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Page 95

Schon in der zweiten Ausgabe von Emigre, die 1985 erscheint, werden die neuen digitalen Schriften eingesetzt – wirklich durchgehend geprägt von Bitmap-Typografie ist allerdings erst Emigre Nr. 3. In der dritten Ausgabe ändert sich nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der abgebildeten digitalen Schriften, deren Umrisse in Nr. 2 noch sehr unscharf erscheinen. Mit der dritten Ausgabe treten die scharfen Kanten der Bitmap-Treppenstrukturen klar hervor und dominieren das gesamte Heft. Gleichzeitig mit der Einführung der Bitmap-Schriften in Emigre Nr. 2 ändert sich auch der Untertitel des Magazins zu »The magazine that ignores boundaries«29 – wie sich schnell zeigen soll, ein Anspruch, der nicht nur räumlich zu begreifen ist. Allerdings ist der neue Claim auch ein Stück weit irreführend, denn so wie der Emigrant zwar Grenzen überschreitet, bestätigt er durch sein Pochen auf diesen Status doch die Existenz eben dieser Grenzen. Auch wo Emigre die grafischen Grenzen des International Style überschreitet, sind sich Licko und VanderLans als erfahrene Designer ihrer Position und eben dieser Grenzen sehr wohl bewusst. Die Grundhaltung von Emigre ist eher eine des Widerstands als der Ignoranz gegenüber den herrschenden Gestaltungsverhältnissen. Auch wenn der Arbeitsprozess von Emigre von Anfang an vom Zugang des Do-itYourself geprägt ist, steht das Magazin nicht für den Dilettantismus des Punk, sondern für einen sehr reflektierten Umgang mit den technischen Mitteln und ihren Begrenzungen. Gerade die Begrenzungen sind dabei ein entscheidender Punkt, denn zu Beginn ist der Macintosh als gestalterisches Werkzeug zwar durch sein What-You-See-Is-What-You-Get-Paradigma (WYSIWYG) für Designer interessant, aber immer noch extrem eingeschränkt in seiner Leistungsfähigkeit und bei größeren Aufgaben durchaus fehleranfällig. Die Störungen und Einschränkungen, die sich so für computerunerfahrene Gestalter wie VanderLans und Licko ergeben, haften indexikalisch an ihren Designs und wirken dort störend weiter, weil sie mit Rezeptionsgewohnheiten des Lesers brechen, wie sie einige Jahre später betonen:

Störungen in der digitalen Typografie  —  91

29 Emigre 2 (1985), S. 1.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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