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56 Uhr

JETZT WIRD ES STILL! WINNENDEN, OPEL & CO. „SEX IST NIEMALS NUR SEX“ MUSIK: DJ Vadim, Dirty Projectors, Naked Lunch KOLUMNE: „Verschlimmbessern“ von Nilz Bokelberg LITERATUR: Boris Guschlbauer, Benedict Wells

f 4,00

SOPHIE ANDRESKY


MAI 2009

EDITORIAL von Johannes FInKe

Vorbereitet sind wir nie. Vielleicht gut aufgestellt. Aber vorbereitet sind wir nie. Die Stille, wenn der letzte Schuss verhallt ist. Die Starre und Sprachlosigkeit, die unweigerlich folgt. Die Wut. Die Angst. Die Ohnmacht. Die Trauer. Die Leere. Wir alle kennen das. Momente, in denen Sprache versagt. In Zeiten, die auf Sprache nicht verzichten können, in denen Kommunikation das Letzte ist, das bleibt. Also reden wir weiter. Über die Wut. Über die Angst. Die Ohnmacht. Die Trauer. Die Leere. Über die Sprachlosigkeit. Über die Stille.


mai 09

7 Jetzt wird es still Winnenden, Opel, Aggro & Co

22 »das gefühl, die zelle fährt« Jan Off über Toten Trakt und Weiße Folter

26 Verschlimmbessern Ein interaktives Gedankenspiel über das Reisen von unserem Kolumnisten Nilz Bokelberg

28 grosse gier und grosses glück Teresa Bücker über Sophie Andreskys Roman „Vögelfrei“

34 buch- und blattkritik Amanda Ripley, Aravind Adiga, Junot Diaz, Warschauer

38 um nichts Vorwegzunehmen, aber… Roman Libbertz mit und über den Schriftsteller Benedict Wells

40 über die unmöglichkeiten der liebe und die möglichkeiten des zufalls Was passiert, wenn Indie-Herzschmerzästhetik auf Episodenfilmstruktur trifft: Über den Liebesfilm „Universalove“ und die Band Naked Lunch

44 das mittelerde feeling Wenn man Patrick Watson hört, sieht man Elfen tanzen und hört Bäche rauschen. Meint zumindest unsere Musikredakteurin Teresa Mohr.

46 ein stiller ort So sehen Schuhe gut aus. Der Härtetest.

52 ohne worte Stille Fotografien von Szymon Plewa

56 der internationalist DJ Vadim hat viel überlebt: die Veränderungen in der Musikbranche. Den Krebs. Und noch immer ist die Musik seine Heimat.


60 trash pop for truckers in love. oder so. Die Kleinstadthelden kommen aus Osterholz-Schambeck. Klingt schlimmer als es ist.

64 AM ende des flurs Blinker Links sind das, was Die Ärzte schon lange nicht mehr sind: Selbstironisch, anarchisch witzig und erfreulich erfolglos.

66 Neue tonträger Settle, Maximo Park, Karamel, Whitetree

68 Termine im mai Pop-Up-Messe Leipzig, Pollesch, Heinz Strunck, The Dø u.a.

72 spring time Nintendos Wii Fit feiert seinen ersten Geburtstag. Und die N-Public Dancers feiern mit.

76 leserfeedback 77 Horoskop/TOPLISTEN 78 REALITÄT UND FIKTION Ein weiterer Versuch: MySpace startet mit der neuen Web-Serie „Wir sind grösser als GROSS“. Im Gespräch mit Sven Miehe von der Grundy UFA.

80 impressum/vorschau 81 Abonnement 82 Register HEFT ZWEI Literatur: Stefan Kalbers – Jetzt wird es still Ariane Sommer – Borgia-Hügel Boris Guschlbauer – Es ist still in der Wüste Roman Libbertz – Verrostete Liebe Johannes Finke – Coreys Cap Musik: „Wir Künstler sind ja immer die Kanarienvögel in der Kohlegrube.“ – David Longstreth von den Dirty Projectors im Interview Medien: Teresa Bücker – Helden in Hosenträgern – Ein Besuch auf der re:publica’09 Film: Keine Berechnung: Eine etwas genauere Betrachtung zum Kinofilm „John Rabe“


JETZT WIRD ES

STILL! ODER AUCH NICHT.

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schulfrei Es gibt Dinge, Vorfälle und Ereignisse, vermeintlich Unvorhersehbares, das nur unzureichend erklärt oder verstanden werden kann. Sprachlosigkeit macht sich breit. Stille Trauer. Und wir fragen uns: Leben wir wirklich in einer Gesellschaft, aus deren

Gemeinschaft heraus so etwas geschieht? Wollen wir das? Und die wichtigste Frage: Was können wir tun? Was müssen wir tun? Ist es nicht viel mehr, als wir uns eingestehen können? Ersteinmal trauern wir mit. Still. Doch dann muss es laut werden.

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die bahn bleibt Bahnhofsmission. Traurige Abschiede. Sonderzüge zu Auswärtsspielen und Flächen für Sprayer. Die Bahn hat nie Mehdorn gehört. Die Bahn gehört uns.

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zwischen tradition und tod Für die Automobilindustrie wird es eng. Noch spürbarer, wenn die Abwrackprämie wegfällt und der daraus resultierende Strom an Neuwagenkunden irgendwann ausbleibt. Vielleicht hätte man sich früher auf die Anforderungen einer neuen

Zeit, einer neuen Gesellschaft vorbereiten müssen. Die Finanzkrise ist doch nur eine Ausrede. Oder etwa nicht? Haben wir da was verpasst? Nicht nur Opel wird in Zukunft kleinere Autos backen müssen.

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der berg ruft Um was geht es hier? Um den Klimawandel? Das Schmelzen der Gletscher? Um Höhenflüge? Um Stille? Wann waren sie das letzte Mal auf einem Berg?

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aggro ade Nach neun Jahren im Biz verabschiedet sich Aggro Berlin als Plattenlabel. Kurz, schmerzlos und eigen wie immer liest sich die Verabschiedung. Doch auch jetzt wird nichts dem Zufall überlassen und man übergibt die Künstler an Universal. Damit haben die Firmengründer, neben einem von Null-auf-Eins-Album, ihr Ziel erreicht und sind im Musikgeschäft ganz oben angekommen. Es war harte Arbeit,

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ohne Zweifel, doch neben gesundem Geschäftssinn gehört nun mal der richtige Riecher dazu. Was jetzt kommt? Vielleicht ein Film. Oder Games. Aggro hat sich verabschiedet. Hip-Hop und Rap werden noch lange bleiben. Dafür hat Aggro gekämpft. Was die Kids draus machen, ist jetzt den Kids ihr Ding. Alles Gute anyway!


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über den wolken Da fl iegen sie. Rastlos. Im Namen der Völkerverständigung. Ein Gipfel jagt den nächsten und die Mächtigen dieser Welt, zumindest jene, die es scheinbar sind, versuchen Probleme zu lösen. Mittlerweile sind wir bei 1.000.000.000.000 Dollar. Und wahrscheinlich noch mehr Bonusmeilen.

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abstrich für alle Nach der Maxim und der Park Avenue kam zuletzt das Aus für Amica und Vanity Fair. Der Blätterwald lichtet sich. Blogs dagegen sprießen überall aus dem Boden. Keiner weiß, wie sich der Markt für Magazine entwickeln wird. Schade, wir hatten gedacht, die Vanity

Fair würde uns noch eine Weile erhalten bleiben und begleiten. Über kein Magazin wurde mehr diskutiert. Eigentlich ein in Zeichen für Erfolg. Aber wer weiß, ob es BLANK im nächsten Monat noch gibt. Wer kann das schon mit Sicherheit sagen.


»DAS GEFÜHL,

DIE ZELLE FÄHRT« TexT Jan oFF FoTograFie LUCJa RoManoWsKa

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as Gefühl, es explodiert einem der Kopf. Das Gefühl, die Schädeldecke müsste eigentlich zerreißen, abplatzen. Das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepresst. Das Gefühl, die Zelle fährt.“ Diese Sätze stellen sicherlich das in Deutschland bekannteste Zitat zur so genannten Isolationshaft aus der Sicht eines Häftlings dar. Sie entstammen einem Brief Ulrike Meinhofs aus ihrer Zelle in Köln-Ossendorf. Isolationshaft bezeichnet eine Form der Inhaftierung, die den Gefangenen weitestgehend von menschlicher Kommunikation abschneidet. Das beginnt bei der Unterbringung in einer Einzelzelle und dem Verbot der Teilnahme an den gefängnisüblichen Gemeinschaftsveranstaltungen, setzt sich über Einschränkungen im Briefverkehr und im Besuchsrechts fort und endet schließlich bei der Verhinderung der Sicht nach draußen und der Abschottung gegen Außengeräusche. Mit dieser sozialen Isolation gehen häufig Maßnahmen einher, die eine Einschränkung der sinnlichen Wahrnehmung zur Folge haben: beispielsweise Tag und Nacht brennendes Neonlicht, vollständig weiße Wände und eine entsprechend reizarme Inneneinrichtung, luftdichte Zellentüren. Dieses, sensorische Deprivation genannte Verfahren kann, so es über einen längeren Zeitraum zur Anwendung gelangt, zu vielfältigen Störungen

im Denkablauf führen; die Palette reicht hier von Konzentrationsschwächen und Desorientierung bis hin zu Halluzinationen und Depressionserkrankungen. In Verbindung mit dem Entzug sozialer Kontakte ergibt das eine Mischung, die nicht selten körperliche Schäden nach sich zieht. Wer nun darauf schließt, die vordergründige Absicht der „weißen Folter“, wie die eben beschriebenen Methoden von ihren Gegnern auch genannt werden, sei die physische Auslöschung von Häftlingen, irrt. In erster Linie geht es darum, den Gefangenen zu Geständnissen und einem vollständigen Abschwö-

wie körperliche Qualen, zeigt eine Untersuchung der University of London aus dem Jahr 2007. Befragt wurden knapp 280 Folteropfer aus den Kriegen des ehemaligen Jugoslawien, die eine lange Liste unterschiedlichster Foltermethoden mit einem Punktesystem zu bewerten hatten. Isolation war dabei eine der Maßnahmen, die als am stärksten belastend empfunden wurden. Sie erhielt im Durchschnitt 3,5 Punkte auf einer Skala von 0 – 4 (wobei die 4 für äußerst belastend stand). Damit wurde sie ebenso hoch bewertet wie beispielsweise die Körperstreckung oder das Aufhängen an Händen und Füßen.

»Tag und Nacht brennendes Neonlicht, vollständig weiße Wände und eine entsprechend reizarme Inneneinrichtung, luftdichte Zellentüren.« ren seiner missliebigen Überzeugungen zu bewegen. Manchmal mag auch einfach nur übersteigertes Sicherheitsdenken hinter den Maßnahmen stecken. Stets werden bei ihrer Anwendung jedoch gesundheitliche Risiken in Kauf genommen, die im schlimmsten Fall lebensbedrohlichen Charakter annehmen können. Dass psychische Stressfaktoren ebenso traumatisierend zu wirken vermögen

Wirft man einen Blick auf die Geschichte des Gefängniswesens, stellt das mittelalterliche Einkerkern sicher die Frühform der Isolationshaft dar. Einen ersten theoretischen Background lieferten dann die um das Jahr 1820 herum in Amerika entstehenden Bußhäuser. Von Quäkern und Freidenkern als Alternative zur körperlichen Bestrafung befürwortet, wurde jeglicher Kontakt zwischen den dort Einsitzenden verhindert.

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Besuche erhielten sie ausschließlich von Geistlichen, die einzige Lektüre stellte die Bibel dar. Erfahrungen mit kollaborierenden US-Soldaten während des Koreakriegs in den 1950 Jahren ließen in den westlichen Ländern den Verdacht aufkeimen, dass die Gegenseite Instrumentarien zur Gehirnwäsche besäße. Daraufhin setzte in den Vereinigten Staaten, später dann auch in Europa, eine massive Forschung zum Thema Isolation ein. Hierbei wurden neben der speziellen Situation von U-Bootbesatzungen und der von Astronauten auch die Folgen von Einschränkungen im Bereich der Sinneswahrnehmungen auf Einzelpersonen untersucht. Inwieweit Ergebnisse dieser Forschungen später in die Strafvollzugssysteme der jeweiligen Länder Einzug hielten, ist bis heute strittig. Unstrittig ist, dass Isolationshaft und sensorische Deprivation nicht nur in totalitären Systemen zum Tragen kommen. Bekanntestes Beispiel hiefür ist sicher das US-Gefangenenlager Camp X-Ray in Guantanamo. Dunkle Brillen, die den Sichtkontakt verhindern, dicke Handschuhe, die den Tastsinn lahmlegen, ein Hörschutz für die Ohren – der Verdacht, dass hier mit Techniken der Sinnesvorenthaltungen gearbeitet wurde, lässt sich nur schwer von der Hand weisen. Aber auch in anderen demokratischen Ländern finden sich mehr oder minder starke Ansätze von Isolationshaft. Beispielhaft seien hier die Türkei und Spanien genannt, denen von der Gesellschaft für bedrohte Völker und Amnesty International wiederholt vorgeworfen wurde, Menschen ohne ausreichenden Kontakt zur Außenwelt in Haft zu halten. Wer sich mit dem Thema in Bezug auf die Bundesrepublik Deutschland auseinandersetzt, stößt unweigerlich auf die Rote Armee Fraktion und ähnliche Organisationen, deren Mitglieder, so sie denn in Gefangenschaft gerieten,

»In erster Linie geht es darum, den Gefangenen zu Geständnissen und einem vollständigen Abschwören seiner missliebigen Überzeugungen zu bewegen.« gleich einer ganzen Reihe von Sonderhaftbedingungen unterworfen waren. Nun liegt es in der Natur einer Gruppierung wie der RAF, eben diese Haftbedingungen propagandistisch auszunutzen, und so war schnell nicht nur von „Isolationsfolter“ sondern auch von „Vernichtungshaft“ die Rede. Wenn allerdings Verantwortliche für die damalige Situation der Inhaftierten, wie der ehemalige Justizminister Vogel heute davon sprechen, dass es Isolationshaft im Zusammenhang mit der RAF nie gegeben hätte, scheint auch diese Aussage nicht minder weit von der Realität entfernt. Zumindest den RAF-Mitgliedern Astrid Proll und Ulrike Meinhof müssen entsprechende Erfahrungen attestiert werden. Beide saßen in den Jahren 1971 – 73 nacheinander im so genannten „Toten Trakt“ der Vollzugsanstalt Köln-Ossendorf, die eine sechs, die andere neun Monate. Toter Trakt deshalb, da alle anderen Zellen des vom Hauptgebäude abgetrennten Hauses leer standen. Die Zelle selbst war komplett weiß gestrichen und verfügte über ein Fenster, das sich erst gar nicht, später nur einen Spaltbreit öffnen ließ. Das Neonlicht brannte rund um die Uhr. Als Astrid Proll, die im Juni 72 zwischenzeitlich in den Männertrakt der Anstalt verlegt worden war, beim Prozess gegen Horst Mahler aussagen sollte, wurde sie aus gesundheitlichen Gründen für ver-

»Dunkle Brillen, die den Sichtkontakt verhindern, dicke Handschuhe, die den Tastsinn lahmlegen, ein Hörschutz für die Ohren.« 24 I BLANK

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handlungsunfähig erklärt, später dann wegen Haftunfähigkeit vorerst entlassen. Nach der faktischen Auflösung der RAF und dem Ende der zum Teil mit äußerster Heftigkeit geführten Debatten um die Haftbedingungen der ersten und zweiten Generation ihrer Kader, scheint das Thema aus der öffentlichen Wahrnehmung weitestgehend verschwunden. Dabei spielt Isolation, wenn auch sicher nicht in der damaligen Ausprägung, nach wie vor eine Rolle im hiesigen Vollzugssystem. Nach einer Inspektionsreise durch verschiedene deutsche Haftanstalten im April 1996 kam das Anti-Folter-Komitee des Europarates zu dem Schluss, dass die bis zu mehreren Jahren dauernde Isolierung von Häftlingen „unter bestimmten Umständen“ eine „inhumane und entwürdigende Behandlung“ darstelle. Insbesondere in einem Gefängnis in MecklenburgVorpommern würde die Isolationshaft nicht aus Sicherheitsgründen verhängt, sondern als Strafe. Neun Jahre später erhob dasselbe Komitee schwere Vorwürfe gegen die Untersuchungshaftanstalt Hamburg. Die dort einsitzenden Abschiebhäftlinge würden zu zweit oder allein 23 Stunden am Tag weggeschlossen, ohne dabei über Fernseher oder Lektüre zu verfügen. Im Jahr 2008 beklagte das Komitee für Bürgerrechte und Demokratie, dass auch viele andere Gefangene 23 Stunden am Tag vor sich hindämmern würden. Nebenher wurde die faktische Rechtlosigkeit der Häftlinge thematisiert. Selbst wenn die Insassen bessere Haftbedingungen einklagten, gäbe es „keine Möglichkeit, die Gerichtsbeschlüsse zum Beispiel mit Zwangsgeldern durchzusetzen.“ Dieses Mittel sei vom Gesetzgeber einfach nicht vorgesehen. Auch im Hier und Jetzt gilt also: Die Würde des Menschen ist antastbar.


Die KoLUMne von nILZ BoKeLBeRg

Lange hat man drauf warten müssen, nun ist sie endlich da: Die interaktive Kolumne. Am Ende eines jeden Absatzes hat man eine Entscheidung zu fällen. Bitte lesen sie bei dem Abschnitt weiter, der ihrer Entscheidung entspricht. Und nun viel Spaß! Du bist gerade von der Schule gekommen und das ganze Leben steht vor dir. Dazu musst du aber zuerst entscheiden, wie dein Lebensweg jetzt aussehen soll. Was hast du geplant? Erst mal eine große Reise, um die Welt kennenzulernen? Gehe zu 1). Oder sich direkt ins Studium stürzen? Gehe zu 17) Oder möchtest du zuerst einfach mal anfangen zu arbeiten? Gehe zu 17) 1) Du hast dich entschieden, erst mal eine große Reise anzutreten. Das ist vernünftig. Nichts bringt einem größere Vorteile im späteren Berufsleben, als fremde Menschen und Kulturen kennenzulernen. Außerdem wird das die Freundschaftsanfragen in deinem Facebook-Account ordentlich in die Höhe treiben und darauf kommt es ja schließlich an, oder? Des weiteren hast du beschlossen, von deiner Reise zu twittern. Anstelle von ewig langen Blogeinträgen, die die letzten 4 Tage behandeln, wirst du einfach jeden Tag mehrere kleine Tweets auf deine Freunde/Follower loslassen. Das hälst du für direkter, ungefilterter. Und einmal in der Woche wirst du einen großen Blogeintrag schreiben, in dem du deine letzten Tweets

noch mal zusammenfasst. Nun sei mir noch eine Frage gestattet: Weltreise (gehe zu 2)) oder Interrail (gehe zu 3))? 2) Dir ist klar, dass deine Reise nur einen größeren Sinn haben kann, wenn sie dich um die ganze Welt führt. Das leuchtet ein, willst du doch das größtmögliche Kulturenspektrum sehen und erleben. Dafür sollte es dich schon auf jeden vorhandenen Kontinent bringen. Zum Glück hat dein Vater dieses gut laufende Unternehmen und kann dir deswegen deinen Traum nach „direkter Bildung“, wie du es euphemistisch formulierst, erfüllen. Dass du eigentlich nur überall trinken und Backpackerinnen abschleppen willst, muss er ja nicht so genau wissen und ist außerdem dein direkter Beitrag zur Globalisierung im positivst möglichen Sinne. Möchtest du erst nach Südamerika 4) oder nach Australien 5)? 4) Arriba, arriba! Wie wundervoll ist es doch in Mexiko. Was für ein unkompliziertes Land! Dein Check-In im Hotel ging wunderbar schnell und jetzt guckst du dir erst mal die Stadt an. Den Stadtplan hast du wohlweislich im Hotel gelassen, damit du dich nicht sofort als Touri outest. Ja, du magst zwar noch jung sein, aber du weißt, wie man sich zu verhalten hat. Nur wie man jetzt mit dieser Situation umgehen soll, dass du ein paar Blocks entfernt Schüsse hörst, hat dir niemand gesagt. Du zückst dein Handy, um das zu twittern, da bitten dich schon

ein paar freundliche Muchachos um die Herausgabe des Mobiltelefons. Um ihrer höflichen Bitte Nachdruck zu verleihen, unterstreichen sie ihr Anliegen mit einem Messer, das sie an deine Kehle halten. Dir bleibt nur die Wahl zwischen drei Möglichkeiten: 6) Du machst, was sie wollen, um danach die Polizei zu verständigen, 7) du spielst den Helden und tust so, als würdest du sie nicht verstehen oder 8) du fängst sofort an zu schreien. 6) Du reichst ihnen dein Telefon, guckst sie grimmig an und ziehst von dannen. An der nächsten Telefonzelle wirfst du deine letzten Münzen, die sie dir freundlicherweise gelassen haben, in den Apparat und verständigst die Polizei. Dummerweise kommen in diesem Moment die neuen Besitzer deines Handys um die Ecke und kriegen mit, was du tust. Gehe zu 9) 7) Du sagst immer nur „No comprende!“ und lächelst die beiden Typen grenzdebil an. Langsam verlieren sie die Geduld mit dir. Ihr Ton wird lauter und sie fuchteln immer wilder mit ihren Messern rum. Seelenruhig beobachtest du das Treiben. Dir kann ja zum Glück nichts passieren, denkst du. Gehe zu 9) 8) Du hast keine andere Wahl, als einfach laut und hysterisch loszuschreien. Irgendwer wird dir ja wohl helfen, oder vielleicht sind die beiden so abgeschreckt, dass sie eh die Finger von dir lassen. Gehe zu 9)


