundheitsrisiko», erklärte mir Gladys. Eine der Teilnehmer und Teilnehmerinnen war durch einen Anruf aus dem Workshop gerissen worden: Die Tochter ihres jüngsten Bruders war auf dem Operationstisch bei der Geburt ihres ersten Kindes gestorben, verblutet. Alltag in Uganda

– im ostafrikanischen Land sterben jeden Tag sechzehn Frauen beim Gebären oder kurz danach. Erstmals haben zivilgesellschaftliche Organisationen mit einem aufsehenerregenden Prozess das Recht auf Gesundheit eingefordert und Klage gegen die ugandische Regierung eingereicht. Da die Regierung die essenzielle medizinische Versorgung von werdenden Müttern nicht gewährleiste, verletze sie ihre verfassungsmässige Pf licht, das Recht auf Gesundheit und Leben und die Rechte von Frauen zu schützen und zu fördern.

» Von allen Entwicklungszielen macht die Senkung der Müttersterblichkeit am wenigsten Fortschritte. Die Petition Nummer 16 greift die Fälle von Silvia Nalubowa und Jennifer Anguko auf, von zwei Müttern, die beide im Kindsbett gestorben sind. In den zwölf Stunden, in denen Jennifer Anguko im Spital um ihr Leben und das des Kindes kämpfte und langsam an den Geburtskomplikationen verblutete, hat sich weder ein Arzt noch eine Krankenschwester um sie gekümmert. Der Gerichtsfall ist zurzeit noch hängig. Mit Kampagnen, Öffentlichkeitsar-

beit und Lobbying ist es der Allianz von Organisationen gelungen, das Thema Müttersterblichkeit auf die öffentliche Agenda zu bringen, auf die miserable Gesundheitsversorgung im Lande aufmerksam zu machen und die Regierung in die Pf licht zu nehmen.

Reproduktive Rechte_Die Weltgemeinschaft ist sich der Problematik grundsätzlich bewusst. Bereits das Aktionsprogramm der internationalen Bevölkerungskonferenz in Kairo von 1994 anerkennt die Bedeutung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte. Sie erachtet den Zugang zu Familienplanung, Bildung sowie die Stärkung der Rolle der Frau als Voraussetzungen für eine nachhaltige Entwicklung. Reproduktive Gesundheit wird definiert als Zustand des vollkommenen physischen, geistigen und sozialen Wohlbefindens. Gefordert und angesprochen sind damit das ganze Gesundheitssystem und alle Phasen des reproduktiven Prozesses. Es beinhaltet das Recht und die Freiheit von Frauen und Männern zu entscheiden, ob, wann und wie oft sie Kinder haben wollen. Dazu gehört das Recht, informiert zu werden und Zugang zu haben zu sicheren, effektiven, erschwinglichen und akzeptablen Methoden der Familienplanung ihrer Wahl. Frauen sollen Zugang zu den für eine sichere Schwangerschaft und Geburt notaus wendekreis 6_2012

3


wendigen Dienstleistungen der Gesundheitsversorgung haben und die bestmögliche Chance, einem gesunden Kind das Leben zu schenken. Auch die Millenniumsentwicklungsziele, welche die internationale Staatengemeinschaft im Jahr 2000 zur Senkung der Armut verabschiedet haben, streben die Verbesserung der Gesundheit von Müttern an. Zwischen 1995 und 2015 soll die Müttersterblichkeitsrate um drei Viertel gesenkt und dazu soll bis 2015 der allgemeine Zugang zu reproduktiver Gesundheit verwirklicht werden. Doch von allen Entwicklungszielen macht die Senkung der Müttersterblichkeit am wenigsten Fortschritte. Uganda ist kein Einzelfall. Jugendliche unter 25 Jahren machen fast die Hälfte der Weltbevölkerung aus und ihr prozentualer Anteil steigt. Sie sind der Schlüssel zur Verbesserung der Müttersterblichkeit, denn ihre Entscheide zu Sexualität und Mutterschaft beeinf lussen nicht nur ihr eigenes Leben, sondern die Gesundheit und Entwicklung der ganzen Gesellschaft.

Besondere Bedürfnisse von Mädchen und jungen Frauen_ Gleichzeitig ist es um die Gesundheit von Mädchen und jungen Frauen besonders schlecht bestellt. Ungewollte Schwangerschaften, Abtreibungen, Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt, HIV und sexuelle Gewalt gefährden die Gesundheit von Frauen und Mädchen. Jährlich werden etwa fünfzehn Millionen Teenager bereits Mütter, in Afrika südlich der Sahara ist es jedes achte Mädchen. In Lateinamerika sind etwa vierzig Prozent der Teenagerschwangerschaften ungewollt, in Subsahara-Afrika variiert dies zwischen 11 und 77 Prozent. Fast die Hälfte der 2,6 Millionen Menschen weltweit, die sich jährlich neu mit dem HI-Virus infizieren, sind Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren. Bei einer sehr frühen Mutter-

4

aus wendekreis 6_2012

schaft ist das Risiko, vor und bei der Geburt zu sterben, besonders hoch. Zugang zu Informationen, die Möglichkeit, sich professionell beraten zu lassen oder Besuche bei der Frauenärztin sind für uns selbstverständlich. Für viele Mädchen und junge Frauen in Afrika liegt dies ausser Reichweite. Themen wie Sexualität, Verhütung oder Schwan-

Schritte in einem globalen Prozess 1994: Internationale Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung in Kairo_Erstmals wird nachhaltige Bevölkerungsentwicklung mit der Bekämpfung von Armut verbunden. Reproduktive Gesundheit inklusive Zugang zu Familienplanung, der Zugang zu Bildung und die Gleichberechtigung der Geschlechter wird als wichtige Voraussetzung für nachhaltige Bevölkerungsentwicklung genannt und als Menschenrecht deklariert. 179 Länder stimmen dem Massnahmenplan zu, der auf 20 Jahre ausgerichtet ist. 2000: Lancierung der Millenniumsentwicklungsziele_189 Staaten, darunter die Schweiz, verabschieden die acht Uno-Millenniumsentwicklungsziele – das bislang weltweit grösste Aktionsprogramm gegen Armut. Die Bedeutung der reproduktiven Gesundheit, wie sie in Kairo definiert wurde, ist in den Uno-Millenniumszielen berücksichtigt: Uno-Millenniums-Entwicklungsziel 5 soll die Müttersterblichkeit zwischen 1990 und 2015 um drei Viertel senken. 2010: Halbzeit auf dem Weg bis 2015. Die Uno überprüft das Erreichte. Es zeigt sich: Von allen Entwicklungszielen macht die Senkung der Müttersterblichkeit am wenigsten Fortschritte. Erweiterung des Millenniumsziels 5 um 5b: Bis 2015 soll weltweit für alle Frauen der Zugang zu reproduktiver Gesundheit gesichert sein. (red./Pma.)

gerschaft sind für junge Frauen tabu. Sie sollen nicht über Sexualität oder Verhütung reden, so die gängige gesellschaftlich verankerte Meinung in Simbabwe oder Tansania. Gerne wird übersehen, dass auch Jugendliche sexuell aktiv sind. Viele Studentinnen lassen sich auf sexuelle Beziehungen mit einem älteren Mann ein, um die Studiengebühren oder das Zimmer zu bezahlen. In dieser Situation können sie kaum auf die Verwendung eines Kondoms bestehen. Daher müssen insbesondere junge Frauen darin gestärkt werden, ihre Rechte einzufordern sowie Zugang zu Bildung, Einkommen, umfassender Sexualauf klärung erhalten.

Chance und Verantwortung_ Das Netzwerk Medicus Mundi Schweiz (MMS), zu dem auch die Bethlehem Mission Immensee (BMI) gehört, setzt sich seit Jahren für das Recht auf Gesundheit für alle ein. In den Debatten zur Botschaft zur internationalen Zusammenarbeit 2013 bis 2016, welche dieses Jahr ins Parlament kommt und die schweizerische Entwicklungspolitik der nächsten Jahre prägen wird, betont Medicus Mundi immer wieder dieses Recht aller auf Gesundheit. Mit dem Themenschwerpunkt «Starke Frauen – Müttergesundheit» greift die Bethlehem Mission Immensee (BMI) ein brennendes und aktuelles Thema auf. Als Hilfswerk mit katholischem Hintergrund mit Fachpersonen vor Ort, die eng mit den Menschen zusammenarbeiten, hat die BMI eine besondere Chance – und eine besondere Verantwortung: Die BMI muss sensible Themen rund um sexuelle und reproduktive Gesundheit ansprechen und auf einfühlsame und kulturell angepasste Art und Weise aufgreifen. Dies bedeutet, über Sexualität zu reden, HIV-Prävention zu fördern – einschliesslich des Gebrauchs von Kondomen sowie sich im Rahmen der jeweils geltenden Rechte eines Landes


für einen sicheren Schwangerschaftsabbruch einzusetzen. Die reproduktive Gesundheit und die Entscheidungsfreiheit von Frauen und Männern in diesem Bereich gehören zu den Menschenrechten. Gleichzeitig sind sie die Voraussetzung und die Bedingung der Gesundheit der Gesamtbevölkerung, der Bekämpfung von Armut sowie der Förderung der nachhaltigen Entwicklung eines Landes. Helena Zweifel ist Geschäftsleiterin von Medicus Mundi Schweiz. www. medicusmundi.ch

Unterwegs: Zweisamkeit in der peruanischen Andenprovinz Espinar.

aus wendekreis 6_2012

5


«Es sind die Mütter, die wollen, dass sich endlich etwas für sie verbessert» Nirgendwo ist die Müttersterblichkeit in Kenia höher als im Norden des Landes, wo Hunger und Dürre das Leben von Frauen und Kindern noch härter machen. Ein Gespräch mit der Gesundheitswissenschaftlerin Katrin Heeskens.

Interview: Paula Marty_Fotos: Heeskens / bethlehem-mission.ch

Kenia, im Distrikt Isiolo – eine Mutter und ihr krankes Kind auf dem Weg zur Mobil-Klinik in Ngarsurgoi.

6

aus wendekreis 6_2012


W

ENDEKREIS: Katrin Heeskens, Sie sind Gesundheitswissenschaftlerin und waren für die Bethlehem Mission Immensee (BMI) in der Region Isiolo tätig, dem Tor zum Norden Kenias, der regelmässig von Hunger und Dürre betroffen ist. Wie stark war Ihr Einsatz davon geprägt? Es hat ihn total geprägt. Mein Einsatz hat 2009, mitten in der ersten Dürre, begonnen. 2011 erlebten wir dann die zweite, noch schwerere Krise. Es klingt paradox – aber für meine Arbeit war das ein grosses Glück.

Weshalb das? Der Grund ist sehr einfach: Dank der Dürre flossen die Spendengelder vieler Hilfsorganisationen, die anders als die BMI in der Nothilfe aktiv sind, in die Region. Von Anfang an verfügte ich deshalb über genügend Geld – ein absoluter Ausnahmefall in der langfristig ausgerichteten Entwicklungszusammenarbeit. Ich war mit meiner Familie noch nicht in unser Haus eingezogen, da war ich schon mit Vertretern der britischen Hilfsorganisation Catholic overseas development agency (Cafod) in den Aussenstationen unterwegs. Sie wollten vor Ort prüfen, wo und wie die Spendengelder am besten einzusetzen waren. Dank dieses Kontakts verfügte ich von Anfang an über Geld. Noch wichtiger: Ich konnte von Anfang steuern, wie und wo die Gelder verwendet werden. Gleich zu Beginn meiner Arbeit 2009 haben wir mit den Dürre-Geldern beispielsweise begonnen, ein Angebot an mobilen Kliniken aufzubauen. Sie haben in Isiolo gelebt. Zu Ihrem Einsatzgebiet als Gesundheitskoordinatorin gehörten aber auch die anschliessenden riesigen Halbwüstengebiete des Distrikts. Wie stark unterscheiden sich Lebensbedingungen der Menschen in der Stadt und auf dem Land? Die Unterschiede sind erheblich – Isiolo, die Distrikthauptstadt, hat etwa 60 000 Einwohnerinnen und

Einwohner. Weitere 60 000 Menschen wohnen rund um die Stadt. Isiolo ist heute ein einziger grosser Slum mit Behausungen ohne Wasseranschluss, ohne Elektrizität oder Kanalisation. Die Menschen hier haben nichts, keine Arbeit, keine Bildung. Und – was verheerend für ihre Ernährungssituation ist: Sie haben auch kein Land und kein Vieh mehr. Das bedeutet, die Menschen in der Stadt müssen teure Nahrungsmittel auf dem Markt kaufen. Anders auf dem Land. Ziegen haben bedeutet hier: Es gibt Milch und Fleisch. Die Kinder sind versorgt. Der Ernährungszustand der Mütter ist besser. Das heisst, sie sind weniger anfällig für Krankheiten wie Malaria. Erkranken sie trotzdem, sterben sie weniger schnell. Die Menschen auf dem Land haben als Selbstver-

» Ziegen haben bedeutet: Es gibt Milch, die Kinder sind versorgt. sorger einen gewissen Vorteil gegenüber den Menschen in der Stadt. Erst wenn ihre Tiere aufgrund des Wassermangels nach und nach verdursten, sind auch sie gefährdet. Wie sieht es bei der Gesundheitsversorgung aus? Welche Unterschiede gibt es da? Hier ist es umgekehrt. Was die medizinischen Dienstleistungen betrifft, gilt: Je weiter weg von der Stadt, je abgelegener, je traditioneller und abgeschlossener ein Stamm lebt, desto prekärer die Gesundheitsversorgung. In der Stadt ist das Angebot an medizinischen Dienstleistungen grösser. Mehr Menschen sind geimpft. Die Müttersterblichkeit ist niedriger. Die einzige Geburtsklinik im Distrikt, in der man in der Lage ist, einen Kaiserschnitt durchzuführen, liegt in Isiolo. Frau kann zwar die Rechnung für die Geburt im Spital nicht bezahlen. Aber daran stirbt sie nicht.

Wie drängend zeigte sich Ihnen zu Beginn das Problem der Müttersterblichkeit in den ländlichen Regionen? Das Problem war überall präsent – vom ersten Tag an. Die Menschen erzählten mir alle das Gleiche: Unsere Mütter sterben während der Geburt, unsere Mütter sterben nach der Geburt, unsere Babys überleben die ersten sechs Wochen nicht. Wo setzten Sie mit Ihrer Arbeit als Gesundheitskoordinatorin an? Meine Aufgabe war es, die über den ganzen Distrikt verstreute medizinische Infrastruktur des katholischen Vikariats Isiolo, der Partnerorganisation der Bethlehem Mission Immensee vor Ort, auszubauen. Als ich anfing, gab es sechs Gesundheitsstationen. Ihre medizinischen Dienstleistungen sollten besser koordiniert und durch mobile Kliniken ergänzt werden, um damit sehr weit entfernte Dörfer zu erreichen. Unser Personal fährt mittlerweile regelmässig zu acht Dorfgemeinschaften, die keinen oder nur sehr umständlichen Zugang zu Gesundheitseinrichtungen haben. Heute sind die Gesundheitsstationen funktionierende Anlauf- und Impfstellen, die über alle wichtigen Medikamente verfügen und mit medizinisch ausgebildetem Personal besetzt sind. Schwangere haben hier Zugang zu prophylaktischer MalariaTherapie, können sich auch gegen HIV-Übertragung auf das ungeborene Leben schützen. Ebenso wichtig wie die medizinische Versorgung ist für die Frauen, dass sie hier auch Informationen zu Schwangerschaft, Geburt und HIV /Aids bekommen. Welches sind heute die eklatantesten Schwachstellen? Zwei Beispiele: Ein Grossprojekt in meinem dreijährigen Einsatz war der Bau einer Geburtsklinik in der Aussenstation Merti, 200 Kilometer von Isiolo entfernt. So weit so gut. Das Problem – selbst hier können wir bis jetzt noch keinen Kaiserschnitt durchführen. Die Suche nach aus wendekreis 6_2012

7

Katrin Heeskens


einem Arzt oder einer Ärztin war bis anhin ohne Erfolg. Merti ist zu abgelegen. Das zweite Problem: Was nützen die besseren Angebote, wenn die Verkehrswege so schlecht sind, dass die Frauen aus abgelegenen Gebieten sie nicht rechtzeitig erreichen? Während der Überschwemmungen in der Regenzeit im Januar werden regelmässig alle Brücken weggespült. Zu oft konnten wir deshalb unseren tollen Krankenwagen nicht einsetzen. Die Folge: Die Frau stirbt trotz Krankenwagen. Lücken, die erst einmal wohl behelfsmässig geschlossen werden? Wir haben es versucht: In den Dörfern haben wir traditionelle Hebammen speziell ausgebildet. Sie wurden geschult, schwere Komplikationen bei Schwangeren rechzeitig zu erkennen. Notfälle werden dank der Überwachung so eher verhindert. Man kann eben nicht erst los, wenn die Wehen da sind. In Simbabwe gibt es sogenannte Wartehäuser für hochschwangere Frauen. Auch das kann die Überlebenschancen der Frauen erhöhen. Und die Frauen nutzen diese Möglichkeiten – auch in den abgelegenen Regionen des Distrikts? Ja. Es sind die Frauen, die auf die Lösung dieser Probleme drängen. Sie wollen, dass sich etwas ändert. Es mag der Gedanke mitspielen: Solange mir zwei von fünf Kindern sterben, brauche ich sieben oder acht zur Absicherung im Alter. Solange es in Kenia kein soziales Absicherungssystem gibt, wird die durchschnittliche Anzahl Kinder pro Frau in Distrikten wie Isiolo nicht sinken. Spielt Familienplanung keine Rolle? In der Stadt Isiolo wenden keine fünfzehn Prozent entsprechende Verhütungsmassnahmen an. Die durchschnittliche Anzahl Kinder pro Frau ist mit 5.5 Kindern auch heute noch sehr hoch.

