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SHEEP AHEAD!

tagebuch eines vater-tochter-selbstfindungs-dingens


EPILOG Alles begann mit einer Idee: Der Papa hat noch Urlaub übrig und möchte gerne im Mai nach Schottland. Die Tochter ist zu dieser Zeit mitten im Semester, hat also eigentlich Zeit. Warum also nicht zusammen fahren? Gesagt, getan. Ohne große Vorbereitungen und nur mit groben Plänen in der Tasche machten wir uns auf den Weg nach Schottland. Hauptziel bei dieser Reise war die Insel Islay und hier vor allem die Destillerie Laphroaig. Auf dem Weg dorthin wollten wir uns aber auch einen Überblick über den Rest von Schottland verschaffen und planten einen Roadtrip quer durch‘s Land. Dies ist das Tagebuch aus sieben Tagen, in denen wir knapp 700 Meilen mit dem Auto auf der falschen Seite zurückgelegt haben.


DONNERSTAG 10. Mai

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Gleich morgens um 6.40 Uhr nahmen wir die S-Bahn Richtung Berlin-Schönefeld, von wo aus der erste Flieger nach Köln/ Bonn um 8.50 Uhr abflog. Wir ließen herrlichen Sonnenschein und sommerliche Temperaturen hinter uns, bereits mit dem Wissen, dass es in den nächsten Tagen anders aussehen könnte. Nach leichten Panikattacken beim Start waren wir dann aber kaum in der Luft, als es schon wieder hieß: „Landeanflug“. Den Aufenthalt in Köln/ Bonn versüßten (oder versalzten?) wir uns mit einer Butterbrezel, immerhin hatten wir bis dahin noch nicht gefrühstückt. Etwas „Richtiges“ zu Essen gab es dann im zweiten Flieger. Um 11.55 Uhr Ortszeit landeten wir in Edinburgh. Und, Überraschung: es regnete! Und zwar kein leichter, dahinplätschernder Nieselregen. Nein, es goss wir aus Eimern. Wir entwarfen und verwarfen mehrere Schlachtpläne, wie wir am schnellsten an eine Unterkunft für die nächsten zwei Nächte kämen und entschieden uns letztendlich, der Empfehlung des Reiseführers zu folgen. Dort stand, dass man im Stadtteil Tollcross gute Chancen auf ein B&B hätte. Also bewaffneten wir uns mit kostenlosen Stadtführern und einem Stadtplan und suchten nach Adressen. So kamen wir in den Gilmore Place, wo wir bei mehr als zehn Gasthäusern nach Zimmern fragten. Niemand hatte eines für zwei Nächte. Wir hatten nicht bedacht, dass das Wochenende bevorstand. Also nahmen wir ein Doppelzimmer nur für Donnerstag im Kingsview Guesthouse.

Nachdem wir uns kurz getrocknet hatten, gingen wir zurück in die Stadt und somit auch zurück in den Regen. Völlig durchnässt kamen wir in Bobby‘s Bar, in der wir lecker aßen. Später fanden wir dann doch noch ein Hostel, das für Freitag ein Doppelzimmer frei hatte. Beruhigt konnten wir also einen Drink im urigen aber gemütlichen Pub namens Last Drop genehmigen. Ein Pint später endete der Tag mit einer langen heißen Dusche und Plänen für den nächsten Tag.


EDINBURGH


FREITAG 11. Mai

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Bereits um 8.00 Uhr wartete „Herbergsvater“ Ruary mit einem traditionell schottischen Frühstück auf uns: Haggis, Black Pudding, Corned Beef, Potatoe Scones, Eggs & Bacon. Natürlich nicht ohne Marmelade, Toast, Müsli und Joghurt. Energie für den ganzen Tag! Und tatsächlich: wir hatten erst wieder gegen 16.00 Uhr Hunger. Den Großteil des Tages verbrachten wir wieder im Regen. Vormittags fanden wir zwar eine Autovermietung, diese hatte aber nur noch einen Kleinstwagen: einen FIAT 500. Die Alternative war, zum anderen Ende der Stadt zu einer anderen Vermietung zu laufen. Dementsprechend kompromissbereit nahmen wir also den FIAT und buchten ihn für den nächsten Tag, gespannt darauf, wie es wohl ist, auf der linken Seite zu fahren. Eigentlich wollten wir um 15.00 Uhr eine Stadttour mitmachen, die uns in drei Stunden alle wichtigen Orte Edinburghs zeigen sollte. Das Besondere an diesen Touren ist, dass sie an sich kostenlos sind und man als Tourist am Ende soviel bezahlen kann, wie einem die Tour wert ist und wie es das eigene Budget erlaubt. Allerdings war auch um 15.15 Uhr noch niemand am angegebenen Treffpunkt zu sehen. Also machten wir uns allein auf den Weg in die Stadt.


