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Dance Me Dance Me Dance Me Dance Me Dance Me Dance Me to the End of Love Ein Totentanz Ein Totentanz Ein Totentanz Ein Totentanz Ein Totentanz Ein Totentanz



← VASLAV NIJINSKY SCHWARZE UND ROTE KREISSEGMENTE, 1918/1919 TUSCHE AUF PAPIER JE CA. 13×20 CM STIFTUNG JOHN NEUMEIER

Dance Me to the End of Love Ein Totentanz Herausgegeben von Stephan Kunz und Stefan Zweifel Mit einem Vorwort von Stephan Kunz und Stefan Zweifel, Essays von László F. Földényi und Luise Maslow sowie literarischen Textcollagen von Stefan Zweifel

Bündner Kunstmuseum Chur Scheidegger & Spiess


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Dance Me to the End of Love Ein Totentanz

Stephan Kunz und Stefan Zweifel

Dionysische Träume  60

Textcollage Teil 1

Musik und Tanz im Totentanz 102

Luise Maslow

Der lebende Tod 158

László F. Földényi

Im Schwindel der Lust 206

Textcollage Teil 2

Der Tod, der aus der Kälte kam 254

Textcollage Teil 3



ANONYM TORSO EINER TANZENDEN MÄNADE, «DRESDNER MÄNADE», SPÄTKLASSIK GIPS (KOPIE) 55×21 CM ANTIKENMUSEUM BASEL UND SAMMLUNG LUDWIG

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LOUIS SOUTTER LA CORDE FATALE, 1937/1942 FINGERMALEREI, TINTE AUF PAPIER 50×64,8 CM AARGAUER KUNSTHAUS AARAU

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LOUIS SOUTTER LE FILS PRODIGUE, UM 1937/1942 FINGERMALEREI, TINTE AUF PAPIER 50×65 CM AARGAUER KUNSTHAUS AARAU

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HANS CHRISTIAN ANDERSEN FRAU MIT VIER BRÜSTEN – FRUCHTBARKEITSGÖTTIN, 1859 SCHERENSCHNITT 19,6×13,2 CM ODENSE CITY MUSEUMS

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HANS CHRISTIAN ANDERSEN FIGUR MIT DREI KÖPFEN, O. J. SCHERENSCHNITT 15,5×16,5 CM ODENSE CITY MUSEUMS

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Dionysische Träume Textcollage Teil 1

In der mimisch-dichterischen Arbeit von Nijinsky finde ich eine Vision der Antike, die ganz die unsrige ist, mit einer Schwingung von Schicksal und Tragik. [...] Der Faun schlafend, die Nymphen in seiner Nähe spielend. Er erwacht, nähert sich: ein Tier des Waldes, halb scheu, halb begierig. Sie erschrecken, flüchten. Ein Teil des Gewandes, ein Tuch, eine Schärpe, von der jüngsten, schönsten verloren, bleibt ihm zurück. Er spielt damit tierhaft, zärtlich, trägt’s in sein Versteck, legt sich nieder. In der Ausfüh­ rung die gleiche Simplizität und Strenge. Jede Gebärde im Profil. Alles auf das Wesentliche reduziert, zusammenge­ presst mit einer unglaublichen Kraft: Haltungen, Ausdrücke, die wesentlichen, die entscheidenden. Ein Aufstehen, ein Heranlauern, ein Faunssprung, ein einziger … «Wenn ich den ganzen Faun nicht in einem Sprunge geben kann, bin ich ein Stümper vor mir», fühlt man Nijinsky sich sagen. HUGO VON HOFMANNSTHAL: NIJINSKYS «NACHMITTAG EINES FAUNES», 1912

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DIONYSISCHE TRÄUME Im Palace Hotel in St. Moritz war das Publikum gekommen, um sich unterhalten zu lassen. Es glaubte, ich tanze, um zu unterhalten. Ich habe schreckliche Sachen getanzt. Sie hatten Angst vor mir, und so glaubten sie, ich wolle sie umbringen. Ich wollte niemanden umbringen. Ich liebte alle, doch mich liebte keiner, und das machte mich nervös. Ich war nervös, und so übertrug ich dieses Gefühl auf das Publikum. Das Publikum mochte mich nicht, denn es wollte weg. Da begann ich lustige Sachen zu tanzen. Das Publikum begann sich zu amüsieren. Es hatte gemeint, ich sei ein langweiliger Künstler, doch ich zeigte, dass ich lustige Sachen zu spielen vermag. Das Publikum begann zu lachen. Ich begann zu lachen. Ich lachte in meinem Tanz. Das Publikum lachte ebenfalls in meinem Tanz. Das Publikum verstand meinen Tanz, denn es wollte ebenfalls tanzen. Ich tanzte schlecht, denn ich fiel zu Boden, wo ich es nicht hätte tun sollen. Dem Publikum war das egal, denn ich tanzte schön. Es hatte meine Idee verstanden und amüsierte sich. Ich wollte weitertanzen, doch Gott sagte mir: «Genug.» Ich hielt inne. Das Publikum ging auseinander. Die Aristokraten und das reiche Publikum bestürmten mich, noch etwas zu tanzen. Ich sagte, ich sei müde. [...] Ich zeigte einer Aristokratin das Blut an meinem Bein. Sie mag kein Blut. Ich gab ihr zu verstehen, dass Blut Krieg bedeutet und dass ich den Krieg nicht mag. Ich stellte ihr mit einem Kokottentanz eine Lebensfrage. VASLAV NIJINSKY: TAGEBÜCHER, 1919

