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Reihe von Essayseiten getrennt. Hier organisiert bildliche Ähnlichkeit Diagrammatizität in der Tiefe der Drucksache. Unterstützt wird diese Abweichung von der Linearität dabei von einer Seitenzählung, die nur die weißen Seiten miteinbezieht und damit noch einmal die Eigenständigkeit der beiden Papierstränge unterstreicht. (2) Neben der hohen Anzahl von Schriftarten fällt in Abbildung 6.5 auch der Einsatz von Kästen auf. Durch die Umrandung des Zitats »We’re the Arc de Triomphe where 12 avenues meet« wird dieses ohne den Einsatz dezidiert typografischer Mittel aus dem Text gelöst – ein auch heute noch weiterverbreitetes diagrammatisches Mittel, etwa für Info-Boxen, aber in dieser Form besonders typisch für die Neunziger. An dieser Stelle lässt sich wiederum ein Bezug zu einem Gestaltprinzip herstellen, nämlich dem der Geschlossenheit, welches besagt, dass Linien, die eine Fläche umschließen, tendenziell als Einheit wahrgenommen werden.54 (3) Auch wenn der Kasten um das Zitat ihm Eigenständigkeit verschafft, bleibt es doch wie ein Vexierbild auch Teil seines Absatzes, dem offensichtlich eine eigene Kohäsionskraft innewohnt. Diese typografische Kohäsionskraft hat viel mit räumlicher Nähe zu tun: Zeilen, die nah beieinander stehen, bilden ein textuelles Kontinuum, während weiter entfernte Zeilen – etwa bei einem neuem Absatz – eher als eigenständige diagrammatische Entitäten wahrgenommen werden. Einfacher gesagt: Weißraum strukturiert einen Text. Wiederum bietet die Gestaltpsychologie ein passendes Prinzip: das der Nähe.55 Gestaltung mit Weißraum bedeutet gleichzeitig mit diesem Prinzip und seiner Inverse zu arbeiten: Weißraum meint erst einmal immer Abstand, also das Herauslösen von diagrammatischen Einheiten. Damit diese aus zahlreichen Glyphen konstituierten Einheiten als solche wahrgenommen werden, bedürfen sie allerdings in sich der Nähe. Wie die meisten (typo-)grafischen Mittel sind Nähe und Abstand nur relational zu denken: Der nötige Zeilenabstand, um einen neuen Absatz zu definieren, hängt ganz wesentlich von dem

70  —  Ikonizität und Diagrammatik

54 Vgl. Katz: Gestalt-

psychologie, S. 32.

55 Vgl. ebd.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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