9) Du kriegst ihr Messer in den Rücken. 5) Gut, du fliegst also erst nach Australien. Da hast du schon viel, und ausschließlich Gutes von gehört. Das dürfte doch ein würdiger Start für deine Weltreise sein. Am Flughafen angekommen, werden erst mal deine Schuhe desinfiziert, damit du keine Festlandepidemien auf die Insel trägst. Als du endlich von oben bis unten steril bist, darfst du passieren. Nimmst du jetzt ein Taxi 10) oder den Bus 11) zu deinem Hotel? 10) Du steigst in das Taxi ein. Den Akzent, mit dem der Taxifahrer spricht, findest du niedlich. Du sagst ihm, wo dein Hotel ist und los geht die Reise. Ahhh. Australien. Endlich bist du hier. Du kurbelst dein getöntes Fenster herunter, um mal die heimische Luft zu atmen. Der Taxifahrer ruft dir noch panisch etwas zu, aber du reagierst zu langsam. Als die australische Sonne, die nicht mehr durch eine Ozonschicht geschützt ist, dich trifft, verbrennst du sofort und nur ein Häufchen Asche bleibt von dir übrig. Du hast an alles gedacht, nur nicht an Sonnencreme. 11) Der Bus ist alt und klapprig und wenig vertrauenerweckend, als er sich ächzend in Bewegung setzt. Aber hey: Dafür ist es die günstigste Version, um in die Stadt zu kommen. Leider ist es auch die riskanteste. Nicht nur, dass dir das Teil jederzeit um die Ohren fliegen könnte, denkst du, auch deine anderen Mitpassagiere sehen alles andere als vertrauenerw… BOOOOM!!! Na immerhin war der Bus schneller als die Schurken. 3) Na, wenn das kein Klassiker ist: Interrail! Du suchst also das große Abenteuer, wie schon so viele vor dir! Das ist doch super, du wirst schon bald einen wunden Arsch haben und für lange Zeit keinen Zug mehr von innen sehen können, aber bis dahin macht es eine Menge Spaß. Mit dem Zug quer durch Europa, hoffentlich sind da noch viele andere süße Mädchen unterwegs, denn hey: Darum geht es hier schließlich auch. Frohgemut besteigst du deinen ersten Zug Richtung Paris. Setzt du dich ins Großraumabteil 12), ins MutterKind-Abteil 13) oder in den Gang 14)? 12) Großraumabteil ist immer gut. Kann man eigentlich immer gut entspan-

nen. Okay, das ist jetzt Pech, dass der einzig freie Platz neben einer Kegeltour 65-jähriger Frauen ist, die sich „Die wilden Hilden“ nennen. Ja, die trinken wirklich schon sehr früh Sekt und Schnaps, aber das sind erwachsene Frauen, die wissen schon, was sie machen. Gut, die werden immer lauter, und die Frikadellen, die sie aus ihrer Tupperware ziehen, riechen etwas streng, aber solang es ihnen schmeckt! Davon lässt du dir doch nicht den Start deiner Reise vermiesen! Eine von ihnen, die wohl schon einen Piccolo zu viel intus hat, kommt auf dich zu. Was nun? Möchtest du lächeln 15), oder stellst du dich schlafend 16)? 15) Du lächelst sie an, als sie auf dich zuwankt. Sie stolpert auf die letzten Meter und fällt dir direkt in die Arme. Unsicher lächelst du weiter und weißt nicht, was zu tun ist. Sie aber umso mehr. Sie bäumt sich auf, ruft nur noch „Mein Retter!“ und steckt dir ihre alte Zunge in den Hals. Du kannst dich nicht wehren, sie ist nicht nur fast dreimal so alt wie du, sondern auch dreimal so schwer. Ihre Freundinnen jubeln laut auf und kommen angerannt. Vermutlich wirst du Paris nicht mehr sehen. 16) Du stellst dich schlafend, als sie auf dich zuwankt. Sie stolpert auf die letzten Meter und fällt dir direkt in die Arme. Du stellst dich weiter krampfhaft schlafend und hörst sie nur etwas lallen von „Munsssumunbeatmung!“, bevor du ihre alte Zunge tief in deinem Rachen spürst. Hustend „wachst“ du auf, aber hier kommst du nicht mehr weg. Nicht nur hat diese Frau dich „besetzt“, jetzt kommen auch noch ihre Freundinnen angestürzt, weil sie auch was von dir haben wollen. Du wirst Paris nicht mehr sehen. 13) Du setzt dich ins Mutter-KindAbteil, weil da noch ein Platz frei ist. Die anwesenden Mütter gucken dich argwöhnisch an. Du lächelst sie einfach an, lässt dich auf den Sitz plumpsen und sagst noch in die Runde: „Der Kevin kommt gleich, ist nur noch gerade auf Toilette…“. Erleichtert atmen die Mütter auf. Jetzt sind sie alle beruhigt. Da du Hunger hast, packst du deine Snacks aus. Du hast dir ’ne Tüte Gummibärchen eingepackt, ein paar Nutella-Brötchen und ein KäseWurst-Mayonaise-Sandwich. Du packst alles aus und legst es vor dich. Sofort

kommen die ersten Kinder und betteln um Gummibärchen. Fröhlich gibst du ihnen welche. Ihre Mütter nehmen sie den Kindern ab und geben sie dir zurück, weil sie nicht aus dem Bioladen sind. „Dann nicht“, denkst du dir, als du deine Cola aus dem Rucksack ziehst und trinkst. Dazu erst mal ein Nutellabrötchen. Die Kinder im Abteil kollabieren, schreien, heulen, toben, weil du ihnen alles vor isst, was sie nicht essen dürfen. Die Mütter fragen dich noch mal, wo denn dein Sohn bleibt und du merkst langsam, dass es hier unangenehm wird. Du versuchst vorsichtig, aus dem Abteil zurück zu weichen. Aber die Tür ist verkantet und du kommst nicht raus. Die Kinder sind schon durchgedreht und stürzen sich auf deine Essensvorräte. Die Mütter haben sie nicht mehr unter Kontrolle. Sofort ziehen sie die Horn-Haarnadeln aus ihren Dutts und gehen langsam auf dich zu. Sie beschimpfen dich. Der Arzt an der nächsten Bahnstation kann nur noch deinen „Tod durch Horn-Haarnadeln im ganzen Körper“ feststellen. 14) Du suchst dir einen Platz im Gang, legst deinen Rucksack hin und versuchst, es dir so gemütlich wie möglich zu machen. Du packst dein Buch aus und fängst an zu lesen. „On the Road“, von Kerouac, was sonst. Das monotone Rattern des Zuges über die Gleise, das schöne Buch mit seiner hypnotischen Langsamkeit, die schlechte Luft im Gang – all das addiert, macht dich unglaublich schläfrig, bis du einnickst. Deswegen bekommst du auch nicht mit, dass an der nächsten Station anscheinend eine Bundeswehrkaserne sein muss, denn die ganzen Jungs fahren in ihren Wochenendurlaub. Leider übersehen sie dich beim Einsteigen und du löst, auf dem Boden liegend, eine Kettenreaktion aus. Der erste stolpert über dich, verliert sein Marschgepäck, woraufhin sich der nächste auch nicht mehr halten kann und so weiter. Als schließlich das ganze Kuddelmuddel wieder aufgelöst ist, kann man dich nur noch mit einem Spachtel vom Boden aufkratzen. 17) Soviel zum Reisen. Sollte das, allen Erwartungen zum Trotz, irgendeinem Leser Spaß gemacht haben, kann man sich ja das nächste Mal um Studium und Beruf kümmern. Oder ums Flirten. Ansonsten lassen wir es lieber. Feedback gerne an: n.bokelberg@blank-magazin.de.


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GROSSE GIER UND

GROSSES GLÜCK TexT TeResa BÜCKeR

In der Krise haben Kinder Konjunktur, verriet Ursula von der Leyen kürzlich der Presse. Doch wo Familienpolitik noch immer keine fröhlichen demographischen ergebnisse zeigt, suchen wir die Impulse an anderer stelle. Die autoren sophie andresky und Jan off sind in diesem Frühjahr ausgezogen die Bücherwürmer ans Bett zu fesseln. Zeit für mehr Porno auf dem Papier.

G

ut geleckt bin ich immer nett. – Das ist die erste weibliche Weisheit, die Marei dem Leser ihres zügellosen Jahres präsentiert. Und ist der Fick danach Höflichkeit? So handhabt es zumindest die Protagonistin von Sophie Andreskys Roman „Vögelfrei“. Dies ist der erste kleine Hinweis darauf, dass ihr Jahr sexueller Streifzüge weniger egoistisch ist, als die subjektiven Schilderungen der Akte zwischen ihr und anderen Frauen, Fremden und Fremdgehern zunächst andeuten. Dennoch schmückt sie jeden Verkehr damit, zuerst zu kommen. Marei stellt die Regeln auf, Marei ist unerschrocken, Marei geht, wann sie will. Das begierige Publikum könnte eine wieder und weiter heraufbeschworene, notwendige sexuelle Befreiung der modernen Frau zwischen den Zeilen heraus lesen, doch auf feministische Appelle hat die versierte Sexkolumnistin bislang immer verzichtet. Möchte eine Frau ihr Schaffen damit adeln, dass ihr erotisches Schriftgut als Normalität und nicht als liebliche Abart aufgenommen wird, ist der Verzicht darauf, die Gleichberechtigung des Verlangens herauszustellen, die elegantere Spielart der Selbstvermarktung. Frauen, die frei über Sex schreiben und reden, lösen bei Feministinnen entweder die Erkenntnis aus, dass sich mal wieder und endlich eine Autorin traut, Erotisches und Pornographisches zu formulieren, oder ein Entsetzen in der Manier Schwarzers, das abermals Gründe fin-

det, Pornographie als etwas grundsätzlich Frauenfeindliches einzuordnen. Genau aber die erst genannte Einstellung führt dazu, dass jeder zaghaft erotische Roman von Frauen frenetisch von den Geschlechtsgenossinnen gefeiert wird. Ein Überlassen der neckischen Schreibe an die vereinzelten Vorlauten, ebnete Werken wie Charlotte Roches leicht bizarrem und weniger hold geschriebenem Buch ‚Feuchtgebiete’ den Weg zum ewigen Bestseller. Unzählige Male pinselte es den pinken Farbfleck ins Bücherregal und trieb den deutschen Feuilletonisten

Doch behaglich privat bleiben auch Sophie Andreskys Erzählungen, trotz Swinger-Partys, dem schnellen Geld über Sex im Netz und Spontanficks mit dem anonymen Gegenüber. Zwar ist Mareis Libido ganz selbstverständlich unbändig und unersättlich, ihre Triebfedern basieren hingegen nicht gänzlich auf Dauergeilheit und Neugier. Das vögelfreie Jahr der bis zum Aufdecken der Affäre ihres Mannes glücklich verheirateten Marei wird durch ein hoch komplexes, emotionales Chaos angetrieben, in dem Genugtuung und Grenzgang,

»Jeder zaghaft erotische Roman einer Frau wird von den Geschlechtsgenossinnen gefeiert.« Angst-, Ekel- und erregten Schweiß auf die eloquente Stirn. Temporär mag danach die Offenheit gegenüber Analsex gestiegen sein, in Frauenzeitschriften und im Fernsehen bewegt sich die Thematisierung von weiblicher Lust immer noch auf eingefrorenem Niveau und verliert sich in Details und Technik. Gleitmitteltests, fernöstliche Stellungswechsel und Beckenbodentraining verweisen den Sex weiterhin öffentlich in die Schranken eines fiktiven Schlafzimmers, auf den IKEA-Küchentisch und auf oder unter den Partner der Wahl. Für mehr Freiheit braucht es entweder Reales in Verschwiegenheit oder den Roman.

Verletzung und Rache und die detailgetriebene Wortgewalt von „Deutschlands wohl erfolgreichster Porno-Autorin“ nur einen kleinen Ausschnitt der bestimmenden Motive bilden. Obgleich die Auseinandersetzung mit dem erzählenden Ich über ausschweifenden Sex als Mittel der Wahl geschieht, begibt sich Andresky eher in das Feld einer Charakterstudie als eines „erotischen Roadmovies“. Dennoch, die Autorin wird mit ihrer resolut erzählten Sprengung von Schamgrenzen Respekt, Applaus sowie eine erträgliche Zahl von Leserinnen und Lesern, vor allem für ihre Beschreibung der Sexszenen ernten.

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In expliziten Worten versteckt sich derzeit ein Erfolgsrezept für weibliche Autorinnen; ein einfacher Weg zur Aufmerksamkeit, da alles zuvor publizierte Verdorbene nur punktuell mit der Etablierung von Normalität geflirtet hat, bevor von uns dafür wieder die Schmuddelecke geöffnet wurde, die wir brauchen, um mit ein wenig Sünde das eigene Ego auf Femme Fatale zu trimmen. Wenn richtiger Sex die Tabuzone verlässt, was bleibt dann für die Unterhaltung? Kichern wir anstatt über den biederen New Yorker Upper-Class-Koitus aus den Betten von Sex and the City über die Korruption in unserem weiblich geführten Bankenvorstand? „Besorg es mir politisch korrekt und privat“ scheint trotz des Pornos in Frauenhand die Diskussionen in der Medienöffentlichkeit zu bestimmen, obgleich dieses Zitat für dein oder mein Schlafgemach keine Gültigkeit besitzt. Wenn, dann auch nur in Form von sporadisch zitierten Studien – wir wissen, dass die Schlafzimmer der Republik nicht in Trauerflor gekleidet sind. Traurig hingegen ist, dass die öffentliche Wahrnehmung, geprägt durch die Sprachrohre für Frauen, Sex mit sexy verwechselt und keineswegs übersexualisiert ist, sondern Sexualität zu einem sozialen Konstrukt aufgebaut hat, dass als Lernmodell für den Beobachter nicht hilfreich sein kann. Vermutlich macht es pädagogi-

Von zuviel Lust um uns herum kann nicht die Rede sein. Die Rezeption von Sex geschieht in Hinsicht auf die weibliche Begierde über Sexyness und Fruchtbarkeit. Laszives Räkeln, hohe Lederstiefel zu gürtelschmalen Miniröcken, gepushte Titten und Babybäuche sind die Artefakte, mit denen wir Sex öffentlich am nächsten kommen und diese

»Wenn richtiger Sex die Tabuzone verlässt, was bleibt dann für die Unterhaltung?« einfallslose Symbolik mit ihm verwechseln. Was in den einen Sphären mit visuellen Reizen hingekünstelt wird, fällt in anderen Bereichen der Öffentlichkeit gänzlich weg. Frauen in politischen und wirtschaftlichen Führungspositionen legen sowohl Sexualität als auch Attraktivität verhuscht zur Seite, um sich einem maskulinen Stil zu nähern, der testosterongeschwängerte Macht ausstrahlt. Sie wirken auf diese Weise zusammen mit ihrem Gemahl und eventuellen Kindern in medialer Darstellung wie ein mechanisches Gefüge, das pragmatisch für Fortpflanzung und Versorgerprinzip steht. Die mächtigen Männer hingegen demonstrieren ihren Sex über aufgedeckte Affären, die ihnen, wie es im umgekehrten Fall eintreten würde, niemals ernsthaft schaden. Der Verführerin winkt als Trophäe die Scham, als Teil

»Sex ist niemals nur Sex.« schen und praktischen Sinn, Kinder mit einem ausgesuchten Porno aufzuklären. Denn Hollywood-Sex in strahlend weißen Laken fügt sich nicht nur nahtlos in das Schauspiel des übrigen Films, sondern bedient auch nur eine kleine Auswahl von möglichen Rollenmodellen und Verführungskonstellationen. Wem sich Sex über den massenmedial verpackten Weg eröffnet, dem stehen vielleicht größere Anstrengungen bevor, von Sex zu profitieren, als jemand, dessen Erziehung ohne Fernsehen gestaltet wurde und der sich im Ferienlager unverhofft ins Neuland stürzt.

gesucht werden kann. Zum anderen ist sie zumeist mental überlegen, selbstbewusst, berechnend und finanziell unabhängig, wodurch ihr weitere Kräfte zur Verfügung stehen, zu verführen und dabei immer die Oberhand zu bewahren. Sie vereint in sich somit solche Eigenschaften, die den Leser im Glauben lassen, sie seien der Heilsweg für den Sex,

eines Ehebruchs weder ihr eigenes, noch anderes Glück befördert zu haben. Ihr Lustgewinn aus der Affäre äußert sich allenfalls über ein der Liaison entsprungenes Kind, das den Sex zwar verrät, diesen aber abermals in das klassische Symbol der Fruchtbarkeit fasst. Sophie Andresky schafft die Verdichtung der zwei Facetten von sexueller Regentschaft in der Erzählerin von „Vögelfrei“: Marei ist zum einen zum Niederknien schön und übt entmachtende Anziehungskraft auf beide Geschlechter aus, so dass zunächst hier eine Verbindung zu ihrem erfüllten Sexleben

den man nicht zu träumen wagt. Allerdings sind diese Charakterzüge und Äußerlichkeiten Zuschreibungen, die von Mareis Partnern oder aus der Perspektive des Lesers wahrgenommen werden. Man trifft Marei nicht beim kritischen Blick vor dem Spiegel, in selbstverliebten Momenten oder erhabenen Handlungen. Man trifft eine Frau, die sich selbst nur in Momenten des Haderns mit dem Verlust des Eheglücks in Frage stellt und ihre Beziehung zu den geladenen Dinnergästen, die ihr das Jahr über Gespielen waren, erst am letzten Tag ihres vögelfreien Jahres reflektiert. Abseits davon gestaltet sie Beziehungen und Sex, indem sie sich gänzlich und mit großem Vertrauen auf Neues einlässt, wartet, laufen lässt und fortgeht, wenn die Zeit es will. Dies hat nicht nur das Entdecken einer Lust zur Folge, die sie bis dahin nicht in sich vermutet hatte, ebenfalls gelangt sie zu einer Erkenntnis, die zum Ende ihres vögelfreien Jahres eine entscheidende Weiche stellt: Sex ist niemals nur Sex. Die Herleitung dieser Einsicht, die Andresky in sechs sexuellen Episoden vollbringt und zudem mit Hauptcharakter Marei das Oxymoron der notgeilen Romantikern auflöst, verleiht der amtlich obszönen Erzählung im entscheidenden Moment den Schliff hin zu einer stimmigen Parabel. Dass Liebe und Ficken einander näher sind, als die Worte nebeneinander gestellt erahnen lassen, kann Sophie Andresky auch über 238 Seiten getippter Fantasien nicht verbergen: Die Gelegenheiten, in denen Marei’s Lust ausbricht, aus Rache, Analyse und fucking the pain away, in denen sie versehen ist mit einem Aufbegehren von Zuneigung, verliebtem Zucken und Ge-

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fühlswirrwarr, lesen sich lauter und wirken, obgleich weniger explizit, näher an der Verheißung. Das ist der Mindfuck, den Sophie Andresky als Schlusswort formuliert. Diese Wendung von Hardcore zu Romanze trifft ihre Leserin mehr in Herz und Hirn als ihre Hüftregion. Die Unentschiedenheit zwischen Porno, dem sachlichen Entflechten von Beziehungen und Unterschlupf in mädchenhafter Verzückung hinterlässt eine Unsicherheit über das soeben Rezipierte. Wenn die Wahrheit irgendwo zwischen großer Gier und großem Glück liegt, schmeckt beides nach Mittelmaß und nicht nach Kick. Jan Offs neuer Roman „Unzucht“ zerrt das Verhältnis zwischen dreckigem Wort und literarischem Leckerbissen gerade. Durch Sprache und Perspektive gelingt ihm zumindest auf dem Papier die einseitige und gradlinige Art von Verführung, die Frauen bisweilen zu schätzen wissen. Die tatsächliche Verlockung wird bei Andresky nicht plastisch. Mit Off‘s Geschriebenen vor sich kann der Leser nicht spielen, kann nur durch Abbruch ausweichen; einmal gelesen hat ihn der Text in der Hand. Ein genialer Halunke, der hinter einem schwarzen, schlichten Cover sein Ge-

»Die Wahrheit liegt zwischen großer Gier und großem Glück.« haftet er, aus augenzwinkernder Vogelperspektive, das Treiben der beiden mit gesellschaftlicher Sicht und Klischees. Die Verdichtung von drei Perspektiven gleicht dem Trick, der beim Sex das Hirn vernebelt und den Moment fesselt, wenn eigenes Empfinden, das des anderen und Vorstellungen von Normalität, Moral und dem, was möglich ist, aufeinander treffen und keinen Sinn ergeben. Verfalle ich der Wortkunst und einem rauen, männlichen Ton oder weit schweifender weiblicher Fantasie, garniert entlang eines Dinners für Gourmets? Ergebe ich mich einer Frau, einem Mann oder vielen Gespielen? Eine Annäherung, hinaus über das subjektive Empfinden, an die Antwort, warum „Unzucht“ aus der Feder eines Mannes, dessen sexuelle Tonart weniger exotisch und in kleinerem Rahmen spielt als „Vögelfrei“ und Frauen möglicherweise näher tritt als Andreskys Roman, dessen pornographische Sequenzen als Brennstoff mehrerer

»Marei lebt das Oxymoron der notgeilen Romantikern.« spür für das würdige Wort versteckt und mit „Unzucht“ ein Werk veröffentlicht hat, das einen Platz als Buchgeschenk des Jahres für die dir nächste Frau mehr verdient hat, als der pinke Bestseller aus dem Hause Roche oder der zwar derb ins Detail zielende, aber seicht in der Sprache weilende erotische Ausflug von Sophie Andresky. Die sprachliche Überlegenheit, aber vor allem die Kunst, die am Körperspiel Beteiligten gleichsam sprechen zu lassen, spricht das Prädikat für den besseren Porno Jan Off zu. Rührend und leicht erzählt er aus der Sicht des männlichen Parts und vermag dank dessen Gedankengängen sowie den Dialogen der Gespielen zum einen die Sicht der ebenso hoffnungslos in der Lust verlorenen Frau einzufangen, zum anderen be-

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eigenständiger Erotikfilme fungieren könnten, liefert die Wissenschaft, nicht das Bauchgefühl. Marta Meana, eine amerikanische Professorin mit einem Forschungsschwerpunkt auf weiblichem Lustempfinden, schlussfolgerte aus ihren Forschungsergebnissen unlängst, dass der weibliche Wunsch nach männlichem Begehren „der Orgasmus schlechthin“ sei (Beatrice Schlag: „Landkarte der Lust“. Die Weltwoche. Ausgabe 14/09). Die Lösung des weiblichen Dilemmas – auf der einen Seite die schiere Lust, andererseits das Jahrtausende alte Interesse an einer langlebigen, verlässlichen, Sicherheit bietenden Beziehung – sieht Meana in einem Beziehungskonstrukt, das einer feministischen Perspektive auf Sexualität widerspricht, obgleich dies

aus ihrer Sicht Lust fördernd wirke: „Wir müssen neue Bezeichnungen finden für eine Fantasie, in der die Frau sich letztlich willentlich dem Mann ergibt.“ So ist der weiblich gesteuerte Streifzug durch die Betten ihrer Lustobjekte in Andreskys Erzählung zunächst erfolgreich darin, die Leserinnen abzufangen, die immer noch Fürsprecher für mehr weibliche Freizügigkeit suchen. Er stolpert aber gleichsam über die einseitige Jagd nach dem eigenen Vergnügen, da er das Wechselspiel zwischen Machtausübung und Hingabe missachtet, das Jan Off sowohl einseitig bestimmt als auch wechselseitig inszeniert und zudem seine Protagonisten unnachgiebig aufeinanderprallen lässt, wenn sie in gleiche Rollen schlüpfen. Die Dramatik zündet hier. Die sexuelle Emanzipation der Frauen darf daher nicht in der vollständigen Übernahme der Kontrolle über das Geschehen gesucht werden, sondern in der Auflösung jeglicher Rollenmodelle, die letztendlich die Spannung aufkocht. Zwar mögen gesellschaftliche Strukturen noch nicht für den weitergehenden Aufbruch von Rollen bereit sein, unsere Betten und Bücher sollten den Nährboden des Festgefahrenen hingegen längst überwunden haben. Durch die Plakatierung von Klischees, zu denen popkulturelle Schriften selbst die sexhungrige Frau stilisiert haben, scheint lediglich der Applaus näher, das erlösende Seufzen hingegen weiter entfernt. Zumindest für den Bereich Porno muss gelten: weniger Diskurs, mehr Praxis.

Sophie Andresky Vögelfrei Heyne Verlag

Jan Off Unzucht Ventil-Verlag

LITERATUR

anze


Competition for young European fashion designers. Special guests for 2009: Designers from Africa & the Middle East.

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End date: 15.06.2009 Final show in Berlin presenting the 30 Finalists: October 2009 BLANK I 33

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13.02.2009 18:24:18


BUCH- &

BLATTKRITIK warschauer nr.57,

Frühling/ Sommer 2009 Seit über zwanzig Jahren gibt es das oder den Warschauer, ein Musikmagazin mit den Schwerpunkten Punk, HC und allem, was dazugehört. Oder wie es die Macher selbst formulieren: Das Magazin für Gegenkultur. Und das sind in dieser Ausgabe u.a. 1000 Robota, Tomte, Slipknot und Ted Gaier, Gründungsmitglied der Goldenen Zitronen, dem der Satz der Ausgabe vorbehalten ist: „Das ist natürlich auch ein komischer bürgerlicher Luxus: Ich kann mir aussuchen, womit ich mich identifiziere.“ Bei so einer Einsicht werden wir wohl auch mal nachfragen müssen. (PB)

wortlich – betrachtet es vielleicht sogar als sein eigenes. // Lass Tiere wie Tiere leben und Menschen wie Menschen. Das ist meine Lebensphilosophie in einem Satz zusammengefasst. // …und gestatten Sie, dass ich mich auf den Boden setzte und dem Ventilator zusehe, wie er das Licht des Kronleuchters zerhackt. // Das Licht und die Finsternis fließen beide nach Delhi. „Der weisse Tiger“ ist ein kraftvolles, erschreckendes, rechtfertigendes und politisches Buch. Das Werk wurde letztes Jahr mit dem „Booker Prize“ ausgezeichnet und ist in 16 Ländern erschienen. (RL)

der weisse tiger

survive. katastropen – wer sie überlebt und warum

Der vierunddreißigjährige indische Schriftsteller Aravind Adiga hat mit seinem Debütroman eine Geschichte verfasst, in die man eintaucht, aber auch gezwungen ist, aufzutauchen, um der Realität ins Auge zu blicken. Der ehemalige Fahrer Balram schreibt zahlreiche, ineinander greifende Emails an den chinesischen Premierminister, in denen er nicht nur sich, sondern auch sein Land, wie seine Landsleute erklärt. Hier trifft Stolz auf Religion, Liebe auf Verstand und Geld auf Anpassungsfähigkeit. Einige der besten Zeilen: Die länglichen Schießscharten wurden bei Sonnenaufgang zu rosarot brennenden Strichen, bei Sonnenuntergang leuchteten sie golden, der blaue Himmel lachte durch die Schlitze und der Mond schien auf die gezackte Brüstung; die Affen tobten wild auf den Mauern entlang, kreischten und sprangen einander an, als wären sie die wiedergeborenen Seelen toter Krieger, die ihre letzte Schlacht noch einmal kämpften. // Ich bin kein origineller Denker, aber ein origineller Zuhörer. // Wenn man einen ermordet, fühlt man sich für dessen Leben verant-

Dieses Buch handelt, wie es der Titel vermuten läßt, vornehmlich vom Überleben des Menschen, sowohl in und als Masse, aber auch vom individuellen, sehr persönlichen Überleben. Darüber hinaus versucht es zu erklären, aufzuzeigen, zu führen. Zum Beispiel so: „Es gibt zwei Arten von Evolution: eine genetische und eine kulturelle. Beide formen unser Verhalten, doch die kulturelle Evolution ist weitaus fortgeschrittener. Wir haben mittlerweile viele Möglichkeiten, „Instinkte“ zu entwickeln. Wir können nämlich lernen, Dinge besser oder schlechter zu machen. Wir können das Wissen darüber, wie man mit den Risiken der heutigen Zeit umgeht, ebenso leicht weitergeben wie unsere Sprache.“ Letztere ist bei dem Buch zuweilen ein wenig das Problem. Doch wer gerne Überlebensberichte liest und glaubt, sich mit dem Ausblick auf kommende Tsunamis, Flugzeugabstürze, Brände und Terroranschläge gewappnet fühlen zu müssen, findet hier etwas Beistand, denn nichts macht mehr Mut, als unglaublichen und ach so menschlichen Geschichten Überlebender zu folgen. Tote erzählen im Gegensatz dazu bekanntlich ja nicht viel. Außer

Aravind Adiga (C.H. Beck)

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LITERATUR

Amanda Ripley (Scherz, Fischerverlage)


zeig mir dein... ...Bücherregal und ich sage dir, was für ein Mensch du bist. In dieser Ausgabe gleich zwei Mal. Zuerst der Einblick bei Songwriter Jens Friebe, der mit „52 Wochenenden“ auch bereits ein literarisches Werk vorlegen konnte. Dass der Verbrecher Verlag dazu noch eine kritische Ausgabe herausgebracht hat, spricht für sich. Oder für Friebe. Oder für den Verbrecherverlag. Oder für keinen. Seine letzte Platte hieß übrigens „Das mit dem Auto ist egal, Hauptsache dir ist nichts passiert“.


vielleicht einem Gerichtsmediziner bei C.S.I.. Und ungefähr da können wir dieses Buch auch ansiedeln: gut geschnitten, modern, nicht zu verkopft und emotional. In Zeiten, in denen Katastrophen medial derat schnell verbreitet, aufbereitet, analysiert und ausgeschlachtet werden, wird dieses Buch seine Ratgebersuchenden Leser finden. (PB)

das kurze wundersame leben des oscar wao Junot Diaz (Fischer Verlage)

Der 1968 in der dominikanischen Republik geborene Junot Diaz hat mit seinem ersten Roman den Pulitzer-Preis gewonnen. Seine Hauptfigur Oscar Wao ist das exakte Gegenteil eines Dominikaners. Er ist sehr dick, Rollenspielfan und ihm scheint das südländische Feuer vollständig zu fehlen. Der Umstand, dass sein einziges Bestreben im Kennenlernen von Frauen besteht, lässt die Tragödie ihren Lauf nehmen. Einige der besten Zeilen: Seine Überlegungen kamen der Ja/ Nein-Logik einer Stubenfliege so nah wie nur möglich. // Mit Nelson Pardo, der zum Einbrecherkönig des Viertels aufstieg, bevor er zu den Marines ging und im ersten Weltkrieg acht Zehen verlor. // Maritza war vielleicht nicht in vielen Dingen gut – beim Sport, in der Schule oder bei der Arbeit – aber sie hatte ein Talent für Männer. // Die Angst war gewaltig, eine grausige, lähmende Angst wie beim Anblick einer gezogenen Pistole oder eines fremden Mannes, der beim Aufwachen plötzlich neben dem eigenen Bett steht, aber diese Angst dauerte fort, wie ein unendlich lang gehaltener Ton. // Die Dunkelheit hielt sie in ihren Klauen, sie glitt durch die Tage wie ein Schatten durch das Leben. // Er versuchte, ruhig zu bleiben – denn die Furcht, so lehrt uns der Wüstenplanet, tötet das Bewusstsein – doch es gelang ihm nicht. // In Santa Domingo verbreiten sich gute Nachrichten so schnell wie der Donner, aber schlechte so schnell wie das Licht. // Sie erzählte von einer Reise nach Berlin, die sie mit einer Freundin aus Brasilien, einer umoperierten Transe, unternommen hatte, und den Zügen, die manchmal so langsam fuhren, dass man eine Blume neben den Gleisen hätte pflücken können, ohne die Nachbarblumen zu stören. // Denn alles, was man träumen kann (er hob die Hand), kann man sein.

