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Marginalien usw. einem kursorischen Lesen zuarbeitet, das Seiten in sich und in ihrer Abfolge nicht linear abarbeitet, sondern in ruckartigen Bewegungen durchstreift. Seite und Drucksache sind hier eindeutig diagrammatisch in einer Form, die kein Gegenstück in der zeitlichen Eindimensionalität mündlicher Diagrammatik besitzt. Delinearisierung durch Diagrammatik spielt im Editorial Design der Achtziger und Neunziger eine extrem wichtige Rolle. Dabei werden keine grundsätzlich neuen Mittel entwickelt, aber bestehende Techniken sehr verdichtet und überspitzt eingesetzt, wie der Artikel zur Band »Rollerskate Skinny« aus Ray Gun zeigt (Abb. 6.5). Anhand dieses Beispiels (und einer Hand voll anderer) lassen sich einige der speziell in den Neunzigern verbreiteten diagrammatischen Strategien herausarbeiten: (1) Erst einmal fällt die große Anzahl der auf kleinstem Raum eingesetzten Schriftarten und -schnitte auf. Jeder hinreichend saliente Wechsel auf mikrotypografischer Ebene stellt an dieser Stelle nicht nur eine Störung dar, die zur bildlichen Ikonisierung der mikrotypografischen Eigenschaften beiträgt, sondern löst auch Wörter, Zeilen oder Absätze als eigenständige diagrammatische Entitäten heraus. Gleichzeitig schafft das Auszeichnen von Passagen durch mikrotypografische Mittel eine Verbindung zwischen allen Passagen, die auf die gleiche Art formatiert sind. Typografische Diagrammatik zeichnet sich stets durch diese doppelte Bewegung des Herauslösens und Neu-Verknüpfens aus. Vor dem Hintergrund einer extrem wechselhaft gestalteten Seite wie im Beispiel wirkt dabei auch die Abwesenheit von Auszeichnungen als modularisierendes Moment: So entsteht ein diagrammatischer Zusammenhang zwischen den nicht durch Größe oder Schriftwechsel ausgezeichneten Passagen. Dieser Zusammenhang korrespondiert mit dem Gestaltprinzip der Gleichheit, welches besagt, dass gleichartige Entitäten tendenziell zu Gruppen zusammengefasst werden.51 Die Relationen, die auf diese Weise hergestellt werden, basieren also in sich auf qualitativen Übereinstimmungen der

68  —  Ikonizität und Diagrammatik

49 Vgl. Sybille Krämer:

»Schriftbildlichkeit oder: über eine (fast) vergessene Dimension der Schrift«, in: Bild – Schrift – Zahl, hrsg. v. Sybille Krämer/Horst Bredekamp, München: Fink, 2003, S. 157–176, hier S. 159. 50 Vgl. Martin Steinseifer: »Oberflächen im Diskurs«, in: Oberfläche und Performanz. Untersuchungen zur Sprache als dynamischer Gestalt, hrsg. v. Angelika Linke/Helmuth Feilke, Tübingen: Niemeyer, 2009, S. 429–458, hier S. 435.

51 Vgl. David Katz: Gestaltpsy-

chologie, 2. erweiterte Aufl., Basel: B. Schwabe, 1948, S. 32.

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Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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