Singend und tanzend äussert sich der Mensch als Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit: er hat das Gehen und das Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen. Aus seinen Gebärden spricht die Verzauberung. Wie jetzt die Thiere reden, und die Erde Milch und Honig giebt, so tönt auch aus ihm etwas Uebernatürliches: als Gott fühlt er sich, er selbst wandelt jetzt so verzückt und erhoben, wie er die 62

Götter im Traume wandeln sah. Der Mensch ist nicht mehr Künstler, er ist Kunstwerk geworden. [...] So thun wir einen Blick in das Wesen des Dionysischen, das uns am nächsten noch durch die Analogie des Rausches gebracht wird. Entweder durch den Einfluss des narkotischen Getränkes, von dem alle ursprünglichen Menschen und Völker in Hymnen sprechen, oder bei dem gewaltigen, die ganze

TEXTCOLLAGE TEIL 1 Natur lustvoll durchdringenden Nahen des Frühlings erwachen jene dionysischen Regungen, in deren Steigerung das Subjective zu völliger Selbstvergessenheit hinschwindet. Auch im deutschen Mittelalter wälzten sich unter der gleichen dionysischen Gewalt immer wachsende Schaaren, singend und tanzend, von Ort zu Ort: in diesen Sanct-Johann- und SanctVeittänzern erkennen wir die bacchischen Chöre der Griechen wieder, mit ihrer Vorgeschichte

in Kleinasien, bis hin zu Babylon und den orgiastischen Sakäen. [...] Kränzt euch mit Epheu, nehmt den Thyrsusstab zur Hand und wundert euch nicht, wenn Tiger und Panther sich schmeichelnd zu euren Knien niederlegen. Jetzt wagt es nur, tragische Menschen zu sein: denn ihr sollt erlöst werden. Ihr sollt den dionysischen Festzug von Indien nach Griechenland geleiten! Rüstet euch zu hartem Streite, aber glaubt an die Wunder eures Gottes!

FRIEDRICH NIETZSCHE: DIE GEBURT DER TRAGÖDIE, 1872

Die Ägypter verehren Isis und Osiris – Letzterer sei Dionysos, sagen sie. HERODOT: HISTORIEN, 5. JH. V. CHR.

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TEXTCOLLAGE TEIL 1

DIONYSISCHE TRÄUME Der Kopf des OSIRIS soll ihm nicht fortgenommen werden, und mein Kopf soll mir nicht fortgenommen werden. Ich bin aufgerichtet, erneuert und verjüngt. Ich bin OSIRIS, der Herr der Ewigkeit. [...] Ich bin als König der Götter erschienen, ich sterbe nicht noch einmal im Totenreich. [...] Ich bestehe fort, bestehe fort, ich bleibe am Leben, bleibe am Leben, ich bleibe fest, bleibe fest! Ich bin in Frieden erwacht, ich bin nicht aufgeschwollen und nicht vergangen mit meinen Eingeweiden, ich bin nicht verletzt worden, mein Auge ist nicht geschwollen, mein Schädel ist nicht beschädigt, meine Ohren sind nicht taub geworden, mein Kopf hat sich nicht von meinem Hals getrennt, meine Zunge wurde nicht fortgenommen, mein Haar nicht abgeschnitten, meine Brauen sind nicht ausgefallen, kein böser Schaden ist mir widerfahren. Mein Körper besteht, er geht nicht zugrunde, er vergeht nicht in diesem Land, ewiglich. [...] Die Geheimnisse der Unterwelt, die geheime Einführung für das Totenreich, Berge aufzubrechen und Täler aufzuschliessen, Geheimnisse, die niemand kennt, [...] sollst du benutzen, ohne irgendeinen Menschen zuschauen zu lassen. [...] Du sollst sie in einer Halle aus Leinenstoff benutzen, die ganz mit Sternen besetzt ist. Jeder Verstorbene, für den diese Schriftrolle benutzt wird, der wird herausgehen am Tage und wird machtvoll sein unter den Göttern. [...] Diese Schriftrolle ist ein wahres Geheimnis! Die gemeinen Leute sollen sie niemals erblicken.

