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komisch komisch komisch seltsam


hoffentlich


Fragilität als Identität Stephan Kunz

„Komisch – komisch – komisch – seltsam …“ Mit diesen Worten durchquerte Erica Pedretti am Tag vor der Eröffnung erstmals die Ausstellung im Bündner Kunstmuseum. Nicht befremdet, sondern überrascht, ihre Werke hier zu sehen, wieder zu sehen, in anderen Räumen und in neuem Licht. Der Rest war Schweigen. Eine stille Wiederbegegnung mit ihrem Leben. Das war für mich und für alle, die es mitbekommen haben, ein äusserst berührender Moment – auch für Katalin Deér, die sich als Künstlerin in den letzten Monaten überaus intensiv mit dem Werk von Erica Pedretti beschäftigt hat und ebenso erfüllt war von dem, was hier realisiert werden konnte. Ich setzte mich anschliessend mit Erica Pedretti auf die beiden Stühle, die wir aus dem Wohn- und Atelierhaus in Celerina in die Ausstellung gebracht haben. Erica Pedretti wiederholte die gleichen Worte: „Komisch – komisch …“ Ich wollte mehr wissen und fragte nach: „Aber auch gut?“ Erica Pedretti bestätigte mit einem klaren, knappen Ja (die Zufriedenheit war ihr anzusehen) und sie ergänzte: „Es ist gut. Jetzt kann man alles wieder zusammenräumen …“ Dies ist nicht nur eine schöne Geschichte, sondern es sagt sehr viel über eine Künstlerin aus, der es offensichtlich wichtiger war, zu zeichnen und ihre Objekte zu realisieren, als die fertigen Kunstwerke auszustellen und mit anderen zu teilen. Es erklärt vielleicht auch, warum sie nur wenige Ausstellungen hatte und warum die meisten Werke heute noch in ihrem Besitz sind. Das erstaunt bei der hohen künstlerischen Qualität der Arbeiten. Es vermittelt eine ganz besondere künstlerische Haltung, ist aber auch ein Zeichen des


Umgangs der Öffentlichkeit mit dem Werk einer Künstlerin. Dass Erica Pedretti als Schriftstellerin grosse Erfolge feierte und das bildkünstlerische Werk dabei in den Schatten trat, mag ebenfalls eine Rolle gespielt haben, warum sie als Künstlerin heute nicht bekannter ist. In den Vorgesprächen zu dieser Ausstellung trafen wir uns in den leeren Räumen des Bündner Kunstmuseums – zwischen zwei Ausstellungen. Den 2016 eröffneten Neubau hatte Erica Pedretti bisher noch nicht gesehen. Sie staunte über die grosszügigen Ausstellungsräume. Über die Art und Weise der Präsentation ihrer Werke in diesen Räumen wollte sie aber nicht sprechen: „Ich habe gemacht, was ich gemacht habe. Jetzt könnt ihr etwas machen.“ Offenbar hat sie losgelassen, was sie geschaffen hat – und zugleich Vertrauen geäussert: Vertrauen vor allem in ihr Werk, das bestehen wird. Aber auch in uns, dass wir unsere Aufgabe ernst nehmen. Ich habe das Glück, dass ich einige der Ausstellungen von Erica Pedretti in den vergangenen Jahren gesehen habe und mich vor einem Jahr im Neuen Museum Biel vertiefter mit dem Schaffen und seiner Präsentation vertraut machen konnte. Ich möchte an dieser Stelle Dolores Denaro und Bernadette Walther danken, die wichtige Arbeit für die Aufarbeitung des künstlerischen Schaffens von Erica Pedretti geleistet haben. So konnten wir von der Publikation Flügelschlag (2017) profitieren und in enger Zusammenarbeit mit dem Neuen Museum Biel unsere Ausstellung entwickeln. Aber – und das war mir von Anfang an ein grosses Anliegen – wir wollten das Werk von Erica Pedretti ganz anders zeigen. Nicht nur in unseren hellen Museumsräumen, die eine andere Präsentationsform erlauben, sondern so, dass neue Blicke auf dieses

Werk möglich werden. Auf ein Werk, das nicht im Geist der Zeit stehen geblieben ist, in der es entstand – also in den 1970er- und 1980er-Jahren –, sondern das höchst aktuell ist und uns sehr zeitgenössisch erscheint. Die grosszügigen, neutralen Museumsräume sind eine Herausforderung: Wie kann man darin Werke zeigen, die nach intimer Begegnung rufen und bis anhin in Räumen mit viel Atmosphäre gezeigt wurden? Im Wissen um die besondere Qualität unserer Museumsarchitektur und mit der wiederholten Absicht, der Präsentation der Werke im Raum hohe Aufmerksamkeit zu schenken, habe ich mich an Katalin Deér gewandt, weil ich glaubte, dass es interessant sein könnte, eine Künstlerin zu gewinnen, die bereit war, sich auf das Werk von Erica Pedretti einzulassen und es aus ihrer Perspektive zu zeigen, ohne sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Katalin Deér hat glücklicherweise zugesagt und den Architekten Lukas Furrer mit ins Boot geholt, nicht nur, um eine räumliche Struktur in unsere Ausstellungsräume zu bauen, sondern auch um das Werk von Erica Pedretti darin nach eigenen Vorstellungen zu choreografieren. Es ging also darum, aus einer dezidiert gegenwärtigen Perspektive einen künstlerischen Umgang mit dem Werk zu finden und keinen musealen oder kunsthistorischen. Wer die Ausstellung von Erica Pedretti im Bündner Kunstmuseum betritt, ist überrascht von der Inszenierung: Aus schweren Eisenträgern haben Katalin Deér und Lukas Furrer eine Struktur gebaut, die für sich genommen schon ein skulpturales Ereignis und ein räumliches Abenteuer darstellt. Der architektonische Raum tritt dadurch ganz anders in Erscheinung und verliert seine Selbstverständlichkeit. Die gebaute Struktur dient letztlich dazu, die charakteristischen Flügel, Vogelwesen und objets à suspendre auszustellen


und neue Perspektiven darauf zu eröffnen. Dazwischen stehen Tische, auf denen die Zeichnungen von Erica Pedretti ausliegen. Es sind ehemalige Wirtshaustische, denen die Beine auf eine ungewohnte Höhe eingekürzt wurden. Die neuen Tischplatten dienen als Grundfläche für die Präsentation ungerahmter Zeichnungen und einiger kleiner Objekte. Die Museumswände bleiben dezidiert leer. Die ganze Ausstellung erstreckt sich dazwischen, im offenen Raum. Mehr noch: Im Zentrum der Ausstellung steht keine einzige Arbeit auf dem Boden – alles fliegt und schwebt und befördert damit die Betrachtung der ortlos gedachten Objekte. Das Thema des nicht Verortbaren, nicht Fixierten ist ein Kernthema bei Erica Pedretti. Die Frage nach der Heimat treibt die 1930 in Sternberg/Mähren geborene, 1945 als 15-Jährige mit ihren Geschwistern in die Schweiz geflohene und später an verschiedenen Orten ansässige Autorin in ihren literarischen Büchern um, ebenso die Erfahrung des Fremdseins: fremd bleiben, wo immer man ist, und daraus neue Erfahrungen gewinnen. Das ist ein Leitmotiv in diesem Lebenswerk, das sich nicht nur in den literarischen Texten spiegelt, sondern auch im bildkünstlerischen Schaffen. Wenn dieses bis anhin vor allem inhaltlich interpretiert und die Flügel und Vogelwesen als Metaphern verstanden wurden, so versucht die Ausstellung im Bündner Kunstmuseum nun, diese Erfahrung unmittelbar zu veranschaulichen: So fragil und verletzlich wie die objets à suspendre hier im Raum hängen, wurden sie noch nie gezeigt. Noch nie war man als Besucherin oder Besucher so direkt mit ihnen konfrontiert. Die Objekte gewinnen aus der Fragilität ihre Identität. Das macht es möglich, sich ganz anders auf dieses Werk einzulassen: Wer die Kunst von Erica Pedretti kennt, weiss um die starken Bilder und die grosse Poesie ihrer Arbeiten. Wer aber vor diesen Objekten