So besuchten wir zum Beispiel das National Museum Of Scotland, leider allerdings kurz bevor es geschlossen wurde, weshalb wir jetzt nur über die Anfänge der schottischen Geschichte Bescheid wissen. Unter anderem stiefelten wir hoch zum Edinburgh Castle, für das aber 14.50 £ verlangt wurden. Wir verzichteten. Viel lieber investierten wir dieses Geld in ein amerikanisches Abendbrot in der Filling Station und in ein Pint im Fiddler‘s Arms. Dort gab es sogar erstklassige Livemusik und Sitzplätze, die in den umliegenden Pubs tatsächlich rar waren. Am Nachmittag hatten wir bemerkt, dass die Heizung im Hostel nicht funktionierte, doch als wir dann abends erneut pitschnass in unser Zimmer kamen, konnten wir erleichtert feststellen, dass es so langsam warm wurde. Also krochen wir in die noch etwas klammen Betten uns warteten darauf, dass die spanische Reisegruppe aus den Zimmern nebenan endlich Ruhe gab, damit wir in Ruhe von unserem ersten Tag in Schottland träumen konnten.


SAMSTAG

12. Mai

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Um die unruhige Nacht auszugleichen, gönnten wir uns im Pub Biddy Mulligan‘s ein deftiges Frühstück. Als wir uns danach auf den Weg zur Autovermietung machten, konnten wir noch ein letztes Mal Edinburgh genießen - allerdings diesmal im Sonnenschein. Das Wetter war den ganzen Tag über einfach fantastisch. Auch, wenn der Wind noch frisch war, sah die Welt und vor allem Schottland, in der Sonne gleich viel schöner aus. An das Fahren auf der anderen Seite haben wir uns relativ schnell gewöhnt. Aber uns blieb wohl auch nichts anderes übrig... Also ging es Richtung Perth in den Norden Schottlands. Ein kleiner Zwischenstop am Loch Leven war eine tolle Gelegenheit für die ersten Aussichtsfotos und einen kleinen Spaziergang. Auf der Fahrt durch die Highlands sahen wir Seen, schneebedeckte Berggipfel und Schafe, Schafe, Schafe. Von denen gibt es in diesem Land tatsächlich mehr als Menschen, was uns noch das ein oder andere Mal auffallen sollte.


INVERNESS


In Inverness angekommen, fanden wir sehr schnell eine wunderschöne, fast schon luxuriöse Unterkunft im Roseneath Guesthouse: ein großer Raum, zwei Betten und ein schickes Bad. Das war nach dem Hostel-“Horror“ genau das Richtige. Am Abend schauten wir uns ein bisschen in der Innenstadt um. Durch die kleine aber feine Hauptstadt der Highlands fließt der River Ness, der - wie der Name verrät - in den Loch Ness mündet. Völlig logisch also, dass wir uns hier Fish&Chips gönnten. Hier haben wir dann auch gleich bemerkt, dass sich die schottischen Dialekte tatsächlich unterscheiden und die Highlander etwas rauher in ihrer Aussprache sind. Dennoch gaben sie sich sehr viel Mühe und wir konnten uns ohne Probleme verständigen. Anschließend machten wir noch einen kleinen Abstecher zum Loch Ness und zum Urquhart Castle, das dafür berühmt wurde, dass das Monster hier besonders oft gesichtet wurde. Leider sahen wir weder Nessie, noch kamen wir auch nur annähernd nah genug an die Ruine ran. Also erklärten wir uns mit einem Foto vom Straßenrand aus zufrieden und verbrachten den Rest des Abends im Gästehaus - zusammen mit dem Skorpion King und dem Herr der Ringe vor dem Fernseher. Für den nächsten Tag waren schwere Regenfälle angesagt, was uns ein wenig Angst machte...


EILEAN DONAN


SONNTAG

13. Mai

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Eines haben die Schotten uns Deutschen voraus: die Wettervorhersagen stimmen. Den ganzen Tag über schüttete und stürmte es. Wir hatten in den Hochebenen schon Angst, uns würde das Auto von der Straße fegen. Unser Weg führte uns am Loch Ness entlang und wir hielten für eine kleine Wanderung zum Wasser in Invermoriston an. Anschließend fuhren wir zum Eilean Donan Castle, in dem teilweise der Film Highlander - es kann nur einen geben gedreht wurde. Ausnahmsweise durfte man es auch ohne zu bezahlen fotografieren und durch den Sturm bekam die Szene eine wirklich düstere Stimmung. Wir stärkten uns im dortigen Café mit Suppe und Brownie und setzten unsere Tour fort. Viel konnten wir uns an diesem Tag nicht anschauen, da der angesagte „Heavy Rain“ uns einen Strich durch die Rechnung machte.

