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Typografie in ikonische Bahnen lenkt.14 Im grafikhistorischen Narrativ wird der Schlussstrich für die Ära des International Style in der Regel bei Wolfgang Weingart gezogen. Anders als etwa Oz sucht Weingart weniger die offene stilistische Konfrontation, sondern reformiert den modernistischen Stil vielmehr. Er beschränkt sich immer noch auf eine sehr kleine Auswahl von Grotesk-Schnitten, beginnt allerdings das rigide Raster der modernistischen Gestaltung aufzulösen und findet so wieder zu komplexeren räumlichen Relationen. Die Abwendung vom Raster setzte sich in den späten Siebzigern fort, in denen Weingart collagierende Schichtungen jenseits der Rechtwinkligkeit entwirft.15 Gerade diese Tendenz zur Schichtung und radikalen Infragestellung der diagrammatischen Konventionen des Modernismus sollte sich in den Achtzigern und Neunzigern unter digitalen Vorzeichen fortsetzen. April Greiman ist vermutlich die zentrale Figur in diesem Vorzeichenwechsel von den fotografischen Methoden, wie sie Weingart für seine Collagen einsetze, hin zur Digitalität. Greiman hatte Anfang der Siebziger an Weingarts Lehrstuhl an der Kunstgewerbeschule Basel studiert und war zusammen mit Dan Friedman, der einige Jahre zuvor Zeit in Basel verbracht hatte, wesentlich daran beteiligt, den neuen Baseler Stil auch in Amerika populär zu machen.16 Als Leiterin des »Visual Communications«Programms am California Institute of the Arts hat Greiman außerdem die Möglichkeit, sich mit moderner Videobearbeitung auseinanderzusetzen und deren Medialität auch in Grafikdesign-Arbeiten zu thematisieren.17 Diese beiden Stränge der Videokunst und des neuen Baseler Designs finden später in ihren frühen digitalen Arbeiten zusammen, von denen »the spiritual double« (Abb. 7.2) sicherlich die bekannteste ist. Bei der Grafik handelt es sich um eine Ausgabe von Design Quartely, deren Gestaltung Greiman übertragen wurde. Statt eines regulären mehrseitigen Layouts entschied sie sich für ein Posterformat, das dann auf magazingerechte Größe zusammengefaltet wurde. In diesem Design findet sich einerseits ganz klar die Baseler Schichtungstechnik wieder, andererseits sind die

Störungen in der digitalen Typografie  —  85

14 Vgl. Rick Poynor: »The

Magazine as Theatre of Experiment. Oz«, in: Design Without Boundaries. Visual Communication in Transition, hrsg. v. Rick Poynor, London: Booth-Clibborn, 1998, S. 194–198, hier S. 197.

15

Abbildung 7.1: Wolfgang Weingarts Kunstkredit-Ausstellungsplakat von 1977. Aus: Rick Poynor: No More Rules. Graphic Design and Postmodernism, New Haven: Yale University Press, 2003, S. 22. 16 Vgl. Eskilson: Graphic Design. A New History, S. 355. 17 Vgl. April Greiman: Hybrid Imagery. The Fusion of Technology and Graphic Design, New York: WatsonGuptill, 1990, S. 45.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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