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LITERATUR

„Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ ist ein Märchen, nicht im herkömmlichen Sinne, vielmehr ein traumhaftes. Es ist ein moderner und sprachlich variantenreicher Roman, der durch die oftmals raschen Tempo- wie Protagonistenwechsel nie an Spannung verliert und den Leser am Ende als halben Dominikaner zurückzulassen vermag. (RL) Neuerscheinungen im Mai Volker Wieprecht & Robert Skuppin „Das Lexikon der verschwundene Dinge“ (Rowohlt Berlin, VÖ 02.05.) Noch ein Lexikon oder wie der Verlag das nennt: „ein charmant-witziger Nachruf auf liebgewonnene Dinge“. Die zwei Autoren sind laut Meinungsmedium Freitag „Radiogiganten“, die in diesem Buch und in diesen schweren Zeiten auf ein bewährtes Motiv setzen: Nostalgie. Michael Ebert & Timm Klotzek „Planen oder treiben lassen?“ (Heyne, VÖ 25.05.) Die beiden Autoren sind Chefredakteure der NEON, dem Magazin für Beziehungsgeschädigte, Neo-Romantiker und Junggebliebene. Und so prankt auch das Logo recht prominent auf dem Buchcover dieses modernen Ratgebers, in dem auch Lebensentscheidungshelfer wie Tim Mälzer zu Wort kommen. Mehr darüber eventuell im nächsten Heft. Jodi Picoult „Neunzehn Minuten“ (Piper, VÖ 20.05.) Die Tageszeitung „Die Welt“ attestiert der Autorin ein „sagenhaftes Gespür für Themen, die wie das offene Feuer durch die Ritzen der Gesellschaft brechen.“ In diesem Fall das in neunzehn Minuten von einem 17-jährigen angerichtete Massaker. Mit Winnenden im Rücken wird die Startauflage von 100.000 Exemplaren wahrscheinlich auch in Deutschland recht schnell ihre Käufer finden. Helge Schneider „Bonbon aus Wurst“ (Kiepenheuer & Witsch, VÖ 25.05.) Diesen Mann kann man durchaus als Institution beschreiben und begreifen. Dieses Buch ist „Mein Leben pur“. Da sind wir ja mal gespannt.


Und dann der intime Blick ins Bücherregal bei Miriam Yung Min Stein, die 2004 mit Schlingensief „Kunst und Gemüse“ für die Volksbühne verfasste und zuletzt mit ihrem Buch „Berlin Seoul Berlin – Aus der Reise zu mir selbst“ für Aufsehen sorgte. Stein schreibt u.a. für die Spex und die Süddeutsche Zeitung und lebt in Berlin.


UM NICHTS

VORWEGZUNEHMEN,

ABER…

eine KoLUMne von RoMan LIBBeRTZ TeiL 3 BeneDICT WeLLs

Bücher haben bei vielen meiner Freunde den Ruf, langweilig und einschläfernd zu sein. Umständliche Sätze, endlose Beschreibungen anstatt fesselnder Geschichten. Das muss verflucht noch mal nicht sein! Ein Ansatzpunkt. Durch den Bezug zum Autor oder die Hintergründe, warum dieser oder jener Roman geschrieben wurde, kann Verborgenes sichtbar und ein Buch zu mehr als einem Buch werden. Kinderleicht. Mir geht es jedenfalls so. Hier der Versuch, einen Roman für dich lebendig zu machen. „BECKS LETZTER SOMMER“ „Ich habe den Roman in einer Wohnung, ohne Heizung und mit Klo auf dem Gang geschrieben.“ Ich traf mich an einem Sonntag um achtzehn Uhr im Münchner „Schummans“ mit dem jüngsten Autor des Diogenes Verlag. Natürlich hatte ich sein Portrait auf dem Buchrücken beim Lesen der 455 Seiten nicht nur einmal angesehen, aber trotzdem hätte ich ihn nicht erkannt. Wie auch, seine Haare waren auf einmal, zwar nicht ganz geschoren, aber doch sehr kurz rasiert. Zurückhaltend kam er herein. „Hier war ich noch nie. Ich mag Schicki-Micki nicht so“, sagte er mit großen Augen, was ihn für mich bereits äußerst sympathisch machte. Abgesehen von der nun zu Ende gegangenen fünfjährigen Flucht nach Berlin, lebt der ehemalige Internatsschüler nun zum ersten Mal richtig in München. Jetzt durfte es auch wieder die Landeshauptstadt sein, denn die ersten zwei Auflagen seines Debütromans waren in Windeseile ausverkauft und somit vorbei die Zeiten, in denen er gezwungen war, die Gemeinschaftstoiletten zu benutzen. „Joey Goebel ist ein großartiger Schrifsteller“ Anders, als von sich zu reden, begann er noch vor der Rotweinbestellung, einen Kollegen zu loben. Benedict findet, dass dieser Goebel ein besseres Debüt hingelegt hat als er. Der junge Wells selbst schrieb zwei Jahre an „Becks letzter Sonmer“. Wie lange wird dann wohl „Vincent“ vom ersten Tastenklicken bis zur Fertigstellung gedauert haben?

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„Mir haben hier in München die Kontakte gefehlt, ich war ja immer auf dem Internat. Münchner Freunde hatte ich deshalb kaum welche.“ Als ich ihn vorschnell zum Außenseiter schubladisieren wollte, erklärte er mir: „Auf den Internaten war ich eigentlich der Typ, der immer sehr viele Freunde hatte. Ich habe den Abiturstreich moderiert und solche Sachen. Ich habe ja auch zwei Jahre bei „Menschen bei Maischberger“ gearbeitet und war im Fussballverein in Berlin und so. Es war eher so, dass mich das Schreiben einsam gemacht hat, es war aber eine bewusste Enstcheidung. Ich bin nicht auf der Suche nach Freunden. Ich habe tolle Freunde, nur musste ich für das Schreiben eben ein Stück Geselligkeit aufgeben, das ich früher hatte und jetzt wieder aufgreifen kann.“ Angesprochen auf die Lobeshymnen der Zeitungen und Magazine: „Naja, was sich ein bisschen verändert hat, ist natürlich die Sache mit den Frauen. Ich habe geschrieben, oder ich schreibe natürlich auch für Frauen, ich liebe Frauen und eigentlich schreibt doch jeder Schriftsteller nur für sie.“ Benedict Wells wollte früher immer eine Mischung aus Nick Hornby und John Irving werden. „Diogenes war immer mein Lieblingsverlag.“ Was sich wie eine Dankbarkeitsgeste gegenüber dem Haus, das ihn veröffentlichte, anhörte, wurde mit unzähligen Geschichten über Bücher, die er früher so gerne gelesen hatte, untermauert. Dann schwärmte er von der, auch in meinen Augen, ausgezeichneten

Buchhandlung „Lehmkuhl“ in der Leopoldstrasse und schmückte aus, wie aufgeregt und stolz er gewesen sei, als dort seine Münchner Lesung stattfand. „Ich bin Schriftsteller.“ Nicht nur einmal hatte der junge Ben, wie er gerne gerufen wird und auch Emails unterschreibt, seine Freunde mit Ideen, Seiten, sämtlich dem Plan, Schrifsteller zu werden, genervt. Ermüdend war für ihn die lange Zeitspanne, die sein Buch bis zur Veröffentlichung brauchte und viele in seinem Umfeld hatten auch nicht mehr an seinen literarischen Werdegang geglaubt. Kein Wunder, „Becks letztes Jahr“, so der Arbeitstitel des Werkes, umfasste in seiner ersten Version knapp 1500 Seiten, da Wells vorab das gesamte Leben seiner Protagonisten niederschreiben musste, um das Gefühl für den besonderen Sommer, „Becks letzten Sommer“, gewinnen zu können. „Ich mag Beck.“ Zum Inhalt: „Becks letzter Sommer“ ist eine Geschichte über Individualismus und persönliche Freiheit. Auf Deutsch, es geht um Chancen und zwar ungenutzte, genutzte und zukünftige. Der junge, unehrgeizige Lehrer Robert Beck hat sich in seiner Lebensplanung ein wenig verheddert und versucht, sich durch die Liebe, durch Freundschaft und durch seine Musikleidenschaft freizukämpfen. Agiert oder reagiert er nur? „Beim Schreiben habe ich oft an Christian Ulmen gedacht, der wäre perfekt, falls das Buch irgendwann einmal verfilmt wird.“ An diesem Abend klingelte nicht nur ein-


mal das Telefon und sein Agent informierte ihn über ein neues, höheres Angebot für die Filmrechte. Einige der besten Zeilen des Buchs: Dann sprach Beck davon, dass er gar nicht älter geworden sei, sondern nur unbeweglicher und ängstlicher. // Er hat den Vorfall einfach weggetrunken, dachte er. // Sie lachte wie eine besoffene Courtney Love, also einfach nur Courtney Love. // Vor lauter Geilheit auf Trinkgeld grinsten sie pausenlos. // Er rettete sich in eine Zigarette und sah dem Rauch zu, als wäre es das Wichtigste der Welt. // Er war nicht mehr der Michael Douglas aus Wall Street, er war nur noch irgendeine gewöhnliche Arschgeige an einem heißen Julitag in München. // Es sind Gespräche wie diese, die das Leben als lieblosen Unfug enttarnen, dachte Beck. // Andys gutes Aussehen öffnete Türen, die sein Charakter wieder schloss. // Wie er eingezogen wird, kämpft, verliert, überlebt, seinen Kopf mit grausamen Bildern auflädt, die ihn für den Rest seines Lebens lähmen werden. // Nun, die gute Nachricht ist: Ja, es geht vorbei, sagte er schließlich. Und die schlechte: Alles andere auch. // Dafür sprechen sie gut Deutsch. Tue ich nicht. Wir unterhalten uns gerade in Englisch. //

Mir fehlt immer etwas. Wenn ich alleine bin, fehlt mir was, wenn ich mit jemandem zusammen bin, fehlt mir auch was. Da ist immer eine Leere in mir. Die anderen Menschen sehen so glücklich aus, alles wirkt bei Ihnen so leicht. // Wer gedankenbegabt ist, ist auch gedankengefährdet? „Ich bin wirklich gedankengefährdet.“ Ben schläft jede Nacht mit Hörbüchern oder Inforadio ein. Er mag den Klang von Stimmen und läßt sich liebend gerne Geschichten erzählen, weil er sonst die ganze Nacht im Bett liegt, wach bleibt, nachdenkt oder an Kapiteln feilt. Was ist seine Lieblingsstelle im Buch? Der Tod von Becks Vater. Anfangs hat Beck ein sehr distanziertes Verhältnis zu ihm, aber eines Nachts träumt er den Herztod seines Vaters nach und fühlt auf einmal mit ihm mit. Benedict Wells, also Ben, ist, so wie ich ihn über zwölf Stunden kennenlernen durfte, nicht so jung, wie er aussieht. In seinem Kopf existiert ein genauer Plan und er macht sich auch nichts aus Hindernissen. Schreiben befreit ihn, gehört zu ihm und man nimmt diesem Menschen das wirklich gerne ab.

Becks letzter Sommer ist eine Reise. Eine Reise durch Erinnerungen, Vorstellungen über das Leben und die Realität. Das Buch ist witzig, spannend, skurril, melancholisch und ergreifend, oder schlicht: ein Buch über das Mitgefühl. Sein nächstes Buch „Spinner“, das im Herbst erscheint, wird von einer verrückten Woche in Berlin handeln, in der ein Zwanzigjähriger langsam die Kontrolle über sein Leben verliert. In seiner gestrigen Email stand noch folgendes: „Wehe du schreibst etwas über meine derzeitige Frisur!!!!! Gruß eines Uncoolen.“ Verlosung Wir verlosen zwei Exemplare von „Becks letzter Sommer“. Einfach Mail mit dem Betreff „Lese-Sommer“ an verlosung@blankmagazin.de senden.

Benedict Wells Becks letzter Sommer

Roman · Diogenes

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ÜBER

DIE UNMöGLICHKEITEN

DER LIEBE UND DIE MöGLICHKEITEN DES ZUFALLS TexT DANIEL VUjANIc FoTograFie STILLS/UNIVERSALoVE

Was passiert, wenn Indie-Herzschmerzästhetik auf Episodenfilmstruktur trifft? Die Kollaboration der Band Naked Lunch und des Regisseurs Thomas Woschnitz versucht sich an einem elliptischen Gleiten durchs Ungewisse. Die Bilder propagieren hierbei eine Art Kameratourismus der stoisch köchelnden Stimmungen und sich intuitiv auffaltenden Ahnungen, während der mixtapeartige und häufig schrammelige Sound für die rezeptorische Bodenhaftung sorgt.

A

lles fängt mit einem schlagenden Herzen an und hört mit einem in der Zeit eingeschlossenen B er n s t ei n mom ent auf. Nicht nur in der Intro und Outro bildenden Episode zwischen Rashid und Julie im lichtumkränzten Marseille. Auch das männliche Paar in Luxembourg erlebt diesen speziellen, alles übermannenden Bernsteinmoment in einem menschenleeren Hallenbad, wenn auch unter Wasser und wahrscheinlich „nur“ als re-animierte Erinnerung eines Liebhabers. Man kann zwar aus dem stets viel zu großen Spiel der Liebe aussteigen, aber das traurige Echo auf vielen, alltäglichen Bedeutungsebenen bleibt und das emotionale Verebben besitzt nun mal seine eigene, unkalkulierbare Zeitlichkeit. Das zeigt „Universalove“ mit jeder verstreichenden Minute. Die Stärken des Films, also die lose

durch melancholische Musikstücke und verlorene Stimmungen miteinander verwobenen Episoden, sind aber auch gleichzeitig sein größtes Problem. Die strukturelle, erzählerische Diskontinuität erlaubt dem Zuschauer zwar, seine eigene Assoziationsmaschine anzuwerfen, sorgt aber auch für eine gewisse Beliebigkeit beim Spurenlesen. Somit leidet die Dramaturgie des Films manches Mal eben auch an der einbalsa-

mierenden Freiheit der Lesbarkeit ihrer Bilder, ganz nach dem Motto: Es soll für jeden was dabei sein. Da kann dann die Kraft der Symbole zum Ausgleich mal noch so eindeutig sein. Was aber an „Universalove“ zuallererst auffällt, ist diese verschobene emotionale Natur: Eine fatalistische Einbahnstraße, in welcher sich alle Protagonisten der verschiedenen Episoden zu befinden scheinen. Das sorgt für

»Man kann zwar aus dem stets viel zu großen Spiel der Liebe aussteigen, aber das traurige Echo auf vielen, alltäglichen Bedeutungsebenen bleibt.« FILM BLANK I 41


eine stilbildende Statik; eine scheinbare Ausweglosigkeit bis hin zur Selbstaufgabe, die höchstens von der Unvorhersehbarkeit des Zufalls unterbrochen und auch umgelenkt werden kann und werden will. Ironischerweise sind es dabei gerade die alltagserleichternden Kommunikationsmedien und -instrumente (Handy, Computer, TV), die in ihrem (dys-)funktionalen Determinismus die Umschwünge und Wendungen herbeizitieren. Der kaputte Fernseher, der in den Slums von Rio de Janeiro eben NICHT für einen Telenovela bedingten, kurzzeitigen Eskapismus sorgt, der abgestürzte Rechner, der als eine Art Datenfriedhof mit all seinen verborgenen Dateien das Liebesleben eines Computerfachmanns in Tokio völlig aus der Bahn zu werfen droht, oder die zu spät abgehörte Mailbox eines Mobiltelefons in Belgrad, die einen Knoten nach 15 Jahren unausgeglichener Beziehung zum Platzen bringt. Die scheinbaren Unfälle sorgen für das Tempo und für die Handlungsschübe. Es ist das Ausbremsen, Vertrösten, das einseitige Hoffen und Warten, was aus den Poren von „Universalove“ sickert und was aber auch einen Großteil des Charmes der fünfundsiebzig Minuten ausmacht. Die Musik von österreichs wohl einflussreichster Indieband passt somit ebenfalls wie der berühmte „Eimer auf den Arsch“. Naked Lunch hatten sich in ihrer inzwischen fast zwanzigjährigen Karriere ebenfalls

»Der Film lebt und zehrt von der speziellen und durchaus funktionalen Verwebung zwischen Naked Lunch‘s sonischer IndieTristesse und Thomas Woschnitz‘ ätherischen Bildern.« 42 I BLANK

FILM

»Was an „Universalove“ zuerst auffällt, ist diese verschobene emotionale Natur: Eine fatalistische Einbahnstrasse, in welcher sich alle Protagonisten zu befinden scheinen.« dem Aufschieben, Warten und Vertrösten verschrieben, emotional – in ihrer Musik, wie auch veröffentlichungstechnisch – zwischen „The Next Big Thing“-Hype und völlig in der Versenkung verschwundenen Alben, nach denen kein Hahn mehr krähen wollte. Und das, obwohl sie eigentlich stets die besseren, weil weniger prätentiös elektronisch tönenden Notwist sind und immer schon waren. Für das Feuilleton wäre ihr in Indierockbratzigkeit gegossenes, weltumarmendes Lennon/ McCartney-tum eh zu anachronistisch. Für „Universalove“ erweiterte das Trio aus Klagenfurt ihr unterschwellig immer schon etwas der verdrogten Flaming Lips-Glückseligkeit zusprechendes Repertoire, noch um tongewordene Tom-Waits-Hobo-Kirmes, universelle Dylanismen und ein paar mutierte Casiobeats, die in ihrer beliebigen Schrulligkeit überall auf der Welt als „I‘m-So-Lonesome-I-CouldCry“-Loner-Sound identifiziert werden können. Was soll‘s. Jedenfalls lebt und zehrt der Film von der speziellen und durchaus funktionalen Verwebung zwischen Naked Lunch‘s sonischer Indie-Tristesse und Thomas Woschnitz‘ ätherischen Bildern – und das einem Musikvideo gar nicht so unähnlich. Manchmal kommen Dinge, die zueinander passen, eben auch zusammen und sind dann mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile. Love is universal. Ziemlich einfach, oder? Was bleibt also am Ende, außer dem, in sich zusammengezogenen, verdichten wollenden Titel „Universalove“? Vielleicht das wunde Gefühl, wenn es nicht ums „Sich-fallen-lassen-können“ oder um die Heilsamkeit der universellen Liebe geht, sondern um

eine prinzipielle Zerrissenheit und die gebetsmühlenartige Suche nach etwas Besserem, einem lebenswerteren Gefühl, untermalt von schaurig-stimmigen Bildern einsamer Fußmärsche, voyeuristischer Inselungen unpersönlicher Imbissbuden/Wettbüros und Menschen entzweiender öffentlicher Räume. Die wenigen besänftigenden, oder eben auch mal die Dramaturgie vorantreibenden Ausnahmen sind schön positioniert und cinematographisch wohl irgendwo zwischen Jarmusch, Wenders und Kusturica anzusiedeln. Es bleibt aber glücklicherweise nicht nur der Eindruck eines mit europäischen Fördergeldern gesegneten Zitatenkinos mit Arte-Anspruch, sondern einfach nur ein ruhiger, statischer Film über die Variablen, Codes und Wechselwirkungen der Liebe. Das ist schon mal ziemlich viel. Verlosung Wir verlosen 2 x den O.S.T. von „Universalove“, erschienen bei Louisville Records. Einfach Mail mit dem Betreff „Ich will Liebe“ an verlosung@blankmagazin.de schicken.


DAS

MITTELERDE FEELING

iNTerVieW TERESA MoHR FoTograFie UNIVERSAL MUSIc

Wenn man Patrick Watson hört, sieht man Elfen tanzen und hört Bäche rauschen. BLANK: Es kommt mir vor, als würdest du dich gerne hinwegträumen. Liege ich da richtig? PAtricK WAtsoN: Ja, ich mag es, an andere Orte gebracht zu werden, wenn ich Musik höre. Oder wenn man durch eine Gegend läuft, die man schon hundertmal durchquert hat – sobald man einen Soundtrack dazu hört, sieht alles anders aus. Man sieht Dinge, die man vorher nie bemerkt hat. Das mag ich. Musik kann dich dazu bringen, auf ganz andere Dinge zu fokussieren. Derselbe Ort kann völlig anders aussehen, wenn du einen anderen Soundtrack hörst. Fünf verschiedene Arten von Musik bedeuten auch, dass du fünf unterschiedliche Orte erkunden kannst, dank des jeweiligen „Soundtracks“.

»Ich mag es, an andere Orte gebracht zu werden, wenn ich Musik höre.« Ich bin ja auch viel auf Tour. Und ab und zu bin ich dann ziemlich fertig. Aber ich will mich nicht so fühlen, also höre ich meinen liebsten Bollywood-Soundtrack aus den 60ern, kein Mainstream-Kitsch. Sobald ich das anmache, fühle ich mich wie in Little India – plötzlich habe ich am Flughafen die Zeit meines Lebens. Weil ich mich dann superwach und sehr lebendig fühle. BLANK: Wie würdest du die Unterschiede vom ersten Album „Close To Paradise“ zu deiner neuen Platte „Wooden Arms“ beschreiben?

