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antiquarisch erworbenen Magazinen hierfür hoch sein mag, erlaubt es das Papier, mit Schreibwerkzeug in die Diagrammatik einzugreifen – beispielsweise durch Unterstreichungen oder farbliche Hervorhebungen. Diese Form des diagrammatischen Experiments nimmt für die Geisteswissenschaften eine wichtige Rolle ein. Aber auch wer sich scheut, teuer erworbene Drucksachen mit Bleistift zu entwerten, muss nicht auf diagrammatische Experimente verzichten: Jedes Abwägen alternativer Pfade durch die Relationen des Diagramms ist ein Gedankenexperiment.63 Die Entscheidung, einer Endnote nachzublättern oder noch einmal in den letzten Absatz zurückzuspringen, ist auch dann ein diagrammatisches Experiment, wenn es nicht von Bleistift und Post-it unterstützt wird. Diese Formen des Experiments entsprechen dem, was Sybille Krämer unter »Operativität« versteht, also einem Umgang mit flächigen grafischen Konfigurationen, der gerade nicht nach Referenz fragt, sondern unmittelbar auf der Oberfläche arbeitet.64 Das beutetet natürlich nicht, dass Sinn in diesem Moment völlig nebensächlich wäre – das ist schon allein deshalb auszuschließen, weil Diagramme wie gezeigt mit Symbolizität durchwachsen sind –, aber es erzeugt dennoch eine Situation, in der Materialität in den Vordergrund rückt. Ein Blick zurück auf das mit Karen Barad entwickelte Materialitätsmodell (S. 35) erklärt diesen Zusammenhang, denn es besagt im Kern, dass Materialität metaleptisch in Performanzen erzeugt wird. Versteht man das Markieren einer Seite mit Bleistift als Performanz, ergibt sich daraus, dass diese die Materialität des Stifts, der Schreibenden und der Drucksache mitkonstituiert. Vor diesem Hintergrund wird sehr deutlich, was es bedeutet, wenn sich Materialität durch Widerspenstigkeit Agency ertrotzt: wenn etwa der Bleistift am glänzenden gestrichenen Papier nicht so recht halten will oder säuregeschwächtes Papier beim Einfügen eines Eselsohrs bricht. Sollte das Experiment den Widerständen des Materials zum Trotz – oder gerade dank dieser – zustandegekommen sein, folgt in einem dritten

76  —  Ikonizität und Diagrammatik

63 Vgl. Stjernfelt: »Diagrams

as Centerpiece of a Peircean Epistemology«, S. 360.

64 Vgl. Krämer: »Operationsraum

Schrift. Über einen Perspektivwechsel in der Betrachtung der Schrift«, S. 31.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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