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1984 fällt nicht nur der Startschuss für Emigre, sondern gleichzeitig auch für den ersten Apple Macintosh, der das Konzept der grafischen Benutzeroberfläche einem breiten Publikum zugänglich macht. Apple hatte mit »Lisa« schon im Jahr zuvor einen ähnlichen Computer auf den Markt gebracht, der aber vor allen Dingen durch seinen hohen Preis und re­ striktive Softwarepolitik nur wenig Erfolg auf dem Markt entfaltet. VanderLans arbeitet zu dieser Zeit beim San Francisco Chronicle als Gestalter – ein auch für Emigre wichtiger Einfluss, da bei der Zeitung eher intuitiv mit Gestaltungsprinzipien gearbeitet wird, die mit den Grundsätzen niederländischer modernistischer Typografie brechen, so wie sie VanderLans in seinem Studium bei Gerrit Noordzij und als Designer bei Total Design vermittelt wurden.27 Wichtig ist der Chronicle aber auch, weil VanderLans über ihn in Kontakt mit dem neuen Magazin Macworld kommt, das zu dem Zeitpunkt Illustratoren sucht, die bereit sind, sich mit dem Mac­ intosh��������������������������������������������������������������� auseinandersetzen. VanderLans und seine Frau Zuzana Licko nehmen das Angebot an und testen bei Macworld den neuen Computer als Gestaltungswerkzeug – zwei Wochen später besitzen sie bereits ihren eigenen Macintosh 128k. Licko, die anders als VanderLans keine klassische, kalligrafisch fundierte typografische Ausbildung besitzt, beginnt bald darauf, mit Hilfe des Programms »FontEditor« eigene Schriften zu entwerfen.28 Es handelt sich dabei um Bitmap-Schriften, also solche, in denen die Buchstabenform in einem Pixelraster definiert wird. Der Macintosh beinhaltet mit »MacWrite« – einem sehr einfachen Textverarbeitungsprogramm – und »MacDraw« – einem frühen Zeichenprogramm – die nötige Softwareausstattung, um aus diesen Bitmap-Schriften Textkolumnen zu setzen. Mit dem ImageWriter, einem Nadeldrucker mit einer Auflösung von 72dpi, also dem, was ein normaler Bildschirm leistet, lassen sich diese Kolumnen ausdrucken. Der Macintosh ersetzt so im Arbeitsprozess von Emigre die Schreibmaschine und liefert die Grundlage für Layouts, die weiterhin geklebt und dann reproduziert werden. Die Digitalisierung erfolgt also nicht auf einen Schlag, sondern setzt in der Mikrotypografie an.

90  —  Störungen in der digitalen Typografie

27 Vgl. VanderLans u. a.:

Emigre. Graphic Design into the Digital Realm, S. 9.

28 Vgl. ebd., S. 18.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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