Page 1

eins

Ende Dezember brechen sie die Tür auf und bringen den Leichnam fort.

Die Luft ist eisig und schmerzt wie eine Daumenschraube, der Himmel ein ausgewaschenes Stahlblau, die Bäume gebleicht, wie helle Knochen im matten Licht der Sonne. Wir stehen dicht aneinandergedrängt neben der verriegelten Tür. Auf der Straße scheint es still, von hier aus. Dampf hängt seufzend über einem Schornstein. Ein Fernseher flimmert im Zimmer nebenan. Weit weg, hinter dem Sportplatz an der Rückseite der Sozialwohnungen, hämmert jemand gegen einen Zaunpfahl. Eine Regenrinne mit einer dicken Nase aus schmelzendem Eis tropft drei Stockwerke tief auf den Gehweg, das Wasser findet zusammen und gefriert gleich wieder im Schatten einer niedrigen Backsteinmauer. Ab und an fahren Autos mit beschlagenen Scheiben und in der Kälte stotternden Motoren vorbei. Wir sehen jemanden aus einem Taxi steigen, das ein Stück bergauf gehalten hat. Die Frau lässt die Tür offen stehen, und auf dem Rücksitz sehen wir zwei Reisetaschen, die mit Kleidern, Büchern und Schminkzeug vollgestopft sind. 9


Die junge Frau kommt die paar Stufen herauf und hämmert gegen die Tür. Das ist Laura. Sie schreit durch den Briefschlitz. Sie bedeutet dem Taxifahrer zu warten und geht um das Gebäude herum. Wir sehen sie auf ein Garagendach klettern und zum Küchenfenster in die Wohnung einsteigen. Einen Moment bleibt sie in der Küche stehen. Es sieht aus, als würde sie mit jemandem reden. Sie klettert wieder hinaus, springt vom Garagendach und steigt zurück ins Taxi. Später, am Abend desselben oder des nächsten Tages, als es aus den anderen Wohnungen gelb und blau leuchtet, hinter den dünnen Vorhängen oder mit Heftzwecken festgesteckten Bettlaken, sehen wir Mike auf das Garagendach steigen. Wir hören Geschrei und wie etwas kaputt geht. Wir sehen Ben den Hügel hinab in Richtung Stadt rennen. An einem anderen Morgen sehen wir Heather, wie sie sich mit einer Bierdose in der Hand die Vordertreppe hochschleppt und an die Tür klopft. Sie brüllt etwas durch den Briefschlitz und späht zur Glasscheibe hinein. Die alte Frau aus der Wohnung nebenan kommt heraus und sagt etwas. Sie streiten sich, und Heather schlägt noch einmal gegen die Tür, bevor sie weggeht, den Berg hinunter, Richtung Stadt. Wir sehen Mike mit seinem Handy, der lange Mantel weht ihm um die Knie, als er mit langen Schritten auf die Straße tritt. Die Straßenlaternen glühen langsam auf, sie leuchten erst rot und dann orange und verlöschen flackernd wieder, als das Morgengrauen sich beinahe unmerklich entfaltet. Raureif überzieht den Sportplatz, das Gras neigt sich. Es ist von Fußabdrücken und Reifen und dem schwachen Licht der weit entfernten Sonne verschmutzt. Zeit scheint zu vergehen. 10


Wir sehen Danny, der über den Sportplatz rennt, hinter ihm die hinkende Einstein. Wir spähen um die Ecke der Sozialwohnungen und sehen ihn auf das Garagendach klettern. Einstein bellt und kratzt am Garagentor, und wir hören das Knarren eines Fensters, das geöffnet wird.