«Sobald der in die Eleusinischen Mysterien Eingeweihte», so berichtet Eliphas Lévi, «alle Prüfungen triumphierend bestanden, sobald er die heiligen Dinge gesehen und berührt hatte und wenn man ihn für stark genug hielt, um das letzte und schrecklichste aller Geheimnisse zu ertragen, lief ein vermummter Priester auf ihn zu und liess ihm den rätselhaften Satz ‹Osiris ist ein schwarzer Gott› ins Ohr fallen.» Worte, dunkler und glänzender als Pechkohle! [...] Freilich muss man, um ganz von ihnen durchdrungen zu werden, aufgehört haben, sich auf seinen Kopf zu verlassen, muss sich dem Reigen der exzentrischen Kreise aus den Tiefen hingegeben haben, muss den Blick auf die – meinem Freund Marcel Duchamp so teuren – «flatternden Herzen» des Aussersichseins gerichtet haben. Man muss bis auf den Grund des menschlichen Schmerzes vorgedrungen sein. [...] Und ich weiss, dass die Liebe, die an diesem Punkt nur noch auf sich selber baut, sich nicht zurücknehmen lässt, und dass sich meine Liebe zu dir immer wieder aus der Asche der Sonne erhebt. [...] Doch welche Formel könnte alle Kraft zu leben, mit aller erdenklichen Intensität zu leben, in sich verdichten? Die Formel, an die ich mich zu halten beschliesse, die einzige, die ich glaube, gelten lassen zu können, um dich mit ihrer Hilfe zu mir zurückzurufen, wenn es geschieht, dass du dich plötzlich zur anderen Seite neigst, besteht aus diesen wenigen Worten, mit denen ich, wenn du den Kopf abzuwenden beginnst, dein Ohr nur streifen möchte: «Osiris ist ein schwarzer Gott.»

DAS ÄGYPTISCHE TOTENBUCH (AUSZÜGE AUS DEN TOTENSPRÜCHEN 43, 44, 154, 190), 15. JH. V. CHR.

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ANDRÉ BRETON: ARKANUM 17, 1947

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TEXTCOLLAGE TEIL 1

DIONYSISCHE TRÄUME Vom Land Asien, vom heiligen Tmolos entfernt, eil ich zur Arbeit Für Gott Bromios, zu freud’ger, Mich nie ermüdender Müh, Bakchios Heil rufend im Chor. [...] Selig, wer in hohem Glück Um der Götter Weihen weiss Und sein Leben so heiligt; Selig, wer schweift in dem Gebirg Und die Seel im Schwärmen fromm Sich bewahrt an der Grossen Mutter Kybele hohem Festbrauch, Mit des Thyrsos wildem Schwingen, Das Haupt efeubekränzt, sich weiht Ganz dem Dienst des Dionysos! Auf, ihr Bakchen, führt ihn heim nun, Euren Schwarmgott, höchsten Gotts Sohn, Dionysos, von Phrygiens Hohen Bergen hin zu Hellas’ Weiten Fluren, die zum Tanz laden; führt heim Bromios! [...] Gleich tanzt das Land – alles – im Chortanz – Bromios ja ist’s, der die Schwärmenden führt – In das Gebirg. EURIPIDES: DIE BAKCHEN, UM 405 V. CHR.

Dionysos war der Gott der Überschreitung und des Festes. Der Gott der Ekstase und der Tollheit. Trunkenheit, Orgie, Erotik sind die fassbaren Aspekte eines Gottes, dessen schwindel­ erregende Abgründigkeit die Konturen verzerrt … [...] Dionysos 66

war nicht von Anfang an ein Gott des Weines. Der Weinbau hatte im Griechenland des 6. Jahrhunderts noch nicht die Bedeutung, die ihm bald danach zukam. Zwar war auch die dionysische Tollheit noch eine begrenzte Tollheit, die ihre Opfer schonte und nur in seltenen Fällen zum Tode führte. Doch erreichte das Delirium der Mänaden eine Intensität, der allein noch das Zerreissen lebender Kinder, der eigenen Kinder, gerecht zu werden schien. Wir wissen nicht, ob die Riten tatsächlich zu derartigen Exzessen geführt haben. Doch sicher ist, dass die Mänaden anstelle ihrer eigenen Kinder lebende Zicklein zerfleischten und verschlangen – diese Zicklein, deren Todesschreie so sehr an das Schreien von Klein­ kindern erinnern. GEORGES BATAILLE: DIE TRÄNEN DES EROS, 1961