PW: Auf jeden Fall weniger Piano. Wir wollten ein „Science Fiction Folk“-Album machen. Nicht im Sinne von Science Fiction, wie man sich das eigentlich vorstellt, man denkt ja gerne an Roboter, sondern eher fantastisch. Science Fiction, das sind für mich Geschichten mit einem seltsamen Twist. BLANK: Eure Songs nehmen unheimlich viel Raum ein, es gibt lange, lange Intros, viele Spielereien, insgesamt ist das Album sehr unkonventionell, man muss sich Zeit dafür nehmen. Scheint fast ein Statement gegen eine Zeit zu sein, in der alles wahnsinnig schnell geht. PW: Ich würde es nicht als Statement gegen irgendetwas sehen. Aber es ist so, dass wir uns tatsächlich nicht an aktuellen Strömungen orientieren. Und es war und wird mir auch immer sehr wichtig sein, zur Ruhe zu kommen, die Natur zu genießen. Fernab vom Informationszeitalter. BLANK: Twitter hat mir gezwitschert, dass du gerade in Island warst. Ein Land, das mit seiner ungewöhnlichen Landschaft die perfekte Umgebung für deine Musik zu sein scheint. PW: Ja, wir haben dort aufgenommen. Wenn man in Island ist, fühlt man sich immer wie in einem Märchen, alles ist grün. Und da ich ein großer Naturfreund bin, fasziniert mich dieser Ort sehr. Er ist total seltsam – schön und gleichzeitig unheimlich. BLANK: Ein bisschen so, wie man sich Mittelerde vorstellt. PW: Tatsächlich sollte „Herr der Ringe“ auch dort gedreht werden, aber sie konnten sich das wohl nicht leisten. Island ist neben seiner zauberhaften Seite aber auch ein Land, wo man seinen Finger in eine blubbernde Flüssigkeit steckt und ihn nie wieder sieht. Eine sehr brutale Landschaft. Irgendwie kann man fühlen, wie die Erde permanent in Bewegung ist.

BLANK: Wenn wir schon gerade bei Naturphänomenen sind – „Down At The Beach“ hört sich nach einem gehörigen Pilztrip an. PW: Wir haben den Song im Studio improvisiert. Auf Pilzen waren wir nicht, aber ein bisschen betrunken schon. Pilze – das war das letzte Album. „The Storm“ und „Slip Into Your Skin“ haben wir auf Pilzen aufgenommen. Wir haben uns aber nicht ständig zugeknallt – das ist dann doch ein wenig anstrengend. Ein Pliztrip sollte etwas Besonderes bleiben. Etwas, das man nicht jeden Tag macht, und wenn, dann in Begleitung wichtiger Menschen. BLANK: Was ist die „Machinery Of The Heavens“? PW: Den Titel für den Song hatte ich schon vorher. Und den Song habe ich in der Nacht geschrieben, in der mein Baby geboren wurde. Die Fruchtblase meiner Frau platzte, und wir haben im Krankenhaus gewartet – dabei habe ich den Chorus geschrieben. Es machte Sinn, den Song so zu nennen.

Patrick Watsons Skizze von New York, mit der unsere Musikredakteurin auf ihre Reise dorthin vorbereitete.

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EIN

STILLER ORT Fotografie Matthias David


SCHUHE: K-Swiss


SCHUHE: ADIDAS NIZZA MID SLEEK W


SCHUHE: ADIDAS MARK GONZALES HIGH HEELS: RULES BY MARY


SCHUHe: GRAM SoCkeN: cAMEL AcTIVE 50 I BLANK


SCHUHe: NIKE SoCkeN: cAMEL AcTIVE BLANK I 51


OHNE

WORTE FoTograFie SZYMoN PLEWA


DER

INTER NATIONALIST TexT ELMAR BRAcHT FoTograFie MATTHIAS DAVID

Hier geht es um keinen Newcomer. Ganz und gar nicht. Es geht vielmehr um Musikgeschichte. Um eine bewegte, im wahrsten Sinne des Wortes. Im Schnitt zwei Mal pro Woche legt Dj Vadim auf. Überall. Die Welt ist sein Zuhause geworden. Menschen treffen seine Leidenschaft. Die Musik seine Heimat. Und das wird hoffentlich so bleiben.

E

s gab eine Zeit, da hätte der gebürtige Russe DJ Vadim Furz- und Rülpsgeräusche aufnehmen, bei Ninja Tunes veröffentlichen können und mit Sicherheit 50.000 Einheiten davon verkauft. Mit ziemlicher Sicherheit. Die Fangemeinde war damals schon groß. Die Community anders organisiert. Er weiß das. Und sagt das auch. Dabei lächelt er ein wenig schelmisch und man könnte fast glauben, er hat tatsächlich mal mit diesem Gedanken gespielt. Das war so Mitte der 90er Jahre. Dass er es nie getan hat, spricht für ihn. Aber dies Wissen macht es heutzutage mit Sicherheit nicht einfacher, im Musikbiz zu bestehen. Die Zeiten haben sich verändert. Und so ist Vadim auch mehr als nur ein DJ, sondern ein Handlungsreisender für die gute Sache, ein Botschafter für internationale Beziehungen und Style. Dass er dabei nicht nur verwaltet, sondern weiter fleißig daran arbeitet, sich, seine Skills und seinen Sound stetig voranzubringen, zu verbessern und seinen Horizont zu erweitern, unterscheidet ihn von so manch anderen Musikern mit annährend Kult-Status. Viele sind auf der Strecke geblieben. DJ Vadim ist noch

da. Und das ist nicht nur musikalisch zu verstehen. Als bei ihm Krebs diagnostiziert wurde, hat er nicht aufgehört zu leben, hat um sich und um seine Musik gekämpft. Und er hat gewonnen. Dass ihm der alltägliche Kampf im harten und mühseligen Musikbiz jetzt vorkommen könnte wie Kindergarten, könnte man direkt verstehen. Auch wenn sich die Zeiten geändert haben.

»Es gab eine Zeit, da hätte DJ Vadim Furz- und Rülpsgeräusche aufnehmen, bei Ninja Tunes veröffentlichen können und mit Sicherheit 50.000 Einheiten davon verkauft.« MUSIK

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»DJ Vadim findet stets den richtigen Sound zum Beat, den richtigen Beat zum richtigen MC. Oder eben anders herum.« Dass die Zeiten sich verändert haben, fällt ihm dennoch regelmäßig auf. Auch in Berlin, eine Stadt, die er liebt und nach eigener Aussage seit 1991 „zwischen dreißig und vierzig Mal“ besucht hat. Oft hat er hier aufgelegt, hat Freunde und kennt sich aus. Auch er glaubt an die Größe und das Gute, das diese Stadt zu bieten hat, vergisst jedoch nie die stets alles umwehende Vergänglichkeit. Das ist geblieben. Grund geHot Shit Wir haben DJ Vadim gefragt, was wir in nächster Zeit mal so beobachten sollten und geben seine Empfehlungen an dieser Stelle gerne weiter: Julien Dyne „Very dope, kiwi producer making some ill ill ill shit.“ Aktuelle VÖ: „Phantom Limbo“ (From The Crate Records) www.myspace.com/ juliendyne Menahan Street Band „I thought it was the real deal from the 70‘s when i heard this funk band. Sick!“ Aktuelle VÖ: „make The Road By Walking“ (Dunham Records) www.myspace.com/ dunhamrecords ladi6 „Fat Freddys Drop collaborator. Dope debut LP!“ Aktuelle VÖ: „Time Is Not Much“ (Question Music) www.ladi6.com

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nug, ihn im neuen und im alten Berlin zu fotografieren. Was es bedeutet, dass die letzten Schneeflocken des Winters just in diesem Moment fallen, als wir über die vier Spuren der Karl-Marx-Allee sprinten, kann man jedoch schlecht sagen. Ihn erinnert es daran, dass sein nächster Gig bei den British Snowboard Champs im schweizerischen Laax ist. Da hätte sich das mit dem Schnee dann auch geklärt. Und vorbereitet wird er dann auch sein. Hier in Berlin ist er es nicht. Zumindest was die Garderobe angeht. Aber ein Freund hatte gemeint: „Komm für ein paar Tage nach Berlin. SuperWetter hier!“, doch nichts war’s. Berlin erlebt seinen letzten Kälte-Einbruch. Der Frühling muss noch warten. Wir hätten gerade alle nichts dagegen, wenn er einfach kommt, brechen an der Stelle ab und fahren zum Potsdamer Platz für das zweite Bild. Dort wird es surreal. Zu den Schneeflocken gesellt sich Sonnenschein. Wir staunen nur noch. Doch zurück zu DJ Vadim und zum Wesentlichen, seiner Musik. Die neue Platte heißt „U can‘t lurn Imaginashun“ (bbe, VÖ 08.05.) und featured u.a. Big Red, Sabira Jade, Heidi Vogel, La Method und Kathrin DeBoer. Die Tracks und Songs zeugen von einer langen Reise in und durch eine Community, die schon längst nicht mehr zu verorten ist. Auf diesem Album findet sich altbewährtes, sicher bewahrtes und aufregend neues. Immer auf hohem Niveau, immer geschmackssicher. DJ Vadim findet stets den richtigen Sound zum Beat, den richtigen Beat zum richtigen MC. Oder eben anders herum. Zuweilen soll er ab und an sogar selbst zum Mikrofon greifen. Das nennt man dann vielleicht Altersmut, auch wenn er die Sachen dann durch irgendwelche Geräte jagt, um sich selbst originär sampeln zu können. Er wird so einiges machen, um seine Musik, seine Sounds zu finden. Wer weiß, vielleicht haben wir schon zu Rülps- und Furzsamples getanzt, im Berliner Icon, im Tübinger Depot oder anderswo. Damals.

Ninja Tune Dieses 1991 gegründete britische Label ist eine Institution, eine Legende, ist Kult. Vielleicht ist Ninja Tune sogar ein eigenes Genre. Neben den Labelgründern Matt Black und Jonathan More alias Coldcut, veröffentlichten hier bereits Größen elektronischer Musik wie Kid Koala, The Herbaliser, Mr. Scruff und Amon Tobin.

Der Tag in Berlin endet in einem kleinen, schicken Laden, der angeblich für seine Fish&Chips und Suppen bekannt ist. Fish&Chips kennt er aus London, seiner Wahlheimat. Wieder. Nachdem er zwischendurch mal New York versucht hatte. Doch das war nicht sein Ding. Und unglaublich teuer da. Überschätzt. DJ Vadim bestellt sich eine Rote Linsensuppe.

»Er sitzt da, ganz ruhig, unaufgeregt, ausgeglichen. Man könnte neidisch werden.« Er sitzt da, ganz ruhig, unaufgeregt, ausgeglichen. Man könnte neidisch werden. In der Ruhe liegt die Kraft. Stille Wasser sind tief. Schön, das Titelthema ankratzen zu können. Er sagt noch, dass das überhaupt keine Linsen-, sondern eher so etwas wie eine Gemüsesuppe sei, trotzdem ganz lecker. Dann löffelt er ganz langsam und gemütlich seinen Teller aus.


TRASH POP

FOR TRUCKERS

INODER LOVE. SO. iNTerVieW TERESA MoHR FoTograFie MATTHIAS DAVID

Die Kleinstadthelden kommen aus osterholz-Schambeck. Klingt schlimmer, als es ist. BLANK: Seid ihr denn tatsächlich die Helden von Osterholz-Scharmbeck? Wie steht man euch da gegenüber? simoN: Wir haben jetzt 130 Konzerte gespielt, da waren auch echt geile Sachen dabei, so was wie New Model Army, aber das checken die alles gar nicht. Wenn man aber bei irgend einem Radiocontest den zweiten Platz macht, ist man auf einmal die Nummer. Dann landet man die nächsten vier Wochen hintereinander in der Zeitung, erst die komplette Titelseite, dann immer weniger. Oder wenn man auf dem Stadtfest auftritt… ULLi: Die meisten unserer Aktivitäten haben ja auch nicht wirklich viel mit der Stadt zu tun, weil wir ja eher außerhalb spielen. simoN: Wir haben auch immer eher außerhalb gespielt. Simon hat im Kulturzentrum gearbeitet und dort die Konzerte organisiert und meistens sind wir dann zum Austausch in deren Stadt gefahren und haben dort gespielt. Wir kamen also gar nicht in die Situation, immer in Osterholz oder Bremen spielen zu müssen.

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BLANK: Wie war es mit New Model Army auf Tour? simoN: Ja, das war super. Am ersten Abend sind wir mit den Jungs erstmal in die Kneipe gegangen, es war also nicht so, dass wir völlig von denen abgeschirmt waren, wie es sonst so oft der Fall ist. Die kommen auch an, und fragen vorher, wie es uns geht. Es gibt auch nicht gesondertes Catering oder so. Wir sind da, um Musik zu machen – genauso wie sie auch. ULLi: Die sind ja jetzt auch nicht mehr die Dicksten... wer weiß, wie das sonst gewesen wäre. BLANK: Hat man es schwerer, sich hochzuarbeiten, wenn man nicht in einer Großstadt lebt? ULLi: Wenn man als Band quasi schon fertig ist, dann spielt das sicher keine Rolle. Aber es ist natürlich so, dass, wenn ich in Hamburg gelebt hätte, die Auswahl an Leuten, mit denen man etwas machen könnte, viel größer gewesen wäre. Man hätte mehr ausprobieren können. FeLix: Andererseits ist es ja auch von Vorteil, dass man sich nicht ständig Ge-


»Wir sind da, um Musik zu machen.« danken machen muss. Wir haben uns damals gefunden und sind auf einander eingestimmt. Dann hat man auch nicht diesen heftigen Druck. ULLi: Ich könnte auch nicht sagen, ob es in Hamburg nicht sogar schwerer ist, sich eine Fanbase zu erspielen, weil die Konkurrenz logischerweise viel größer ist. BLANK: Könnt ihr von dem, was ihr bis jetzt macht, eigentlich leben? simoN: Nein, eigentlich sind wir „hauptberuflich“ Studenten – abgesehen von Ulli, der sein Studio hat. Vom Aufwand her ist es die Band, aber eigentlich studieren wir. Demnach knapp sind auch unsere Finanzen bemessen. FeLix: Das heißt: studieren, jobben, Band.

bringen. Trotzdem, vom Aufwand und von der Motivation her ist definitiv die Band das, was wir wirklich wollen. Der Rest läuft mehr oder weniger gemächlich nebenher.

BLANK: Was studiert ihr? FeLix: Lehramt. Alle. Kann man gut mit der eigentlichen Berufung vereinbaren. Man kann sich einigermaßen seine Zeit einteilen.

BLANK: Da ihr heute für uns modelt, jetzt ein paar Modefragen. Welche Rolle spielt Mode in eurem Leben? Beschäftigt ihr euch damit? FeLix: Ich muss gestehen, dass ich schon ganz gerne mit meiner Freundin shoppen gehe. Für uns beide, nicht nur für sie. Ab und an lasse ich mich dann auch mal überreden – letztens endete das in einer grünen Stretchröhre. Ich musste allerdings im Nachhinein feststellen, dass sie mir nicht steht. Das ist nicht mein Style. ULLi: Also ich musste letztens, als ich auf der Suche nach einer Bootcut-Jeans war, feststellen, dass diese Trenddiktatur ganz schön nervig ist. Es gibt gerade nur Röhrenjeans, ich werde wohl zum Second-Hand-Laden gehen müssen. Das man so etwas nicht bekommt, nur weil es nicht In ist, finde ich schon hart. Ich prangere an!

BLANK: Heißt das, ihr habt euch den Studiengang nach dem Zeitaufwand ausgesucht? FeLix: Nein, wir haben eben alle eine soziale Ader.

»Studieren, jobben, Band.« simoN: Ich hab Bock aufs Lehrersein. FeLix: Man sollte sich das überlegen. Wenn man eben nicht das machen kann, was man möchte, muss man sich auch schon mal eine gute Alternative zurechtlegen. Und wir sind eben alle anscheinend soziale Typen, die Bock haben, mit Leuten was zu machen, was rüberzu-

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BLANK: Bald ist endlich wieder Sommer – was steht da für euch an? simoN: Wir werden im Studio sein und das Album vorproduzieren. Und hoffen, das jemand kommt und uns einen Vertrag hinlegt. ULLi: Oder wir releasen wieder selbst, so wie beim letzten Album auch. Es wäre allerdings wünschenswert, mit einer Plattenfirma zu arbeiten, weil dadurch alles etwas leichter wäre. Finanzen spielen da keine unerhebliche Rolle. Man hat einfach viel mehr Möglichkeiten.

BLANK: Und welche Styles gehen überhaupt nicht? ULLi: Diese Rock’n‘Roll-Shirts von H&M – wenn das kleine Mädchen tragen, aber gar nicht wissen, wer Motörhead oder Iggy Pop sind. NieLs: Rosa Polohemden.

simoN: T-Shirts mit dämlichen Sprüchen à la „Ich bin dreißig, hilf mir über die Straße.“ ULLi: Obwohl ich sagen muss, dass „Bier formte diesen wunderschönen Körper“ schon ganz gut ist. FeLix: Ja, aber vermutlich nur, weil das auch unser Motto sein könnte. simoN: Und an Frauen kann ich gar nicht sehen, wenn sie Jeans tragen, die an der Seite nur von Cordstreifen zusammengehalten werden. ULLi: Ich muss mich immer noch an die Röhrenjeans gewöhnen – da bin ich immer noch von den 80ern verstört. Ich find normal gut. Was auch immer das ist. FeLix: Und T-Shirts von kleinen Bands finde ich auch gut. Weil die sich echt Mühe geben und man das T-Shirt ja meist am Merchandise-Stand nach dem Konzert gekauft hat, das Kleidungsstück also mit einem schönen Erlebnis verbindet. BLANK: Und was ist schick? FeLix: Hemden trage ich gerne mal. Oder eine Jackett aus dem Second Hand. simoN: Mein absolutes Lieblingsstück ist eine Jeans, die eigentlich schon halb zerfallen ist. Ich kann sie aber nicht wegwerfen und ziehe sie immer an, wenn ein Shooting ist oder eine geile Party ansteht.

BLANK verlost drei Kleinstadthelden-Pakete, jeweils mit der aktuellen CD „Resignation und Aufstehen“, einem T-Shirt und Buttons. Einfach bis zum 30.05. eine Mail mit Betreff „Kleinstadthelden“ an verlosung@blank-magazin.de schicken und Glück haben.


PoLo: K-SWISS HoSe: THE NoRTH FAcE SCHUHe: K-SWISS

PoLo: NEW ERA HoSe & SCHUHe: K-SWISS

PoLo: TIMEZoNE HoSe: K-SWISS

HUT: NEW ERA PULLoVer: K-SWISS SHirT & HoSe: RIP cURL SCHUHe: ASIcS

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AM ANDEREN

ENDE

DES FLURS TexT TILL eRDenBeRgeR FoTograFie MaTThIas DavID

Es stinkt zum Himmel, dass dem dreizehnjährigen Nachwuchsrevoluzzer Millionenseller wie Ärzte oder Tote Hosen als Speerspitze der einschlägigen Musik vorgesetzt werden. „Punk ist nicht tot – Aber er riecht so“ lautet denn auch eine nicht lustige und trotzdem überstrapazierte Weisheit zum Zustand der jugendkultur in Deutschland. Dabei gibt das Genre „Punkrock“ alles her, was es braucht, um beim Gammelkreis am Bahnhof geschmackssicher punkten zu können.

W

er erinnert sich an die letzte, im März erschienene Ausgabe des BLANK? Da ging es um die Band Rise Against und vor allen Dingen um die gesellschaftliche und politische Relevanz des Punkrock. Es ging seinerzeit um Themen wie Tierrechte, Innen- und Außenpolitik der USA und vor allem um die Legitimität von Kriegseinsätzen. Und was damals vom Autor kurzerhand und etwas vorschnell zur reinen Lehre des Punk ausgerufen wurde, ist doch nichts weiter als eine der vielen Spielarten des nach wie vor lebendigen Genres „Punkrock“. Und weil BLANK den Scheinwerfer gerne kreisen lässt, ist im Mai das andere Ende des breiten Spektrums dran: Blinker Links, Punkrock aus dem Rheinland. Es muss irgendwann Anfang des Jahres gewesen sein, da erklang aus den Lautsprechern in der Grafikabteilung „Pimmel raus, Mofa fahren“, ein völlig beknackter Song über pubertären Moped-Spaß im mütterlichen Garten. Reime aus der Grundschule, Akkordfolgen für den Gitarrennachwuchs und ein Text, der mit „abstrus“ wohlwollend umschrieben ist. Zusammengefasst: Ein Hit! Und während der aufrichtige politische Korrektling pflichtschuldig Refrains

für den Weltfrieden skandiert, schreiben Blinker Links für ihr Publikum Hymnen der Marke „Blinker Links Ficken Tod“ und drehen dazu auch noch ein herrlich asynchrones Video mit Nichthandlung und gelangweilt dreinblickenden Nebendarstellern. Und damit sind Blinker Links das, was Die Ärzte schon lange nicht mehr sind, sein wollen oder können: Selbstironisch, anarchisch witzig und erfreulich erfolglos. Erfolglos im besten Sinne natürlich. Unkorrumpiert,

Zielgruppenvertreter zeichnet, wird aus diesem Zitat doch die grundsätzliche Atmosphäre deutlich, die die vier Musiker um Sänger Kollege umgibt: Dadaismus ist Trumpf, Message Ballast und Spaß der König. Hervorgegangen ist die Band um Sänger Kollege aus den in der heimischen Punkszene reichlich wohl gelittenen Chefdenkern, die in den letzten Jahren nicht nur auf dem Force Attack – dem Mekka der Sicherheitsnadeln- und Lederjacken-Szene – reüssierten, sondern

»Blinker Links sind das, was Die Ärzte schon lange nicht mehr sind: Selbstironisch, anarchisch witzig und erfreulich erfolglos.« völlig unverdächtig. Die Band-Webseite ist bestenfalls als „rudimentär“ zu bezeichnen, Gigs finden selten, aber dafür nicht selten in beinahe konspirativem Rahmen statt und Promo passiert in Untergrundpostillen wie dem „Trinker“. In einem Review zur bislang letzten Blinker Links-Scheibe „Der liebe Gott sieht alles“ heißt es reichlich treffend: „Wer also nicht der bierspießige Anti-PunkSkinhead ist, sollte hier mal eine Prise von nehmen.“ Und obwohl „Anti-PunkSkinhead“ kein ganz klares Profil der

sich auch einen Ruf als ironiesichere Wörterschmiede erarbeitet haben. Mit Texten der Güteklasse „Pimmel fahrn mit Mofa raus – sieht super sexy aus“ wird es BL-Mastermind Kollege, der im vergangenen Jahr aus dem Rheinland nach Berlin übersiedelte, nicht ins Vorprogramm von Bad Religion schaffen. Aber das kann man auch unmöglich wollen. Mögen wir uns nie vorwerfen lassen müssen, Blinker Links in den Mainstream gezerrt zu haben. Aber beruhigen wir uns selber: Das wird nicht passieren.