8

aus wendekreis 6_2012

Moderne Familienplanung, Schwangerschaftsverhütung, HIV-Prävention – mit der katholischen Kirche als Partnerorganisation vor Ort. Wie geht das? Eigentlich sind uns dadurch die Hände gebunden. Wir, die wir im Rahmen des Vikariats arbeiten, dürfen nicht über moderne Verhütungsmethoden informieren, keine Kondome auf legen, etc. Das ist natürlich extrem stossend. Die gute Zusammenarbeit mit den Gesundheitsbehörden im Distrikt ist hier enorm wichtig. Die staatlichen Gesundheitsfachkräfte sind es nämlich, die unsere Basis-Gesundheits-Helfer und -Helferinnen ausbilden. Sie dürfen über die Möglichkeiten moderner Familienplanung informieren. Dass wir dann Kondome nicht offen

» Was nützen bessere medizinische Angebote, wenn die Frauen sie nicht rechtzeitig erreichen? auf legen können, ist selbstverständlich wenig hilfreich. Das wäre aber wichtig, damit die Männer und Frauen eher ihr Verhalten ändern. Ein wichtiger Ansporn in diese Richtung geht von der neuen Verfassung Kenias aus. In Artikel 41 ist dort beispielsweise das Recht auf Gesundheitsversorgung von Schwangeren und Müttern verankert. Kommt etwas davon auch bei den Frauen im Distrikt Isiolo an? Wenig. Viele von den Frauen dort sind Analphabetinnen. In Isiolo verfügen weniger als zwanzig Prozent der Bevölkerung über eine Geburtsurkunde. Ganze elf Prozent besuchen hier die Sekundarschule. 65 Prozent machen immerhin die Grundschule fertig. Kommt das Problem der Sprache hinzu. In den abgelegenen Regionen wird kaum Kiswahili gesprochen, neben Englisch

die Amtssprache des Landes. Es wird noch eine oder zwei Generationen brauchen, bis der Zugang zu mehr Bildung auch in diesen Gebieten besser gewährleistet ist. Wissen ist aber die Voraussetzung für Fortschritt. Auch auf Gesetzesebene ist etwas in Bewegung. Seit 2011 ist die Genitalverstümmelung in Kenia verboten. Wie verbreitet ist diese Praktik heute noch im Distrikt Isiolo? Sehr verbreitet. Achtzig Prozent der Mädchen sind betroffen. Wird das Verbot nicht wahrgenommen? Kaum. Die Menschen in den ländlichen Regionen des Distrikts leben teilweise in noch sehr stark traditionell organisierten, sehr abgeschotteten Stammesgemeinschaften. Und in der Distrikthauptstadt Isiolo? Die meisten Menschen in der Stadt haben die Verbindung zu ihrer Kultur verloren. Viele sind völlig entwurzelt. Auch in den Kirchen finden sie kaum Halt. Obwohl es in Kenia etwa 700 anerkannte Kirchen gibt. An jeder Ecke der Stadt trifft man auf einen ihrer Heilsverkünder. Die verbliebenen Traditionen sind also nicht weniger, sondern wichtiger geworden. Sie bieten Orientierung in einer Welt sich auf lösender Traditionen. Die Praktik der Genitalverstümmelung hat möglicherweise eine solche Funktion. Trotz der einschneidenden Folgen für die betroffenen Mädchen. Mit der Beschneidung geht die frühe Verheiratung der Mädchen einher. 55 Prozent der Mädchen heiraten, bevor sie 18 Jahre alt sind. Kinderheirat ab 11 Jahren ist noch gängige Praxis bei den Samburus. Spätestens nach der dritten Primarklasse verlassen die Mädchen die Schule. Doch da ist einiges in Bewegung. Das hat mir das Gespräch mit dem Ältesten aus dem Samburu-Dorf Donyo Lengala gezeigt. Er kam zur medizinischen Grundausbildung nach Isiolo.


ÄTHIOPIEN

Marsabit

UGANDA

SOMALIA Isiolo

Nairobi KENIA

TANSANIA

Es ging um Rechte, Bildung und die Rolle der Familie. Der Mann sagte zu mir: «Katrin, ich bin zum Schluss gekommen, dass auch die Mädchen länger in die Schule gehen sollten.» Er hat mir versprochen, mit den anderen Ältesten seines Stammes die Angelegenheit zu bereden. Ich muss betonen, das Gespräch mit dem Ältesten war nur möglich, weil wir uns seit Längerem kannten und es zwischen uns ein gewisses Vertrauen gab. Was denken Sie, hat dieses Umdenken bei ihm bewirkt? Vielleicht die Hoffnung, dass alle, die Familien, der ganze Stamm profitieren, wenn die Mädchen in der Schule diese neuen Dinge lernen, von denen er selber soeben eine Woche

lang gehört hat. Die Informationen, die die Menschen in unseren mobilen Kliniken und in den Ausbildungskursen zu den ganz alltäglichen Themen der Gesundheit bekommen, zeitigen Wirkung. Sie setzen das neue Wissen in ihren Dörfern um. Plötzlich gibt es dort ein Stehklo, das Wasser wird abgekocht. Die Lebensbedingungen verbessern sich. Die Menschen merken: Es geht ihnen besser, weil sie besser informiert sind.

Fakten und Zahlen Kinder pro Frau: Kenia: 4.9 Distrikt Isiolo: 5.5 Müttersterblichkeit: Kenia: 530 pro 100 000 Lebend-Geburten Häufigste Todesursachen: Blutungen: 45 %; Blutvergiftung: 15 %, stark erhöhter Blutdruck: 12 % 35 % entbinden mit professionellem Beistand und unter hygienischen Bedingungen. Kaiserschnittrate: Distrikt Isiolo: 2 % Verhütungsmittel (moderne Methoden): Kenia: 39 %, (30 bis 40 % haben ausreichendes Wissen über HIV/ Aids) Distrikt Isiolo: 18 % Quelle: Kenia: Bericht United Nations Population Fund ( UNFPA) «The State of World’s Midwifery 2011: Delivering Health, Saving Lives». Quelle: District Isiolo Kenia National Bureau of Statistics, Survey (MICS 3) - Eastern Province (2011)

Die Dürre und ihre Folgen im Alltag von Ngarsurgoi: Samburu-Frauen stehen Schlange für eine Lebensmittellieferung. aus wendekreis 6_2012

9


Autorin Michèle Roten – Muttersein als «ein supercooler Aspekt unter vielen anderen». 10

aus wendekreis 6_2012


Jetzt auch Mutter Michèle Roten gehörte zur Generation der 30-Jährigen, die auf den Feminismus pfiffen. Jetzt nicht mehr. Sie hat darüber ein Buch geschrieben und ist Mutter geworden.

Text: Isabelle von Arx_Foto: Echtzeit Verlag

N

och vor ein paar Jahren hätte sich Michèle Roten nicht vorstellen können, ein Buch mit dem Titel «Wie Frau sein» zu verfassen. Bei der Lesung ihres neusten Werks gesteht die 33Jährige, dass sie selbst wohl am meisten überrascht über ihre Anwesenheit hier in Winterthur sei, in der «Nacht der Frau». Bis der erste Kontakt zum ausschliesslich weiblichen Publikum – Männer erhielten zum Anlass keinen Zutritt, sei fairerweise erwähnt – hergestellt ist, bekomme ich das Gefühl, dass sie sich gern wieder davonmachen oder zumindest draussen eine rauchen würde. Das Publikum ist ihr aber ausnahmslos freundlich gesinnt. Die Zuhörerinnen, von der 20- bis zur 80-Jährigen, finden sich in den humorvollen Texten wieder. Und auch wieder nicht – dass sie ihren Mann als «Bock» bezeichnet, ist wohl für die meisten gewöhnungsbedürftig.

Dinge beim Namen nennen_ Michèle Roten hat sich einen Namen als Redaktorin und noch mehr als Kolumnistin beim «Magazin» des «Tages-Anzeigers» gemacht. Ihre Schreibe und ihre Themenwahl fallen auf. So hat sie auch Eingang in TV- und Radiosendungen wie «Aeschbacher» oder «Focus» gefunden, in denen sich die attraktive Germanistin und Kriminologin erklären

musste: Weshalb sie so oft und vermutlich auch gern über Sex schreibt? «Gehört halt zum Leben, ist wichtig», lautete die lakonische Antwort. Ihre sehr direkte Art, die Dinge beim Namen zu nennen, ist erst mal ungewohnt bei einer jungen gebildeten Frau. Das Thema Sex hat auch seinen Platz in Rotens aktuellem Buch gefunden, doch die Leserschaft hat sich zu einer Leserinnenschaft gewandelt

» Sich genau dieser Lektion, ein Kind auszutragen und zu gebären, zu verweigern, wäre doch irgendwie schade. – trotz der Hoffnung des Verlegers, die männlichen Fans ihrer Kolumne zur Lektüre ihres Buches bringen zu können. Männer könnten dabei nur profitieren, zum Beispiel beim Thema Liebesfilm contra Porno, wo sie schreibt: «Und da wurde mir plötzlich klar, dass Liebesfilme (Frauenfilme) mindestens genauso übel sind wie Pornos (Männerfilme). (…) Gehen wir also mal davon aus, dass Männer ihr Bild von Sex und Frauen beim Sexmachen aus Pornos beziehen, dann ist das durchaus ein bisschen unangenehm. Aber die Vor-

stellung, dass Frauen ihr Bild von Beziehungen und Männern beim Beziehungsmachen aus Liebesfilmen haben, das finde ich, ehrlich gesagt, ähnlich gruselig. Ich glaube, die Enttäuschung ist da grösser. Und nachhaltiger.»

Emanzipation–willkommenim Club_Ist Emanzipation überhaupt noch ein Thema? Die Auseinandersetzung mit der Frage, was Frau sein heute bedeutet, wann Benachteiligung auf Grund des Geschlechts tatsächlich eintrifft, scheint bei jungen Frauen mehr als auch schon auf Interesse zu stossen. Michèle Roten hat in vielen Frauengesprächen festgestellt, dass sie nicht die Einzige ist, die dem Feminismus nach einer längeren Zeit des Misstrauens heute viel abgewinnt. Eine jüngst in der «NZZ am Sonntag» zitierte Studie besagt, dass 68 Prozent der Schweizerinnen davon ausgehen, im Job die gleichen Aufstiegschancen wie ihre Berufskollegen und -kolleginnen zu haben. Dass die Zahl höher ausfiel als in Deutschland oder Österreich, begründet die Verantwortliche der Studie damit, dass Frauen in der Schweiz weniger auf absolute Gleichheit in allen Lebenslagen fixiert seien. Roten gehörte früher auch zu den Frauen, die sich völlig gleichberechtigt fühlten. Deshalb auch ihre damalige Distanz aus wendekreis 6_2012

11


zum Feminismus: «Das Image des Feminismus ist bei vielen jungen Frauen, die in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen sind wie ich, extrem schlecht und mit dem Verdacht auf Opferrolle und Hässlichkeit verbunden.» Im Buch beschreibt sie, was ihr Umdenken eingeleitet hat: «Einfach, weil ich nicht mehr so dumm und egoistisch und ignorant und kurzsichtig bin wie mit zweiundzwanzig. Ist doch schön, oder? Sich verändern.» Seit das Thema Feminismus vermehrt in ihre Kolumnen Eingang gefunden hat, seit sich an den Frauenabenden bestätigt hat, dass zwar alle für totale Gleichberechtigung sind, doch genauso klar ist, dass Männer den Löwenanteil der Hausarbeit den Löwinnen überlassen und seit sich bei reif lichem Nachdenken mehr erduldete Benachteiligungen als früher vermutet herausgeschält haben – hat sich das Buchprojekt aufgedrängt. «Von meinem männlichen Freundeskreis gabs gar keine Reaktionen, aber ich kriege fast nur nette Wortmeldungen von Lesern und Leserinnen. Und am meisten freuen mich die positiven Reaktionen der alten Feministinnen.» Michèle Roten hat sich nämlich gefürchtet – und Furcht ist kein Begriff, den sie oft in den Mund nimmt. «Meine grosse Angst war, dass die alten Feministinnen sagen, du gehörst nicht zum Club, alles falsch verstanden.»

immer noch ich, die von vorher, die schreibt.» Natürlich sei ihr Sohn extrem wichtig, aber nicht in ihrem Selbstverständnis. Das Muttersein sei «ein supercooler Aspekt von vielen». Kinder hätten nicht zu ihrem Lebensplan gehört, überhaupt nicht. «Ich hatte Lust auf eine Veränderung im Leben. Ich hatte es gesehen, der Ausgang nur noch Routine – ich wollte ein neues Thema.» Im Buch schreibt sie: «Schliesslich geht es doch im Leben vor allem darum, so viele Erfahrungen wie möglich zu machen. Und sich genau dieser Lektion, dem Erlebnis, ein Kind auszutragen und zu gebären, zu verweigern, wäre doch irgendwie schade.» Der Entscheidung «Kind Ja oder Nein» stellt sie im Buch die Frage «Tätowierung machen lassen oder nicht» gegenüber. Wer sich zu lange Gedanken übers Tätowieren macht, soll es lieber bleiben lassen, so ihr Fazit. Ob das nun beim Kinderkriegen auch gilt? Weitreichende Entscheidungen schrecken sie jedenfalls nicht, wie die tätowierte Jungmutter beweist. Unaufgeregt sagt Michèle Roten, dass sie mit ihrem Leben sehr zufrieden sei. Keine Schwärmereien vom idealen Leben, dafür ist sie zu cool – und auch zu ernsthaft. «Wie Frau sein» wird sie noch eine Weile beschäftigen: «Mein Fokus hat sich durch das Buch verändert, vielleicht schreibe ich eine Fortsetzung.»

Kind – Ja oder Nein?_«Ist es eigentlich irgendwie unfeministisch, Kinder zu kriegen? Ist es nicht Betrug an ganzen Generationen von Frauen, genau das zu reproduzieren, was sie als Grundübel der Abhängigkeit der Frau vom Mann erkannten? Müssten wir nicht, ihnen allen zu Ehren und zum Dank, unrasiert, BH-los und sterilisiert durchs Leben tanzen?», grübelt Roten in ihrem Buch «Wie Frau sein». Die Antwort, die sie sich selbst gegeben hat, ist ihr bald einjähriger Sohn. «Ich habe immer noch Mühe mit dem Label Mutter. Das ist einfach seltsam, ich bin

12

aus wendekreis 6_2012

Zum Weiterlesen Michèle Roten: Wie Frau sein. Echtzeit Verlag 2011. Fr. 29.–.


Sorgsamer Umgang will gelernt sein: Ein Mädchen spielt im «Club der jungen Mütter» zärtlich mit ihrem Kind.

Die Strassenmädchen und ihre Babys brauchen Schutz und Unterstützung Sie leben mit ihren Babys auf der Strasse und von der Prostitution. Hilfe gibt es für die Strassenmädchen im «Club der jungen Mütter». Melanie Assauer, Fachfrau der BMI in Simbabwe, erzählt, warum dieser Zuf luchtsort gefährdet ist. Text: Melanie Assauer_Foto: Streets Ahead

A

uf den Strassen der simbabwischen Hauptstadt Harare leben und arbeiten rund 700 Mädchen und Jungen. Vor allem an Kreuzungen sind die Strassenkinder äusserst präsent. Immer öfter sieht man auch Mädchen, die auf ausgebreiteten Zeitungen oder Tüchern sitzen und Babys stillen. Mit diesem Nachwuchs wächst die zweite Generation von Strassenkindern heran. Sie scheint eine noch düsterere Zukunft zu erwarten als ihre aus wendekreis 6_2012

13


minderjährigen Mütter, da ihnen die Wurzeln einer Vergangenheit und ein Ort, den sie Heimat nennen können, gänzlich fehlen.

gehören dazu. Zudem birgt der stetige Wechsel der Sexualpartner ein hohes Ansteckungs-Risiko mit HIV/Aids und anderen sexuell übertragbaren

Auf klärung im geschützten Raum_Streets Ahead arbeitet seit

» Immer öfter sieht man

1991 als Nicht-Regierungs-Organisation für und mit den Strassenkindern der Hauptstadt Simbabwes. Zusätzlich zum allgemeinen Einsatz für alle Strassenkinder leistet Streets Ahead einen speziellen Beitrag zum Schutz und der Stärkung von obdachlosen Mädchen und jungen Müttern. Gerade sie sind auf der Strasse besonderen Gefahren ausgesetzt: Prostitution, ungewollte Schwangerschaften und (Fehl-)Geburten auf der Strasse

auch Mädchen, die auf ausgebreiteten Zeitungen sitzen und Babys stillen. Krankheiten. Auf klärungsarbeit steht deshalb im Zentrum der Arbeit von Streets Ahead: Die Organisation führt Workshops zum Thema

zählt – Ihre Spende it! helfen Sie m

erson der eitet als Fachp b ar er au ss A Melanie ation artnerorganis P ie d r fü 1 1 0 BMI seit 2 babwe). in Harare (Sim d ea h A s et re St und kumentation o D it m , es t is Ihre Aufgabe reets Ahead rojekte von St P er d n io at u Eval rückzugeer neu- oder zu eb g d el G e h möglic ten. ngfristig zu hal winnen und la leiskönnen Einsatz g n u tz tü rs te n zur Dank Ihrer U amen Beitrag ks ir w en n ei I tende der BM ren Kindern üttern und ih M n vo t ei h d Gesun ten. im Süden leis nsätze. en Sie diese Ei er zi an fin e d Mit Ihrer Spen PC 60-394-4 e sion Immense is M m e h le th Be it ttergesundhe Vermerk: Mü

14

aus wendekreis 6_2012

Schwangerschaft und Geburt, zu Familienplanung, Kindesversorgung sowie HIV-/Aidsprävention durch. Es ist für mich als Einsatzleistende wunderbar zu sehen, auf welch professionelle und hoch engagierte Weise hier für das Wohl der Strassenkinder gekämpft wird. Streets Ahead hat zusätzlich dazu ganz gezielt den «Club der jungen Mütter» ins Leben gerufen. Hier können die Mädchen und jungen Mütter unter sich in Kleingruppen grundlegendes Wissen zu Gesundheitsthemen erhalten. Dabei sind vor allem die Gruppengespräche wichtig, in denen es um ihre Fragen und alltäglichen Bedürfnisse geht. Die Heranwachsenden finden in der vertrauten Umgebung ihrer Kameradinnen und ihrer Weiterbildner immer mehr den Mut, Tabuthemen wie Sexualität, Menstruationsbeschwerden und Verhütungsmethoden anzusprechen.

Praktische Schulung_Im «Club derjungenMütter»werdenauchpraktische Schulungen zum Thema Kindespf lege angeboten. Die Schwangeren und jungen Mütter lernen, mit ihren Babys kindgerecht umzugehen. Tatsächlich kommen seither weitaus mehr junge Mütter regelmässig ins Drop-In-Center – der täglichen Anlaufstelle für alle Strassenkinder –, um ihre Babys, Windeln und Kleidung zu waschen. Das Team kann dadurch den Gesundheitszustand der Kleinen besser im Auge behalten und bei Bedarf eingreifen. Streets Ahead bietet den Mädchen auch an, sie zur ersten Konsultation ins staatliche Gesundheitszentrum zu begleiten. Dadurch verlieren die jungen Frauen ihre Hemmungen, den für sie kostenlosen Service für Untersuchungen und Impfungen in Anspruch zu nehmen. Im Laufe der ersten Club-Treffen kristallisierte sich heraus, dass weiterbildende Angebote für die Strassenmädchen dann wichtig sind, wenn diese ihnen einen schnellen Ausstieg aus der Prostitution ermög-


lichen. Um sich eine eigene Einkommensmöglichkeit zu schaffen, brauchen die Mädchen sofort Unterstützung. Das ermöglicht ihnen erst, sich aus der Abhängigkeit von den Zuhältern zu befreien. Mit langfristigen Ausbildungen ist den Mädchen selten geholfen, da sie zeitintensiv sind und am Ende oft in Arbeitslosigkeit enden – in Simbabwe liegt die Arbeitslosenquote bei 90 Prozent. Streets Ahead setzt deshalb auf direkt umsetzbare und selbsttragende Projekte. Das Angebot an Ausbildungen ist vielfältig: Parallel zu Schreib- und Computerkursen gibt es Workshops wie Schneidern, Korbf lechten und Kerzenziehen. Die Bilanz lässt sich sehen: 31 Mädchen haben so den Ausstieg aus der Prostitution oder gar aus dem Strassenleben geschafft.