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MONOGRAMMIST AC (NAGLER I 260) EIN PAAR WIRD VOM TOD UMARMT, BLATT DER FOLGE TOTENTANZ, 1562 KUPFERSTICH AUF VERGÉ-PAPIER 8,7×6,5 CM GRAPHISCHE SAMMLUNG ETH ZÜRICH

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ALBRECHT DÜRER WAPPEN MIT DEM TOTENKOPF, 1503 KUPFERSTICH 22,1×16 CM GRAPHISCHE SAMMLUNG ETH ZÜRICH

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PETER HUJAR PALERMO CATACOMBS #6 (GIRL WITH GLOVES), 1963 SILBERGELATINE-ABZUG 39,5×39,3 CM SAMMLUNG FOTOMUSEUM WINTERTHUR, SCHENKUNG RICHARD BRINTZENHOFE

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PETER HUJAR PALERMO CATACOMBS #9 (PRIEST), 1963 SILBERGELATINE-ABZUG 39,2×39,4 CM SAMMLUNG FOTOMUSEUM WINTERTHUR, SCHENKUNG RICHARD BRINTZENHOFE

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ANONYM TOTENKOPF, 18. JH. FAYENCE 22×26,5×18 CM PRIVATBESITZ

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ANDY WARHOL TOTENSCHÄDEL, 1976/1977 SYNTHETISCHE POLYMERFARBE UND SIEBDRUCK AUF LEINWAND 38,1×48,3 CM PRIVATBESITZ

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PLATTENCOVER AUS DER SAMMLUNG VON VEIT STAUFFER REC REC LADEN, ZÃœRICH

THE BEATLES SGT. PEPPERS LONELY HEARTS CLUB BAND, 1967

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FRANK ZAPPA LUMPY GRAVY, 1968 VON SALOME STAUFFER BEMALT

UNKNOWNMIX WHABA!, 1989

TIM BUCKLEY STARSAILOR, 1970

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TIM BUCKLEY LORCA, 1969


ENNIO MORRICONE SOUNDTRACK IL ÉTAIT UNE FOIS DANS L'OUEST, 1969

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RIO REISER HIMMEL & HÖLLE, 1995

NICO THE MARBLE INDEX, 1968

PEARLS BEFORE SWINE BALAKLAVA, 1968

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NEIL YOUNG SOUNDTRACK DEAD MAN, 1996


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CINDY SHERMAN UNTITLED (LINE-UP), 1977/2011 S/W-FOTOGRAFIEN JE 25,1×20 CM SAMMLUNG VERBUND, WIEN

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FELIX GONZALEZ-TORRES “UNTITLED” (GO-GO DANCING PLATFORM), 1991 HOLZ, GLÜHBIRNEN, ACRYL, GO-GO-TÄNZER IN SILBERLAMÉ-SLIP, SNEAKERS UND MIT PERSÖNLICHER LISTENING-DEVICE GESAMTGRÖSSE VARIIERT MIT INSTALLATION PLATTFORM: 54,6×182,9×182,9 CM (21 1 /2×72×72 INCHES) KUNSTMUSEUM ST. GALLEN, DAUERLEIHGABE AUS PRIVATBESITZ FOTO: INSTALLATIONSANSICHT LIFESTYLE – FROM SUBCULTURE TO HIGH FASHION, KUNSTMUSEUM ST. GALLEN, 3. SEPTEMBER – 26. NOVEMBER 2006

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REBECCA HORN AMERICAN WALTZ, 1990 LEDER, METALL, MOTOR 209×20×27 CM DAROS COLLECTION, SCHWEIZ

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VANESSA BEECROFT VB 31 PERFORMANCE, 1998 VIBROCOLOR-PRINT 102×151 CM SAMMLUNG FOTOMUSEUM WINTERTHUR



ERNST LUDWIG KIRCHNER PALUCCA, 1930 HOLZSCHNITT AUF BÜTTEN 47,5×37,5 CM KIRCHNER MUSEUM DAVOS, SCHENKUNG NACHLASS ERNST LUDWIG KIRCHNER 1992

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ERNST LUDWIG KIRCHNER MASKENTANZ, 1929 HOLZSCHNITT AUF JAPANPAPIER 45×36 CM BÜNDNER KUNSTMUSEUM CHUR, ANKAUF

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ERNST LUDWIG KIRCHNER TOTENTANZ DER MARY WIGMAN, 1926/1928 ÖL AUF LEINWAND, 110×149 CM COURTESY BY GALERIE HENZE & KETTERER AG, WICHTRACH/BERN


WILLEM DE KOONING HOSTESS, 1973 BRONZE MIT SCHWARZER PATINA 124,5×94×73,7 CM SAMMLUNG FONDATION HUBERT LOOSER, ZÜRICH

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