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– bzw. im Beispiel mikrotypografische Eigenschaften der Schrift – für einen Moment zu ikonifizieren, da sie transkriptiv in die Schriftformen hineinwirkt. In Paul Ellimans Alphabet (Abb. 6.1) dreht sich die Rekonfiguration des Zeichenverbundsystems durch Störung um, denn ohne den Hinweis, dass es sich um Schrift handelt, und die klar zu entziffernde Buchstabenfolge »Alphabet« neben der Folge von Passbildern wären diese in ihrem gemeinsamen lexischen Gehalt kaum zu dechiffrieren. Hier wird transkriptiv Symbolizität gesichert und somit Schriftbildichkeit hergestellt. Im Kontext von Ikonizität und Störung entsteht ein interessanter Zusammenhang zu Max Nännys Untersuchungen zu mikrotypografischer Ikonizität in der Literatur, in der er drei Klassen von Buchstabenikonen unterscheidet: Transparent, Transluzent und Subliminal. Der Unterschied zwischen den drei Klassen ist die abnehmende Selbstevidenz der Ikone und damit der steigende Bedarf an Störung. Transparente Ikone sind völlig selbstevident, während ein transluzentes Ikon nach Nänny nicht unmittelbar als solches zu erkennen ist. Es wird allerdings nach der Erklärung so klar, dass sich der Leser wundern muss, warum er diesen Zusammenhang nicht sofort erkannt hat.36 Es ist also die Transkription der Störung, die solche Ikone im Leseprozess erst hervorbringt. Die Notwendigkeit zur transkriptiven Bearbeitung steigert sich für Nänny weiter in der Klasse der subliminalen Ikone, von denen er vermutet, dass sie nicht einmal ihrem Autor bewusst sind37– eine problematische Grundlage für eine Zeichenklassifikation, da es letztendlich die Performanz der Rezeption ist, die über den Zeichencharakter entscheidet. Genau wie für das transluzente Ikon gilt, dass auch hier transkriptive Intervention durch Störung von außen wirken muss. Dass diese störende Intervention nicht vom diskursiven Gehalt eines Texts ausgehen muss (wie etwa in Abbildung 6.2), beweist das Titelbild von Nummer 5 (1993) des deutschen Techno-Magazins Frontpage, das ein Bild des Produzenten Mark Spoon zeigt.38 Die Buchstabenfolge »oo«

64  —  Ikonizität und Diagrammatik

36 Vgl. Max Nänny: »Alphabetic

Letters as Icons in Literary Texts«, in: Form Miming Meaning: Iconicity in Language and Literature, hrsg. v. Max Nänny/Olga Fischer, Amsterdam, Philadelphia: John Benjamins, 1999, S. 173–198, hier S. 175. 37 Vgl. ebd., S. 176. 38

Abbildung 6.3: Ausschnitt aus einer Titelseite des Techno-Magazins Frontpage. Aus: Alexander Branczyk: »Titelseite«, in: Frontpage 5 (1993), S. 1.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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