Fehlende finanzielle Mittel und die Folgen_Bis April 2011 konnte der «Club der jungen Mütter» den Mädchen sein komplettes Angebot an Hilfestellungen anbieten. Seither wird die Einrichtung nicht weiter mit finanziellen Mitteln gefördert. Streets Ahead versucht zwar, ein Minimum an Unterstützung für die Mädchen zu gewährleisten. Doch die fehlenden Mittel wirken sich bereits verhängnisvoll aus: Die Handwerkskurse werden nicht mehr durchgeführt, da die Mittel für das Herstellungsmaterial fehlen. In der Folge fallen die Fördergelder weg, um die Mädchen mit Startkapital zu unterstützen. Die ehrenamtlichen Diskussionsrunden wiederum sind nicht wirklich nachhaltig, wenn Hygieneartikel wie Tampons, Windeln, Seifen, Puder sowie Medikamente und Verhütungsmittel nicht mehr verteilt werden. Streets Ahead hat die Erfahrung gemacht, dass «was heute gelehrt wird, morgen vergessen ist», wenn psychologische und praktische Hilfe sich nicht ergänzen. Den Strassen-Sozialarbeitenden von Street Ahead ist deshalb klar: Der «Club der jungen Mütter» muss vollumfänglich weiterbestehen. Es

ist meine grosse Hoffnung, dass dank individueller Spender und Spenderinnen auch für die Strassenmädchen und ihre Kinder eine selbstbestimmte und gesunde Zukunft möglich bleibt. Denn danach suchen sie. Wie gross die Bedeutung des «Clubs der jungen Mütter» ist, zeigt am besten die Tatsache, dass allein

im letzten Jahr fünfzig junge Mütter und Prostituierte erreicht werden konnten. Und vielleicht ebenso wichtig: Strassenmädchen nehmen auch weiterhin an den wöchentlichen Meetings von Street Ahead teil.

Zum Beispiel Mercy M. – eine junge selbstständige Mutter mit Erfahrungen im Strassenleben Alle anderen Mädchen und Jungen auf der Strasse hatten ihr gesagt, Streets Ahead würde sie zurück zu ihren Eltern schicken; so log sie während der ersten Beratungs- und Gruppengespräche, denn Mercy wollte auf den Strassen Harares nach Arbeit suchen, bevor sie zurück in ihre zerrüttete Familie kehren wollte. Mercys Vater hatte das Land verlassen, um Geld für die Familie zu verdienen. Zu Hause gab es oft nicht genug zu essen, um sie, ihre zwei Geschwister und die Mutter zu versorgen. Mercy fand schnell heraus, dass Streets Ahead niemanden zwingt, zurück in die Familien zu gehen, sondern zuhört und die eigenen Ideen, Sorgen und Ängste ernst nimmt. Vor allem als sie schwanger wurde, stand ihr die Sozialpädagogin stets zur Seite. «Sie sagte mir immer, nicht meine Situation sei etwas Besonderes, sondern ich selber.» Mercy war gerade 16 Jahre alt, als ihr Baby in einem Spital, in dem sie durch Strassensozialarbeitende untergebracht wurde, zur Welt kam. Das Hospital ist eine Anlaufstelle für mittellose Menschen. Traditionell schien dem unehelichen Baby der Weg zurück ins Elternhaus komplett

versperrt. «Das Leben auf den Strassen ist sehr schwer, und schnell baut man Kontakte auf zu den anderen, auch zu den Jungs, die versprechen, auf einen aufzupassen», erzählt Mercy. Um für sich und ihr Kind zu sorgen, sah sie keine andere Möglichkeit als die Prostitution. Erst mit der Teilnahme an dem durch Streets Ahead durchgeführten «Club der jungen Mütter» erfuhr Mercy über die Gefahren, denen sie sich selbst und ihr Baby aussetzte. «Ich hatte zwar von Krankheiten gehört, die übertragen werden, aber ich betete, es würde mich nicht treffen, schliesslich brauchte ich das Geld.» Im Club erhielt sie dann die Möglichkeit, Nähen zu erlernen. Streets Ahead stellte ihr später eine Nähmaschine zur Verfügung und gab erstes Startkapital, um Materialien einzukaufen. Seither hat sie ihr eigenes Einkommen, ein kleines Zimmer und unterrichtet im Folgekurs weitere Strassenmädchen im Schneiderhandwerk.

aus wendekreis 6_2012

15


Kinder um jeden Preis? Die moderne Reproduktionsmedizin konfrontiert heute die Frauen immer öfter mit der Frage, ob das jeweils Machbare auch das ethisch vertretbare ist. Ein Gespräch mit dem Theologen Markus Zimmermann-Acklin. Text: Benno Bühlmann/kipa_Foto: Keystone Science Photo Library

W

ENDEKREIS: Wie aktuelle Studien zeigen, leidet heute jedes sechste Paar an Fruchtbarkeitsstörungen. Was bedeutet das für die Betroffenen? Markus Zimmermann-Acklin: Wenn ein lange gehegter Kinderwunsch nicht in Erfüllung geht, so ist das für das betroffene Paar unter Umständen mit viel Leiden verbunden. Denn eigene Kinder zu haben, gehört zweifellos zu den grossen menschlichen Urerfahrungen, die wohl in allen Kulturkreisen für Frauen wie auch für Männer von existenzieller Bedeutung ist.

Man hat den Eindruck, dass Kinderlosigkeit in der heutigen Zeit noch ein tabuisiertes Thema darstellt. Woher kommt das? Es handelt sich um ein Thema, das den Intimbereich und die Sexualität betrifft. Hinzu kommt der Umstand, dass zwei Personen daran beteiligt sind, wobei möglicherweise nur eine davon zeugungsunfähig ist. Das ist natürlich ein heikles Thema. Studien zeigen, dass die medizinischen Ursachen für Fruchtbarkeitsstörungen zu vierzig Prozent bei der Frau, zu vierzig Prozent beim Mann und im Übrigen an beiden gleichzeitig oder an unbekannten Gründen liegen. Ein wichtiger Faktor dürfte wohl auch sein, dass heute viele Mütter den Zeitpunkt des Kinderkriegens immer weiter hinausschieben? Die Verschiebung des Durchschnittsalters werdender Mütter ist in der Tat ein zentraler Bestandteil des Prob-

16

aus wendekreis 6_2012

lems: Waren im Jahr 1980 die Mütter zum Zeitpunkt der Geburt des ersten Kindes im schweizerischen Durchschnitt noch 26 Jahre alt, so waren sie 1996 bereits 30-jährig. Heute dürfte der Schnitt weit höher liegen. Angesichts der abnehmenden Fruchtbarkeit der Frau ab 35 (beim Mann ab 40 Jahren) lässt sich aufgrund dieser Verschiebung auf eine Zunahme der Fertilitätsprobleme schliessen. Zwar kann vielen Paaren durch eine gute Beratung in Bezug auf die Zeitwahl und auch durch eine hormonelle Behandlung geholfen werden, doch bleibt immer noch eine grosse Gruppe von Paaren, die trotz dieser Möglichkeiten infertil bleibt.

» Ist Kinderlosigkeit eine Krankheit, eine Behinderung oder eine Lebensbedingung wie andere auch? Immer mehr Paare machen heute Gebrauch von den fast unbegrenzten Möglichkeiten der modernen Reproduktionsmedizin. Wie zeigt sich diese Entwicklung konkret? In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat eine rasante Ausweitung der technischen Möglichkeiten stattgefunden. Das Verfahren der sogenannten In-vitro-Fertilisation (Zeugung im Reagenzglas) ist durch weitere Methoden der künstlichen Insemination, der Spermien- und

Eispende, Leihmutterschaft, ICSI (intrazytoplasmatische Spermainjektion), Embryonentransfer und Befruchtung eingefrorener Eizellen ergänzt worden. Die Eltern sind sich aber oftmals nicht bewusst, dass mit den entsprechenden Verfahren beträchtliche Risiken und auch ethische Fragen verbunden sind. Welche medizinischen Probleme ergeben sich aus der modernen Reproduktionsmedizin? Aus medizinischer Sicht liegt das grösste Problemfeld bei der wachsenden Rate der Mehrlingsschwangerschaften. Je mehr Embryonen transferiert werden, desto dramatischer steigt die Rate der Mehrlingsschwangerschaften (Zwillinge und Drillinge) an und desto grösser sind die Gefahren für Mutter und Kind. Eine besondere ethische Problematik liegt wohl darin, dass die Reproduktionsmedizin inzwischen weltweit vermarktet wird … Ja, die Globalisierung bringt eine Kommerzialisierung der Reproduktionsmedizin mit sich, welche die weltweite Ungerechtigkeit verstärkt. Ich denke da an den weltweit entstehenden Eizell- und Embryonenmarkt und die kommerziellen Angebote einer Leihmutterschaft nach dem Modell des Outsourcing-Kapitalismus. Hier ist die Frage nach der Autonomie von Frauen zu bedenken, die ihre Keimzellen verkaufen oder ihren Uterus gegen eine Gebühr zur Verfügung stellen: Wie frei werden diese Entscheidungen getroffen? Kann ernsthaft von einer Spende die Rede sein, wenn sich junge Amerikanerinnen ihr Studium mit dem Eizellhandel finanzieren? Wie stellt sich das katholische Lehramt zur Frage der künstlichen Befruchtung? Das katholische Lehramt vertritt schon seit den 1980er Jahren eine sehr rigorose Position und lehnt praktisch die gesamte moderne Reproduktionsmedizin ab.


Welche Auswirkungen hat diese radikale Ablehnung in der Praxis? Nach meiner Wahrnehmung hat die strikte Haltung des katholischen Lehramtes keinerlei Auswirkungen auf die tatsächlich bestehende Praxis der Reproduktionsmedizin – auch nicht bei katholischen Paaren. Welche Leitlinien müssten in der Gesellschaft aus Ihrer Sicht als Ethiker berücksichtigt werden? Es ist meines Erachtens sinnvoll, dass im Schweizer Recht grundsätzlich strenge Leitplanken gesetzt werden. Wichtig ist dabei das grundlegende ethische Prinzip der Wahrung der Menschenwürde. Damit verbunden ist ein Instrumentalisierungsverbot, der grundsätzliche Lebensschutz und die Fundierung der moralischen Autonomie. Insoweit menschliche Embryonen zerstört werden, was im Falle der Reproduktionsmedizin aber

nicht grundsätzlich der Fall sein muss, geht es um den moralischen Status des Embryos – das beinhaltet eine sehr weitreichende Diskussion. Ein weiteres Prinzip ist das der Wahrung des Kindeswohls. Was ist unter der Wahrung des Kindeswohls konkret zu verstehen? Insbesondere im Fall einer Leihmutterschaft, die unter Umständen noch komplizierter wird durch die Verwendung von gespendeten Eizellen und Spermienzellen, entstehen für die Kinder Probleme, insofern sie zwei biologische Mütter, einen biologischen Vater und eine soziale Mutter und einen sozialen Vater erhalten. Weiterhin verstösst es gegen das Prinzip des Kindeswohls, dass ein grosser Teil der Wunschkinder als Frühgeburten zur Welt kommen und damit unter Umständen grosses Leid in Kauf nehmen müssen.

Sie haben also Bedenken, wenn heute gelegentlich von einem «Recht auf ein eigenes Kind» die Rede ist? Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass ein solches Recht nicht zu begründen ist, bleibt zu diskutieren, wie die unfreiwillige Kinderlosigkeit einzuordnen ist: Ist sie eine Krankheit, eine Behinderung oder eine gewöhnliche Lebensbedingung wie andere auch? Hierher gehört denn auch die Debatte um Geschlechterbilder und Kinderwünsche: Schliesslich ist im Zusammenhang mit autonomen Entscheidungen, sich als Frau einer In-vitro-Fertilisation zu unterziehen, auch die Frage nach der Bedeutung eigener Kinder zu stellen. Markus Zimmermann-Acklin ist Lehrund Forschungsrat für theologische Ethik an der Universität Freiburg.

In-vitro-Fertilisation im Labor – Befruchtung einer Eizelle, sichtbar gemacht auf dem Bildschirm. aus wendekreis 6_2012

17


A

lle Menschen sind, soweit wir wissen, durch den Körper einer Frau in die Welt gekommen. Als blutige, schleimige, schreiende Neuankömmlinge sind wir ins Licht der Welt gerutscht, angewiesen auf die Sorge älterer Menschen. Jeder Mensch bleibt abhängig von der Geburt bis zum Tod. Aus der ersten Matrix (lat. Matrix / Mutterleib) werden wir nicht in die «Unabhängigkeit» entlassen, sondern in eine zweite Matrix, in die Welt aus nährendem Kosmos und menschlichem Gemeinwesen. Wer könnte darauf verzichten, dass andere für ihn oder sie Nahrung anbauen, Häuser, Strassen und Wasserleitungen bauen, Medikamente herstellen, Müll entsorgen, Geld drucken, Konten verwalten, Gesetze schreiben? Wer könnte ohne Liebe, Zuwendung und Sprache überleben? Wer ohne Luft, Wasser, Erde und Feuer? – Abhängigkeit schliesst die Freiheit zur Weltgestaltung nicht aus, bindet sie aber zurück an das, was die Philosophin Hannah Arendt in ihrem Werk Vita Activa das «Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten» nennt: «Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen …»

Die Macht der Bilder – Mutter Maria.

18

aus wendekreis 6_2012

Verdrängungen_Theologen und Philosophen haben durch die Jahrhunderte viel Mühe darauf verwendet, unser aller wirklicher Anfang und damit auch unsere Abhängigkeit zu vernebeln: Kopf-, Rippenund Schaumgeburten haben sie erfunden. Den Kindern hat man erzählt, der Storch habe sie gebracht oder sie kämen «aus der Hand des allmächtigen Vaters». Platon und Aristoteles haben die Geburt als Einschluss des reinen, unendlichen Geistes ins Körpergefängnis, in die stumme, vergängliche Materie (von griechisch: Meter / Mutter) gedeutet. Das Geborenwerden erschien vielen


Abschied von alten und neuen Mutter-Bildern Ob zu Göttinnen überhöht oder zur Materie degradiert – das Karussell der Geschlechter-Zuschreibungen hat sich um kaum etwas länger und leidenschaftlicher gedreht als um das Muttersein. Zeit für einen kreativen Bildersturm. Text: Ina Praetorius_Foto: Thomas Lingg

Dichtern und Denkern als «Diktat», der Tod dagegen als befreiende Rückkehr der Seele in ihre «höhere» Heimat. Unsere wahre Herkunft, so erzählt man uns in der Kirche noch heute, sei oben, beim Herrn im Himmel. In der europäischen Aufklärung hat man das souverän sich selbstsetzende Subjekt gepredigt: Eigentlich geboren werden Menschen demnach erst durch ihren Eintritt in die sittliche Gemeinschaft der Nation (von lat. nasci / geboren werden), so wie Christen und Christinnen erst durch die Taufe ins wirkliche Leben eintreten. Heute sprechen viele bewundernd von Menschen, die Stärke demonstrieren, die anders als die sogenannten «Schwachen», durch «eigene Leistung» ein Leben in «Unabhängigkeit» erreicht haben. Der sogenannte Self Made Man ist aber, wie der vom himmlischen Herrn in die Welt gesetzte Mensch, eine unglückliche Fiktion. Denn auch und gerade Banker, Professoren und andere Topkader sind abhängig von Leuten, die den Bodenkontakt noch nicht verloren haben: von Bauern, Müttern, Hausangestellten, Altenpf legerinnen, Müllmännern, von Leuten, die irgendwo auf der Welt Metalle aus dem Mutterboden kratzen, damit Computer Geld um die Welt kreisen lassen können.

Rückgang zu den starken Müttern_Es ist nicht erstaunlich, dass einige Frauen die symbolische Weltordnung zunächst einmal umgekehrt haben. Im Jahr 1983 erschien Gerda Weilers aufsehenerregendes Buch «Ich verwerfe im Lande die Kriege. Das verborgene Matriarchat im Alten Testament». Von der «integrierenden Kraft des Grossen Weiblichen» her liest sie monotheistische Tradition gegen den Strich und auf ihre patriarchale Vereinnahmung hin. Und sie entdeckt überall Spuren einer starken Mütterlichkeit, die

» Mütter sind weder verschlingende Hydren noch dumpf kreisende Materie. vom Patriarchat unterjocht und zum schwachen, kontrollbedürftigen Geschlecht umdefiniert worden ist. Im Jahr 2007 dann erschien Kirsten Armbrusters Buch «Starke Mütter verändern die Welt», in dem sie die Vision einer Welt entwickelt, die dem wirklichen, hiesigen Leben und einem mütterlichen sakralen Zentrum verpf lichtet ist. Über viele Jahrhunderte haben Männer sich selbst mühevoll und oft mit Gewalt zum «starken Ge-

schlecht» stilisiert. Jetzt zahlen Frauen es ihnen heim: In Wahrheit, so sagen sie, ist das weibliche Geschlecht das starke.

Zeit für einen Aufbruch_Und wenn es nun gar nicht darum ginge, zwischen starken und schwachen Geschlechtern, höheren und niederen Sphären, Helden und Hausmütterchen zu unterscheiden? Dass unzählige Mütter weltweit an oder unter der Armutsgrenze leben, hat unter anderem damit zu tun, dass man sie jahrhundertelang zum stummen Mutterboden zurecht definiert hat. Man hat ihre Arbeit nicht als Arbeit verstanden, sondern sie «Mutterliebe», «Natur der Frau» oder «unbezahlbar» genannt und folglich nicht bezahlt. Und man hat ihnen verboten, über sich, Gott und die Welt selbst zu sprechen: «In den Gemeindeversammlungen sollen die Frauen schweigen. Denn es ist ihnen nicht erlaubt zu reden, sie sollen sich vielmehr unterordnen, wie auch das Gesetz es sagt. Wenn sie aber etwas lernen wollen, sollen sie zu Hause ihre Männer fragen…» (1 Kor 14, 34f). Wenn wir jetzt also vielmehr damit anfingen, im postpatriarchalen Durcheinander neue lebensfreundliche Ordnung zu schaffen? Für wirkliche Töchter und Söhne, die manchmal stark und manchmal schwach sind? Mütter sind weder verschlingende Hydren noch dumpf kreisende Materie noch, wie Friedrich Hölderlin meinte, «allliebende Göttinnen». Auch Mütter sind Töchter von Söhnen von Söhnen von Töchtern – normale Menschen mit Bedürfnissen, Begabungen und Wünschen.

aus wendekreis 6_2012

19


Theaterprojekt der Caritas Schweiz zum Thema Genitalbeschneidung: Darstellende mit Migrationshintergrund spielen für ihre Landsleute.

Dialog auf Augenhöhe statt Opfergeschichten Präventionsarbeit gegen Genitalbeschneidung in der Migration ist ein Balanceakt – kultureller Respekt für betroffene Frauen ist Voraussetzung für ihre Wirksamkeit. Text: Paula Marty_Foto: Caritas Schweiz

20

aus wendekreis 6_2012


I

m Zuge der Migration ist das Phänomen Genitalverstümmelung auch in der Schweiz angekommen. Laut Unicef leben in der Schweiz schätzungsweise 6000 bis 7000 Mädchen, die potenziell gefährdet sind. Der unsichere Aufenthaltsstatus in der Migration verschärft das Problem. Die Heiratschancen der Mädchen sollen intakt bleiben – für den Fall, dass die Familie die Schweiz verlassen muss. Ein Grund für die Eltern, sie zur Sicherheit doch zur Beschneidung in die Herkunftsländer zu bringen – ob solche in der Schweiz stattfinden, weiss niemand so genau.

Monika Hürlimann, bis April 2012 Leiterin der Präventionsstelle der Caritas gegen Mädchenbeschneidung weiss, wie gross die Herausforderungen für beide Seiten sind. Nichts ist mehr an seinem Ort. Eigene grundlegende Wertvorstellungen werden gerade bei der Genitalbeschneidung drastisch relativiert. «Man muss hier immer wieder neu zuhören lernen, um im Sinne der Sache Massnahmen ergreifen zu können», erzählt Monika Hürlimann von den ersten Erfahrungen. Zugespitzte Opfergeschichten in den Medien rüttelten zwar eine breite Öffentlichkeit auf. Doch für die betroffenen Frauen waren diese Beiträge wenig hilfreich. «Sie haben sogar geschadet», sagt Monika Hürlimann. «Die Vorstellungen, die da in der Öffentlichkeit kursierten, kulminierten alle im Bild von der Frau, die sexuell nichts empfinden kann.» Das habe die Betroffenen, selbstbewusste und stolze Somali-Frauen oder auch Frauen aus Eritrea, zutiefst verunsichert und empört. «Sie fühlten sich stigmatisiert. Das Ritual, das in ihrer Kultur hoch bewertet ist, wurde hier zu etwas Barbarischem.» Monika Hürlimann weiss nur zu gut: «Einfache Rezepte gibt es gerade hier nicht.» Eines hat sich aber auch beim neuen Migrations-Thema Genitalbeschneidung als grundlegend erwiesen: Sensibilisierung und Auf-

klärung darf nicht an den migrantischen Gemeinschaften vorbei gemacht werden. Im Gegenteil. «Die Mitglieder der ethnischen Gruppen, Frauen, Männer, Kinder, aber auch die Autoritätspersonen sind unser eigentliches Zielpublikum. Mit ihnen müssen wir den Dialog führen – ehrlich, offen, auf Augenhöhe.»

Vermittlungsarbeit zwischen den Kulturen_Für die schwierige Übersetzungsarbeit unverzichtbar sind Frauen wie die Somalierin Hawa Duale. 1991 in die Schweiz gef lüchtet, kennt sie aus eigener Anschauung die Verhältnisse in einem Land, das für die schwere Form der Genitalbeschneidung (vgl. Box) bekannt ist. Hawa Duale ist eine Frau der ersten Stunde im Kampf gegen die Genitalbeschneidung in der Schweiz. Die ethnische Beraterin, die seit vielen Jahren als kulturelle Über-

» Warum lassen wir einen solchen Eingriff an unserem Körper zu? setzerin für das Bundesamt für Migration, für Spitäler, Schulen und Sozialeinrichtungen tätig ist, bekommt die Probleme und Befindlichkeiten der Frauen hautnah mit. Dass das Phänomen Genitalverstümmelung in der Migration zuerst im Gesundheitswesen intensiv thematisiert wurde, ist wenig verwunderlich. Hawa Duale erinnert sich noch gut, wie sie zum ersten Mal eine betroffene Frau zum Gynäkologen begleitet hat. «Für die muslimische Frau war es eine Pein, von einem Mann untersucht zu werden», erzählt Hawa Duale. «Der Arzt wiederum war völlig ahnungslos und reagierte schockiert und überfordert.» Ein Desaster. Das Handbuch für das Gesundheitspersonal, in den Anfängen der Auseinandersetzung mit Genitalverstümmelung von FGM-Expertinnen erstellt, wurde dringend gebraucht. aus wendekreis 6_2012

21


Heute hat sich einiges verändert. Man kennt das Phänomen FGM und die vielfältigen möglichen Folgen: Infektionen (u.a. HIV-Infektionen), Verletzungen benachbarter Organe, Probleme beim Wasserlösen, Blutungen. Anders als in Teilen Afrikas ist es in der Schweiz nicht die mangelnde medizinische Infrastruktur, welche die Probleme verschärft. Laut Monika Hürlimann besteht eher die Gefahr, dass beispielsweise den Schwangeren unnötig Angst gemacht wird. «Ein stark erhöhtes Risiko bei der Geburt haben nur Frauen, die Opfer der schwerwiegendsten Form der Genitalverstümmelung sind – das sind noch schätzungsweise 15 Prozent.» In der Schweiz mit ihrem hohen medizinischen Standard ist sogar dieses reduziert.

Das Verbot als Schutz und Gefahrensignal_Es ist eine Tatsache, dass die betroffenen Frauen selbst solche körperlichen Symptome nicht mit der Genitalbeschneidung in Verbindung bringen. Kann hier das gesetzliche Verbot in der Schweiz als Gefahrensignal wirken? «Ja», antwortet Monika Hürlimann. «Auch wenn es Frauen verunsichert und sie fragen: ‹Werde ich jetzt bestraft, weil ich beschnitten bin?› Das sind Fragen, die drängend sind für die Betroffenen.» Hawa Duale wiederum sagt: «Wichtig ist, dass die Frauen verstehen, worum es wirklich geht. Das kann ich ihnen jetzt klipp und klar deutlich machen: Was in eurer Kultur schön ist und mit einem Fest gefeiert wird, ist hier in der Schweiz verboten und wird bestraft. Das motiviert die Frauen, sich entschlossener auch den sehr schlimmen Seiten der Beschneidung öffnen zu können und zu begreifen: ‹Es ist mir etwas angetan worden und ich konnte nichts dagegen tun, weil mir notwendiges Wissen gefehlt hat.›» An diesem Punkt appelliert Hawa Duale an die Mütter, ihre Töchter zu schützen. Damit ihnen nicht das Gleiche passiert.

Die Rolle der Religion_Die Auseinandersetzung mit der Genitalverstümmelung führt tief in die Rollenbilder der Geschlechter: Wie Sexualität von Männern und Frauen gelebt wird, warum Kinder wichtig sind. Doch gerade hier stösst Hawa Duale auf Schritt und Tritt auf die Religion als Erklärungsmuster. «Was Gott mir gibt, das gebäre ich», zitiert sie eine Betroffene in einem Gespräch über Verhütung. Hawa Duale hat daraus die Konsequenzen gezogen. Wenn sie den Frauen klar machen will, dass die Genitalverstümmelung schädlich ist und von keiner einzigen Religion gefordert wird, setzt sie mit ihrem Beispiel ganz auf die Macht der Religion: «Schau deine Hand an! Es gibt kleine und grosse Finger. Wir lassen sie klein oder gross, so, wie sie sind. Denn Gott hat sie uns so gegeben. Warum also lassen wir Frauen einen solchen Eingriff an unserem Körper zu? Gott hat doch auch ihn geschaffen. Warum ist er denn nicht gut so, wie er ist?»

Formen der Genitalverstümmelung Bei der weiblichen Genitalverstümmelung werden innere Schamlippen und Klitoris teilweise oder ganz entfernt (Typ I und II). Im Zentrum von Typ III steht das zusätzliche Zunähen der Vagina bis auf eine winzige Öffnung.

Verboten – in der Schweiz Seit 1995 gilt die Genitalverstümmelung als grundlegende Menschenrechtsverletzung und als Gefahr für die reproduktive Gesundheit von Frauen. Sie ist seit 2011 in der Schweiz ausdrücklich verboten. Der Gesetzesartikel verlangt die strafrechtliche Verfolgung von Personen, die ein in der Schweiz wohnhaftes Mädchen im Ausland beschneiden lassen – selbst dann, wenn sie in einem Land vorgenommen wird, in dem diese Menschenrechtsverletzung gesetzlich nicht verboten ist.

Häufigkeit weiblicher Genitalverstümmelungen in Afrika In Prozent aller Frauen

BURKINA FASO

ÄGYPTEN

ERITREA DJIBOUTI

MAURETANIEN SENEGAL GAMBIA GUINEABISSAU

NIGER MALI

JEMEN SUDAN

NIGERIA

GUINEA SIERRA LEONE LIBERIA ELFENBEINKÜSTE GHANA

TSCHAD

ZENTRALAFRIK. KAMERUN REPUBLIK UGANDA

TOGO

KENIA

SOMALIA

TANSANIA

BENIN

1 bis 5 %

ÄTHIOPIEN

SAMBIA

6 bis 20 % 21 bis 40 % 41 bis 60 % 61 bis 80 % über 80 % Die Zahlen beruhen auf Schätzungen von Unicef. UNICEF – SOWC 2010 Illustration: Thomas lingg

22

aus wendekreis 6_2012


Wenn Familienplanung zum Spielball der Politik wird 2050 werden zehn Milliarden Menschen auf der Welt leben. Das rasante Wachstum der Weltbevölkerung hat die Ethnologin Shalina Randeria seit jeher motiviert, vor der politischen Instrumentalisierung der Familienplanung zu warnen. Text: Manuela Nyffenegger Foto: Robert Harding /plainpicture

S

halini Randeria, Professorin für Ethnologie an der Universität Zürich, befasst sich seit Langem mit dem Thema Bevölkerungspolitik und Familienplanung. Die Ethnologin hat sich mit ihrem genderkritischen Ansatz einen Namen als eigenständige Forscherin in einem heiklen Themengebiet gemacht. Für Randeria ist die Frage einer quantitativen Begrenzung der Bevölkerung die grundsätzlich falsche. «Es geht nicht um Zahlen», so Randeria dezidiert in einer Fernsehdiskussion. Zahlen, so die eigene Erfahrung, sind oft falsch erhoben. Und noch wichtiger – der Quantitätsaspekt ist in der Bevölkerungspolitik immer verknüpft mit der rassischen, ethnischen und religiösen Zugehörigkeit. «Zu viel sind immer die anderen», bringt es Shalina Randeria in der Sendung auf den Punkt. Wichtiger als die Zahlen, so Randerias Folgerung, sind sozio-ökonomische Fakten und die Kinderwünsche der Paare. Deshalb lautet die richtige Frage für sie: Wie leben

die Menschen in einem Land, was verbrauchen sie und wie ist der Reichtum verteilt? Solche Fragen leiten ihre Forschungen, die in einzelnen Aspekten im Folgenden kurz beleuchtet werden.

Bevölkerungspolitik als Eingriff in die Rechte der Frau_ Zunächst: Viele Staaten betreiben Bevölkerungspolitik, die einen sanfter, die andern drastischer – und mit durchaus unterschiedlichen Zielen. In Europa zum Beispiel werden die Frauen vom Staat durch allerlei Massnahmen dazu ermuntert, ihre Geburtenrate wieder anzuheben. In diversen Ländern ist der politische Druck sogar hoch, möglichst viele Kinder zu gebären. Besonders krass

» Zu viel sind immer die anderen. war dies in Rumänien unter Ceau-sescu sichtbar, wo sowohl Verhütung als auch Abtreibung bei Strafe verboten waren für alle Frauen, die weniger als fünf Kinder hatten. Auch in China und Indien gibt es neben der verbreiteten restriktiven eine geburtenfördernde Politik. In China gilt diese in Grenzregionen für ethnische Minderheiten. Und in Indien propagieren Hindu-Politiker seit einigen Jahren, viele Kinder zu haben, damit die religiöse Gruppe der Hindus neben den Muslimen nicht zur Minderheit verkomme. Meist aber wird Bevölkerungspolitik betrieben, um die Geburtenrate zu senken und die Weltbevölkerung zu stabilisieren. Shalini Randeria hat untersucht, wie die zwei bevölkerungsreichsten Länder der Welt mit

diesem Problem umgegangen sind und heute noch umgehen: China und Indien stellen mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung. Beide Staaten haben die reproduktiven Rechte der Frau – also deren Möglichkeit, über ihren Körper und ihre Fortpf lanzung selbst zu bestimmen – im Dienste eines vermeintlichen Gemeinwohls drastisch eingeschränkt. Für die Frauen dort bedeutet «Familienplanung» deshalb längst nur noch, ihre Kinderzahl tief zu halten. Und sogar dort, wo die Geburtenrate tief ist, bedeutet dies nicht automatisch, dass es den Frauen besser geht.

China – weniger Geburten, aber viele illegal Geborene_ Noch 1949 befand der damalige Herrscher Mao Tse Tung den Bevölkerungsreichtum Chinas für gut, sah darin gerade auch in wirtschaftlicher Hinsicht einen Vorteil. 1957 jedoch folgte die Kehrtwende, man war von der Notwendigkeit überzeugt, dass die Geburten reguliert werden mussten. Es folgte der Auf bau eines gigantischen bürokratischen Apparats, der sich dieses Problems annahm. 1978 wurde die Geburtenplanung unter Deng Xiaoping sogar zur Bürgerpf licht erhoben, ein Jahr später die Ein-Kind-Familie eingeführt. Die Folge waren massenhaft Abtreibungen und Zwangssterilisationen. Fortan wurden chinesische Eltern vom Staat hart bestraft, wenn sie mehr als ein Kind zeugten und zur Welt brachten. So hatte illegales Gebären zum Beispiel den Verlust der Arbeitsstelle, den Parteiausschluss und hohe Bussen zur Folge. Oft wurde auch das Haus der Familie niedergerissen. Für die illegalen Kinder bedeutete es ebenfalls eine Katastrophe: Sie waren für den Staat nicht aus wendekreis 6_2012

23


Zehn Milliarden Menschen werden im Jahr 2050 auf der Welt leben – Menschenmenge während eines Festes in Varanasi.


existent, waren sämtlicher Bürgerrechte beraubt, hatten keinen Zugang zur Schule oder zu den gesundheitlichen Einrichtungen. Sie erhielten auch später keine Wohnung und keine Arbeit beim Staat. Die Folgen dieser staatlichen Planung waren verheerend. Zwar wurden auf diese Weise zwischen 1970 und 2005 rund 300 Millionen Geburten verhindert. Gleichzeitig wurden jedoch, so Experten, rund zehn Prozent der Chinesen, also 130 Millionen Menschen, zu illegalen Einwohnern und Einwohnerinnen ohne Rechte und Ansprüche. Zudem führte die Ein-Kind-Politik faktisch zu einer Ein-Sohn-Politik. Traditionell sind in China die Söhne für die Versorgung ihrer Eltern im Alter zuständig. Da im Zuge der wirtschaftlichen Reformen nach 1979 die staatliche Altersversorgung abgebaut wurde, erhielt die Notwendigkeit, einen Sohn zu haben, neues Gewicht. Der Zwang zur Kleinfamilie führte damit zu einem enormen Geschlechterungleichgewicht: Es gibt heute in China zu wenig Frauen. Demografisch gesehen nimmt in China als Folge die Überalterung und mit ihr die Vereinsamung der Alten zu, da der Familienverband zerfällt.

Indien – riesige Unterschiede im gleichen Land_Indien verfügte als erstes Land weltweit ab 1951 über eine staatliche Bevölkerungspolitik. Setzte man zu Beginn auf Zwangssterilisationen von insgesamt etwa fünf Millionen Männern, richtete sich der Fokus ab Mitte der 1970er Jahre auf die Frauen. Das wichtigste Instrument blieben die Sterilisationen, später kamen die gratis abgegebenen Verhütungsmittel dazu. Doch die indische Geburtenregulierung ist keine Erfolgsgeschichte. Es zeigte sich, dass viele Frauen sich erst sterilisieren liessen, nachdem sie die gewünschte Anzahl Kinder schon hatten. Und obwohl die amtlichen Bücher viele Abgaben von Verhütungsmitteln registrierten, sank die Geburtenrate nicht ent-

scheidend. Viele Frauen nahmen die Medikamente nicht. Die interventionistische staatliche Geburtenplanung Indiens steht wie in China ganz im Zeichen der Bürokratie. Die Regierung legt jährlich die Sollzahlen für jeden indischen Bundesstaat

» Die Senkung der Geburtenrate in Kerala kann auch als unbeabsichtigte Folge einer guten Sozialpolitik gewertet werden. fest und bestimmt, welche Instrumente in jedem Dorf zu deren Erreichung eingesetzt werden sollen. Damit die Frauen sich sterilisieren lassen, werden sie mit Geld und Naturalien geködert. Auf Behördenseite werden die Mitarbeiter mit Geldprämien oder Lohneinbussen auf Kurs gebracht. Dieser enorme Druck führt zu stark verfälschten Statistiken. Säuglinge werden nicht registriert. Dass es auch anders geht, hat Randeria am Beispiel des südindischen Bundesstaats Kerala nachweisen können. Dort wurde innerhalb von 20 Jahren die Geburtenrate ohne jeglichen Zwang unter jene von China gesenkt. Die Bildung und die Lebenserwartung sind höher als in China, zudem gibt es keinen Frauenmangel. Was hat Kerala besser gemacht? Verschiedene Faktoren haben dazu beigetragen. In Kerala gilt das matrilineare Erbrecht und der Status der Frau ist traditionell hoch. Mädchen haben gute Bildungschancen und heiraten wegen der längeren Schulzeit später. Die Senkung der Geburtenrate in Kerala kann also laut Randeria auch als unbeabsichtigte Folge einer guten Sozialpolitik gewertet werden.

nach dem man verschiedene geburtenhemmende Zutaten mischen und dann auf den Rückgang des Bevölkerungswachstums hoffen könne. Zu gross seien die regionalen Unterschiede hinsichtlich der historischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen. Randeria kommt deshalb zum Schluss, dass Faktoren wie tiefe Säuglingssterblichkeit, gute Gesundheitsfürsorge, hohes Bildungsniveau, ökonomische Sicherheit, hoher Status der Frau, soziale Gerechtigkeit und politische Mitspracherechte – die alle so oder so erstrebenswert sind – zu einer niedrigen Geburtenrate beitragen können. Es gibt aber keine Garantie, dass sie es tun. Manuela Nyffenegger ist Redaktorin der Neuen Zürcher Zeitung.

Studien von Shalini Randeria zum Thema Staat, Gender und Bevölkerungspolitik: Indien und China im Vergleich. In: Sozialwissenschaftliche Studien des Schweizerischen Instituts für Auslandforschung, Band 34, 2006. Die sozio-ökonomische Einbettung reproduktiver Rechte: Frauen und Bevölkerungspolitik in Indien. In: Feministische Studien; Mai 1995. «Das Wunder Kerala – eine Erfolgsgeschichte indischer Bevölkerungspolitik?» In: Wichterich, Christa (Hg.), Menschen nach Mass: Bevölkerungspolitik in Nord und Süd., Göttingen.

Es gibt kein Rezept_Doch Randeria relativiert diese Ergebnisse mit Nachdruck. Es gebe kein Rezept, aus wendekreis 6_2012

25


«Sterben ist nicht das Schlimmste»

In Nairobi haben Jumera Bule, ihre Tochter und ihr Sohn Zuflucht gefunden.

Das ostafrikanische Kenia gilt als sicherer Hafen für Flüchtlinge aus der Region, die Konf likten in ihren Heimatländern zu entkommen suchen. Flüchtlingsmütter finden hier Zuf lucht, aber keine Perspektive für sich und ihre Kinder. Ein Bericht aus der Hauptstadt Nairobi.

Text und Fotos: Anja Bengelstorff

26

aus wendekreis 7_2012

V

or sieben Jahren war Jumera Mohamed Bule noch eine durchschnittliche 17-jährige Gymnasiastin in Äthiopien, voller grosser und kleiner Zukunftsträume. Heute ist sie Witwe, hat zwei kleine Kinder, und die tägliche Sorge, wie sie sich und die Kleinen ernähren soll, hat sich in ihr Gesicht eingegraben. Nach dem Mord an ihrem Onkel und der Verhaftung des Vaters f loh die Familie aus der Region Ogaden, die für ihre Unabhängigkeit kämpft, ins Nachbarland Kenia. In Nairobi haben Jumera Bule, ihre Tochter und ihr Sohn Zuf lucht gefunden. Wirklich angekommen sind sie nicht. Vor allem Frauen und Kinder leiden unter dem fragilen Flüchtlingsdasein.


Nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) ist Kenia das afrikanische Land mit den meisten Flüchtlingen. Wenn auch die stärkste Wirtschaftsmacht Ostafrikas, ist Kenia doch ein Entwicklungsland. Trotzdem wird Kenias Flüchtlingspolitik von Experten allgemein als «gastfreundlich» beschrieben. Im Januar 2012 hatten hier knapp 603 000 Flüchtlinge und Asylsuchende vor den Konf likten in der Region Zuf lucht gefunden, davon 86 Prozent Somalis. Etwa drei Viertel aller Flüchtlinge leben in Dadaab, dem grössten Flüchtlingslager der Welt im trockenen Nordosten Kenias. In den Lagern werden die Vertriebenen kostenlos medizinisch versorgt, untergebracht und ernährt, doch ist ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Zurzeit leben 53 000 Flüchtlinge in Nairobi, wo sie sich durch schlecht bezahlte Gelegenheitsjobs, die immaterielle Unterstützung von Hilfsorganisationen und den Beistand von Landsleuten über Wasser halten. Das Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge unterstützt sie durch den Zugang zu Kliniken und Ausbildungsprogrammen und hilft bei der Ausstattung von Grundschulen, die Flüchtlingskinder besuchen.

Im Stadtteil Eastleigh_An einem sonnigen Montagmorgen kommt Jumera Bule in eine Nachbarschaftsklinik im vernachlässigten, von vielen Flüchtlingen bewohnten Stadtteil Eastleigh in Nairobi, der als Geschäftszentrum der somalischen Diaspora gilt. Hier stehen die Strassen nach jedem Regen unter Wasser. Der Wind bläst weggeworfene Plastiktüten vor die Füsse der Vorbeigehenden, die dem Abfall auszuweichen versuchen und mit den f liegenden Händlern um Platz auf den Gehsteigen vor verglasten Einkaufszentren ringen. Die Klinik, in einer staubigen Seitenstrasse gelegen und gemeinsam betrieben vom UNHCR, der Stadtverwaltung und einer deutschen Organisation, bietet sowohl

Flüchtlingen als auch Kenianern und Kenianerinnen für umgerechnet 20 Rappen pro Besuch eine medizinische Grundversorgung an. Kinder bis fünf Jahre werden kostenlos behandelt. Schwangere können auf Kosten der Klinikbetreiber in öffentlichen Krankenhäusern gebären. Dort kamen auch Jumera Bules Kinder auf die Welt. Ihre Aufmerksamkeit gilt an diesem Morgen jedoch nur ihrem kranken, 18 Monate alten Sohn und dem Medikament, das er braucht, das in der Klinik aber nicht vorrätig ist. Die 53 Rappen, um es in der Apotheke gleich gegenüber

» Flüchtlingsfrauen halten diese Perspektivlosigkeit nur wegen ihrer Kinder aus.

kaufen zu können, hat sie nicht. «Hier gibt es oft keine Medikamente», klagt die Mutter. Jeder Tag sei ein Kampf ums Überleben. «An manchen Tagen koche oder wasche ich für andere Leute. Wir leben in einem Zimmer bei einer anderen Flüchtlingsfrau, aber sie will jetzt, dass wir ausziehen. Es ist schwer, einen winzigen Raum mit Fremden zu teilen. Ich habe kein Geld, weder für Essen noch für Medikamente.» Wieder zu heiraten, will sie sich nicht vorstellen. Eine Zukunft für ihre Kinder sei die wichtigste Aufgabe in ihrem Leben, sagt sie. «Ein anderer Mann könnte Probleme damit haben, dass die Kinder nicht seine eigenen sind.»

Im Flüchtlingsselbsthilfeprojekt NARAP_«Es ist nicht einfach, potenziellen Geldgebern urbane Hilfsprogramme für Flüchtlinge zu verkaufen», sagt Emmanuel Nyabera vom UNHCR in Nairobi. Die Versorgung von Flüchtlingen in Lagern ist übersichtlicher als in Städten, wo sie verstreut unter der Bevölkerung des

Gastlandes leben und es schwer haben, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Doch das blanke Überleben ist nur ein Aspekt im Leben eines Flüchtlings. «Eigentlich bin ich schon tot», ist der erste Satz der 45jährigen Flüchtlingsfrau Celestine (Name geändert) aus Ruanda, die 1995 wegen des Bürgerkriegs in ihrer Heimat nach Kenia kam. «Ich bin noch hier, weil ich nicht weiss, wohin ich gehen soll. Flüchtlingsfrauen halten diese Perspektivlosigkeit nur wegen ihrer Kinder aus.» Sie lebt zusammen mit ihrem Sohn und ihrer Tochter, beide im Teenageralter, in einem einzigen Raum in einem Gästehaus, das vom Flüchtlingsselbsthilfeprojekt NARAP betrieben wird. Flüchtlingsfrauen aus der Region, aus Burundi, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo haben hier mit ihren Kindern Zuf lucht gefunden, aber auch gefährdete Kenianerinnen sind hier zu Hause. Das Zusammenleben ist nicht immer einfach. Die Kinder besuchen kenianische Schulen. Am meisten leide sie unter der Tatsache, dass sie ihren Kindern keine Zukunft bieten könne, sagt die Mutter. «Ich kann nicht zurück in meine Heimat – aus Angst. Und ich habe kein Geld, ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen.»

Auswandern in die USA_«Als Flüchtling sind deine Chancen begrenzt», fasst Faustine Berwa zusammen. Auch sie bat darum, ihren Namen in diesem Artikel zu ändern. Die 27-Jährige lebt in Nairobi, seit sie mit ihrer Familie im Alter von elf Jahren aus Burundi floh. Inzwischen ist sie Mutterersatz für ihre beiden jüngeren Brüder, nachdem ihr Vater nach Burundi zurückging und ihre Mutter an Aids starb. Aus dem Wenigen, das die reservierte junge Frau von ihrem Innenleben preisgibt, sticht die Sorge um ihre Brüder heraus. Faustine Berwa hat bei NARAP einen Computerkurs absolviert und lässt sich zurzeit in Business Management ausbilden. Sie würde am aus wendekreis 7_2012

27


Patientinnen vor der Klinik des UNHCR in Nairobi.

liebsten noch einen Universitätsabschluss machen, aber sie hat kein Geld. Was ihr 19-jähriger Bruder mit seinem Leben anfangen will, weiss sie nicht. Beim Antworten dreht sie den Kopf zur Seite. Gespräche sind nicht ihre Stärke. «Zurück in Burundi würde ich mich nicht sicher fühlen», sagt sie. «Ich würde gern auswandern, aber das UNHCR hat meinen Antrag abgelehnt.» Während auch viele Millionen Nicht-Flüchtlinge nicht nur in Afrika mit der Tatsache leben müssen, dass ihre Zukunftsprognosen düster sind, ist die Angst vor Vergeltung oder Verfolgung der Grund für viele Flüchtlinge in Kenia, sich um eine Umsiedlung vor allem in die USA, nach Australien oder Kanada zu bewerben. Priorität geniessen laut UNHCR die Schutzbedürftigsten sowie junge, ausgebildete Leute, die im Ausland studieren und arbeiten und von

28

aus wendekreis 7_2012

dort aus ihre Familien versorgen können. Seit 2007 sind aus Kenia im Durchschnitt jährlich 8400 Flüchtlinge umgesiedelt worden. «Sterben ist nicht das Schlimmste», versichert Celestine aus Ruanda, «Gott wird meinen Kindern helfen.»

Schwerpunkt Müttergesundheit Die Senkung der weltweiten Müttersterblichkeit und der allgemeine Zugang zu reproduktiver Gesundheit bilden eines der acht Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. Immer noch sterben jedes Jahr mehrere Hunderttausend Frauen an Komplikationen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt, und nach wie vor haben viele Menschen keinen oder schlechten Zugang zu Information, Gesundheitseinrichtungen und weiteren Dienstleistungen im Zusammenhang mit reproduktiver Gesundheit.


Zankapfel Familienplanung Das Recht auf reproduktive Gesundheit soll auf den Philippinen gesetzlich verankert werden. Von kirchlicher Seite regt sich heftiger Widerstand. Text: Johanna Schiessl_Fotos: Michael Reckordt, Philippinenbüro Essen

A

uf den Philippinen tobt seit Jahren die Auseinandersetzung zwischen Gegnern und Befürwortern eines Gesetzes zur Reproduktiven Gesundheit, auf Englisch Reproductive Health Bill, kurz RH-Bill genannt. Es handelt sich hierbei um eine philippinische Umsetzung des Aktionsplanes, der 1994 auf der UN-Weltbevölkerungskonferenz in Kairo verabschiedet wurde und auf folgender Definition aufbaut: Reproduktive Gesundheit beinhaltet: • dass Menschen ein befriedigendes und gesundheitlich ungefährliches Sexualleben haben können und die Freiheit zu entscheiden, ob, wann und wie oft sie sich fortpf lanzen. • dass sie das Recht auf Information haben und Zugang zu sicheren, effektiven, erschwinglichen und akzeptablen Methoden der Familienplanung ihrer Wahl. • dass sie Recht auf Zugang zu geeigneten Dienstleistungen der Gesundheitsversorgung haben, die es Frauen ermöglichen, eine sichere Schwangerschaft zu erleben und Paaren die bestmögliche Chance bieten, ein gesundes Kind zu bekommen. Im Kontext der katholisch geprägten philippinischen Gesellschaft bietet diese Definition von reproduktiver Gesundheit, die auf der persönlichen Wahl- und Informationsfreiheit von Frauen und Männern auf baut, tatsächlich einigen ideologischen Zündstoff. Da die philippinische Verfassung das Leben von Mutter und Kind von der Empfängnis an schützt, geht es in der Aus-

Katholisch sein und reproduktive Gesundheit unterstützen: demonstrierte Widerspruchslosigkeit.

aus wendekreis 8/9_2012

29


einandersetzung mittlerweile verstärkt um die Definition des Lebensbeginns und von Leben überhaupt. Kein Wunder, dass sich inzwischen Gegnerschaft und Befürwortende nicht nur gegenseitig beschuldigen oder lächerlich machen, sondern sogar anfangen, einander mit Exkommunikation beziehungsweise Kriminalisierung zu drohen.

Johanna Schiessl ist Theologin und war mit der Bethlehem Mission Immensee bis Ende Januar 2013 im Apostolischen Vikariat Bontoc-Lagawe auf den Philippinen im Einsatz. Zu ihren Aufgabenbereichen gehörten unter anderem die Stärkung von Basisgemeinden, die Weiterbildung der pastoralen Mitarbeitenden sowie die Prävention von häuslicher Gewalt und Kindesmissbrauch.

Heisses Eisen_Die aktuelle Debatte ist bereits der vierte Anlauf, das Anliegen «reproduktive Gesundheit auf den Philippinen» in eine Gesetzesvorlage zu fassen und zu verabschieden. Seit 1998 scheiterten alle Versuche am Widerstand der Gegnerschaft inklusive der Präsidenten, die entweder gegen das Gesetz waren oder sich scheuten, dieses «heisse Eisen» während ihrer Amtszeit anzufassen. Viele Filipinos und Filipinas hoffen allerdings, dass die RHBill unter der derzeitigen Regierung die parlamentarischen Hürden überwindet. Mit gutem Grund. Denn der jetzige Präsident Noynoy Aquino, bekennender Katholik, outete sich als Befürworter und scheute sich auch nicht, die Position der Amtskirche kritisch zu hinterfragen. Deren Standpunkt ist eindeutig: «No to RH-Bill!». Obwohl auf den Philippinen Abtreibung verboten bleibt und in der RH-Bill nicht zur Debatte steht, behauptet die Kirche, dass das Gesetz nicht nur künstliche Verhütungsmittel, sondern letztendlich Abtreibung legalisiere und dass es, im Widerspruch zur Verfassung, die Heiligkeit menschlichen Lebens von der Empfängnis an nicht respektiere und schütze. Weiter kritisiert die Kirche, dass die Gesetzesvorlage das Recht der Eltern auf die ganzheitliche Erziehung ihrer Kinder untergrabe. Sie bezweifelt, dass es eine direkte Verbindung zwischen Bevölkerungsdichte und Armut gibt, und betont, dass jedes Gewissen, bei allem Respekt für die Gewissensfreiheit des Einzelnen, der entsprechenden Führung bedarf. 30

aus wendekreis 8/9_2012

Rigide Haltung _In den Philippinen besteht kein Zweifel, dass die Kirche als moralische Instanz das Recht hat, ihren Standpunkt in die öffentliche Diskussion einzubringen. Auch in diesem Fall werden ihre durchaus ernst zu nehmenden Einwände gehört und in den Gesetzesvorlagen berücksichtigt. Mit ihrer Kompromisslosigkeit jedoch scheint sich die Amtskirche selbst ins Abseits gestellt zu haben, indem sie den Befürwortenden der RH-Bill implizit unterstellt, nicht «pro-life», für das Leben, zu sein. Damit blockiert sie nicht nur politische Verhandlungen, sondern auch jeglichen innerkirchlichen Dialog. Kein Wunder, dass viele gegen diese rigide Haltung

» In der Auseinandersetzung geht es mittlerweile verstärkt um die Definition des Lebensbeginns und von Leben überhaupt. protestieren und auf die auch für Katholikinnen und Katholiken akzeptablen Ansätze in der RH-Bill verweisen: Die Befürwortenden unterstützen das Gesetz, weil es ihrer Ansicht nach gerade Leben schützt und das Wohlergehen besonders von Frauen und Kindern fördert. Sie stellen fest, dass es weder für Abtreibung, noch gegen das Leben, gegen die Armen oder frauenfeindlich ist, sondern die vielen ungewollten und ungeplanten Schwangerschaften verhindern kann, die die Hauptursache illegaler Abtreibungen sind. Sie betonen, dass es im Gesetz auch um die dringend notwendige Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung rund um Schwangerschaft und Geburt geht, was die immer noch sehr hohe Müttersterblichkeitsrate senken würde – auf den Philippinen sterben immer noch je-

den Tag zehn Frauen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt. Die Fürsprechenden begrüssen auch, dass der Staat als Beitrag zur Armutsbekämpfung finanzielle Mittel bereitstellen will, armen Paaren Zugang zu erschwinglichen und sicheren Methoden der Familienplanung zu gewährleisten. Sie sehen auch die Notwendigkeit einer Sexualerziehung in der Schule, weil das Ideal der elterlichen Auf klärung in der Realität kaum existiert und Jugendliche wenig Interesse haben, mit ihren Eltern über ihre Sexualität zu reden. In meinen eigenen Gesprächen mit Müttern wird immer wieder deutlich, dass die meisten nicht mehr als drei oder vier Kinder wollen. Die Frauen akzeptieren zwar den moralischen Standpunkt der katholischen Kirche, verhalten sich aber in ihrer eigenen Familienplanung eher pragmatisch, wenden verschiedenste Methoden der Empfängnisverhütung an und versuchen, die Anzahl ihrer Geburten zu steuern. Sie sprechen nicht viel darüber, sondern handeln entsprechend ihrem Gewissen. Die philippinische Gesellschaft ist gespalten und die katholische Amtskirche entfernt sich zunehmend von einem Teil ihrer Mitglieder. Sie befindet sich an einem Scheideweg und wäre gut beraten, sich nicht in diesem Kulturkampf zu verzetteln. Vielleicht sollte sie sich mehr auf Familienarbeit konzentrieren oder auf die Männer. Denn es ist offensichtlich, dass die von der Kirche propagierte natürliche Familienplanung wenig Wirkung zeigt; nur 0,2 Prozent der Frauen praktizieren natürliche Familienplanung und viele geben auf, weil sie von ihren Partnern nicht unterstützt werden. Vielleicht sollte die Amtskirche überhaupt mehr auf die Erfahrungen und Bedürfnisse der Frauen schauen und sich ein realistisches Bild von ihrer Lebenssituation machen.


Ungeborenes Leben zu töten ist unchristlich: Gegner der RH-Bill setzen Verhütung mit Abtreibung gleich.

Das waren die Veranstaltungen 2012 zum BMI-Fokus «Müttergesundheit» im RomeroHaus Luzern Bistro Mondial Gesundheit in Sambia Mit Miriam von Borcke, BMI-Koordinatorin in Sambia, Politologin, und Beatrice Bürge, Koordination Afrika BMI, Gesundheitsfachfrau. Dienstag, 28. August 2012, 18 Uhr.

Foto-Ausstellung Stille Heldinnen – Afrikas Grossmütter im Kampf gegen HIV/Aids Von Christoph Gödan. Ausstellungseröffnung am 31. August 2012 um 19 Uhr mit Stefan Hofmann, Vor-

stand Kwa Wazee Schweiz, und Maya Tissafi, Stellvertretende Direktorin der DEZA. In Kooperation mit dem Verein Kwa Wazee Schweiz. Freitag, 31. August, bis Sonntag, 30. September 2012.

Gesprächsrunde Mythos Mutterschaft Frauen, Gesundheit und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung in der Entwicklungszusammenarbeit. Gespräch mit Katrin Heeskens, Gesundheitswissenschaftlerin, bis Ende 2011 Gesundheitskoordinatorin der

Diözese Isiolo, Kenia; Andreas Loebell, Focal Point Gesundheit der DEZA; Odilo Noti, katholischer Theologe; Helena Zweifel, Geschäftsführerin des Netzwerkes Medicus Mundi Schweiz; Moderation: Röbi Koller, TV-Moderator, Buchautor. In Kooperation mit dem Netzwerk Medicus Mundi Schweiz. Mittwoch, 12. September 2012, 19.30 Uhr. www.romerohaus.ch.

aus wendekreis 8/9_2012

31


Sexuelle Gesundheit – ein Bereich mit vielen Tabus Der medizinische Fortschritt hat unsere Erfahrung von Sexualität, Schwangerschaft und Geburt verändert. Neue Technologien führen regelmässig zu ethischen Kontroversen. Interview: Paula Marty_Fotos: Keystone

W

ENDEKREIS: Yvonne Gilli, Sie sind seit Kurzem Präsidentin von «Sexuelle Gesundheit Schweiz», der Dachorganisation der Beratungsstellen für sexuelle Gesundheit und Familienplanung. Was steckt hinter dem Begriff sexuelle Gesundheit? Yvonne Gilli: Gesundheit bedeutet hier ganz grundlegend Förderung und Schutz sexueller Identität. Sexuelle Identität ist Teil unserer Person. Mit dem Eintritt in die Pubertät beginnt jeder und jede von uns, Sexualität bewusst zu leben. Jeder und jede entwickelt dabei eine Identität, die körperlich, aber auch in unserem Verhalten zu anderen auf ganz eigene Art zum Ausdruck kommt. Das ist oft ein schwieriger, konf liktreicher Prozess, der auch die Gesellschaft herausfordert.

Was sprechen Sie hier an? Sexuelle Gesundheit ist ein Bereich, der mit enormen Tabus belegt ist, Stichwort Homosexualität. Geschätzt leben fünf bis zehn Prozent der Menschen in der Schweiz homosexuelle Kontakte. Es ist also kein gesellschaftliches Randphänomen. In jeder Schulklasse gibt es im Durchschnitt ein bis zwei homosexuelle Menschen. Die Gefahr, stigmatisiert zu werden, ist hier immer noch gross. Das macht es für Jugendliche nicht leichter, ihre Identität zu finden – auch heute. Das Gleiche gilt übrigens auch für ein anderes Kernthema sexueller Gesundheit, den Umgang mit sexuell übertragbaren Krankheiten wie HIV,

32

aus wendekreis 10_2012

Aids oder Hepatitis B. Auch das ist heute nicht mehr das Problem einer exotischen Minderheit, sondern aller Menschen, die sexuell aktiv sind – gerade in der globalen Welt. Und das ist die Mehrheit der Menschen. «Sexuelle Gesundheit Schweiz» hat hier die Aufgabe, diese Veränderungen zu erkennen, ihre Ursachen zu ref lektieren, die Ergebnisse in der Gesellschaft zu diskutieren und zu beobachten, was sich daraus entwickelt. Braucht es wirklich ein Recht auf sexuelle Gesundheit, wie in der UNOMenschenrechtskonvention verankert – geht es bei unserer Sexualität nicht eher um Privates, um persönliche Entscheidungen? Wenn es um gesellschaftliche Rahmenbedingungen geht, eignen sich subjektive Wertvorstellungen nicht. Es braucht zuerst einen gemeinsamen Boden. Wir alle wollen gesund sein und gesund bleiben. Das ist ein menschliches Grundbedürfnis. Das Recht auf sexuelle Gesundheit stützt sich u.a. darauf und formuliert von hier gesellschaftliche Verpf lichtungen. Auf dieser Basis können wir uns mit unseren unterschiedlichen Wertvorstellungen begegnen. Bei sensiblen Gruppen wie Jugendlichen und Kindern ist das besonders wichtig. Ausgerechnet die flächendeckende schulische Sexualerziehung hat bereits im Vorfeld einen heftigen Proteststurm in rechtskonservativen und evangelikalen Kreisen entfacht. Warum diese Ablehnung?

Das hat auch mit Missverständnissen zu tun. Es geht in dem Projekt darum, Sexualerziehung als Teil des Lehrplans fest in der Schule zu verankern. Und zwar auf allen Stufen. In der Hitze des Gefechts kam es auch auf der Befürworterseite zu Fehleinschätzungen – wie ich zugeben muss. Sie sprechen das Programm für Kinder ab sechs Jahren an, wo u.a. gegenseitige Berührungen an Geschlechtsteilen als Teil der Sexualkunde im Kindergarten vorgesehen waren? Ja. Ich teile in diesem Punkt die Kritik der Gegnerinnen und Gegner. Da hat man Grenzen überschritten. Ein solcher Vorschlag wäre allenfalls legitim, wenn der Unterricht von einer Fachperson erteilt würde. Ansonsten empfinde ich ihn als unsensibel und unnötig. Die Kinder machen entsprechende Erfahrungen automatisch in ihrem Rahmen. Ein wichtiger Bereich der sexuellen Gesundheit ist die Müttergesundheit. Wie bewerten Sie grundsätzlich die medizinische Versorgung hier in der Schweiz heute? Zuerst einmal: Die Gesundheit der Frau in ihrer reproduktiven Phase steht und fällt mit einer guten medizinischen Versorgung während Schwangerschaft und Geburt. Es ist die Aufgabe der öffentlichen Hand, diese Dienstleistungen anzubieten und den Zugang aller zu sichern. Dass die Geburt für die Frauen in der Schweiz heute kein Gesundheitsrisiko mehr darstellt, ist noch


Umstrittene Sexualkunde in der Schule: In Basel haben Eltern an den Unterrichtsmaterialien in der sogenannten «Sex Box» Anstoss genommen.

gar nicht so lange selbstverständlich. Für die Grosseltern meiner Generation war es das noch nicht. Und für viele Frauen im Süden ist es auch heute noch nicht so. Heute schlägt das Pendel dank der modernen Reproduktionstechnologien eher in die Gegenrichtung. Expertinnen kritisieren, weibliche Reproduktivität werde immer stärker der Medizin untergeordnet und warnen vor den Folgen eines fortschreitenden laufenden Autonomieverlustes der Frauen. Teilen Sie diese Ansicht?

Ja. In der Schweiz neigen wir heute eher dazu, Schwangerschaft und Geburt zu pathologisieren und zu ökonomisieren. Das geht Hand in Hand. Schwangerschaft und Geburt, beides eigentlich normale, wenn auch existenziell wichtige Ereignisse für die betroffenen Frauen, mobilisiert heute selbst bei völlig unauffälligem Verlauf eine Vielzahl medizinischer Angebote. Bei Schwangeren sind Vor- und Risikountersuchungen aller Art (pränatale Diagnostik) heute fast selbstverständlich. Schwangerschaft und Geburt werden zuneh-

mend zu etwas, das eher von drohenden Risiken als von guter Hoffnung geprägt ist. Vor welche neuen Erfahrungen werden Frauen und Paare im Zuge solcher neuer Technologien gestellt? Es geht um Entfremdungserfahrungen, deren Folgen meiner Meinung nach unterschätzt werden. Eine Geburt ist eine hochsensible Interaktion. Ein Kaiserschnitt, mit dem man der Frau, auch wenn er nicht medizinisch indiziert ist, die Beschwerden der Geburt erleichtern will, ist aus wendekreis 10_2012

33


heute an der Tagesordnung. Ein Kind erlebt den Anfang der Beziehung zur Mutter aber ganz anders, wenn diese nicht mehr die Chance hat, das Selbstvertrauen aufzubauen, das Kind auf natürliche Weise auf die Welt zu bringen. Damit setzen wir neue intergenerationelle Traumata für beide in die Welt. Wie beraten Sie Paare, die mit ihrem unerfüllten Kinderwunsch in Ihre Praxis kommen und Hilfe suchen? Nach den Basisabklärungen spreche ich zwei Dinge an, bevor ich das Paar an das entsprechende Zentrum weiterverweise: dessen Kinderwunsch und die Wirkungen einer künstlichen Befruchtung auf das Kind. In der assistierten Fortpflanzung wird in der Regel einzig vom Kinderwunsch gesprochen. Die Folgen für die Biografie des Kindes, an dessen Anfang die Zeugung in der Retorte stand, ist ein absolutes Tabu. Noch nie hat denn auch ein Paar in meiner Beratung diesen Faden aufgenommen. Das ist schon sehr eindrücklich. Wie interpretieren Sie dieses Schweigen? Auch das ist Resultat einer Entfremdung. Es gehört zur Kultur der Machbarkeit. Mit der assistierten Fortpf lanzung sind wir in sie eingetreten. Hier gelten offenbar vorwiegend selbstgezogene Grenzen. Der Kontext bleibt draussen – vielleicht würde er uns ja mit so etwas wie Verzicht konfrontieren. Diese Tendenz kommt meiner Meinung nach darin zum Ausdruck, wie wir heute unsere Kinder begleiten, wenn sie krank sind. Sie erleben das als Ärztin in der Praxis? Ja. Heute bringt man Kinder mit 39 Grad Fieber in der Regel sofort in die Arztpraxis. Die sogenannte Grossmutterregel, dass ein Kind erst nach drei Tagen Fieber zum Arzt muss, hat ausgedient. Es gibt kein instinktives Wissen mehr, was eine komplikationslose akute Infektion ist. Die meisten Eltern geben ihren Kindern bei

34

aus wendekreis 10_2012

Fieber sofort Fieberzäpfchen. Als Kinder haben wir alle erlebt, wie schnell wir von sprühender Gesundheit in tiefste Bedürftigkeit kippen können. Das hilft später, mit vergleichbaren Gefühlen im Erwachsenenleben umzugehen. Werden solche Attacken sofort medikamentös unterdrückt, wird ein fiebriges Kind beispielsweise mit Ponstan in den Kindergarten geschickt, bleibt es allein mit der trotzdem veränderten Körperwahrnehmung. Aber ja, es muss dann nicht mehr umsorgt werden.

» Sexuelle Gesundheit lässt sich nur erlangen und erhalten, wenn die sexuellen Rechte aller Menschen geachtet, geschützt und erfüllt werden. (WHO)

Yvonne Gilli

Kontrovers diskutiert werden auch die Möglichkeiten der Präimplantationsdiagnostik (PID). Der Bundesrat hat einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der PID unter den Bedingungen schwerer Erbkrankheiten erlaubt. «Sexuelle Gesundheit Schweiz» wird in Kürze dazu Position beziehen. Ich persönlich stehe aus pragmatischen Gründen dem Vorschlag des Bundesrates positiv gegenüber. Assistierte Fortpflanzung ist eine Tatsache – ob man sie gut findet oder nicht. Ausschlaggebend ist, wie die Gesellschaft damit umgeht. Die Regelung, wie sie der Bundesrat vorsieht, ist sehr restriktiv. Sie beschränkt sich auf Paare mit einer schweren Erbkrankheit, die dazu eine assistierte Fortpflanzung brauchen. Bereits heute werden ja in der pränatalen Diagnostik natürlich gezeugte Embryonen von Trägerinnen und Trägern einer schweren Erbkrankheit getestet. Gegnerinnen und Gegner von PID verweisen indes auf einen wichtigen Unterschied. PID betrifft nicht einen natürlichen, sondern von Anfang an einen künstlich initiierten Vorgang zur Herstellung menschlichen Lebens. Sie sprechen hier von Selektion und warnen davor, das bisherige Verbot zu überschreiten, an dessen Ende das berühmte Designerbaby stehen könnte. Die Gefahr besteht zweifellos. Ich glaube aber nicht, dass mit dem Gesetzesentwurf des Bundesrates so etwas möglich wird. Es ist ein hochsensibler Prozess. Auch wir Politikerinnen und Politiker stehen mittendrin. Nicht wir werden bestimmen, wohin die Reise geht. Es wird wie gesagt Aufgabe der Gesellschaft sein, die die Grenzen zu bestimmen hat. Worin liegt ethisch-medizinisch betrachtet denn die Problematik trotz der Einschränkung auf schwere Erbkrankheiten? Kein Arzt kann vorhersagen, wie schwer die Ausprägung einer Erbkrankheit bei einem Kind sein wird.


Sowohl in der pränatalen Diagnostik wie bei der Präimplantationsdiagnostik gibt es diese charakteristische Unschärfe. Was ist eine schwere Behinderung? Diese Frage können wir Ärzte bei solchen Erbkrankheiten, deren Ausprägung von Fall zu Fall sehr unterschiedlich sein kann, den Eltern im Vorfeld nicht beantworten. Können Sie das an einem Beispiel erklären? Ein Beispiel dafür ist die Trisomie 21. Sie steht bekanntermassen auf der Liste der Erbkrankheiten, die den Schwangerschaftsabbruch erlaubt. Ich betreue ein Kind mit Down-Syndrom in meiner Praxis. Es kann weder sprechen noch sich normal fortbewegen, noch Wasser lassen. Mit Trisomie 21 zu leben heisst für dieses Kind, schwerstbehindert zu sein. In einem anderen Fall fragte mich eine Frau mit demselben Syndrom: «Warum nennt man mich behindert? Was ist das eigentlich? Warum bin ich anders als die andern?» Diese Frau arbeitet in einer geschützten Werkstätte, wohnt in einer WG, geht joggen etc. Offensichtlich eine ganz andere Ausprägung der gleichen Diagnose. Das ist die Krux. Hier stossen wir an Grenzen, die uns häufig gar nicht bewusst sind. Im Zentrum steht die individuelle Entscheidung der Eltern? Ja. Und dies völlig zu recht. Die Gesellschaft kann bis zu einem gewissen Grad Grenzen festlegen: keine Designerbabys, keine Selektion nach Geschlecht. Dann aber stossen wir in einen Raum vor, in dem die betroffene Frau oder ein Paar allein entscheiden muss – als Ärztin kann ich eigentlich nichts anderes mehr tun, als sie umfassend zu informieren und sie in ihrem Entscheidungsprozess sorgfältig zu begleiten. Trisomie 21 steht aktuell im Fokus der Öffentlichkeit wegen eines neuen Bluttests, mit der Behinderung diagnostisiert werden kann. Was ist Ihre Position hier?

Positiv am neuen Bluttest ist, dass er das Kind nicht gefährdet. Bis anhin gab es nur die Möglichkeit, durch eine Punktion des Fruchtwassers oder des Mutterkuchens das Erbgut des Kindes zu bestimmen. Dieser Eingriff birgt die Gefahr einer Fehlgeburt, auch wenn das Kind gesund ist. Da einzig für die Trisomie 21 diese Testmöglichkeit besteht, bekommt diese Behinderung plötzlich eine spezielle Bedeutung. Sie steht stellvertretend für alle Behinderungen. Es gibt aber weitere Erbgutveränderungen mit teils schwerwiegender Behinderung, die häufiger sind. Zudem ist es verlockend, sich schnell einem gefahrlosen Bluttest zu unterziehen, um ein gesundes Kind bestätigt zu haben. Auch die Konsequenzen, die sich aus diesem Test konkret für die Schwangerschaft ergeben, können so leicht verdrängt werden. Es wird immer die Möglichkeit bestehen, Eltern eines behinderten Kindes zu werden. Auch dieser Test hat seine Grenzen und wird in einem bestimmten Prozentsatz falsche Resultate liefern. Auch dieser Test wird unsere gesellschaftliche Wertung weiter in diese eine Richtung verschieben: Alles ist machbar, auch gesunde Kinder. Allein das birgt Gefahren, unter anderem die Stigmatisierung Behinderter und ihrer Eltern. Hier braucht es sehr klare Positionen: Behinderte Menschen sind willkommen. Von ihnen lernen und erfahren wir existenzielle Werte. Sie und ihre Eltern können auf solidarische Unterstützung auch in Zukunft zählen, ohne Wenn und Aber.

Chancengleichheit in der Gesundheit Menschen haben in der Schweiz wie international völlig unterschiedliche Chancen, gesund zu sein und zu bleiben. Eine Migrationsbiografie, verbunden mit sozialer Benachteiligung, kann die Gesundheitschancen beeinträchtigen. Von Fachpersonen im Sozial- und Gesundheitswesen wird darum immer mehr transkulturelle Kompetenz gefordert. Das Schweizerische Rote Kreuz hat einen Sammelband zu dieser Thematik herausgegeben. Transkulturelle Public Health – Ein Weg zur Chancengleichheit, Seismo-Verlag, Fr. 38.–.

Yvonne Gilli ist Ärztin und Nationalrätin. Sexuelle Gesundheit Schweiz ist die gesamtschweizerische Dachorganisation der Beratungsstellen für sexuelle Gesundheit in Beratung und Bildung und ist parteipolitisch und professionell unabhängig (www.sexuelle-gesundheit.ch).

aus wendekreis 10_2012

35


Die Rettung von Mildred und Mapenzi

Mildred (links) und ihre Mutter Sarah mit Mapenzi, drei Monate nach dem Aufenthalt im Ernährungszentrum.

Die Pf legefachfrau Renate Gisler begleitet in Sambia für die Bethlehem Mission Immensee freiwillige Hilfspf legende für Aids-Patientinnen und -Patienten. Sie schildert eine eindrückliche Geschichte aus ihrem Einsatz. Text: Renate Gisler_Foto: bethlehem-mission.ch

36

aus wendekreis 11_2012

M

ildreds Lebensweg ist typisch für Frauen im ländlichen Sambia: Im Alter von 29 Jahren hat sie bereits sechs Kinder und lebt zusammen mit ihrem Ehemann, seiner ersten Frau und deren vier Kindern in einem kleinen Dorf. Alle Elternteile und mehrere Kinder sind HIV-positiv: ein häufiges Bild in einem Land, in dem fast 20 Prozent der Bevölkerung mit dem HI-Virus infiziert sind. In den Gesundheitsstationen auf dem Land fehlt es sowohl an qualifiziertem Personal als auch an


Medikamenten und Material. In vielen Stationen gibt es nicht mal ein Blutdruckmessgerät.

Im Einsatz gegen die HIV-Pandemie_Ich koordiniere das Home Based Care-Programm. Das ist ein Spitexdienst für HIV/Aids-Patienten. Zu meinen Aufgaben gehört die Ausbildung der «Care-Givers», das sind freiwillige Pflegerinnen und Pfleger, die sich in ihren Dörfern um schwerkranke und sterbende Patientinnen und Patienten kümmern. 62 Home Base Care-Projekte wurden in den 1990er-Jahren von der Erzdiözese von Lusaka aufgebaut als Antwort auf die HIV/Aids-Pandemie. Von den «Care-Givers» werde ich informiert, dass sich eine Patientin in schlechtem Zustand befinde. Erst als wir bei Mildred eintreffen, erfahre ich, dass sie auch ein Neugeborenes hat. Mein Mitarbeiter Charles übersetzt, während ich die Wöchnerin untersuche. Sie ist mit einem HIVTest einverstanden; er ist positiv, wie ich befürchtet habe. Ausserdem ist Mildred in höchstem Grade blutarm, mager und hustet ständig. Die Geburt hat sie noch schwächer gemacht. Da sie keine Milch hat, um ihr Kind zu stillen, versucht sie, das Neugeborene mit gestampften und eingeweichten Erdnüssen zu ernähren. Der Kleine ist mit 1,5 Kilogramm deutlich untergewichtig, dehydriert und hat einen Nabelinfekt. Sein Name lautet Mapenzi, was soviel wie «Leiden» bedeutet. Mapenzi äussert zwar kräftig seinen Lebenswillen, aber trotzdem ist mir klar, dass weder die Frau noch das Baby in dieser Situation eine Überlebenschance haben.