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NEUE ToNTRÄGER settle „at home we are tourists“ (Epitaph Records)

whitetree „cloudland“ (Ponderosa/Edel Kultur)

„At Home We Are Tourist“ ist eine der Platten, über die man eigentlich nicht viel sagen kann. Die Referenzen von Emo über Indie bis Punkrock liegen auf der Hand. Seit 2001 gibt es die Band aus Easton in Pennsylvania bereits und nach der nicht unüblichen Besetzungsrotation hat man in den letzten fünf Jahren mehr oder weniger konsequent auf dieses Album hingearbeitet. Produziert von Adam Lasus, der als Produzent bereits bei Clap Your Hands Say Yeah seine Finger im Spiel hatte und gemischt von Ken Andrews, in gleicher Funktion bereits für Jimmy Eat World und Pete Yorn tätig, ist diese Platte tatsächlich ein richtig gutes Debut in der Kategorie Indie Rock, was auch immer das bedeuten mag, geworden. (PB)

maximo park „Quicken the heart“ (Warp/Rough Trade)

„Und ab geht die Luzie!“ denke ich schon beim ersten Track „Wraithlike“. Sirenengeheul untermalt den Refrain, eine Ahnung von Irrsinn liegt in der Luft. Dass Sänger Paul Smith, der Joe Cocker des Indie-Rocks, nicht nur bei seiner Performance gerne mal an die Grenzen geht, ist nichts Neues. Die erste hymnische Single „The Kids Are Sick Again“ übt Sozialkritik an der Überfütterung durch Medien und Konsum, Durchdrehen scheint die logische Konsequenz. Und das ist es ja auch, worum es bei Maximo Parks drittem Album wiederholt geht: Den Druck, die Wut, den Stress loszuwerden, der sich im jungen, modernen Menschen so anstaut. Vielleicht mit etwas mehr lyrischer Tiefe und musikalischer Raffinesse bzw. Experimentierfreudigkeit wie bisher, doch stets nach ähnlicher Brauart. Überraschungen, wie die psychobillyeske Hammond-Orgel bei „Overland, West of Suez“ verhindern, dass einem langweilig wird. Solide. (SH)

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Das alte Spiel mit den Gegensätzen ist das alte Spiel mit den Klischees. Was passiert, wenn kühle E-Musik auf sonnige U-Musik trifft? Wahrscheinlich hängt die Qualität des Ergebnisses allein von den Protagonisten ab. Dabei sorgt bei dem Trioprojekt Whitetree lustigerweise gerade der italienische Komponist – und Schüler von Luciano Berio – Ludovico Einaudi für die Popelemente, während sich die umtriebigen und elektronikpopaffinen Lippok-Brüder Robert und Ronald (of To Rococo Rot fame) um analoge und digitale Abstraktion bemühen. So weit so gut. Wie funktioniert die Musik? Zunächst einmal fällt die Zurückgenommenheit dieser elektro-akustisch glitzernden Musik auf. Die Stücke sind häufig linear und additiv um das raumgrei-

karamel „maschinen“ (Devil Duck Records)

Johann Scherer alias Karamel (nicht zu verschweigen Sidekick Sebastian Nagel an der Lead-Gitarre) kommt aus Hamburg und da fühlt er sich offensichtlich auch verdammt wohl. Zusammen mit Thies Mynther (Superpunk, Phantom/Ghost) betreibt er das Clouds Hill Recording Studio, in dem er als Produzent, Co-Produzent oder Mischer bereits Produktionen von 1000 Robota oder Frank Spilker begleitete.

fende und stets tonangebende Piano herum arrangiert, welches romantischimpressionistische Figuren ins Stereobild streut, die dann wiederum auf sparsame Rhythmen (Schlagzeug, Glockenspiel, prozessierte Becken, Rechnerbeats) und elektronische Texturen/Loops treffen. Das Ergebnis erinnert zuweilen an eine Art cineastisch-melancholische und ziemlich „erwachsen“ tönende Fahrstuhlmusik. Selbst wenn es einmal, und das kommt nicht allzu häufig vor, nach Eruption und emotionaler Verdichtung tönt („Tangerine“), wird elegant die dramaturgische Handbremse angezogen. Was zum einen etwas schade ist, aber eben auch einen Großteil des Charmes der Musik von „Cloudland“ ausmacht. Der köchelnde Ambient-Pop schreit nicht nach Aufmerksamkeit, ist aber auch zu gut und zu detailiert gemacht, um als Loungetapete schnell seine Halbwertszeit zu überschreiten. Was bleibt, ist ein in sich ruhendes, dreiviertelstündiges Instrumentalwerk voller Soundtrackmelancholia à la Craig Armstrong, gepaart mit leisen Glitchmutationen und symmetrischer Minimal-Music-Zeitlichkeit. Und – hey! – es ist in seinem eklektischen, connaiseurhaften Grenzgängertum sogar richtig gut. Wer Probleme hatte, eine Stimmungsmusik zwischen den Arbeiten von Christian Fennesz, den Soundtracks von Philip Glass und Erik Satie´s Pianomeditationen zu finden, wird hier definitiv sein Audioglück finden. (DV)

Doch den Großteil an Liebe und Leidenschaft steckt er in seine eigene Platten. Und das ist gut. Karamel geht stets tief, läßt ebenso tief blicken und Schmerzen spüren. Aber nun mal auch die Liebe. Das ist das, was ihn auszeichnet. Dass auch Kollege Gisbert zu Knyphausen auf „Maschinen“ als Gast in Erscheinung tritt, dürfte dementsprechend keinen verwundern. Das passt ganz wunderbar zusammen. Deutsches Songwriting ganz vorne. Und zumeist ohne die Hilfe von Maschinen. (PB)


TERMINE IM MAI Festival & Messe

pop up leipzig

wir damit umgehen, wie wir Veränderungspotenziale nutzen können. Und Lightning Talks gibt es auch. Veranstaltet wird das Ganze vom alt-ehrwürdigen Chaos Computer Club. Mehr und aktuelle Infos gibt es unter www.events.ccc. de/sigint/. 22. – 24.05. Köln, KOMED/MediaPark

Konzert

the sweet Vandals

Dieser Fixpunkt der deutschen Indie-Szene hat viele Wirrungen und Verwirrungen erlebt, doch Unterkriegen ist nicht. Und so gibt es in diesem Jahr neben vielen Workshops, Vorträgen und Diskussionen zu Themen wie „Girls who are boys, who like boys to be girls – Sexismus, Political Correctness und Gender Mainstreaming im Pop“ oder „One for the money, two for the show – Namebranding im Musikgeschäft“, natürlich eine Menge Bands und Künstler live on stage zu bewundern. So haben sich u.a. Art Brut, Kissogram, Maximilian Hecker und I‘m Not A Band angekündigt. Mehr Infos und das aktuelle Programm gibt es unter www.popleipzig.de.

Diese spanische Truppe macht nichts neues. Ein bisschen Funk, ein bisschen Soul, Bläsersätze und eine starke Stimme. Das ist nicht hip. Auf keinen Fall. Aber es ist Arschwackeln für alle, groovy und cool, von jung bis alt, für Hipster, Jungegebliebene und First Dater. Da sollte das Eis brechen.

Konzert

the dø

14. – 17.05, Volkspalast Leipzig und Leipziger Clubs

Konferenz

sigint 09 signale für die gesellschaft „Control and Surveillance“, „Pranks, Bugs and Insecurities“ oder „The Future of Everything“ heißen die Themen auf dieser Konferenz, zu der sich nicht nur die Hackerszene eingeladen fühlen darf, sondern auch „Gruppen, Projekte und Engagierte aus der politischen, wirtschaftlichen und künstlerischen Szene“. Natürlich geht es um Computer und wie

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TERMINE

The Dø also. Wieder eine dieser fantastischen, aufstrebenden, dänischen Bands, wie der seltsame Umlaut im Namen vermuten lässt, noch ein neues britisches Indie-Wunder, noch ein verspieltes amerikanisches New-Folk-UndergroundSeitenprojekt einer Alternative-Rockband. Obwohl all das drin steckt und noch viel mehr. Die Sängerin Olivia Merilahti hat nicht nur eine fantastische Stimme, sondern kann nebenbei auch noch dreckiger rappen als Eminem. Ihr Partner, der

29.05. Bielefeld, Forum 30.05. Darmstadt, Schlossgrabenfest 31.05. Leipzig, Conne Island

Konzert

karamel Im Mai verläßt Johann alias Karamel mal wieder sein Hamburger Clouds Hill Recording Studio, wo er bereits bei Produktionen von Phantom/ Ghost, 1000 Robota oder Frank Spilker seine Hände anlegte, und bewegt sich mit seinem Side-Kick Sebastian Nagel auf die Bretter die die Welt bedeuten um sein neues, wunderbares Album „Maschinen“ zu präsentieren. 06.05. Hamburg, Über & Gefährlich 08.05. Saarbrücken, Staatstheater Sparte 4 09.05. CH-Baden, Herbert

Multiinstrumentalist Dan Levy, produziert ihr einen Klang auf den Leib, in dem stilsicher alles auftaucht, was man nicht erwartet: von früher Dalbello über Folkikonen über plötzlich riffende Rockgitarren bis hin zu experimentellem Elektro und HipHop. Zu hören ist diese aufregende Soundvermischung und -verwischung auf der Debüt-LP „A Mouthful“. Die Musik überzeugte unter anderem Luke Pritchard, den Frontmann der Kooks, zusammen mit The Dø ins Studio zu gehen. Nein, nicht nur für ein Stück, sondern für ein komplettes Album von Coverversionen. „I want to do it a bit like trashy The Velvet Underground And Nico kind of vibe“, sagt der Sänger dazu. Da ist er bei The Dø genau an die Richtigen geraten. Und bis diese Kollabo am Start ist, sollte man sich das französische Wahnsinns-Duo live anschauen. Präsentiert wird die Tour von Musikexpress, Byte.Fm, Prinz, piranha, Hififi&Stererero 15.05. Hamburg, Prinzenbar 16. 05. Berlin, Motor Fm Club, 17. 05. Köln, Studio 672 18. 05. Frankfurt, Brotfabrik, 19. 05. München, 59:1


Konzert

bodi bill Diese Band verspricht und hält ein, hingebungs- und liebevoll setzen sie sich und ihre Instrumentierung zwischen klassischer Bandbesetzung und elektronischen Sprengseln und Samples in Szene. Ein absolutes Muss für die Liebhaber zärtlichen Umgangs. 07.05. Wiesbaden, Schlachthof 08.05. Kassel, Schlachthof 09.05. Magdeburg, Projekt 7 10.05. Köln, Luxor 12.05. Wien, B72 13.05. Stuttgart, Keller Club 14.05. CH-Bern, Sous Soul 15.05. CH-Zürich, Stall 6 16.05. München, Die Registratur 17.05. Bielefeld, Kulturkombinat Kamp 20.05. A-Graz, Kasematten

Konzert

patrick watson & the wooden arms Um das Bild von diesem symphatischen Mann zu vervollständigen, sollte man sich vielleicht aufmachen und eines seiner wenigen Konzerte in Deutschland besuchen. 28.05. Hamburg, Übel & Gefährlich 29.05. Berlin, Passionskirche 31.05. Köln, Luxor

Konzert

pale

Lesung

Jan off Unser Haus-und Hofautor hat zum Glück seine Lesepause beendet und begibt sich wieder auf die Bühnen dieser Republik. Die wenigen Termine, an denen sich der ehrenwerte Herr aus Hamburg aufmacht, um die Fans und Jünger mit Texten aus seinem neuen Werk „Unzucht“ zu befrieden bzw. zu befriedigen, sollte man nicht verpassen. 13.05. Verden, JUZ 16.05. Berlin, SO 36

schichte. Eine deutsche Indie-Perle sagt mit vier Konzerten im Mai Good-Bye. Wir wünschen viel Glück für alles, was da kommt. 27.05. 28.05. 29.05. 30.05.

Münster, Gleis 22 Aachen, Jakobshof Hamburg, Molotow Neustrelitz, Immergut Festival

Konzert

lily allen Ihr zweites Album „It‘s Not Me It‘s You“, auf dem sie u.a. mit Mark Ronson, Robbie Williams und den Kaiser Chiefs kollaborierte, erschein bereits im Januar. Jetzt kann man sich bei zwei Deutschland-Konzerten selber eine Meinung dazu bilden, ob die junge Dame zwischen Amy MacDonald, Kate Perry oder Lady Gaga bestehen wird. Die Chancen scheinen zumindest gut zu stehen. Die Presse ist voll des Lobes, die Fans fiebern den Konzerten entgegen. 03.05. Berlin, Postbahnhof 04.05. Köln, E-Werk

Festival

pinkpop 2009

„Nicht im Groll, sondern mit Freude über das Erreichte und Stolz auf die Zeit“, so heißt es nach 15 Jahren Bandge-

Das Pinkpop-Festival feiert in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag und das Line-Up erweist sich als durchaus würdig. Um nur einige zu nennen: The Killers, Bruce Springsteen & The EStreet Band, Snow Patrol, The Kooks,

Franz Ferdinand, Keane, Volbeat, Me First and the Gimme Gimmes, Placebo, White Lies, Elbow, Billy Talent und und und. Sieht nach einem großen Auftakt für die Open-Air-Saison 2009 aus. 30.05. – 01.06.NL-Limburg

Film

Von wegen Am Mittag des 21. Dezember 1989 machen sich die Musiker der zur damaligen Zeit als westdeutscher Kultexport gefeierten Band „Einstürzende Neubauten“ von West-Berlin aus auf den Weg zu ihrem ersten Konzert in Berlin-Ost, der (Noch-)Hauptstadt der DDR. Und noch ist es ein langer, ungewöhnlicher Weg von Kreuzberg nach Lichtenberg – in den Wilhelm-PieckSaal des VEB Elektrokohle. Noch steht die Mauer und noch gibt es Grenzkontrollen... Der mit den Mitgliedern der Band befreundete Filmemacher Uli Schueppel begleitete die Einstürzenden Neubauten durch diesen „besonderen“ Tag. Besonders für die zumeist in West-Berlin aufgewachsenen Musiker, die vorher nie die offizielle Genehmigung erhielten, in der DDR aufzutreten. Besonders, weil das abendliche Doppelkonzert durch die Vermittlung des DDR-Dramatikers Heiner Müller zustande kam, der zu der Zeit mit Blixa Bargeld befreundet war und der auch das Konzert mit einer kleinen Ansprache einleitete. Dass er

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Theater

rene pollesch

Konzert

filthy dukes Filthy, yeah! Was Männer dazu animiert, sich derartige Attribute zuzuschreiben, kann man sich denken: Da scheint die postpubertäre Phase wohl noch nicht ganz abgeschlossen zu sein. Denn so abgerockt und angeschmutzt sind weder die Filthy Dukes themselves,

dort Backstage mit einer französischen Ministerdelegation (darunter der damalige Kulturminister Jack Lang) auftaucht, gehörte zu den skurrilen Randerscheinungen dieses Tages. Start: 28. Mai

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X-men origins: wolverine

Hugh Jackmann ist bekanntlich „The most sexiest man alive“. Das hat er unter anderem seiner Rolle als Logan

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noch die Musik, die sie produzieren. Aber tanzbar. Und das galore! Legendär waren die von ihnen ins Leben gerufenen Kill Em All Nights im Londoner Fabrics, wo u.a. Bloc Party und Justice ihre ersten Bühnenerfahrungen gesammelt haben. 22.05. Berlin, Astra 23.05. Köln, E-Werk

alias Wolverine im Kassenschlager „X-Men“ zu verdanken, mittlerweile eine der erfolgreichsten Science-Fiction-Reihen bzw. Comic-Verfilmungen im Kino. Bei „X-Men Origins: Wolverine“, dem neuesten Teil der Superhelden-Mutanten-Saga, überläßt Jackmann dann auch folglich nichts dem Zufall und hat die Rolle des Produzenten gleich mit übernommen. Und der Produzent Jackmann hat den Schauspieler Jackmann hart rangenommen. Das Resultat: ein gestählter Körper, dem es ein leichtes sein wird, den Titel des „most sexiest man alive“ zu verteidigen. Nach dem eher behäbigen Epos Australia ist Hugh Jackmann also wieder dort angekommen, wo seine Fans ihn am liebsten sehen: in der Rolle des ehrlichen, mit sich selbst zweifelnden Mutanten Wolverine, dem rauhen Anti-Helden, dessen Skelett mit der unzerstörbaren Legierung Adamantium ummantelt ist. Yeah, die Welt der Superhelden. Eine Welt für sich. Kinostart: 29.04.

Mit „Ein Chor irrt sich gewaltig“ eröffnete Rene Pollesch im April die ihm vertraute Prater Ersatzspielstätte und auch im Mai ist das natürlich noch aktuell. Was ist aktuell? Ach ja, das: „Diese leichtfertige Rede vom Ende des Kapitalismus! Wie wäre es mit dem Ende der Moral! Ja gut, wir können bei überzogenen Managergehältern stehen bleiben! Aber was wäre denn, wenn wir schon gut genug wären? Dann würde die Kritik am Kapitalismus vor uns stehen und sie hätte nichts mehr zu sagen, das wir abnicken könnten. Wir sind schon gut genug! Sie, Lucien! Ich! Wir alle sind gut genug, das ist nicht das Problem gerade, dass einige nicht so gute Menschen wären wie andere. Aber Sie! Mit Ihrer Selbstgewissheit über den eigenen Platz in diesem Leben, die jede Theorie nur wie ein modisches Accessoire neben sich duldet. Aber sonst verlässt man sich auf die Säulen einer christlich-jüdisch geprägten abendländischen Gesellschaftsordnung, die sich mit der protestantischen Ethik zum Leitbild moderner Lebensführung durchgesetzt hat. Dieses Missverständnis über unsere Geschichtlichkeit! Wir sind nicht deshalb historische Wesen, weil wir jeden Dreck unserer Vorfahren wiederholen. Darin sind wir eher ungeschichtlich. Die Idee eines starren überhistorischen harten Kerns, der ist nämlich ahistorisch, Lucien!“ Mit dabei u.a. Sophie Rois, Jean Chaize und Brigitte Cuvelier. 08./09.05. St. Pölten, Landestheater 13./16./22.05. Berlin, Volksbühne im Prater

Lesung

benedict wells Dass Benedict Wells schreiben kann, hat Roman Libbertz ja bereits in seiner Kolumne (siehe Seite 38) festgestellt. Ob er nicht nur Leser sondern auch Zuhörer in seinen Bann zu ziehen vermag, kann man diesen Monat selbst heraus finden. 13.05. Koblenz, Buchhandlung Reuffel 14.05. Nastätten, Bücherland 15.05. Pforzheim, Kulturverein Schulze e.V. 24.05. Tübingen, Tübinger Bücherfest


Lesung

heinz strunck

Denkmal gesetzt werden. Live im Regelfall noch besser als gelesen.

Mit „Fleisch ist mein Gemüse“ wurde der stets schnoddrige und fahrig-wirkende Heinz Strunck, auch dank schmerzfreier Auftritte wie zum Beispiel bei Stefan Raabs TV Total, einem breiteren Publikum bekannt. Sein Telefonterror mit Studio Braun oder sein TV-Format „Fleischmann TV“ waren davor schon lange Kult. Jetzt geht er auf ausgedehnte Lesereise und liest aus seinem neuen Roman „Fleckenteufel“ (rororo), eine Art „Untenrum-Roman“, in dem Highlights und Depressionen des Erwachsenwerdens ein trashig-melancholisches

04.05. Braunschweig, Kulturzelt 05.05. Bochum, Zeche 06.05. Frankfurt, Mousonturm 07.05. Leipzig, Schaubühne Lindenfels 08.05. Magdeburg, Moritzhof 09.05. Bad Bentheim, Burggymnasium 19.05. Lüneburg, Vamos 20.05. Osnarbrück, Lagerhalle 21.05. Münster, Gleis 22 23.05. Rostock, Zwischenbau 24.05. Lübeck, Colloseum 26.05. Kiel, Metro 28.05. Hamburg, Fabrik

Für ihren ersten Roman „Cold Water“ hat die 1979 geborene Autorin aus Manchester in England für einiges Aufsehen gesorgt und den Betty Trask Award, mit dem vor ihr u.a. bereits Zadie Smith ausgezeichnet wurde, eingeheimst. In Hannover liest sie aus ihrem aktuellen Buch „Krankmeldungen“ (Schöffling & Co.), einem Buch aus und für die Generation der um die Zwanzigjährigen.

Sonne aufgeht. In der u.a. von ihr betriebenen, neuen Sichtbar in Hamburg geht Cosma diesen Weg unbeirrt weiter und präsentiert unter dem Thema „African Souls & Fairtrade Fashion“ Fotografien von Santiago Engellhardt und Thomas Eigel. Ein paar eigene Schnappschüsse hat sie auch noch unter die Exponate geschmuggelt.

05.05. – 12.06. Hamburg, Sichtbar Fischmarkt 5–9 tägl. (außer Montags) von 12 – 22h

Ausstellung

santiago engellhardt und thomas eigel Cosma Shiva Hagen berichtete in der letzten Ausgabe über eine Reise nach Afrika, über Fairtrade und Social-Clothing und darüber, wie in Burkina Faso die

Lesung

gwendoline riley

11.05. Hannover, Leibnitz Universität

TERMINE

BLANK I 71


SPRING TIME

TexT ELMAR BRAcHT FoTograFie MATTHIAS DAVID

Seit so ziemlich genau einem jahr bereichert Wii Fit die Welt der Spielkonsolen, Trimm-Dich-Pfade und Yogaschulen und r채umt auf mit den klassischen Klischees von couch-Potatoes, Amoklauf und Nerdtum. Zum Einj채hrigen haben wir die N-Public-Dancers aus Berlin gebeten, das Balance-Board einer Belastungsprobe zu unterziehen. Durchgehalten haben beide: Board und Dancers.

SHirT: oRAGE SCHUHe: K-SWISS

72 I BLANK

LIFESTYLE


LiLa ToP: TIMEZoNE SHirT: oRAGE


SHirT: NIKE


JaCke & SCHUHe: NIKE

LIFESTYLE

BLANK I 75


LESER

FEEDBACK Lieber Leser, Wir sind jung und unerfahren und brauchen Dein Feedback.

Du interessierst Dich speziell für gesellschaftliche Themen Musik & Literatur Mode & Fashion Film & Schauspiel Gadgets, Games & Technik Social Networking People & Boulevard

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Unsere Prämien (u.a.): T-Shirts von Armedangels

T-Shirt von Armedangels n 1 n S n M n L n 2 n S n M n L n 3 n S n M n L n 4 n S n M n L

n XL n XL n XL n XL

n T-Shirt von I EAT FOOD CD von n Killed By 9V Batteries „Escape Plans Make It Hard To Wait For Success/ Neuhass“ n Maximilian Hecker „One Day“ n IAMX „Kingdome Of Welcome Addiction“

n Benedict Wells „Becks letzter Sommer“ n an Off „Ausschuss“ n Charlie Huston „Killing Game“

Wie alt bist Du? c Unter 50 c Über 50

n Stefan Kalbers „Staub“ 1

2

Bildung c c c c c c c

Bitte ankreuzen:

Buch von

Dein Geschlecht? c männlich c weiblich

c Unter 20 c Unter 30 c Unter 40

PRÄMIEN

Hauptschulabschluß Mittlere Reife Abitur abgebrochene Ausbildung/ Lehre beendete Ausbildung/ Lehre abgebrochenes Studium beendetes Studium

(Solange Vorrat reicht, bei Shirts bitte Größe angeben)

/ BLANK Leserservice

Postfach 02 10 02 10121 Berlin 3

4

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TOP

HOROSKOP

LISTEN IM MAI

band & artist rotation in der redaktion

meistdiskutierte themen in der redaktion

DJ Vadim Killed By 9V Batteries Blinker Links Klez.e The Virgins Pacific! The Bronx Pete Doherty Gisbert zu Knyphausen Alev Lenz Saurion Metric White Lies Naked Lunch Settle M. Ward

Anzeigenmarkt Titelgestaltung Story „Spring Time“ Blog-Kultur Modestrecken Polizeigewalt Kilian Kerner Die

drei besten konzerte in diesem frühling

1. Killed By 9V Batteries im Proberaum Berlin-Kreuzberg, 01.04.

top 10 brands der redaktion Rules By Mary Timezone Kilian Kerner Adidas Originals New Era H&M Organic Cotton Blutsgeschwister I Eat Food ArmedAngels Edwin

2. Klez.e im Objekt 5 in Halle, 06.03.

STIER TexT TILL ERDENBERGER Sozialer Status: Stillstand bedeutet dieser Tage Qualitätssicherung. Halte inne und der Status Quo wird erhalten bleiben. Eiferer werden an dir vorbei ziehen, um dann jenseits der Kuppe umso schneller abzustürzen. Sei langsam, sei erfolgreich. Und sollten die Einschläge näher kommen, ziehe den Kopf ein und mach dich klein. Aufstieg ist Illusion, aber Uranus meint es im Mai gut mit dir. Manche stolpern, andere fallen und du wirst rocken. All over the world. Glücksspiel: Das Leben ist ein Spiel – du kannst gewinnen und verlieren. Mal bist du der Sieger, mal der Verlierer. Doch in „Sieg“ steckt „Gewinnen“ nicht drin. Es ist die Gelegenheit, die den Sieger macht. Du wirst sie kriegen, sei wachsam. Unterhaltung: Der Frühling ist da, der Spaß findet ab sofort wieder draußen statt. Unter freiem Himmel wird der Stier von der Sonne des Glücks beschienen werden. Aber Vorsicht: Zu viel Sonne ist schädlich.

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21.4. – 21.5.2009

3. Philipp Poisel im LKA Stuttgart, 05.04.

Abenteuer: Groß ist die Verlockung, bei den ersten Sonnenwochen den Stier bei den Hörnern zu packen. Aber es ist Vorsicht geboten: Weniger ist mehr, denn was für die Sicherung des Status Quo gilt, gilt im Mai umso mehr auch hier. Bewegung ist Risiko, Stillstand ist Sicherheit. Du darfst bleiben, wie du bist. Nutze den Mai, dir dies gewahr zu machen. Dann kann es dein Monat werden.

TOPLISTEN I HOROSKOP

BLANK I 77


HUHN UNd Lemmy, die zWei HaUPTdarSTeLLer der Web-Serie „Wir SiNd gröSSer aLS groSS“ 78 I BLANK


REALITÄT UND

FIKTION inTerview eLMaR BRaChT FoTograFie MaTThIas DavID

Und wieder ein neuer Versuch, dem Social Network etwas abzuringen. Eine Web-Serie namens „Wir sind grösser als GRoSS“, real angesiedelt im klassischen Berlin-Musiker-Loser-Milieu, vercybert und verkauft bei und über MySpace. Und wie sollte es anders sein, es scheint besser zu werden. Man fängt an,neue Medien und neue Zielgruppen zu begreifen. Dass das so kommt, war doch klar. Also fragen wir mal nach, in diesem Fall bei Sven Miehe von der Grundy Ufa, die als erfahrener Serienproduzent auch hier ihre Finger im Spiel hat. BLANK: Was unterscheidet eine WebSerie wie „Wir sind größer als GROSS“ von einem TV-Format? sVeN mieHe: Bei einem Webformat hat man – noch – größere Freiheiten als bei einer Serie, die ausschließlich für das Fernsehen produziert wird. Wir können was Dramaturgie und den Look der Serie angeht – experimentieren, weil wir noch nicht an Vorbildern gemessen werden. Ein zentraler Unterschied bei WsgaG (und den meisten anderen Webserien) ist natürlich die Länge der einzelnen Episoden. In 7 Minuten eine Geschichte zu etablieren, ist etwas anderes als in 25 Minuten. Bei unserer Serie ging es uns nicht so sehr um die perfekte Kameraeinstellung, sondern eher um die Frage: Wie erzählen wir den abgeranzten Kosmos unserer Protagonisten glaubwürdig und ohne dass wir sofort alles über die Figuren preisgeben? BLANK: Welche Zielgruppe wird mit dem Format angesprochen? sm: Im Grunde gehts in der Serie darum, einen Traum zu haben und ihn um jeden Preis verwirklichen zu wollen. Dass das häufig nicht klappt, weiß jeder von uns. Vor allem aber geht es in WsgaG um Musik und um Musiker. MySpace ist dafür natürlich die Plattform, die man haben will. Auch wenn wir schon jetzt sehen, dass unser Format dort in den Kommentaren durchaus nicht mit Samthandschuhen angefasst wird, glaube ich, dass fast jeder Musikfan unter 40 irgendwas mit unserer Sendung anfangen kann.

