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1.2  Stand der Forschung Das wachsende Interesse an ikonischen und indexikalischen Zeichenaspekten einerseits und Materialität andererseits hat in den letzten Jahrzehnten die Untersuchung von Typografie enorm befördert. Die umfangreichste Studie aus kulturwissenschaftlich-semiotischer Perspektive ist dabei Susanne Wehdes »Typografische Kultur«,5 in der sie unter anderem die Zeichentheorien von Peirce und Eco für die Theoretisierung von Typografie fruchtbar macht. Die kritische Auseinandersetzung mit Wehdes Untersuchung des Qualizeichens bildet einen der Ausgangspunkte für die Bestimmung von Materialität in dieser Arbeit. Als Untersuchungsgegenstand dienen Wehde vor allen Dingen der Streit um Antiqua und Fraktur sowie avangardistische Typografie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Zumindest hier ergeben sich weitreichende Überschneidungen zu Johanna Druckers Untersuchung »The Visible Word. Experimental Typography and Modern Art, 1909-1923«6 aus dem Jahr 1994. Druckers Ausgangsposition ist ebenfalls zeichentheoretisch, allerdings macht sie die Zeichentheorie selbst zum zweiten Untersuchungsgegenstand, der gerade für seine blinden Flecken im Bereich der Materialität kritisiert wird. Damit liefert Drucker gewissermaßen den Endpunkt für die hier angestellte Betrachtung von Materialität, die von Peirce zu den Theorien des New Materialism führt. Letztere teilen die Kritik von Drucker, liefern allerdings eine Alternative zu den oftmals vagen, metaphysischen oder essentialistischen Zugängen zu Materialität jenseits der Zeichentheorie. Nicht nur bei Materialität, auch in Fragen der Störung liefert Drucker mit ihrer Auslegung des linguistischen Konzepts der »Markedness« Anstöße. Das gleiche gilt für Sabine Gross, die in »Lese-Zeichen«7 Aleida Assmanns Konzept der »wilden Semiose« für die Schrift fruchtbar macht. Gross überträgt weiterhin Ansätze der kognitiven Psychologie in die Betrachtung von Leseprozessen. Hier entstehen Anknüpfungspunkte zu Gerard Unger, der in »Wie man’s liest«8 wahrnehmungspsycholo-

4  —  Einleitendes

5 Susanne Wehde: Typographi-

sche Kultur. Eine zeichentheoretische und kulturgeschichtliche Studie zur Typographie und ihrer Entwicklung, Tübingen: Niemeyer, 2000.

6 Johanna Drucker: The

Visible Word. Experimental Typography and Modern Art, 1909-1923, Chicago: University of Chicago Press, 1994.

7 Sabine Gross: Lese-Zeichen:

Kognition, Medium und Materialität im Leseprozess, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1994.

8 Gerard Unger: Wie man’s

liest, Zürich: Niggli, 2009.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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