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gische Erkenntnisse mit seinen typografischen Erfahrungen verbindet. Auch hier lassen sich Ansätze einer Störungstheorie herauslesen, und im Gegensatz zu Gross, die sich vor allem auf konkrete Poesie konzentriert, schafft Unger dabei die Verbindung zur Typografie der achtziger und neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Noch deutlicher wird dieser Zusammenhang in Kristian Kißlings Beitrag zum Band »Rauschen«,9 in dem er unter anderem David Carsons Gestaltung im Hinblick auf Rausch- bzw. Störungsphänomene beleuchtet – leider ohne konkrete Beispiele. Eine ausgearbeitete Störungstheorie für das Grafikdesign gehört deshalb neben einem neuem Materialitäts-Begriff zu den wesentlichen Forschungsbeiträgen dieser Arbeit. Nach Wehde lassen sich in Deutschland noch einige andere Texte mit zeichentheoretischem Hintergrund zur Typografie finden. Besonders herauszuheben ist dabei Jürgen Spitzmüller, der auf der Grundlage von Rudi Kellers Semiotik einen dezidiert anti-repräsentationistischen Zugang zur Typografie entwickelt10 – ein Ausgangspunkt, der hier aufgenommen werden soll. Spitzmüller schlägt außerdem die Verbindung zur Soziolinguistik11 sowie zur Multimodalität. Für letztere ist im deutschsprachigen Bereich auch Hartmut Stöckls Artikel »Typographie: Gewand und Körper des Textes«12 zentral. Im englischsprachigen Diskurs finden sich zur Anwendung multimodaler Analyse auf die Typografie Arbeiten von Theo van Leeuwen,13 die zunehmend ihren Weg in literaturwissenschaftliche Methodik finden. Hier ist etwa Nina Nørgaards Forschung zu nennen, die neben van Leeuwens auch peircesche Analysekategorien aufnimmt.14 Problematisch gestalten sich hier die oft ahistorisch15 und deshalb statisch angelegten Kategorien, die gerade die performative Dynamik von Hybridformen zwischen Bild und Schrift nicht erfassen. Als epistemisch besonders interessante Hybridform hat in den letzten Jahren das Diagramm viel Aufmerksamkeit bekommen, etwa bei Sybille Krämer, die hier wiederum den Anschluss zu Peirce herausarbeitet.16 Die Verbindung zwischen Schrift und peirceschem Diagramm beschäftigt auch Bauer und

Einleitendes  —  5

9 Kristian Kißling: »Unsinn

lesen, Unsinn hören. Rauschen im Grafikdesign und in der Popmusik«, in: Rauschen. Seine Phänomenologie und Semantik zwischen Sinn und Störung, hrsg. v. Andreas Hiepko/ Katja Stopka, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2001, S. 191–205. 10 Jürgen Spitzmüller: »Typographisches Wissen. Die Oberfläche als semiotische Ressource«, in: Oberfläche und Performanz. Untersuchungen zur Sprache als dynamischer Gestalt, hrsg. v. Angelika Linke/ Helmuth Feilke, Tübingen: Niemeyer, 2009, S. 459–488. 11 Jürgen Spitzmüller: »Graphisches Crossing. Eine soziolinguistische Analyse graphostilistischer Variation«, in: Zeitschrift für germanistische Linguistik 35 (2007), S. 397–418. 12 Hartmut Stöckl: »Typographie: Gewand und Körper des Textes. Linguistische Überlegungen zu typographischer Textgestaltung«, in: Zeitschrift für Angewandte Linguistik 41 (2004), S. 5–48. 13 Vgl. etwa: Theo van Leeuwen: »Towards a Semiotics of Typography«, in: Information Design Journal (2006), S. 139–155. 14 Nina Nørgaard: »The Semiotics of Typography in Literary Texts. A Multimodal Approach«, in: Orbis Litterarum 64.2 (2009), S. 141–160.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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