BLANK: Geht man von einer Wahrscheinlichkeit aus, ist die recht hoch, dass die Protagonisten der Serie bereits eigene, private MySpace-Profile hatten. Jetzt kommen die Profile ihrer Figuren hinzu. Inwieweit können die Protagonisten bei MySpace noch ihrer selbst sein? Oder ist das Verschwimmen der Grenzen sogar gewollt? Wurden die Schauspieler gar über MySpace entdeckt oder ging man da den herkömmlichen Weg über Agenturen und Castings? sm: Das sind ja zwei verschiedene Fragen. Zunächst: Nicht alle unserer Darsteller hatten vor Drehbeginn ein eigenes MySpace-Profil, alle kannten jedoch die Social Community. Um die Grenzen zwischen Realität und Fiktion unscharf zu halten, gehen die Schauspieler keine „Freundschaften“ mit den von ihnen gespielten Rollen ein. Wenn dann mancher User glaubt, dass es „Lemmy“ und „Huhn“ wirklich gibt, soll uns das Recht sein. Entdeckt haben wir die Schauspieler allerdings nicht über MySpace, sondern ganz herkömmlich über Castings. BLANK: Die heiklen Fragen: Wer finanziert das bzw. wie soll das künftig finanziert werden? sm: Bis jetzt gibt es im Bereich Web-TV noch keine endgültigen Finanzierungsmodelle. Einen großen Anteil an der Finanzierung solcher Projekte haben aber natürlich Werbe- und Sponsorenvereinbarungen.

BLANK: Eine 2-Mann-Elektro-Combo, Berlin, MySpace – ist das jetzt einfach ein Klischee oder ist das die MySpaceRealität? sm: Na ja, die Band „Größer als Gott“ ist ja nicht wirklich eine Elektro-Combo sondern eine etwas abwegige Schweinerockband mit Rhythmus aus einem dünn klingenden Drumcomputer. Auch wenn ich sicher bin, dass unsere Band irgendwann ganz groß rauskommt, hoffe ich, dass die Myspace-Realität zumindest in Sachen Musik erfolgversprechender ist als die durchaus bescheidenen Mittel unserer Protagonisten. BLANK: Ist das Drehbuch fix oder interagiert die Serie mit den MySpaceMöglichkeiten und den Usern? sm: Die zehn Folgen sind gedreht, die Folgen fertig – was unsere Figuren aber nicht davon abhalten wird, mit den Usern zu interagieren. BLANK: Kann es eine Web-Serie, und wenn ja – mit welchen Vorrausetzungen, in das noch reguläre TV-Programm schaffen? sm: „Wir sind größer als GROSS“ ist natürlich originär für MySpace produziert. Man müsste schon einige Änderung vornehmen, um dieses Format im Fernsehen ausstrahlen zu können. Dennoch kann ich mir die Sendung inhaltlich wie von der Form auch gut im Fernsehen vorstellen. Aber erst mal hoffe ich, dass wir jetzt bei MySpace einschlagen.

MEDIEN

BLANK I 79


What‘s next? Juni 2009

IMPRESSUM Herausgeber: Berger, Blersch, David & Finke GbR Chefredakteur: Johannes Finke Art Director: Tobias Blersch Direktor of Photography: Matthias David Grafik: Romy Berger

Jan Off „Für die Ausgabe schreibe ich auf jeden Fall etwas über Fußball“ „Verschlimmbessern“ Die Kolumne von Nilz Bokelberg Individualreisen-Experte Boris Guschlbauer berichtet aus dem Iran „Um nichts vorwegzunehmen, aber...“ Die Literaturkolumne von Roman Libbertz Über das Werk und die Person Nora Bossong Idylle am See: Sommermode und Must-haves Gesellschaftsstandards: Aggression und Gewalt

Redaktionsleitung: Till Erdenberger Musik & Film: Teresa Mohr Mode & Politik: Teresa Bücker mode & musik: Sophia Hoffmann Literatur: Roman Libbertz Autoren: Nilz Bokelberg, Elmar Bracht, Teresa Bücker, Till Erdenberger, Sophia Hoffmann, Johannes Finke, Teresa Mohr, Jan Off, Daniel Vujanic, Boris Guschlbauer, Ariane Sommer, Roman Libbertz, Stefan Kalbers, Peter Blank Fotografen: Matthias David, Lucja Romanowska, Tobias Blersch, Szymon Plewa, Meike Gronau Lektorat: Christian Müller Online: Mario Meißner Titelshooting Fotografie: Matthias David Model: Louisa Pospisil (Mega Model Agency/Berlin) Make up : Mandy Steiger (Visamask) Kleid: Michalsky

Druck: Johler Norddruck GmbH Gadelander Straße 77 | 24539 Neumünster | www.johlernorddruck.de Vertrieb: asv vertriebs gmbh Süderstraße 77 | 20097 Hamburg | www.asv-vertrieb.de Aboservice: abo@blank-magazin.de Abonnement (jährlich, 10 Ausgaben): 34.- Euro (Schüler, Studenten, Journalisten, Rentner, ALG I, ALG II gegen Nachweis 29,50 Euro) Preise inklusive 7 % Mehrwertsteuer Anzeigen & Marketing: 030 44 31 80 41 Internet: www.blank-magazin.de Redaktionsanschrift: BLANK | Postfach 02 10 02 | 10121 Berlin Tel: 030 44 31 80 41 | Fax: 030 44 31 80 42, info@blank-magazin.de Steuernummer: 34/231/53026 Finanzamt Berlin Mitte/Tiergarten Auflage: 10.000

80 I BLANK


ABO &

BACK ISSUES

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VIBE

FACE YOUR MAGAZINE

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im Kino!

(ermäßigt 29,50 EUR)

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Literatur: Julia Zange, Adam Davies, Stefan Kalbers, Roman Libbertz Mode: Kilian Kerner, Modewoche Berlin, Blind and Beautiful Politik: Die Grünen 2.0, Jan Off über Athener Verhältnisse

FÜR NUR 34,- EUR

16.02.2009 13:09:55 Uhr

BLANK 03/2009

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BLANK 04/2009

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Die BLANK Ausgaben sind auch einzeln erhältlich. Der Preis für eine Ausgabe beträgt 4,- EUR und versteht sich inkl. MwSt, Liefer- und Versandkosten.

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Meine persönlichen Angaben sollen nicht an Dritte weitergegeben werden.

Datum, Unterschrift BLANK Magazin | Berger, Blersch, David & Finke GbR | Rheinsberger Str. 7, 10115 Berlin


REGISTER – Persönlichkeiten im Heft Abba Adam Lasus 6 Alev Lenz 7 Amanda Ripley Amon Tobin 5 Amy MacDonald Aravind Adiga Art Brut Astrid Proll Bad Religion Beach Boys Beatrice Schlag Benedict Wells Big Red Billy Talent Black Sabbath Blinker Links Blixa Bargeld Bloc Party Bodi Bill Brad Pitt Brigitte Cuvelier Bruce Springsteen

XI 5 7 34 8 69 34 68 24 65 X 32 38 ff, 70 58 69 XI 65, 77 69 70 69 XVI 70 69

Carly Simon XI Charlotte Roches 29 ff Christian Fennesz 65 Clap Your Hands Say Yeah 65 Cosma Shiva Hagen 71 Courtney Love 39 Craig Armstrong 65 Dan Levy Daniel Brühl David Longstreth David Wasco Die Ärzte

! jeTzT neu

68 XIV ff IX XIV 65

€ 1,90

82 I BLANK

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Die Toten Hosen Dirty Projectors DJ Vadim

65 IX 57 ff

Einstürzende Neubauten Elbow, Elvis Eminem Erik Satie

69 69 XI 68 65

Filthy Dukes Florian Gallenberger Frank Spilker Franz Ferdinand

70 XIII ff 65, 68 69

Gisbert zu Knyphausen Gwendoline Riley

65, 77 71

Hard Ons Heidi Vogel Heiner Müller Heinz Strunck Helge Schneider Horst Mahler Hugh Jackmann I’m Not A Band Iggy Pop Jack Lang Jan Off Jean Chaize Jens Friebe Jimmy Eat World Jodi Picoult Joey Goebel Johann Scherer John Lennon

VIII 58 69 71 36 24 70 68 62 70 29 ff 70 35 65 36 38 65 42

Jonathan More Julien Dyne Junot Diaz Justice

58 58 34 70

Naked Lunch New Model Army Notwist Olivia Merilahti

Kaiser Chiefs Karamel Kate Perry Kathrin DeBoer Keane Ken Andrews Kid Koala Killed By 9V Batteries Kissogram Kleinstadthelden Klez.e

69 65, 68 69 58 69 65 58 77 68 60 77

La Method ladi6 Lady Gaga Lily Allen Luciano Berio 6 Ludovico Einaudi Luke Pritchard

58 58 69 69 5 65 68

M. Ward Mark Ronson Marta Meana Matt Black Maximilian Heker Maximo Park Me First and the Gimme Gimmes Menahan Street Band Metric Michael Ebert Miriam Yung Min Stein Motörhead Mr. Scruff

77 69 32 58 68 65 69 58 77 36 37 62 58

Pac ific! Pale Patrick Watson Paul McCartney Paul Smith Pete Doherty Pete Yorn Philip Glass Philipp Poisel Placebo Quentin Tarantino Red Hot Chili Peppers Rene Pollesch Richard Wagner Rise Against Robbie Williams Robert Lippok Robert Skuppin Roman Libbertz Ronals Lippok Sabira Jade Santiago Engellhardt Saurion Sebastian Nagel Settle Slipknot Snow Patrol Sophie Andresky Sophie Rois

41 ff, 77 60 42 68 77 69 45, 69 42 65 77 65 65 77 69 XIV ff VIII 70 X 65 69 65 36 70 65 58 71 77 65, 68 66, 77 34 69 29 ff 70

Stefan Niggemeier Stefan Raab Stephen Spielberg Steve Buscemi Sven Miehe

XII 71 XIV XIV ff 79

Ted Gaier The Bronx The Dø The E-Street Band The Herbaliser The Killers The Kooks The Kooks The Sweet Vandals The Virgins The Wooden Arms Thies Mynther Thomas Eigel Thomas Woschnitz Timm Klotzek Tom Waits Tomte

34 77 68 69 58 69 68 69 68 77 69 65 71 41 ff 36 42 34

Uli Schueppel Ulrich Tukur Ulrike Meinhof

69 XIV 23 ff

Volbeat Volker Wieprecht White Lies Whitetree Zadie Smith 1000 Robota

69 36 69, 77 65 71 65, 68, 34

Musik. Film. Games. Fashion.

.cc e n li n o A B .T w w w 07.04.2009 12:28:17 Uhr


.

c

17 Uhr

HEFT ZWEI TiTelThema Jetzt wird es still von Stefan Kalbers Borgia-hügel von Ariane Sommer es ist still in der Wüste von Boris Guschlbauer Kapitel: Verrostete liebe von Roman Libbertz Coreys Cap von Johannes Finke mUSiK „Wir Künstler sind ja immer die Kanarienvögel in der Kohlegrube.“ Sophia Hoffmanns Interview mit David Longstreth von den Dirty Projectors meDieN helden in hosenträgern – ein Besuch auf der re:publica’09 von Teresa Bücker FILM Keine Berechnung: eine etwas genauere Betrachtung zum Kinofilm „John Rabe“ von Johannes Finke


HEFT ZWEI TiTelThema

zu vermitteln, du hättest eine Höhle psychisch Kranker betreten, aus der es kein Entkommen mehr gibt.

Jetzt wird es still

In bequemen Sofas sitzt man sich gegenüber, trinkt

von Stefan Kalbers

Tee und redet. Bei genauerer Betrachtung redest eigentlich nur du, als gelte es irgendwas zu rechtfertigen

Du trittst einen Schritt von der Hausfassade zu-

oder durch gezielte Selbstdarstellung deine Souverä-

rück und blickst dich zum dritten Mal um. Hier sollte

nität zu beweisen. Der Termin und die Details zum

es sein? Zwischen einem Fastfood-Schuppen und ei-

Ablauf wurden schon im Vorfeld telefonisch geklärt.

nem Modegeschäft für Übergrößen? Aber die schma-

Du hast keine konkrete Frage, erhoffst dir keine ul-

len zwei Treppen zwischen den Schaufenstern und das

timative Lösung zu einem akuten Problem. Dir war

an der Tür angebrachte Schild lassen keinen Zweifel

langweilig, du hattest einen Geschenkgutschein, also

zu. „Astrologisches Institut Sonnenwende – Horos-

entspann dich und zieh fünf Karten.

kopanalyse, Kartenlegen, Lebensberatung.“ Entschlossen drückst du die Klingel und wartest auf das

Irgendwo in einer Kleinstadt Süddeutschlands

Summen des Türöffners. Natürlich bist du alleine hier

verläßt ein schwarz gekleideter Jugendlicher die elter-

aufgetaucht. Alles andere wäre wie das Bekenntnis

liche Wohnung und ist auf dem Weg zur Schule. Als

eines Skinheads, dass auch homosexuell veranlagte,

Gepäck dient ihm weder der obligatorische Eastpack-

farbige Muslime im Rollstuhl möglicherweise einfach

Rucksack, noch eine abgewetzte Ledertasche, son-

nur nette Menschen sein können. „Astrologisches

dern zwei Schnellfeuerwaffen und Munition, die bis

Institut“ – so ein Scheiß. Wusste doch jeder, der ein

ans Ende seiner Tage ausreichen wird, um als Gewin-

wenig Privatfernsehen schaute, was für ein Humbug

ner aus „DSDS – Deutschland sucht den Superschüt-

das war. Warum warst du dann trotzdem hier? Zum

zen“ hervorzugehen. Sieh zu, dass du den Joystick,

einen hattest du anläßlich des letzten Geburtstags von

die Knarre, deine Zukunft ganz fest in den Händen

Silke unter allgemeinem Gelächter einen Gutschein

hältst, denn in dieser Runde sind keine Bonusleben

für das Kartenlegen geschenkt bekommen. Zum

vorgesehen. Spiel mir das Lied vom Tod, aber schnell,

anderen hast du eine Woche Resturlaub, aber keine

denn der Abspann läuft schon. No animals were har-

Kohle um irgendwohin zu fahren. Während alle an-

med in making this movie.

deren ihrer täglichen Lohnarbeit nachgehen, hockst Banklehre,

du allein in deiner Bude und denkst nach vier Tagen

betriebswirtschaftliches

Studium,

gepflegter Langeweile: Warum nicht? Denn letzten

zwölf Jahre Berufserfahrung mitsamt Auszeichnung

Endes kannst du eine gehörige Portion Neugier nicht

für herausragende Leistung beim Aktienhandel,

leugnen und was gab es schon zu verlieren? Du bist ja

konnten den etwas zu schlanken und an die zwei Me-

noch nicht mal sicher, ob du an die Aussagekraft will-

ter hoch gewachsenen Anzugträger nicht auf dieses

kürlich gezogener Karten glauben sollst. Insgeheim

Ergebnis der Jahresbilanz vorbereiten, dass er in we-

hast du schon einen Spruch auf den Lippen: „Ich sehe

nigen Minuten zu verkünden haben würde. Aus dem

ein Full House voraus und setze dreißig – gehen Sie

toten Winkel kam der Startschuß zum Untergang. Zu

mit?“

schnell fielen die Dominosteine, um alle weitreichen-

Die Frau ist Anfang vierzig, trägt eine dunkle

den Folgen absehen und irgendeine Reißleine ziehen

Bluse mit hochgeschlagenen Ärmeln zu einer hellen

zu können. Er betrachtet sein Gesicht im Spiegel auf

Stoffhose und wirkt überraschend sympathisch. Die

der Toilette für Führungskräfte im vierzehnten Stock.

Geschäftswohnung, durch die sie dich führt, ebenso.

Das Wasser tropft von seiner Haut wie eine Mischung

Weder Räucherstäbchen, noch bekannte Portraits

aus Schweiß und Tränen.

von selbsternannten Erleuchteten der Esoterikszene Nach gut sieben Stunden Vorbereitung, Präparie-

versuchen, dir die Sinne zu vernebeln oder das Gefühl

II


HEFT ZWEI rung, Beobachtung, Simulation, Ausschlußverfahren

geben die Karte jeweils an mich weiter.“ Nichts ein-

und finalen Eckdaten, die wie im Flug vergangen sind,

facher als das. Du registrierst ein leichtes Hungerge-

starrt praktisch das ganze Laborteam jetzt abwech-

fühl. Du denkst, hoffentlich hält das Schicksal nach-

selnd in das Mikroskop und auf den Laptop, der rech-

her noch eine ordentliche Mahlzeit für mich bereit.

net und rechnet und rechnet. Es kann sich nur noch

Am besten was mit Fleisch. Schaschlik des Schick-

um wenige Augenblicke handeln bis das Ergebnis

sals. Große Portion. Gut gewürzt und brennend heiß.

feststeht. Zuerst war es nur eine Theorie, dann eine

Mmh, lecker.

Option, später durchaus ein Verdacht, der sich bestätigen könnte. Wenn dieser Virus einmal erfolgreich

Irgendwo im Meer der Phantasie schwimmt die

auf den menschlichen Organismus übergesprungen

kleine WC-Ente völlig orientierungslos umher. Die

ist, gibt es kein Zurück mehr. In der Ecke hängt ein

kleine rote Schnabelkappe ragt hilfesuchend aus den

Feuerlöscher. Das waren noch Zeiten, als die größte

übergroßen Wellen empor. Der Strom des Bewußt-

bekannte Bedrohung von offenem Feuer ausging.

seins hat sie hierher gespült. Dabei ist sie schon so gut wie leer. Das Gift verspritzt. Zu viele schlechte Ideen,

Die Frau vor dir mischt die Karten wie ein Profi

übel riechend, harter gelber Panzer, braune Weichtei-

in Las Vegas, dabei blickt sie dir kurz ins Gesicht. Du

le, haben sie zu fressen versucht. Irgendwann wird sie

schaust auf eine der lächelnden Buddhafiguren, die

einfach untergehen, ohne groß Aufsehen zu erregen,

auf dem Boden steht. Halbglatze und Schmerbauch

ganz nebenbei, in einem Halbsatz, den niemand hört.

in einem weiten Stoffgewand, das wie ein Bademan-

Doch die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt.

tel am Sonntagmorgen wirkt. Wenn so die glückseli-

Schwimm weiter, kleine WC-Ente. Schwimm, soweit

ge Erleuchtung aussieht, hast vielleicht auch du noch

du kannst.

Chancen, aus dem Kosmos der täglichen Banalität zu treten und ein Geheimnis über das menschliche Leben

Ah, Berlin. Das Land in dem die WG-Träume

auf diesem Planeten zu durchschauen. Jetzt plötzlich

blühen. Coolness als Kaltmiete, Milchcafé die einzig

fallen dir doch Themen ein, über die du normalerwei-

relevanten Nebenkosten. Hangover zum Frühstück,

se mit niemandem sprechen willst und kannst. Ohne

Telefonate zum Lunch und Party zum Abendessen.

Ergebnis tausendmal darüber nachgedacht. Du warst

Schulden zum Dessert. Schwangerschaft als modisch

nie der Sohn, den sich dein Vater gewünscht hat.

motiviertes Designeraccessoire. Niedrige Preise, hohe

Du führst nicht das Leben, das du eigentlich führen

Decken. Altbau, runtergerocktes Inventar, der Gas-

möchtest. Deine Beziehungen zu Frauen sind wie ein

einzelofen so wackelig und brüchig wie ein Mann, der

Puzzle, bei dem zu viele Teile fehlen. Es bleibt unfertig

1945 noch als Kind erlebt hat. Immer wieder sonn-

liegen und das abgebildete Motiv ist nicht erkennbar.

tags, es ist so kalt in diesem Land, dreh mal die Hei-

Wenn diese Karten tatsächlich die Stimme deines Un-

zung hoch. Ich kann nichts spüren, ich kann nichts

terbewusstseins offenlegen, deine Verbundenheit mit

fühlen, dreh das Gas an, habe ich gesagt.

der gesamten Menschheit darzustellen vermögen – Was wird sie sagen? Schlimmer noch, was ist, wenn

Du greifst nach dem Stapel Karten und ziehst will-

sie sich gar nicht artikulieren kann oder will? Oder

kürlich eine nach der anderen hervor. Wie kann das

funktioniert das irgendwie anders? Vergleichbar ei-

sein, dass in dieser Auswahl etwas wie Bestimmung

ner ans Tageslicht gezerrten inneren Einstellung? Eine

liegt? Diese Beliebigkeit, diese Zufälligkeit – Wer

Einstellung hat man immer, ob man will oder nicht.

könnte es wagen, eine Ordnung daraus konstruieren

Ob man davon weiß oder nicht.

zu wollen? Stellt eine klar definierte Aussage die ein-

Die Frau legt den Stapel Karten auf den Tisch.

zig mögliche Wahrheit dar oder wird sie gerade wegen

„Ziehen sie die fünf Karten bitte jetzt. Die Abbildung

der Begrenzung potenzieller Möglichkeiten zur Lüge?

lassen sie dabei nach unten zeigend verdeckt und

Du schiebst der Frau die Karten entgegen, die sie in

III


HEFT ZWEI das sich wie ein Ballon vom Magen in den Brustkorb

der Reihenfolge ihrer Ziehung nebeneinander legt. „Nervös?“, fragt sie dich. Und du wackelst unbe-

ausdehnte. Wie hat Hemingway das nur gemacht? Ich

stimmt mit dem Kopf hin und her. „Es gibt keinen

streckte meine vom langen Sitzen kribbelnden Glieder

Grund, nervös zu sein. Sie können im Moment eh

und sah mich um. Das reizende, mit einer Hitachi-Videokamera be-

nichts ändern.“

waffnete, schwedische Paar unterhielt sich über Tische hinweg mit zwei an jenem Morgen angereisten

Nur einmal im Leben die Uhr zurückdrehen zu

Engländerinnen.

können, nur um eine Minute – Ist das so viel verlangt?

„We left the house at five o’clock this morning and Die Frau dreht die Karten um, eine nach der

we’re flying back tomorrow evening at seven. Two

anderen und ein Schüler entsichert seine Waffe, ein

fourteen year old girls who love Italian clothes. You

Vorstandsmitglied tritt ans Mikrofon, ein Labor-

know.“ Die Schweden nickten verständnisvoll.

team hält den Atem an, eine WC-Ente geht unter, ein

Sie hatten silberweißes, kurzes Haar, seines etwas

volltrunkener Student nimmt beim nach Hause kom-

länger als ihres.

men nichts von dem Gasgeruch wahr und drückt den

Er trug einen dunkelblauen Blazer mit Goldknöp-

Lichtschalter. Dann wird es still. Die Frau schaut dir

fen, sie grauweißen Tweed.

ins Gesicht. Irritiert blickst du zurück. Schimmern da

Beide bestellten Weißwein und Lasagne, die ihren

Tränen in ihren Augen? Sie holt tief Luft und sagt:

Blicken nach sehr gut sein musste. Sie würden heute spätabends zurück nach Stockholm reisen. Als sie zahlten, verspürte ich kurz Traurigkeit. TiTelThema

Darüber, dass ich den beiden wahrscheinlich zum ersten und zum letzten Mal begegnet sein würde.

Borgia-hügel

Ich beschloss, meinem durch den vormittäglichen Alkoholgenuss malträtierten Magen etwas Gutes zu

von Ariane Sommer

tun und bestellte Panna Cotta. Flüchtig, für den Bruchteil einer Sekunde, der

Ein Schatten fiel auf die Glasscheibe, die den Au-

sich auf einer dunklen Ebene auf Ewigkeiten streckte,

ßenbereich des Cafés von der Menge in der Via della

schaute ich ihm in die Augen.

Spigha trennte. Die Mundwinkel und Schultern der Frau hatten

Wir liebten uns. Ich wagte nicht zu lächeln.

den Kampf gegen den unablässigen Zug der Erde auf-

Schaute weg.

gegeben. Pflaumenfarbene Halbmonde krallten sich

Brach ab.

unter ihre Augen. Ihr schwarzes Haar stand in willkürlichen Drei-

Der schöne Augenblick, vorüber.

ecken vom kleinen Kopf ab.