Unser Ziel für diesen Tag war Fort William. Auf dem Weg fuhren wir an ziemlich hohen Bergen, reißenden Bächen, die einfach so aus den Felsen hervor zu treten schienen und Staudämmen vorbei. Auf den Ben Nevis, den höchsten Berg Britanniens, konnten wir nun leider nicht wandern, aber seinen schneebdeckten Gipfel im Nebel erahnen. In Fort William fanden wir schnell ein Gästehaus und aßen in einem nahegelegenen Restaurant am offenen Kamin. Die einzige Hoffnung an diesem Abend war, dass sich das Wetter besserte, damit am nächsten Tag die Fähre nach Islay fahren konnte.


ISLAY


MONTAG

14. Mai

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An diesem Morgen mussten wir zeitig los, damit wir unsere Fähre bekamen. Aber natürlich hatten wir diesen Zeitdruck genau dann, als die Strecke am schönsten war. Fast immer am Wasser entlang kamen wir an Ruinen, tiefen Schluchten und schönen Häfen vorbei. Aber nicht überall konnten wir anhalten. Als Lohn dafür kamen wir pünktlich bei der Fähre in Kennacraig an. Das Wetter war für schottische Verhältnisse sommerlich und wir legten vom Festland ab. Etwa zur gleichen Zeit riss die Wolkendecke auf und für den restlichen Tag schien die Sonne. Wir hatten eigentlich geplant, direkt im Hafenort Port Askaig nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu suchen. Als wir jedoch von der Fähre runter und gleichzeitig aus dem Ort herausfuhren, mussten wir feststellen, dass es in den drei Häusern dort wohl nicht all zu viele Gästebetten gibt. Also machten wir uns auf nach Bowmore, die Hauptstadt der Insel. Allerdings blieb auch diese eher überschaubar und außer zwei Hotels und zwei B&Bs, die über unserer Budgetgrenze lagen, fanden wir nichts.


BOWMORE


Also fragten wir in der Touristeninformation nach und schon wurden wir an Kate vermittelt, die ihre Zimmer privat vermietete. Hier war nun zwar die gesamte Einrichtung lila, aber immerhin sauber und gemütlich. Nach kurzer Orientierung machten wir uns auf den Weg, um den westlichen Teil der Insel zu erkunden. Wir begannen mit der Südspitze in Portnahagen. Hinter dem auf einer Insel gelegenen Leuchtturm liegt tatsächlich nur noch der Atlantik. Gigantische Wellen brachen sich an den Felsen und zwei Robben dümpelten in der kleinen Bucht umher. Doch immer, wenn wir mit der Kamera dichter kamen, tauchten sie unter, um uns dann später zu verspotten. Aber mit den Touristen kann man es ja machen... Danach fuhren wir auf abenteuerlichen Singletracks durch die Hügellandschaft Islays und mussten eine ganze Kuhherde und das ein oder andere Schaf von der Fahrbahn scheuchen. Letztendlich landeten wir im RSPB-Naturreservat, in dem sich jedes Jahr tausende Zugvögel zum Überwintern einfinden. Ein Regenbogen und ein traumhafter Sonnenuntergang während wir im Strandrestaurant saßen machten den Tag erst recht zu etwas ganz Besonderem. Islay scheint wirklich ein kleines, geheimes Paradies zu sein.


LAPHROAIG


DIENSTAG 15. Mai

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Diesen Tag in Worte zu fassen wird schwierig. Aber wir fangen mal von vorne an: nach dem Frühstück haben wir erst einmal ordentlich gechillt, während uns die Sonne durch‘s Fenster ins Gesicht schien. Eigentlich wollten wir um 11.30 Uhr eine Tour durch die Laphroaig Destillerie machen. Aber als wir fast dort waren, fiel uns auf, dass wir die Flaggen vergessen hatten. Also wurde es dann die Führung um 13.00 Uhr. Laphroaig war von Anfang an das erklärte Hauptziel der gesamten Reise, da man als Friend of Laphroaig einen Squarefeet des Geländes pachtet und beim Besuch dessen ein kleines Deputat erhält. Bei der Führung sahen wir die Destillerie von innen, wurden in die Geheimnisse des besonderen Aromas dieses Whiskys eingeweiht und bekamen natürlich einen Wee Dram, eine kleine Kostprobe des flüssigen Goldes. Vorher begaben wir uns natürlich noch auf die Suche nach unserem Stück Land, dem Plot. Als wir glaubten, ihn gefunden zu haben, erkannten wir, dass wir unseren Startpunkt falsch gesetzt hatten. Also noch einmal von vorne: 463 Fuß (Wellington Größe 12) geradeaus und 609 Fuß nach links. Auch wenn das Gelände hierfür gar nicht groß genug waren, machten wir den Spaß mit und setzten unsere Fahne an die ungefähre Stelle.


THE OA


Anschließend sahen wir uns den restlichen Teil von Islay an. Hierzu gehörte die Ostküste, an der wir viele viele Robben sahen, die sich faul auf einem Felsen die Sonne auf den Pelz schienen ließen. Immer weiter an der Küste entlang fanden wir atemberaubende Strände, die man in Schottland niemals vermuten würde. Jedoch war die Straße irgendwann zu Ende, also drehten wir um und bogen kurz hinter dem Hafenort Port Ellen auf die Halbinsel Oa ab. Und wieder fuhren wir über halsbrecherische Schotterpisten, auf denen uns natürlich genau dann ein Auto entgegenkam, als es keinen Ausweichplatz gab. Wir schafften es aber doch noch zum Leuchtturm und ein älteres Paar gab uns den Tipp, dass hinter einem Haus ein windgeschützter Strand wäre. Das ließen wir uns natürlich nicht zwei Mal sagen. Und tatsächlich: weißer Sand, schwarze Felsen, türkisfarbener Atlantik mit Blick auf Irland und praller Sonnenschein. Ein Stück Himmel auf Erden.

Zurück in Port Ellen machten wir uns auf die Suche nach einem Restaurant und steuerten zielsicher auf den (einzigen) Pub zu. Zitat der Einheimischen: „The Islay-Hotel is very good and the Indian restaurant is... good...“ Somit fiel uns die Wahl nicht all zu schwer. Am Abend gab es dann noch ein super leckeres Black Rock, dass direkt im nächsten Ort gebraut wurde, bevor wir uns dann am Hafen im Sonnenuntergang von der Insel verabschiedeten. Islay ist wirklich ein wunderbarer Fleck Erde, den wir sicherlich nicht zum letzten Mal besucht haben.


GLASGOW


MITTWOCH

16. Mai

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Morgens frühstückten wir wieder mit den beiden Engländern, die auch in dem Haus Urlaub machten. Insgesamt haben wir in den zwei Tagen viele nette Urlauber kennengelernt, die wir auf der kleinen Insel immer wieder sahen. Vor allem der dänische Partybus, der eine feucht-fröhliche Whisky-Tour machte, die beiden Schweden, die ebenfalls in Port Ellen etwas zu Essen suchten und die Bikertruppe aus Niedersachsen liefen uns immer wieder über den Weg und saßen dann auf der Fähre zum Festland wieder neben uns. Auf unserem Weg nach Glasgow fuhren wir fast am gesamten Loch Lomond vorbei. Allerdings nicht auf der Seite des Trossachs Nationalparks, weshalb wir nicht all zu viel gesehen haben. Wahrscheinlich kann man hier schon eine ganze Woche verbringen. In Glasgow angekommen ging alles viel zu einfach, um wahr zu sein: wir fanden das Hostel, bekamen ein gutes & günstiges Zimmer, fanden die Autovermietung, gaben unseren kleinen FIAT ab (er war uns nun doch ein wenig ans Herz gewachsen) und fanden schnell den Bus, den wir am nächsten Tag zum Flughafen nehmen mussten. Eine richtig gute Mahlzeit, zwei Pints und einen Wee Dram später schauten wir aus dem fünften Stock des Hostels aus zurück auf eine fabelhafte, teilweise unwirklich scheinende, abenteuerliche und spannende Woche zurück. Wir haben großartige Landschaften gesehen, viele nette Leute kennengelernt und neue Erfahrungen im wir-fahren-einfach-mal-hin-und-schauen-dann-was-wir-machen-reisen gesammelt. Zum Einen waren wir also traurig, dieses tolle Land zu verlassen, freuten uns aber doch wie wild auf unsere Liebsten zu Hause. Aber wir kommen wieder...


Sheep Ahead  

Tagebuch eines Vater-Tochter-Selbstfindungs-Dingens