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7.2  Emigre Der Keim für das Magazin Emigre ist das Aufeinandertreffen von amerikanischer Westküste und niederländischer Kunst – konkret eine Ausstellung im Jahr 1982 mit dem Titel »Dutch Artists on the West Coast«, über die der Designer Rudy VanderLans mit dem Künstler Marc Susan und dem Drehbuchautor Menno Meyjers zusammentrifft.22 Um ein Forum für ihre Kunst zu schaffen, konzipieren die drei ein Magazin mit dem Titel »Dutch Punch«, in dem das Konzept der Ausstellung weitergeführt werden soll. Der Versuch, niederländische Finanzierung für dieses Projekt aufzustellen, scheitert allerdings, weshalb aus Dutch Punch das weniger national eingeschränkte »Emigre (A Magazine for Exiles)« wird.23 Obwohl die Finanzierungslage sich durch den Wechsel des Titels nicht verbessert, erscheint Ende 1984 die erste Ausgabe, die man nach heutiger Fanzine-Typologie in etwa als »Artzine« bezeichnen könnte. Gestalterisch orientiert sich Emigre an Hard Werken und arbeitet offensiv mit seinen finanziellen Beschränkungen: Die Textkolumnen sind mit der Schreibmaschine gesetzt und mit Hilfe eines Fotokopierers entweder stark vergrößert oder verkleinert, und auch viele der Illustrationen haben den Weg durch den Kopierer genommen. Gerade bei den Fotografien entscheidet sich VanderLans, der die Gestaltung des Magazins übernimmt, nicht die grafischen Einschränkungen des Druckprozesses zu vertuschen, sondern seine Möglichkeiten zur Collagierung auszunutzen (vgl. Abb. 7.3). Hier zeigt sich bereits eine Offenheit, die Produktionsbedingungen des Magazins auszuloten, die Emigre bis weit in die Neunziger hinein prägt. Obwohl Emigre mit den fotokopierten und angerissenen Textfragmenten klar stilistische Elemente der Punk-Fanzines aufgreift, hebt es sich doch sehr deutlich von diesem grafischen Genre ab – nicht zuletzt, weil der Fotokopierer zwar eine wichtige Rolle in der Gestaltung des Magazins spielt, aber schlussendlich nicht das Reproduktionsmittel für die Ausgabe bildet. Die geklebten Layouts werden nach ihrer Gestaltung lithografisch reproduziert.

88  —  Störungen in der digitalen Typografie

22 Vgl. VanderLans u. a.:

Emigre. Graphic Design into the Digital Realm, S. 13.

23 Vgl. Emigre 69 – The

End (2005), S. 14.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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