Er war vorbeigelaufen und ich blieb vor meinem

Hin und her, hin und her pendelte der sonnengel-

Scotch auf Eis sitzen, am hellichten Tag.

be Gummiball an der Schnur, die sie um den Zeigefin-

Das Gefühl verlief sich in immer größeren Wel-

ger ihrer rechten Hand gewunden hatte.

len, ein Gesteinsbrocken, in spiegelglattes Wasser geworfen. Seufzend schob ich das schwarze Moleskine-

Rastlos beobachtete sie die Menge, die durch die

Büchlein mit den anklagenden leeren Blättern und

Einkaufspassage strömte. Sie sprach die Vorbeihas-

dem nutzlosen Stift von mir. Wenn man Leben er-

tenden scheinbar ziellos an. Alte, Junge, Familien

zählen wollte, musste man es leben, nicht nur an sich

mit schreienden, zerrenden Kindern, ineinander ver-

vorbeiziehen lassen. Der Alkohol hatte weder Inspira-

schlungene Pärchen. Sie hatte wenig Glück. Schon zum vierten Mal innerhalb der letzten

tion noch Mut gebracht. Lediglich ein flaues Gefühl,

IV


HEFT ZWEI zwei Stunden lief sie an der Glasfront des Cafés vor-

komplettes Universum in sich. Und so schleppte ich

bei, ohne dass der Haufen bunter Gummikugeln in

mich bergauf, von Universum zu Universum, rutschte

dem Karton vor ihrem Bauch geschrumpft war. Ein

zurück, drei Schritte waren einer in diesem Treibsand

Fremdkörper in einem geschäftigen Ameisenhaufen,

der Sphären. Auf halber Strecke hielt ich inne, drehte mich hin

wie sie still in der fließenden Menge stand, spähend,

zum Tal und blickte zurück in das ganz eigene Univer-

wartend auf die nächste Gelegenheit. Kurz unterhielt ich den Gedanken, sie hinter das

sum Wüstenoase und sah durch die Hitze verschwom-

Glas einzuladen, ihr den Karton abzukaufen und ihr

mene Lehmhäuser am Horizont und die männlichen,

einen Teller Kuchen zu bestellen. Als ich wieder auf-

bärtigen Einwohner in der Teestube sitzen und Do-

blickte, war sie zu meiner Erleichterung in der Menge

mino spielen, die Frauen wuschen die Wäsche in Zu-

verschwunden.

bern rein und huschten wie scheue Rehe in die dunkle

Trübselig starrte ich auf die immer noch leeren

Geborgenheit ihres Eigenheims wenn sich ein männ-

Seiten meines Notizbuches. Ein rotes Leuchten ließ

licher Fremder ihnen näherte, und der Fremde warf

mich aufblicken.

verstohlene Blicke durch den kleinen Spalt der Türen, dunkle Augen blitzten ihm entgegen und der Fremde

Eine glitzernde, diamantene Schlange wand sich

rieb sich nachdenklich am bärtigen Kinn und fragte

um den rechten Mittelfinger ihrer Hand.

sich, was sich hinter diesen funkelnden Augen ver-

Borgiarotes Haar, von einem dunkelbraunen Spit-

barg, welche Träume geträumt wurden, welche Sehn-

zenband zusammengehalten.

süchte diese Frauen trieb, gab es Gedanken an Flucht,

Die flaschengrüne Sonnenbrille, passend zu dem

oder nur Zufriedenheit im Hier und Jetzt?

Nadelstreifen-Rock, hatte sie inzwischen abgesetzt

Immer steiler ging es hinauf, der Gipfel der Düne

und gab den Blick auf zwei unergründliche Augen

musste mein neues Zuhause werden – dort wollte ich

frei.

leben, für ein paar Sekunden wenigstens, oder gar Minuten, auf immer und ewig, jedenfalls bis zum

In der Damentoilette des Cafés musterte ich mich

Ende der Nacht.

selbst im Spiegel.

Schweißtropfen fielen mir wie Fliegerbomben von

Verglich mich. Bin ich genau so schön?

der Stirn, tropften in den Sand, versickerten, zeich-

Ich stieß die Tür zu einer der Kabinen auf.

neten dunkel meinen Laufweg nach und als ich im

Besetzt.

Schweiße meines Angesichts all diese Tropfen sah, die

„Sorry.“ Ich nahm hastig einen Schritt zurück.

sich über die ganze weite Welt erstreckten, wusste ich genau, dass ich den richtigen, meinen ganz eigenen

Stille.

Weg des Lebens eingeschlagen hatte. Viel Schweiß,

Sie sagte nichts und hielt die Tür von Innen auf.

Blut und Tränen waren unter unendlichen Qualen literweise auf diesem schweren Weg geflossen, aber das war es alles allemal wert. Auch, wenn zu oft das TiTelThema

Gefühl aufkam, sich in einer Einbahnstraße mit einer Sackgasse am Ende zu befinden, für diesen Weg lohn-

es ist still in der Wüste

te es sich, mit wehenden, bunten Fahnen unterzuge-

von Boris Guschlbauer

hen. Das war Leidenschaft. Wie viele suchten vergeblich nach ihr und fanden sie nicht, mir war sie ganz leicht und zart mit weißen Taubenflügeln zugeflogen.

Da stand ich nun, berauscht vom Kif, am Fuße

Einfach so.

einer gigantischen Düne, im Irgendwo der marokkanischen Wüste. Der heiße Sand brannte unter meinen

Der gigantische Rundumblick von der Düne ließ

wund gelaufenen Füßen. Jedes Sandkorn barg ein

alle Qualen der Welt vergessen. Ich schwankte vor

V


HEFT ZWEI Freude wie ein Schiff in Seenot, hyperventilierte, hielt

an gab es keinen geringsten Zweifel mehr. Augenblick-

mich aber wacker im Kampf gegen den Gegner Ohn-

lich zückte ich mein Notizbuch, riss eine Seite heraus

macht an den Planken fest. Mein Blick schweifte über

und schrieb diesen kurzen Brief:

den riesigen Sandkasten und am Ende der ausgedörrten Ebene im Osten sah ich die algerische Grenze,

Lieber Herr Saint-Exupery!

mit dunkelbraunen Teleskop-Kaleidoskopaugen tat ich einen zaghaften Blick nach Algier und ein stumpf-

Wie geht es Ihnen?

sinniger Selbstmordattentäter sprengte sich dort aus falscher Freude und Erwartung in die Luft. Zwanzig

Bin gerade in der Sahara unterwegs. Ich habe Ihr Bild

unschuldige Menschen wurden mit in den hämisch

erkannt. Ich bin genau dort, unter dem einen Stern,

grinsenden Tod gezwungen, ihre Eingeweide zerfetzt

mit diesen Dünen. Und tatsächlich kam mir auch ein

und dampfend auf dem heißen Asphalt, der Drang

lachendes Kind mit goldenem Haar entgegen. Ich

nach einem erfüllten Leben für immer verloren. Die 72

habe tatsächlich den kleinen Prinz getroffen!

hässlichsten Jungfrauen sollen dem Märtyrer die Impotenz lehren.

Ich wollte nur, dass Sie dies wissen. Bitte seien Sie

Um den Tod aus den Gedanken zu streichen, starr-

nicht länger traurig. Wir sehen uns irgendwann in

te ich wie im Film Pi mit weit aufgerissenen Augen in

Frankreich oder zuhause.

die roten Strahlen der untergehenden Sonne. Diese konnte man nicht sprengen, sie schmunzelte nur über

Bis dann,

die dämliche Unwissenheit der Menschheit und zog

Ihr Boris Guschlbauer

sich unter den Horizont zurück, um uns allein zu lassen, damit wir in der Dunkelheit etwas über uns selbst

Es war nichts als ein gelber Blitz bei seinem Knöchel. Er

nachdenken konnten. Und der Himmel und eine einsa-

blieb einen Augenblick reglos. Er schrie nicht. Er fiel sachte,

me Wolke färbten sich blutrot und das Blut tropfte in

wie ein Baum fällt. Ohne das leiseste Geräusch fiel er in den

den Sand und auch dieser färbte sich rot, dann beige,

Sand.

braun, grau, orange, gelb, schwarz, weiß... Die Farben

Eine Stille setzte ein. Absolute Stille. Der Tod. Ich

der Welt verwirrten Sinne, entlockten Tränen der Freu-

war wieder alleine, ganz alleine in der Wüste, der ein-

de, kitzelten die Netzhaut und Synapsen, ich fühlte

zige Mensch auf Gottes Erdboden. Einsamkeit über-

mich groß und klein zugleich.

rollte mich wie eine Dampfwalze mit Plutoniumantrieb.

Der erste Stern erschien als kleiner Brunnen mit

Ich legte mich zurück in den weichen, heißen Sand und

verrosteter Winde am Nachthimmel und ich sah die-

blickte hinauf in den Sternenhimmel, verlor mich in der

se weich geschwungenen Konturen der Dünen unter

unendlichen Weite des Alls und fand kein Ende. Ich ver-

diesem einen lachenden Stern in der Dunkelheit. Von

suchte, das große Ganze zu verstehen, das All mit dem

irgendwo her hatte ich exakt dieses Bild dieser Land-

Verstand zu begreifen, es zu vermessen – ein Akt der

schaft schon einmal gesehen, hatte es in einer weit ent-

Unmöglichkeit. Meinen kompletten Geist zog es in eines

fernten Ecke des Gehirns abgespeichert. Nun kam die

dieser Schwarzen Löcher, wurde in die Länge gezogen,

Erinnerung zurück, ich war mir sicher. Ich hatte exakt

deformierte sich und eine andere, ganz weit entfernte Di-

dieses Bild der schönsten und traurigsten Landschaft

mension erfasste mein Bewusstsein. In diesem Moment

der Welt in einem Buch entdeckt, ein Mann hatte ge-

war ich nicht mehr ich selbst, auch niemand Anderes,

nau diese Dünen mit dem Stern auf die vorletzte Sei-

nur ein kleines Stück formloser Materie in dieser end-

te gezeichnet. Und als ein kleines lachendes Kind mit

losen Zeit seit Anbeginn der Existenz. Nichts war mehr

goldenem Haar die Düne entlang auf mich zugelaufen

greifbar, real und von Belang. Alles war das Nichts, und

kam und ich es fragte: „Aber... was machst denn du

ich mir dessen gänzlich bewusst, obwohl „Ich“ aus dem

da?“ und es antwortete nicht, von diesem Augenblick

Wortschatz gestrichen war und das Wort „Wortschatz“

VI


HEFT ZWEI gar nicht mehr existierte, weil das „Wort“ nur eine Erfindung der Menschheit war und an diesem weit entfernten Ort völlig bedeutungslos...

Das hemmungslose Ausleben sexueller Phantasien sollte Glücks- und Hochgefühle nach sich ziehen, muss es aber nicht. Jetzt im Buchhandel: Jan Offs ffs neuster ff Geniestreich.

TiTelThema Kapitel: Verrostete liebe von Roman Libbertz Sie kam frühmorgens am Flughafen München an. Nach einer halbstündigen Taxifahrt nahm sie hastig die 116 Stufen zu meiner Haustür. Ihr Zeigefinger betätigte den Klingelknopf und ein schellendes Geräusch in C-Dur ertönte im Inneren der Wohnung. Nein, nein, nein, nein, nein, nein, es ist nicht vorbei! Verschlafen, nur mit einer Unterhose bekleidet, unter der sich meine Morgenlatte deutlich ins Freie schob, tappte ich zur Tür und zog das Türschloss auf. Die Tür schwang

JAN OFF UNZUCHT

auf und da stand sie. Für eine Sekunde lächelte XXXXX mich an bevor sie den, einer Hundertmeterläuferin zur Ehre gereichenden, Antritt vollführte und mich mit beiden Händen gegen die hinter mir befindliche Wand schubste. Mein Kopf krachte gegen eine der Spiegelkacheln, die mit einem krachenden Geräusch zersplitterte. Mein Körper sackte zu Boden, mir wurde kurz schwarz vor Augen und in meinem Inneren breitete sich ein schweißtreibendes Brennen aus. Stille. Ich fuhr mir durch die Haare, gezielt die Stelle suchend, die durch den Untergang des Spiegelglases in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dann schob ich langsam meine Finger wieder vor mein Gesicht. Ein rötlicher Film hatte sich über die Kuppen gelegt. Ich versuchte etwas zu sagen, doch aus meiner Kehle drang, so sehr ich mich auch anstrengte, nur ein leises Krächzen. Sie stand, von ihrem Kraftakt hörbar keuchend, über mir und ihre Augen machten den Eindruck, als ob sie gewillt wären, jede Sekunde aus ihren Höhlen zu springen.

www.ventil-verlag.de Nein, nein, nein, nein, nein, nein, es ist nicht vorbei!

VII


HEFT ZWEI Sie zischte einige Worte, die ich beim besten Willen nicht

und meine ersten sechzig Minuten Kunst in Angriff

verstehen konnte und das Nächste, was sich meinen Augen

nahm. Ich landete auf dem freien Platz neben ihm

preisgab, war ihr schwarzer Krokodillederschuhabsatz, der

und wir verstanden uns auf Anhieb ganz gut. Er

unerbittlich in meinen Unterleib – glücklicherweise einige

hatte blonde, halblange Dreadlocks, die unter einer

Zentimeter neben meinen Hodensack – raste. Ein stechen-

Baseball-Kappe aus blauem Kord und der Aufschrift

der Schmerz durchzuckte mich und ließ meine Arme hilfe-

‚Saints‘ vor sich hin vegetierten, ein verwaschenes,

suchend, an den Seiten meines Körpers, auf dem Teppich

langärmliges Shirt der Red Hot Chilli Peppers, eine

Halt suchen. Dunkelheit wollte sich vor mir ausbreiten, doch

alte, zerissene Jeans und durchgerockte Vans an. Das

mein Kreislauf schien stärker, nein, er war es nicht, und hat-

war zwar ein nicht unbedingt gern gesehener Look,

te darüber hinaus noch eine weitere Überraschung für mich

aber eine Schuluniform gab es im Gegensatz zu allen

parat.

anderen Schulen der Stadt auf Wellington High nicht,

Plötzlich raste bitterer Gallensaft durch meine Speise-

was mir, neben der Tatsache, dass die Schule sowohl

röhre, ich öffnete instinktiv meinen Mund und erbrach auf

von Jungs als auch von Mädchen besucht wurde, was

dem Fußboden.

ebenso eine Seltenheit darstellte, sehr entgegen kam.

Kraftlos versagten meine Hände ihre letzte Hilfe,

In der Mittagspause führte mich Corey, nachdem

rutschten über den zimtroten Teppich und ließen meine

es der Rektor sich nicht hatte nehmen lassen, mit

linke Gesichthälfte unsanft auf der, unglücklicherweise mit

mir am Morgen einen ersten Rundgang zu machen,

Mageninhalt beseelten, Faseransammlung aufkommen.

noch einmal durch das gesamte Schulgebäude, zeigte

Alle Viere von mir gestreckt lag ich da, während die Scher-

mir die inoffizielle Raucherecke, den kleinen Kiosk,

ben der Spiegelkachel meinem Rücken gnadenlos zusetzten.

an dem man sich in der Mittagspause mit Pies und

Meine Lider wurden schwer und ließen meinen Augen nur

Coke eindecken konnte, und den schnellsten Weg, um

noch einen kleinen Schlitz Blickfreiheit übrig.

unbeobachtet das Schulgelände zu verlassen. Corey zeigte mir die illegalen Partys in halb fertiggestellten Hochhäusern, den besten Plattenladen und Orte, an

Nein, nein, nein, nein, nein, nein, es ist nicht vorbei!

denen man in der Stadt abhängt, wenn man der SchuSie war aus meinem kleinen Sichtfeld verschwunden

le mal entfliehen konnte. Er besorgte mir ein Skateboard, stellte mich Mädchen vor und kam irgendwie

und ich musste mich auf meine Ohren verlassen. Ich hörte, wie sie sich die Hose auszog und mit einem

auch immer an Alkohol heran. Noch in der ersten

Mal spürte ich einen Strahl warmer Flüssigkeit auf meinen

Stunde Kunst hatten wir seine ‚Saints‘ gegen meine

Kopf niederprasseln. Dann wurde es still.

‚Stüssy‘-Kappe getauscht und bereits in der folgenden Englisch-Stunde konnte man an Mrs. Shonas Gesicht erkennen, dass es durchaus im Sinne der Lehrer gewe-

Ja, jetzt ist es aus!

sen wäre, wenn der Austausch-Schüler aus Deutschland einen anderen Freund gefunden hätte und nicht einen, aus dem, in ihren Augen, sowieso nichts werTiTelThema

den und der sein Heil ganz sicher irgendwann in Drogen suchen würde.

Coreys Cap

Ich warte also am Courtney Place auf Corey und lasse mir den typischen Wellingtoner Wind ins Ge-

von Johannes Finke

sicht blasen. Es ist spät, der McDonals hat bereits Ich stehe vor dem McDonald’s am Courtney Place

geschlossen, die Linienbusse ruhen still inmitten des Platzes und nur der Videoverleih, fünfzig Meter die

und warte auf Corey. Wir hatten uns morgens kennengelernt, nachdem

Straße rauf, hat auf, vierundzwanzig Stunden am Tag.

ich mir meinen Stundenplan zusammengestellt hatte

Alles ist noch fremd, aber spannend. Ich lebe endlich

VIII


HEFT ZWEI so bewusst war. Ich lache auch und wir gehen rein.

in einer Stadt am Meer und überall kann man es spüren, schmecken. Entgegen meiner Erwartungen sieht

In dieser Nacht, nachdem wir viel getanzt, gesun-

es auf der anderen Seite der Erdkugel genauso aus wie

gen, geschrien, noch mehr getrunken und uns vor der

in Europa. Und dass die Autos auf der falschen Stra-

Town Hall, weil ich im Begriff war, die Schule voll-

ßenseite fahren, ist mehr Gefahr als Kulturschock.

ends zu schmeißen, um für eine Weile auf der Südinsel umherzureisen, verabschiedet hatten, sah ich

Am anderen Ende des Platzes taucht eine Grup-

Corey das letzte Mal.

pe Menschen auf, die sich beim Näherkommen als Homies, größtenteils Maoris, mit weiten Hosen und

Nach meiner Reise über die Südinsel, die, weil ich

Kappen herausstellen. Sie bewegen sich quer über den

am Wakamarina meinen inneren Frieden fand, länger

Platz und die Straße und steuern direkt auf mich zu.

dauerte als ursprünglich geplant, kam ich noch ein-

Jetzt wird es spannend. Jetzt ist die Stadt fremd und

mal für ein paar Tage nach Wellington zurück, um

der Wind scheint plötzlich durch Jacke, Hemd und

mich von Freunden zu verabschieden und meine Sa-

Hose an die Haut zu dringen. So gut es geht, drücke

chen für den Rückflug nach Deutschland zu packen.

ich mich an die Wand, raus aus dem Licht der Stra-

Aber von Corey keine Spur.

ßenbeleuchtung. Aber sie haben mich bereits entdeckt

Zwei Jahre später hatte die Nachricht seines To-

und machen nicht unbedingt den Eindruck, als woll-

des dann irgendwie auch mich erreicht. Irgendwas

ten sie Freundschaft mit mir schließen. Ich verstehe

zwischen Überdosis und Drogencocktail hatte ihn

nicht, was sie sagen und freunde mich mit dem Gedan-

umgebracht. Coreys Cap trägt meine Mutter heute

ken an, jetzt entweder in ernsthafte Schwierigkeiten

manchmal bei der Gartenarbeit. Sie steht ihr gut.

zu kommen, vielleicht sogar mit körperlichen Beschädigungen, oder auf den richtigen Moment zu warten und loszusprinten. Einer der Homies zeigt auf meine mUSiK

Kappe. Sie werden laut. Scheinen sich nicht einig zu sein. In mir steigt die Angst. Durch die diskutierende Gruppe hindurch entdecke ich plötzlich Corey, der

„Wir Künstler sind ja immer die Kanarienvögel in der

uns ganz gemächlich und lässig schlendernd auf dem

Kohlegrube.“

Gehweg entgegenkommt. Dann entdecken ihn auch

Sophia Hoffmann interviewte David Longstreth von

die Homies und wenden sich von mir ab. Corey wirkt

den Dirty Projectors

entspannt und grinst. Er begrüßt die Homies. Sie reden und fangen an zu lachen. Ich verstehe nicht alles.

Endlich Frühling, Berlin spriesst, die Menschen krie-

Mein Schulenglisch kann ich hier getrost vergessen,

chen aus ihren Löchern und ich setze mich für eine halbe

soviel hatte ich morgens bereits begriffen. Zumindest

Stunde auf die Straße. In die Sonne. Zum Gespräch mit

verstehe ich jetzt, dass die Situation nicht mehr brenz-

David Longstreth, Kopf der New Yorker Band „Dirty Pro-

lig zu sein scheint. Corey meint, wir könnten jetzt los-

jectors“, die seit Kurzem bei Domino Records unter Vertrag

ziehen. Die Homies grinsen mich an und wünschen

sind und am 5.6. ihre 8. Platte „Bitte Orca“ veröffentlichen

viel Spaß. Denn gehen wir in unterschiedlichen Rich-

werden. Der ehemalige Yale-Student wird als musikalisches

tungen auseinander.

Genie gehandelt und hat eine Schwäche für Konzept-Alben und für Hunde, wie ich bald feststelle. Ein charmanter jun-

Als wir vier Monate später ein Hard-Ons-Konzert

ger Mann ohne Attitüde.

besuchen und auf dem Weg zur Town Hall den Ort dieser für mich unangenehmen Begegnung passieren, erzähle ich Corey von der Angst, die in der Nacht von

BlaNK: Aufgrund unglücklicher Umstände habe ich

mir Besitz ergriff, als ich auf ihn wartete und die Ho-

in Vorbereitung des Interviews das neue Album noch

mies kamen, von den Zweifeln und dem Gefühl der

nicht zu Gehör bekommen, wie würdest du es also

Unsicherheit. Er lacht und meint, dass ihm das nicht

jemandem, der es noch nie gehört hat, beschreiben?

IX


HEFT ZWEI DaViD loNgSTReTh: Im Gegensatz zu früherer Mu-

mer wieder live mit Visual-Künstlern und Filmpro-

sik, die ich gemacht habe, geht es hier mehr um die einzelnen

jektionen gearbeitet, gibt’s solche Pläne für zukünf-

Songs. Ich habe versucht, meine Ideen mehr in die Musik

tige Konzerte oder soll sich alles mehr auf die Songs

einzubringen, obwohl es meiner natürlichen Veranlagung

konzentrieren?

mehr entspricht, in Zusammenhängen bezüglich eines Al-

Dl: Das hängt ein bisschen von den einzelnen Stücken

bums zu arbeiten, etwas Zusammenhängendes, das sich

ab, ob sie Raum für eine visuelle Darstellung bieten oder

über 50 Minuten erstreckt.

sich selbst genügen. Aber ich möchte in Zukunft schon wieder ein Ergebnis aus mehreren Komponenten zusam-

BlaNK: Also steckt diesmal kein großes, ausgefeil-

mensetzen. Es ist vielleicht eine etwas antiquierte Vorstel-

tes Konzept dahinter wie bei den letzten Alben?

lung, aber schon als Student liebte ich die Vorstellung vom

Dl: Nein, ich denke nicht. Wenn es eines gäbe, dann wäre

„Gesamtkunstwerk“(verwendet den deutschen Begriff).

es höchstens das, schöne Musik zu machen. BlaNK: …und wieder ein deutsches Wort. BlaNK: Jetzt muss ich doch mal nachfragen – Der

Dl: Ja, ich habe mich viel mit ästhetischen Konzepten be-

Titel des Albums setzt sich zusammen aus dem deut-

schäftigt, Richard Wagner zum Bespiel. Er hat immer viel

schen Wort „Bitte“ und „Orca“, einem Walfisch?

vom Gesamtkunstwerk gesprochen.

Dl: Ja, der Titel hat keine wirklich wörtliche Bedeutung, es geht eher darum zwei Worte zusammenzusetzen, so wie es

BlaNK: Nun gibt es ja durchaus einen Trend zurück

die Beatles bei „Please Please Me“ getan haben. Ich finde, es

zum künstlerischen Gesamtkunstwerk, allein aus

hat einfach einen sanften, angenehmen Klang.

ökonomischen Gründen arbeiten viele Musiker an ihrem eigenen Art-Work, drehen selbst ihre Videos.

BlaNK: Ich muss gestehen, mein erstes Bild dazu

Dl: Ist das eigentlich ein Begriff, der in der deutschen Spra-

war das eines Menschen, der am Meer steht und ei-

che noch gebräuchlich ist?

nen gestrandeten Orca anfleht, wieder ins Wasser zurückzugehen : „Bitte, Orca!“

BlaNK: Durchaus, wobei man es meistens eher im

Dl: Das gefällt mir. (lacht)

Zusammenhang mit einer Person verwendet, weniger mit deren Werk. Oft geht man dabei auch mehr

BlaNK: Der Name unseres Magazins lautet

nach optischen Aspekten, Madonna wird zum Be-

BLANK, was im Deutschen soviel bedeutet wie

spiel als Gesamtkunstwerk bezeichnet.

