__MAIN_TEXT__
feature-image

Page 7

skizzierten Rahmen hinaus: Während Lucida für die Suche nach der Digitalität angemessenen Formen steht, übertragen die Designer und Designerinnen4 bei Emigre und FUSE die Widerspenstigkeit ihrer Maschinen in ihre Gestaltung. Damit fordern sie mehr als nur Schriften heraus, die von der Medialität vergangener Satzsysteme geformt wurden – gerade im anglo-amerikanischen Bereich ist die Kritik sehr weitreichend und rüttelt an der klassischen Arbeitsteilung zwischen Form und Inhalt, die gleichermaßen die Typografie wie ihre Gestalter in eine unsichtbare Dienstleisterposition zwingt und damit ihren Anteil am Text marginalisiert. Dieses Buch verfolgt Typografie dort, wo sie widerspenstig wird. Um diesen Widerstand zu fassen, ist es nötig, einige analytische Schnitte neu zu verhandeln: Kapitel 4 entwickelt ein Konzept von Materialität jenseits fixer Innen/Außen-Dichotomien. So wird Raum geschaffen für eine Typografie, die nicht von außen als Rahmen in einen immateriellen Inhalt hineinwirkt, sondern untrennbar mit der Schrift verwachsen ist. Dieses Schriftverständnis braucht auch ein anderes Konzept von Störung, denn Ungestörtheit kann nicht länger den Blick auf einen reinen Inhalt freigeben. Kapitel 5 stellt diesen Versuch an. Die zweite Achse der typografischen Marginalisierung läuft entlang des Schnitts zwischen Bild und Wort – hier soll Kapitel 6 Hybridformen erkunden und zeigen, warum gerade Typografie nicht allein von alphabetischen, sondern genauso von diagrammatischen Ordnungen zehrt. Dieser Triade aus Materialität, Störung und Ikonizität vorangestellt sind zwei kompakte Kapitel, die Grundbegriffe der Typografie und der peirceschen Semiotik erläutern. Weil wissenschaftliches Arbeiten nicht nur klare Begriffe, sondern auch eine klare Verortung im wissenschaftlichen Diskurs erfordert, geben die nächsten Seiten zuerst einen Überblick zum Stand der Forschung in Sachen Typografie und Designtheorie der Achtziger und Neunziger.

Einleitendes  —  3

3 Allen Verbindungen zu Trotz

erfordert jedes Forschungsprojekt auch Schnitte: Während wesentliche Impulse in der amerikanischen und deutschen Designlandschaft behandelt werden, bleiben etwa die Verbindungen in die Niederlande oder die Schweiz skizzenhaft. Auch wenn die hier vorgestellten Magazine prägend waren, sind sie keine Einzelerscheinungen, sondern entstehen in einem Umfeld mit einer Vielzahl von mehr oder minder kurzlebigen Publikationen. Auch hier müssen Schnitte gesetzt werden, um den Fokus der Arbeit zu schärfen. 4 Das Geschlechterverhältnis im Bereich der Typografie ist auch nach 1985 alles andere als ausgeglichen. Die oft aus einem techno-libertären Impuls angeführte Demokratisierung der Typografie mit ihrer Digitalisierung ist deshalb eine eher optimistische Analyse. Von den insgesamt 23 ins Museum of Modern Art aufgenommenen digitalen Schriften etwa stammt genau eine von einer Frau (Zuzana Licko von Emigre), die restlichen 22 gehen auf gerade mal 12 Gestalter zurück.Vgl. Paola Antonelli: Digital Fonts: 23 New Faces in MoMA’s Collection, www.moma.org/explore/ inside_out/2011/01/24/ digital-fonts-23-new-faces-inmoma-s-collection (eingesehen am 13. Januar 2012).

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

Advertisement

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded