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7.1  Kleine Geschichte der typografischen Störung Historische Zäsuren sind eine verführerische Denkfigur – allerdings eine, die schnell zu undifferenzierten Vereinfachungen auf beiden Seiten des eingezogenen Bruchs führen kann. Auch wenn hier mit dem Zeitrahmen von 1985-1995 ein Schnitt vorgenommen wird, soll doch der Eindruck vermieden werden, dass Störungen in der Typografie auf diesen Zeitraum begrenzt sind, oder dass die Experimente in dieser Zeit sich nur abgrenzend auf die Designgeschichte bezögen – kurz, dass eine klare Zäsur die Jahre vor 1985 von denen danach trenne. Um zu zeigen, inwiefern Störung als typografische Praxis der späten Achtziger und frühen Neunziger gleichermaßen von vielen älteren Bewegungen zehrt und sich von anderen abstößt, soll deshalb ein kleiner historischer Schlenker in die Geschichte des typografischen Experiments folgen. Da der Fokus der Analyse letztendlich auf der ersten Welle des Desktop-Publishings liegt, muss dieser Schlenker schemenhaft bleiben – für detaillierte historische Untersuchungen sei etwa auf die Arbeiten von Heller1 und Eskilson2 verwiesen. Das Spannungsverhältnis zwischen Störung und Transparenz in der Typografie beginnt mit ihrer Geburt. Gutenbergs 42zeilige Bibel verkörpert genau die Vorstellung von Transparenz, welche die Designtheorie bis heute prägt: Ziel des Drucks war es, dem chirografischen Status quo so nahe wie möglich zu kommen und somit die spezifische Medialität des neuen Druckverfahrens so weit wie möglich zu verschleiern. Dafür wird ein enormer Aufwand getrieben – um den extrem dichten, gleichmäßigen Grauwert der Kolumnen zu erreichen, muss Gutenberg auf eine nach späteren Standards gigantische Auswahl von Typen zurückgreifen, die neben einer Vielzahl von Ligaturen verschieden breite Versionen von einzelnen Buchstaben enthält.3 Diesen enormen Anstrengungen, den Standards handgeschriebener Bücher gerecht zu werden, stehen auf der anderen Seite die eher kurzlebigen, säkularen Drucksachen von Gutenberg

Störungen in der digitalen Typografie  —  81

1 Vgl. Steven Heller: Merz to

Emigre and Beyond. AvantGarde Magazine Design of the Twentieth Century, London, New York: Phaidon, 2003. 2 Vgl. Eskilson: Graphic Design. A New History.

3 Vgl. Willberg/Forssman:

Lesetypographie, S. 88.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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