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(4) Der Zusammenhalt in Zeilen wird von mehr als nur Nähe getragen: Betrachtet man die zweite Überschneidung eines Kastens mit dem Text ab »of the band’s biggest fans«, wird klar, dass hier kein Stück aus dem Absatz gelöst wird. Das mag einerseits damit zusammenhängen, dass der Kasten sich rahmend auf das Bild bezieht, aber auch wenn man das Bild entfernen würde, hätte dieser Kasten nicht die gleiche Wirkung wie derjenige um das Zitat. Der Grund hierfür liegt darin, dass der erste Kasten die Gerichtetheit der Zeilen und die Einheit der Wörter berücksichtigt. Was er herauslöst, ist eine typografisch wohlgeformte Einheit, während der zweite Rahmen Wörter und sogar Buchstaben halbiert und somit einen schon typografisch unzugänglichen Ausschnitt anbietet. Zeilen und Absätze werden also von einer Kraft zusammengehalten, die sich nicht nur aus Nähe speist, sondern genauso aus ihrer Gerichtetheit, typografischer Wohlgeformtheit sowie syntaktischer Kohäsion. Wie stark diese zweite Kohäsion ist, zeigt auch der Titel von Ray Gun Nr. 9 (Abb. 6.7), in dem sowohl Worte wie Zeilen durch enorme Buchstaben- bzw. Wortabstände zerrissen werden. Hier wird genau die Relation von Nähe und Abstand erkundet, welche Voraussetzung für die diagrammatische Konstitution des Worts mittels Wortabstand ist. Damit der Wortabstand als solcher wahrgenommen wird, muss er sich relational vom Buchstabenabstand abgrenzen. Ist diese Abgrenzung unklar, wird das Wort als diagrammatische Einheit gefährdet. Dass trotzdem ein gewisses Maß an Lesbarkeit gewahrt wird, hängt vor allem mit der Gerichtetheit der Zeilen zusammen. Die Linearität der Zeilen, der in Magazinen wie Ray Gun ganz gezielt mit diagrammatischen Strategien entgegenwirkt wird, ist damit gleichzeitig auch Voraussetzung für viele der typografischen Verrenkungen, da sie innerhalb diagrammatischer Entitäten Kohäsion stiftet und diese damit als solche mitkonstituiert. Grafikdesign, wie es in Ray Gun betrieben wird, ist deshalb immer ein Spannungsverhältnis zwischen Linearität und ihrer mehrdimensionalen Auflösung.

72  —  Ikonizität und Diagrammatik

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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