steht, lernt ihre Kraft erst richtig kennen. Erst wer sieht, wie hier mit Zweigen und Draht, mit Tüchern, mit Lehm und Gips und Farbe und allerlei Dingen wie Federn und Flaum und Staub gearbeitet wurde, erkennt, wie den Objekten etwas „Wesenhaftes“ verliehen wird. Sie wirken zerbrechlich und sind doch robuster, als man meint. Erst wer das sieht, erkennt die bildnerische Qualität dieser Arbeiten. Erst wer das bemerkt, wird nachvollziehen können, mit welcher Lust Erica Pedretti offenbar ihre Arbeiten realisiert hat. Es steckt viel mehr in diesen Objekten als das, was metaphorisch mit Hinweis auf die Biografie der Künstlerin und mit Bezug auf ihre Literatur interpretiert wird. Das im eigentlichen Sinn „Schöpferisch-Bildnerische“ kann dabei nicht genug hervorgehoben werden: die prozesshafte Entstehung unter der schaffenden Hand der Künstlerin. Dies anschaulich zu machen, war das erklärte Ziel dieser Präsentation. Man ist immer wieder erstaunt über die Gegenwärtigkeit und die Präsenz der Objekte im Raum. Sie haben nichts Gekünsteltes und erinnern eher an Artefakte aus anderen Kulturen, als dass sie im Dialog mit der zeitgenössischen Kunst stehen. Vielleicht klingt etwas an vom Umgang mit kunstfremden Materialien wie ihn die Arte Povera suchte, vielleicht auch die Nähe zu den individuellen Mythologien der 1970er-Jahre. Es bleibt aber deutlich, dass Erica Pedretti ein ganz eigenständiges Werk entwickelt hat, das uns hier und heute berührt. Dass Erica Pedretti während dieser Ausstellung ihren 90. Geburtstag feiern konnte, ist ein schönes Zusammentreffen, ein Grund für diese Ausstellung ist es aber nicht. Es ist höchste Zeit, dass dieses grossartige Werk neu gesehen wird. Fremd genug: Der Titel des letzten literarischen Buches von Erica Pedretti (2010) gab dann auch den Titel für


unsere Ausstellung. Katalin Deér und ich waren uns darin sofort einig. Überhaupt gehören die Buchtitel von Erica Pedretti zu den schönsten, die ich kenne. Jeder für sich ist ein Geschenk. „Fremd genug“ ist Ausdruck einer Haltung der Welt gegenüber, die einen immer wieder in Staunen versetzt: in der Begegnung, in der Erinnerung, in Hoffnungen und Ängsten. „Fremd genug“ wollten wir das Werk von Erica Pedretti in dieser Ausstellung erscheinen lassen, sodass wir alle immer wieder schauen, immer wieder neu sehen, immer wieder anderes entdecken. „Fremd genug“ ist deshalb die Raumstruktur mit den diagonalen Traversen, die als eigenständige skulpturale Elemente betrachtet werden können und zugleich als Hängevorrichtung für die Flugobjekte dienen. „Fremd genug“ sind die Räume im Raum, die einmal für die Präsentation eines einzelnen Werkes dienen und ein andermal wie ein Behälter intime, fragile Objekte schützen: „Fremd genug“ sind die auffallend niederen Tische, auf denen die Zeichnungen ausgebreitet sind und sich einer ganz anderen Betrachtung erschliessen. Ganz anders, als wenn sie gerahmt an der Wand hängen würden. Wenn man mit Sehgewohnheiten bricht, sieht man alles anders, sieht man alles neu. Wir haben in dieser Ausstellung den Fokus auf die bildende Künstlerin gelegt: Angefangen bei den Silberschmiedearbeiten der 1950er-Jahre, von wo aus man Brücken zu den späteren objets à suspendre schlagen kann; weiter über die Flügel bis hin zu den spannungsvoll als Kontrapunkt dazugesetzten skelettartigen Gitterstrukturen; dazwischen das zeichnerische Werk, das die Künstlerin zu immer wieder neuen Formulierungen führt. Die Schriftstellerin kommt hier auf den ersten Blick nicht vor. So gibt es in der Aus-

stellung keinen Büchertisch, auf dem ihre Publikationen ausliegen. Wer aber genauer schaut, wird durchaus viele Bezüge zwischen der bildenden Kunst und der Literatur im Schaffen von Erica Pedretti erkennen: im Werk Erinnerung an den Turm zu Babel etwa oder in den Zeichnungen und Überzeichnungen. Und letztlich auch in der Poesie, die in all diesen Werken liegt. Angesichts der Werke werden wir von Erinnerungen und Assoziationen fortgetragen. Zugleich sind wir aber auch fasziniert von der Freiheit des Schaffens, von der sinnlichen Machart der Objekte oder der unmittelbaren Ausdruckskraft der Zeichnungen. Wie ist das möglich? Die wunderbaren Silberschmiedearbeiten, die grossartigen Bücher, das reiche künstlerische Werk, die Familie mit fünf Kindern? Erica Pedretti hält alles zusammen in ihrer eigenen Geschichte. Sie sagt nicht viel zu ihren Arbeiten. Sie hat gemacht. Als wir uns im Rahmen der Ausstellung über das Älterwerden unterhielten und uns Gedanken machten, was bleibt, habe ich mit ihr darüber gesprochen, dass wir sehr fasziniert seien, weil ihre Werke so klar ins Jetzt hineinreichen und uns ganz gegenwärtig erscheinen. „Hoffentlich“, war ihre einzige Antwort darauf.


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