Vorzugsbehandlungen für «Muzungus»_Meine Gedanken wirbeln durcheinander: Ist es überhaupt sinnvoll, Hilfe anzubieten – und welche? Wie stehen die Chancen für Mutter und Kind? Und: Wo bringe ich die beiden hin? Denn in vielen Spitälern habe ich keine guten Er-

fahrungen gemacht, und eine private Klinik kommt aus finanziellen Gründen nicht in Frage. Das Ernährungszentrum des St. Luke Missionsspitals in Mpanshya wäre die Lösung. Also rufe ich Christine Seelhofer an, die dort für die Bethlehem Mission Immensee tätig ist. Sie sagt mir sofort ihre volle Unterstützung zu. Ich spreche auch eindringlich mit Mildreds Familie, um genau herauszufinden, was die Eltern für Mildred wollen und ob sie bereit sind, mitzuhelfen. Es ist auch wichtig, dass sie genau verstehen, dass Mildreds Überlebenschancen sehr begrenzt sind. Am nächsten Tag bringe ich sie und Mapenzi in die Kara-Counselling-Clinic nach Lusaka: Dort besteht am ehesten die Möglichkeit, dass ein Arzt anwesend ist und dass Labor-resultate in kurzer Zeit verfügbar sind. Ich nutze meinen Status als «Muzungu», als Weisse, um die Wartezeit zu verkürzen und eine Vorzugsbehandlung zu erhalten. Der Arzt bestätigt die Dringlichkeit der Hospitalisation für beide Patienten.

chen, um sie zu untersuchen, die Babymilch zu bringen und vor allem, um von ihrem Leben zu hören. Ich spreche mit Mildred auch direkt und offen über Familienplanung und erkläre ihr eindringlich, wie wichtig der Gebrauch von Kondomen ist – und dass sie zurzeit eine weitere Schwangerschaft verhüten soll. Unsere grösste Freude war, dass der HIVTest bei Mapenzi negativ ausfiel. Mildreds Geschichte ist eine typische für Frauen im ländlichen Sambia. Im Gegensatz zu vielen Frauen hatte aber Mildred eine Chance, und sie hat sie wahrgenommen. Dank ihrer Bereitschaft und der Unterstützung ihrer Familie ist es gelungen, ihr Leben und das ihres Kindes zu erhalten.

Mapenzi bekommt Infusionen, Antibiotika und antiretrovirale Medikamente und macht nach ein paar Rückfällen schöne Fortschritte, so dass er bei seiner Entlassung sechs Wochen später stolze drei Kilo auf die Waage bringt. Mildred erholt sich ebenfalls gut. Sie wird gründlich untersucht und bekommt auch antiretrovirale Medikamente, dazu genaue Instruktionen, wie sie diese für sich und das Kind handhaben soll und wie die Ernährung des Babys mit künstlicher Milch genau funktioniert. Bei ihrer Entlassung wiegt sie acht Kilogramm mehr als zuvor, sie hat mehr Kraft und Lebensfreude. Mildreds Nachbarn, Freunde und Bekannte sind erstaunt und erfreut, als sie vom Krankenhaus zurückkehrt; viele haben geglaubt, sie würde sterben.

Rettung geglückt_Nun sehe ich Mildred und Mapenzi alle vier Woaus wendekreis 11_2012

37


Frauen und sexuelle Gesundheit in der Entwicklungszusammenarbeit Müttergesundheit ist ein Thema nicht nur mit medizinischen, sondern auch gesellschaftlichen und politischen Dimensionen. Moderator Röbi Koller führte im September 2012 im RomeroHaus durch eine Podiumsdiskussion mit hochkarätigen Fachpersonen.

Text: Sylvie Eigenmann_Foto: bethlehem-mission.ch

«99

Prozent der Mütter, die vor, während oder nach einer Geburt sterben, leben in Entwicklungsländern.» Andreas Loebell vom Fokus Gesundheit der DEZA brachte anlässlich der Podiumsdiskussion unter dem Titel «Mythos Mutterschaft – Frauen, Gesundheit und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung in der Entwicklungszusammenarbeit» eine weltweite Problematik auf den Punkt. Die Müttersterblichkeit bis 2015 um drei Viertel zu senken, gehört denn auch zu den Millenniumszielen der Vereinten Nationen. Aber gerade dieser Bereich habe in den letzten Jahren in der gesamten Entwicklungszusammenarbeit am wenigsten Fortschritte gemacht, betonte Gesprächsleiter und BMI-Botschafter Röbi Koller.

dann muss ich zwölf Kinder kriegen, dass acht überleben und ich im Alter versorgt werde», rechnete Katrin Heeskens vor. Mutterschaft sei in traditionellen Kulturen deswegen weniger eine Frage der Entscheidung oder des Rechts. Geburten seien dort besonders wegen des abgeschiedenen Lebensstils gefährlich, den traditionell lebende

Tradition und Moderne im Konflikt_Eine, die das Leben von

Gruppen pf legen: Im Falle von Komplikationen bei der Geburt ist der Weg in die Kliniken oft zu weit, oder Transportmöglichkeiten fehlen. Darum müssen in den Bemühungen, die Müttersterblichkeit zu senken, kulturelle Eigenheiten beachtet werden: «Die Schwiegermütter bestimmen in Isiolo, wo ihre Schwiegertöchter gebären», so Katrin Heeskens. Darum sei es wichtig, hier frühzeitig das Gespräch mit ihnen und auch den Heb-

Müttern im Süden aus eigener Erfahrung kennt, ist Katrin Heeskens; sie lebte während eines Einsatzes als Gesundheitskoordinatorin für die Bethlehem Mission Immensee mit ihrer Familie drei Jahre lang in Isiolo, Kenia. Fragen der selbstbestimmten Mutterschaft könnten sich die Frauen dort kaum stellen: «Wenn ich kein Renten- und Sozialsystem habe,

38

aus wendekreis 12/1_2012/13

» Man will die Mädchen möglichst früh verheiraten, statt sie zu stärken, indem man sie beispielsweise länger zur Schule gehen lässt.

ammen zu suchen, um die schwangeren Frauen zur Geburt in der Stadt bringen zu können.

Bildung und Jugend_Helena Zweifel, Geschäftsführerin des Netzwerkes Medicus Mundi Schweiz, betonte den Einf luss des Bildungsgrades auf die Kinderzahl: Wenn Kinder nicht mehr als Altersversicherung, sondern als potenzieller Kostenfaktor wahrgenommen würden – etwa weil man ihnen eine gute Ausbildung bieten wolle – senke sich die Geburtenrate. Mädchen mit einer besseren Ausbildung wiederum, so Katrin Heeskens, hätten im Alter eher andere Chancen, sich zu versorgen und würden weniger Kinder zur Welt bringen. Zudem steige mit einer besseren Bildung das Wissen der jungen Frauen um Vorgänge in Sexualität und Fortpf lanzung, so dass frühe Schwangerschaften seltener vorkämen. Auch für Andreas Loebell haben die Jugendlichen eine Schlüsselrolle inne: «Es hat noch nie in der Menschheitsgeschichte so viele Jugendliche gegeben – gerade in Entwicklungsländern – die in das sexuell aktive Alter kommen.» Wenn es gelinge, ihre Rechte, vor allem die reproduktiven, zu stärken, dann könne sehr viel erreicht werden. Zentral ist für


RÜbi Koller (Mitte) im Gespräch mit Odilo Noti, Katrin Heeskens, Helena Zweifel und Andreas Loebell (v.l.n.r.).

aus wendekreis 12/1_2012/13

39


Loebell, Jugendlichen einen Zugang zu Gesundheitsdiensten zu verschaffen, die ihren Bedürfnissen entsprechen.

Machtverhältnisse_Mitzubedenken sind für Helena Zweifel ausserdem die in der jeweiligen Gesellschaft herrschenden Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Denn diese sind oft dafür verantwortlich, dass viele Mädchen in Ländern des Südens keine lange Bildung geniessen können: «Man will die Mädchen möglichst früh verheiraten, statt sie zu stärken, indem man sie beispielsweise länger zur Schule gehen lässt. Dann ist es nicht mehr die Sorge des Vaters, ob sie wohlauf sind, sondern die Sorge des Ehemannes.» Darum müsse man bei den Geschlechter- und Machtverhältnissen ansetzen und Frauen und Mädchen auch ökonomisch stärken. Und auch die Männer müssten einbezogen, ein Prozess des Umdenkens eingeleitet werden. In die Vorstellungen von Männlichkeit und männlichem Verhalten sollten neue Wertemuster einf liessen, in dem sich die Männer verantwortlich für ihre Kinder und die Gesundheit ihrer Sexualpartnerinnen fühlen.

Die Rolle der Kirche_Um die Verantwortung für seine Sexualpartnerinnen und -partner aber wahrnehmen zu können, müssen gewisse Bedingungen geschaffen sein; beispielsweise der Zugang zu Verhütungsmitteln, die auch gegen Infektionen schützen. Hier spielt auch der konservative, offizielle Standpunkt der katholischen Kirche zur Empfängnisverhütung eine Rolle. Ein Vertreter der kirchlichen Hierarchie hatte nicht für die Teilnahme am Podium gewonnen werden können. Nach Einschätzung des katholischen Theologen Odilo Noti war es besonders die Enzyklika «Humanae Vitae» von 1968, die die Empfängnisverhütung ablehnt, die zur heutigen Haltung der katholischen Kirche beigetragen hat. Gleichzeitig er40

aus wendekreis 12/1_2012/13

ahnte Noti für die Kirchen des Südens einen gewissen praktischen Spielraum: «Die afrikanischen Kirchenführer haben nicht die Last jahrhundertelanger Tradition und nicht die Last päpstlicher Lehrkontinuität auf sich; da hätten sie die Chance, pragmatischer zu sein, beispielsweise zu sagen, wir propagieren Kondome zwar nicht, aber wir verbieten sie auch nicht.» Ob das konservative Denken in Fragen wie Homosexualität, Empfängnisverhütung und Abtreibung aber immer mit dem Katholizismus zu tun habe oder nicht auch mit gegebenen kulturellen Strukturen, ist gemäss Odilo Noti schwer abzuschätzen.

Rechte kennen und wahrnehmen_Der Zugang zu Bildung und zu Arbeit auch für Frauen, die Verbesserung medizinischer Infrastrukturen, die Arbeit mit Geschlechterund Machtverhältnissen und die Haltung lokaler Religionsvertreter tragen also massgeblich zur Frauenund Müttergesundheit in Ländern des Südens bei. All das aber, so waren sich die Referierenden einig, wird erst richtig fruchtbar, wenn die Menschen um ihre Rechte wissen und diese auch wahrnehmen: das Recht auf Gesundheit, das Recht auf Bildung. Katrin Heeskens berichtete aus eigener Erfahrung, dass Menschen das Wissen um ihre Grundrechte oder auch die Gesetzeslage oft fehlt: «Dass die Mädchenbeschneidung in Kenia seit 2001 verboten ist, wissen dort viele Menschen nicht; das Grundrecht der Kinder, in die Schule zu gehen, kennen viele nicht.» Hier würde in Schulungen gezielt angesetzt. Die Gewährleistung reproduktiver Gesundheit im Süden bleibt eine vielschichtige Aufgabe.

Sendung«mitenand»zum Themenschwerpunkt Die Sendung «mitenand» von 2012 widmete sich dem Themenschwerpunkt der Bethlehem Mission Immensee und fokussierte auf häusliche Gewalt gegen Frauen in Ecuador. «Viele Frauen glauben, schlecht behandelt zu werden, sei normal. Wir sprechen mit ihnen darüber, wie sie ihr Selbstwertgefühl erhöhen können. Der Funke springt dann auch auf ihre Freundinnen über. So können wir vielen Menschen helfen», so Ergotherapeutin Manuela Ruiz, die seit August 2011 mit der BMI in Quito im Einsatz ist. Die Sendung «mitenand» wurde auf SF am Sonntag, 23. Dezember 2012, 19.20 Uhr, ausgestrahlt.


Vertrauen als Schlüssel zur Selbstermächtigung Wie können die Lebensperspektiven von Müttern und Kindern im globalen Süden verbessert werden? Das Gesundheitsnetzwerk medicus mundi lud am 6. November 2012 zum Erfahrungsaustausch unter Fachleuten im Bereich Gesundheit und Entwicklung. Text: Paula Marty_Foto: Marcel Kaufmann

D

ie Ausgangsproblematik an der gut besuchten Tagung war klar. Die schwedische Kommunikationsspezialistin Anne Svensén umriss sie zu Beginn kurz: Trotz substanzieller Fortschritte bei der Mütter- und Kindersterblichkeit sterben weltweit immer noch Tausende von Müttern und Kindern vor, während oder nach der Geburt – die überwiegende Mehrheit in den Ländern des globalen Südens (vgl. Box S. 37). Die Frage stand im Raum: Was macht die Umsetzung der Millenniumsziele vier und fünf in bestimmten Regionen der Welt bis heute so schwierig?

Rechte als Basis_In ihrem Eingangsreferat betonte Svensén angesichts der Herausforderungen aber auch die Errungenschaften bei den globalen Rahmenbedingungen. Seit der Kairoer Konferenz zur Bevölkerung und Entwicklung von 1994 seien reproduktive und sexuelle Gesundheit und Rechte miteinander verknüpft. Dieser von der Staatengemeinschaft hart erarbeitete Konsens müsse gegen politische wie religiöse Strömungen verteidigt werden, die heute das Rad wieder zurückdrehen wollten.

Schwierige Ausgangslage_Dass der Fokus vieler der präsentierten Entwicklungsprojekte auf ländlichen Gebieten auf der südlichen Halbkugel lag, ist wenig erstaunlich. In diesen oft abgelegenen Regionen «beginnt das Ende der Infrastruktur», brachte es die Gesundheitswissenschafterin Katrin Heeskens, ehemalige Fachperson der Bethlehem Mission Immensee, auf den Punkt. Was das bedeutet, wurde nach den vielen Referaten glasklar: Ob im Grenzgebiet zwischen Ecuador und Kolumbien, in der nördlichen Halbwüste Kenias, in Bangladesch oder Laos – für Schwangere, Gebärende und Neugeborene ballen sich hier die Risiken. Hier gilt: Je

abgelegener, desto eher fehlt es in solchen Regionen immer noch an Gesundheitsversorgung und Geburtseinrichtungen. Gleichzeitig ist die Kinderzahl pro Frau überdurchschnittliche hoch. Ein oft lebensgefährlicher Mix.

Was tun?_Entwicklung der Infrastruktur und Verbesserung bei den medizinischen Dienstleistungen sind das eine. Ebenso wichtig ist in den ländlichen Regionen die Sensibilität für den sozialen und kulturellen Kontext: die Beziehung zwischen den Geschlechtern, Ernährungsgewohnheiten oder kulturelle Vorstellungen über Schwangerschaft, Krankheit und Geburt. Die genaue Kenntnis dieser Voraussetzungen sei ein wesentlicher Faktor für den Erfolg eines Projektes, führte die Gesundheitsexpertin des Schweizerisches Tropen- und Public Health-Instituts, Adrienne Martin Hilber, aus. Lokales Wissen nutzen_Um etwas über die konkreten Lebensbedingungen vor Ort zu erfahren, genügen Datenerhebungen allein nicht. Ebenso wichtig ist der Einbezug des lokalen Wissens der Menschen in den Gemeinden. Letzteres schafft das Bindeglied zwischen Kundin und Gesundheitsangebot. «Zu oft fehlt die Kommunikation», sagte Agnès Adjou-Moumouni von der Deza in Benin. «Frauen, Männer, Kinder kennen die Verhältnisse in ihrem Dorf genau – wir können es uns nicht leisten, auf dieses Wissen zu verzichten», so Agnès Adjou-Moumouni. Man habe beispielsweise gelernt, dass lebenswichtige medizinische Dienstleistungen bei der Geburt gratis sein müssten, so Adjou-Moumouni.

» Das Pflegepersonal vor Ort stärken heisst die Frauen stärken. Vertrauen als Schlüssel_Ohne soziale Strategien keine nachhaltigen Verbesserungen. Sie schaffen Vertrauen. Und das ist, so Michael Hobbins von SolidarMed Schweiz, die Basis, dass Frauen ihr Verhalten ändern. Dass Hochschwangere das Wartehaus nutzen, um das Risiko eines Notfalls zu minimieren, etc. Ohne Vertrauen liefen auch materielle Anreiz ins Leere. Treffen in einer Region unterschiedliche Kulturen aufeinander, ist dieser Prozess noch anspruchsvoller. Interkulturelle Kompetenz ist die Basis der Arbeit der Gesundheitsorganisation Rios in Sucumbía im Grenzgebiet zwischen Ecuador und Kolumbien. Der Anteil der indigenen Bevölkerung ist hier gross. Die Frauen gebären meist zuhause, begleitet von den traditionellen Geburtshelferinnen. «Probleme oder gar der Tod bei einer Geburt werden in der indigenen Gesellschaft auf das Wirken von Schamanen zurückgeführt», so Nathalie López von Rios Ecuador. Die Organisation aus wendekreis 2_2013

41


Frauen und Mütter mit ihren Kindern warten im Sagana Health Center in Nairobi, Kenia, auf eine medizinische Behandlung.

arbeitet mit einem westlichen und einem indigenen Gesundheitsmodell. Sie nimmt traditionelle Geburtspraktiken ernst und arbeitet eng mit traditionellen Geburtshelferinnen zusammen.

Hebammen als Zugangspforten_Die besondere Bedeutung von traditionellen Geburtsbegleiterinnen wurde immer wieder kontrovers diskutiert. Judith Eisenring von der Organisation medico international nannte das ortsansässige Pf legepersonal, sei dies nun westlich oder traditionell ausgebildet, die eigentliche «Zugangspforte» zu den schwangeren Frauen in den abgelegenen Regionen. Das Pf legepersonal stärken heisst die Frauen stärken. Als Beispiel dafür führte Eisenring die Schaffung von sogenannten Hebammenhäusern. Hier habe beides Platz: die Betreuung von Schwangeren und Müttern und der Austausch der Pf legenden untereinander. 42

aus wendekreis 2_2013

Mutter-Kind-Gesundheit Zahlen und Fakten • Die jährliche Mutter-Kind-Sterblichkeit ist in den letzten 20 Jahren um 47 Prozent gefallen. Starben 1990 noch 543 000 Mütter bei der Geburt, waren es 2010 noch 287 000. • Müttersterblichkeit ist ein Phänomen der Länder südlich der Sahara und der Länder in Südasien. Das Risiko einer Frau aus Afrika, während ihres Lebens an einer Schwangerschaft zu sterben, ist hundertmal höher als das einer Frau in den Industrieländern. • 40 Prozent der Kindersterblichkeit ereignet sich während des ersten Lebensmonats. Die meisten Fälle wären vermeidbar durch richtige Nahrung und Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen vor, während und unmittelbar nach der Geburt. • Unterernährung ist ein Hauptgrund der Kindersterblichkeit. Quelle: Countdown to 2015 Report 2015 / erschienen 2012


«Eine der wunderbarsten Aufgaben, die das Leben bereitstellt» Runa Patel erzählt vom anspruchsvollen Alltag der Hebammen in Sambia und Tansania: Sie kennt ihn aus eigener Erfahrung. Text: Runa Patel_Foto: bethlehem-mission.ch

D

ie Hebamme – die Person, die eine Frau während der Schwangerschaft, Geburt und im Wochenbett unterstützt – hat wohl eine der wunderbarsten Aufgaben, die das Leben bereitstellt. Seit 2008 bin ich selbst Hebamme; ich absolvierte die entsprechende Weiterbildung in Sambia, nachdem ich mich in Deutschland zur Krankenschwester hatte ausbilden lassen. Der Wunsch, Schwangere und Gebärende zu betreuen, war in mir während meines dreijährigen Einsatzes mit der Bethlehem Mission Immensee gereift, während dem ich in einem Missionsspital in Mpanshya, Sambia, arbeitete.