„kein Geld haben/ Pleite sein“. Natürlich stelle ich

Dl: Ernsthaft? Das ist ja lustig. Wagner verwendete den

in diesem Zusammenhang gerne die klassische Frage

Begriff in einem sehr strengem und analytischem Zusam-

zur Finanzkrise. Spürst du sie in deinem Leben, in

menhang und 150 Jahre später hat sich die Bedeutung der-

deinem Umfeld. Gibt es deutliche Veränderungen,

massen geändert? (lacht)

sagen wir, im Vergleich zu vor einem Jahr? Dl: Naja, ich denke Künstler und Musiker sind ja wie Ka-

BlaNK: Ich würde dich gerne mit ein paar banalen

narienvögel in einer Kohlegrube, sie sind auf jeden Fall die

Standard-Fragen belästigen, weil ich die Antworten

ersten, die es zu spüren kriegen. Doch muss ich sagen, dass

immer sehr interessant finde. Nummer Eins:Was ist

wir als Band bis jetzt keinen großen Unterschied bemerken.

dein allererster musikalischer Einfluss, an den du

Einige großartige Plattenlabel in Amerika sind im letzten

dich erinnern kannst?

Jahr bankrott gegangen, was sehr zu bedauern ist. Das ist

Dl: Das erste, woran ich mich erinnern kann, ist dass meine

schon auch das Ende einer gewissen Ära der Indie-Musik…

Eltern die Beach Boys mit mir gehört haben.

Sehr traurig. BlaNK: Was ist dein liebster Ort auf der ganzen BlaNK: Ihr habt ja in der Vergangenheit auch im-

Welt?

X


HEFT ZWEI Dl: Puh, immer diese „Lieblings“-Fragen. Ein Ort ist auf jeden Fall der Point Reyes National Seashore-Nationalpark in Kalifornien. Sehr schön da... BlaNK: Was ist dein Lieblingsessen? Dl: Gestern war ich in Paris und ich habe ganz einfach ein Hühnerbein in einer leckeren Soße gegessen. Ich würde sagen, das war das beste Gericht, das ich je hatte. (schmunzelt) BlaNK: Werdet ihr Deutschland-Konzerte spielen im Laufe des Jahres? Dl: Ja, voraussichtlich im September. BlaNK: Vorhin habe ich mitbekommen, dass du gestern Karaoke singen warst. Magst du Karaoke? Dl: Ja, auf jeden Fall. Ich singe zum Beispiel gerne „Suspicious Minds“ von Elvis oder „War Pigs“ von Black Sabbath. Das sind so meine Karaoke-Songs. Was singst du am Liebsten? BlaNK: Ich mag „You‘re so vain“ von Carly Simon oder Abba-Songs... Dl: Echt? Ich könnte nie Abba singen. BlaNK: Meine letzte Frage an dich ist nochmal eine Standard-Frage: Hast du einen Fetisch? Dl: Mhm, ich glaube die meiste Zeit denke ich über Musik nach, über Musik machen... Ich weiss auch nicht, Musik ist schon das, worum sich alles bei mir dreht, das, wo ich meine ganze Energie reinstecke… und ich liebe Hunde. BlaNK: Die können ja auch wiederum eine Inspiration sein, hast du einen Hund? Dl: Nein, leider nicht. In New York ist das fast unmöglich, außerdem bin ich dauernd auf Tour. BlaNK: Ein kleiner, tour-kompatibler Hund? Dl: Nee, ich mag große Hunde. Wenn schon, dann ein grosser Hund. Dirty Projectors „Bitte Orca“ erscheint am 05.06.2009 auf Domino Records/ Indigo www.myspace.com/dirtyprojectors

XI


HEFT ZWEI verfällt in auf der Rückwand der Bühne eingeblende-

MEDIEN

ten Tweets darüber, dass auf dem Podium nicht im helden in hosenträgern

Einklang mit der Jahreszahl des Gipfeltreffens Dis-

ein Besuch auf der re:publica’09

kussionen geführt und Gedanken gesponnen werden.

von Teresa Bücker

In Ausrichtung an eine breite Öffentlichkeit wird hier über Thesen geplaudert, die weit vor dem Jahr 2009

Der Medienwandel in Deutschland wirkt eher

verstaubt sind.

schläfrig. Deutsche Blogs und der Umbruch der klassischen Publikationsformen – da sitzen sie: männlich,

Die Männer, die sich so freigeistig und unabhän-

um die vierzig, nicht unähnlich in ihrer Statur. Dröge,

gig im Beifall von Fans und Followern sonnen, erin-

leicht gelangweilt und wenig fertil fläzt sich die Revo-

nern merkwürdig stark an eine Komponente, die in

lution in den Podiumssesseln im Friedrichstadtpalast.

der Ursachenforschung der Krise von Finanzmärkten

Auf der re:publica’09, die laut Selbstbeschreibung

und Wirtschaft oftmals in der Kritik stand: Vorstän-

als Königin auf dem Ball der digitalen Gesellschaft

de. Alteingesessene Chefetagen, die vielleicht hinter

tanzt, erinnern die Eröffnungspanel daran, war-

ihren Eichenschreibtischen Pläne aushecken, vielleicht

um die Politik von Blogs derzeit noch wenig Notiz

des Nachts eine Sitzung in den Stripclub verlegen und

nimmt: Deutschlands demographisches Problem sitzt

gerne unter ihres Gleichen weilen. Die Eitelkeit, nicht

hier als Kunstinstallation inszeniert und symbolisiert

den Chihuahua auf dem Schoß.

durch ihre biologisch nicht mögliche Fortpflanzung

Eine starke Prise Selbstverliebtheit scheint dazu

vielleicht einen Teil der Antwort darauf, warum On-

zu gehören, wenn ein Onlinepublizist zum Alpha-

linemedien mitsamt ihrer Schwestern – die mehr auf

Blogger werden möchte. Der Weg zum Medienstar

Leidenschaft als auf Professionalisierung und einem

der Internetavantgarde scheint von ähnlichen Einflüs-

ökonomischen Konzept beruhen – die Prinzen der

sen geprägt wie der Berufsweg eines Karrieristen. So

Klassik noch nicht vom Thron gestoßen haben. Diver-

mutet es an.

sität als Erfolgsfaktor gilt derzeit in Wirtschaft und Politik als Trenddiskussion, doch was die re:publica

Wer entdeckt Blogger-Talente und führt sie ein?

am ersten Tag als Status quo auf der Berliner Bühne

Gibt es keine? Ist die schöne neue Welt des Netzes

statuiert, wirkt undurchlässig, bequem und keines-

schon wieder eine Altherrendomäne? Der mehrfach ausgezeichnete Blogger und Journa-

falls auf Krawall, Vermehrung und Machtergreifung

list Stefan Niggemeier äußerte seinen Unmut darüber,

gebürstet. Warum die mutigen Medien, die in ihrem Biotop

dass Blogs derzeit wenig eigenes hervorbringen und

kein Blatt vor den Mund nehmen und immer wissen,

viel aggregieren, aber keine Nischen besetzen, keine

was morgen schon wieder von gestern ist, nicht den

Geschichten erzählen, keine Akzente setzen. Viel-

Mut besitzen, am Tag der Eröffnung zarte Pflänz-

leicht ist diese Feststellung der Entwicklung geschul-

chen vor das Publikum zu lassen, Gesichter, die noch

det, dass ein Einfinden in die Onlinewelt mittlerweile

kaum jemand kennt, die etwas sagen, das noch nicht

nicht vorbeikommt an den „großen“ Namen der di-

von Blogs und anderen Medien zerkaut wurde, und

gitalen Gesellschaft und das reden über „gute“ Blogs

die mehr Grips als Eitelkeit besitzen, fragt sich ver-

zudem Leitlinien erzeugt, die das kreative Potenzial

mutlich das bunt gemischte Publikum. Die re:publica

von Blogs unterbinden. Schaut man ein wenig genau-

zieht in ihrem dritten Jahr neben Nerds viele Frauen,

er hin, haben die so genannten Topblogs zwar ihren

ergraute Teilnehmer, Netzneulinge und gelassene Be-

eigenen Charakter, von einer publizistischen Vielfalt,

obachter an. Diese versierte Mischung wundert sich

wie wir uns sie für das gesamte Medienangebot wün-

während die eintönige Auswahl von Herren mittleren

schen, kann man in den Leistungsträgern der digitalen

Alters und Explosivität miteinander in lose Streiterei

Publikationen nicht sprechen. Das Vordringen in die

XII


HEFT ZWEI Spitze der Blogs verlangt eine thematische Beschäfti-

Baby betrachten, das nicht mag, wenn Papa zu ernst

gung mit neuen Medien und progressiven Thesen zum

schaut und der andere Papa am Abend wieder die

Sieg von Online über Print. Wer hervorragend Ge-

gleiche Geschichte vorliest, hat eine Mama vielleicht

schichten erzählt oder Themen abseits vom Kreisen

wieder Lust, das Kleine zu stillen und der Familie wei-

um Blogs etabliert, mag im Netz auch irgendwann

teren Nachwuchs zu schenken. Die deutschen Blogs

eine große Leserschaft haben, die Aufmerksamkeit

haben mehr Wumms als die Politik, Ihr Nachwuchs-

von klassischen Medien scheinen aber eher die On-

problem sollte für sie ein leichtes sein zu lösen. Viel-

linepublizisten zu bekommen, die am vehementesten

leicht passiert der Wandel, kommt die Erkenntnis,

schreien: Ich weiß am meisten über Twitter!

dass das Netz allein und das eigene Ego nicht ausrei-

Wenn nun ein junger Blogger nach wenigen Monaten des Selbstversuchs als drängenste Frage an den

chen, um das Motto der Konferenz „Shift happens“ geschehen zu lassen.

Fachverstand des Podiums richtet, wie er sein Blog denn vermarkten könne, ergänzt dies Herr Niggemei-

Eine erste Version dieses Textes ist am Abend des

ers Anmerkung um einen weiteren Aspekt, der nicht

ersten Tages der re:publica’09 auf dem Blog der Au-

unbedingt für das bunte Erblühen der Bloglandschaft

torin „flannelapparel“ in für das Netz geschneiderter

spricht. Auch wenn die Entwicklung, dass einzelne

Form erschienen. Kommentare und Links finden sich

Menschen in Deutschland und wesentlich mehr Per-

unter http://flannelapparel.blogspot.com/2009/04/

sonen in den USA ihren Lebensunterhalt über das

helden-in-hosentragern.html

Führen eines Blogs bestreiten können, sehr zu begrüßen ist – wer ein Blog mit einem gedanklichen Flirt mit dem Geldsegen beginnt, hat den falschen UnterFILM

richt besucht. Für eröffnende Panels hätte ich mir vor allem ge-

Keine Berechnung: eine etwas genauere Betrachtung

wünscht, dass sie Fragen aufwerfen, auf die selbst

zum Kinofilm „John Rabe“

die Podiumsteilnehmer noch keine Antwort oder zu

von Johannes Finke

denen sie keine Meinung haben. Von Podiumsteilnehmern hätte ich mir gewünscht, dass sie sich wundern,

Man kommt eigentlich nicht mehr mit, wenn es

warum zu ihrer Linken, zu ihrer Rechten ein leicht

um Meinungsvielfalt und Minderwertigkeitskom-

variiertes Pendant ihrer selbst sitzt, grau in grau wie

plexe geht. Doch manchmal offenbaren sich Schwä-

die Börsianer. Wo sind die jungen Wilden, eine der

chen und Gefahren derart eklatant, dass man sich

vielen klugen Frauen, die im Netz ihr Zuhause haben,

selbst, die eigene Verwunderung und das Gelesene

die Skeptiker?

und dabei Gefühlte einer genaueren Betrachtung unterziehen sollte. Auch wenn es zuweilen etwas

Selbstverständlich waren sie im Publikum. Viel-

wirr erscheint. Schnell überkommt einen die Ver-

leicht auch daheim am Rechner, bloggend über Kat-

mutung, Dinge laufen in die falsche Richtung, weg

zen und die Welt; auf der Lauer nach einer wirkli-

von dem, was wichtig und richtig ist, weg von einer

chen Story; haben über die Zukunft sinniert und

Betrachtungsweise, die es ermöglichen könnte, we-

geschrieben; saßen in der Sonne – vergessen, dass die

nigstens eine Gemeinsamkeit zu entdecken. Natürlich, in „John Rabe“ von Florian Gallen-

re:publica tagt; haben an Nachwuchs gedacht, nicht

berger geht um Befindlichkeiten. Es geht um deut-

an Netzneuheiten. Das mit den Männlein und Weiblein klappt bei

sche Geschichte. Um deutsches Kino. Um Nazis und

der re:publica wunderbar. Jung und alt scheinen sich

vermeintliche Gutmenschen. Es geht in diesem Film

auch zu mögen. Wenn nun alle wieder ihr Blog als ihr

allerdings nicht um einen „guten Nazi“, das wäre

XIII


HEFT ZWEI eine Frage der Qualität, von Motivation, Gehor-

len zu können, die ihre Verortung nicht leugnen,

sam, Verinnerlichung und Gefolgschaft. Das Bild

diese aber nicht als grundlegend begreifen. Doch

des „guten Nazis“ war nie eins. In „John Rabe“ geht

ziemlich schnell wird klar, worum es in dieser Film-

es vielmehr um eine Geschichte, die erzählt und be-

kritik eigentlich geht: „Das Passepartout für den

schreibt, wie Menschen in Notsituationen Prägung,

Film liefert Hollywood: das Drama „Schindlers

Verlockung und Gefahrenpotentiale über Bord wer-

Liste“. Indem „John Rabe“ an dieses waghalsige

fen können und anfangen, so zu handeln, dass es

Unternehmen (eine Geschichte vom „guten Nazi“,

allem Anschein nach eine Situation verbessert, dass

inszeniert von einem Regisseur, der bis dahin vor

es Leben, die nicht unbedingt Teil des eigenen sind,

allem unterhaltsame Filme gedreht hatte) anknüp-

rettet und deren scheinbar moralisches Handeln sich

fen will, lässt er sich von Spielbergs Erfolgsfilm

nicht aus den gegeben Umständen erklärt.

Unbedenklichkeitserklärung und Gewinnerwar-

Aber stürzen wir uns auf den gegenständlichen

tung in einem ausstellen: „Schindlers Liste“ war

Anlass der Verwunderung, einem Artikel bzw. ei-

großes (Kinokasse) und gleichzeitig historisch be-

ner Filmkritik aus der Wochenzeitung Freitag vom

deutsames (Schulklassen) Kino – also wird „John

01.04. 2009 über den im April bereits angelaufenen

Rabe“ das schon auch werden. Zugleich verschafft

Film „John Rabe“, mit Ulrich Tukur, Daniel Brühl

Gallenbergers Regie jenen deutschen Filmschaf-

und Steve Buscemi in den Hauptrollen: „Traurig ist

fenden Genugtuung, die aus Standortdünkel als

das deutsche Kino, wenn es von Größe und Glanz

falsch empfunden haben, dass ein amerikanischer

träumt und seinen sehnsüchtigen Blick immer nur

Jude „deutsche“ Geschichten erzählt – unabhängig

nach Hollywood richtet. Man kann Hollywood für

davon, dass sich gewisse deutsche Geschichten zu

vieles verachten, aber wenn es sich auf etwas ver-

gewissen Zeiten von amerikanischen Juden wo-

steht, dann ist es die Produktion von Stars und Ef-

möglich unproblematischer erzählen lassen.“ Ist es

fekten, von großen Namen und viel Brimborium.

nicht egal, ob ein Deutscher, ein Jude oder ein Gha-

Auch das muss man nicht mögen; armseliger als aller

nese die Geschichte eines Deutschen verfilmt? Wir

Brass ist aber der Versuch, Hollywood zu imitieren

sind doch schon viel weiter: „Es ist ein bis ins Detail

mit geringeren Mitteln.“ Ok, so weit so gut. Doch

präziser historischer Film, aber es ist ein Film aus

dem nicht genug, fröhlich wird weiter gewettert:

einer Tarantino-Welt“, sagt zum Beispiel Kulissen-

„Florian Gallenbergers Film „John Rabe“ ist ein

bauer David Wasco, der bereits das Jack Rabbit’s

Lehrbeispiel für die Kümmerlichkeit der scheinbar

Slim in „Pulp Fiction“ erbaute, über „Inglorious

kühnen Ambitionen vom großen deutschen Kino“.

Basterds“, Tarantinos martialisches Kriegsdrama,

Wer hat diese kühnen Ambitionen formuliert? Sind

das im Sommer in die Kinos kommt.

Filme wie „Keinohrhasen“ und „1 ½ Ritter“ auch

Doch Tarantino, der stets sein Potential an

Teil dieser kühnen Ambitionen? Oder nur „Der

Coolness ausspielt, um explizite und stilisierte

Baader-Meinhoff-Komplex“? Oder „Das Leben der

Darstellung von Gewalt zu legitimieren, was man

Anderen“, eine Geschichte, die ebenso von Wand-

auch als Triumph von Popkultur über die Bewäl-

lung und moralischer Einsicht eines Deutschen be-

tigungskultur bezeichnen kann, ist ja „etwas an-

richtet? Oder die Preussler-Verfilmung „Krabat“,

deres“. Das andere Amerika ist böse. Damit hat

die nicht nur in Deutschland mehr als eine Million

Tarantino nichts zu tun. Jedoch der Regisseur

Besucher in die Kinos lockte, sondern auch welt-

von „John Rabe“: „Florian Gallenberger bringt in

weit, von Tokyo bis Novosibirsk, zu sehen war? Ich

das Projekt „John Rabe“ nun aber nicht nur seine

kann keine kühnen Ambitionen erkennen. Ich sehe

deutsche Herkunft, sondern wiederum in Amerika

nur ein Zusammenwachsen, ein Austauschen und

erworbene Meriten ein, einen 2001 gewonnenen

ein Lernen, die Versuche mit Bildsprache und Seh-

Kurzfilm-Oscar. Die Rechnung: Große deutsche

gewohnheiten zu spielen, um Geschichten erzäh-

Filme drehen am besten Menschen, die schon ein-

XIV


HEFT ZWEI mal erfolgreich in einer Oscar-Verleihung gesessen haben. Akklamatorisch hat jedenfalls der Deutsche Filmpreis, der Ende April verliehen wird, „John Rabe“ in sieben Kategorien nominiert, und schon dieses Gehabe, abgeschaut beim Oscar, ist unendlich peinlich.“ Ich überlege, wie ich in diesen Zusammenhang Florian Henckel von Donnersmarks „Das Leben der Anderen“ und die Rezeption von real-existierendem Sozialismus in Film und Literatur in diesem Text unterbringe, doch soweit muss und darf man an dieser Stelle nicht gehen. Es ist alles viel einfacher: „Denn, und darum geht es auch noch, der Film hält nichts von dem, was sein Drumherum und die Geschichten, die sich darüber erzählen lassen, versprechen. „John Rabe“ ist ein zähes Werk, was wohl auch damit zu tun hat, dass es die 134 Minuten, die es tragen soll, weil großes Kino länger dauern muss als 90 Minuten, nicht trägt: Unentschieden springt die Handlung zwischen den Konfl iktherden – der Nazi Rabe gegen den AntiNazi-Arzt Wilson (Steve Buscemi); Rabe gegen seine Diabetes; Rabe und die Liebe; die Japaner gegen das Komitee zur Verteidigung von Nanjing. Die Musik ist ärgerlich, weil ihrem Einsatz das Kalkül der Überwältigung anzumerken ist. Ratlos machen die Originalaufnahmen, die in solchem Ausmaß einfügt werden, dass man nicht weiß, ob damit nur Echtheit zertifi ziert oder Zeit geschunden werden soll.“ Tatsächlich, die Musik ist, um es etwas geschmeidiger zu formulieren, etwas dick aufgetragen. Doch wäre es auch verwunderlich, wenn ein junger Regisseur einen perfekten Film abliefert. Das kann man nun wirklich nicht erwarten. Und, auch wenn dies nur als subjektiver Eindruck empfunden werden sollte, er ist nicht zäh oder langweilig, wirkt nicht unnötig in die Länge gezogen und der Versuch den Zuschauer mit Hilfe historischer Aufnahmen zu akklimatisieren ist nicht gescheitert. Doch kommen wir zurück zum hier zugrunde liegenden Text und fahren fort: „Und Ulrich Tukurs Spiel lässt Rabe nur mehr sympathisch erscheinen und Seiten, die an der Figur vielleicht auch problematisch sind, verschwinden. Aber das alles stört vermutlich sowieso niemanden – solange Besucher-

XV


HEFT ZWEI zahlen, Quoten und Auslandsverkäufe stimmen.“

Geschichte? Oder wo ist das verdammte Problem?

Und damit hat der Kritiker schlicht unrecht und ich

„John Rabe“ ist kein ideologischer Film. Bei weitem

unterstelle hier eine Haltung, die aufgrund von nicht

nicht. Doch wahrscheinlich schreiben auch Film-

näher bestimmbaren Aversionen dafür sorgt, dass

kritiker für ihr Publikum und liegen dann auch da

der Blick des Kritikers bzw. dieses Kritikers, nicht

daneben, wie ein Leser-Kommentar im Netz zeigt:

mehr funktioniert. Zumindest, was diesen Film an-

„Geil! Noch ein guter Nazi! Davon gab es ja an-

geht, wahrscheinlich jedoch auch, was viele andere

scheinend eine ganze Menge. Und man lernt wieder,

Filme angeht, die sich auf ein Thema einlassen, das

dass man in jedem noch so beschissenen System nur

die deutsche, politisch-korrekte Seele toucht. Tu-

erst mal möglichst weit nach oben kommen muss,

kur verleiht der Figur John Rabe eine sehr spezielle,

damit man dann, wenn‘s richtig zur Sache geht,

eindimensionale Vielschichtigkeit, die phasenwei-

auch mal richtig anständig jemandem helfen kann.

se sogar zu Irritieren im Stande ist. Die Nachvoll-

Denn wer nicht mitmacht, dessen Humanismus ist

ziehbarkeit von Handlungen ist da nur das kleinste

ja dann aufgrund fehlender Geld- oder Machtmittel

Problem, die Darstellung von Echtheit ein noch viel

für‘n Arsch. Und dann nach dem Film über den gu-

geringeres. An darstellerischer Qualität mangelt es

ten Nazi bitte ganz schnell noch großes Kino über

dem Film nun wirklich nicht. Steve Buscemi treibt

die vielen deutschen Opfer nachschieben, Vertrie-

seine Figur zuweilen in ein offenes Kammerspiel,

bene und so. Damit nicht der falsche Eindruck von

ironisch, verzweifelt, gebrochen und wieder aufer-

Deutschland entsteht. Seltsam eigentlich, dass der

standen. Über das Talent von Daniel Brühl muss

Freitag nur darüber weint, dass Hollywoodstan-

man sich an dieser Stelle auch nicht weiter auslassen.

dards nicht erreicht werden. Was eigentlich mit diesem Film erreicht werden soll, und welche Ideologie

Man kann abschließend versuchen, die Motiva-

damit bedient wird, das ist wohl herzlich wurscht.“

tion, die einer solchen Filmkritik zu Grunde liegt,

Dabei hätten wir das doch alle gerne mal gewusst:

zu verstehen, doch das Scheitern dieses Unterfangen

Was will der Film „John Rabe“ erreichen? Welche

ist vorprogrammiert. Was soll gesagt werden? Wol-

Ideologie bedient er? Und überkommt nur mich das

len wir großes Kino in Deutschland? Sollen wir es

Gefühl, dass alles hier zitierte letztendlich nur dazu

versuchen? Können wir großes Kino machen? Wol-

dient, dem Film oder dem Regisseur etwas zu unter-

len wir jetzt eigene deutsche Stars in Deutschland

stellen? Klingt das nicht einfach nur nach vermeintli-

oder wollen wir sie nicht? Oder haben wir nicht

cher politischer Korrektness? Und macht man es sich

bereits Stars und die in diesem Text beschriebene

da mittlerweile nicht zu einfach? Wenn man tatsäch-

Befindlichkeit kann und möchte sich einfach nicht

lich der Meinung ist, „John Rabe“ würde Geschichte

damit auseinandersetzen? Ist die Filmwelt nicht

verfälschen oder verharmlosen, ist man einfach noch

bereits so in sich verwachsen, dass man eigentlich

nicht angekommen.

nicht mehr von einer ‚deutschen Befindlichkeit’ Lassen wir zum Ende noch mal unseren Kritiker

sprechen kann? Und um welche Ideologie geht es

zu Wort kommen, aus einer Antwort bzw. Reaktion

hier denn eigentlich?

auf einen Leserkommentar: „(…) „Schindlers Liste“ Was werden wir alle über den neuen Film von

ist kein unproblematischer Film, aber damit man die

Tarantino schreiben, wenn wir sehen wie Brad Pitt

Diskussionen, die da anfangen, über „John Rabe“

als Ober-Basterd Aldo Rain von seinen Soldaten

führen könnte, müsste „John Rabe“ mehr sein als

deutsche Skalps einfordert und Daniel Brühl als Pa-

ein langweiliges, aufgeblasenes Möchtegern-Epos.“

rade-Nazi im Propaganda-Film-im-Film „Stolz der

Vielleicht hätte er einfach schreiben sollen, dass ihm

Nation“ den Kirchturm-Sniper mimt? Wird es nicht

der Film nicht gefallen hat. Vielleicht hätte er es auch

Zeit, Geschichten genauso richtig einzuordnen wie

einfach sein lassen sollen.

XVI


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07.04.2009 18:35:56 Uhr


BLANK MAGAZIN Mai/Juni 2009