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Kakophonie der Schriftarten die Seite rekonfiguriert, wären so schon mit Gutenbergs Mitteln machbar gewesen.9 Der Drang zur grafischen Entwicklung kommt vor allen Dingen aus dem Bedarf einer urban verdichteten Konsumkultur an Werbung. Dass die mikro- und makrotypografischen Formen dabei derart aufgewirbelt werden, hängt wiederum mit der Verbreitung der Lithografie zusammen, die von sich aus keine prozessuale Trennung von Bild- und Textmaterial erfordert. Gezeichnete Schriftzüge, die eng mit Bildmaterial interagieren, lassen sich so vergleichsweise einfach reproduzieren. Die Akzidenztypografie reagiert mit einer Vielzahl von ikonisch aufgeladenen Schriften, die dem rechtwinkligen Setzschiff zum Trotz mit diversen Hilfsmitteln auf ausgefallenen Zeilenbahnen arrangiert werden.10 Die Werbetypografie des 19. Jahrhunderts liefert somit die gestalterischen Mittel für die experimentelle Typografie des frühen 20. Jahrhunderts. Während es allerdings im 19. Jahrhundert oft primär um typografische Lautstärke ging, formalisieren Dada und der Futurismus gerade ihre diagrammatischen Mittel wesentlich stärker. Zudem übertragen sich neue typografische Konzepte zunehmend auf den Buchdruck, der seinerseits Ende des 19. Jahrhunderts durch die Autotypie – ein Verfahren, das die ökonomische Reproduktion von Fotografien in Drucksachen erlaubt – ikonisch unter Druck gesetzt wird: Das mittelachsiale Satzschema entpuppte sich als zu unflexibel für bildlastige Drucksachen, die nach komplexeren räumlichen Relationen zwischen Text und Bild und damit nach anachsialen Konfigurationen verlangen. Anfang des 20. Jahrhunderts findet das typografische Experiment einen vorläufigen Höhepunkt und wird seinem Namen im Sinne des diagrammatischen Denkens gerecht. Die Entwicklungen dieser Zeit liefern somit in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für das Selbstverständnis der typografischen Avantgarde der Achtziger. Gleichzeitig zeigt diese Phase allerdings auch, wie schnell die oszillierende Bewegung von Störung zu Transparenz auf kultureller Ebene neue Impulse ihres subversiven

Störungen in der digitalen Typografie  —  83

9 Vgl. Drucker: The Visible

Word. Experimental Typography and Modern Art, 1909-1923, S. 96.

10 Vgl. Wehde: Typogra-

phische Kultur, S. 420.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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