In Afrika hat sich die Familienplanung vielerorts noch nicht etabliert. Kinderreichtum ist gewollt und angesehen, täglich ereignen sich viele Geburten. Die Hebamme hat, bis es so weit ist, wichtige Aufgaben inne. Während der Schwangerschaftsberatung, die sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt hat, berät sie etwa über Malaria-Prophylaxe und Anzeichen von Komplikationen; ausserdem geht es um Themen wie Hygiene, sauberes Trinkwasser, Ernährung während der Schwangerschaft, Verhütungsmethoden und HIV-Vorbeugung. Aber auch das Organisatorische rund um eine Geburt wird mit der Schwangeren besprochen: Wie kann sich die Frau organisieren, dass sie, wenn die Wehen einsetzen, das Spital oder die Klinik rechtzeitig erreicht? Allerdings sind die Anweisungen und Ratschläge, die ihnen gegeben werden, für viele Frauen eher unverständlich und im Alltag kaum umsetzbar. Da wird über die Wichtigkeit einer eisenreichen Diät gesprochen, aber viele können sich die speziellen Nahrungsmittel, wie etwa rote Bete oder Hühnerleber, nicht leisten. Das Moskitonetz zum Schutz gegen Malaria wird als Netz zum Fischen missbraucht und das eventuell erhaltene eiweissreiche Sojapulver muss für die gesamte Familie herhalten.

Problemfaktor Abgelegenheit_Eine Schwangere sollte viermal in die Klinik zur Beratung kommen, nicht

nur zur Beratung, sondern auch, um Medikamente gegen Würmer, zur Vorbeugung von Malaria, Blutarmut und Wundstarrkrampf-Impfung zu bekommen. Des Weiteren werden sie von den Hebammen untersucht und das Wohlsein des ungeborenen Kindes wird überprüft. Bei Abweichungen von normalen Bedingungen werden die Frauen dann in das Spital überwiesen, zum Schutz ihrer Gesundheit und des ungeborenen Kindes. Leider schaffen es nur wenige Frauen regelmässig zur Beratung. Vor allem in ländlichen Regionen sind die Kliniken nur mit einem langen Fussmarsch, oft bei Regen oder extremer Hitze, zu erreichen. Wenn die Frauen nicht regelmässig in aufeinanderfolgenden Monaten zur Beratung kommen, wirkt sich das auf ihre Gesundheit und Schwangerschaft aus: Bestimmte Medikamente können nur in zeitlich vorgegebenen Intervallen gegeben werden und werden so verpasst. Einige Komplikationen müssen früh entdeckt werden, damit rechtzeitig gehandelt werden kann. Wenn die Frauen dann mit Geburtsschmerzen ins Spital eintreten, wird f leissig notiert, wie oft die Frau zur Beratung kam. Die Hebamme fragt dann nach, warum die Frau nur ein- oder zweimal zur Schwangerschaftsberatung gekommen ist. Konsequenzen haben die Antworten nicht, denn auch die Hebamme ist gegen Erklärungen

» Da wird über die Wichtigkeit einer eisenreichen Diät gesprochen, aber viele können sich die speziellen Nahrungsmittel nicht leisten. wie «Ich musste unsere Felder bewirtschaften» / «die Kinder versorgen» / «meinen kranken Onkel pf legen» oder «Der sintf lutartige Regen hatte uns von der Klinik abgetrennt» machtlos.

Problemfaktor Kosten_Noch immer sind es in den Dörfern die traditionellen Geburtshelferinnen, die ihr Wissen von der Mutter Natur und aus Erfahrungen erworben haben. Sie besuchen die Schwangeren und helfen bei der Geburt. Heutzutage sollen allerdings alle Schwangeren zur Entbindung in medizinische Einrichtungen gehen. Aber oft ist die Klinik zu weit weg, die Brücke über den Fluss weggespült, Kinder wären alleine zuhause und die Tante, die zu Besuch kam, kann nicht allein gelassen werden und dann wird das Kind zuhause im Dorf geboren. Ein anderer Grund für tansanische Frauen, das Spital nicht aufzusuchen, ist auch, dass sie es sich nicht leisten können. In Tansania muss jeder medizinische Service aus wendekreis 3_2013

43


Runa Patel untersucht die 26-jährige Shija Saamame an der «Reproductive Child Health Klinik» in Lugala, Tansania.

mit Geld bezahlt werden. In den ländlichen Gebieten leben die meisten Menschen von der Landwirtschaft. Wenn es eine gute Ernte gab, kann sich die Frau im Spital behandeln lassen oder dort gebären. Fiel die Ernte schlecht aus, kann sie sich die Kosten für eine medizinische Behandlung nicht leisten.

Problemfaktor Abwanderung_Dabei sind vor allem auch die Hebammen sehr gut ausgebildet. Einige von ihnen, die in Kliniken arbeiten, sind sogar qualifiziert einen Kaiserschnitt, um das Leben der Frau und des Kindes zu retten, durchzuführen. Allerdings gehen auch viele ausgebildete Hebammen ins Ausland, um dort zu arbeiten; in Sambia wie in Tansania gibt es nicht genügend von ihnen. Ich selbst arbeitete fast zehn Jahre in Sambia und bin jetzt als Krankenschwester, Hebamme und Praxisanleiterin für Krankenpf legeschüler/innen in Tansania tätig.

44

aus wendekreis 3_2013

Dort arbeite ich als Kliniklehrerin an der Lugala School of Nursing, die an das Lugala Lutheran Hospital angeschlossen ist. Ich bin zuständig für die praktische Ausbildung der Krankenpf legeschüler/innen, die einen Teil ihrer klinischen Praktika in der Schwangerschaftsberatung und im Gebärsaal absolvieren. Ich bin Hebamme mit Leib und Seele. So will ich meinen Schülerinnen und Schülern nebst theoretischem Wissen vor allem ein Gefühl für die Hingabe an ihren Beruf vermitteln, ein Bewusstsein für Verantwortung und eine Sensibilisierung dafür, dass jede Patientin ein Individuum ist und ihre eigenen Bedürfnisse in der Betreuung hat. Das weiss ich aus eigener Erfahrung: Meine eigenen beiden Kinder habe ich in einer Privatklinik in Sambia zur Welt gebracht. Auch hier gab es einmal Probleme – meine Betreuerin liess mich so lange allein, dass sie meine Geburt beinahe als Hebamme im Dienst verpasst hätte – aber letztlich ist alles gut gegangen.


«Ich will kein Macho mehr sein, wie kann ich das anstellen?» Das Thema Müttergesundheit geht nicht nur Frauen etwas an. In Kolumbien machen sich Männer auf den Weg zu einem neuen Selbstverständnis. Text: Hildegard Willer_Foto: Klug Repnik / bethlehem-mission.ch

J

osé (Name geändert) liegt mit dem Rücken auf dem Boden, sein Oberkörper ist nackt, die Augen verbunden. Rechts und links knien je ein Junge und ein Mädchen und massieren die Arme und den Körper des Jugendlichen mit duftendem Öl. Nach einiger Zeit fragen sie ihn, wer von den beiden besser massiert hat. Erst danach darf José die Augenbinde abnehmen. Die Überraschung ist gross, gemischt mit Scham: Die Massage des Jungen hat ihm besser gefallen. Mit offenen Augen hätte José dies nie gesagt. Er wächst auf in einem Land, in dem die grösste Angst eines Mannes ist, für schwul gehalten zu werden. José ist Kolumbianer und wohnt in einem Armenviertel der Hauptstadt Bogotá. «Genau hier setzt das Lernen an, dass Mann-Sein viel weniger festgelegt ist, als es die Gesellschaft vorschreibt, dass man ein Mann sein kann, ohne ein Macho zu sein», sagt Javier Omar Ruiz. Er leitet den Workshop über «Männlichkeit» für Jugendliche im Randquartier Rincón de Lago in Bogotá. Mittels Körpermalerei, Biodanza und Atemübungen lernen auch hartgesottene Youngsters einen neuen Zugang zu ihren Gefühlen kennen. Und dass dies nichts Falsches oder Unmännliches ist. Der 62-jährige Javier Omar Ruiz ist selber «auf der Strasse alt geworden». Nicht dass er selbst Strassenkind war, sondern weil der studierte Pädagoge seit gut dreissig Jahren auf der Gasse mit Jugendlichen und anderen verletzbaren Gruppen arbeitet. In der peruanischen Hauptstadt Lima hat er acht Jahre lang im Hafenviertel in der HIV-Prävention gearbeitet, in Bogotá im städtischen Programm für Obdachlose. Der hagere kleine Mann mit der lichte gewordenen Stirn und der Nickelbrille ist ein Pionier in der Arbeit mit Männern in Kolumbien. «Unsere erste Zusammenkunft unter Männern hatten wir unter Kollegen in der Gassenarbeit. Viele von uns waren gerade Vater geworden, und wir redeten über unser Vater-Sein», erzählt Javier Omar über die Anfänge vor fast zwanzig Jahren. Seine Tochter war gerade geboren worden, und er nahm sich vor, ein anderer Vater zu sein als die meisten Kolumbianer. Anders hiess in dem Fall: in der Familie keine Gewalt anzu-

wenden, sich nicht zu betrinken und den Kindern gegenüber Zärtlichkeit und Gefühle zu zeigen. Nach und nach schälte sich eine Kerngruppe von 15 Männern heraus, die sich regelmässig trafen. Um Sätze zu hinterfragen, die für viele kolumbianische Männer die Richtschnur darstellen: «Ein richtiger Mann weint nicht»; «Ein richtiger Mann hilft nicht im Haushalt» oder «Ein richtiger Mann muss auch zeigen, dass er der Mann ist».

Machismo und Feminizid_Alle lateinamerikanischen Länder kennen den Machismo als kulturelle Ausprägung mehr oder minder. Im Fall Kolumbien kommt dazu eine fünfzigjährige Geschichte politischer Gewalt,

» In diesem Land ist die grösste Angst eines Mannes, für schwul gehalten zu werden. die den Alltag entweder sehr direkt – z.B. durch Flucht und Vertreibung – oder subtil zeichnet. Das merkt man an Sprüchen wie «Ein richtiger Mann diskutiert nicht, er streitet». Verhandeln wird bereits als Schwäche ausgelegt. Oder auch daran, dass sich der vorige Präsident Uribe vor vier Jahren erlauben konnte, zu seinem politischen Gegner zu sagen: «Ich schlag dich nieder, Schwuchtel!» («Te voy a dar en la cara, marica»), ohne dass dies politische Konsequenzen gehabt hätte. Der angestaute Schmerz im Leben der kolumbianischen Männer ist immens, aber «im Gegensatz zu den Frauen haben wir Männer keinen Raum, wo wir unseren Schmerz rauslassen können», kommentiert Javier Omar Ruiz. Der eingekapselte Schmerz der Männer macht sich dann Luft in Gewalt gegen Frauen und Kinder. Für die Mordrate an Frauen gibt es in Lateinamerika inzwischen den Fachausdruck «Feminizid». Die Motive sind fast immer Eifersucht und Angst vor Kontrollverlust. Die Feminizidrate in Kolumbien ist eine der höchsten in ganz Lateinamerika.

aus wendekreis 4/5_2013

45


Die durch die politische Gewalt ausgelöste Flucht und Vertreibung von Tausenden von kolumbianischen Bauern zeitigt aber auch noch ganz andere Folgen. In den Armenvierteln der Stadt gelandet, finden Frauen leichter eine Erwerbsarbeit als die Männer – als Hausangestellte, Kinderfrau, Wäscherin oder Verkäuferin. Notgedrungen müssen die Männer Arbeiten im Haus und einen Teil der Kindererziehung übernehmen, wenn die Frau ausser Haus Geld verdient. So schaffen äussere Gegebenheiten auch – nicht in jedem Fall, aber manchmal – einen Wechsel im Rollenverhalten.

Workshops im ganzen Land_Die Männergruppe, die Javier Omar Ruiz 1995 gegründet hat, gibt es immer noch. Zwanzig bis dreissig Männer im Alter von 18 bis 62 Jahren treffen sich als «Kollektiv von Männern und Männlichkeiten» («Colectivo Hombres y Masculinidades») regelmässig. Öffentlich schlüpfen sie schon mal in einen Rock und in Stöckelschuhe, so am 6. Dezember 2012, um auf die Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen. Durch die Workshops, die Javier Omar Ruiz in ganz Kolumbien gibt, hat sich in all den Jahren ein Netzwerk von 18 Männergruppen im ganzen Land gebildet. Gerade bei den jungen Männern sieht Javier Omar Ruiz einen Mentalitätswechsel. «Einige sagen mir: ‹Ich will kein Macho mehr sein, wie kann ich das anstellen?›» Dann hinterfragt Javier Omar schon mal den einen oder anderen Tanz, der gerade bei den Jugendlichen in ist. Momentan sind auf den Schulhöfen Bogotás der «Perreo» («Hundetanz») und «El Choque» («Zusammenstoss») der grosse Hit. Ein Tanz, der einem rüden Sexualakt sehr nahe kommt – nur dass die Jungs und Mädels noch Kleider anhaben. Javier Omar Ruiz hat beobachtet, dass die Schwangerschaften bei jugendlichen Mädchen angestiegen sind, vielleicht auch wegen des Modetanzes? Verhütung ist in Kolumbien immer noch vorwiegend Männersache – die Frau soll keine Kontrolle über ihren eigenen Körper haben, sonst könnte sie ja fremdgehen –, und da kann schon mal was schiefgehen. Wenn ein junges Mädchen dann aber schwanger wird, bleibt der Erzeuger des Kindes in punkto psychologischer Betreuung total aussen vor. «Für jugendliche Väter gibt es gar nichts, kein Programm, keinen Gesprächsraum, nichts», bedauert der Pädagoge. Der Workshop, den Javier Omar Ruiz in Rincón de Lago gegeben hat, hat Spuren hinterlassen bei den teilnehmenden Jugendlichen. José, einer der härtesten Jungs des Viertels, hat ein paar Tage danach eine FacebookGruppe gegründet. Thema: Mann-Sein und Gender.

46

aus wendekreis 4/5_2013

Mit Hip-Hop für ein neues Mann-Sein Aufgekrempelte Hosen, das Käppi weit ins Gesicht gezogen: So kommt Antonio (Name geändert) ins Jugendzentrum von «Creciendo Juntos» am Stadtrand der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Cool will er sein, der 18-Jährige, der als Gelegenheitsarbeiter auf dem Bau zum Lebensunterhalt seiner Familie beiträgt. «Kolumbianische Männer glauben, es sei uncool, über ihre Gefühle zu sprechen», erzählt Patrick Klug. Der Sozialpädagoge arbeitet seit drei Jahren im Auftrag der Bethlehem Mission Immensee mit gefährdeten Jugendlichen am südlichen Stadtrand Bogotás, da wo das Geld rar, die Familien brüchig und die Jugendlichen ohne Chancen sind. Da, wo die Bilder feststehen, wie ein rechter Mann zu sein hat – der Herr im Hause – und wo eine Frau vor allem gefügig zu sein hat. Wie stark diese Bilder auch schon Kinder prägen, bekommt Patrick Klug in der offenen Kinder- und Jugendarbeit täglich mit. «Kürzlich sagte mir ein Siebenjähriger, der mich beim Abtrocknen sah, ganz erstaunt: ‹Aber das ist doch Frauenarbeit.›» Patrick Klug betont, wie wichtig es ist, mit dem eigenen Beispiel als Mann neue Rollenbilder vorzuleben und Alternativen zum herrschenden Machismo aufzuzeigen. Aber zuerst gilt es einmal, Zugang zu den männlichen Jugendlichen zu finden. Patrick Klug setzt dafür auf die Hip-Hop-Musik, eine Musikrichtung, die besonders cool wirkt, aber dabei nicht an der Oberfläche bleibt. «Im Hip-Hop können die Jungs auf coole Art über ihre Gefühle schreiben, aber sie machen auch sozialkritische Texte», erzählt Patrick Klug. Manchmal so sozialkritisch, dass Hip-Hopper in Kolumbien dafür umgebracht werden: Letztes Jahr wurden in Medellin zehn HipHopper ermordet. Auch Antonio kommt ins Jugendzentrum, seit Patrick ein Tonstudio für die Hip-Hopper eingerichtet hat und sie dort ihre Musik aufnehmen können. Beim Musikmachen findet auch Jorge ganz neue Töne, gerade auch für seine zärtlichen Seiten. Ganz «uncool» hat er ein romantisches Liebeslied für seine Freundin getextet und eingespielt. «Indirekt machen wir so mit unseren HipHop-Festivals auch Männerarbeit», meint Patrick Klug, «denn wo sonst lernen die Jungs, ihre Gefühle auszudrücken und auch noch stolz darauf zu sein?»


BMI-Einsatzleistender Patrick Klug (Mitte vorne) an einem Workshop mit Jugendlichen zum Thema Machismo.

aus wendekreis 4/5_2013

47


Die Zeitschrift

W E N DE KR E IS Weltweit und ganz nah Inspirierende Lektüre mit thematischen Schwerpunkten zu • Religion /Spiritualität /Kirche • Sinnsuche / Lebenshilfe • Entwicklungszusammenarbeit • Ökologie /Ökonomie

W E N D E KR E IS W E N DE KR E IS / Januar Nr. 12 / 1 Dezember 2011

nah Weltwe it und ganz

2012

Weltweit und ganz nah

Nr. 2 Februar 2012

Jetzt erSchnupp ent Abonnem ) W E N D E K R E IS (4 Ausgaben 26.– für CHF bestellen

Weltwe it und ganz nah

Nr. 3 März 2012

Chefsache Spiritualität Führung in einer Welt im Veränderungsstress: Manager/-innen lernen, aus geistigen Quellen zu schöpfen.

Abspecken

Heilig

Ist weniger wirklich

nimmt rechen. Heilig sein. Wer Heilig werden. Heiligsp

#

"

!

mehr?

Mass?

!

"

W E N D E KR E IS Weltwei t und ganz nah

Nr. 4/ 5 April/Mai 2012

W E N D E KR E IS

Nr. 6 Juni 2012

Weltwei t und ganz nah

W E N D E KR E IS

Nr. 7 Juli 2012

Weltwei t und ganz nah

Risiko Wir haben weniger unter

Kontrolle, als uns lieb ist.

Mütter Ihre Lebensbedingungen nicht sein – könnten unterschiedlicher it angeht. besonders was die Gesundhe

Wendezeit kommen. Das Neue will in die Welt Eine Spurensuche

# !

$ "

#

W E N DE KR E IS

Nr. 8/9 August/September 2012

Weltweit und ganz nah

" !

"

W E N DE KR E IS W E N DE KR E IS Weltweit und ganz nah

Nr. 10 Oktober 2012

Weltweit und ganz nah

Nr. 11 November 2012

«50 Jahre Hoffnung» Auf- und Abbrüche seit dem II. vatikanischen

! !

" ! #

Konzil

#

Mit gleichem Mass

Wasser

Warum wir uns so schwer tun mit Gerechtigkeit für alle

Verbrauchen. Verehren. Abwehren. Schmecken.

$ ! "

"

Telefon 041 854 13 91 abo-service@bethlehem-mission.ch www.wendekreis.ch

!

Bethlehem Mission Immensee

"

Dokumentation zum Themenschwerpunkt Müttergesundheit  

Beiträge zum Themenschwerpunkt, die in der Zeitschrift WENDEKREIS publiziert wurden

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you