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Gefüge erprobt. Das bedeutet nicht, dass der Typograf vom Experiment ausgeschlossen wäre. Der Bezug zwischen Typograf und Experiment ist schon insofern gegeben, dass er sein erster Leser ist. Der experimentelle Zugriff des Typografen auf die Seite ist auch insofern ein besonderer, weil er relativ leicht mit diagrammatischen Änderungen experimentieren kann, die auf der Basis der Drucksache nur schwer durchzuführen sind: Mehr Weißraum rund um einen Absatz einzufügen beispielsweise, ist am Bildschirm vergleichsweise einfach – im gedruckten Buch würde es vermutlich eine Recollagierung der Seite voraussetzen.70 Was die Diagrammatik als Modell weiterhin erlaubt, ist das grafische Experiment von jeglicher Metaphorik zu bereinigen und es als solide empirische Vorgehensweise zu beschreiben – vorausgesetzt, man folgt allen vier Schritten: Gerade der abschließende Induktionsschritt ist Voraussetzung für die externe Validität des Experiments. Peirce liefert so einen Ansatz, der erklären kann, was es bedeutet, nicht nur über, sondern auch mit Design zu forschen – ein Thema, das auch die Gestalter und Gestalterinnen der Achtziger und Neunziger beschäftigt, wie etwa Zuzana Lickos Artikel »Discovery by Design«71 in Emigre zeigt. Licko entwirft Grafikdesign hier als eine kulturwissenschaftliche Disziplin: »[…] science investigates naturally occurring phenomena, while design investigates culturally created phenomena.«72 Dass Designwissenschaft als Projekt in den Achtzigerjahren zumindest im angloamerikanischen Bereich ein wichtiges Thema wurde,73 muss bei der weiteren Betrachtung des frühen digitalen Editorial Designs beachtet werden. Hier stellt sich die Frage, inwiefern das typografische Experiment durch den technologischen Wechsel beeinflusst wurde. Betrachtet man die vier Stufen des diagrammatischen Experiments, könnte man die vorläufige These aufstellen, dass digitale Produktion von Drucksachen die nötige Feedbackschleife aus abduktivem Entwurf und deduktiver Analyse verkürzt und so das Experimentieren beschleunigt. Gleichzeitig wäre es wohl vermessen, die Frage nach der Wissenschaftlichkeit von Designwissenschaft allein durch

78  —  Ikonizität und Diagrammatik

70 Es wäre interessant, zu

verfolgen, inwieweit sich dieser Zustand durch die Verbreitung von E-Books verändert. Da digitale Bücher zumindest in der Theorie in einem größeren Maße diagrammatisch rekonfigurierbar bleiben als gedruckte, wäre es durchaus denkbar, dass Leser hier neue Formen des diagrammatischen Experiments kultivieren.

71 Zuzana Licko: »Discovery

by Design«, in: Emigre 32 (1994), S. 35.

72 Ebd. 73 Vgl. Claudia Mareis:

»Entwerfen – Wissen – Produzieren. Design im Anwendungskontext«, in: Entwerfen – Wissen – Produzieren. Design im Anwendungskontext, hrsg. v. Claudia Mareis/Gesche Joost/Kora Kimpel, Bielefeld: Transcript, 2010, S. 9–32, hier S. 17f.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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