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und Fust gegenüber, in denen bei weitem nicht der gleiche Aufwand getrieben wird, die Medialität des Drucks zu verschleiern. Zur indexikalischen Spur des neuen Mediums kommt, dass in diesen Drucksachen nicht die ungebrochene Gleichmäßigkeit der Bibeln, sondern diagrammatische Rhythmik4 verfolgt wird5 – Steinberg spricht von der Geburt des Akzidenzdrucks.6 Hier wird typografische Störung aus ökonomischen Überlegungen in Kauf genommen und der Status quo der gleichmäßigen Textkolumne unterwandert. Störung ist also in der Typografie genauso wenig wie in anderen Medien ein historisches Ausnahmephänomen – der beständige Wechsel zwischen den beiden Aggregatzuständen stellt im Gegenteil eine mediale Grundfunktion dar, die durch beständige intra- und intermediale Bezugnahme die kulturelle Semantik verändert und wieder stabilisiert.7 Im Kontext der Schrift ist es dabei besonders interessant, zu verfolgen, wie typografische Parameter im Oszillieren der Medien Teil der kulturellen Semantik werden. Die Oszillation ist stets gegeben, und doch scheinen historische Situationen zu existieren, in denen ein größerer Bedarf an störenden Eingriffen durch Typografie besteht. Verfolgt man etwa die Geschichte des Akzidenzdrucks als Ort der typografischen Erkundung weiter bis ins 19. Jahrhundert, so gelangt man zu einem enorm eklektizistischen Zuwachs in der mikro- und makrotypografischen Formensprache. Die Suche nach Distinktion durch innovative Schriftarten brachte dabei sowohl die Egyptienne wie erste Grotesk-Schnitte hervor – also Schriftgruppen, die so kein direktes Vorbild in der handgeschriebenen Schrift mehr besitzen und sich ganz eindeutig einen eigenen gestalterischen Raum erschließen.8 Dass gerade im 19. Jahrhundert Serifen einerseits in der Egyptienne anschwellen und in der Grotesk wegfallen, lässt sich nicht rein technikdeterministisch erklären. Schon Gutenberg hätte mit seinen Mitteln vergleichbare Schriften herstellen können. Auch die makrotypografischen Experimente des 19. Jahrhunderts, in denen Zeilen sich in alle Richtungen biegen und eine

82  —  Störungen in der digitalen Typografie

4 Diese diagrammatische

Rhythmik gibt es so natürlich auch schon vor dem Druck mit beweglichen Typen. Die Spannung zwischen Transparenz und Störung zieht sich durch die gesamte Schriftgeschichte. 5 Vgl. Drucker: The Visible Word. Experimental Typography and Modern Art, 1909-1923, S. 95. 6 Vgl. Sigfrid H. Steinberg: Die schwarze Kunst. 500 Jahre Buchwesen, 2. Aufl., München: Prestel, 1988, S. 23. 7 Vgl. Jäger: »Störung und Transparenz. Skizze zur performativen Logik des Medialen«, S. 65.

8 Als erstes Beispiel einer

konstruierten Schrift wird in der Regel die »Romain du Roi« angeführt – eine Antiqua, die etwa um 1700 entstanden ist und auf einem Raster entworfen wurde. Ob dieses Raster tatsächlich der Konstruktion oder nur der Skalierung diente, ist allerdings umstritten. Vgl. Noordzij: The Stroke. Theory of Writing, S. 17.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

Widerspenstige Drucksachen  

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