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Special | Junge Zielgruppe

Namentliche Beinah-Übereinstimmung als Zeichen: Brigitte Jakobeit (Foto) hat Mette Jakobsen übersetzt – „Minous Geschichte“ hält sie „für jeden geeignet, der sich gern auf ein ungewöhnliches, reizvolles Leseabenteuer einlässt und der schöne Sprache und abwegige Ideen mag“

Minous Geschichte

E

ben? Wer ist der Junge? Welche Traumata haben Minous Eltern, die einem Krieg entkommen sind, zu schultern? „Minous Geschichte“ ist ein Lese-Erlebnis, das nicht leicht zu beschreiben ist – deshalb haben wir die Übersetzerin Brigitte Jakobeit gebeten, uns zu helfen.

ine nicht näher verortete Insel, auf BuchMarkt: Wie ist Minous Geschichte zu dir der Minou, ihr Vater, ihre Mutter, gekommen? der Zirkuskünstler Kistenmann sowie ein Brigitte Jakobeit: Über die Lektorin NaPriester und ein Hund namens Namenlos talie Tornai. Wir trafen uns letztes Jahr an leben: Das ist das Setting für „Minous Ge- Ostern in Wien, und sie erzählte mir von schichte“ (Bloomsbury), das Debüt von einem wunderbaren Buch, das sie mir zum Mette Jakobsen, die in Kopenhagen gebo- Übersetzen anbieten wolle. Sie geriet richren wurde, heute in Sydney lebt und auf tig ins Schwärmen. Und da ich sie als eine Englisch schreibt. literarisch sehr geschmackssichere Frau Minous Mutter, die das Haus mit Wand- kenne und schätze, wollte ich es unbedingt malereien geschmückt und ihrer Tochter lesen. Und das war’s dann. Ich war absolut den Wert der Phantasie zu vermitteln ver- hingerissen, wie ich es nicht oft bin, und sucht hat, ist verschwunden. Das zwölfjäh- wusste: Dieses Buch muss ich übersetzen. rige Mädchen lebt seither mit dem Vater, Und nicht zuletzt fand ich die namentliche der ihr schon im Mutterleib die großen Beinah-Übereinstimmung mit der Autorin Philosophen vorgelesen hat. Als Minou fast schon ein Zeichen. einen toten Jungen im Schnee findet, trägt der Vater ihn ins Zimmer der Mutter; das Kannst du den Zauber der Geschichte erklären, oder ist er dann weg? Fenster weit geöffnet, damit er gefroren bleibt, bis das Versorgungsschiff kommt Erklären weniger, aber für mich ist die und ihn mitnimmt. Schwerelosigkeit, die Leichtigkeit dieEine skurrile Welt, die mit großer Selbst- ses Textes vom ersten Satz an vorhanden. verständlichkeit erzählt wird und viele Bil- „Am Morgen, als ich den toten Jungen der schafft, die man behalten will. Es wird fand, schneite es.“ Das klingt kein bissnicht alles erklärt: Ist die Mutter gestor- chen traurig. Ich wollte da sofort wissen, 104

BuchMarkt September 2012

wie es weitergeht. Und dabei hat mich die Erzählstimme der zwölfjährigen Minou so freundlich an die Hand genommen, dass ich ihr zwingend in allem Weiteren folgen wollte und musste. Für mich hat dieses Buch mit all seinen eingesprenkelten absurden und surrealen Gedanken und Bildern einen großen Sog entwickelt. Einige Buchhändlerinnen fragen: „Wem sollen wir das verkaufen?“ Für junge Leser sei es zu philosophisch, für Erwachsene zu kindlich ...

Minous Mutter würde den Buchhändlerinnen wahrscheinlich antworten: „Wo bleibt eure Phantasie?“ Minous Vater, könnte ich mir vorstellen, würde ihnen sagen: „Allen, die nach der absoluten Wahrheit suchen.“ Und Minou? Keine Ahnung. Ich finde den Wunsch von Buchhändlern, alles nach Kategorien und Genres und Altersstufen einordnen zu können, durchaus nachvollziehbar. Andererseits finde ich es gut und wichtig, dass sich eben nicht alles in Schubladen pressen lässt. „Minous Geschichte“ ist so ein Buch. Meine Empfehlung wäre: Für jeden geeignet, der sich gern auf ein ungewöhnliches, reizvolles Leseabenteuer einlässt, abseits vom Mainstream, der schöne Sprache und abwegige Ideen mag. Nach dem ersten Lesen der Geschichte war ich glücklich, aber ich hatte auch das Gefühl, an irgendeiner Stelle etwas verpasst zu haben.


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Ich habe es dann noch mal gelesen und weitere Facetten entdeckt. Wie ging es dir beim Übersetzen?

ren Mann auf der Insel, war unglücklich mit dem eigenen, wusste nur einen Ausweg. Wunderbar wiederum ist, und auch sehr tröstlich, dass Minou keine Sekunde daran zweifelt, die Mutter sei nur verreist und komme bald wieder. Eine andere Möglichkeit kommt für sie nicht in Frage. Sie gibt nie die Hoffnung auf.

Das ist doch ein toller Effekt: Glücklich nach der Lektüre, aber irgendwas zwickt und lässt nicht los, gärt weiter. Wenn ein Buch so wirkt, bestens. Da ich beim Übersetzen weitaus langsamer und tiefer vorgehe als beim Lesen, waren die Feinheiten oder Facetten, wie du sagst, für mich von vorn- Glaubst du, dass die Mutter Cosmina ist? herein sichtbar. Aber auch nach dem ersten Nein, die Idee ist mir nie gekommen. Aber Lesen ist bei mir sehr viel hängen geblieben. jetzt, wo du’s sagst ... Müsste ich noch mal Mir war klar, da ist eine Erzählerin in einer nachdenken. sehr abgezirkelten Welt: eine Insel, eine Kirche, ein Haus, ein Wald mit siebzehn Kie- Ein toter Junge, dessen Herkunft ungeklärt bleibt, bringt Vater und Tochter dazu, das Verfern, ein Apfelbaum mit dreihundertzwei Äpfeln, vom Haus bis zum Strand zweihun- schwinden der Mutter erneut zu durchleben. Das scheint alle Inselbewohner am Ende wiedertsechsundsiebzig Schritte, einmal um die Insel in dreiundfünfzig Minuten usw. In die- der näher zueinander zu führen. sem überschaubaren Kosmos braucht man Jeder Tod ist mit Verlust verbunden, und Phantasie, sonst wird man verrückt. Oder das lässt die Menschen zusammenrücken. man sucht nach der absoluten Wahrheit, und So jedenfalls sollte es ein. Im Fall von findet sie vielleicht nie ... „Minous Geschichte“ ist der tote Junge nicht nur ein Aufhänger für die Geschichte, Die Geschichte ist komponiert aus der Zerrissie wird mit ihm am Ende auch in einer senheit zwischen Philosophie und der Suche feierlichen Prozession zu Grabe getragen, nach der Wahrheit, verkörpert durch den wenn man so will. Vater, auf der einen Seite, und der Kraft der Phantasie, der Welt der Zaubertricks, verkörpert durch die Mutter, auf der anderen. Minou scheint beide Welten zu verbinden. Warum nur muss die Mutter verschwinden?

Natürlich geht es um Phantasie versus Philosophie. Ersteres verkörpert durch die Mutter, zweites durch den Vater. Ein fruchtbarer Boden für eine vibrierende, konfliktreiche Geschichte. Die Mutter eine Tagträumerin, schillernd, voll verrückter Ideen, mit ihrem Pfau namens Pfau usw. Der Vater, nachdenklich, ein bisschen melancholisch, irgendwie beschädigt, aber liebevoll. Dass die beiden aneinandergeraten, ist gut nachvollziehbar, auch wenn es nicht ausgesprochen und nur an manchen Stellen spürbar wird. Für mich war trotzdem klar, in dieser Ehe gab es Probleme. Deshalb geht die Mutter ja weg. Vielleicht hätte sie nicht verschwinden müssen, aber sie tut es eben. Punkt. Glaubst du, dass sie tot ist?

Ja, natürlich. Minou beschreibt, wie sie am letzten Tag, in roten Stöckelschuhen und mit schwarzem Regenschirm, in Richtung Strand verschwindet. Übrigens ein Bild, das sich mir ganz fest eingebrannt hat. Ich sehe es sofort vor mir. Ihr Schuh wird später gefunden. Wie gesagt, es wird nicht ausgesprochen, aber eine mögliche Lesart ist: Die Mutter hatte etwas mit dem ande-

Das Abenteuer geht weiter ... Band 1

ISBN 978-3-8369-5365-8 · 16,95 €

Band 2

Der Mutter ist jeder Pinselstrich wichtig, der Vater möchte das große Bild betrachten ...

Das lässt sich schön aufs Übersetzen übertragen: Man muss auf jedes Wort achten, um sprachlich richtige Akzente zu setzen, darf dabei aber nicht das große Ganze aus den Augen verlieren, die Geschichte. Ich finde den Schluss des Buches großartig und natürlich auch eine Schlüsselszene: Als Minou das Vogelskelett in ihrer Brust spürt, die wild schlagenden Flügel an den Rippen, als wollte etwas heraus und davonfliegen. Ein großer Augenblick, den Minou auf eine schlichte Wahrheit herunterbricht, nämlich dass sie die Menschen in ihrer Umgebung liebt. Das ist ihre einzige Gewissheit. Wie viel Verstand und Logik, wie viel Phantasie ist notwendig beim Übersetzen?

Verstand, Phantasie, Bauchgefühl – dieses Trio gut proportional verteilt ist die optimale Voraussetzung für eine schöne Übersetzung. Mette Jakobsen hat ein sprachlich großartiges Original geliefert. Und je besser die Vorlage, umso leichter die Übersetzung. Und auch umso besser.

ISBN 978-3-8369-5476-1 · 16,95 €

»Tolle Figuren, spektakuläre Schauplätze, Höchstspannung ... Page-Turner auf hohem Niveau.« Eltern family

Kannst du Kuchen backen?

Nein. Übersetzen kann ich viel besser.

BuchMarkt September 2012

Die Fragen stellte Susanna Wengeler

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www.gerstenberg-verlag.de


Brigitte Jakobeit über MINOUS GESCHICHTE