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der – wie sein Titel nahelegt – mit deutlich mehr Speicher ausgerüstet ist als sein Vorgänger. Der niedrigauflösende Nadeldrucker ImageWriter wird in Apples Druckerangebot durch den LaserWriter ergänzt, der nun schon Auflösungen von 300dpi auf die Seite bringt. Zusammengehalten werden diese verschiedenen Elemente des noch jungen Desktop-Publishings von Adobes Seitenbeschreibungssprache PostScript – für die digitale Typografie vielleicht die wichtigste Neuerung des Jahres 1985. PostScript ist im Kern eine Programmiersprache, die es erlaubt, zweidimensionale Grafiken nicht länger als Abfolge von Pixeln, sondern als Überlagerung von Formen zu definieren.37 Wo im Bitmap ein Kreis aus einer Menge von verschiedenfarbigen Pixeln approximiert werden muss, definiert man in PostScript einfach einen »arc« (Bogen) mit festgelegtem Radius und Strichstärke.38 Dieser kreisförmige Bogen muss natürlich, sobald er auf dem Bildschirm oder über einen Laserdrucker ausgegeben wird, in Pixel bzw. Punkte umgewandelt werden. Diese Umwandlung erfolgt aber erst im Moment der Ausgabe und kann somit – soweit die Theorie – stets optimal an das Ausgabegerät angepasst werden. PostScript ist damit gewissermaßen die Algorithmus gewordene Idee des Legizeichens, die der Existenz des gerasterten Sinzeichens als Replika gegenübersteht. Da PostScript nicht nur Linien und Bögen, sondern auch Bézierkur39 ven zeichnen kann, ist die Möglichkeit geschaffen, nahezu beliebige Formen algorithmisch zu beschreiben und somit auch Glyphen nicht mehr als Raster von Pixeln, sondern durch ihren Umriss zu definieren. Dieses Prinzip ist 1985 schon nicht mehr ganz neu; mit Peter Karows »Ikarus« existiert bereits seit den Siebzigern ein System, das für Schriften sehr ähnliche Dinge leistet. Donald Knuth hatte für sein Satzsystem TeX ebenfalls bereits in den Siebzigern »Metafont« entwickelt, in dem sich Schriften algorithmisch als Pfade eines virtuellen Schreibwerkzeuges beschreiben lassen.40 Was PostScript dennoch hervorhebt, ist, dass es über den Macintosh und den LaserWriter, der in der Lage ist, die Beschreibungssprache zu rastern, nun Designern zur Verfügung steht, die

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37 Vgl. Andreas Pawlik:

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»Ghostscript«, in: postscript: Zur Form von Schrift heute, hrsg. v. Martina Fineder/ Eva Kraus/Andreas Pawlik, Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz, 2004, S. 24–43, hier S. 36ff.

Abbildung 7.6: Eine BitmapGrafik erscheint beim Vergrößern pixelig (links), während sich eine Vektor-Grafik stets an die aktuelle Auflösung anpasst (rechts). Der rechte Kreis ist nicht als Menge von Punkten, sondern durch die folgenden PostScript-Befehle definiert: %!PS-Adobe-2.0 306 396 244 0 360 arc fill showpage Das Ergebnis ist ein fast eine DIN-A4-Seite füllender Kreis, der hier verkleinert eingebunden wurde.

Abbildung 7.7: PostScript setzt kubische Bézierkurven ein, die eine Kurve durch einen Anfangs- bzw. Endpunkt sowie zwei weitere Kontrollpunkte definiert, die nicht auf der Kurve liegen müssen und gewissermaßen wie Gummibänder an ihr ziehen. Aus: Foley: Computer Graphics. Principles and Practice, S. 488.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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