Der alte Mann im Rollstuhl erscheint. Wir kennen ihn, aber nicht seinen Namen. Er ist gar nicht so alt, aber wir nennen ihn »den alten Mann im Rollstuhl«. Er quält sich Zentimeter um Zentimeter voran, greift mit den in aufgereppelte Handschuhe und Lumpen verpackten Händen in die Räder, das Gesicht vor Anstrengung verzerrt. Ächzt bei jeder Bewegung vor sich hin. Hah. Huh. Hah. Er wirft uns einen Blick zu, bleibt aber nicht stehen. Hah. Huh. Hah. Das Fenster geht wieder auf, und wir sehen Danny vom Garagendach springen, fallen, ungelenk aufschlagen und stolpern, als er sich aufzurappeln versucht. Er sammelt seine Sachen und Decken zusammen und hastet die Straße hinunter in die Stadt, am alten Mann im Rollstuhl vorbei, ruft Einstein, wirft sich die Decken über die Schulter, die mit dem Saum über den Boden schleifen, er rennt, ohne zurückzublicken. Es wird dunkel, und hell, und wieder dunkel, und wir fragen uns, ob sonst noch jemand kommen wird. Wir sind mehr geworden, wir stehen schweigend an der Tür und blicken die Straße hinauf und hinab.

11


Keine Sirene ist zu hören, als die Polizei endlich kommt. Sie fahren langsam den Berg hinauf und versuchen aus dem Auto heraus die Hausnummern zu erkennen. Unten an der Treppe halten sie, lassen den Motor noch ein wenig laufen, sprechen über Funk. Im ersten Stock guckt jemand zum Fenster heraus, wendet sich ab und zieht die Gardinen zu. Die Tür der Nachbarwohnung geht einen Spaltbreit auf. Die beiden Polizisten steigen aus, reiben sich die behandschuhten Hände, blinzeln gegen die Kälte und die tiefstehende Spätnachmittagssonne. Der eine, ein jung aussehender Mann mit blassblauen Augen und schmaler Nase, holt zwei lange Taschenlampen aus dem Kofferraum. Vorsichtig steigen sie zur Wohnung hinauf, machen einen Bogen um das Eis auf den Stufen, und wir geben die Tür frei. Vor ihren Gesichtern stehen Atemwolken. Der Türspalt der Nachbarwohnung vergrößert sich, und eine alte Frau erscheint. Sie beobachtet, wie die beiden Männer mit den Taschenlampen durch die Glasscheiben der Wohnungstür leuchten und zum Briefschlitz hineinrufen. Die Frau trägt einen karierten Morgenmantel und Hausschuhe in Form von Tigertatzen. Sie verschränkt die Arme und sagt etwas zu ihnen. Der jüngere Polizist dreht sich zu ihr und nickt, und als sie noch etwas sagt, wird sie nicht mehr beachtet. Ein Auto fährt vorbei, wird langsamer, hält kurz an und fährt dann weiter.

Warum hat das so lang gedauert. Wo haben sie gesteckt. 12


Sie drücken versuchsweise mit der Schulter gegen die Tür, dann macht der jüngere Polizist einen Schritt zurück und tritt gegen das Schloss. Die Tür springt auf. Beide machen einen Schritt nach vorn, wenden sich sofort ab und bedecken Mund und Nase. Sie sehen einander an, heben die Taschenlampen und lassen einen schmalen Lichtstrahl durch den dunklen Flur der Wohnung wandern. Die alte Frau schlurft näher heran, presst die Arme fester an die Brust, und wir schauen an ihr vorbei in die vom Kegel der Taschenlampe durchbrochene Finsternis. Ein einziges Chaos, aber das wissen wir natürlich. Die Wände sind vollgekritzelt und beschmiert, nackte Kabel ragen aus dem vergammelten Putz. Der Boden übersät mit Flaschen und Dosen und Decken und Klamotten, einem Stapel Autoreifen, Scherben. Und es muss widerlich stinken, die Männer pressen die Hände immer noch auf Mund und Nase, das Gesicht halb abgewandt. Der Jüngere hustet, als hätte er sich verschluckt. Der Ältere legt seinem Kollegen die Hand auf den Arm und spricht ihm leise zu.

Sie sehen uns nicht, während wir uns um sie drängen. Natürlich nicht. Wie sollten sie auch. Das sind wir gewöhnt. Wir haben uns schon lang dran gewöhnt, schon zuvor. Vor dem hier.

Ihre Stiefel knirschen und knacken auf dem müllübersäten Boden. Sie gehen langsam und lassen sich vom Licht der Ta13


schenlampen leiten. Sie rufen etwas, etwas wie Hier spricht die Polizei, ist da jemand. Sie sehen sich an und gehen tiefer in die Wohnung hinein.

Der Jüngere, der sich am Ende des Flurs, dort, wo sein Kollege links gegangen ist, nach rechts gewandt hat, findet die Leiche. Sie liegt im Wohnzimmer auf dem Boden. Er schaut nicht länger als ein oder zwei Sekunden hin, die Augen weiten sich, dann stößt er einen Schrei aus, weicht zurück und drückt die Faust auf den Mund. Der Ältere kommt aus der Küche, seine Füße knirschen auf noch mehr Glasscherben, als er an ihm vorbei ins Wohnzimmer tritt und sieht, was dort zu sehen ist. Er zuckt leicht zurück und nickt. Er leuchtet die Leiche mit der Taschenlampe ab, die feuchten Kleider, das aufgeplatzte, blasige Fleisch. Er deutet mit dem Lichtstrahl auf etwas: Eine Spur führt in die Küche. Der Jüngere steht immer noch an der Tür, spricht ins Funkgerät, fordert etwas an. Die Polizisten reden nicht miteinander. Sie warten. Sie sehen die Leiche an. Wir drängeln uns alle ins Zimmer und sehen die Leiche an. Die aufgedunsene, aufgeweichte Haut, der eingesunkene Blick, die ölige Pfütze auf dem Boden. Das Wimmeln und Zucken frisch geschlüpften Lebens, beim Fressen.

Es ist Robert. Aber das wussten wir ja schon.

14


Draußen bricht die Dämmerung herein, ein schwacher schmutzig roter Schimmer hinter der Baumreihe am Ufer, die Wolken dehnen sich niedrig und dünn gen Erde. Der ältere Polizist fingert an seinem Hemdkragen, reißt sich die Krawatte vom Hals und brummt seinem Kollegen etwas zu, als er sich an ihm vorbei durch den vollgemüllten Flur hinaus an die kalte, frische Luft drängt. Draußen erwartet sie die Frau mit den Tigertatzen-Pantoffeln und dem karierten Morgenmantel. Sie fragt etwas, und die beiden zucken mit den Schultern und schütteln den Kopf. Der Ältere holt eine Rolle blau-weißes Band aus dem Wagen und sperrt die Tür damit ab. Die Frau beobachtet sie und kaut auf der Innenseite ihrer Unterlippe. Die Haut in ihrem Gesicht ist trocken und schlaff und an Kinn und Wangen in Falten gerafft. Sie redet auf den jüngeren Polizisten ein, schüttelt den Kopf, späht an ihm vorbei in Richtung der offenen Wohnungstür. Sie dreht sich um und schlurft zurück in ihre Wohnung. Die beiden Männer stehen vor dem Absperrband. Ein Neonlicht über ihnen an der Wand summt leise. Entlang des Gehwegs gehen flackernd die Lichter an, eines nach dem anderen. Der Himmel verdunkelt sich zu einem blutunterlaufenen Violett. Die Männer stampfen mit den Füßen und reiben die Hände aneinander, um die Kälte zu vertreiben, und sie unterhalten sich. Wir blicken die Straße hinauf und hinunter, und Danny erzählt uns, wie es war, als er ihn gefunden hat, als er zum Küchenfenster eingestiegen ist und Robert da auf dem Boden gelegen hat.

15


Penny steht in der Tür und blickt zitternd zu Danny hoch, als er zum Küchenfenster reinklettert und runter auf den Boden springt. Erst hat er sie gar nicht bemerkt, und als er sie dann doch sieht, wundert er sich, warum sie nicht rumkläfft wie immer, warum sie so still dasteht. Warum sie einfach nur zittert und so. Wusste, dass etwas faul war, alles war viel zu still. War nie so still da. Immer haben Penny und die andern Hunde gekläfft, und es gab Musik, und Leute haben rumgeschrien, damit ihnen jemand zuhört. Penny hat sich nicht mal umgedreht, als er an ihr vorbei ist. Hat sie nicht geschafft. Nur noch Haut und Knochen. Hat nur dagestanden, und Danny kam aus dem Zimmer gerannt und hat auf den Boden gekotzt, bevor er wieder zum Fenster rausgeklettert ist, ohne zurückzuschauen.

Vor dem Haus halten drei weitere Autos. Das ist später. Die Frau mit den Tigertatzen-Pantoffeln hat den Männern zwei Tassen Tee gebracht, Fragen gestellt, auf die sie keine Antwort bekam, und die leeren Tassen wieder mitgenommen. Kinder haben sich vor der Wohnung zusammengerottet und versucht, einen Blick an den Polizisten vorbei in den Flur zu erhaschen oder unter dem Band durchzuschlüpfen. Aber jetzt sind sie fort und alles ist still. Ein Mann und eine Frau steigen aus dem ersten Wagen und tragen Kisten die Treppe hoch, sprechen mit den Polizisten, während sie in raschelnde weiße Overalls steigen und durchsichtige Latexhandschuhe überziehen. Eine Frau in Jeans und einem langen grauen Mantel geht mit einer kleinen Ledertasche in der Hand die Treppe hinauf. Zwei Männer laden Lampen und Stative aus 16


einem Transporter und stapeln sie oben an der Treppe. Alle nehmen ein Paar Schuhüberzieher aus einer Schachtel, balancieren erst auf dem einen, dann auf dem anderen Bein, um die elastischen Bündchen über die Schuhe zu streifen, während der jüngere Polizist ihre Namen protokolliert. Die Atemluft hängt wie eine Dunstglocke über ihnen und verfärbt sich im Neonlicht gelb. Die Frau mit der kleinen Ledertasche betritt die Wohnung, läuft durch den Flur und in den Raum, in dem Roberts Leiche liegt. Sie geht neben ihm in die Hocke, berührt seine kalte Haut, betrachtet die eingesunkenen Augen und aufgedunsenen Lippen, die Insekten, den von nässenden Blasen überzogenen Körper. Sie nickt, sieht auf die Uhr und schreibt etwas in ein gebundenes Notizbuch, teilt dem Polizisten im Gehen mit, welches Datum er in sein Protokoll eintragen soll, duckt sich unter dem Absperrband hindurch, streift die Latexhandschuhe ab und läuft rasch die Treppe hinunter zu ihrem Auto. Sie legt die Tasche auf den Beifahrersitz und schaltet das Radio ein. Sie wirft einen Blick auf ihr Handy, das einen blauen Schein auf ihr Gesicht wirft, dann steckt sie es zurück in die Tasche und fährt davon.

Die Männer gehen mit den Strahlern hinein und stellen sie an den Wänden auf, halten sich von der Leiche fern, schließen Batterien und Klemmen an. Mit einem Schlag flammt gleißendes Licht im Zimmer auf, grellweißes Licht aus allen Ecken, das jedes wimmelnde Detail fixiert. Der Mann und die Frau im weißen Overall kommen herein, begleitet von einem weiteren Mann mit einem wirren Schopf dunkler 17


Haare, der aussieht, als könnte er hier das Sagen haben. Der erste Mann macht Fotos, während die Frau die Leiche aufmerksam betrachtet, Roberts Kleider am Hals zur Seite zieht, ihm mit den Handschuhfingern durch die Haare fährt und das Chaos auf dem Boden untersucht. Sie zeigt dem Fotografen die dunkle Blutspur auf dem Linoleum. Der jüngere Polizist steht im Flur und sieht zu, während der Mann mit dem wirren Haarschopf ihm Fragen stellt. Er schüttelt den Kopf, zeigt in Richtung Eingangstür, lächelt kurz über eine Bemerkung des Fotografen, und einen Augenblick lang scheint der Raum wieder sehr voll zu sein, so voll wie beim letzten Mal, als wir alle hier mit Robert zusammen waren, Robert lang auf dem Boden, wie immer am Ende des Abends, mit dem Ausdruck auf dem Gesicht, den er nur draufhatte, wenn er schlief. Und da liegt er, schnarchend, vor sich hin stammelnd, mit einer Hand hinter dem Kopf tastend, als suche er nach etwas, an dem er sich festhalten kann. Einer von uns, Heather wahrscheinlich, die sich vorbeugt, um ihm den Mantel ganz über den breiten Oberkörper zu ziehen und ihm die Mütze wieder auf den Kopf zu setzen, bis sie merkt, dass wir sie beobachten. Dass andere schlafen. Danny und Ben und Laura und Mike und Ant und wer sonst noch gerade da war. Oder nicht ganz schlafen, aber die Augen zumachen und Musik hören, die aus dem mit Klebeband reparierten Recorder in der Küche kommt, irgendein Schlaflied mit abgehacktem Rhythmus, das uns an der Wand aufrecht hält, an der Wand und aneinander, während unsere Hände schlaff werden, aufgehen und die Löffel und Pfeifen und leeren Dosen herausfallen, die Fetzen Alufolie und Papier und Watte. Die Zeichen des Trosts verstreut auf dem Boden. Unsere geöffneten Hände. 18


Ein Telefon klingelt, und der Polizist an der Wohnzimmertür zieht es aus der Tasche, gestikuliert in Richtung der anderen, bevor er zum Telefonieren nach draußen geht, durch den kaputten Flur und die eingetretene Haustür hinaus auf die Straße, und als sich die Tür hinter ihm schließt, sehen wir Robert und Yvonne, wie sie Rücken an Rücken die alte Tapete abreißen, sie herunterschälen und abkratzen mit Spachtel und Messer, kleine Fetzen und Schnipsel rieseln wie Konfetti zu Boden. Sitzen an der offenen Haustür, essen Schinkenbrote mit Tomate und sehen den Nachbarskindern zu, wie sie die Treppen hinauf- und hinunterrennen. Kleben die neue Tapete über Fetzen der alten, vermessen und schneiden und kleben, der Nachmittag vergeht, während sie sich unterhalten oder nicht unterhalten oder Lieder im Radio mitsingen, und zur Abendbrotszeit ist endlich das letzte Eckchen Tapete angedrückt, beide spüren es in den Armen und in den Schultern, als sie zurücktreten, um ihr Werk zu bestaunen, die Hände klebrig von Kleister und Schweiß. Wir haben Yvonne nie kennengelernt, aber jetzt sehen wir sie. Wir sehen die Dinge jetzt anders. Wir sehen, wie die beiden die Spuren des vorherigen Bewohners besei­tigen, tapezieren und streichen. Die zurückgelassenen Sachen wegwerfen, die Zeitschriftenstapel und gehorteten Konservenbüchsen, die verrosteten Mausefallen unter der Spüle. Die einfachen Handgriffe zweier Menschen, die sich gemeinsam einrichten. Neue Möbel werden zur schmalen Tür hereingeschleppt: ein Bett, ein Sessel, ein Sofa, eine Kommode. Die zwei gewöhnen sich an die Anwesenheit des anderen, die Bewegungen des anderen im gemeinsamen Leben. Wie er in der engen Wohnung auf und ab läuft und sich reckt und streckt, wie sie sich auf dem Sessel einrollt, an den Klang 19


ihrer Schritte, den Geruch der beiden Körper, der sich vermischt und die Luft erfüllt. Und jetzt fragt sie ihn etwas, rubbelt sich trockene Kleisterfäden von den Händen und bläst sich die Haare aus dem Gesicht. Er blickt lächelnd auf, sie drückt die Tür hinter sich zu, zieht sich das T-Shirt über den Kopf und öffnet den BH . Sie küssen sich schnell, pressen die Leiber aneinander, suchen überstürzt nach Knöpfen und Reißverschlüssen, und wir ziehen uns ins Wohnzimmer mit den frisch gestrichenen Wänden und dem großen Fenster zurück, von dem aus man den Sportplatz, die jungen Bäume und dahinter den Fluss sieht. Wir hören die beiden hinter der bebenden Zimmertür keuchen und flüstern. Wir können hinüber ins Schlafzimmer blicken, sehen das gegen die Kommode gezwängte Doppelbett, die gekoppelten Schlafsäcke auf der nackten Matratze, den überquellenden Aschenbecher und die verstreuten Kleidungsstücke, und als wir uns wieder zum Wohnzimmer umdrehen, sehen wir den Fotografen, der Zollstöcke neben der Leiche auf dem Boden positioniert. Er macht immer noch Notizen und stellt dem Polizisten Fragen, der wieder von draußen zurückgekommen ist. Einer der Männer an den Scheinwerfern bemerkt Penny, endlich, den Kopf zwischen den Vorderpfoten, die Ohren flach am Hals angelegt. Der kleine braune Körper kalt und steif. Der ältere Polizist an der Tür ruft etwas, und sie folgen ihm in die Küche, als Robert mit einem Berg dampfender, in Essig getränkter Pommes zur Tür hereinkommt, die er und Yvonne direkt aus dem Papier essen, sich die fettigen Hände an den Klamotten abwischen, bevor sie fertig sauber machen, sich wieder ausziehen und zusammen in eine randvolle Bade­wanne zwängen, wo sie einander die müden Rücken einseifen und die Gene der beiden in ihr kollidieren. 20


Da sitzen sie, zusammen in der Wanne, der Spiegel vom Wasserdampf beschlagen, und vom Wasserhahn tropft es leise in das stille Wasser, und wir sehen zu, wie die neue Tapete allmählich vergilbt. Durch das Küchenfenster und die offen stehende Küchentür fällt Sonnenlicht auf die gestreifte Tapete am anderen Flurende, ihre Farben vergilben. Wind lässt die Wohnungstür schlagen, und Abgase schweben zum Fenster herein und legen sich in feinen Schleiern auf die Wände, dort, wo Finger Fettflecken hinterlassen haben. Sie lassen wieder heißes Badewasser nachlaufen, und das Rauschen ist auf einmal sehr laut in dem stillen kleinen Raum. Sie reden jetzt nicht mehr, sind warmblütig und schläfrig, Frühlingsluft weht zum offenen Fenster herein und mit ihr das Geschrei von Kindern, die ins Bett zitiert werden, und Musik, und abgerissene Rufe von Fußballspielern auf dem fernen Sportplatz. Er streckt die Füße über das Wannenende hinaus, sie lehnt den Kopf an seine Knöchel, und beide schließen die Augen. Der Dampf windet sich aus dem Bad und durch den Flur und löst die Tapete von der Wand. Schimmelsporen sprenkeln die Wände und breiten sich bis zur Decke aus. Regenwasser dringt durch die porösen Fugen an der Hausfront, sickert durch den Putz und breitet sich wie ein alter Bluterguss an der Wand aus. Der Lack des Türrahmens platzt ab, als das Holz sich vollsaugt, weich wird und allmählich verrottet. Später, als das Wasser wieder abgekühlt ist, steht sie mühsam auf, das Wasser strömt an ihrem veränderten Körper herab und ergießt sich ins Badezimmer. Ihr Busen ist jetzt runder, voller, ihr Bauch vorgewölbt, die Haut straff gedehnt. Beim Heraussteigen hält sie sich am Wannenrand fest und 21


drückt eine Hand in das schmerzende Kreuz. Er nimmt ein Handtuch vom Haken an der Tür und wickelt sie darin ein, hält ihr den Arm hin, um sie zu stützen, während sie sich vorsichtig abtrocknet. Gekritzel taucht auf, unten auf der Tapete, bei den Schuhbergen und Spielzeugkisten. Verblasste Filzstiftmarkierungen kriechen am Türrahmen die Wand empor und folgen dem Wachstum der Tochter, Daumenbreite um Daumenbreite. Winzige Schühchen schieben sich zwischen die Erwachsenenschuhe und werden durch größere ersetzt. Teeflecken hinterlassen sepiabraune Spritzer an der Wand und sind noch lange sichtbar, nachdem die zerbrochenen Tassen weggeräumt sind. Eine Delle von der Größe einer Faust oder einer Stirn wird von einem gerahmten Kinderporträt verdeckt. Die Wasserflecken breiten sich weiter aus, die ­Tapete löst sich von der Wand und hängt herunter, die Decke verfärbt sich nikotingelb. Die Tür wird aus den Angeln getreten und wieder eingesetzt. Gerahmte Bilder werden an die Wand gehängt. Sie holen ihre Tochter aus der Badewanne. Es ist Laura, wird uns klar. Sie wird in ein kuscheliges weißes Handtuch gewickelt aus dem Zimmer getragen, wobei sie zufrieden vor sich hin plappert und mit den Haaren ihrer Mutter spielt. Er beugt sich herunter und gibt ihr einen Kuss auf die feuchte Stirn, atmet ihren Shampoogeruch ein und sieht dabei zu, wie seine Frau die Kleine ins Kinderzimmer trägt und zu Bett bringt, und er holt eine Flasche Whiskey unter der Spü­ le hervor. Im Badezimmer kriechen dunkle Schimmelstreifen in die Fugen zwischen den Fliesen, die Fliesen bekommen Sprünge und fallen von der Wand. Das Waschbecken wird aus der 22


Wand gerissen und zerbricht, aus den Rohren fließt Wasser auf den Boden, bis es abgestellt wird. Die Toilettenspülung funktioniert nicht mehr, der Abfluss verstopft, dann läuft das braune Wasser über und sammelt sich in einer abgesunkenen Ecke des Badezimmers. Der Spiegel über dem Waschbecken wird zerschmettert. In der Küche leuchten der Mann und die Frau im weißen Overall mit der Taschenlampe herum und drücken gegen das Fenster. Es geht knarrend auf. Sie lehnen sich heraus und betrachten den Abstand zum Garagendach darunter. Sie untersuchen die Blutflecken in der Spüle und entnehmen Proben. Sie machen Notizen, sie fotografieren, aufmerksam lassen sie den Schein der Taschenlampe über die Arbeitsplatte und den Boden wandern.

Als sie ins Wohnzimmer zurückkommen, sind zwei Neue da, in schwarzen Anzügen und schwarzen, von Plastiküberziehern bedeckten Schuhen. Die zwei ziehen Plastiktüten über Roberts Hände und Kopf, kleben sie fest, wickeln den gesamten Körper in eine Plastikfolie und bugsieren ihn in einen festen, weißen Leichensack aus Plastik. Vier Leute sind nötig, um ihn dort hineinzubekommen, worüber einer einen Witz zu reißen scheint. Sie sichern den Reißverschluss mit einem Zahlenschloss. Mühsam heben sie die Leiche auf eine Bahre, und sechs Leute müssen anpacken, um sie hinaus in den wartenden Transporter zu schaffen. Der Fotograf bleibt noch da und macht Aufnahmen vom Zimmer ohne Robert darin. Die leere Stelle auf dem Boden, die jetzt riesig wirkt. Der Abdruck und Flecken rundherum. 23


Roberts Mütze, die ihm beim Sturz vom Kopf gefallen sein muss. Die beiden Männer mit den Lampen stehen auf dem Flur, unterhalten sich leise und warten darauf, dass der Fotograf fertig wird. Er nickt ihnen im Weggehen zu, und sie schalten die Lampen aus. Der ältere Polizist leuchtet ihnen mit der Taschenlampe, während sie alles wieder einpacken. Die heißen Leuchtstäbe glühen kurz nach, und während sie abkühlen, tragen die Männer alles andere hinaus zum Wagen. Unsicher stehen wir auf dem Flur herum. Wir können die beiden Polizisten hören, die sich draußen unterhalten, das Knistern und Rauschen ihrer Funkgeräte. Wir können über uns Schritte und jemanden lachen hören. Wir können Robert und Yvonne in der Badewanne hören, leise nur, die einander nass spritzen und den anderen um die Seife bitten. Aber als wir nachsehen, ist niemand da, und die zersprungenen Fliesen liegen noch immer in der leeren Wanne, und das Waschbecken ist noch immer aus der Wand gerissen. Die Haken an der Rückseite der Tür sind herausgebrochen. Die Tür zum Kinderzimmer ist aus den Angeln getreten und lehnt an der Wand. Die gerahmten Bilder sind abgerissen, das Glas auf dem Boden zertreten, die Fotos zu kleinen Schnipseln zerrissen und die helleren Tapetenvierecke von faustgroßen Kratern durchlöchert. An den Türrahmen sind Weinflaschen zerschlagen worden und in langen Flecken an den Wänden ausgeblutet. Die Linoleumplatten sind übersät mit Brandlöchern, die Hälfte hat sich an den Ecken vom Boden gelöst. Leute sind aus und ein gegangen, gekommen und geblieben und haben ihren Dreck im Flur hinterlassen. Wir warten, ohne einander anzusehen, und wissen nicht, was wir 24


jetzt tun sollen. Ein oder zwei von uns gehen, vielleicht um ihn zu begleiten. Zeit scheint zu vergehen. Wir können sie immer noch im Bad hören, die vom Hahn ins Badewasser fallenden Tropfen, das leise Gemurmel ihrer Stimmen.

Draußen wird es heller und dunkler, und als sich der Himmel hinter dem Vorhang von Lauras Zimmer wieder aufhellt, kommt ihre Mutter ins Zimmer geschlichen und setzt sich auf die Bettkante. Wir sehen zu, wie sie ihrer schla­ fenden Tochter die Haare aus den Augen streicht. Laura wacht auf und runzelt die Stirn. Ihre Mutter legt ihr einen Finger auf die Lippen und zieht eine Reisetasche unter dem Bett hervor, in die sie am Abend zuvor Geld und Kleider gepackt hat, und während Laura sich anzieht, sucht sie ein paar Kinderbücher und Spielzeug zusammen und stopft die auch noch dazu. Laura setzt sich auf den Boden, zieht die Schuhe an, und die beiden schleichen aus dem Zimmer und zur Wohnung heraus, ziehen die Tür mit einem fast unhörbaren, saugenden Klick zu, und dann sind die beiden weg. Das Morgenlicht strömt durch den dünnen, orangefarbenen Vorhang herein, und der schwache Abdruck von Laura auf der Matratze verliert sich allmählich. Ihr Geruch hält sich noch in den Fasern des zerwühlten Kissens und im zurückgeschlagenen Federbett und in den Pullis und Hosen und Hemden, die vorwurfsvoll aus den Schubladen quellen. Ihr Vorlesebuch bleibt aufgeschlagen zurück und liegt mit gebrochenem Rücken auf dem Boden. Staub sammelt sich. Und dann sind die beiden weg.

25


Er wacht auf. Robert wacht auf. Wacht auf, und jeden Tag ist es von Neuem, als wären sie gerade erst weggegangen. Mit einem Ruck ist er wach, als hätte ihn das Geräusch der leise zugehenden Tür geweckt, und erinnert sich wieder daran, dass die beiden weg sind.

Im Zimmer ist es auf einmal viel dunkler. Wir sinken zu Boden. Der Blick aus dem Fenster ist vom Kondensat auf dem Glas vernebelt. Es dauert Stunden, bis die Hitze der Lampen und der Stimmen und der Männer- und Frauenkörper, die alle in dem einen Zimmer waren, verfliegt. Die Hitze vergeht, und die Wohnung kühlt wieder aus, und das Kondenswasser verhärtet sich zu einer dünnen Eisschicht, durch die nur vereinzelte Splitter des Morgenlichts eindringen.

Wir stehen auf und verlassen die Wohnung. Wir wissen nicht, was wir sonst noch tun könnten. Auf der Straße schieben die Männer Roberts Leiche in einen Transporter mit abgedunkelten Scheiben, und wir steigen mit ein. Es ist zu eng, aber es fühlt sich richtig an. Unter diesen Umständen. Sie knallen die Türen zu. Die Luft im Transporter steht, nichts rührt sich, die Kälte glänzt auf dem Stahlboden. Zwei der Männer stehen draußen, reden mit dem jüngeren Polizisten und dem Fotografen und dem Mann mit dem wirren dunklen Haarschopf. Oben an der Treppe steht die Frau mit dem karierten Morgenmantel, hat die Arme verschränkt und sieht zu, der ältere Polizist an ihrer Seite. Auf dem Gehweg 26


und oben an den Fenstern sind Leute aufgetaucht. Kinder haben sich zusammengerottet, schubsen einander und rufen Fragen. Die beiden Männer und der jüngere Polizist steigen vorn in den Transporter, und es strömt viel feuchtkalte Luft herein, bevor sie die Türen wieder schließen. Sie lassen den Motor an, und die Reifen rutschen und quietschen, als wir bergab fahren. Wir blicken zurück und sehen das Garagendach hinter der Wohnung, von dem Danny gesprungen und gestolpert und weggerannt ist, um es irgendjemandem zu erzählen. Und wir sehen Danny

27


Jon McGregor. Als Letztes die Hunde  

Robert ist tot. Er bot einer Gemeinschaft von alkohol- und drogenabhängigen Obdachlosen einen Schutzraum. Doch jetzt liegt er merkwürdig ver...

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you